Ausgabe 
1.8.1929
 
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MM AM «WM.

Roman von Edgar Wallace.

42. Fortsetzung Nachdruck verboten.

S)eute bist du auf die ,3agb gegangen," sie drohte ihm mit dem Finger,und du hast mir kein Wort davon gesagt. Du hast mir gesagt, du wolltest nach Hampstead, bist aber statt dessen nach Chelsea gegangen."

Das wußtest du auch?" ries er verblüfft. Bleibt denn bei diesem verdamm ... hm ... ver­wünschten Fall auch nur etwas übrig, das ich allein geschafft, allein fertig bekommen habe?"

Du hast mich doch bekommen," sagte sie schalk­haft.

Er drückte krampfhaft ihre Hände.

Diana, ich mutz ernsthaft mit dir sprechen. Es handelt sich

Ich weih schon, was du sagen willst," unter­brach sie ihn.Du kannst dir alle Mühe sparen. Du kannst keine reiche Frau heiraten, weil du befürchtest, sie wird es später bereuen, oder es dich fühlen lassen, oder du müßtest von ihrem Gelde leben. Diel lieber würdest du ein armes Mädchen heiraten und sie mit deinem Gelde ernähren, wenn sie sich einer derartigen Un- würdigkeit äussehen würde."

Scherz und Gelächter sprach aus ihren Augen, die sie auf ihn geheftet hatte.

Larry!" Sie schüttelte feine Hände mit bered­samer Ungeduld.

Aber es macht doch einen Unterschied. Das mußt du mir doch zugeben?"

Dicht für mich, Larry," erwiderte sie.Uebri- gens hat das ja auch gar nichts dabei zu sagen." Sie ließ seine Hände fallen und ging an ihren Schreibtisch zurück.Du hast ja versprochen."

Versprochen? Was habe ich denn versprochen?"

Da hort doch aber alles auf," neckte sie ihn. Du hast mir feierlich versprochen, daß nichts, was auch immer passieren möge, wie auch der Ausgang des Falles Stuart sein möge, daß nichts, hörst du, daß nichts unsere Heirat ver­hindern könne.

Wußtest du denn das alles," fragte er er­staunt,h<lst du mir aus diesem Grunde das Ver­sprechen abgenommen?"

Datürlich wußte ich es. Ich bin schon ziemlich lange eine reiche Frau und habe mich schon so daran gewöhnt, daß ich mich immer zusammen- nehmen muß, um nicht jedesmal ein Taxi zu nehmen, wenn ich eins sehe."

Er ging zu ihr und legte seinen Arm um chve Schulter.

Diana"^begann er und fragte dann:Oder ist es nun Clarisfa?"

Diana immer," sagte sie sanft.

Er küßte sie.

ilnö ewig!"

37.

Der Mann, der sich selbst Ehrw. John Dear- born nannte, sah hinter verschlossenen Türen in seinem Arbeitszimmer und verbrannte in einem kleinen Kamin, der sich dicht hinter seinem Sessel befand, planmäßig und sorgfältig Papiere aller Art. Er hatte seine blaue Brille abgenommen und durchflog mit seinen scharfen und lebhaften Augen den Haufen von Manuskripten, alten Briefen, Quittungen und anderen Dotizen, ver­brannte und sortierte, bis nur noch ein schmales Päckchen übrigblieb, das er bequem in seiner Tasche unterbringen konnte. Er streifte ein Gummiband über dieses und legte es auf die Seite. Dann nahm er ein dickes Bündel Manu­skripte auf und packte dies in eine Handtasche, die neben seinem Tische stand. Unt> während er sortierte, las und vernichtete, pfiff er nachdenk­lich eine kleine Melodie vor sich hin.

Aus einem der Schubfächer seines Schreib­tisches zog er noch ein anderes, gebundenes Manuskript hervor, durchblätterte müßig die Sei­ten, vertiefte sich hier und da in den Inhalt des Werkes.

Das ist wirklich ausgezeichnet," sagte er nicht einmal, nein, viele Male. John Dearborn war ein enthusiastischer Bewunderer des Genies von John Dearborn.

Endlich, widerstrebend, schloß er den Manu­skriptband und legte ihn mit besonderer Sorgfalt in die Tasche.

Mit Ausnahme des kleinen, alten Mannes, der den Portier spielte und die Räume sauber

hielt, und der alten Köchin, die träumend in der Küche saß, war das ganze Haus leer. Die Hau­sierer hatten ihr Tagewerk noch nicht beendigt, und es würde noch geraume Feit vergehen, bis einer nach dem anderen die Zufluchtsstätte des Heims erreichte.

Endlich war er mit Aufräumen und Packen fertig und suchte nun in seinen Brusttaschen nach einem Brief, den er für sein Vorhaben benötigte. Es war eine kurze, handschriftlich geschriebene Mitteilung, die er von Larry Holt am Tage nach dessen erstem Besuche in Todds Heim er­halten hatte. Er ergriff die Feder und malte, mit einem Auge auf der Vorlage, eines der Worte, die er aus dem Briefe herausgegriffen hatte. Dann verglich er sorgfältig die Kopie mit dem Original. Schließlich nahm er aus der offenen Schreibmappe auf seinem Tisch einen Briefbogen mit Aufdruck und begann langsam und mühselig zu schreiben und die ganze Zeit pfiff er leise seine fröhliche, kleine Melodie. Endlich hatte er sein Schreiben beendigt, nahm einen Briefumschlag und adressierte diesen: und als er ihn abgelöscht und versiegelt hatte, steckte er ihn in seine Tasche, schloß die Schreibmappe und legte sie auf den Boden neben die Hand­tasche. Dun schloß er einen Wandschrank auf und nahm verschiedene Kleidungsgegenstände her­aus, die er über die Stuhllehne legte. Wer jetzt sang er in sanftem diminuendo, aber in augenscheinlicher Befriedigung eines derIndia­nischen Liebeslieder".

Er legte seine düstere, priesterliche Kleidung ab, ebenso die weihe Halsbinde des Geistlichen, und begann sich umzuziehen. In seinem eleganten An­zuge hatte er oas Aussehen eines gut situierten, verwöhnten Müßiggängers: er hing die Priester­kleidung in den Wandschrank, verschloß diesen und setzte sich vor seinen Schreibtisch, stützte das Haupt in die Hände und versank in tiefes Grübeln.

Halb mechanisch hatte er sich umgezogen und kämpfte vergebens gegen ein bedrückendes Gefühl von Llnzufriedenheit. Alle Ausgänge waren be­wacht: die Geheimtür im Schlafsaal, der Weg über das Dach hinweg, der Weg durch den Kesselraum.

Ich bin ja wahnsinnig," sagte er aufstehend.

Er blickte auf die Handtasche und Schreibmappe hinunter, und Bedauern sprach aus seinem Blick. Langsam legte er den Rock ab und begann sich von neuem auszuziehen. Diesmal ging er aber nicht an den Wandschrank, sondern zu einer lan­gen, schwarzen Truhe, die unterhalb des Fen­sters stand, und entnahm ihr verschiedene Sachen, die er mit offensichtlichem Mißvergnügen be­trachtete.

Ein jämmerlicher Clown!" sagte er verach­tungsvoll zu sich selbst.

Aber cs blieb ihm nichts anderes übrig. Der blinde Jake konnte seinen Weg durch den Unter* grundkanal finden. Er hatte die scharfen Instinkte des Blinden, konnte sich wie eine Katze an den Posten vorbeischleichen, konnte sich durch enge Höhlungen hindurchzwängen, die für einen so riesigen Körper wie den seinen kaum passierbar erschienen.

Und wieder zog sich John Dearborn xin, nahm einen Leinwandsack aus der Truhe und legte ihn auf den Tisch. Er schüttete den Inhalt der leder­nen Handtasche in den Sack, ging nach dem Vorderzimmer des Heims und blickte vorsichtig auf die Straße hinaus. Zwei Schutzleute be­wachten, wie er genau wußte, den Eingang zu dieser Sackgasse. Diemand außer ihm selbst be­nutzte das Vorderzimmer, in dem er alte Möbel. Rechnungsbücher und allerlei Gerümpel aufbe­wahrte. Aber es hatte den Vorteil einer Tür. die nur wenige Schritte von dem Haupteingang entfernt lag.

John Dearborn legte den Sack neben die Tür. ging hinaus und verschloß sorgfältig das Zimmer, bevor er nach feinem Arbeitsraum zurückging und sich dort einschloß. Vielleicht zehn Minuten sah er wartend dort, bis sich ein leises Klopfen an der Türfüllung hören lieh. Geräuschlos schlich er an die Tür und öffnete sie, gerade weit genug, um seinen Besucher hineinschlüpfen zu lassen.

Es war der blinde Jake, sein Gesicht war ver­zerrt und geschwollen, wie Stränge lagen die blauen Adern auf feiner breiten Stirn.

Ich bin grade erst gekommen, Herr," keuchte er atemlos.

(Fortsetzung folgt.)

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