Oberhessen.
La» r>lceis Giehen.
CO Klein -Linden, 30.Okt. Alter Sitte gemäß eröffnete am Sonntagoormittag um 7 Uhr der hiesige Posaunenchor unter seinem Leiter, Kreisbaumwart Germer, mit dem Dortrag einiger Choräle vor unserer Kirche das diesjährige Kirchweihfest. Bis auf den heutigen Tag hat sich hier das Kirchweihfest als ein rein kirchliches Fest gehalten. Im Festgottesdienst, der durch die Mitwirkung des Posaunenchors oerjchänt wurde, gedachte Pfarrer Bremmer in seiner Festpredigt über Eo. Ioh. 4, Vers 19 bis 24 des Tages der Kircheinweihung vor nunmehr 62 Jahren. Am Sonntagabend versammelten sich, getreu der alten Ueberlieferung, die Mitglieder des Posaunen- und Kirchenchores und deren Freunde zu einem Fami- lienabenü im Germerichen Sälchen. Vorträge des Posaunenchores und Gemischten Chores trugen zur Verschönerung der Feier bei. Pfarrer Lenz (Gießen), der als Gast hier weilte, erzählte von Bildern aus vergangenen Tagen.
* Klein-Li noen, 31. Okt. Der Männergesangverein „Qlrion“ ift in seiner letzten Hauptversammlung dem Hessischen und dem Deutschen Sängerbund beigetreten.
V Mainzlar. 30. Okt. Wegen Aufgabe der Landwirtschaft verpachtete de er Tage die hiesige Chamottefabrik ihren unfa gr.ichen Grundbesitz auf die Dauer von 6 3alre,i. Da das Gelände, vor allem die Wiesen, in zum größten Tell sehr guten Lagen liegt, war die Beteiligung an der Verpachtung — auch von auswärts — sehr stark. 3m ganzen kamen rund 30 Morgen zur Verpachtung. Die Gebote für Wiesen bewegten sich zwischen 28 bis 30 Mk., für Ackerland durchschnittlich 14 bis 16 Mk. pro Morgen.
: Gründ erg, 30. Okt. Die inmitten unserer Stadt gelegene sog. Hefetränke wird bald ein Opfer der Zeit geworden sein. Die Hefetränke war ursprünglich ein Weiher und diente als Wasserbehälter zum Löschen beim Ausbruch von Bränden. Nachdem jedoch die Wasserleitung gebaut worden war, verlor sie ihre Bedeutung, und in den letzten Jahren war sie nur noch ein Wassertümpel, der für Wassergeflügel und im Winter bei Frost für die Schuljugend einen Reiz hotte. Nunmehr soll die Hefetränke eingeebnet werden und ist deshalb zum Anfahren von Schutt und Abfall freigegeben worden. In kurzer Zeit wird das alle Wahrzeichen unserer Stadt verschwunden sein und Geschäftshäuser werden an seiner Stelle erstehen. Auch würde es wesenllich zur Verschönerung des Stadtbildes beitragen, wenn der dadurch gewonnene Platz zu einer Anlage ausgebaut würde.
t. Ettingshausen, 30. Okt. In der vergangenen Woche hat der erste Lehrer an unserer zweiklassigen Schule, Herr Knöll, fein 6 5. Lebensjahr vollendet. Obgleich Herr K. noch sehr rüstig ist, ist doch mit diesem Aller der Zeitpunkt gekommen, wo er nach den gesetzlichen Bestimmungen in den Ruhestand treten muß.
> Grüningen, 30. Okt. Seit einiger Zell werden hier allgemein Klagen laut über die sehr schlechte Beschaffenheit der Durcy- gangsstraße nach Gießen. Tatsächlich befindet sich auch die Strecke Steinberg—Grüningen— Holzheim in einem derartig schlechten Zustand, daß eine baldige Behebung des Hebels sehr wünschens- wert wäre. Besonders bei feuchtem Wetter ist die Strecke kaum zu befahren; Infolge der vielen Löcher geht es ohne Fahrzeugschaden fast nie ab. Wie man hört, ist eine Beschotterung der Teilstrecke Grü- ningen—Holzheim In absehbarer Zell In Aussicht genommen, die erforderlichen Steine soll der Steinbruch der Gemeinde Holzheim liefern. In Anbe- tracht des starken Verkehrs, der allein durch die Autolinie Gießen—Gambach hervorgerufen wird, wäre aber eine gründliche Erneuerung unbedingt am Platze. Vor allen Dingen wäre eine Verbreiterung der Straße um 1 Meter sehr zweckmäßig, da seither das Ausweichen der großen Omnibusse nur mit größter Vorsicht des Führers möglich war.
df. Langsdorf, 30. Okt. Am Sonntag begingen wir mit unserem neuen Geistlichen das Erntedankfest in einer eigenen und würdigen, seither hier nicht gekannten Art. Vom Schulhaus bewegte sich ein Zug der Schuljugend und Christenlehrpflichtigen mit dem Pfarrer zum Gotteshaus. Voran wurden ein mächtiger, mit bunten Bändern geschmückter Erntekranz und einzelne Feldfrüchte getragen. In der Kirche wurden die einzelnen Früchte nach jedesmaligem Spruch ihres Trägers geweiht
Geld iälll vom Kimmel.
Roman von Paul Enderling.
Copyright by Carl Duncker, Verlag, Berlin.
31. Fortsetzung Nachdruck verboten
Nur zwei Dinge schienen klar: daß die Einnahmen und Ausgaben liederlich notiert waren, wahrscheinlich, um den Betrug zu verschleiern, und daß es um Grotthausen geschehen war, wenn das noch eine Weile weiterging. Es mußte Ordnung geschasst werden. Aber wer half ihm, die entsetzlichen Zahlenkolonnen dieser verdammten Bücher zu enträtseln? Wie hatte es fein Vater nur fertig bekommen, Landwirt und Kaufmann zugleich zu sein?
Zum erstenmal empfand er wieder den tiefen, dumpfen Respekt vor dem Mann, der dort aus der gerahmten Photographie blickte. Er hatte ihn nur als ernsten, wortkargen Mann in Erinnerung. Aber damals hatten wohl schon die ersten Schatten über Grotthausen gelagert.
Die Mutter kam. „Du kommst doch mit in die Kirche?"
„Erlaß es mir für diesmal. Ich habe den Kops noch ganz voll Zahlen, und das ist keine gute seelische Vorbereitung."
„Du Aermster!" sagte sie aus tiefster Seele heraus.
„Ruf' mir Specht her. Ich muß mit ihm hier einiges durchsehen. Alles ist ja wie Kraut und Rüben. Aber bas beste dürfte wohl sein, man läßt aus Danzig einen Bücherrevisor kommen." Er hatte keine Ahnung, was für Funktionen ein Bücherrevisor erfüllte, und er kannte den Titel nur aus Zeitungsinseraten.
„Eine glänzende Idee!" bewunderte die Muller den Einfall. Ihre Augen strahllen. „Natürlich, ein Bücherrevisor!" Sie küßte ihn und huschte hinaus. Sie sah ganz erleichtert aus, als gäbe es nun auf Grotthausen keine Sorgen mehr.
Specht wischte draußen seine Schaftstiefel ab, aber brachte einen starken Trangeruck ins Zimmer.
Grotteck rümpfte die Nase, aber er begnügte sich, eine Zigarre anzustecken unb dem Inspektor eine an- zubieten.
and auf den geschmückten Altar gestellt. Der schöne Erntekranz fand seinen Platz an der Kanzel. Die Gemeinde sang alsdann das wundervolle Erntelied: „Wir pflügen und wir streuen den Samen auf das Land". In feiner zu Herzen gehenden Predigt sprach der Geistliche von dem rechten Stolz und dem königlichen Amt des Bauernstandes. Zur Verschönerung der Feier trug diesmal der Gemischte Chor bei. Ein so dicht besetztes Gotteshaus, wie am diesjährigen Erntedankfest, wurde lange nicht gesehen Am Abend hatte die Gemeinde noch einen musikalischen Genuß. Der seither hier stellvertretende Pfarrer Gockel (Hungen) fang mit seinem Mädchen- chor eine Anzahl geistl.cher und weltlicher Lieder. Es sollte damit der Gemeinde Langsdorf durch den Mund der Sängerschar ein Dank abgestattet werben. Pfarer Göcke 1 war nämlich vor kurzem in Anerkennung seiner gewissenhaften, recht äufopfern- ben unb fast zwei Jahre währenden seelsorgerischen Tättgkeit ein Bild von Fritz von Uhde überreicht morden.
f Steinheim. 30. Okt. Durch das Hess. Landwirtschaftsamt Nidba fand hier in den „Drei Schwertern" ein Vortrag über „Betriebswirt- schaftliche Fragen unter besonderer Berücksichtigung der künstlichen Dünger" statt. Der Vortragende, Landwirtschaftsassessor Dr. Günther, behandelte das Thema in erschöpfender Weise. Die rege Aussprache, die sich anschloß, war sehr befruchtend und aufklärend. Zum Schluß richtete der Redner noch einen warmen Appell an die Teilnehmer, ihre Söhne an dem nun beginnenden Lehrgang an ben landwirtschaftlichen Winterschulen teilnehmen zu lassen.
> Aus ber nördlichen Wetterau, 30.Okt. Die Felder find nun abgeerntet. Ganz vereinzelt stehen noch Dickwurz, die für die Mieten auf dem Felde bestimmt find und die deshalb bis zuletzt warten mußten. Während ber ausgesäte Roggen schon überall seine grünen Spitzen zeigt, ist man noch mit ber Aussaat bes letzten Weizens beschäftigt. Infolge des Futtermangels ist der Landwirt jetzt eifrig bemüht, die letzten spärlichen Grün- futterrefte einzuholen, die man in normalen Futter- jahren unterzuackern pflegte.
Kreis VÄürrgen.
nb. R idda, 29. Oft. Gestern fand unter Vorsitz von Pfarrer Lau tim Rathaussaale hier eine Versammlung der Kirchengemeindevertreter des Kirchspiels Ridda statt. Zuerst wurden die neugewählten Mitglieder der Versammlung, Obergärtner und Parkverwalter V e ck e r und Gärtner 3oh. Schäfer von Bad Salzhausen, sowie Dahnbeamter tm Luhestand Karl Repp ll., von Ginter-Schmitten verpflichtet und dann die beiden Organisten, Lehrer D o p p und Lehrer Mergott, sowie Lehrer Dieter, hier, als weitere Kirchengemeindevertreter einstimmig gewählt. Es wurde hierdurch zum ersten Male hier von der Bestimmung Gebrauch gemacht, daß solche Gemeindeglieder, die ein kirchliches Amt bekleiden, oder sich um das kirchliche Leben verdient gemacht haben, in die Kirchengemeindevertretung berufen werden können. Lehrer Dieter hat schon oft durch Einübung von Liedern mit der Mädchenvereinigung und dem Schülerchor zur Verschönerung der Gottesdienste und kirchlichen Feiern viel beigetragen. Zum Schlüsse sand die Wahl der Krrchenvorstands- Mitglieder statt. Es wurden säst einstimmig die seitherigen zehn Kirchenvorstandsmllglieder wie- dergewahlt, und zwar von Ridda: Rektor i. R. G a tz e r t, Bürgermeister Ringshausen, Geh. Justizrat R ö m h e l d, Spar afselontrolleui R u p- pel und Frau Helene Uh l; von Unter-Schmitten: Dürgermerster Döll und Deigevrdneler Ullrich; von Kohden: Altbürgermeister W. Odel; von Bad Salzhausen Bürgermeister Röper; von Michelnau Landwirt Karl Hofmann. Als Tag der Einweihung unserer renovierten Stadtkirche wurde der erste Advent, der 2. Dezember, bestimmt. 2ln der Feier werden der Präsident des Landeskirchenamts Prälat D. Dr. Diehl aus Darmstadt und Superintendent Wagner aus Gießen teiilnehmen. Vormittags soll der Weihegottesdienst in der Kirche, nachmittags eine Versammlung der evangelischen Kirchen gemeinde in der Turnhalle und abends daselbst eine Schluß- feier obgehalten werden. Der evangelische Kirchenchor und &ie beiden hiesigen Mannergesangvereine werden bei den Feierlichkeiten mitwirken.
-= Ridda, 30. Oft Der stellvertretende Ge- richtsvbllzieher bei dem hiesigen Amtsgericht wurde auf Grund eines Haftbefehls heute in Gießen im Landgerichtsgefängnis in
„Specht, ich finde mich hier nicht ganz zurecht Erklären Sie mir nur das eine: warum geht das Milchgeld von Monat zu Monat zurück? Kühe find keine verkauft. Wenigstens finde ich keine Abrechnung darüber, unb bas wäre ja wohl auch das letzte, was man verkaufen würbe."
„Das soll wahr fein, gnäbiger Herr. Mer mit ben Kühen ist bas man so ’ne Geschichte. Sie geben nicht gleichmäßig her. Es ist nicht wie in ber Stabt bei ben Automaten, wo immer bas gleiche rausläuft." In sein treuherziges Biedermannsgesicht trat ein kleiner Zug von Bosheit, unb Grotteck fühlte sich unbehaglich, wie als Schüler vor einer Aufgabe, bie er nicht gelernt hatte.
,Zst benn bas Fuller nicht gut?"' fragte er unsicher.
„Es ist nicht schlechter als anderswo in der Gegend. Das soll wahr sein. Aber die Kühe ruhen sich auch manchmal aus — gerade wie die Obstbäume/'
„Machen Sie keine Witze, Specht. Die Kühe können sich im Winter ausruhen. Sagen Sie ihnen bas gefälligst. Wir dürfen nicht so wie bisher wirlscyaften. Ich muß doch mal mit Papendick darüber sprechen."
Er hatte bas aufs Geratewohl gesagt, aber er schien bas Richtige getroffen zu haben. Specht würbe unruhig. „Man bloß nicht bie Nachbarn fragen. Die gönnen einem nichi bas Schwarze unter bem Nagel. Sie reben einem zum Munb, unb hinter dem Rücken lachen sie sich einen Ast." ,Hm", machte Grotteck. Er war auf bem richtigen Weg.
Der Inspektor sah auf seine Transtiefel, als er sagte: „Wenn Sie aber Mißtrauen haben, kann ich ja auch gehen, gnädiger Herr. Ich bin zwar । hier ein alter Mann geworben, aber ich will doch | sehen, ob man ben alten Specht nicht noch irgenb- wo gebrauchen kann."
Also bie Kabinettsfrage. Er hatte wohl viel Schulb.
„Quatsch", meinte Kurt in gemütlichem Ton „Ieber Kaufmann muß sich Revisionen gefallen lassen. In Danzig sogar. Das ist keine Schanbe unb keine Kränkung. Kommen Sie, wir trinken einen Schnabus zusammen unb vertragen uns wieder."
Während er zu dem kleinen Likörschränkchen ging, dachte er: dieser Bursche ist ein ausgepichter Betrü-
Hast genommen. ES wird ihm zum Vorwurf gemacht, sich an Geldern, die ihm amtlich anvertraut worden waven. vergriffen zu haben. Tie Höhe be: in Befracht kommenden Beträge kann erst durch die brhl.rb.iche Unter suchung festgesteltt werden.
Ridda, 30. Okt. Die männliche und weibliche Jugend des Turnvereins Friedberg veranstaltete am vergangenen Samstag einen Ga st abend in der hiesigen Turnhalle. Reben turnerischen Darbietungen gelangten Volkstänze zur Vorführung. Außerdem wurde eine Posse wirkungsvoll aufgeführt. Die jungen Turner und Turnerinnen durften für ihre trefflichen Leistungen wohlverdienten ‘Seifaitl ernten. Am folgenden Tage belustigten sie die zahlreichen Zuschauer durch die Inszenierung eines Kasperltheaters.
Lpd. Ortenberg, 30. Okt. 3m Rahmen des Kalten Marktes fand am Montag der Pferdemarkt ftath Er hatte eine Beschickung von 850 bis 900 Pferden unb Fohlen aufzu- weisen. Es blieben etwa 310 Stück Heberft and, die bei dem Dienstags-Pferdemar.t verkauft wurden. Auch der am Dienstag abgeholtrne Rindvieh- und Schweinemarkt hatte eine gute Beschickung aufzuwci en. Die neuen K.aftwagen- linien haben sich zu bie,en Märkten bestens bewährt.
Krcis Schotten.
V Gedern, 29. Okt. Dieser Tage fand im Gasthaus „Zum Löwen" eine Versammlung der hiesigen Ortsgruppe des Landbundes statt« Verschiedene landwirtschaftliche Belange innerhalb der Gemeinde wurden ausgiebig erörtert. Man kam jedoch immer wieder zu dem Ergebnis, daß für das laufende 3ahr keine bessernde Aen- derung mehr zu erwarten ist, da der Gemeindevoranschlag veröffentlicht und die gesetzliche Einspruchsfrist bereits verstrichen sei. — Der Milchpreis soll vom 1. Rovember ab von 22 auf 24 Pf. heraufgeseht werden.
(-) Meiches, 29. Oft. Hier wurde im Auftrage des Gustav Adolf-Vereins der Film »Glaube und Heimat" vorgeführt. Die! Veranstaltung war gut besucht, der Film hat viel Beifall gefunden.
Lardenbach, 28. Okt. Seit einem Jahre führt eine große Schlammleitung von Stockhausen aus über bas beste Ackerfeld nach ben hiesigen alten Löchern ber Eisensteingrube. Da aber bie Grube in biesem Jahre verkauft würbe unb ber Betrieb ftiUiegt, ist die Leitung bis jetzt nicht benutzt morden. Dafür sperrt sie in einer Breite von über zehn Meter dem Bauer sein Arbeitsfeld. Man hatte gehofft, daß nach ein bis zwei Jahren bie Leitung überflüssig sein werbe. Jetzt ist coftäufig kein Ende abzusehen, weil auch die Grube in Stock- hausen ftiUiegt. Die Mißstimmung in ber Gemeinbe ist natürlich groß, ba so schon ein ganzer Teil ber Gemarkung in ben alten Eisensteinlöchern brachlie- gen muß.
Kreis AlsfeW.
*1* Ruppertenrod, 29. Oft. 3n unserer Gemeinde wird es lebhaft bedauert, daß unsere Kirche noch immer ohne Heizung ist. Man würde es dankbar begrüßen, wenn diesem Mangel baldmöglichst abgeho. en würde.
r. Ober - Ohmen, 29. Ott. Für den durch Tod freigewordenen Posten der 3ndustrie- lehrerin an der hiesigen Volksschule haben sich 20 Bewerberinnen gemeldet. Die zuständigen Stellen sind gegenwärtig mit der Auswahl einer geeigneten Lehrkraft beschäftigt. — Bei der Treibjagd in dem ungefähr 500 Hektar großen nördlichen 3agdrevier der hiesigen Gemarkung wurden 3 Rehe und 37 Hafen zur Strecke gebracht. Das Ergebnis ist zufriedenstellender, als vorher vom 3agdpächter angenommen wurde.
(-) Groh- Felda, 29. Oft. Die Wahl eines Beigeordneten für Groß-Felda, Klein-Felda und Schellnhausen findet am 18.Ro- vember statt. Bis jetzt ist nur ein Wahlvorschlag eingereicht worden, lautend auf den Flamen de- Landwirts und Rendanten der hiesigen Sparund Darlehnskasse Rudolf S ch ü h l e r.
(-) Kestrich, 29. Okt. Der Landhunger, der noch vor einigen 3ahren sehr ftarf In Erscheinung trat, ist jetzt völlig geschwunden. Bei der jüngsten Verpachtung der Gemeindeäcker wurde für viele Aecker fein Gebot abgegeben. Die Gemeinde läßt die Aecker nun zu Wiesen umgestalten.
Oer Frankfurter Bühnenprozeß.
WSR. Frankfurt a. M., 29. Oft linier dem Vorsitz des Landgerichtsdirektors Messer- s ch m i d t begann heute morgen der Prozeß gegen den früheren Dühnendirektor der Bühnen- A.-G. Frankfurt a. M., Otto Müller- Wieland, der am 24. Oktober 1880 in Reustadt in Holstein geboren ist. Der Eröffnungs- Schluß vom 1. Mai 1928 legt dem Angeklagten u. a. Betrug, Untreue, Untersch la- gung und Vergehen gegen das Handelsgesetzbuch zur Last.
Der Angeklagte absolvierte eine Mittelschule und trat dann in die Handelsmarine ein. Wegen eines Halsleidens wurde er 1908 entlassen und erhielt eine Stelle beim Magistrat Kiel. 1910 ging er durch Vermittlung eines Direktors nach Pvsen und wurde Dorstandsbeamter des dortigen Theaters. An dem Weltkrieg nahm er als Adjutant einer Aufllärungs- Fliegerabteilung bei der Marine teil; später war er Leiter der Schießabteilung einer Fliegerschule. Rach bem Kriege ging er wieder nach Posen und wurde dort im März 1919 ausgewiesen. Er begab sich dann nach Barmen-Elberfeld, wo er Direktor des dortigen Theaters wurde, und kam über Düsseldorf, wo er eine ähnliche Stellung bekleidete, nach Frankfurt a. M.
Die Vernehmung des Angeklagten.
Zu Beginn der Verhandlung wurden bei dgr Vernehmung des Angeklagten zunächst die Vorgänge besprochen, die zur Eröffnung des Verfahrens geführt haben. Die Grundlage der Anklage 6Übet ein Bericht des Städtischen Revisionsamtes vom 22. Oktober 1926. 11. a. kam das Verhältnis des Angeklagten 'zur Zentrale für gemeinnützige Kun st pflege zur Sprache. Er soll da handelsrechtliche Untreue durch die
Niederschlagung einer Forderung ber Vühnen- gesellfchaft an bie Zentrale in höhe von
20 440 Mark
begangen haben. Der Angeklagte erklärte, diese Forderung habe größtenteils aas der Inflation bestanden, als er noch nicht Geschäftsführer ber Zentrale war. Als er die Zentrale dann übernahm, habe noch bei einer Bank eine Schuld von 20 000 Mk. bestanden. Vors.: Run wird 3hnen vorgeworfen, daß Sie die 20 000 Mk. niedergeschlagen hätten mit Rücksicht auf Ihren Monatsverdienst bei der Zentrale? Der Angeklagte verwies darauf, daß eine Abzahlung der Schuld erst 1928 für bie Zentrale tn Frage kam, nachdem die Bankschuld abgetragen war; es wird aber geltend gemacht, daß er wenigstens dafür hätte sorgen können, daß ein Teil der Schuld abgetragen wurde. Der Angeklagte will keine Absicht mit der Aiederschlagung des Postens verfolgt haben. Es kam bann bie Sprache darauf, daß der frühere Geschäftsführer der Zentrale eine Bürgschaft übernommen hatte, und daß er Bürge für die Schuld gegenüber ber Dühnen- gesellschaft war. Baum soll aus dieser Bürgschaft entlassen worden sein, aber ber Angeklagte will das mcht getan haben. Dor Beginn der Mittagspause wurde bann noch bie
rechtswidrige Entnahme von 16 500 Mark aus ber Kasse ber Duhnen - A.-G.
besprochen. Der Angeklagte wollte bas Haus Fallensteinerstraße 66 kaufen. Es wurde am 7. Oktober 1927 ein notarieller Vertrag gemacht, wonach ber Besitzer Pohl bas Haus für 48 000 Mark an bie Ehefrau bes Angeklagten verkaufte. Am 10. Oktober sollte bie Anzahlung von 12 750 Mark fällig fein, am 1. Dezember sollte bie Frau weitere 14 000 Mark bezahlen. Der Angeklagte behauptete, daß ihm die Summe von 12 700 Mark von einem Freund, den er nicht nennen will, zugesagt gewesen sei, es seien bann aber Verhältnisse eingetreten, bie es dem Freund unmöglich machten, bie Summe zu biesem Termin zu geben. Der Angeklagte schriÄ» nun eine Dorsch ußquittung in Form eines Schecks über 16 500 Mark. Der Scheck wurde auf das Bankkonto ber
ger, aber, bis ich es ihm nachweisen kann, muß ich ihn mir warm halten.
„Prost Specht. Unb erzählen Sie was Fideles."
„Auf bie liebe gute Gesundheit! Aber was das Fidele anbetrifft, ba können Sie wohl mehr erzählen." Er goß bas Glas hinunter, wischte sich mit dem Handrücken ben Bart und setzte hinzu: „Wir haben eigentlich gedacht, Sie täten nicht allein Herkommen."
„Nicht allein? Wie meinen Sie das?"
„Na, mit einem Frauchen. So einem hübschen, kleinen Stück in die Wirtschaft, haha. Nichts für ungut"
Groticck goß dem Inspektor ein neues Glas voll. ,3ch bin noch viel zu jung. Sagen Sie, können Sie eigentlich Russisch?" Der Gedanke an den Zeitungsausschnitt war ihm plötzlich gekommen. Zu irgend etwas mußte dieser Mensch doch zu brauchen sein.
„Ein bißchen schon. Man kommt ja mit dem Volk öfter zusammen. Drüben im »Fröhlichen West- I preufjen' wohnt ja einer."
„So. Na, bie sind ja früher auch zu uns ge= | kommen. Unb jetzt ist es ja nicht sehr gemütlich in | Rußland."
„Das soll wohl wahr fein. Sie beißen sich ja dort gegenseitig die Köpfe ab."
Grotteck sog heftig an seiner Zigarre. „Das ist überall so. Es kommt im Leben eben darauf an, wer bie besseren Zähne hat. No, unb was wird dieser Russe drüben groß sein. Viehhändler, was?"
„Nee. Diesmal nicht. Er malt"
„Er malt. Sieh mal an. Gibt cs so was denn noch? Wissen Sie vielleicht wie er heißt?"
,X£s ist so'n halb polnischer Name. Die Drüber heißen ja alle wie Husten unb Niesen zugleich."
„Blinsky?" fragte Grolleck ganz ruhig. Sein Herz klopfte zum Zerspringen.
„Nee. Ganz anders. Er soll notabene ein bißchen dwatsch sein. Der Krugwirt kennt ihn schon feit ein paar Jahren."
Ein Stein fiel ihm von ber Seele. Wieber war er auf falscher Fährte gewesen, wie gestern auf ber Station. Er trank ben Korn aus, ber noch von seinem Vater stammte. „Pfui Teufel, schmeckt bas prächtig!" Er mußte sich schütteln. „Aber Sie trinken ja gar nicht, Specht. Muß ich Ihnen vor- trinfen?'r
„Ach wo, in bem Fall bin ich schon ziemlich volljährig. Ich bin ein Mann von altem Schrot unb altem Korn, wie mein Vater selig immer zu sagen pflegte."
„Was heißt Slowo im Russischen?
„Wort/
„Wort? Weiter nichts"
„Nein, weiter nichts." Was soll es benn schon groß heißen?"
Grotteck zoo seine Brieftasche unb entnahm ihr ben Zeitungsausschnitt. „Können Sie es auch lesen?"
„So für ben Hausgebrauch langt es schon. Man hat ja doch früher immer bie Pässe lesen müssen, wenn bie Erntearbeiter kamen. Man ist boch nicht auf ben Kopf gefallen."
Nein, bas war Specht nicht. Was für ein Segen boch ein bummes Gesicht für manche Menschen war! Sie konnten jahrelang alles mögliche begehen, ohne daß man es ihnen zutraute.
Der Inspektor drehte den Zettel hin unb her, kratzte sich öfter hinter bem Ohr und machte ein angestrengtes Gesicht. „Es ist etwas Politisches", sagte er endlich. Irgenbetwas aus so ’ner bamaligen Reichstagssitzuna — bas heißt: von ba brühen. Sowjets nennen sie s."
„Und ber Inhalt?"
Specht las wichtig: „Der Kapitalismus — sehen Sie, bas hier heißt Kapitalismus —, es ist fast wie im Deutschen. Also ber Kapitalismus kann nur durch eigne Mittel getroffen werben. Hier kommt etwas, was ich nicht ganz verstehe. Aber es bedeutet: überschwemmt. Das weiß ich genau. Also: man soll bie Welt mit Banknoten überschwemmen."
„Ueberschwemmen? Wirklich?"
„So steht es. Schwarz auf weiß. Ich hab' bas Wort boch oft gehört, jedesmal, wenn bie Weichsel hochkam. Schön gesagt, aber erst können vor Lachen!"
„Da kommt ja gar nicht ,slowo' vor. Hier das unterstrichene Won."
,3a, das ist ber Schluß. Es heißt ... Das ist bas Wort, Genossen, an bas ihr euch hatten müßt ... Sie nennen sich alle Genossen ba drüben. Und wer es nicht tut, kann sich gratulieren."
„Das ist doch eine ganz sinnlose Geschichte? Ober verstehen Sie bas?'
(Fortsetzung folgt.)


