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Nr. 176 Erstes Matt

178. Jahrgang

Samstag, 28. Juli 1928

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Gießener Anzeiger

General-Anzeiger für Oberhefsen

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Dr. Friede. Dilh. Lange. Deramwortlich für Vohtih Dr. Fr. Wilh. Cange; für Feuilleton Dr. H.THoriot, für den übrigen Teil (trift Btumschein: für den An- zeigenteil Aart ßtümann. sämtlich in V testen

Die Kehrseite.

3n wenigen Lagen flnb fast anbertbalb 3ahr- zehnt. vergangen, feit die Völker der halben Welt auf gerufen wurden zum Kampf gegen die mitte Europa» 3ni Flamen von Kultur und Sitte. Im Hamen M bedrohten Frieden- wurde nicht nur Aranzosön und Stilen, Süssen, 3talie- nem und Serben, sondern auch Marokkanern und Qfnamtten, Kongenegern und Kamtschadalen der heilige Krieg gegen den preuhischen Tlilitariü- mui gegen das kulturfeindliche System von Pots­dam gepredigt. Einen preuhischen Militarismus gibt e- nicht mehr. Pot-darn. die Soldalenstadt Friedrich Wilhelm», ist ein biedere- Penfionopolis geworden, da» nur gelegentlich twch durch einen frisch.lrshl*chen Kleinkrieg gegen sich allmächtig dünkende "Berliner Minister von sich reden macht. Um so mehr hat jedoch da- deutiche Volk nun fett anderthalb Z.ihrzebnten die Ehre und daS Vergnügen, den bei ihm selbst mit Hilfe aller Böller und Bassen de» Erdball» ausgerotteten Militari-mu- in einer Spielart kennen zu lernen, den da» zivilisierte Europa leit den Tagen be­sonnen kvnig- und feiner Turenne und M6lac eiidgülltg in die Geschichtsbücher verbannt glaubte. 'Beitpeitsche und Stiefelabsatz al- Waffe gegen den schutzlosen deutschen Bürger find seitdem wieder zu Ehren gekommen. Kriegsgerichte, Dra- Sna den, Scquifitioncn. Konlrollschikanen sind im

r^en Europa», am deutschen Rhein, seit Römer- tagen Mittler höchster Kultur. Förderer polen- ziertester Wirtschaft, heute wieder, wie vor rund zwei 3ahrhundcrten erlaubte und gern geübte Mittel, um eine in hohem Maste IrieUich ge­sinnte und zum Ausqlcib neigende Bevölkerung, die nichts andere» wünscht, als in voller Freiheit ihrer bürgerlichen Beschäftigung nachzugebrn. mit ihren Rachbarn die-seit» und jenfeit» de» Strom» zu wetteifern in Werten der Kunst und Kultur, der Wirtschaft und Technik diese» frieblicbenbe fröhlich-heitere rheinische Dvlk bl» aus» Blut zu reifen, zu demütigen und zu quälen, bi» hier und dort sich Einzelne in berechtigter Abwehr oder verständlicher Cmpörunq zu zwar unbesonnenen, aber begreiflichen Handlungen hinreisten lassen, die dann einer übermütigen Soldateska will­kommene Gelegenheit zu neuen Repressalien geben. Dah wir in diesen Sähen nicht längst vergangene Zeiten schildern, in denen der Hast de» Kriege» und der ilebermut de» Sieger» nach dem furcht­baren Ringen die ersten begreiflichen Orgien feierten, dafür ist da- Urteil von Zweibrücken und da- Au-lleserung-begehren der französischen Militärbehörden ein trauriger Beweis. Gewist ist auch im besetzten rheinischen Gebiet viele» beb er geworden seit dem Abbruch de» Rubrkampfe-, seit London und Lo- canio, wer wollte da» leugnen? Aber gibt es einen schlagenderen Bcnxis für den Uniinn, der in dem weiteren Derbleiben der fremden Be­samung am Rhein liegt, al» die Tatsache, dast in dem Augenblick, wo die französische Regierung den deutschen Auhenminister zur feierlichen Unter­zeichnung eines neuen Friedenspakte- nach Pari» einläbt. die französischen Militär!ehörden am Rhein eine der gehässigsten und demütigendsten Bestimmungen de» Rheinlandabkommens. seit 3ahren nicht verwandt und fast schon vergessen. Hervorbolen, um dieselbe Reichsregierung, mit der man sich eben neu verbrüdern will, vor die benkdar schwierigste Situation zu stellen?

Wo» ist denn eigentlich geschehen, da» einen solch ungeheuren Rückschlag in den deutsch-fran- zös>schen Beziehungen rechtfertigt? Unter dem blofwn Berdacht. von dem französischen Offizier- kasnw in 3toeibtürfcn die Triko.ore herabgerisscn w haben find drei Deutsche vor dem Landauer Kriegsgericht unter Anklage gestellt und. da fte in da» unbesetzte Gebiet gefmchtet sind, wegen schweren Diebstahl» und Beschimpfung des fran­zösischen Hoheitszeichen» in contumaciam z u fünf 3abren Zuchthaus verurteilt worden, obwohl die Beschuldigten jede Betei­ligung abgestritten haben und die Ermittelungen der deutschen Untersuchungsbehörden keinerlei Be­weis für eine Schuld der Angeklagten erbracht haben. Und nicht genug mit der UrteilüfätTung, bäh man es n Kobferu. dem Sitz der Rhein» lanNommVf'on und ihre» famosen Präsidenten Tirard, für opportun, auf Grund der Artikel 3 imt> 4 de» Rhe.n landabkommen» von der deut­schen Regierung die Auslieferung der An­geschuldigten zu verlangen, um sie für fünf 3ahre in französischen Zuchitzäusern verschwinden zu lassen. Und das nach Locarno und Tho.rv. nach Deutschland- Eintritt in den Völkerbund, fast im gleichen Atemzug mit der Unterzeichnung de- neuen Kelloggpakts, der den Krieg ächten und bk Einleitung einer neuen Aera de» Völler- frkben# und der Döllerverständrgung fein foll. Die Medaille de» deutsch-franzöfischen Ausgleichs hat eben auch zwei Seiten, die eine zeigt Herrn B r . a n d . den Vater von Locarno. die Kehr- feit? aber Herrn Tirard. den offenbar all- mächttgen Fronvogt am Rhein. Wir empfehlen bem französischen Austenminister dringend, sich feinen Gegenspieler doch einmal schnell und gründ­lich unter die Lupe zu nehmen. Und seine Hinter­männer in Pari» dazu. Denn es ist doch unmög­lich anzunehmen, dast man in Koblenz tun und n r - ^nn. was einem einfällt, gleichgültig welche vormt in der Pariser Zentrale beliebt wird, laber e» H ebenso ein Unding, von Deutschland Stnc freundschaftliche Geste zu ermatten, wie es der Besuch des deutschen Austenmini- st c r s in Paris zweifellos 'ein würde, wenn man statt endlich die längst fällige Räumung des Rheinlandes in Aussicht zu stellen, auf denkbar brutalste Methoden aus einer Periode schm ach-

Gegen das Auslieferungsbegehren.

Die Einstellung des Auswärtigen Amts. Eine neue eigenartige Auülafsung der Wilhelmstratze.

Berlin, 27.3uli. (I1L) Zum Muriieferung*- begehren der Befatzungsbehörden wird von z u - ffänöiger Stelle erklärt, dah die Bctcheregie- rung oe r p f 11 d) t e I fei, bem entsprechenden Ar­tikel des Rheinlandabkommen, zu entsprechen und die verlangten persönUchkelten au»iulie- f e r n. Iedoch seien jur Zelt Verhandlungen im (Dange, um eine gerechtere Beurteilung der An­gelegenheit durch die sranzösischen Behörden herbei- zusühren. Inabesondere erscheint nach deutscher Aufsagung der Vorwurf de» schweren Diebstahl» al» unrichtig, da die Iatbeflan6»merfmale diese» verbrechen» nicht erfüllt sind. Die drei Persönlich­keiten. deren Auslieferung verlangt wird, sollen be­kanntlich die Zahne vom französischen Offizierkasino heruntergerissen haben. 3m übrigen glaubt man an zuständiger Stelle, die deutsche Bevölkerung daraus aufmerksam machen zu müssen, dah derartiger Un­fug auf da» dringlichste oerm leben werden muh, da die deutsche Bevölkerung in solchen Zöllen vor der Auslieferung in Ueberein- ftimmung mit den beflebenen Verträgen nicht geschützt werden kann.

Paris und Koblenz.

Lin aufklärender Aommcniar dcüVorwärts".

Berlin, 28. Juli. (TBolff.) DieD A 3" und der Vorwärts" kommen heute morgen noch einmal auf dos Auslieferungsbegchren der französischen Be­hörden zurück. Da» erstgenannte Blatt knüost an eine, an anderer Stelle veröffentlichte Protestkund­gebung des Deutschen Offiziersbundes folgende Be­merkung an: Der Deutsche Offiziersbund geht bei dieser Kundgebung von der (gestern als von zuständi­ger Stelle kommend bezeichneten und veröffentlich­ten) Meldung aus, dah die Reichsregierung bc- schloffen habe, dem Slusliescrungsbegebren Folge zu leisten. Davon kann aber, wie wir zuverlässig erfahren, gar keine Rede sein. Allerdings scheint die Rechtslage für die französische Auffassung günstig zu liegen. Eine Auslieferung darf jedoch mag die Rechtslage fein, wie sie willunter keinen Umständen in Frage kommen. Die Reichsregierung wird daher alles aufbieten mästen, um eine Lösung dieser Affäre zu erreichen.

DerVorwärts" misst heute der Angelegenheit nicht die Bedeutung bei, die ihr besonders von rechtsstehenden Organen gegeben worden ist. Das Blatt teilt mit. dah in Koblenz bereits feit län­gerer Zeit über den Fall verhandelt worden sei und eine für beide Teile durchaus befriedigende Lösung unmittelbar bevor- gestanden Hobe, als die Tatsache der französischen Forderung in sensationeller Ausmachung mitgeteilt worden sei. Das Blatt schreibt dann weiter: 3m vorliegenden Falle, der einen politischen A n - ftrich hat. muh natürlich ein Ausweg gefunden werden. Es mag sein, dah einige französische Her­ren in Koblenz, die ein Interesse daran haben, eine frühere Räumung zu verhindern, und die deutsch- französischen Beziehungen zu trüben, es darauf an­gelegt heben, besondere Schwierigkeiten au machen. Die französischen Regierungsstellen in Paris waren bis gestern über die Angelegenheit gar nicht informiert DerVorwärts weist bann auf die diplomatischen Schritte hin, die in der französischen Hauptstadt zu einer schnelleren Beilegung diesesmahlos ausgebauschten Zwöchen- falle»" unternommen werden, und erklärt: Auch auf französischer Seite sind, wenn wir bisher recht un­

vollster Demütigungen für Deutschland zurück» greift. Deutschland hat ein Recht darauf, end­lich flipp und klar zu erfahren, woran ei ist. Will man in Paris aufrichtig eine Fortsetzung der Politik, die die deutsch-französische Derstän- Digunq zum Ziel hat. dann mutz endlich Lchlust gemacht werden mit dieser Politik des öoppeden Bodens, wobei die eine Hand nicht weih, was die andere tut. Es ist zwar vielleicht sehr prak­tisch ausgeklügelt, wenn man in Paris von Lo­carno und möglicher Rheinlandräumung spricht, den militärischen Machchabcrn in Koblenz und Mainz aber gleichzeitig die Rolle zuschiebt. durch fortgesetzte Drangsalierungen und Provokationen dafür Sorge zu tragen, dah man stet» über ge­nügend Borwände verfügen kann, tr.e eine Rau- nntng des besetzten Gebet» aus Gründen der Sicherheit leider immer noch untunlich erscheinen lassen. Deutschlands Geduld ist am Ende, ei hat keine Lust mehr, weiter noch diesem zynischen Fangballspiel zuzuschauen. Das deutsche Dolk muh setzt endlich willen. ob e» einen Sinn hat, noch auf späte Früchte der Loeamosaat zu war­ten. oder ob cs trügerilche Hoffnungen find, mir denen Poincarr neue Zugeständnisse politi­scher oder wirtschaftlicher Art ^raueInden möchte, um dann wiederum die Zahlung schuldig zu biei­ben. älneingelöste Wechsel haben wir genug in unserem Portefeuille, wir danken für neue und wollen endlich den ehrlichen guten Willen sehen, unkten vertraglich begründeten Forderungen nachzukommen. Das Au»lieserungsbc gehren der

terrichtet sind, ähnliche diplomatische Bemühun- gen Im Gange.

Sollte diese immerhin denkbare Auffassung de» .Vorwärts" den Tatsachen entsprechen, wäre e» völlig unbegreiflich, au» welchen Gründen da», wenn wir recht unterrichtet sind, augen­blicklich vom Staatssekretär von Schubert ge­leitete Au-wärt ige Amt. über den tat­sächlichen Sachverhalt und die Dorgeschichte de» Dorfalls beharrlich schweigt und. statt einer offenen Darlegung der ganzen Angelegenheit, die am schnellsten und wirkungsvollsten der vom .Vorwärts" beklagten .maftlofen Aufbauschung" des Zwischenfall» gebient hätte, durch unbegreif­lich schwächliche und einfeitige. auch inhaltlich völlig ungenügende Auslastungen die Oeffentlich- feit beunruhigt. Die amtlichen Stellen haben wieder einmal in eklatanter Weise versäumt, die öffentliche Meinung rechtzeitig zu unter­richten und glauben nun durch Fortsetzung einer lächerlichen und schädlichen Geheimniskrämerei einen ihnen unangenehmen Zwischenfall einfach vertuschen zu Konen.

Protestkundgebungen.

Berlin. 27. 3ull (2.-11.) Zu dem Aus- lieferungübegehren der Besatzungsbehörden er­läßt der Rationalverband Deutscher Offiziere folgende Erklärung:Die deutsche Reichsregierung soll laut Pressemitteilung die Auslief erun g deutscher Staatsbür­ge r an die französische Befahungsbehörde be­schlossen haben. Die Derwirklichung dieser Ab­sicht. deren rechte Würdigung, in der Oeffcnt- lichkeit durch deutsche Gesetze leider unmöglich gemacht worden ist. würde trotz bestehender Ber- träge einen Bruch der gerade von den heutigen Regierungsparteien so oft al» unantastbar be­zeichneten Verfassung bedeuten. Wir fragen das deutsche Dolk. es bereit ist. zu dulden, dah deutsches Recht und deutsches Ehrgefühl s o offensichtlich mit Zützen getreten wer­den sollen. Wir unsererseits legen schärfste Ver­wahrung dagegen ein. Richts würde unsere Erniedrigung in so erschreckender Weise vor aller

Welt bezeugen, tme eine Preisgabe deutscher Volksgenossen "

Der deutsche Osfiziersbund derosten!- (id>t folgenbe Erklärung: ..Trotz der Zeitungs­nachrichten .von zuständiger 6teile*. Deutschland wolle dem Qfuelieferungabcgebrcn der »ranzbsr- schen Militärbehörden Folge leisten, werden wei­teste Kreise des Volke» e» immer noch suraus­geschlossen halten, bah es eine deutsch« Regierung gibt, die unsere Brüder an französische Zuchthäuser auszuliefern imstande »st. Erste Pflicht eine» Verantwortung»bewussten Staatswesen» ist, seine Bürger zu schützen, erstes Recht des Bürger», sich mindesten» innerhalb feiner Landesgrenzen diese- Schutze» gegenüber aus­wärtigen ikbergrifkn zu erfreuen. Ein Staat, der diese seine Ausgabe soweit vergibt, dah er seine Bürger preiSgibt und sie sogar einer feindlichen Macht überantwortet, kann kein Vertrauen und keine Autorität gewinnen. D.e französische Forderung, vielmehr aber ihre Be­willigung. ist ein Schlag in» Gesicht jede» ehren­haften Deutschen, e.nc untilgbare Schmach, geqm die der deutsche Osfiziersbund in der Geschlossen­heit seiner Mitglieder flammende Verwahrung einlegt und ihre Verhinderung mit allen Mitteln fordert."

Die Vereinigten Vaterländischen Verbände Deutschland» erlassen folgen­den Aufruf: ..Falls die unglaubwürdige Roch- richt wahr sein sollte, dah die deutsche Reichs- regicrunq sich mit der Auslieferung deutscher ReichSan.z höriger an französische Zuchlhäuscr ei - verstanden erklärt hat. sordern wir: 1. das» an Stelle der Versassungsseier am 11. August ein allgemeiner deutscher Buh' und Trauer- tag deutscher Knechtschaft und Schande angesetzt wird, 2. dah sofort derReichStageinberu- fen wird, um zu entscheiden, ob diese Reichs- regierung noch sein Vertrauen besitzt, 3. fall» auch der Reichstag deutsche Reich-angehörige vor der Auslieferung nicht ju schützen und deutsche Ehre nicht zu wahren wissen sollte, dast der Reichspräsident, Generalfeldmarschall von Sinbenburg. dessen Auslieferung 1920 das deutsche Dvlk voll einmütiger Empörung verwei­gerte. ihn sofort a u f l ö st."

Sowjeirußland und derKriegSächlungSpali

Kellogg hat sich an die europäischen Groh- mächte gewandt und ihnen seine Dorschläge zur Aechtung des Krieges unterbreitet. AuchAust- l a n d gehört zu den Grohrnächten. ist aber bis­her weder direkt noch indirekt zur Teilnahme her angezogen worden. Wenn man in Betracht zieht, dast die Dereinigten Staaten von Rord- amerika da- Sowjetreich juristisch nicht an­erkannt haben, dast sie also offiziell von Moskau keine Rotiz nehmen können, so ist c» sehr verständlich, dast der Kreml übergan­gen worden ist Man kann sich aber anderer­seits keinen Weltfrieden ohne Einbeziehung Rust- lands denken. DaS heistt mit anderen Worten, dast der Patt gerade dort nicht gelten folt. wo er mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit bald auf die Probe gestellt werden wird. Wan denkt in den Ländern des Westens nicht gern an die Ostprobleme, und doch kommt gerade von dort der Brandgeruch, den man in früheren Jahrzehnten nur am Balkan zu spü­ren pflegte. Der Optimismus westlicher Kanz­leien will sich durch diesen Brandgeruch nicht irre machen lassen und fährt fort den Kellogg- Pakt als eine Welterlösung zu feiern. Es bleibt allerding» die Frage offen, ob die Dölker de- Westen- toirflid) im Innersten ihre- HerzenS davon überzeugt sind, dast durch den Pakt der Krieg aus der Welt geschasst werden kann. Auch die Apostel des PazisiSrnu» Dürften in ihrem Unterbctoufttkin ihre Hoffnungen nicht allzu hoch

schrauben, denn im Grunde ist da- Mittel, den Krieg einfach vom grünen Tisch au» au verbie­ten. sehr naiv, zumal, wenn man beobachtet, wie jede der zur Unterschrift bereiten Mächte sich Ausnahmeklaufeln -um eigenen Vorteil sichert. Die Vorbehalte Frankreich» und feine» Vasallen Polen geben dafür einen beredten Beweis.

3n Svwjetruhland verhält man sich zum Kel­logg-Patt in seiner jetzigen Form, ebenso wie zum Dölterbund ablehnend Sowohl die roten Heerführer al» quch viele Sowjetpolitiker betonen zwar die Friedensliebe de- Kreml, behaupten aber, dah der Krieg nur eine Frage bei Tage» fei und dast er, ebenso sicher wie die Sonne aus- und untergehe, in allernächster Zeit a u » b r c - chen werde 3n diesem Sinne sprach Bucharin vor dem Kongreß der Dritten 3nternationalc. Er gab dabei gleichzeitig seiner Lieberzeugung Ausdruck, dast der Krieg den Bürgerkrieg in allen Ländern entfesseln und Der We11- revoluti on zum Stege verhelfen werde. Man weist in Moskau auf die Beratungen De» polni­schen und rumänischen General stab» in Warschau und auf den Besuch der Generalstäbler in Reval und in Helsingfor» hin. Die Herren hätten sich gewih nicht versammelt, um gemeinsam zu früh­stücken. es habe sich vielmehr um Krieg-Vor­bereitungen gegen Die Sowjetunion gehandelt. Die osstztöfe Sotojetpresse meint denn auch, dost der Kellogg-Patt nur eine leere

Rheinlandkomnnssion ist da» Gegenteil da­von.

Die Krisis der deutsch-französischen Brrhand« lungSpolitik Hot auch leider -- wir müssen schon lagen e ne inner politische Seite So erfreulich es war, eine fast einmütige Ablehnung der uner­hörten Zumutung her Rhetnlandkomritlsisn in der deutschen Preise aller R ch!ungen feststellen zu können, so seltsam mute: tue S.ellungnahme der amtlichen Stellen zu dem AuSlieferungs- begehren an. Tat man erst in Berlin nach be­währten Mustern so. als wühle man von nichts, so raffte sich die Wilhellnstraste schließlich, nachdem e» sich beim besten Willen nicht mehr länger verheimlichen lieh, doch dazu auf. Die von fran­zösischer Seite gestellte Forderung zuzugebeTt, wobei sofort erhärt touröe, dah Deutschland stch an das Rheinlandabkommen gebunden er­achte und daher Dem Au-lieferungSbe- gehren ft a 11 geb en werde. Unsere« Erach­ten- kann und Darf davon gar keine Rede fein. Die Reichsregierung wird vielmehr unter Beneitefchiebung der' RheinlandkommissMr: in Paris direkt die ernstesten Vorstellungen zu er­heben haben und einen Verzicht auf das uner­hörte und der offiziellen Politik des Quai d'Orfah offen Hohn sprechende Ansinnen der Herren Tirard und Konforten verlangen müssen, mit dem Httrzufügen, dah eine Parcker Relle Strese- manns ad majorem Galliac gloriam nicht im ent« ^entfetten m Betracht fönte, solange man sich von französischen Betzbrden im Rheinland noch

ähnlicher beleidlgender Forderungen zu gewärti­gen habe. Allgemein anerfanniet Grundsatz De» Völleroechls ist, dah kein Staat verpffichtet wer­den kann, seine eigenen Angehörigen- einer aus­ländischen Regierung zur Strafverfolgung, noch dazu wegen polilllcher Der gehen, auSzuliefem. Strafgesetzbuch sowohl tote Retch-verfasfung sichern Dem deutschen Staatsbürger diesen Schutz ned) ausdruck.ch zu. ilr.D toerm nun auch Deu.sch- land wirklich im Rheisllandabkornmen sich die­se» Rechte» und dieser Pflicht zum Schutze feiner S: aar-angehörigen begeben hat, so ist dieser in bitterster Rot von Deullchland erpreßte, formal- jur-stifch zwar heute twch zu Recht bestehende Vertrag doch durch Die gänzlich veränderte po­litisch: Situation tatsächlich längst überholt. 3n einer Zeit äuherfter Bedrängnis bedurste es seinerzeit nur eine- Funkens entschlossenen WillenS de» ganzen Volkes, um Die Schmach einer Auslieferung der sogenannten Kriegsver­brecher zur AburtaLung durch alliierte Gerichte von un» abzutoettden, und heute, in einer nach innen und auhen ungleich gefestigteren Lage, frtlte unS das unmöglich fein, was vor zehn 3obren unser Stolz war? Rehmen wir doch wieder einmal unteren ganzen Mut zusammen und stellen Frankreich vor Die Wahl, welche Seite der Locarnv-Medailla e» für Die rechte und endgültige erklären will, die Seite die un« B r i a n d zeigt oder die Kehrseite mit bem BÄdnis Tirard». der verkörperten Tdranni« am Rhein.