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Kr. 255 Drittes Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhessen)Montag, 29. Gttober (928
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Kriegsbeschädigien-Tagung in Gießen
für eine Militärsährkarte) stehe seitens der Reichsbahn noch aus. Darauf wurde der Der- bandstag nach 1 Llhr geschlossen.
Eine öffentliche Kundgebung.
Für den Nachmittag hatte der Landesverband Oberhessen zu einer öffentlichen Kundgebung im großen Saal des Katholischen Vereins- Hauses eingcladen. Um 3 Uhr eröffnete der Vorsitzende des Landesverbandes, Kam. Moll, die gut besuchte Versammlung und begrüßte zunächst die Vertreter der Behörden: Präsident v. Krug vom Oberversicherungsamt Darmstadt, Oderregierungsrat Braun und Reg.-Medizinalrat Dr. Kallenbach vom Dersorgungsamt Gießen, Dr. ch e ß l e r von der Hauptfürsorgestelle Darmstadt, Oberinspektor Ewald von der Kreisfürsorgcstelle, ferner die'Der- treter der Parteien Studienrat Dr. Lenz (Deutschnationale Dolkspartei) und Weisser (Deutsche Volkspartei), den Vcrbandsvorsitzenden Kam. Suite r b r o b t (Berlin), Kam Gutberlet vom San» desverband Nassau und die Vertreter des Reichs- bundes der Kriegsbeschädigten. Bürgermeister Dr. S e i b (Gießen) ist leider aus dienstlichen Gründen am Erscheinen verhindert Das Andenken der ge- fallenen Kameraden ehrte die Versammlung durch Erheben von den Sitzen.
Präsident v. Krug dankte für die Einladung und führte u. a. aus, die Kriegsbeschädigtenorganisationen kämpften einen Kampf, bei dem sie große Sympathie für sich hätten; sie verzeichneten aber auch große Erfolge, namentlich in der Rechtsprechung. Er erwähnte die guten Beziehungen zum Landesverband Oberhessen und wünschte, daß diese auch für die Zukunft bestehen bleiben mögen. Die Rechtsprechung werde weiter bemüht sein, nach Möglichkeit zugunsten der Kriegsbeschädigten zu entscheiden. Der Redner wünschte der Veranstaltung besten Verlauf.
Kam. G u t b e r l e t (Landesverband Nassau) wies auf den Weg des rein fachlichen Arbeitens aller Äriegsbefd)äbiatenorganifationen hin, ber nur allein zum Erfolg führe. Auch er wünschte, baß bie Verhandlungen von Erfo'a ''»frört seien.
Darauf nahm der Vorsitzende des Zentralverban- bes, Kam. Buttcrbrobt, das Wort zu feinem Vortrag: „Der Zentralverbanb l m Kampfe um Besserung von Versorgung und Fürsorge". Der Zentralverbanb sei eine Kampforganisation, er führe ben Kampf um bie Fürsorge ber Kriegsbeschäbigten unb Krieger- Hinterbliebenen, gegen Verschlechterungen ber hefte« henden Bestimmungen, den Kampf ums Recht für uns selbst. Die Kriegsopfer sollten vor ber Verelen- bimg geschützt werden. Das beutsche Volk fei burch ben verlorenen Krieg unb seine Folgen sehr verarmt, barum sei es auch so schwer, ben Kriegsopfern bas zu geben, was ihnen gehöre. Der Kampf fei schwer, voller Enttäuschungen unb Bitternis. Zu fordern fei bie Verbesserung ber Gesetzgebung. Das Reichsversorgungsgesetz habe einen gefunben sozialen Grundzug gegenüber dem früheren Mannschafts- verforgungsgesetz. Die fünfte Novelle zum Reichs- versorgungsgefetz habe vor allem bie Hinterbliebenen zurückgesetzt-, weitere Verschlechterungen seien burch die Kriegsbeschäbigtenorganisationen hintangehalten. Die vierte Novelle habe hauptsächlich Abbaumaßnah- men enthalten. Rebner besprach fobann bie Für- sorgemaßnahmen burch bie ßänber unb erwähnte Die Bearbeitung ber Zusatzrente, woburch in vielen Teilen bes Reiches Schlechterftellungen ber Renten- empfänger eingetreten feien, ferner bas Schwer- beschäbigtengesetz, vor allem bie Einstellung ber Schwerbeschädigten. Schwer sei ber Kampf zur Verhütung der Abbaumaßnahmen. Der Vortragende hält es für sehr bedenklich, wenn die bestehenden Vcrsorgungsämter verringert würden, da dort Ar- beitsüberhaufung vorliege. Zu erstreben sei: Ausreichende Rentenversorgung an Beschädigte und Hinterbliebene: Einbau ber Zusatzrente in bie Grundrente, sowie einheitliche Rente ohne Prüfung der Bedürftigkeit; Erleichterungen in der Gewährung der Pflegezulagen, ausreichende Fürsorge für Lungenkranke, damit diese nur ihrer Gesundheit leben können, unb nicht durch Ansteckung ihre Mitarbeiter usw. gefährden; ausreichender Schutz der Vor or- gungsberechtigten im Erwerbsleben (bei Enllaf un- gen); Bestimmungen über Ablösung des Einstel- lungszwanges; Gewährung von Ersatzgliedern u w.;
Der Landesverband Ober Hessen im Zentralverbanb beutscher Kriegsbe- schäbigter unb Kriegerhinterbliebe- ner hielt am gestrigen Sonntagmorgen feinen ßanbesoerbanbstag im Katholischen Ver- einshaus in Gießen ab. Der Dorsitzenbe bes Londes- Dcrbanbes, Kamerad Möll (Gießen), eröffnete bie Tagung und begrüßte bie Vertreter sämtlicher Ortsgruppen sowie die Einzelmitglieder, ferner ben an Stelle des verhinderten Schriftleiters bes Verbanbs- organgs erschienenen Verbanbsvorsitzenben Kam. Butterbrobt (Berlin). Als Vertreter bes Lan- besoerbanbes Nassau wohnte bessen Vorsitzender, Kam. ©utberlet, den Verhandlungen bei. Zu Ehren der gefallenen Kameraden erhoben sich die Anwesenden von den Sitzen.
Kam. Buttcrbrobt (Berlin) überbrachte bie besten Grüße und Wünsche des Hauotvorstandes; er wünschte der Tagung guten Verlauf.
Oie Geschäftsberichte.
Den Bericht des geschäftsführenden Vorstandes für die Jahre 1927 und 1928 gab Kam. Moll. Er führte aus, bah ber Kampf um bie Versorgung unb Fürsorge der Kriegsopfer und deren Hinterbliebene leider immer noch nicht beendet fei. In den beiden Berichtsjahren sei vom geschäftsführenden Vorstand sehr viel Arbeit geleistet worden. Im Jahre 1927 wurden gestellt: 69 neue Rentenanträge, davon 26 mit Erfolg; 81 sonstige BInträp-- 79 Berufungen, davon 31 mit Erfolg; 101 Termine 9 Rekurfe, da- von einer mit Erfolg, sechs schweben noch, usw. 1928 sei das Bild ähnlich: 113 neue Rentenanträge (37 mit Erfolg), 77 sonstige Anträge, 94 Berufungen, 134 Termine, 11 Rekurse usw.; eine große Anzahl Berufungen unb Rekurse schweben noch. Wohl zwei Drittel ber gestellten Einsprüche seien zugunsten ber Kriegsopfer entschieden. Es müsse jedoch hierbei gefügt werden, daß Anträge, die den gesetzlichen Bestimmungen von vornherein zuwiderlaufen, nicht vertreten werden können.
Der Kassenberrcyt wurde von Dem Rechner, Kam. Schumacher, erstattet; die Kasse zeigt folgendes Bild: 1926/27". Einnahme 1964.42 Mark, Ausgabe 1469.47 Mk.; 1927 28: Einnahme 2959.22 Mk., Ausgabe 1671.39 Mk. Kamerad Schumacher verbreitet sich sodann eingehend über die denr Zentralverband angegliederte Sterbekasse. Auf Antrag der Kaffenprüfer wurde dem Rechner und dem Gesamtvorstand Entlastung erteilt.
Oie Dorstandswahl.
hat als Resultat: Geschäftsführender Vorstand: Die Kameraden K. Möll, Vorsitzender; C. Schulhof, 2. Vorsitzender und Schriftführer; 'TB. Schumacher, Rechner (sämtlich aus Gießen). Hierzu kommen als Beisitzer für den erweiterten Vorstand: Frau Groh, und die Kameraden Jockel (Gießen). Metzler (Friedberg), Steul (Lich), Roth (Reiskirchen), ©enter (Rieder-Gemünden). Die Vertretung des Landesverbandes Oberhessen im Verbands» ausschuß wurde dem geschäftsführenden Vorstand zur Ausübung übertragen.
Als Delegierte zum Derbandstag des Zentralverbandes 1929 wurden gewählt die Kameraden: Schumacher (Gießen), M ö b u s (Reiskirchen), Jak. Schmidt (Lich), Metzler (Friedberg); als Ersatzleute gelten: E. Schulhof (Gießen), Schneeberger (Friedberg). Revisoren: Stumpf (Reiskirchen), H Schmidt (Lich).
Oer Ausklang.
Der nächste Derbandstag findet 1930 in Gießen statt.
Eine Beschwerde aus der Versammlung betr. die Fahrtvergünstigung der Schwerbeschädigten bei der Reichsbahn gab dem Vorsitzenden der Gesamtorganisation, Kam. Butkerbrodt, Veranlassung zu eingehenden Ausführungen über die Verhandlungen mit der Deutschen Reichs-- bahngesellschaft, wobei er betonte, daß in dieser Frage, wie auch in zahlreichen anderen Stagen, alle Organisationen der Kriegsbeschädigten gemeinsam bei den zuständigen Stellen vorgegangen seien. Die Entscheidung über die geforderte Fahrtverbilligung (etwa in Form des Preises
Wegfall aller Kürzungsvorschriften; bie Anftellungs- verhältnisse ber Inhaber von Beamtenscheinen; Wie- beraufleben ber Rente bei Kapitalabfinbung; gehobene Fürsorge ber Kriegsopfer, Uebernahme berfeiben auf bas Reich: Förderung bes Heimstätten- baues; Erziehungsbeihilfen bjjro. Bcrufsausbilbungs- beihilfen an die Kriegerwaisen. Die Presie sei ein treuer Helfer in bem Kampfe zur Durchführung berechtigter Forderungen. Zur Interessenvertretung der Mitglieder zeigte der Vortragende ben Landesverbänden und Ortsgruppen gangbare Wege, so z. B. die Nachprüfung der Ansprüche der Mitglieder durch die Leitungen der Ortsgruppen usw Hierbei dankte der Redner allen Mitarbeitern in ben Landesverbänden unb Ortsgruppen. Die Organisation müsse stark, einig und schlagfertig, aber auch religiös unb parteipolitisch neutral sein. Darum sei es Pflicht aller Mitglieder, die dem Berbanb noch fernstehen
den Kriegsopfer zu gewinnen, um so die Front zu stärken, in bem Kampfe für das Recht.
Der Vortragende erntete für (eine fast Inständigen Ausführungen lebhaften Beifall. Eine Aussprache wurde nicht beliebt
Eine vorgelegte Entschließung aus ber Versammlung spricht ber Tätigkeit bes Zentraloerbanbes volle Anerkennung aus unb wünscht, bah die weiteren Arbeiten von gleichem Erfolg begleitet sein mögen. Die Entschließung fanb einstimmige Annahme.
Kam. Möll bankte dem Verbanbsvorsitzenben für seinen vorzüglichen Vortrag.
Im weiteren Verlauf der Versammlung wurden einige Anregungen von Mitgliedern bem Landesver» banbsuorftanb als Material zur Weiterbearbeitung übergeben. Darauf würbe bie Versammlung ge- schlossen.
Turnen, Sport und Spiel.
Iußbaübundeetag.
Am Samstag vormittag begannen im Hotel Fürstenhof zu Weimar die Beratungen des Bundesvorstandes und anschließend die Dundesaus^chußsitzung. die hinter streng ver^chloisenen Türen stattfand. Der allseits mit großer Spannung erwartete Bundestag selbst nahm am Rachmittag seinen Anfang. Rach zehnstündiger Redeschlacht konnte der Vorsitzende erst um 2 Uhr nachts den Schluß des Bundestages be>kanntg:ben.
Bundesvorsitzender Linnemann eröffnete die Tagung und wünschte ihr «inen guten Verlauf. Anwesend waren Süddeutschland mit 31, Westdeutschland mit 22, Mitteldeutschland mit 13, Rorddcutschland mit 9. Brandenburg mit 6, Daltenverband mit 4 und Südostd-eut'chland mit 5 Stimmen. Die ersten Punkte der Tagesordnung wurden schnell erledigt. Der Kassenbericht wurde ohne Wortmeldung genehmigt. Ehe nun in der Tagesordnung weitergegangen wird, wurde die Beratung über die Aufhebung der Hannoveraner Beschlüsse «ingrschoben. Der Antrag von Süddeutschland, Berlin und Südostdeutschland auf Aufhebung des Spielverbots gegen Derufsspielermann- schäften fand den erwarteten hartnäckigen Widerstand der den Vertretern der vier anderen Landesverbände. Die Vertreter beider Parteien führten glänzende Referate, aber alle Demühun- gen der Anragft>eller waren umsonst. Rordwest-, Mitteldeutschland unb der Daltenverband stellten sich geschlossen dem Antrag entgegen, der dann auch in der folgenden Abstimmung mit 48 gegen 42 Stimmen abgelehnt wurde. 3m Auftrage des Dundesvorstandrs versuchte dann Dr. Wagner, Danzig, einen Dermitt- lungsvorschlag durchzubringen, der eine Milderung des bisherigen Sperrverbots zulieh. Auch dieser Antrag fand keine Annahme, und die Dertveter der vier Landesverbände erklärten sich außerstande, von ihrem einmal gefaßten Beschluß abzugehen und einen Kompromiß zuzustimmen. Da der Wortlaut der Hannoveraner Beschlüsse nicht vorliegt, wurde dann ein Abänderungsantrag angenommen, der schließlich die so bart umstrittene Klärung brachte und folgendermaßen lautet: „Die Hannoveraner Beschlüsse werden dahin abgeändert, daß die Berufsspieler aller Länder den englischen gleichge stellt werden." Infolge der vorgeschrittenen 3dt wurden die übrigen Punkte der Tagesordnung rasch erledigt. Die Wahl des Dorstandes brachte nur wenig Veränderungen. Stadtrat Dlaschke, Kiel, wurde zum Ehrenvorsitzenden des Bundes ernannt. Norddeutsch, lands Antrag auf Einrichtung eines Bundes- parlamentes wurde abyelehnt. Die Zahl der Begleiter bei Länderspielen wurde auf 4 bei 14 Spielern festgesetzt. Als Tagungsort für die nächste Tagung 1929 wurde Dresden bestimmt.
Kußball in Hessen-Hannover.
S. xl S. Rordheim wurde gestern vom Sp. D. Kassel erwartungsgemäß mit 2:5 klar geschlagen. ©.©.03 Kassel schickte den ©. 6.05 Göttingen
mit 2:0 heim. Hermannia Kassel befriedigte Ujre Anhänger durch ein 3.2 gegen Sport Kassel, Borussia Fulia besi.'gte Kurhessen Kostel mit 3:1. Eine gewaltige R.ev.rla;e erlitt Kurh:ssen Marburg durch Germania Marburg mit nicht weniger als 0:8 Toren.
Fußbad in Süddeutschland.
Gruppe Main-Hessen.
3n der Gruppe Main waren Einttacht Frankfurt und F. C. 93 Hanau gestern sp.eifrei, da ein Cintracht.nann für den Deutschen Fuh- ballbund in Weimar tätig war. Rotwei.) F.ar.k- furt gewann in Hanau gegen Sp. Vg. 63/91 überlegen mit 4:0 Torrn; mit drm g eiH:n Ergebnis fertigte Union Risdrrrad die F.Dg. 03 Fechenheim ab. trotzdem diele 6emerEcn3to rt n Wi erstand triftete. Roch deut icher siegte der toi ' er erstarkte F. Sp. D. Fran:jurt ü'er d.e gar ni ts bietende Victoria Aschaf enburg i: O la tt.'t' d r Frankfurter Sieg. ©:tma ia 2 e er und Kick rs Offenbach teilten sich den Spieloerlau entsprechend mit 1:1 die Punkte.
3n der Gruppe Hes en setzte W^rma ia Worms wiederum ihren Sieg fort. Wit 4:2 Toren war diesmal der S.D. Wiesbaden das Opfer. Auch der F. Sp. D. 05 Mainz gewann erwartungsgemäß gegen den D. f. L. *2leu-3 en- burg mit 4:1 Toren deutlich, wodurch bei e Vereine nunmehr punktgleich an zweiter Ste le der Tabelle stehen. F. C. Langen erwies sich auf eigenem Pia' e der Wormser Alemannia überlegen und schlug sie knapp, aber sicher 2:1. Rach langem Zaudern kam auch die Sp.Een. Höchst wieder einmal zu S'.egerehren, diesmal mit 1:0 über die Sp. Dg. Arheisten Hassia Bingen war spielfrei.
Bezirk Bayern.
3n der Gruppe Rordbahern hielt sich Franken Rürnberg mit 0:3 gegen den A.S.D. Rürnberg anerkennenswert gut Die Sp. Dg Fürth erwies sich mit 6:1 um eine Klasse besser, als Bayern Hof. Der 1. F. C. Bayreuth muh'e sich mit 0:3 Toren dem V.f.R. Fürth beugen. Eine große ileberraschung bereitete der 1. F. T. Rürnberg, der sich in Würzburg vom F. D. 04 mit 3:4 Toren schlagen ließ.
In der Gruppe Südbahern leistete der der D. S. D. München, tote erwartet, Wacker München sehr starlen Widerstand und überließ ihm nur mit einem knappen 0:1 die Punkte. Auch Schwaben Ulm wehrte sich gegen Bayern München, das schließlich nur 2:0 siegte. Mit dem gleichen Ergebnis und zwei wertvollen Punkten kehrten die Leute von S.V. 60 München von Jahn Regensburg zurück.
Handball.
Die Vezirksligaspiele bet DSV. In der (Brupr’ Mainhessen.
Gruppe A.
Sp. Bgg. Arheilgen — Sp. Bgg. 98 Darmftabt 4:3. Post-Sp. B. Frankfurt — Rotweiß Darmftabt 2:2. Polizei Butzbach — F. Sp. B. Frankfurt 1:3. H. Sp. D. Frankfurt — Kickers Offenbach 5:3. Polizei Darmstadt — V. f. B. Schwanheim 10:1.
Seid fällt vom Himmel.
Roman von paul Gnderling.
Copyright by Carl Duncker, Verlag, Berlin.
29. Fortsetzung. Nachdruck verboten
„Ich konnte nicht an ben Zug kommen. Die Freube war mir in die Beine gefahren und die Angst auch."
„Die Angst, Mutti?"
„Ia, bah bu am Enbe boch nicht kämst. Denke, ich habe erst daran geglaubt, als Pluto zu jaulen begann."
Er schlug sich vor bie Stirn. „Ich Esel habe ja nicht von Danzig depeschiertl"
„Das war nicht nötig. Wir haben die Lufthansa ein paarmal angeläuter."
„Soviel Mühe um ben verlorenen Sohn!" Er nahm bas Gesicht ber Mutter in bie Hände und küßte sie.
„Uff 1" machte sie lachend. „Ich kann ja gar nicht schnaufen. Begrüß' nun aber Tobien. Er sieht schon ganz gekränkt aus."
Der Kutscher grinste verlegen, nahm umständlich die Peitsche in die linke Hand unb drückte die Rechte bes Heimaetehrten. „Willkommen zu Hause, junger Herr!
„Willkommen, Tobien! Uebrigens sind Sie auch heute nicht rasiert."
Tobien fuhr erschreckt nach fernen Bartstoppeln. „Den Deibel auch," brummte er, „ich bachte, man täte eß nicht sehen."
Kurt Grotteck gab ihm lachend eine von seinen Zigarren und stieg ein. Der Wagen fuhr auf bem holprigen Pflaster ber Kleinstadt, umbellt von Pluto, ber bie aanze Nachbarschaft zu Zeugen feiner Freude machen wollte.
Einige Fenster öffneten sich. Ein paar Mützen entfernten sich von struppigen Blondköpfen. Gott- lob, er war au Hausei Zärtlich streichelte er die Hand ber Mutter.
„Daß du wieder da bist, Junge!"
„Nun, ich war ja schließlich nicht in Hawai ... Wer ist das da nicht Bellmann? He, Bellmann l"
Ein kleiner Handwagen, mit rasselnden Blech- kannen bestellt, hielt mit einem Ruck. Der Milchmann grüßte herüber und grinste, daß sich beide rühren Gute Nacht sagten.
„Der Philosoph. Weißt bu noch, Blutter?" Er sprach in Bellmanns breitem Tonfall weiter: „Gnäbiges Frauchen, die oerbammtigen Bengels haben mir roieber in bie Milch gespuckt. Gott, es schad't ja nichts, aber wozu?"
„Daß bu da bist!" sagte bie Mutter wieder, „ßafj mir deine Hand, sonst fliegst du mir noch davon."
Da war der Krug „Zum fröhlichen Westpreußen" mit dem fetten Gambrinus über ber Tür unb ben Tischen im verwilberten Garten. Unb ba bas Krie- gerbenfmal, und bort bie weißgetünchte Kirche aus ber Ordenszett. Und nun tarn bie Chaussee mit den Ebereschen, bie nach Grotthausen und ben Nachbargütern führte. Silles war unbegreiflich schön unb friedlich.
Der süßliche Duft von blühenden Lupinen zog herüber, ein Vogel fang immer dieselbe jubelnde Strophe. „Es ist ein Svrosser", sagte die Mutter leise. „Er begrüßt dich/
Eine Schar Krähen überflog bie Straße. „Sie tarnen von rechts, Mutter. Ein gutes Zeichen. Aber nun muß ich ausfteigen, ich will wieder Heimaterde unter den Füßen haben. Du bleibst wohl drin?" ~
„Du denkst wohl, ich bin eine alte Frau? Schäm' dich!"
Arm in Arm, wie ein Liebespaar, gingen Mutter und Sohn die Chaussee entlang. Drüben blaute der Waid. Aus den Häusern ber Kätner stieg Rauch auf. Pluto jagte querfeldein hinter einer wildernden Katze und kam schnaufend, die Zunge wett aus dem Halse, mit enttäuschtem Ge- sicht zurück. „Wo ist Kätzchen?" Mißmutig sah er auf, unb er trabte von ba an mit eingezogenem Schwanz neben seinem taktlosen Herrn einher.
„Wenn ber Wald nicht märe, würbe man dort die' Weichsel aufblinken sehen." Er blieb stehen. „Und ba ist bas Schloß."
Auf bem Dachgiebel flatterte luftig bie Fahne bes Freistaats. Es war alles so, rote er es sich geträumt hatte. .
Ein Reiter kam langsam naher. Man sah, rote er an dem vorausgefahrenen Wagen anhielt und
wie er sich wieder in Trab setzte. „Der Inspektor?"
„Nein", sagte die Mutter leise. „Es ist unser Nachbar." Ihm war, als ob ihr Arm leicht zittere. Ein kühler Hauch zog durch ben warmen Tag.
Nun hielt der Reiter vor ihnen, unb Kurt Grot- leck sah in Papendicks gemütliches braunes Gesicht.
„Guten Tag, Frau Nachbarin! Und bas ist der Herr Sohn? Willkommen zu Hause." Seine Augen musterten ihn offenbar mit Wohlgefallen. Er wandte sich an Karola Grotteck. „Nein, bah Sie schon einen so großen Sohn haben! Es ist nicht menschenmöglich.
Sie lächelte. „Daran können Sie sehen, daß ich schon eine alte Frau bin."
„Ja", meinte er gemütlich. „An ben Kindern merkt man, daß man in bie Jahre kommt." Er besann sich, wurde noch um eine Schattierung brau- ner unb setzte verlegen hinzu: „Nein, nein, bas ist nun doch ..."
In feinem schweren Gehirn ballte sich offenbar eine Galanterie zusammen. Aber ehe er sie beieinander hatte, sagte Karola Grotteck: „Sie wollten zur Stabt, nicht wahr? Da wollen wir nicht aufhalten."
„Danke ... danke ... Ja, bas heißt, es täte wohl not, mal mit bem Bürgermeister ein ernst- liches Wörtchen zu sprechen. Ich treffe ihn beim Skat im .Fröhlichen Westpreußen' am ehesten."
„Dann also ableu, Herr Papenbick. Schönen Gruß. Und heute abend sehen wir Sie doch bei uns?"
„Aber gern!" dröhnte Papendicks Baß. „Daß Wiedersehen muß doch gefeiert werden. Auf Wie- dersehen, Gnädigste! Auf Wiedersehen, Herr Grotteck!"
Er war schon weit fort, als Kurt sagte: „Er ist gar nicht so übel. Liber vorgestellt hat er sich mir nicht."
Frau Karola lachte wie ein Kind. „Ist das deine einzige Sorge?"
„Nein, meine einzige Sorge ist, was es heute zu essen gibt" . t
„Dein Leibgericht aus Kinderzeiten: Äomgsber» ger Klops. Was wohl sonst? Eigentlich ist es sonderbar, daß bu in diesem einen Punkt so einen entsetzlich plebejischen Geschmack hast."
„Das macht nichts. Ich gleiche es schon roieber aus. Es gibt boch eine ganze Schüssel voll, roie?"
„Einen Waschkessel voll. Du kannst beruhigt fein. Ich werbe mich boch nicht lumpen lassen."
Wie zwei gute Äameraben zogen sie in Grotthausen ein. Der Anstrich ber Fassade war bedenk- lich abgeblättert. Auch die beiden grünen Bänke unter bem vorspringenden Dach hätten eine neue Bekleidung vertragen können. Frau Karola fiel es plötzlich auf, und sie blickte ein bißchen schuld, berouht zum Sohn hinüber.
Aber er merkte offenbar nichts. Er drückte bis breiten Pfoten ber aufgeregten Wirtschafterin und fuhr in allen Räumen umher. Die alten, schon etwas wurmstichigen Möbel stauben noch wie ba- mals. Der große runbe Tisch war noch da unb ber Spiegel mit bem kleinen Sprung in ber Ecke. Und daneben das Ledersofa, in bem man so herrlich einsank, baß man nie mehr auszustehen vermeinte.
„Mutti, es ist herrlich, zu Hause zu fein. Auch ber Aste Fritz ist noch da."
Auch er war noch in ber Diele. Auf seinen Krückstock gestützt, ben Hut auf dem Stopf, blickte er streng, großen Auges auf bas Herrenhaus und die abgezirkelten Bäume bes Gartens, als wolle er ausrechnen, mit wieviel Hypotheken man dies Gut belasten könnte.
Sie tranken im Garten unter dem Apfelbaum Kaffee, und die Mytter schnitt dicke Stücke von dem selbstgebackenen Napfkuchen ab. „Willst du vielleicht einen Schnaps?"
„Nein, Mutti, dein Anblick berauscht mich schon
du bummer Junge!" Sie sah glücklich zu, roie Stück um Stück verschwand. Er aß, als hätte er während der ganzen Fahrt gefastet.
„Was ist denn das für ein Kraut dort?"
„Tomaten. Das Grün ist nicht schön, es sieht wie nach Kartoffeln aus. Aber warte nur, wenn erst bie roten Früchte branhängen. Es ist ein Versuch von mir, weil hier boch die Sonnenseite ist." Sie glüht« vor Stolz.
„Du bist ein wirtschaftliches Genie, Mutti. Ich dachte, es feien Maulbeerpflanzen."
„Die kommst du darauf?"
(Fortsetzung folgt)


