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Wandern und Reisen - Bäder und Sommerfrischen.

Nordlandparadies.

Don Paul Eipper.

Schweden ist ein Land mit wenig Ortschaften, aber vielem Wald. Unö in den Wäldern liegen überall große Moränenblöcke, graue, wild ver­zockte Steinungeheuer.

Pferde stehen auf den Weidegründen. Wohl­genährte, schöne Tiere, braun-graue, gelblich­fahle. Einige grasen, indes der Pullmancar vor­überrast. Aber die meisten stehen und schwingen aus, lockern sich in den Gelenken und lassen alles hängen, den Kopf, den Hals und die Deine. So, als seien sie auch am Ruhetag noch müde vom Fortkarren der steinernen Sündflut, die alle Felder, alle Wiesen und Wälder über­schwemmt hat, als vor tausenden von Zähren die Gletscher zum Ostmeer wanderten.

Der Reisende sieht lichte Herrensitze, von hohen alten Räumen umgeben: Bauernhäuser in stumpfem Rot, mit Weiß abgeseht. Alles aus Holz.

Sehr interessant, das Entstehen solcher Häuser zu beobachten: Untergrund sind jene Moränen­steine, die einen kühlen Keller abgeben. Darüber wachsen die Wände auf, in der Tat über Rächt: denn die gefugten Bretter werden einfach in- und übereinandergeschoben. Sn zwei Schichten, mit Seegras dazwischen zur Ssolierung eine schnelle und saubere Bauweise. Steil geschrägte, ungebrochene Dächer krönen diese Häuser wegen der Belastung durch enormen Schneefall.

Der Freund hat einen großen Park am Meer. Mit zehntausend Rosenbüschen in vielgestaltcter Art, protzige, bescheidene, hochgestielte, buschige, altmodische, hängende und kletternde Rosen, in rot, weiß, blaßrosa, gelb, orange, purpur und schwarz. Dazu dreißig verschiedene Kirschen­sorten und herrlich süße Erdbeeren. Sm Hühner­hof und draußen auf der Bucht zwischen den Felsblöckcn im Meer Casarca-Enten vorn Hima­laya, wilde Schwäne, kanadische Gänse, Gold­fasanen und weiße Puter. Ein englisches Boll­blut zum Morgenritt und einen schwarzen Ter­rier, der seine Seele in den Augen trägt. Pfir­siche wachsen an der Südwand des Gästehauses, wilde Heckenrosen und ein Feigenbaum.

Das Schönste aber, unvergleichlich, ist der ovale Wasserrosensee, den nur ein schmaler Weg vom Ostmeer trennt. Landeinwärts überschatten ihn hohe, schwarze Tannen, Findlingsblöcke liegen an den Ufern, und üppig sproßt das saftige Gras zwischen den Steinen.

~ Masserrolensee gleicht einem buddhisti- schen Götterauge. Warm ist das Wasser, un­bewegt und still: da es vom Tannenwald herbci- geleitet wird, glänzt es schwarz wie seidiger Samt. Große, rote Goldfische bewegen sich ge­dankenschnell dahin, stehen plötzlich still, senkrecht fast, und knabbern an den grünen Stengel- schlangen, die zu den Wasserrosenblättern leiten. Es sind runde Tellerblätter, große, leuchtend grüne, kleine, braune, glatte und gezeichnete. Unö die Blüten haben englische Ramen, latei­nische und pittoresk klingende indianische.

Aus dunklen Kästen wachsen vom Grund herauf die Blumen, schieben sich dichtgeschlossen und ganz langsam über den Spiegel und atmen durch ihre großen Tellerscheiben. Manche kriechen weit weg vom mütterlichen Platz und spannen die Stiele wie Saiten einer Geige: andere sitzen angeschmiegt im Herzen des eingeschnittenen Blattes.

Weiße Blüten sind da, gelbe, rote, und auch die ganz seltene blaue Wasserrose vom indischen Hochgebirge.

Wie zauberhaft ist solch eine Blume! Gold­gelbe Staubfäden stehen in der Mitte, ein sechs­facher Stern von dünnen Dlütenblättern um­schließt den Stempel, innen purpurrot, nach außen erblassend zu zartem Rosa kostbaren Kelchen gleich.

Am Morgen, wenn wir bei Sonnenaufgang die Retze hochnehmen im Meer, sind alle Blüten keusch geschlossen, jungfräulich und herb. Um zehn Uhr, wenn die Sonne heiß herniederbrennt, öffnen sie sich, enthüllen ihre Farben: der äußerste Stern ist niedergeklappt, berührt fast den Wasser­spiegel. Sobald die Sonne sinkt, so schließen sich die dünnen Schalen und hüten ihren Samen.

Auf einem bräunlich genarbten, kleinen Teller­blatt sitzt die große, dunkelrote Wasserrose mit dem indianischen Ramen. Sie brauchte fünf volle Tage, bis sie ihre geschlossene Spitze über den See erhob. Run springt sie zum erstenmal auf, entfaltet sich voll und tiefrot, zeigt im Herzen die goldgelbe Scheibe des Fruchtbodens, den Kreis der flaumigen Staubfäden, den vielfachen Kranz der Blätter.

Rur einen Tag dauerte die volle Pracht. Am nächsten Morgen legten sich die Staubfäden rot und fruchtschwer wie ein Baldachin gegen den Mittelpunkt, und um vier Uhr schloß sich die stolze Blume.

Am andern Morgen öffnete sie sich nicht mehr, lag müd und schwer als dicke Knospe seitwärts geneigt, und ging dann an der Stengelschlange langsam ins Wasser zurück, in den Tod.

Am späten Abend hat ein mitleidiges, grünes Tellerblatt die dahingeschwundene Herrlichkeit verdeckt.

Dampfer und Segelboote ziehen als Schemen grau in grau auf der Linie des Horizonts am Meer. Bon rechts naht nach dem Mittelgrund ein Schiff, das Langholz geladen hat. Hellgrüner Rumpf, große, ehemals weiße Segel mit regel­losen Flicken in grau, gelb und rotbraun. Schmale, unterschiedlich lange Stoffbahnen schieben sich wie die Pfeifen einer Orgel zackig nach der Mast- spitze, an der ein gelber Wimpel mit dem blauen Kreuze weht.

Man sieht keine Bewegung auf dem Schiff: aber es wird klein und immer kleiner, bietet bald die Breitseite und wird dann spitz, versinkt im flimmernden Horizont.

Die Ducht ist leer, und still liegt das Meer. Als der Abend aufkommt, treibt ein Fischer seinen schweren, plumpen Kahn in unseren Hafen. Er hat die Retze meines Gastfreundes gesäubert und bringt sie, sorgsam an runden Stangen­hölzern aufgereiht, zurück. Sm Dug des Rachens sitzen auf schmalem Brett seine beiden Enkelkinder, Knabe und Mädchen von zwei und drei Sahren, ernst in der Haltung, bewegungslos und stumm. Das Mädchen hat eine Puppe im Arm aus alten bunten Stofflappen, und beide Kinder tra­gen Flachsköpfe, die silbrig weih leuchten im letzten Sonnenlicht.

Schwer fällt dem fremden Gast der Abschied, und während das Trajektschiff im Gewittersturm sich bäumt wie ein übermütiges Roß, liegt er im Schlafwagen unten im Bauch des Dampfers und Berlin ist keineswegs ein begehrenswertes Ziel für ihn.

Am Chiemsee.

Don Wilhelm Haufenstein.

Er ist groß und zart. Cs gibt Morgen und Abende, wo er, von Westen nach Osten hin, am Gebirg vorüber angeschaut, die Weite eines Meeres zu haben scheint. Man kann das öst­liche Ufer aus den Augen verlieren. Doch auch von Rorden nach Süden gesehen, von der An­höhe bei Gstad herab und mit dem kräftig-ele­ganten Hintergrund der Kampenwand, also recht in seinen deutlichsten Grenzen aufgefaßt, ver­liert er nichts von seiner Gröhe. Und also an diesem See, um seine Größe her und mitten in ihr wird man niemals jenes Gefühls verlustig, das einen Zustand edlen Behagens, zarten Ver­trauens verbürgt: immer erlaubt dieser große, dieser bedeutende See, er, der so im geistigen wie im sinnlichen Maße weit ist, intime Empfin­dungen. Wer die Vereinigung des Snnigen und Zärtlichen mit dem Großen liebt, die Verbindung des Lieblichen mit dem schier Grenzenlosen, der wird diesen See suchen müssen und lieben. Shn wahrlich nicht minder als den Bodenseel Frei­lich denke ich jetzt nicht an die stürmischen Augen­blicke. Sie sind schlimm; schlimmer wohl als auf irgendeinem der bayrischen Seen. Seine Weite kann schrecklich sein. An trüben Tagen kann sie im Faden vergehn. An diese Augenblicke denke ich nicht. Sch entsinne mich jetzt der ruhigen, son­nigen Tage: jener Abende, da die Salzburger Alpen ganz hinten, jenseits des Südostufers, in der rosiggoldenen Luft verglühn und in ihr aufzugehen scheinen mit einer großartigen Lie­benswürdigkeit: an die Pfingsttage denke ich, wo die Wiesenraine der Ufer voller Blüten stehen. Dann ist der Chiemsee groß und zart im selben

Augenblick. Und daß dies sein kann, ist wunder­bar wie ein Märchen.

Die Fremden kennen ihn fast nur vom Hoch­sommer: wenn Ferien sind, wenn man in seinem linden Wasser badet. Wer Sommers dort ist, sollte sich vornehmen, ihn im Frühjahr wieder­zusehen. Dann wird der Fremde durch ein Ge- schäume von Obstblüten streifen; das Land am Bodensee kann keinen süßer blühenden Daumfrüh­ling haben, als diese Oase in der sonst zumeist rauhen Herrlichkeit Oberbayerns. Sn früheren Sahren liebte man auch die Winter des Chiem­sees; man befuhr die gefrorene Fläche mit dem Schlittschuh und sah im Gebirge drüben die kalte Bläue der Schatten im Schnee und die wundersam falsche Glut dec Gipfel in der frühen Abendsonne. Aber dies scheint vorbei wie die klassischen Winter überhaupt und wie alle Klas­sik der Sahreszeiten.

Die H e r r e n i n s e l ist ein kleines Fürsten­tum, und wenn ich der Rapoleon von Bayern wäre, würde ich mich auf dies Elba verbannen lassen. Man braucht Stunden, um die Snfel ab­zulaufen, in die Quer und Länge; Wiesen wech­seln mit Park und Forst: Straßen führen an weidenden Kuhherden vorüber: Waldwege len­ken den Schritt angenehm im Zwecklosen umher. Man kann die Snfel richtig verwalten, und wenn man in die musterhaften Ställe schaut, wo die kauenden Tiere ruhig im Schatten stehen, so sieht man befriedigt, daß es geschieht. Aber das Allerschönste auf der Herreninfel: der alte Baum­

garten vor dem alten gelblichen Stiftsgebäude, in der Wärme der durchsonnten Südmauern, und um die Ecke hin der Platanengarten, der ein Salon im Freilicht ist. Hier ist der Süden in den Rorden hineingedichtet von der zivilisieren­den Kraft vornehmer Kleriker, die im römischen Strahl standen. Sie sind tot; ihr Stift ist profan geworden: aber ihre edlen Bäume stehn, und die fortdauernde seine Pflege des Baumgartens und der Daumhalle ist von ihren in silbriger Luft unsichtbar umherschwebenden Seelen, lich­ten Seelen, silbrigen Seelen, freundlich gesegnet. Shr solltet auch einmal in das alte Schloß hinein­gehen, wo sie zusammen waren. (Sch rede von dem alten Schloß oder Stift, nicht von dem neuen Schloß, das aus dem traurig-schrecklichen Wahn Ludwigs II. an den irrsten Platz gesetzt wurde eine tief verstimmende Travestie von Ver­sailles.)

Die nahe F r a ue n i n s e l ist um eine köstliche alte Linde geordnet. Es ist wohltätig, dort zu sitzen und über dem bißchen Land des säubern Dörfchens die Fischernehe trocknen zu sehen oder sich darüber zu wundern, daß. die Farben der Ruderboote, Original und Spiegelbild im Was­ser, so scharf, ja fast hitzig sind . . . Dies Pa­radies enthält seitwärts eine Merkwürdigkeit von fast furchtbar bannender Kraft: das uralte Portal der Kirche von Frauen­chiemsee. Es ist romantisch. Cs ist in meiner Erinnerung tief rotviolett. Sn einem Maß ist es romanisch, in einem Ur-Sinn, daß es anmutet wie ein allererster Versuch unge­schlachter Heiden, ein noch schlechtartikuliertes Wort des christlichen Glaubens auszusprechen. Sa, dies Tor mutet an wie ein noch heidnischer Opferort, und n^an wundert sich, daß an den Säulen und Tympanon nicht Blut herunterlauft von vorchristlichen Opfern an unfreundlich« Götter.

Wer die Deine rühren mag, der soll, nachdem ihn erst das nette, weiße Schiff nach Seebruck im Rordosten getragen hat, nach dem alten Kloster Seeon wandern. Es liegt nach Rorden hin in einer verwunschenen Senseitigkeit, die von feiner Bahn erreicht, von der eitlen Torheit deS Automobils verschmäht wird. Der Gang führt über Straßen, zwischen Feldern und Wäldern hin, auch über kleinere Wege. Eine barocke Turmzwiebel, ein See mit moorig-schwarzem Wasser, umher gesättigtes Grün jeder Höhe und Tiefe: es ist ein Bild des Trübner, ins Wirk­liche zurücküberseht. Er hat dort gemalt. Sein straffer Geist geht auch in dieser stillen Milde um, die freilich nicht ohne Alternativen zu sein scheint, nicht ohne Bestimmtheit: es ist ein deut­liches, festes Kloster.

Und sonst in der Rähe des Chiemsees tote viele Möglichkeiten! Auserlesene! Man ist so nahe bei Rosenheim und also nahe an Wasser­burg, das als eine italienische Stadt in einer von sandig-falben Hochufern umschlossenen Schleife des milchiggrünen und schwerflüssigen Snns ge­legen ist. Burghausen an der Salzach ist zu erreichen, Salzburg ist nahe. Ein Aus­flug von früh bis spät jeweils, vielleicht einmal ein voller Tag mit einem Uebemachten im Um­lauf von vierundzwanzig Stunden gestattet die reichsten Erkundungen. Don den Fischen des Chiemsees, die den Gasthöfen beider Snfeln eine besondere Anziehung geben, zu den Bachforellen von Schelleberg zwischen Salzburg und Berchtes­gaden auszufahren, lohnt der Zunge und dem Geist, der eine Zunge ebenso zu lenken wie ihr

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