Nr. 126 Drittes Blatt Eichener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen) Samstag, 1. Juni 1929
Oer Gießener Voranschlag für 1929.
IV.*)
Das Kapitel „Allgemeine Verwaltung" erfordert nach dem Voranschlag für 1929 einen Zuschuß von 532 997,09 Mark gegen 526 5J3.84 Ml. im Vorjahre. Der weitaus größte Teil davon entfällt auf den Titel „Stadtverwaltung", für den allein 352 935,80 Mk. gegen 346 077,84 Mk. Zuschuß zu leisten sind. Die an sich geringe Steigerung ist auf zwangsläufige Auswirkung des Besoldungsgesetzes auf erhöhte Leistungen für Kranken- und Invalidenversicherung und auf Materialpreissteigerungen zurückzuführen. Die Aufwendungen für die Besoldung der Mitglieder der Stadtverwaltung selbst haben sich gegenüber dem Vorjahre verringert, da durch das Ausscheiden des Bürgermeisters Dr. Frey aus der Stadtverwaltung bekanntlich eine Ma- gistraisstelle frei geworden ist, die aus Ersparnisgründen nicht wieder beseht wurde. Durch diese Senkung des Gehaltskontos für die Mitglieder der Stadtverwaltung war es möglich, erhöhte Anforderungen an anderer Stelle dieses Titels auszugleichen und infolgedessen auf die in der Gesamtheit nur mäßige Erhöhung des Zuschuh- betrags zu kommen. Besonders erfreulich ist, daß. in diesem Titel die Mittel für Derkehrswerbung in gleicher Höhe wie im Vorjahre, nämlich mit 10 000 Mk., vorgesehen sind. Wenn auch manche Wünsche auf eine größere Bemessung dieser produktiven Mittel keine Erfüllung gefunden haben, so ist es doch wenigstens mit Genugtuung zu vermerken, daß der Zwang zu Abstrichen infolge der Ersparnisnotwendigkeiten sich nicht auch hier ausgewirkt hat. Beim Titel „Versicherungsamt, Standesamt, Ortsgericht" ist eine Ausgabenverminderung infolge verringerter Besoldungs- aufWendungen zu vermerken: hier konnten rund 6000 Mk. eingespart werden, so daß. für diese drei Dienststellen im neuen Wirtschaftsjahre insgesamt nur ein Zuschuß von 29 276,67 Mk., gegen 35 053 Mk. im Vorjahre, erforderlich sind. Der Titel „Wohnungsamt, Mieteinigungsamt und Instand- sehungsstelle" hält sich mit einem Zuschuß von 8947,62 Mk. gegen 8923 Mk. im Vorjahre ungefähr auf alter Höhe. Dagegen hat der Titel „Ruhegehalte, Witwen- und Waisengelder" eine geringe Erhöhung auf 141 837 Mk. Zuschuß, gegen 136 500 Mk. im Vorjahre, erfahren.
Für das Kapitel „P o l i z e i v e r w a l t u n g" sind im Verwaltungsjahre 1929 nach dem Voranschlag 155 255,46 Mk., gegen 147 612 Mk. im Iahre 1928, als Zuschuß aufzubringen. Davon entfallen auf die Baupolizei 30 660,46 Mk. (im Vorjahre 22 325 Mk.), auf die Feldpolizei 20190 Mk. (im Vorjahre 19 692 Mk.). In beiden Fällen sind die Mehraufwendungen durch erhöhte Besoldungsverpflichtungen und gesteigerte Materialkosten bedingt. Der Beitrag unserer Stadt zu den Kosten der staatlichen Polizei (87 Polizeistellen je 1200 Mk.) beläuft sich auf 104 400 Mk., während er im vorigen Iahre 105 600 Mk. ausmachte.
Erhebliche Mehraufwendungen werden für das Kapitel „Schulen" angefordert. Hier soll sich der Zuschuß für das Rechnungsjahr 1929 auf 487 069,73 Mk. gegen 402 561 Mk. im Vorjahre belaufen. Das Stadtschulamt mit einem Zuschuß von 3167 Mk. steht nicht wesentlich über der Aufwendung im Vorjahre im Betrage von 2910,50 Mark. Für die Volksschulen sind nach dem neuen Voranschlag 86 597,70 Mk. gegen 67 044,20 Mk. aufzubringen. Diese Erhöhung wird in der Hauptsache bewirkt durch die Einstellung von 15 0Ö0 Mk. Zinsen für die Anleihe, die zur Errichtung des neuen Dolksschulgebäudes ausgenommen werden mußte, sodann durch zwangsläufige Erhöhungen für Gehälter und Materialbeschaffungskosten. Daß wir diese Mehrbelastung auf uns nehmen müssen, liegt auf der Hand, wenn wir uns vergegenwärtigen, daß der neue Schulhausbau wirklich einer dringenden Notwendigkeit entspricht, nachdem man vor dem Kriege nicht zu einer Erweiterung der Volksschulgebäude geschritten war. Die Horte, für die im vorigen Iahre 7618 Mk. auf» zuwendcn waren, sollen im neuen Iahre 7403 Mark erhalten. Für die Fortbildungsschulen hat sich eine Zuschußnotwendigkeit von 23 169,80 Mk. gegen 9767,30 Mk. im Vorjahr eergeben. Auch hier erklären die Zinsen in Höhe von 10 000 Mk. für die Anleihe zu Fortbildungsschulneubauten den gesteigerten Bedarf zum größten Teile, während der Restbetrag auf erhöhte Materialbe- schaffungslosten entfällt. Lyzeum und Studienanstalt sind mit einem Zuschuß von 100 114,23 Mk. gegen 94 844 Mk. im Vorjahre aufgeführt; davon entfallen auf das Lyzeum 71 963,83 Oliart (im Vorjahre 65 956,50 Mark) auf die Studienanstalt 28150,40 Mark (im Vorjahre 28 887,50 Mark). Beim Gymnasium hat sich der städtische Zuschuß von 60 334 Mark un Vorjahre auf 56 402 Mark im neuen Iahre vermindert, beim Realgymnasium dagegen von 58053 Mark im Iahre 1928 auf 78 457 Mark und bei der Oberrealschule von 87 479 Mark im Vorjahre auf 101 243 Mark im neuen Iahre erhöht. Beim Realgymnasium spielt ein Betrag von 15 225 Mark für außerordentliche Herstellungsarbeiten an dem Gebäude eine besondere Rotte bei der Kostensteigerung, bei der Oberrealschule sind für außerordentliche Herstellungsarbeiten 2250 Mark in Ansatz gebracht. Im übrigen bewegen sich die Ziffern dieses Sitelä teilweise in Senkungen und Erhöhungen auf dem Gehaltskonto. Insgesamt wären im neuen 2apre für die drei höheren Knabenschulen 235 598 Mark Zuschuß, gegen 205 362 Mark im Vorjahre zu leisten. Die Gewerbe- und Maschinenbauschule macht für das neue Iahr einen Zuschuß von 24 000 Mark gegen 8000 Mark im Vorjahre notwendig. Dem Verein Alice-Schule sollen für seine Anstalten im neuen Rechnungsjahre 6000 Mark gegen 5000 Mark im Vorjahre zufließen. In der Gesamtheit betrachtet ist zu sagen, daß die Schulen auch in diesem Iahre erhebliche Anforderungen an den Stadtsäckel stellen. Es handelt sich hierbei aber um die Heranbildung des Nachwuchses. der später schwere Aufgaben in der Leistung der Wiederaufbauarbeit unseres Volkes zu erfüllen hat. Für die geistige Befähigung unserer Iugend zur Bewältigung dieser Aufgaben derart finanzielle Anstrengungen zu machen, mag manchen Bürgern schwer erscheinen, diese Opfer
*) Teil! in Nr. 109 vom 11. Mai, II in Nr. 115 vom 18. Mai, III in Nr. 120 vom 25. Mai.
25 Jahre Hess. Handwerkerzenlrasgenossenschaft. |
Am 1.Juni 1929 kann die hessische Hand- werkerzentralgenossenschaft die 2 5. Wiederkehr ihrer Gründung feiern. Als Einrichtung der Handwerkskammer zu Darmstadt von umsichtigen Führern des Handwerks mit inzwischen abgelöster Staatshilfe gegründet, hat sich diese Genossenschaft aus kleinen Anfängen zu einer beachtenswerten Höhe entwickelt. Ursprünglich mit der Versorgung des Handwerks mit Wertmaschinen befaßt, die im Laufe der Jahre Taufende von Handwerksbetrieben maschinell neuzeitlich versorgte, wandte die Genossenfchaft ihre Aufmerksamkeit später anderen Arbeitsgebieten, z. B. Versorgnung des Bäckergewerbes mit Kohlen, Backmaterialen u jw.zu.
In mühsamer Kleinarbeit aufbauend, durch persönliche Tüchtigkeit der Leitung gelang es, von Jahr zu Jahr die Umsätze zu steigern, den Handwerkern, die sich dieser Einrichtung bedienten, im wahrsten Sinne des Wortes Helfer und Förderer zu sein.
Die Kr i e g s j a h r e brachten der Handwerker- zentralgenossenschaft neue und schwere Arbeitsgebiete. Mit der Handwerkskammer in engster Gemeinschaftsarbeit wurde versucht, eine Beteiligung des hessischen Handwerks an den Heeres- lieferungen herbeizuführen. Nachdem alle Schwierigkeiten in organisatorischer und technischer Hinsicht überwunden waren, konnten weite Kreise der verschiedensten Handwerkszweige des Hessenlandes laufend während der Kriegsjahre mit Arbeit versorgt werden. Zwangsläufig ergab sich dann, die aus den Kriegsmaßnahmen entstandenen Verhältnisse zum Nutzen des Handwerks zu verwerten, was durch Inbetriebnahme der Lederzuschneidestelle, der Nohstoffversor- g u n g zahlreicher Handwerkszweige, der Verwertung von Altmaterial, Versorgung Minderbemittelter und was diese schweren Zeiten alles mit sich brachten, durchaus gelang. Es ist wohl angebracht, auch an diese Dinge einmal zu erinnern.
Neue Ausgaben, nicht minder schwer zu lösen, ergaben sich dann in den Nachkriegsjahren. Zunächst galt es, an der Verwertung des Heeresgutes in einem für die Wirtschaft günstigen Sinne mitzuarbeiten, für das hessische Handwerk Arbeitsmöglichkeit bei der Lieferung von Reparationsmöbeln zu gewinnen. Dann kam die schwere Zeit der Inflation, die der Genossenschaft größte Belastung aufer- legte. Die Markstabilisierung, die Aufhebung der Zwangswirtschaft für Getreide brachte wieder neu zu lösende Probleme. Neue Abteilungen für Bearbeitung der von der Handwerkskammer sofort nach der Inflation aufgenommenen Kreditwirtschaft, für Versorgung des Bäckergewerbes mit Mehl, des Schuhmacherhandwerks mit Rohmaterial wurden geschaffen und jahrelang durchgeführt zum Nutzen des gesamten Handwerks.
So hat die hessische Handwerkerzentralgenossen- schast in den 25 Iahren ihres Bestehens, sich besonders beweglich anpassend an alle neuen großen Aufgaben der von fortgesetzten wirtschaftlichen Erschütterungen heimgesuchten letzten 15 Iahre, als eine durchaus zuverlässige Einrichtung für das heimische Handwerk sich erwiesen. Wie viele handwerkliche Einrichtungen gleicher Art in Deutschland sind den Zeitverhältnissen zum Opfer gefallen! Die hessische Handwerkerzentralgenossenschaft konnte sich trotz der Zeiten Mißgunst behaupten, zum Segen und Nutzen des heimischen Handwerks, dank der in jeder Weise uneigennützigen, nur auf das Wohl des von ihr betreuten Berufsstandes bedachten Leitung.
Möge die hessische Handwerkerzentralgenossenschaft, unentwegt von Zeit- und wirtschaftlichen Strömungen, auch weiterhin ihre segensreiche Tätigkeit für das hessische Handwerk entfalten!
Mutterbau zeigt festgetretene
Der alte vor seinen sitzen auf Hasen und Nie raubt
Flächen Fliegen
lleberall entdeckt der Kundige im Walde die Spuren, wo Grimbart, der Dachs, im Boden nach allerlei Würmern und Larven „gestochen" hat. Hat er auch in Hessen schon seit 15. Mai Schuhzeit, so sollte man ihn als einen Feind zahlreicher Schädlingslarven, Darunter auch der Larve der Rachenbremse, die unser Rot- und Rehwild bedroht, doch ungeschoren lassen.
Wenn im Walde die Beeren reifen, beginnt eine Zeit, wo es besonders heißt, die Augen aufmachen und die eifrigen Sammler etwas unter die Lupe nehmen. Zu oft sind Beeren und Pilze nur Vorwand, und Schlingensteller und verwandte „Gewerbetreibende" verstecken sich dahinter.
Hubertus.
recht starke Iunghasen, ein Zeichen, dah doch nicht alles vom ersten Satz dem langen Winter und späten Frühjahr zum Opfer fiel.
Bei unserem Wildgeflügel sind vielfach die Gelege schon ausgefallen, und die Henne führt ihre Kinderschar ins Leben ein. Der Ausfall der Hühner- und Fasanenjagd hängt, wie der der Entenjagd, nun häufig noch stark von der Entwicklung der Witterung ab. Daneben aber muh, wie stets, der Schutz des Menschen gegen die Feinde der Niederjagd, stromernde Katzen, jagende Hunde, schlüpfende Wiesel und lüsterne Krähen, helfend eingreifen.
Voller Erwartung schlug manches Iägerherz dem 1.3uni entgegen. Bedeutet er doch für den hessischen Iäger den Aufgang der Jagd, die für die Mehrzahl deutscher Weidmänner den Höhepunkt des Weidwerks bedeutet: die Iagd auf den roten Dock. In tiefem Schwarz liegen sonst die Jagdscheine, Hegezeit überall. Durch besondere Verordnung hat der preuhische Staat für verschiedene Wildarten besondere Schuhzeiten zum Ausgleich der Winterverluste eingeführt und dabei auch den Aufgang der Dockjagd für sein Gebiet erst für den 1. Iuli freigegeben. Nach langem, entbehrungsreichem Winter hat das Rehwild sich wieder erholt und trägt nun fein leuchtendes Sommerkleid. Steckt es zu Monatsbeginn noch meist im Walde, so locken bald die hohen Getreidefelder, wo die lästigen Dlutsauger aus der Insektenwelt es nicht so quälen, und wo es die Ruhe findet, die es liebt. Dorthin führt die Ricke ihr Kitz, und dort nascht auch der Dock gern an Feldrainen und Ackerrändern ynd fühlt sich sicherer als am Waldesrand und auf der Waldwiese, die ihm im Mai die Aesung boten. Nach dem harten Winter muh Mahhalten im Abschuß Gebot sein. Nur ein planvoller Abschuh bietet auf die Dauer die Gewähr einer stetigen Nutzung und gewährt dabei Weidmannsfreude und Defrie- digung.
Auch Rot -und Damwild haben „verfärbt". Das Wild steckt gern in geschlossenen Laubhölzern, oder im Getreide. Suhlen und Salzlecken üben eine unwiderstehliche Anziehungskraft aus. Ende des Monats beginnen die Hirsche mit dem Fegen.
Das Schwarzwild findet überall in Forst und Flur reiche Aesung und ist im Einhalten der Wechsel wie in der Zeit des Austretens ganz unzuverlässig.
Der Haie sorgt werter für die Erhaltung seiner Sippe. Erfreulicherweise sieht man schon
Rohren, und buntschillernde _ _ Resten von Mäusen, Maulwürfen, Hausgeflügel: Reinekes Kinderstube. ____ _____die Fähe mehr als jetzt. Dald aber sind die Iungen so weit entwickelt, dah die Mutter sie in die Felder hinausführen kann, wo vielfach ein einfacher Notbau bezogen wird, älnd von hier lernt dann die junge Sippschaft, wie ein Fuchs sich durch das Leben schlägt.
Die Lag- im Juni.
sind aber — wenn wir es einmal materiell ausdrücken sotten — zweifellos eine gute Kapitalanlage, die unserer Dolksgesarntheit später wieder zugute kommen wird.
Das Kapitel ,Lunft und Wissenschaft" schließt mit einem Zuschußbedarf von 125 666,97 Mark gegen 100 761,97 Mark im Vorjahre ab. Davon entfallen auf das Stadttheater und die Waldbühne (letztere steht nur mit 200 Mark für bauliche Unterhaltung der Einrichtungen im Voranschlag, spielt mithin keine besondere Rolle), 88 876 Mark gegen 67 938 Mark im Vorjahre. Bemerkenswert ist beim Stadttheater vor allem, daß man die Ausgaben für Opern- und Dperettengaftfpiele von 62100 Mark im Vorjahre auf 60 000 Mark für das neue Jahr herabgemindert hat, während für Fundusunterhaltung und -Neuanschaffungen eine Erhöhung von 14 500 Mark auf 18 000 Mark vorgesehen ist, weiter ist wichtig, daß man für den Ausbau der Feuerschutzanlagen im Theatergebäude 7800 Mark aufwenden will, ferner für Unterhaltung und Neuanschaffungen für die Bühneneinrichtung und Umbau des Bühnenstellwerks 7000 Mark (im Vorjahre 2000 Mark) rechnet. Die Erhöhung für Fundusunterhaltung und -Neuanschaffungen um 3500 Mark erscheint uns recht knapp, wenn man sich von Augen hält, was ein solcher Betrag bei einer derartigen Aufgabe heutzutage bedeutet. Eine Etat- Überschreitung ' dürfte jedenfalls hier recht wahr- fchcinlich sein. Im übrigen dürfte auch dieser Titel zu Bemerkungen wohl keinen weiteren Anlaß geben. Dem Oberhessischen Museum läßt die Stadt mit einem Zuschuß von 11 315 Mark (im Vorjahre 8651 Mark) ihre Förderung zuteil werden, dem Oberhessischen Kunstverein sollen wieder, wie im Vorjahre, 2050 Mark zufließen, der Volks-Lesehalle ebenfalls der Vorjahrsbetrag in Höhe von 3912,80 Mark, für Beiträge an Vereine im Dienste der Wissenschaft und Kunst sind 6603 Mark (im Vorjahre 6300 Mark) vorgesehen, für die Zwecke der Landesuniversität 12 910,17 Mark (im Vorjahre 11910,17 Mark), sämtlich Beträge, gegen die wohl nichts einzuwenden ist.
Taten für Tonntag, 2. Juni.
I 2. Iuni: Der Maler Fritz August v. Kaulbach in München geb.; 1863: Der Komponist und
I Dirigent Felix v. Weingärtner in Zara geb.
Taten für Montag, 3. Juni.
3. Iuni: 1844: Der Dichter Detlev v. Lilien- cron in Kiel geb.; 1875: Der Komponist Georges Dizet in Dougival geb.
Die Verlängerung her Polizeistunde.
Die Hess. Amtliche Pressestelle teilt mit: Der Minister des Innern hat eine Anordnung getroffen, die am 3. Iuni 1929 in Kraft tritt und eine Neuregelung der Polizeistunde und der öffentlichen Tanzlustbar- leiten bringt. Dem von mehreren Seiten geäußerten Wunsch auf gänzliche Aufhebung der Polizeistunde konnte allerdings nicht ftattgegeben werden. 11. a. stand dem die notwendige Rücksichtnahme auf die im Gastwirtsgewerbe beschäftigten Arbeitnehmer entgegen. Die Polizeistunde wurde einheitlich für das ganze Land auf l llhr festgesetzt. Eine besondere, der weitergehenden preußischen Regelung in Frankfurt und Wiesbaden angepaßte Anordnung für Offenbach und Mainz ist nicht getroffen worden. Dagegen ist die seitherige, sehr weitgehende Praxis, wie sie gegenüber Gesuchen um Verlängerung der Polizeistunde in Hessen aus- geübt wurde, vorbehaltlos beibehalten worden. Im übrigen ist erneut veranlaßt worden, daß die Gewerbeaufsichtsämter besonders streng auf die Einhaltung der Arbeitszeitbestimmungen, die zugunsten der Arbeitnehmer erlassen sind, achten.
Auch über öffentliche Tanzlustbar- leiten enthält die Anordnung des Ministers neue Destimmungen, durch welche die von der Devölkerung vielfach als mißliebig empfundenen Deschränkungen der seitherigen Regelung aufgehoben werden. Die öffentlichen Tanzlustbarkeiten sind nicht mehr auf wenige Tage in der Woche oder im Monat oder gar im Iahr — wie dies in den Landgemeinden vielfach der Fall war — beschränkt, sondern es kann unabhängig davon, wie oft bereits in der betreffenden Gemeinde getanzt wurde, Tanzerlaubnis erteilt werden. Die seither gültigen Richtlinien, die genau bestimmten, wieviel Tanzvergnügen an einem Orte innerhalb eines bestimmten Zeitabschnitts stattfinden durften, sind außer Kraft gesetzt.
Das Gießener Siudenienhans.
Wie schon mitgeteilt, findet die Grund- teinlegung für das Gießener Studentenhaus am morgigen Sonntag, 2. Iuni. pünktlich um 12 Uhr statt. Es werden daran — wie man uns schreibt — führende Persönlichkeiten Hessens aus Politik, Industrie, Handel und Beamtenschaft teilnehmen. So werden der Staatspräsident Dr. h. c. Adelung und der Präsident des hessischen Landtags Delp anwesend sein, um 11,30 llhr werden der Asta und die Korporationen mit ihren Chargierten in geschlossenem Zuge unter Begleitung der Militärkapelle von dem Universitätsgebäude zum Bauplatz hinaufmarschieren und dort Aufstellung nehmen. Der Bauplatz selbst ist festlich hergerichtet. Die Feier wird mit Musik der Militärkapelle eröffnet. Dann werden sprochen: Der 1. Vorsitzende der Gießener Studentenhilfe, Prof. Dr. Eger, der Staatspräsident Dr. h. c. Adelung, Se. Magnifizenz der Rektor der Landesuniversität Prof. Dr. Herzog, der Oberbürgermeister der Stadt Gießen, Dr. h c. K e 11 e r, und der Vorsitzende der Gie- jencr Studentenschaft stud. jur. Klaus. Nach Verlesung der Grundsteinlegungsurkunde undEin- ügung der Kapsel in den Grundstein erfolgen die Hammerschläge, worauf das Gaudeamus igitur den Abschluß des Festaktes bilden wird. Für die reibungslose Abwicklung des zu erwartenden starken Verkehrs wird die Gießener Polizeiverwal- tung Sorge tragen. Da diese Grundsteinlegung ein bedeutsames Ereignis in der Geschichte der Landesuniversität darstellt, wird der Festakt sicher die größte Beteiligung und das berechtigte Interesse aller Kreise der Gießener Bevölkerung und Oberhessens finden.
Als Auftakt fand gestern abend in der Neuen Aula em öffentlicher Vortrag mit Lichtbildern über das Thema „D a s Studenten- haus" statt. Der stellvertretende Hauptgeschäftsführer der Wirtschaftshilfe der deutschen Studentenschaft, Dr. T i 11 m a n s - Dresden, sprach einleitend über den Studenteichausgedanken im allgemeinen, wobei er hervorhob, dah diese Einrichtung zur Förderung der wirtschaftlich schwer ringenden Studenten auch heute noch ihre volle Berechtigung hat. Er legte dann im einzelnen die Leitgedanken des Studentenhauswerkes dar, die vor allem bezwecken, durch die Studentenhilfe aus dem Kreise der Hilssbedürf- tigen die Auslese, d. h. die Qualität der Studierenden zu fördern, dabei jebod) den Grundsatz der energischen Selbsthilfe des einzelnen im Rahmen feiner Möglichkeiten nicht auszuschliehen oder zu verwischen. Das Hilfswert der Studentenschaft dürfe sich aber nicht beschränken auf die Befriedigung materieller Bedürfnisse, sondern es müsse sich auch auf die Erfüllung geistiger Notwendigkeiten, wie Bücherbeschaffung usw., erstrecken. Die in Gießen geplante Form des Studentenhaufes, mit dem auch em Wohnheim für die Studierenden verbunden ist, bezeichnete der Redner als sehr zweckmäßig. Dem hiesigen Hilfswerk sprach er zum Schlüsse seine besten Wünsche namens der studentischen Wirtschaftshilfe aus. 2m Anschluß daran wies der erste Vorsitzende der Gießener Studentenhilfe, Professor Dr. Eger, an Hand einiger Lichtbilder die völlige Unzulänglichkeit der bisherigen Räume der Studentenhilfe überzeugend nach und begründete daraus sehr berechtigt die.Notwendigkeit der Schaffung des neuen Studentenbauses. Weiter machte er an Hand von Lichtbttdern (Bauzeichnungen) mit der geplanten Einrichtung des Studentenhaufes näher bekannt. Zu bedauern war nur, daß der aufschlußreiche Abend einen sehr geringen Besuch aus der Bürgerschaft gefunden hatte.
Verbandstagung der Hess. Kreise und Provinzen.
Dieser Tage fand die diesjährige Tagung des Verbandes der hessischen Kreise und Provinzen in Dingen statt. Die drei Ministerien waren unter Führung des Ministerialdirektors Dr. Reitz stattlich vertreten, ebenso der Hessische Städte- u'nd Landgemeindetag. Der Deutsche Landkreistag war vertreten durch seinen Präsidenten, Baron von Stempel.
Der geschäftliche Teil umfaßte Rechnungsablage, Voranschlag und den im Druck vorliegenden Geschäftsbericht. Der Teil des Geschäftsberichtes, der sich mit der Hessischen Versicherungsanstalt für gemeindliche Beamte besaßt, wurde einer besonders eingehenden Erörterung unterzogen. Sie gipfelte in dem Wunsch und dem Antrag, dah die bevorstehende Behandlung des Gesetzes in der Kammer eine endgültige Befreiung der Gemeindeverbände von der Versicherungspflicht bringen möchte. Nach der Vornahme von Ersatzwahlen für den in den Ruhestand getretenen Kreisdirektor Wolff für den Kreisdirektor Schön (Worms) in den Vorstand und Kreisdirektor von Werner (Erbach) als Stellvertreter für den Hauptvertreter im Vorstand des Deutschen Landlreistages eintrat, erstattet: Präsident von Stempel ein umfangreiches Referat über a I - tueHe Fragen der Kreiskommunalpol i t i k. In kurzen, aber treffenden Ausführungen berührte er die hauptsächlichsten Gebiete der Kommunalverwaltung. Er ging auf den Stand der Reichsreform ein, behandelte ausführlich die finanziellen Fragen, besonders den Stand der Auslandanleihen und die Ausgaoen- wirtschaft der Gemeindeverbände, verweilte bei den Steuerprojckten, Finanzausgleich usw., um sich dann dem großen Gebiet der Sozialpolitik zuzuwenden, wobei ausführlich die Kleinrentnerfürsorge, Arbeitslosenversicherung und Wohnungsbau behandelt wurden. Zum Schluffe wurde auf dem Gebiete des Straßenwesens das Vorhaben der Reichsregierung, Richtlinien für den Ausbau von Femstraßen zu erlassen, besprochen, und im Zusammenhang hiermit andere Fragen der Strahenunterhaltung und des Kraftwagenverkehrs behandelt. Auf besonderen Wunsch ließ sich der Referent noch bestimmen, seine Ansicht über das Kreisverfassungsrecht in Preußen vorzutragen. Den mit lebhaftem Beifall aufgenommenen Ausführungen folgte eine angeregte Aussprache, die unterbrochen wurde durch den fesselnden Vortrag des Bürgermeisters R i h e r t (Darmstadt) über die Gasfernversorgung in Hessen. Diese Frage, die wohl zur Zeit die umstrittenste in Hessen ist, regte zur lebhaften Debatte an.


