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Montag, 1. Zuli 1929
Siebener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)
Nr. 151 Zweites Blatt
Die fehlenden 70000 W. bei der Kreiskasse. - Verabschiedung des Voranschlags für 1929
In fast' allen Häfen der Welt gibt es Men- Der gebräuchlichste Unterschlupf ist jedoch der schen, die auf die Gelegenheit einer Reise als | Kohlenbunker. Dort ist es stockdunkel und der
sion, aus Lebensnotwendigkeit. Ihr Mut treibt sie von Küste zu Küste, sie müssen... Tramps !ind sie und Vagabunden. 2hr einziges Gepäck ist meistens nur ein Bündel Hoffnung auf Glück. Wieder andere treibt Rot und Hunger als blinder Passagier auf die Schiffe. Seeleute ohne Heuer, Arbeitslose, die lieber' ins Ungewisse fahren, als die Gewißheit der Trostlosigkeit erdulden. Manchen auch war der Boden, auf dem sie lebten, ein wenig zu heiß unter den Füßen. So versuchen sie die Flucht auf das Meer. Selten sind das ausgesprochen Kriminelle, meist nur Gestrauchelte, die einen Ausweg suchen.
blinder Passagier spekulieren. Oft bilden sie eine Clique im Hasenvolk, eine Organisation sozusagen, die sich in besonderen Kneipen aufhält, sich untereinander hilft und den Reulingen mit Rat und Tat zur Seite steht. 2a, es gibt sogar „Agenten", die gewerbsmäßig das heimliche Einschiffen blinder Passagiere bewerkstelligen. Oft stecken sie auch mit einzelnen Leuten der Schiffsbesatzung in Verbindung, die ihnen Unterschlupf gewähren und Rahrung zustecken, bis der Dampfer auf
hoher See ist. ...
Der zukünftige blinde Passagier treibt sich im Hasen herum, beobachtet die ein- und auslaufenden Schiffe, ernährt sich vielfach von milden Gaben mitleidiger Matrosen und wartet, bis ein Schiff im Hafen ist, dessen Reiseziel annähernd das seine ist. Meist kommt er dann tagsüber an Bord, das ist weit unauffälliger als nachts, wo nur die Wache auf Deck ist, tut so, als hätte er irgend etwas zu erledigen, verschwindet irgendwo in Kabinengängen oder Ladeluken, verkriecht sich im Kohlenbunker, im Hellegat oder in irgendeinem anderen Winkel, wartet bis das Schiff ausgelaufen ist und die hohe See erreicht hat und kommt dann zum Vorschein. Die seltsamsten Verstecke werden ausbaldowert: so erlebte ich einmal auf der Reise von Casablanca nach Buenos Aires, wir waren etwa sechs Stunden auf See, daß sich plötzlich die Schranktür in meiner Kabine Öffnete und ein junger Mann herausstieg, der sehr um Verzeihung wegen der verursachten Störung bat und sich als „Blinder' entpuppte. Ein anderes Mal, wir waren mit Holz von Jugoslawien via Algier unterwegs nach Südamerika, die Holzpranken waren auf Vor- und Achterdeck etwa zehn bis fünfzehn Meter hoch gestapelt, hatten sich zehn junge Dalmatmer in dem unglaublich engen Raum zwischen Ladung und Mast verkrochen, sich etwas verproviantiert und dort sieben Tage ausgehalten, denn sie wollten warten, bis das Schiff die -Zwischenstation Algier verlassen hatte, um nicht vorzeitig an Land gesetzt zu werden. Der Raum um den Mast herum war so eng, daß sie nur zum Teil sitzend dort kampieren konnten. So waren sie denn auch körperlich so geschwächt, daß sie nur durch Hilferufe ihre Entdeckung herbeiführten und mit Tauen heraufgehievt werden mußten.
Verwaltung und der Kreistag feien natürlich! auch in hohem Maße an Ibier zivilen Seite interessiert. Die Kreisverwaltung habe sich sofort nach dem Bekanntwerden des Falles an die Erben Kautz' gewandt mit der Anfrage, ob sie ihre Erfahpflicht anerkennen. Die Erben lehnten diefe Anerkennung einer Ersatzpflicht ab mit der Begründung, daß fie sich nicht denken könnten, datz Kautz etwas derartiges getan habe. Der Kreisausfchuh habe nun beschlossen, einen Rechtsanwalt mit einer Klage im Zivilwege gegen die Kautzschen Erben zu beauftragen. Was dabei hcrauskomme, müsse abgewartet werden. Von der Kreisverwaltung und dem Kreisausschuh werde nichts versäumt werden, was Licht in diese dunkle Angelegenheit bringen könne, und es werbe alles getan werden, um den Schaden für den Kreis zu reparieren.
Kreistagsabg.Schieferstcin (Ldbd.), Lich bezeichnete es als kaum fahbar, datz im Laufe von drei Monaten über 70 000 Mk. aus der Kreiskasse auf solche Weise herausgezogen worden seien. Das Kassewesen in der heutigen Art sei veraltet. Man könne nicht verstehen, datz einem einzigen Mann die Verfügung über derart hohe Summen anvertraut worden sei. 2m privaten Betriebe könnten derart plumpe Unter* schlagungen wie hier überhaupt nicht vorkommen. Wenn ein Mann gegenzeichne, könne etwas derartiges gar nicht vorkommen, dann sei es unmöglich. Er vermisse eine Mitteilung darüber, daß ein höherer Beamter des Kreisamts das Recht habe, die Kassenbestände nachzuprüfen. Von den Steuerzahlern werde das Geld rücksichtslos eingezogen und dann lege man es in den Kassen hin; das sei unglaublich. 2m Voranschlag für 1929 sehe er 4742 Mk. Pension für die Witwe Kautz angefordert. Er empfehle, diese Pension au sperren und gar nichts zu bezahlen. Er sei minder Mitteilung der Kreisverwaltung nicht zufrieden. Es sei auffällig, datz solche Fälle sich in verhältnismäßig kurzer Zeit wiederholt gezeigt hätten.
Kreislagsabg. Mütter(Ldbd Bellersheim
fraate an, ob eine Aufsicht über die Kasse geführt
vortreffliche Kassensührung ausgestellt worden, so daß es ganz natürlich gewesen sei, daß man ihm vollstes Vertrauen geschenkt habe. Rach dem Tode Kauß' habe sich herausgestellt, daß in einem Hilfstagebuch, das Kautz immer unter persönlichen Verschluß gehabt habe, eine Reihe von Posten als verausgabt eingetragen worden seien, die an den verzeichneten Empfangsstellen nicht eingegangen waren. Das habe sich herausgestellt, als die Oberrechnungskammer die Kreiskasse dem neuen Kreiskassedirektor überliefert habe. Daraufhin habe Provinzialdirektor G r a e f als Kreisdirektor eine Kassenrevision ohne Rücksicht auf Zeit und Kosten zur schärfsten Durchprüfung der Sachlage veranlaßt. Das Ergebnis sei gewesen, daß mehrere Beträge von insgesamt etwas über 70 000 Mk. nicht an den Stellen eingegangen waren, wohin sie nach den Büchern überwiesen wurden. Die Kreisverwaltung habe nod> gehofft, ebenso auch die Oberrechnungskammer, daß im Laufe der weiteren Untersuchung die Unstimmigkeiten sich aufklären würden. Diese Erwartung habe sich nicht erfüllt. Die Sache fei dann, im Einverständnis mit dem Kreisausschuß, von der Kreisverwaltung der Staatsanwaltschaft zur Untersuchung übergeben worden, da dieser Behörde natürlich weitergehende Möglichkeiten zur Ver ügung stünden, als der Kreisverwaltung. Diese Untersuchung bei der Staatsanwaltschaft s,/webe noch, und über das bisherige Ergebnis könne er (Redner) dem Kreistag keine Mitteilung machen, da er darüber nicht orientiert fei. Er habe der Staatsanwaltschaft mitgeteilt, daß die Kreisverwaltung alle Maßnahmen unterstützen werde, um den Vorfall restlos aufzuklären. Die Sache werde allerdings dadurch erschwert, daß der vermutliche Täter inzwischen das Zeitliche gesegnet habe. Man werde es aber menschlich verstehen, daß man bei dem Andenken an einen Mann, der feit über 40 Jahren allgemein als Ehrenmann angesehen worden sei, doppelt vorsichtig sein müsse; jedoch solle durchaus nichts verheimlicht, sondern alles soweit wie möglich aufgeklärt werden. Deshalb fei die Sache der Staatsanwaltschaft übergeben. Das sei die kriminelle Seite der Angelegenheit. Die Kreis-
Am Samstag trat der reistag des Kreises Gießen im Regierungsgebäude zu Gießen unter dem Vorsitz des Oberregierungsrats Dr. Heß zu seiner diesjährigen ordentlichen Tagung zusammen. , , ,
Nachdem der Vorsitzende den im letzten 2apre verstorbenen Kreistagsmitgliedern L. Haas II Watzenborn, und He nr. Will VIII., Treis a. d. Lumda, einen ehrenden Nachruf gewidmet und der Kreistag die Entschlafenen durch Erheben von den Sitzen geehrt hatte, hierauf die Mandats- nachfolger Ludw. K l ö h , Treis a. d. Lda., Heinr. Wilh. Schmand t, Holzheim, in ihr Amt ein- geführt und verpflichtet worden waren, beantragten Abg. Schiefer st ein, Lich, namens der Rechten und Kreisausschußmitglied Benner, Wieseck, namens der Linken eine
Besprechung der ausgedeckten LWimmig- leittn bei der Kreiskasse Gießen nach dem
Tode des KreislaffedirttwrS Kauß
Der Antrag wurde einstimmig angenommen und gleichzeitig die Verwaltung um Auskunft darüber ersucht, was sie getan habe und in Zukunft zu tun gedenke.
Kreisausschutzmitgl Benner (Loz ), Wicseü betonte, es sei unverständlich, daß noch vor einem 2aVe in der Kreiskasse alles in Ordnung getreten sei und jetzt nach dem Tode des Kreiskassenoirektors Kauß mehr als 70 000 Ml. in der Kasse fehlen, die einfach verschwunden feien.
Der Borsitzcndc.ObcrregicrungsratDr. Hetz, erklärte, der Antrag des Hauses sei ihm sehr willkommen, da er andernfalls die Sache von sich aus namens der Kreisverwaltung zur Sprache gebracht haben würde. Die Verwaltung sei über diese Unterschlagung sehr erschüttert und erstaunt gewesen. Kautz habe über 40 2ahre dem Kreise Gießen als Kreiskasferechner gedient und sich überall des höchsten Vertrauens und unbedingter Anerkennung erfreut. Bei den Revisionen der Kreiskasse durch die OberrechnungLkammer seien ihm stets die allerbesten Zeugnisse über seine
Rasieren mit Musik.
Don Muntepnuke.
R a g u s a, 3uni 1929.
Den Stradone herunter bis knapp zur alten Rolandsäule in Ragusa, dann scharf rechts abgebogen: dort ist der saubere Rasiersalon des Herrn Riko Kucar. Dort wird man mit Musik barbiert. Und ein besonderer Lehrling ist da, der lediglich das Grammophon zu bedienen hat.
Herr Kucar ist nicht nur sehr musikalisch, sondern er weih auch sogleich, welcherlei Rationalität die Gäste sind, und behandelt sie höchst individuell hinsichtlich der musikalischen Ehrung.
„Aus Berlin?" fragt er noch einmal und befiehlt' „Ouvertüre Turandot von Puccini, gespielt vom Orchester der Berliner Staatsoper unter Kleiber!"
Wann hätte je in der deutschen Reichshauptstadt Herr Kleiber meine Rasur dirigiert! Dazu muß man schon in den Ferien nach Ragusa fahren. Sanft wie Puccini trällert das Messer über meine Wange und glättet sie herrlich — wie denn überhaupt auch sonst schon die Dalmatiner die besten Raseure der Welt sind.
Das Gespräch bleibt im streng Musikalischen. Schon sind wir bei Tino Pattiera. Der aus der Umgegend von Ragusa stammt und ein echter Kroat ist.
Bei wem läßt sich Pattiera, wenn er in der Heimat ist, rasieren? Bei seinem Freunde Riko Kucar! Durch Zufall bin ich gleich an die richtige Adresse gekommen.
Und da brauche ich nur die eben gekaufte neueste illustrierte Zeitung aus der Tasche zu ziehen, um Herrn Kucar die letzte Photo von dem berühmten Sänger zusammen mit seiner jungen Gattin, der scharmanten Erika von Thell- mann zu zeigen; womit die jugoslawisch-deutsche Freundschaft definitiv besiegelt ist und ich mit den glattesten Wangen der Welt, Puccini nachzitternd, den Salon des Herrn Riko Kucar verlasse, ihn im Herzen längst zu meinem ragusai- schen Leibbarbier ernannt habend. Ohne Musik rasiert zu werden, kann ich mir überhaupt nicht mehr vorstellen. Und zwar behandle man mich musikalisch individuell, nicht etwa nach dem Zufall irgendeines Radio-Lautsprechers!
Oer blinde Passagier.
Don 3. M. Sorry.
Einmal möchte ich einem Seemann begegnen, der mir nichts von blinden Passagieren zu berichten weih. 2ch glaube, es gibt keinen so wie es wohl kaum einen Transoziandampser gibt, der nicht schon blinde Passagiere an Bord gehabt hätte. Sie gehören zur Seefahrt, wie Schwielen zu Matrosenfäusten, sind ein unvermeidliches Uebel. Man rechnet mit ihnen und ist ihnen eigentlich nicht einmal ernstlich böse. An allen Küsten der Welt lungern sie herum und warten auf die günstige Gelegenheit.
2rgendwo liegt da ein Schiff im Hafen, ladet, löscht oder bunkert. Arbeiter kommen an Bord, Händler, Agenten, Reisende, Reugierige und... blinde Passagiere. Wer will sie unterscheiden von den anderen? Da nutzen keine Kontrollen, kein Absuchen aller Schlupfwinkel, Vorwände um an Bord zu kommen, finden sich immer.
Blinde Passagiere sind Menschen aus den verschiedensten Gesellschaftsschichten, mit den unterschiedlichsten Charakteren und Veranlagungen, nur das eine ist ihnen gemeinsam: der Mut zum Leben, auch durch das Abenteuer. Grund und Ziel trennt sie schon wieder voneinander. Manche sind eigentlich ehrsame, harmlose Dürgernaturen, denen die Heimat zu eng geworden ist und die Sehnsucht nach der gerne zu groß. Einmal auf fremder Erde, sind sie wieder Bürger wie ehedem, wachsen fest, arbeiten und schaffen. Die Fahrt als „Blinder" bleibt dann „das" Abenteuer ihres Lebens. Die anderes sind Abenteurer aus Pas-
dem Papst, nun und nimmer verzichten. Wenn er Eroberer heranbilde, so dürfe das Wort nicht schrecken. Friedfertigkeit und Gesättigtheit zur Schau tragen, das könnten sich die am Ziel angelangten Völker leisten, nicht aber Völker, die erst noch unterwegs sind.
Unsere Luftwaffe muß stärker sein, als die aller Nachbarn. Wir haben bereits England überflügelt und in drei Jahren werden wir hinter Frankreich nicht mehr zurückstehen! Sagt der Luft- wehrminifter Mussolini. Und sendet ein mächtiges Geschwader von fünfunddreißig Einheiten zur ersten Auslandsparade aus. Der Flug ging unter Führung Balbos und De Pinedos über Athen und Konstantinopel nach Odessa. Journalisten, das ist bezeichnend für die Propaganda der Himmelswaffe, saßen neben den Piloten und meldeten Tag für Tag die Erfolge, die begeisterten Empfänge bei den neuen Bundesgenossen im östlichen Mittelmeer, die unzweideutigen Trinksprüche, den Jubel der Russen und — die Scheelsucht der Franzosen. Die guten Bolschewisten scheinen die Faszisten förmlich in Butter gewickelt zu haben und zerschmolzen vor Rührung. Ein paar Dummköpfe, die darüber ins Schütteln gerieten, sollen nach Sibirien geschickt worden sein, um dort zu lernen, daß ein richtiger Kommunist zwei Gesichter haben muß, eines für den Hausgebrauch und eines für die Gäste.
In Rom, das allerdings eine starke Festung ist, sind wir die donnernden Propeller schon so gewohnt wie die Sonne, die tatsächlich auf Sekunden verdunkelt wird, wenn die gewaltigen Maschinen tief fliegen. Nur die Unkenntnis der Ziele Musso- linis oder militärischer Unverstand konnte glauben, Italien werde die Pineta Sacchetti, wo sich eines der
gebracht hätte, diese Banalität bei den Hörnern zu fassen. Mit schönen Worten überzeugt man mich nicht. „Unsere Fahnen umstrahlt der Ruhm von gestern, auf unseren Bajonetten aber glänzt die Hoffnung von morgen!" So schloß unter dem donnernden Beifall des Rates der Vierhundert der fafziftifche Sekretär Turati (eine Rede zum Wehretat. Der Oberkommandierende der Schwarzhemden, eine Armee, die größer ist als das stehende Heer, nickte zu diesen Worten so ernsthaft, wie er ironisch zu den Aufklärungen des Salonreporters genickt halte. Die fafziftifche Miliz, so beantwortete er eine besonders im Ausland oft erörterte Frage, wird im Kriegsfälle Schulter an Schulter mit den königlichen Truppen kämpfen.
Einige Tage später sah man ein entsprechendes Bild bereits bei der Königsparade. Die ausländischen Offiziere, die ihr beiwohnten, waren des Lobes voll über die Ausrüstung,, den Schneid und den Drill der Truppen. Die säszistische Miliz hat es naturgemäß schwer, Schritt zu halten, was den äußeren Glanz anbetrifft. Das mehr praktische als dekorative Schwarzhemd beeinträchtigt etwas den Schmiß. Dafür geht sie mit dem Elan der Jugend vor und Jahr für Jahr wachsen dem Duce neunzigtausend neue Gewehre durch die kriegerische Erziehung des Nachwuchses in die Arme.
Auf diese kriegerische Erziehung durch den Staat und nur durch den Staat könne er, so antwortete er
Rom, Juni 1929.
Während die „Flügel Italiens" die Sonne verdunkelten von Brindisi bis Odessa, ein Kreuzer- gejchwader aus den spanischen Gewässern zurück- rehrte und eine Flotille von Unterseebooten und Torpedojägern zu einem Vorstoß in den Atlantischen Ozean auslief, hat Mussolini mit einem Federstrich die Altersgrenze für die militärische Dienstzeit vom neununddreißigsten Lebensjahr auf das fünfunbfünffligfte hinausgerückt.
Zeichen der Zeit, die nur der nicht verstehen kann, der den Genfer Diplomatendialekt für die Weltsprache hält. Oder gläubigen Herzens ist wie jener brave deutsche Professor, der in Rom die Hauptstraßen mit riesigen Buchstabengirlanden überspannt sah, die in Flammenschrift die bummelnde Nacht- sagend mahnten: Tretet ein in die arma del cielo! Worauf er sich hinsetzte und einen Artikel schrieb, Mussolini lade die Jugend ein, mit den Waffen des Himmels, das heiße also, mit christlichem Gebet, für den Frieden zu wirken. Ein kleiner llebersetzungsfehler, denn mit der Himmelswaffe find Bombenflugzeuge gemeint.
Gefährlicher als solche Ausdeuter find natürlich die gewerbsmäßigen „Pazifisten", die nicht müde । werden, mit dem Geschrei über die Tod und Ver- j derben sinnende deutsche Reichswehr mit ihren Tanks aus Kistenholz die fieberhaften Ruftungen der wirklichen Militärmächte zu verschleiern. Oder die fragwürdigen Politiker, die über den Militarismus der Hunderttausendarmee zetern, um die bereits über den Rhein und bis an die Tore Dresdens vorgedrungenen Millionenheere zu rechtfertigen. Auf keinem Gebiet wird ja mit so viel Heuchelei und Eamousbage gearbeitet, wie auf militärischem. Gibt es doch sogar ständige Kritiker der Schweizer Miliz, die schon verdächtig erscheint, weil sie tüchtig ist.
Eines aber ist merkwürdigerweise verschwunden: die tit. Firma Haß k Hetze hat ihren zugkräftigen Entrüstungsartikel „Schimmernde Wehr liquidiert. Ausoerkauft. Nicht mehr gefragt. Merkwürdig? Nicht doch, denn er ist ja von anderen Mächten übernommen und folglich salonfähig empfunden worden. Was beim Ka'jer shocking war, ist bei PoincarE dernier cri. Als General Hojfmann in Breft-Litowsk kräftige Soldatenworte gebrauchte, ad) (Sott, wie rang da die Welt über den Säbel- rafflet die Arme. Als ein Jahr später Marschall Foch im Walde von Compiegne nicht weniger geräuschvoll mit seinem Säbel umging, da lispelte dieselbe Welt mit gottgefälligem Augenauffchlag von dem Triumph des Rechts und der Gerechtigkeit. Die „schimmernde Wehr" in deutschem Munde war ekelerregend, wenn heute Italien stolz darauf ist, rührt sich keine Feder der damaligen Moralprediger. Und das ist auch in der Ordnung so, denn bekanntlich haben wir vor zehn Jahren ein für allemal den Frieden eingeführt.
Ab und zu kommen Leute nach Rom und machen Mussolini darauf aufmerksam. Ein Salonreporter hat ihm versichert, daß nicht nur die deutsche Republik, sondern auch Paneuropa eine vollzogene Tatsache sei. Emil Ludwig gab sich, um vorgelassen zu werden, als das Gegenteil dessen aus, was er jenseits der Alpen mimt, schwärmte von Napoleon und Gewaltmenschen und fand den Duce einfach bestechend. Mussolini nickt zu allem liebenswürdig und tut wie oben. Es ist ja schrecklich, es gestehen zu müssen, aber leugnen läßt es sich nun einmal nicht: er glaubt nicht an den Genfer Storch!
Er rüstet, rüstet, rüstet. Und er ist nicht bescheiden wie der scheinheilige Lumpe, sondern freut sich der Tat. Je wehrfähiger er sein Volk weiß, um so höher trägt er die Stirne. Ich bin ein Ketzer, pflegt er zu sagen, wenn man ihm mit dem Weihrauch der Abrüstungskomödien kommt, denn ich glaube nicht, daß man den Krieg bannen kann, indem man den Schwächeren noch schwächer und damit den Stärkeren um so angriffsluftiger macht. Wir sind gerne bereit, die Waffen niederzulegen in dem Augenblick, w o auch die anderen es tun, und wenn das banal klingt, so ist doch noch niemand in' Genf aufgeftanben, der den Mut auf-
wichtigsten Forts befindet, dem vermeintliches Kirchenstaat abtreten. Das harte Erwachen aus dem Kirchenstaatstraum wird ja überhaupt manchen ver*. anlassen, Mussolini fortan nicht mehr so zu sehen, wie man ihn gerne haben möchte, sondern so, wie er ist.
Und der M a r i n e m i n i ft e r Mussolini? Er will an Qualität wettmachen, was ihm an Masse fehlt. Der deutsche Panzerkreuzer A wurde In dieser Beziehung als Muster aufgestellt. Die Engländer haben bereits herausgebracht, daß die zwölf neuen italienischen Kreuzer die schnellsten der Welt sind. Die Geschwindigkeit der „Trento" und „Triefte" wurde bisher nur von Torpedobooten erreicht. Sie entwickeln 150 000 Pferdestärken, das sind 6000 mehr als der englische Modellkreuzer „Hood", und laufen 37 Knoten. Ein Rekord, den auch die kleinere Klasse der „Cadorna" und „Diaz" erreicht. Namen, die ebenso wie die „Bolzano" und „Sorizia" zeigen, das Italien nicht gewillt ist, auf seinen Kriegsruhm zu verzichte^, mag er nun im Ausland bestritten werden oder nicht.
Der Innenminister Mussolini hat volles Verständnis für den Vorschlag des Kriegsministers Mussolini, die Freude an der schimmernden Wehr mit allen Mitteln im Volke zu wecken und zu pflegen. Wohin steuert er denn nun? Was will er eigentlich? fragt die Welt. Nun, die Antwort, die der Chef der italienischen Regierung, Mussolini, gegeben hat, ist sehr einfach: Er hält es nicht für ausgeschlossen, daß Europa von einem neuen Krieg heimgesucht wird. In fünf ober längstens zehn Jahren wirb ber kritische Zeitpunkt erreicht sein. Unb Italien will bann nicht wehr* l o s bastehen. Das ist alles.
„Blinde" kann sich zudem noch unter der Kohle vergraben. Als ein Häufchen schwarzen Unglücks kommt er da wieder heraus. Dann erfolgt ein mehr ober weniger ernst gemeinter Anschnauzer durch den Kapitän, und der blinde Passagier wird au die Dauer der Reise in die Arbeitsgemeinschaft des Schiffes ausgenommen. Für Verpflegung unb Unterkunft leistet er seinen Dienst als Matrose ober Heizer bis zum nächsten Hafen. Dort beförbert man ihn, wenn es geht, an Canb. Aber bas geht nidjt immer. Einige Länber, besonders Amerika und das Britische Reich, haben strenge Vorschriften für Aussetzung blinder Passagiere. Der Kapitän des jeweiligen Schiffes muß hohe Kaution für den Abtransport des „Blinden" hinterlegen, die zu zahlen er sich natürlich scheut unb ben Sünber bann lieber bis zum nächsten Hafen mitnimmt. So passierte uns auf einer Reise von Marseille nach Schanghai, baß sich zwei blinbe Passagiere an Bord fanben, bie ein Einreisevisum für China besahen. Wir fuhren über Alexanbria, Aben, Kolombv, Singapur. Alle biese Häfen stehen unter englischer Oberhoheit, mithin war es, um Kosten zu sparen, natürlich rentabler, bie beiben bis Schanghai mitzunehmen unb bort auszuschi-fen. Manchmal sinben sich auch blinbe Passagiere nach ben Vereinigten Staaten. Ein Anlanbs^affen ist aud) mit beträchtlichen Kosten verknüpft unb so ist man gezwungen, sie auf ber Rückreise mitzunehmen. Ein beliebter Trick ber „Dlinben" ist, in engen Seepassagen, in Kanälen ober in ber Rähe von Canb über Dorb zu springen. Oft werden sie dabei eine Beute der Haie. 2m Panamakanal sprang uns einmal ein „Blinder" über bie Reeling. 2m Wasser schwammen einige Krokobile, anbere lauerten am Ufer. Aber bas Wunber geschah bennoch. Der Tollkühne erreichte glücklich bas Ufer.
Es kommt auch vor, bah man die „Dlinben", wenn sie tüchtige Seeleute finb, an Borb behält unb anheuert. 2a, mancher Kapitän ist zuweilen froh, blinbe Passagiere an Borb zu haben. Sie finb Arbeitskraft, bie seine Besähung entlasten.
Eines ist sicher: blinbe Passagiere finb ein un- vermeibliches Uebel. Solange Schiffe burch bie Ozeane fahren, wirb es bie „Blinben" geben. Sie finb ein Stückchen Romantik in der sonst so sachlich geworbenen Seefahrt!
Italiens schimmernde Wehr
Don unserem römischen ^-Korrespondenten.
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