toorbett fet ober nicht. Ohne Aufsicht könne die Kasse doch nicht gewesen sein, eine Vorgesetzte Behörde müsse sie doch haben.
ÄrcisauSschutzmitgl.
Hombcrger (Toz.), Gießen
teilte mit, das Hilfstagebuch weise vier Posten auf, nach denen insgesamt die Summe von rund 70 000 Mk. in verhältnismäßig kurzer Zeit als Vorrat der Kreiskasse an die Banken abgeführt worden seien. Das sei aber den Tatsachen widersprechend.
Lberrcgieruugsrat Dr. Hetz antwortete auf die Anfrage des Abg. Müller, nach der gesetzlichen Vorschrift müsse die Kasse in einem Zeitraum, der drei Jahre nicht übersteigen solle, revidiert werden. Don der bevorstehenden Revision erfahre vorher nur der Kreisrat durch ein persönliches Schreiben der Oberrechnungs- kammcr, der von diesem Schreiben natürlich niemand Kenntnis gebe. Es stehe aber auch nichts im Wege, daß die Oberrechnungskammer schon kurze Zeit nach einer Revision zu erneuter Prü- fung wiederkomme. Daß die Unterschlagungen plump gemacht worden seien, wie Abg. Schiefe r st e i n behauptete, sei nicht der Fall. Die Tatsache, daß die Revisionsstclle nichts davon bemerkt habe, dürfte Wohl beweisen, daß die Sache sehr geschickt angefangen worden sei. Die Sperrung der Pension der Witwe K a u h sei im Krcisausschuß wiederbolt erwogen worden, man sei aber nach langen Erwägungen zu dem Schluß gekommen, daß eine solche Sperrung nicht angängig sei, weil die Witwenpension nicht ein Anspruch des Herrn Kauft, sondern der Frau Kauft sei. Würde man diese Pension sperren, so wäre die Folge, daß der Kreis auf Zahlung der Pension verklagt werde und neben der Pension dann auch noch die Kosten des Prozesses bezahle.
Kreistagsabg. Müller (Ldbd.),Bellersheim erklärte sich mit der Antwort des Verwaltungsvertreters nicht zufrieden. Er möchte wissen, in welcher Weise das Kreisamt die Aufsicht über die Kasse geführt habe, oder führt. Kreiskassedirektor Kauß habe uuch eine ganze Reihe von Jahren keinen Urlaub genommen, während alle anderen Beamten in Urlaub gegangen seien. Das sei doch verdächtig.
Oberregierungsrat Dr. Hetz antwortete, die Revisionen der Oberrechnungskammer und des Kreisamtes seien gesetzlich gleichgestellt. Technisch sei es unmöglich, daß nach der Prüfung der Kasse durch die Oberrechnungskammer, die immer mehrere Wochen in Anspruch nehme, die Kasse noch einmal nachgeprüft werde, weil hierdurch der Geschäftsbetrieb zu sehr aufgehalten und gestört werde und dazu außerdem noch Arbeitskräfte erforderlich seien. Es seien aber jetzt weitere Maßnahmen getroffen worden, um für die Zukunft derartige Vorkommnisse soweit wie möglich zu verhindern.
KreiSautz' itzmitgl.
Hombcrger Gießen
erklärte, eine solche Kontrolle der Kasse koste stets etwa 1400 bis 1700 Mk.
KreiSausschutzmitgl.
BonnerSheim (Ldbd), Langsdorf betonte, die Anfrage Müller sei immer noch nicht beantwortet. Er wolle wissen, ob «in Regierungsrat vom Kreisamt beauftragt sei, von Zeit zu Zeit die Kreiskasse zu revidieren.
Kreisausfchußmitgl.
Fenchel (Ldbd.), Oberhörgern unterstrich die Worte des Vorredners dringend und erklärte weiter, jede Bank gebe doch halbjährlich einen Ausweis heraus, aus dem zu ersehen sein müsse, ob die Gelder dort eingegangen seien.
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Roman von Edgar Wallace.
15. Fortsetzung. Nachdruck verboten.
Larry kam mühsam auf die Füße, nahm seine elektrische Taschenlampe auf upd fand den Revolver, der ihm bei dem ungleichen Kampf entfallen war. Er stürzte zum Fenster, öffnete es hastig und blickte hinaus. Aber Jake der Blinde war bereits um die Straßenecke verschwunden.
Jetzt brachte jemand eine andere Glühlampe, und Larry bemühte sich um die junge Frau. Sie wär immer noch bewußtlos, und blutrote Flecken an ihrem Halse sprachen von der unerhörten Kraft des Blinden.
„Es ist besser, Sie holen einen Arzt," sagte Larry zu der Wirtin, die ihn argwöhnisch und mit Mißtrauen betrachtete.
„Was hatten Sie hier in dem Zimmer zu suchen?" fragte sie. „Ich werde einen Schutzmann holen lassen."
„Lassen Sie meinetwegen zwei holen," war Larrys Antwort, „und vor allen Dingen einen Arzt."
Glücklicherweise befand sich das Polizeibureau ganz in dec Rähe. Der Polizeiarzt war nach dort gerufen worden, um einen Fall zweifelhafter Trunkenheit zu untersuchen, und war wenige Minuten später zur Stelle.
3n der Zwischenzeit war Fanny zu sich gekommen, hatte aber einen hysterischen Anfall bekommen, der für die Zuschauer am peinlichsten war.
„Wäre es nicht besser. Doktor, wenn wir sie nach einer Llnfallstelle oder in ein Hospital bringen ließen?" schlug Larry vor, und der Arzt pflichtete bei.
Mit dem Ausdruck höchster Verwunderung untersuchte er von neuem die Strangulationsmarken.
„Ein Mensch hat das nicht mit den Händen machen können," sagte er, „er muß irgendeine Art Instrument gebraucht haben."
Larry lachte — cs war ein sehr wehleidiges Lachen.
„Wenn Sie das annehmen, Doktor, sehen Sie sich bitte auch mal meinen Hals an," und er zeigte ihm die roten Striemen, die Jakes Daumen und Finger hinterlassen hatten.
„Wollen Sie mir vielleicht sagen, daß er Ihnen das zugesügt hat?" fragte der Doktor ungläubig.
„Ich möchte am liebsten so wenig wie möglich sagen", entgegnete Larry. „Die ganze Geschichte ist kein Abenteuer, auf das ich hervorragend stolz bin. Er hat mich aufgehoben wie einen Tennisball und in die Porzellanausstellung am Fenster geworfen."
Kreisausschußmltgl Benner (Soz.), Meseck bezeichnete es als ein Versäumnis der Kreisverwaltung. daß die Kasse nicht öfter geprüft worden sei. Aber das sei erklärlich durch die außerordentlich glänzenden Zeugnisse, die Kauß bei den Revisionen durch die Oberrechnungskammer erhalten habe. Der Redner bezeichnete weiter den Zeitraum von drei Jahren für die Revisionen als viel zu lang, ferner beanstandete er. daß die Kasse und solche Beträge der Verfügung eines einzelnen Mannes unterstellt worden waren. Ein Mann allein dürfe nicht über so große Summen verfügen können. Für den Vorfall machte der Redner das ganze Kassen- und Revisionsshstem verantwortlich. Bei der Liebergabe der Kasse an den neuen Kreiskasse- rechncr sei das Hilfstagebuch überhaupt nicht dagewesen. Den Schlüssel zu dem Geheimfach wo Kauß das Buch aufbewahrte, habe er selbst immer gehabt. Der Redner forderte eine Aende- rung des Systems dahingehend, daß eine einzige Person nicht mehr über die Kasse allein verfügen könne, daß eine GegenbuchführUng eingerichtet und jeden Abend der Stand der Kasse festgestellt werde. Die Kassenausweise müßten durch einen Regierungsrat auf ihre Richtigkeit geprüft werden. Daß man der Witwe Kauß jetzt auch noch Pension zahle, sei ein geradezu grotesker Zustand. Aber die Juristen seien der Ansicht, daß daran nichts zu ändern sei. weil es sich hierbei um ein erworbenes Recht handele.
Der neue Kreiskasserechner Schäfer
teilte mit. daß er von sich aus sofort nach Lleber- nahme der Kasse eine vollkommene Aenderung eingeführt habe insofern, als er nicht allein über die Gelder verfügen wolle, sondern das stets nur in Gemeinschaft mit seinem Stellvertreter tue. Die Gegenkontrolle habe er eingeführt, und bis jetzt habe sie sehr gut gearbeitet. An jedem Monatsende werde der Stand der Kasse festgestellt. Der Redner erläutert im übrigen das neue, von ihm eingerichtete Kontrollsystem mehr.
Kreisausschutzmitgl.
Fenchel (Ldbd.), Oberhörgern
betonte, man habe das Vertrauen zu der Staatsanwaltschaft, daß sie Licht in diese Sache hineinbringen werde. Der Redner bestätigte weiter, daß für die Zukunft schärfere Kontrollmahnah- men vom Kreisausschuh beschlossen worden seien. Kreistagsabg. Müller (Ldbd.) .Bellersheim stellte fest, daß bisher von der Kreisverwaltung eine Aufsicht über die Kasse nicht geführt worden sei. Eine solche Aufsicht habe durchgeführt werden müssen.
Kreistagsabg. Schudt (DBP), Gießen hob hervor, wenn die Erben die Erbschaft Kautz' nicht ausgeschlagen hätten, dann bestehe auch ihre Haftung für das Kassendefizit. Man habe dann die Pension zwar nicht sperren, aber aufrechnen können.
Kreisausschutzmitgl.
Hombcrger (Soz.), Gietzeu
erklärte, wegen einer Sperrung der Pension werde nichts zu machen sein, denn das seien persönliche Ansprüche der Witwe Kauß. die erst entstanden seien mit dem Tode ihres Mannes. Man spreche hier von Llnterschlagungen. Das werde zur Zeit noch untersucht. Es handele sich bis jetzt um einen Fehlbetrag von rund 70 000 Mk. Wo diese Summe hingekommen sei, werde vielleicht auch die Staatsanwaltschaft nicht herausbekommen.
Damit wurde dieser Gegenstand verlassen. Rach der Genehmigung des Beitritts des Kreises Gießen zu dem Zusammenschluh der hessischen Provinzen und Kreise für alle unfallversicherungspflichtigen Betriebe zu einem Ver- sicherungsverband, wandte sich das Haus der
Der Arzt stieß einen überraschten Pfiff aus. Mittlerweile hatte sich die Wirtin über Larrys verdächtige Anwesenheit beruhigt und floß gleichzeitig mit Entschuldigungen und Tränen über. Tränen über die Entweihung ihres Hauses durch die Anwesenheit eines Polizeibeamten, obwohl dieser nur eine Rächt in ihrer Pension gewesen war.
Larry ging auf die Straße hinunter, um frische Luft zu schöpfen. Er fühlte sich schwindlig und am ganzen Körper wie zerschlagen. Die Tatsache an sich, daß er. Larry Holt, der Anwartschaft hatte, die Amateur-Mittelgewichts- Meisterschaft zu gewinnen, wie ein Punchball behandelt worden war. kränkte ihn nicht so sehr, Was ihn aber viel mehr beunruhigte, war das Bewußtsein, daß in der Welt, in der Stadt London, ein Verbrecher frei herumlief, der gefährlicher war als ein Tiger der Dschungeln, der die Riesenkraft des Bären mit der Verschlagenheit des Assen verband.
„Lind damit ist der ganze Zoologische Garten erschöpft", sagte Larry, als er über die verschiedenen lieblichen Eigenschaften seines Angreifers nachgedacht hatte.
Eine halbe Stunde später war jedes Polizeibureau Londons im Besitz der Personalbeschreibung. und die allgemeine Jagd nach dem blinden Jake begann.
Lim drei Lihr morgens betrat Larry feine Wohnung und fand Sunny friedlich schlafend in einem Stuhl. Er weckte seinen Diener mit einem leisen Klopfen auf die Schulter.
„Sunny," sagte er, „was ich heute durchgemacht habe, genügt mir für mein ganzes Leben."
„Das scheint mir auch so, Sir", blinzelte Sunny sich selbst wach. „Wünschen Sie etwas Kaffee?"
Larry war tief in Gedanken versunken. Mit den Händen in den Hosentaschen stand er breitbeinig vor dem Kamin und blickte auf den Teppich.
„Er packte mich beim Genick. Sunny." fagte er leise, „und warf mich quer durchs Zimmer."
„Wirklich, Sir?" fragte Sunny. „Wann wünschen Sie morgen früh Ihren Tee?"
Müde und zerschlagen, wie Larry war — er konnte sich des Lachens nicht erwehren.
„Wenn man mich nun eines Tages mit gebrochenem Halse nach Hause bringen würde", sagte er gereizt, „was würden Sie da eigentlich machen?"
„Ich würde sofort die Morgenzeitungen abbestellen", sagte Sunny ohne jedes Zaudern. „Das wäre doch wohl das Nächstliegende, Sir." „Haben Sie denn gar kein Herz?" rief Larry. „Rein, Sir", war die überraschende Antwort. „Der Doktor hat gesagt, es wäre Magenver- , stimmung."
Beratung des Voranschlags für 1929 zu. In der vom Kreisausschuh angenommenen Fassung schließt der Voranschlag in Einnahme und Ausgabe in der Detriebsrechnung mit 769069 Mk., in der Vermögensrechnung mit 234191 Mk.. insgesamt also mit 1 003 260 Mk. ab.
Bei der Durchberatung der einzelnen Kapitel wurde mit 18 Stimmen der Rechten ein Antrag angenommen, nach dem ein Betrag von 2000 Mk., der für die Tätigkeit eines Daukontrol- l e u r s in den Voranschlag eingestellt war, g e- st r i ch e n wurde. Die Antragsmehrheit vertrat den Standpunkt, daß für die Baukontrolle schon genügend Vorsorge getroffen sei, und wenn die Regierung einen weiteren Baukontrolleur wünsche, dann auch die Kosten vom Staate getragen werden mühten.
Weiter wurde mit den Stimmen der Rechten ein Antrag auf Streichung des Beitrages von 25 Mk. an den Arbeiter-Samariter- b u n d angenommen, da es sich hier um eine Organisation mit politischem Charakter handele, wie auch aus den neuesten Statuten wieder hervorgehe. Von sozialdemokratischer Seite wurde dieser Ansicht widersprochen. Ein sozialdemokratischer Antrag, den Beitrag für den Arbeiter- Samariterbund von 25 Mk. auf 50 zu erhöhen, war durch die Annahme des weitergehenden Streichungsantrags hinfällig geworden.
Eine längere Aussprache entspann sich bei der Beratung der Ausschlagsätze für die Kreisumlagen. Ein Landbund-Antrag forderte bei der Festsetzung der Ausschlagssähe für die Sondergebäude st euer eine einheitliche. für die Stadt Gießen und alle Landorte gleiche Festsetzung des Ausschlags- sahes auf 4 P f g. von 1 Mk. staatl. Steuerfall, während nach dem Voranschlag für den Gesamtkreis (Stadt Gießen und Landorte) 2 Pf. von 1 Mk. staatlichem Steuersoll, und in den Landgemeinden allein weitere 6 Pf. von 1 Mk. Steuersoll erhoben werden sollen. Rach den Vorschlägen der Landbundvertreter sollten die 6 Pfennig weiteren Ausschläge für die Landgemeinden allein gestrichen und der Ausschlagssah für den Gesamtkreis von 2 Pf. auf 4 Pf. erhöht worden. Da ein gleichlautender Antrag schon im Kreisausschuh vorgelegt worden war, hatte sich die Kreisverwaltung um Auskunft anfragend an das Ministerium gewandt. Von dort erging durch Erlaß des Ministers Bescheid, daß er die vom Landbund angeregte Lastenverteilung nicht genehmigen werde. Der Sinn des Landbund-Antrages ging nämlich, wie Kreisausschuhmitglied Dr. Lenz (Du.), Gießen, rechnerisch darlegte, dahin, die StadtGiehen neben ihren anderen Verpflichtungen noch mit zu den Lasten heranzuziehen, die nach den gesetzlichen Bestimmungen die Landorte allein zu tragen hoben. Ländliche Sprecher, wie Kreisausschutzmitgl. Bommers- h e i in, Langsdorf, und Abg. Müller, Bellersheim, befürworteten den Antrag des Landbundes nachdrücklich und bewnten, die Sondergebäudesteuer sei die ungerechteste aller Steuern, während die Kreisausschutzmitgl. Dr. Lenz (Dn.), Gießen, und Benner (Soz.). Wieseck, auf die Schattenseiten des Antrages hinwiesen. Bei der Abstimmung blieben die Landbundvertreter mit 13 Stimmen in der Minderheit. Sämtliche städtischen Abgeordneten der Rechten stimmten zusammen mit der Linken — insgesamt 16 Stimmen — gegen den Antrag, so daß also die Vorschläge des Kreisausschusses zum Beschluß erhoben waren.
Kreistagsabg. Schiefer st ein (Ldbd.), Lich, beantragte eine Senkung der Gewerbesteuersätze. wobei er von dem Kreisausschußmitglied Bommersheim (Langsdorf) nachdrücklich unterstützt wurde, der betonte, daß die Gewerbesteuersätze für das ohnehin nur auf beschränkte Wirtschaftsmöglichkeiten angewiesene Gewerbe der kleinen Städte und der Landorte zu
Larry zuckte in ohnmächtiger Verzweiflung die Schultern, fuhr aus den Schuhen, zog Jacke und Weste aus, legte Krawatte und Kragen ab. knöpfte die Hosenträger los. warf sich auf das Bett und zog mit einem Ruck die Bettdecke über sich. Er tat dies, weil er erstens mal sehr müde war. dann aber auch, weil er wußte, daß Sunny sich darüber ärgerte.
16.
In St. George. Hannover Square, fand eine sehr elegante Hochzeit statt. Eine lange Reihe von eleganten Automobilen und Kupees zog sich auf beiden Seiten der Strafte nach beiden Richtungen hin und füllte zum Teil den großen Platz aus.
Sinter denen, die dabei „bemerkt wurden", wie die Zeitungen zu schreiben pflegen, befand sich auch unser Freund Mr. Fred Grogan. Zwei Gründe waren die Veranlassung, daß man ihn nicht eingeladen hatte. Erstens mal war er dem Brautpaar und dessen Freunden unbekannt, und zweitens wäre er nie eingeladen worden, falls diese doch das zweifelhafte Vergnügen seiner Bekanntschaft gehabt hätten. Aber eine solche Kleinigkeit wie eine Einladungskarte beunruhigte Fred nicht im geringsten. Er wußte ganz genau, daß bei einem ersten Zusammentreffen der Familien von Braut und Bräutigam, die sich gegenseitig mit ausgesprochener, Zurückhaltung und Mißbilligung betrachteten, wo alle Sorten von Vettern und Basen aus der Vergessenheit, in die sie glücklich gesunken waren, plötzlich wieder auftauchten und kaum den Hauptdarstellern in diesem großen Drama bekannt sind, er wußte, daß eine elegante Figur wie die seine jede Musterung bestehen und einen der besten Plätze in der Kirche erhalten würde. So erschien er denn in St. George mit glänzendem Zylinder, weißen Glaces und wunderbar gebügelten Beinkleidern. Als er den Chorgang entlang ging, hielt man ihn versehentlich für den Bräutigam.
Er war weniger aus dem Grunde gekommen, um sich Eingang in die gute Gesellschaft zu schaffen, sondern weil die letzte Mode den Damen das Tragen von kostbaren Juwelen auch in den Vormittagsstunden gelegentlich einer solchen feierlichen Handlung vorschrieb. Er war ohne festen Plan für einen feiner Diebesstreiche hierhergekommen und wollte nur wie ein guter General die verschiedenen Möglichkeiten eines eventuellen Schlachtfeldes auskundschasten.
Trauungen an sich interessierten ihn gar nicht. Er betrachtete diese als nutzlose Förmlichkeiten, mit denen sich müßige Reiche und hoffnungslose Phllister amüsierten. Die Feierlichkeit dauerte sehr lange und langweilte ihn bis zur Bewußtlosigkeit. Aus tiefstem Herzen bedauerte er, einen derartig ins Auge fallenden Platz eingenommen
hoch seien. Nachdem Kreisbureaudirektor Fabian (Giehen) darauf hingewiesen hatte, daß es sich hier nur um eine andere Verteilung der neu festgestellten Cteuerwertgrundlagen Handels und daß das Gewerbe nicht höher als früher belastet werde, wurde der Antrag Schieferstein! zurückgezogen.
Der Voranschlag fand die einstimmige Genehmigung des Kreistages unter Berücksichtigung der obenerwähnten beiden Abstriche, ebenso wurden die Ausschlagssähe für die .Umlagen in der vom Kreisausschuh vorgelegten Fassung genehmigt.
Oie weiteren Beschlüsse.
Die Rechnung der Kreiskasse und der Verwaltungsbericht des Kreisausschusfcs für das Rj. 1927 wurden genehmigt. Die R-echnung für 1927 schließt wie folgt ab: Betrieb: Einnahme 845 369,30 Mk.. Ausgabe 629 653,10 Mk.. Rest 215 716,20 Mk., der bestecht aus einem baren Vorrat in Höhe von 207 312,69 Mk. und aus liquidierten Ausständen von 8403,51 Mk.; Vermögen: Einnahme und Ausgabe je 27 344,12 Mk.
Genehmigt wurden der Tätigkeitsbericht der Dezirksfürsorgestelle und des Krersjugendamtes für 1928, sowie der Bericht des Kreisschiikärztes für 1928.
Auf Vorschlag des Kreistagsabg. Wagner (Dt. Vp.). Geilshausen, wurde beschlossen, beim Ministerium die Genehmigung zur O f f e n h a l - tung der Ladengeschäf te indenLand- o’rten bis 9 LIhr abends wäh?end der Erntezeit anzuregen. Lleberall auf dem Lande sei,dafür ein dringendes Bedürfnis vorhanden, da die Landleute von frühmorgens bis spätabends auf dem Felde zu tun hätten und bei der Heimkehr noch Besorgungen für den Haushalt machen mühten.
Schluß der Sitzung.
Wirtschaft.
Fortschreitende Entspannung am Geldmarkt.
Die Entwicklung des Geldmarktes in der abgelaufenen Derichtswoche bestätigt die Erwartungen auf eine leichte Lieberwindung des Halbjahrsultimo. Der Ausweis der Reichsbank vom 22. Juni hatte ein befriedigendes Aussehen, nicht nur hinsichtlich der auf dem Wechselkonto eingetretenen Entlastung, die die Llltimobeanspruchung vom Mai in Hohe von rund 650 Millionen Mark zum Ausgleich gebracht hat, sondern auch hinsichtlich der bei der Meichsbank vollzogenen Reservenstärkung durch Aufnahme neuer erheblicher Devisenbeträge und in der Berichtswoche sogar eines neuen Goldbetrages aus England. Selbstverständlich hat der Ultimo in den letzten Tagen zu einer leichten Anspannung, auch am Markte für Tagesgeld geführt, aber das Bestreben der Banken auf möglichst hohe Liquidität hat ein so reichliches Angebot an Tagesgeld zur Folge, daß jeglichen Ansprüchen genügt werden konnte. Die Lage am Privatdiskontmarkt war weiter normal und das durch den Ultimo nicht unerheblich verstärkte Angebot konnte ohne weiteres von der kursregulierenden Stelle bzw. der Reichsbank ausgenommen werden. Daß sich Termingeld nach wie vor teuer stellt, hängt auch mit dem Zwang nach höherer Liquidität bei den Banken zusammen, die in ihrer Liquidität, wie aus den Bankbilanzen hervorgeht, durch die Restriktion Schaden erlitten haben. Infolgedessen kann auch jetzt nur von einer Entspannung des Geldmarktes. aber nicht von einer Verflüssigung gesprochen werden. Allerdings steht letzterer, wenn die Verhältnisse so bleiben, und die Entspannung weiter zunimmt, nichts mehr im Wege, nachdem das Reich durch den Abschluß der Amerika- Anleihe, abgesehen von der Plazierung gewisser Schatzwechselbeträge nicht mehr an den Geldmarkt
zu haben, der es ihm unmöglich machte, sich heimlich zu empfehlen oder wenigstens die Anwesenden aus dem Hintergründe beobachten zu können. Endlich war die Zeremonie beendigt, die Orgel lieh triumphierende Klänge hören, und Braut und Bräutigam, die sich außerordentlich über sich selbst zu schämen schienen, schritten feierlich den Mittelgang entlang. Fred schloß sich der Prozession an und erschien inmitten der Gerechten und Llngerechten auf den Stufen der Kirche.
Gr war noch unschlüssig, ob es klug und ratsam wäre, sich an dem Empfange zu beteiligen — die Adresse, wo dieser stattfand, hatte er schon längst ausfindig gemacht — als jemand seinen Arm berührte. Fred fuhr herum.
„Hallo, Doktor Iudd", sagte er erleichtert. „Ich dachte, es wäre wieder der verfluchte Holt. Er ist mir ständig auf den Fersen urtb fällt mir direkt auf die Rerven."
Doktor Iudd, eine stattliche Figur in seiner zeremoniellen Kleidung, sah ihn streng an.
„Sie haben mir doch erzählt, Sie fahren nach Rizza?" sagte er.
„Ich habe den Zug verpaßt," antwortete Fred geläufig, „und mein Freund mußte ohne mich abfahren. Ich gedenke noch ein paar Tage hier zu bleiben, bevor ich abreise."
Doktor Iudd sagte nachdenklich:
„Kommen Sie ein paar Schritte mit. Ich möchte einiges mit Ihnen besprechen."
Ohne ein weiteres Wort gingen beide über Hannover Square und bogen in die Bond Street ein.
„Sie fallen mir auf die Rerven, Mr. Grogan", begann Doktor Iudd. „Dis jetzt fand ich doch wenigstens eine gewisse Befriedigung in dem Gedanken, daß Sie auf dem Kontinent Hals und Kragen riskierten. Statt dessen sind Sie hier in London und leben herrlich und in Freuden."
„Hatten Sie nicht gesagt, Sie wüßten nicht, daß ich immer noch hier wäre?" fragte Fred schnell.
„Keinen Ton davon erwähnt," sagte der Doktor ruhig. „Ich habe nur erwähnt, ich dachte, Sie hätten gesagt, nach Rizza göhcn zu wollen."
„Sie wußten also, daß ich noch hier war?" sagte Fred.
„Das habe ich gehört," war Doktor Iudds Entgegnung. „Hören Sie mal zu, Mr. Grogan. Halten Sie es nicht auch für besser, wenn wir beide zu irgendeiner Einigung kommen?"
Fred war ganz Ohr.
„In welcher Weise denken Sie sich das?" fragte er vorsichtig.
„Rehmen wir mal an," sagte Doktor Iudd, „ich zähle Ihnen eine Pauschalsumme unter der Bedingung, daß Sie mich nicht weiter belästigen."
(Fortsetzung folgt)


