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Nr. 1 vierter Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhefsens

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Der Kampf ums Matterhorn."

Der neue Ufa-Bergfilm.

Berlin, im Dezember.

Die Hauptdarsteller dieses unter der lUgie m>n Mario 2 0 nnard und Ihmtio Mala- s omma gedrehten Hochsikmes sind: Das Mat­terhorn, Marcella Albani, LuiS Tren - k e r und Peter Boß. Es ist immer wieder ein Genuß, bei dem bedauerlichen Mangel des deutschen Films an männlichen Männern den herrlichen, wie aus Zirbenholz geschnitzten Kopf dieses Luis Lrenker zu sehm. Ein Genuß, sein naturnaheZ, ungekünsteltes Spiel zu erleben, dos eben kein Spiel ist, sondern Ernst. Gin Genuß, zu beobachten, wie er, der sich ferne Studiengelder als Bergführer verdiente, in Fels und Gletscher arbeitet. Genuß schon sein Schreiten und Sprin­gen. Da t)at der andere, der mit ihm um das Matterhorn ringt, keinen leichten Stand. Aber der Mann mit dem feinen, sympathischen Engländerkops ist seiner Aufgabe in jeder Be­ziehung gewachsen. Er heißt Peter Boß. Man möchte ihn Wiedersehen. Ob diese beiden Männer mit der Pfeise im Munde trotzig vor der Hütte stehen oder mit Pickel und Seil an den expo­nierten Felszacken klettern. Es fällt schwer, einem von ihnen den Vorzug zu geben. Marcella 'Albani spielt die Frau zwischen diesen beiden Männern mit schlichtem Ernst, ohne durch über­triebene Schauspielerei zu zeigen, daß sie eigent­lich aus einer anderen Welt stammt. Selten ist ihre Schönheit so stark zum Ausdruck gekommen. Hof.en wir. daß Trenker in ihr endlich die Part­nerin gefunden hat, die er seit langem braucht. Den stärksten Eindruck aber vermittelte eine an­dere Frau in diesem Film. Die prachtvolle Alexandra Schmitt als Mutter. Keine der fUmüblichen Aührmütter, sondern eine wurzel- haste alte Bäuerin, der man das »verfluchter Hund", das sie ihrem mißratenen Stiefsohn nach­ruft, gern glaubt, und die in einer ergreifenden Szene zwischen Lachen und Weinen die Zu- f schauer zu spontanem Beifall hinriß. Wenn sich zu diefen Prachtmenschen noch der leben­digste und schönste aller Berge, das Matterhorn, s hinzugefellt, mit seinen steil aus der Ebene ousschteßenten Graten, seinem trotzig in die Wol­ken stechenden Kopf, feiner rauchenden Reoel- kappe, ist es dann ein Wunder, wenn eine Dild- reche von vollendetster Schönheit und packendster Gestaltung von den vorbildlich arbeitenden Ka- tr.e.aLeuten Sepp Allgeier und Willy Win­ke r st e i n e.ngefangen werden konnte?

Und doch! Jedem wahren Freund der t Alpen, jedem, der weiß, daß Whymper, nicht, wie im Programm zu lesen ist, ein englischer ii Tourist war, sondern jener eisenköpfige Eng- !. Lnder. der in jahrelangem verbissenen Bingen zusammen mit Ea rrel. dem nicht minder ver- bisfenen und dickköpfigen Schweizer Bergführer. . Has Matterhorn bekämpfte, jedem, der seinen | erschütternden Sieg der ein Pyrrhussieg war I in all seinen Phasen kennt, krampft sich das Sterz zusammen, wenn er sehen muß, wie hier mit Siefen, dem Alpinisten heiligen Dingen umge- gangen wird. Hätte dieses Wirklichkeitsdrama kenn nicht genug Wirkung gehabt, wenn es so 8 gezeigt worden wäre, wie sich tatsächlich ab­gespielt hat? Muh da unbedingt, um der soge­nannten breiten Masse zu genügen, Kintopp- esfenz hinzugemipt werden? Muß da von Herrn Dr. Arnold Fank ein Kinoschuft er,unten toer- < Len, der mit hämischen Grimassen zwischen Whymper und Garrel Eifersucht schürt? (Glifsor Ma: L a g l e n spielt diesen. Schürer und erinnert durch übertriebene Mimik unangenehm an ameri­kanische Musterschufte). Ist die breite Maße wirklich so flach, daß sie das Maß an Tragik, das der Kampf um das Matterhorn in sich

(5m Tag Film.

Von einer jungen Gießenerin in Berlin.

Das Geratter des Weckers schreckt aus dem Sch'af: 6.10 Uhr. Gebadet: aage?ogen. De: Kaffee muä stark fein; man ginnt sih lünf Minuten, da' ci ;u fih?n. 7 Uhr. Zwe.rnal tu et d e Auto- Hupe. Vor dem Hau^tor ist Dämmerung, und c3 weht ein kalter Wind. Man ste'gt ins Auto, ist ! jetzt ganz wach. Durch dir Straßen geht s. Man hat das Gefühl, es riecht nach frischen Semmeln iinö Kaftee. Mädchen mit Haus chuhen und ! Tüchern tragen Mllchlöpfe und führen Hunde an der Leine. Straßenkehrer... ein paar Lastwagen. Sonst sch'äft die Großstadt noch oder macht Morgentoilette.

Die Lichter werden blasier, der Tag kommt. Setzt sieht man feine Häuser mehr Felde.', Krähen fliegen darüber Birten stehen am Weg ein Stückchen Föhrenwald fceert -- teraffene Boote darauf Schilder mit Auf- schristen von Schwimmbädern; ganz kurz denkt man an den Sommer.

Schon fährt der Wagen in die große H^le. 3um Atelier I. zum Atelier II. III, lv usw. Man geht zum Atelier II, weil man gestern da war. Eine andere Gesellschaft filmt heute dort. Alan findet zum Atelier III. 3n den Garderoben ift großes Getriebe. Drei Friseure schmin en öte Statisten. Heute wird die große Straszewzene fle ilmL Man wird grsch ninkt. 9 Mfyr.Ql le^ ist punkt ich auf dem Platz; eine Straße ist aus-- ge6adt. Hau er mit Lichtreklame. Autos stehen bereit Aoch ist alles fri ch; d e Slatisten lungern umher, es sind viele Schauspieler batet, tee hier I einen Äebenverdicnst iuchen. Es werden Ge­st spräche geführt über Berufe. Steuern. Hance, Kochrezepte und manches andere. Man könnte ii an ein wirkliches Straßenbild glauben, wenn ein Himmel da wäre. _

Warum geht es nicht los? Rrbenan wird eins Großaufnahme des Stars gemacht Die Scheinwerfer brennen da schon. Die Aumichme muß ein paarmal gemacht werden der ©.ar hat seinen schlechten Tag. Man wartet; 211 älte­ster Regisseur teilt die Gruppen auf der Straße ein. die von links, dle von rechts kommen, die stehen bleiten, die sich umsehen. Die Autos wer­den hindurchdirigiert. Oetzt werden die Schein- werter und unendlich viele elektri che D.rnen ein­geschaltet. Der Star hat eine Szene vor einem Schaufenster; viel Licht fällt auf ihn. e n Spwgel reslektiert es noch. Es wird unerträglich beift. .

Aus der Wett des Films.

birgt, nicht ertragen kann, ohne durch den Der- llner Spaßmacher Paul G r a e tz aufgeheitert zu werden, der den buckligen, tapferen Träger Metz- net zu einer lächerlichen, völlig unalpinen Figur macht? Ist der ©runb zu einer solchen Degradie­rung dieses Films nicht vielmehr wieder einmal in dem von Filmfabrikanten und Filmverleihern erfundenen ^Uärchen vom Stumpssinn des Pu­blikums zu suchen, mit dem endäch aufgeräumt werden muß, well es das Publikum schlechter und oberflächlicher macht, als es wirklich ist und die Hersteller dazu zwingt, jedem Fllm die bestens bewährte Eftektschablone aufzudrucken?

Wenn man schon ein solches Kinodrama in den Alpen spielen läßt dann soll man haltmachen vor Hamen wie Whymper und Earrel.

Der reinste Genuß aber wäre es gewesen, wenn man nur die schlichten, erschütternden histo­rischen Tatsachen hätte sprechen lassen,iter Kampf ums Matterhorn" wäre dann ein wür­diges Seiten stück zu dem stärksten bisher gesehe­nen Bergfllm gewesen, der ,Zum Gipfel ter Welt" hieß, wirkliches ungeschminktes Erleben zeigte und für den Zuschauer auch ein wirkliches Erlebnis war. E. A.

Mm und Wirklichkeit.

Amerikas Anpassung an den europäischen Filmgeschmack.

Don Emil Iaumngs, Hollywood.

Die freundliche Aufnahme, die meine letzten Filme beim großen Publikum aller Aationen und nach den liebenswürdigen Briesen aus Deutschland zu schließen, vor allen Dingen auch in meiner Heimat gefunden haben, hat mich zu der Lleterzeugung gebracht, daß sich eine große Wandlung des Puolikumsgeschmackes vollzogen hat. Der »schöne Mann", der eine Zeit lang die Filmkunst beherrschte, und daS sogenannte happy end" scheinen wenigstens zur 3eit aus dem Reich des Films entschwunden zu sein.

Ich bin nicht eitel genug, um anzunehmen, meine Volkstümlichkeit sei durch meine frappante Ähnlichkeit mit Adonis erworben. 3m Gegen­teil, die Charaktere, die ich in den letzten Filmen darstellte, verkörverten meist den alternden Mann oder den Mann in der Mitte der vierziger Jahre, ter durch irgend einen Sch-icksalsschlag halt- und hilflos im Leben steht und auf den stiirmischen Wogen dieses Lebens treibt.

3n dem FilmDer Weg allen Flei­sches" spielte ich einen durchaus bürgerlich ein­gestellten. etwas philiströsen Vater, den ein klei­ner Seitensprung vom Wege seines tägllchen Lebens und die Drlanntschaft mit einem leicht­sinnigen Mädchen zu einem verZweis-lnten Trun­kenbold und schließlich zu einem ungewaschenen, schmutzigen Landstreicher macht, der mit gläsernen 2higen in die Welt stiert, ein haltloser Mensch, dem Untergang verfallen. Sicherlich ein wenig ansprechender Charakter, wenn auch vietteicht einiges Mitleid erregend.

Bevor ich indessen versuche, die psychologischen Wandlungen des Publikumgeschmackes zu unter­suchen, mag es mir gestattet sein, den Aufstieg einer Reiheschöner" Fllmdarsteller, wie Rudolph Dalentino, Ramon Rovarro und Ronald Colman unter die Lupe zu nehmen. Alle diese drei Schauspieler wahreBeaus" des Films waren, aus dem Stadium relativer llnte- kanntheit in die Höhen bewunderten StavtumS ausgestiegen.

Es ist wirklich nicht mein Wunsch und meine Absicht, diese Idole von dem hohen Piedestal der öffentlichen Gunst herunterzuholen. Ich möchte jedoch darauf Hinweisen, daß alle drei früher in einer ganzen Anzahl von Fllmen vor das Publikum getreten waren, ohne daß sie irgendwelches Aufsehen erregt hätten. Erst die iteale Kombination eines guten Drehbuch:s, eines genialen Regisseurs und eines beliebten weib­lichen Stars bahnte ihnen den Weg zum Erfolg. Valentino war unbekannt, bis Rex Ingram ihn in feinem FilmDie vier apokalyptischen Reiter" herausstellte. Rovarros schöne Männ­lichkeit fand wenig Beachtung, bis derselbe Re­gisseur sie in dem FilmDer Gesangene von 3enter offenbarte, und Ronald Colman war

nur ein sympathischer, hin und wieder gern ge­nommener Schauspieler, bis sein spezifisch eng­lisches Temperament in dem FllmspielBeau Geste den erforderlichen Hintergrund fand.

Der Typ desschönen" Filmschauspielers bleibt solange unbeachtet vom Publikum, bis der ge­eignete Rahmen für seine Persönlichkeit gefunden wird oder bis ein wohlwollender R^isseur sich für eine erfolgreiche Placierung einsetzt. In anderen Worten, gutes Aussehen macht es beim Film nicht allein, es muß von der Gabe begleitet sein, einen Charakter im Filmspiel überzeugend darzustellen. John Barrhmore ist das typische Beispiel eines ungewöhnlich talentierten Film­schauspielers, dem es gelungen ist, sich trotz seines guten Aussehens und nid£t etwa infolge dieses Aussehens durchzusehen.

In den frühen Tagen des Filmes wurde kein Drehbuch näher geprüft, in dem der Held und die Heldin nicht Muster an Tugendhaftigkeit und die Schurken nicht schwärzer als schwarz gezeichnet waren. Die Folge dirser Einstellung war, daß der Film in den Ruf der Unwirklich- teil und der Gezwungenheit kam. Lange Iell verging, bis die Filmschriftsteller erlanmen, daß man dem halbwegs intelligenten Zuschauer nicht durch die Darstellung derartiger Charaktere oder soll ich lieber sagen Karikaturen auf ter Leinwaud gefühlsmäßig näher kam. Als in- tessen die Autoren begannen, in ihren Dreh­büchern Menschenschicksale echt zu schlldern und gute wie böse Charaktereigenschaften in dem Leben nachgefühltem Maße zu mischen, erwachte das Interesse des Publikums von neuem für den Film.

Die Erklärung für diesen psychologischen Vor­gang ist recht einfach. Vermag das Publikum infolge klarer und lebensgetreuer Linienführung des Films sich selbst in das Schicksal der Haupt­personen des Spiels hineinruversetzen, so wird fein Interefse wach und fein? Antttlnahme ge­fesselt. In den Geburtsjahren des Fllms konnten die Zuschauer mit Recht weder die Eigeilliebe ausbringen, sich selbst in die Lage des stets edlen und aufrechten Filmhelden zu versetzm, noch konnte man ihnen die Laster infinuieren, die dre Schurken im Filmspiel jener Tage kennzeichneten.

Wenn der Film bestrebt bleibt, einen Quer­schnitt des wirklichen Lebens zu bieten, anstatt der übertriebenen und abstohend.n Sentimen­talität. wie sic bei den Nlmschriftstellern vor zehn Jahren beliebt war, wird er neue Freunde in dem Teil des Publikums gewinnen, dem es mehr um eine künstlerische Darstellung als um eine endlose Serie sentimentaler Großaufnahmen und unmöglicher happy ends zu tun ift

In Hollywood wäre es noch vor zwei Jahren unmöglich gewesen, solche Filme wieDer letzte

Die Szene ist erklärt und einmal durchprobiert Es wird gezählt bann der Ruf: Mu.'kl Das K avier ertönt:Ich füife Ihre Hand, Ma­dame",Was anderes", ruft ter Regisseur, etwas Lebendiges, Frohes" so ertönt;Hein­zelmännchens Wachtparads" der Regftscur gibt es auf. mehr Ansprüche zu stellen.Lins, zwei, drei, fertig! Aufnahme! Zwei Appa­rate surren, die Operateure drehen. Halt! Ün- mvg'ichl Rochmal? Gine Gruppe muß umarran­giert werden. Wieder wird gedreht, w etec ab» gerufen zehnmal zwölfmal. Dann eine Aus­nahme, die erste, die kopiert werden soll daraus gelingt fie wieder. Die Scheinwerser und Apparate rüden zusammen. Die 6;ene konzen­triert sich auf das Spiel des Stars und seines Partners vor dem Schaufenster: Fertigt Auf­nahme! Sehr oft wird das noch gerufen; der Star ist heute wirklich nervös.

Doch jetzt ist Mittagspause, es ist schon 2 Uhr. In der Kantine sitzen die merkwürdigsten Ge­stalten: Herren im Frack, in Uniformen, in zer- schnssenen Anzügen, in Kostümen aus ver- schietenen Iahrhundetten. Halbnackte Frauen suchen ihre Reize nicht zu verbergen, tebe will hier eine andere an Starallüren übertrumpfen. Finster und dämerifch blickt Ater e ne Über ten mit abgegebenen Tellern bestellten Tisch. Eine andere macht aufhoheitsvo l", wieder eine andere läßt sich dauernd die Hände füf.en. ES ist sehr amüsant da. Die halbe Stunde Mlltagspause ist hermn.

Im Atelier III wird jetzt eine Zimmerfzene geprobt. Das Zimmer ist an einer anderen Stelle der Halle auigeteut. Die <5tali.ten sitzen herum. Sie muffen dablciben, denn vielleicht kommt eZ noch zu der Szene, wo sie als beg.isterte Menge, in das Zimmer eindringen müssen. U n 8 Uhr ist Schluß. Die Szene kommt morgen dran.

Jetzt ist eine Art Autorennen auf der Straße nach der Großstadt. Regisseure, Operateure und Schau pieler eien zurFolterkammer", dem Vor­führungsraum. Jener wird in einem kleinen Raume einem Kino für zehn Personen vorgcführt, was am Tage vorher aufgenommen wurde; die gliche Szene ein paarmal. Manchmal findet der Regisseur alles davon so gut. daß er nicht weiß, was er für den Film herauS- fchneiden soll manchmal aber auch so mi erabel, daß er ob der verlorenenMeter" sluchll Man hat sich selbst gesehen, ist mehr oder weniger be- ftiedigt Man denkt:ich muß bei diesem und jenem Gesichtsausdruck, auf diese und jene Be­

wegung achtgeben. sieht nicht gut aus." Dann fährt man heim.

Es ist fast 10 Uhr. Man ist ' todmüde, stillt seinen Hunger und finkt ins Bett. Morgen früh 6.10 Uhr raffelt der Wecker. Fertig! Achtung! Aufnahme!

Jahresbilanz des Zilms.

Die junge Filmindustrie, die sich so rasch zu einer Weltmacht aufgekchwungen hat, steht am Ende dieses Jahres eigentlich zum ersten Male mitten in einer großen Krise. Richt daß es in einzelnen Ländern nicht schon östergekriselt­hatte: ter deutsche Film bat sich ja eigentlich von Krise zu Krise entwickelt, und seine gewiß nicht unbedeutenden Leistungen sind ihm unter ten schwierigsten Verhältnissen abgecungen worden. 2iber teis Bezeichnende in der Jahresbllanz von 1928 ist es. daß auch der bisher sicherste Pfeller des Filmgeschaftes, nämlich Amerika, zu Wan­ken beginnt. Roch nie feit dem Kriege sind die Verhältnisse tm amerikanischen Fllmreich so un­durchsichtig gewesen wie jetzt. Trotz einigen be­wundernswerten Spitzenleistungen und einigen großen Künstlern hat der amerikanische Film künstlerisch ein Fiasko erlitten, denn das Publi­kum hat sich mehr und mehr von dem eintönigen Einerlei der ewigen Liebesgeschichten, der Wett­rennen und grotesken Tricks abgewendet. Des­halb hat man auch in den Vereinigten Staaten die neuen Erfindungen, die den Fllrn vollkommen umzugestalten scheinen, mit solchem Eifer und solchem Wagemut ergriffen, well man im Ton­film die einzige Rettung aus dem drohenden Verfall sah. Die ersten Sprechfilme, die in ter neuen Welt erschienen, habeii ungeheures Auf­sehen erregt und einen gewaltigen Zulapf gehabt. Dem gewöhnlichen Film war damit völlig der Rang abgäaufen, und so müssen alle Gefell- schaften sich umstellen, wodurch ein wahres Chaos entstanden ist. Phantastische Kapitalien sind In den neuen Erfindungen angetegt; alles muh um* lernen, ter Regisseur und Kameramann so gut wie der Darsteller. Und dabei weih niemand, wie sich diese noch nicht völlig erprobten neuen Erfindungen tewähren, ob fte das Publikum dauernd fesseln werden und welche neuen Über­raschungen die Filmtechnik dem Filmgeschäft im nächsten Jahre bereiten könnte.

Wenn aber selbst in dem überreichen Amerika der Fllm fich in einer schwierigen Lage befindet, wie sollte er es nicht in dem verarmten Europa fein? Den größten Aufschwung unter den führen­

Mittwoch, 2. Januar 1929

Befehl.Der Weg allen Fleisches" und©et Patriot" zu drehen. In Amerika beginnt sich der Publikumsgeschmack zu wandeln, er toten reifer und paßt sich in immer erhöhtem Maße dem europäischen Filmverftändnis an. Auch ter tragische Schluß, falls er mir in logischer Kon*> sequenz erreicht wird, findet in allen Ländern des Kulturkreises das gebührende Interesse. Di« nächsten Jahre werden die Dollsttimlichkell von Filmspielen bringen, die eine stark dramatisch« Rote bergen und deren Schluß keinerlei Kom­promiß mit einem vorgeblichen PublikurnSgo- schrnack bietet Die Tendenz in der Literatur und in der Schauspielerkunst bewegt sich gleichfalls i« dieser Dichtung. Man ist realistisch geworden. Das unerbittliche Drama ist an der Reihe.

Ich will mich durch diese meine Ausführungen! nicht etwa als hochmütiger Intellektueller oder Mifanthrop zeigen. Es liegt mir auch völlig fern, etwa vorzuschlagen, die Romantik ganz aus dem neuzeitlichen Film zu bannen. Ich liebe ten Rea­lismus, sofern er gesund und nakurtoahr ist. und trotzdem möchte ich die Romantik nicht misfen. Beide müssen eng ineinandrrzreisen unb innig miteinander verschmolzen sein. Denn selbst: das wirlliche Leben ist nicht nur steterRealis­mus", sondern es erlaubt uns auch manchal. die blaue Blume ter Romantik zu pslücken. Und was ist der Film anders -- oder sollte er anders sein als ein Spiegelbild des Lebens?!

Versunkene Filmgrößen.

Von Warlotte loege.

Wer keimt sie noch, die Getreuen, die einst, da der Film noch arg in dm Kinderschuhen steckte, da er noch imKirntopp" residierte und keine Prachtbauten besaßt ihr Können ober i reu guten Willen in den Dienst der Sache stellten. Die damals, als ter Film noch etwa Unge­heueres und Erregendes war, in den staunen­den Mitmenschen Entzücken und Begeisterung auslösten und in einen Schleier von geheimnis­vollen Gerüchten gehüllt wurden? Die Zci.-en Hoven sich geändert, der Film i,t zu einem gesell­schaftlichen Ereignis geworden und eine um so größere Teilnahme wird jetzt dem privaten Lebeir 5er Filmkünstler und »lunjtlerirrnen entgegen ge­bracht, und was wird nicht alles um den Be­reich der Flimmer! i iwand durchgehechelt und ausgekundschaftct! Aber trotzdem, tote schnell­lebig ist tie Welt, tote leicht vergißt sie heute, was sie geftern mit Sensationshunger a-ifgefcgen hat! Dem Mimen flicht die Rachtoell keine Kränze. Auch dem der Glashalle nicht. In ganz besonderem Maße hat d'.es Wort Bedeutung für den Filmstar. Täglich schreien fettgedruckte Let­tern eilten neuen Romen in die Welt, mit allen Fanfaren des Pressechefs wird die neue Hoff­nung dem ahnungslosen Bürger ins Gehirn ge­hämmert, und alles greift freudig nach dem Wunder, es bereitwilligst auszunehmeu. DaS Reu« siegt das Alte ist vergessen. Riemand» denkt daran, daß er schon eine ganze Reih« solcherReuen" begeistert empfangen und ver­gessen hat. Wer hat Zeit, noch an das Gewesen« zu denken, wer Lust, etwas Bleibendes zu ver­langen? Der Film ist eti Mvl'ch, er reibt die Menschen auf, verzehrt fte, sie ft xb gewesen.

Es ist nicht uni xtereffant, einmal tee alten« Rainen aufklingen zu lassen, eine halbe Minute ihrer zu gedenken. Da ist Wanda Treu- mann, die rassige Frau mit ten schwarzen» Augen, bi? mit Ijrer Tollkühnh.ik die Kriminal­filme zu einem ErlebniZ machte. Sie filmt schon lange nicht mehr und leitet heute mit ihrem ehe­maligen Partner Viggo Larsen zusammen einen Filmverleih. WaldemarPsylander. der sympathische Däne, einst gefeiert und um* schwärmt wie heute etwa 'narr') Liedtke dem

den Filmländern der mitten Welt hat Eng­land gemacht, das bisher «igenllich in ter ganzen Geschichte des Films im Hintertreffen gewesen war. Man hat den nationalen Ehrgeiz mit allen Mitteln ter Propaganda angestachelt, hat die Sicherheit des Britischen Reiches, die durch den amerikanischen Film gefährdet werte, ebenso ins Feld geführt w:e das englische Prestige und die Aussicht auf große Gewinne. So sind Diesen- kapftalien im letzten Jahr in der englischen Filmindustrie angelegt worden, ein britisches Hollywood ist entstanden mit vorzüglichen Ate>- liers, und verschiedene große Filmgefellschasten haben sich gebildet, die hervorragende Künstlec und Deg'.sfeuve, besonders aus Deutschland, ge­wonnen haben, umrein britische" Filme zu dre­hen. Was bisher herausgekommen ist, steht wohl kaum weit über dem Durchschnitt. Aber England ist am Ente dieses Jahres sehr ^offnungsfreudlg und erwartet Großes vorn englischen Fllrn, der mit so vielen Opfern und Mühen geschaffen Worten ist. Jedenfalls ist das Filminteresse außervrdenllich gestiegen. Ob freilich dieseBlü­tenträume" rctsen werten, ist sehr fraglid). In D e utsch land dauert die finanzielle Krise des Films an, wie die letzten Berichte der Ufa zeigen, und wir dürfen höchstens eine ganz langsame Ge­sundung der Verhälttüsse bei vorsichtigster Pro­duktion erwarten. Aehnlich üegt es in Frank- reich, wo ebenfalls über den Mangel an Kapita­lien, über das Gegeneinanterarbeiten ter Gesell- scha ten und über zahlreiche Mißstände der Or­ganisation gekiogt wird, die feine rechte Ent­saftung ter vorhandenen starken künstlerischen' Kräfte zulassen. Während d;e s k a n d i n a v i s ch « Produktion sich in ganz bescheidenen Grenze« hält und imntec mehr in die Abhängigkeit von Amerika geraten ist, macht ein anteres Land, das ebenfalls in den Anfängen des Films Triumph« gefeiert hat, jetzt neue Änstrsigungen, um eine«: nationalen Film zu schallen. Das ist Italien, wo die Regkerung die ganze Organisation in die Hand genommen hat und versucht, mit bedeuten­den Summen eine staatliche Industrie aufzubauen, die gegen die Herrschaft Amerikas ein Gegen­gewicht bieten soll. Da sich aber diese Gründun­gen noch in den Anfängen befinden, ist es schwio* rtg. über die Zukunftsaussichten des italienischen Fllms etwas zu sagen. Jedenfalls dürsten tob) im neuen Jahr manche Ueberroschungen erleben, denn mit dem Siegeszug des Tonfilms wird stch das ganze Gesicht ter bisherigen Filmindustrie verändern. Dr. F.S.