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Aus -er Provinzialbauptstadi

Drehen, den 1. November 1929.

Dom Muihaben.

Man kann in manchen Angelegenheiten den Mut verlieren, ohne doch darum gänzlich mutlos werden zu müssen. Es mag mutlos machen, wenn in dem jetzt so erschwerten Daseinskampf dre De» stredunce.i sich cmporzuarbeiten, zusammenbrechen, wenn es trotz aller Mühe nicht gelingt, festen Fuß im Leben zu fassen, wenn die Ungunst der Verhältnisse sich mehrt durch den bösen Willen der Mitmenschen, durch deren Scheelsucht und Eigennutz. Oder wenn man glaubt, sein Nestes gegeben zu haben, und das Werk fällt zusammen wie ein Kartenhaus. ...

Um der Mutlosigkeit, die uns nur weit ab­wärts führt, zu entgehen, ist es vor allem not­wendig, Ehre und Belohnung für seine Taten in sich selbst zu suchen. Feurigen Naturen ist der Mut mit in ihr Dasein gegeben. Die Lebhaftigkeit ihres Geistes, die Stärke ihrer Gefühle trägt sie leicht über Hindernisse hinweg. Weil hier oft der Mut der Gefahren nicht achtet, darum wird er auch oft zum tragischen Geschick und bringt selbst Unfälle, die vernichtend treffen können. Allzu große grüblerische Ueberlegung, die mit starker Selbstkritik die Ge­fühle zerlegt und sichtet, wird wieder jede Spur von Elastizität fortnehmen.

Den Mut. der befreit und kräftigt, erlangt man nur durch den Glauben an das, was als Lebensgeist uns eingehaucht ist: an das In­wendigste des Lebens, an die Menschheit in und an das göttliche Vermögen, den unverlier­baren Adel der Menschennatur an die Freiheit | des Willens, an eine Kraft, eine Ehre, ein Recht im Menschen, die er in sich achten muß, und die er an sich und außer sich geltend machen soll.

Will man aber Lebensmut in dem Glauben an die Menschheit finden, so kann man das nur, indem man die Kraft der Menschheit in sich selbst geltend macht. Man muß den auf das Gute gerichteten Willen in sich pflegen, sich frei machen von ollem Unwürdigen. In dem Glau­ben an uns selbst und dem daraus entspringenden Mute bars man beim Blicke auf die Angelegen­heiten der Menschen nicht verzogen. Wie es mit ihrem äußeren Zustande beschaffen sein mag, die Menschheit ist dennoch groß, und es gibt eine wahre Größe der Menschen eine sittliche Energie fccS Menschen, die sich in jedem Kampfe behauptet eine wesentliche Tugend des Men­schen. die aus sich selbst und durch sich selbst besteht eine Ehre der Menschheit, die in allen Zeiten und Völkern ihre Repräsentanten bot und vor der alle zuschanden werden, die ihr Hohn sprechen ein heiliges Recht der Mensch­heit und Hoffnung der Menschheit, die wahrlich mehr als eitle Träume sind.

Der Glaube an uns und an das Gute der Menschheit sind die besten Grundpfeiler für den Mut zum Leben. Und haben wir den Mut, so hoben wir auch die Pflicht, mit unserem Mut die anderen zu stärken zu neuer Kraft und zu neuem Wollen, zu Rutz und Frommen des ein­zelnen und als Erstrebenswertestes: zum Wohle des Volkes. M. Gr.

Vornotizen.

Tageskalender für Freitag. Stadttheater: .Vasantasena". 20 bis 22.15 Uhr.

D. H. V: Vortrag von Pros. Dr. Auler, Gießen, 20.33 Uhr, im Kaufm. Vereinshaus. Der Stahlhelm: Pflichtversammlung, 20.30 Uhr, in der6.abt Mainz". Lichtspielhaus Bahn­hofstraßeAsphalt". Astor.a-Lichtspiele: »Wenn die Schwalben heimwärts ziehn".

Aus dem Staottheaterbureau wird uns geschrieben: Heute abend zum letzten­malVasantasena" (Fcuchtwanger), Beginn 20 Uhr. Sonntag, 3. Rovember, zum erstenmal, Fremdenvorsteiluog zu ermäßigten Preisen.Hcch- zeitsreise". Spielleitung: Hub. Karl Löffler wird die Bühne in einen großen Ozeandampfer verwandeln.

Kirchenmusikalische Abend- feier. Nächsten Sonniaa abend veranstaltet die Lulasgemeinde in der Iohanncskirche eine kirchen- musikalische Abendfeier. Mitwirkende sind der hier neugegründete Verein für christliche Musik (Dläserchor), Organist Habicht und die Kon­zert- und Oratoriensängerin Fräulein Emmy Schaum aus Frankfurt, die in den letzten Jahren in der Iohonucslirche wiederholt ge­sungen hat. (Siche heutige Anzeige.)

Gesellschaft für Erd- und Völ­kerkunde. Nächsten Dienstagabend in der Neuen Aula Lichtbildervortrag von Dr. Trink- ler (Berlin) über den Verlauf und die Ergeb­nisse der Deutschen Zentralasien-Expedition. Siche heutige Anzeige.

Talen für Samstag, 2. November.

Sonnenaufgang 6.54 Uhr, Sonnenuntergang 16.33 Uhr. Mondaufgang 7.56 Uhr, Monduntergang 16.51 Uhr.

1827: der Orientalist Paul de Lagarde in Berlin geboren (gestorben 1891).

Der neue Ministerialdirektor im hessischen Justizministerium. Wie der WSN.-Dienst hört, wird an Stelle des in den Ruhestand tretenden Ministerialdirektors Dr. Schwarz der seitherige Staatsrat Dr. Neu­rath das Amt des Ministerialdirektors im Ju­stizministerium übernehmen. Staatsrat N e u - r o t h gehört der Sozialdemokratischen Partei an.

** Finanzamtspersonalie. Der Vor­steher des Finanzamts Alsfeld wurde auf fein Rach- suchcn mit Ablauf des Monats Oktober 1929 in den Ruhestand versetzt.

" Schulpersonal ie. Ernannt wurde der Lehrer Friedrich Langner zu Rainrod, Kreis Schotten, zum Lehrer an der Volksschule zu Rod­heim v. d. H., Kreis Friedberg, mit Wirkung vorn Tage des Dienstantritts an.

Reichsbahnpersonalien. Rangier- ausseher Philipp Müller beim Bahnhof Dießen, wohnhaft in Klein-Linden, der heute auf eine 25jährige Dienstzeit zurückblickcn kann, wurde rückwirkend vom 1. Oktober d. 3. an zum Ran­giermeister ernannt. Weiter wurde Reserve­zugführer Karl Ott beim Bahnhof Gießen, wohnhaft in Leihgestern rückwirkend vom 1. Ok­tober d. 3. an zum Zugführer ernannt.

Mieterjubiläum. Am heutigen Tage sind es 25 3ahre, daß der Former Wilhelm Rinn bei dem Hausbesitzer Rudolf Rüdi­ger. Walltorstraße 35, wohnt. Dieses Mieter­jubiläum ist in der heutigen Zeit eine Selten­heit und gewiß ein schönes Zeichen der häus­lichen Eintracht, die sowohl für den Mieter, wie auch für den Vermieter ehrend ist. Der Hausherr erfreute seinen treuen Mieter durch em sinniges Geschenk.

DaS Schulgeld in der Studien­anstalt. Rach einem Beschluß des Kurato­riums treten, wie man uns mitteilt, auch für die hiesige Studienanstalt die bereits bekan/.ten Schulgeldsähe der staatlichen höheren Lehr­anstalten ab 1. Oktober 1929 in Kraft. Die Stadt muß dasselbe Schulgeld erheben wie der Staat, wenn sie nicht auf den staatlichen Zuschuß ver­zichten will.

* Lampenputzer an die Arbeit1 Wie uns au8 dem Leserkreise geklagt wird, ist die Straßenbeleuchtung in einer Anzahl wich­tiger Straßen dadurch beeinträchtigt, daß die Glasscheiben der Lampen durch Schmutzbildung infolge Staub und Regen arg verunreinigt sind (besonders am Lindenplah) und infolgedessen &ic Lichtstärke der elektrischen Birnen nicht ge­nügend durchdringen farm. Don der Richtigkeit dieser Beanstandung kann man sich bei einem aufmerksamen Gange durch die Stadt leicht überzeugen. ES wäre zu wünschen, daß dem Uebelstande umgehend abgehvlfen wird.

" Die Hasenjagd im Kreise Weh- l a r beginnt am heutigen 1. November.

*' Hessische Bauernschaft. Wie auS dem heutigen Anzeigenteil ersichtlich, hält der Landtagsabgeordncte Maurer morgen nach­mittag in Trais-Horloff Sprechstunde ab. Nä­heres in der Anzeige.

SezirlSschöffengericht Gießen.

' Gießen, 30. Ott. Ein übler Streich, der leicht schwere Folgen hätte haben können, hat zwei junge Leute, einen Bergmann und einen Arbeiter, einer von ihnen noch unbestraft, ins Zuchthaus gebracht. Nachdem sie ihren Wochcn- lohn zum Teil vertrunken hatten, gerieten sie in eine aus Hebermut und allgemeiner Verärge­rung gemischte Stimmung, der sie durch eine Eisenbahntronsportgefährdung Luft machten. Sie rissen an der Eisenbahnlinie zwischen Beltershain und Lumda fünf War­nungstafeln um und brachten eine Getreide­mähmaschine derart an den Bahnkörper heran, daß die Deichsel quer über den Schienen lag. Hm die Maschine selbst auf daS Geleise zu bringen, wie sie es gern getan hätten, reichte ihre Kraft nicht aus. Danach stahlen sie zwei Fahrräder und suchten daS Weite. Glücklicher­weise wurde die Transportgefährdung gemerkt, bevor ein Unglück entstehen konnte. Die alsbald verhafteten Täter waren umfassend geständig. Sie erhielten, da das Gesetz bei diesem schweren Verbrechen keine mildernden Umstände kennt, Gesamtzuchthausstrafen von je einem 3ahr zwei Monaten und zwei Wochen. ,

Ein früherer Landwirt, später Mitinhaber einer zusammen gebrochenen G. m. b. H., in der er fein ganzes beträchtliches Vermögen verlor, wurde mit 30 Mark Geldstrafe belegt, weil die Buchführung der Gesellschaft, für die er trotz mangelnder Sachkenntnis die Verantwor­tung hatte, fo unordentlich geführt war, daß sie keinen Ueberblick über den DerrnögenSstand ge­währte. Der mit der Führung der Bücher be­traut gewesene Handlungsgehilfe erhielt eine Geldstrafe von 100 Mark. Der Landwirt und ein weiterer, vorzeitig auSgeschiedener Ge­schäftsführer, erhielten weiter Geldstrafen von je 50 Mark, weil sie bei der Eintragung der Gesellschaft inS Handelsregister hinsichtlich

der Einzahlungen auf die Stammeinlage wissent­lich falsche Angaben gemacht hatten.

Freiges prochen wurde ein Ehepaar au» B> üdinge n von der Anklage dcS Betrug» und der Unterschlagung. ES wurde ihm zur Last gelegt, daß sie fälschlich ihr unbeschränkte» Eigentumsrecht an einem Auto und einem Pserd behauptet und durch Sicherungsübereignung dieser Gegenstände einen Darlehensgeber veranlaßt hätten, ihnen eine beträchtliche Summe zu leihen, ferner sollten sie einen bereits anderweit zur Sicherung übereigneten Einspännerlastenwagcn widerrechtlich wciterverüußert haben. Die Frei­sprechung erfolgte aus Mangel an ausreichenden Beweisen.

Briefkasten der Redaktion.

(Rcchtsgutachtcn sind ohne Verbindlichkeit der Schriftleitung.)

Reiskirchen. 1. In gerader Linie miteinander ver­schwägert im Sinne des Gesetzes sind Schwieger­vater und Schwiegersohn usw. Als Gemeindev.r- treter sind u. a. nach Artikel 6 des Hessischen Wahl­gesetzes Personen nicht wählbar, die mit dem Bür- germeister oder einem Beigeordneten in gerader Linie verwandt oder verschwägert sind. Dieses Schwägerschastsoerhältnis trifft in Ihrem Falle nicht zu. Demnach kann der Bruder der Frau des Bär- germeifters in den Gemeinderat gewählt werden, da er mit diesem in der Seitenlinie verschwägert ist. 2. Gemeinderatsmitglieder können von einer mit diesem Amt verbundenen Funktion (Tätigkeit als Kontrolleur) um eines Schwägerschaftsverhält­nisses wegen nicht ausgeschlossen werden. 3. Ein nicht wählbarer Kandidat ist auf der betreffen­den Lifte zu streichen. Die übrigen Listen werden Hierdura) nicht berührt.

w. h. in 2H. Der Verein kann sich wohl nur an die betr. Genossenschaft halten, nicht aber an deren einzelne Mitglieder. Infolge der Inflation sind die beiderseitigen Ansprüche wohl als gänzlich entwertet anzusehen. Der materielle Erfolg eines Prozesses ist mehr als zweiselhast. Das gleiche gilt für Ihre Kollegen. Jeder Zinsanspruch ist verjährt, § 197 BGB.

Berliner Börse.

Berlin, l.Nov. (WTB. Funkspruch.) 3m heutigen Frühverkehr verhält man sich trotz der internationalen Gelderleichterung und der Herab­setzung der verschiedenen offiziellen Diskontraten um 0,5 bis 1 Prozent abwartend. Einerseits fallen heute die meisten Auslandbörsen infolge de» hohen katholischen Feiertages aus, anderseits besteht immer noch Unsicherheit betreff» der Abstimmung über das Volksbegehren. Kurse werden noch nicht genannt. Am Devisenmarkt hörte man London gegen Paris 123,8250, Lon­don gegen Mailand 93,1250, London gegen Spa­nien 34,26, London gegen Kabel 4,8790 zu 4.8795, London gegen Berlin 20,3350 zu 20,3890, Kabel gegen Berlin 4,1780 zu 4,1785.

Jean Weleel, (Heben, Sonnenetrafcc 6, Telephon Nr. M»

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Lindcnstruth. den 30. Oktober 1929.

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