Ausgabe 
27.10.1928
 
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Nr. 254 Erstes Matt

178. Jahrgang

Samstag, 27. Oktober 1928

Erich*««' lügtich,orrtzei Sonntag» anh Frierlags

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Di* Scholle

Monau-Vezvgrpretr:

2 Reichsmark unö 20 Retchspfrinly für Trüge» lohn, auch bei Richter» scheinen einzelnerRummern rnfolg« höherer Gewalt. Fernfprechanl chlüsse:

51, 54 und 112

Anschrift fttt Drahtnach- richten »nzelger Siebe».

volscherNomo:

Krankfvri am Main 11886

Gietzener Anzeiger

General-Anzeiger für Oberhessen

Drtrd vnd Verlag: vrihl'sche Unwersiiütt.vvch. and Steindrackeret B. Lange tn Gießen. Schrtftlettang and Seschäftrftelle: Schulfttaße I.

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Chefredakteur

Dr Fnedr Wilh Lange. Verantwortlich für Politik Dr <Jr Wilh Lange für Feuilleton Dr H.THynvt, für den übrigen Teil Ernst Dlumschein, für den An­zeigenteil Kurt Hillmann. sämtlich in (Bieben

Vorwärts!

Der Gedanke der Rcichsreform bleibt lebendig. Kaum ist LuthersBund zur Erneuerung des Reichs" mit einer sehr dankenswerten Denkschrift vor die Oesfentlichkeil getreten, al» auch schon sozusagen von Amts wegen ein neuer Schritt erfolgt, um die Resorinarbeil uormärtsuitrelben. Die Länder- f o nJ e r e n 3 , die zu Beginn dieses Jahres von der Reichsregierung nach Berlin einberufen worden war, um sich einmal über die Grundlagen einer Ver- fassungs- und Derwaltungsreform an Haupt- und Gliedern klarzuwerden, zum andern aber auch Wege und Methoden der praktischen Borbereitungs­arbeit festzulegen, hatte einen Arbeitsausschuß mit einer Reihe einzelner Ausgaben klärender, sichtender und vorbereitender Art betraut. Dieser Ausschuß ist nun in dieser Woche zusammenaetreten, um über die geleistete Arbeit Rechenschaft abzuleaen. Der Ver­lauf der ersten Länderkonferenz dieser Art mar unter der Acgide des Kabinetts Marx-Hergt nicht gerade so imposant gewesen, daß man auf ein an­nehmbares Ergebnis der Ausschußarbeiten hätte hof­fen dürfen. Und der erste Eindruck war denn auch niederschmetternd. Sechsundzwanzia Denkschriften drohten alle Ansätze frischen Fortarbeitens in einer Flut von Papier zu ersticken, als ein neuer Impuls von einer Stelle ausging, von der man es nach den trüben Erfahrungen des Januar am allerwenigsten erwartet hätte. Die Reichsregie­rung selber trat mit einigen knapp gefaßten, klar formulierten Leitsätzen hervor und nahm damit end­lich die Leitung der Reformarbeiten in die Hand. Ein merklicher Unterschied zu der durchaus passiven Behandlung, die die Frage der Reichsreform durch das Kabinett Marx und feinen in Verfassungsfragen federführenden" Innenminster gesunden hatte. Da­mals beschränkte man sich lediglich daraus, den Be­auftragten der Länderregierungen Gelegenheit zur Aussprache zu geben, in die man sich selber möglichst wenig einmischte, heute ergreift man selber die Ini­tiative und legt den Länderregierungen ein spezifi­ziertes Programm zur Bearbeitung vor.

Der neue Berliner Kurs kommt natürlich auch in diesem Programm selber zum Ausdruck. Es sind durchweg Anhänger einer durchgreifenden Neugliede­rung des Reichs, die diesen, wohl vom Reichsinnen- miniftcr Seoering aufgestellten Leitsätzen ihre Zu­stimmung gegeben haben. Daß sich darunter auch her Vertrauensmann der Bayrischen Volkspartei im Reichskabinett, der Reichspostminister Schätze! befand, darf man als Beweis dafür nehmen, daß sich, wie immerhin zu befürchten war, das Pro­gramm der Reichsregierung von radikal-unitaristi- schen Tendenzen freigehalten hat. Trotzdem hat der Schritt der Reichsregierung bei den versammelten Ländcrvertrctern eine gewisse Verblüffung und bei einer kleinen Gruppe auch sofort heftigen Wider­spruch ausgelöst. Der bayrische Ministerpräsident Held, dem an seiner Wiege im hessischen Odenwald bestimmt nicht gesungen wurde, daß er einmal als Verteidiger der bayrischen Souveränität, als Ver­fechter eines mißverstandenen Länderpartikularismus eine nicht sehr rühmliche Rolle spielen würde, Herr Held drohte die Konferenz zu sprengen. Ader seine Kollegen haben ihm offenbar die Gefolgschaft ver­weigert. Daß sein Parteigenosse Schätzei den Richt­linien der Reichsregierung beigepflichtet hatte, und der Führer der Rcichstagsfraktion Prälat Leicht, erst vor wenigen Tagen sich wenn auch mit vielen Wenn und Aber für eine Reichsreform eingesetzt hatte, mag Herrn Held auch zu denken gegeben haben. Jedenfalls hat man sich nach einigen kritischen Stunden auf eine Verhandlungsgrundlage geeinigt, die in allen wesentlichen Punkten den RichtUmen der Reichsregierung gerecht wird. Ein bayrischer Abänderungsantrag, der in der Frage der Auftragsverwaltung Sinn und Zweck dieser Maß­nahme in ihr grobes Gegenteil verkehren wollte, wurde abgelehnt.

Aach dem Vorschlag der Deichsregierung wer­den nun also zwei Ausschüsse eingesetzt werden aus Dcrtc.tern des Deiches und der Länder und nichtdeamteten Sachverständigen. Ihnen werden ganz bestimmte Aufgaben gestellt. And zwar wird sich der eine mit der terri­torialen Arngliederung des Reiches, der andere mit der Abgrenzung der Zustän­dig l e i t c n zwischen Reich und Landern zu be­fassen haben. Dieses Ergebnis der Länder­konferenz hat In der Presse als Wortführer der öffentlichen Meinung eine sehr verschiedene Be­urteilung erfahren. Der Entrüstungssturm im bayrischen Blätterwald, den die Richtlinien der Reichsregierung entfacht hatten, hat sich langsam gelegt, nachdem man erfahren hatte, daß sogar der ftärrfte Exponent bayrischer Eigenstaatlich­keit, Ministerpräsident Held, angeblich befriedigt über das Erreichte nach München zurückgekehrt sei. And grade das hat wieder in gewisien preußischen Kreisen Mißtrauen geweckt. So übt z. B. die deutschnationale, der Schwerindustrie nahestehendeRheinisch-Westfälische Zeitung" heftige Kritik an dem Sinn, den die Länderkvnse- renz in ihrer Entschließung dem BegriffAuf­tragserteilung" gegeben hat. Das Blatt meint, bisher sei doch immer nur die Rede davon gewesen, daß die Länder Zweige ihrer Der- waltung dem Reich übertragen sollten. Dun habe jedoch der BegriffAusttagserteilung" ein ganz anderes Gesicht erhalten. Run handele es sich nicht mehr darum, daß die Länder ihre Der» waltung zum Teil an das Reich übertragen, sondern im Gegenteil darum, daß das Reich einen Teil seiner eigenen Verwaltung den Ländern in Auftrag geben solle.

Man wird dem Blatt einräumen müssen, daß dieser in der Entschließung tatsächlich gezeigte Deg. von dem man, wenn er einmal beschritten ist, nicht weih, ob er vor- oder rückwärts führt, nicht ohne schwere Bedenken ist. Auch das alte

Deutschlands Stellung zur Reparationskonferenz.

Zur Entgegennahme von Vorschlägen bereit. Die Reichsregierung fordert die Berufung unabhängiger Sachverständiger.

Der Beschluß des Aeichskabinetts.

Berlin, 26. Oktober. (TDB.) Amtlich. 3n der heutigen kabinettssihung hat der ReIchsminI - st er der Ainanzen über die Lage berichtet, welche In der Reparationssrage durch die bekannte Vereinbarung von Gens und die seither eingetretene Entwicklung entstanden ist. Das Kabi­nett ist sich darüber schlüssig geworden, zusammen mit den übrigen beteiligten Regierungen die nötigen Schritte zu tun, um den Plan der Einsetzung einer unabhängigen Sachoer st andi- genkommission zur endgültigen und vollstän­digen Regelung der Reparationssrage zu verwirk­lichen.

Die wir ergänzend erfahren, ist in der heutigen Kadinettssihung nichts über die materielle Seite des Reparatiousproblcms, sondern nur über die technische Weiterentwicklung beraten worden. 3n politischen Kreisen vermutet man, daß entsprechend der Mitteilung über die kabineltssitzung die Einberufung der Reparationskonferenz nicht von Deutschland allein, sondern gemeinsam mit den übrigen beteiligten Regierungen erfolgen soll. Es ist anzunehmen, daß die Reichsregierung nun zunächst mit diesen Fühlung nimmt, um Zeit, Ort, Personensrage und Aufgabenbegren­zung dieser Konferenz zu vereinbaren. 3n der Proze­dur wird man sich voraussichtlich weitgehend a n d i e Analogie der D a w e s k o n s e r e n ; halten. Von Bedeutung ist, daß die Konferenz nach deutscher Auffassung aus unabhängigen Sachoer ständigen zusammengesetzt werden soll. Damit entfällt also die In einem Teil der aus­ländischen presse aufgelauchle Version, daß die Kon­ferenz von Beauftragten der Regierun­gen beschickt würde. Statt dessen bleibt Deutschland bei dem plan, von unabhängigen Wissenschaftlern und praktischen Wirtschaftlern die Leistungsfähigkeit Deutschlands und die besten Methoden für die Ab­lösung der Reparationsschuld prüfen zu lassen. In Berlin rechnet man damit, daß die Vorbereitungen der Konferenz schnell vonstatten gehen, so daß sie noch im November, spätestens Anfang De­zember, zusammenlreten kann.

Oer deutsche Standpunkt.

Keine einteilige deutsche Initiative.

Berlin, 27. Oft. (TU.) Zu dem Beschluß des Reichskabinetts über die Sachverständigenkommission zur Regelung der Reparationsfrage nehmen nur wenige Blätter Stellung. DieD e u t s ch e Tages- zeitung" stellt fest, daß bei aller Dürftigkeit der amtlichen Verlautbarung aus dem Kabinettsbeschluß doch soviel heroorgehe, daß die Reichsregierung nicht auf den von der Ententepresse lockend aus­gebreiteten Leim zu kriechen gedenke, ihrerseits nun d i e alleinige Initiative zur Einbe­rufung der Revisionskonferenz zu ergreifen. Offenbar habe sich die Regierung davon überzeugt, daß durch eine diplomatische Initiative unsererseits Deutsch­lands taktische Stellung auf der Konfe­renz von vornherein geschwächt worden wäre. Ob diese Stellung überhaupt als leidlich günstig angesehen werden dürfe, sei nach der offen­bar schon recht weit gediehenen Einigung zwi­schen den Ententeregierungen recht zweifelhaft, um so mehr, als diese Einigung doch im wesentlichen auf einer für Deutsch-

landganzunannehmbarenGrundlage, nämlich der organischen Verbindung der Repara­tionszahlungen mit den Kriegsschulden der Entente gefunden worden zu sein scheine. Gerade weil die Regierung eine endgültige und voll st an- öige ß ö | u n g herbeiführen wolle, müsse sie sich darüber klar [ein, daß nur Männer von allergründlich st er Sachkunde und mit nationalem Rückgrat herousgestellt werden dürften, die gleichzeitig aber auch einer festen inneren Front sicher sein müßten. Die D A Z." schreibt, die deutsche Regierung scheine also bereit zu fein, auf Grund der von Parker Gilbert erzielten Ergebnisse trotz der einseitigen Stimmungsmache, die von London und Paris aus betrieben werde, die Besprechungen über die Einsetzung einer Endlösungskommission für die Reparationen fortzusetzen Sache der Gegen­seite sei es nun, die Dinge nicht durch Prokla- mierung unverrückbarer Prinzipien zu komplizieren. Der einzige Grundsatz, der nicht verlassen werden könne, und der schon in Versailles festgelegt worden sei, sei der von der Begrenzung der deut­schen R e p a r a t i o n s p f l i ch t auf den Zeit­raum von 30 Jahren. Auch der o k a I a n - z e i g e r" meint, daß die zu erwartende diploma­tische Fühlungnahme nicht eine deutsche Initiative in dem Sinne bedeute, daß Deutsch­land nun zur Einberufung einer solchen Kommission von sich auffordere. Eine gemeinsame Einbe­rufung fei schon deshalb notwendig, weil die g e - wünschte Beteiligung Amerikas nicht auf den einseitigen Antrag einer einzelnen euro­

päischen Regierung, sondern nur auf Grund eines gemeinsamen Antrages in die Wege geleitet werden könne.

Räumungsvorbereitungen in der zweiten Zone?

Nebersiedlung der Räumungskommission nach Wiesbaden.

Berlin, 27. Oktober. (prio.Tel.) Die Jnter- alliierte Rheinlandkommission Hal, wie der Sozialdemokratische Pressedienst berichtet, sämtliche Pachtverträge und sonstige ver­traglichen Abmachungen in Koblenz gekün­digt und trifft alle Vorbereitungen zur lieber- sied 1 ung nach Wiesbaden. Es liegen auch schon Anweisungen vor, in welcher We.se die R ä u - mung der zweiten Zone erfolgen soll. Eine Ueberführung der Truppen der zweiten Zone in die dritte Zone scheint nach der bisherigen Vorberei­tung nicht geplant zu fein. Vorgesehen ist die etappenweise militärische Räumung. Die neuen Orders der Offiziere fehen D i e n st in der Heimat oder in den Kolonien vor. In unterrichteten alliierten Kreisen wird davon ge­sprochen, daß die zweite Zone bis 1 0. Januar 1 9 2 9 das wäre ein Jahr vor der vertraglichen Iris! geräumt sein soll.

Schwere GsenbahntaiasiwKhe in Rumänien.

Zusammenstoß mit dem Simplon-Orient-Expreß. 31 Tote. Katsche Weichenstellung.

Bukarest, 26.Oft. (WB.) Der von Bukarest kommende Simplon-Expreß ist heute nacht um 2 Ahr auf dem Bahnhof R e c e a, acht Kilo­meter von Slatina entfernt, mit einem Schnel 1 - 1 u g zusarnmengestoßen. Die Züge prallten so heftig auseinander, daß ein Schlafwagen des Simpion - Expresses vollständig ; erstört wurde, ferner zwei Personenwagen, ein Gepäck­wagen und der Postwagen des Schnellzuges.

Bei der Eifenbahnkaiasirophe wurden 3 1 Per­sonen, darunter vier Ausländer, näm­lich eine dreiköpfige italienische Jamille und ein Grieche, getötet Die anderen 27 Personen sind Rumänen, die in der dritten Klasse des Schnellzuges reiften. Die Zahl der verletzten beläuft sich auf 47. Der Umstand, daß die meisten Reifenden schliefen, als das Unglück geschah, trug dazu bei, eine außerordentliche Panik hervorzurufen. Die beiden Lokomotiven sind gänzlich zerstört. Der Scha­den wird aus zwölf Millionen Lei geschäht Wie die Untersuchung ergab, ist das Unglück auf die Nach­lässigkeit eines Weichenstellers zurück- zusühren, der unmittelbar nach der Katastrophe verschwand.

*

Dach ergänzenden Meldungen der T.°A. bildet die Anfallstelle ein Bild wüster Zerstö- r u n g. Sanitätsmannschaften und HllfszügZ wurden hinzugezogen, doch konnten trotz am» strengender Arbeiten noch nicht alle Toten und Verletzten herausgezogen werden. Mehrere Wav gr

gen sind vollständig zertrümmert Die Elisen* bahnstrecke ist 150 Kilometer lang unfahrbar ge­worden, so daß die nachkommenden Züge n u r mit großer Verspätung eintreffen. Aus Bukarest und Craiova sind mehrere Sanitäts­züge abgefahren.

In B u k a r e st wurden erst am Freitag nach­mittag nähere Rachrichten über das schwere Eisenbahnunglück bekannt. Das Vorliegen einer falschen W e i ch e n st e l l u n g hat sich be­stätigt. Dem Amstande, daß der Schnellzug aus Hermannstadt bergausfuhr, und infolge­dessen keine große Geschwindigkeit hatte, ist es zu danken, daß die Folgen des Zusammenstoßes nicht rwch furchtbarer waren. Die meisten Toten hatte der Hermannstädter Schnellzug, darunter viel eingerückte Soldaten. Die Bergungsarbeiten, die von zwei Kompagnien Eisenbahntruppen aus- gefuhrt werden, sind noch nicht beendet.Adeve- rul" meldet, daß in der Statton Recea sonder­barerweise kein Personal zu sinden war. als sich das Anglück ereignete. Glücklicherweise habe ein Fahrgast des Expreßzuges das Morse­alphabet gekannt und konnte telegraphisch um! Hilfe rufen. Zwei Stunden später feien erst die Rettungsmannschaften eingetroffen.

Der verunglückte Simplon-Orient-Expreh ist ein Luxuszug. Er verkehrt wöchentlich dreimal von Konstantinopel über Bukarest, Triestz, Venedig, Mailand nach Paris, von wo aus die Fahrgäste dann Anschluß nach London ha­ben. Er besteht ausschließlich aus Schlafwagen 1. Klasse.

ist selbstverständlich bei einer Landkarte, die wie die deutsche, in ganz hohem Maße rein dynasti- Reich des deutschen Mittelalters ist durch t>ie Aebertragung von Reichsaufgaben an das Lan- desfurstentum auf die abschüssige Dahn eines reichszerstörenden Parttkularismus geraten. Solche Spuren sollten schrecken. Wenn die Einrichtung der Auftragsverwaltung lediglich bezwecken soll, das Aufziehen neuer, mammuthaster Reichsver­waltungen zu unterbinden, wie wir sie erst in der letzten Zeit Ecimengetemt haben, so mag man dies gutheißen, man sollte jedoch äußerste Vorsicht walten lassen. Der bayrische Gegen­antrag, der Aufgaben, die zur Zeit Reichs­aufgaben sind, bei denen aberLebens­fragen des Reiches'' nicht berührt werden, der Eigenverwaltung der Länder übertragen wissen wollte, sollte in seiner kautschukartigen Dehnbar­keit, die allen AuslegungsmöglichTeiten Raum gibt, zur Genüge zeigen, wohin einmal die Reise gehen könnte, wenn der Partikularismus dce Zügel in die Hände bekommt. Gewiß nicht vorwärts!

Zu Rückfragen Anlaß bietet auch die Wen­dungunter der Aufrechterhaltung und der Bildung von leistungsfähi­gen Ländern", unter der die territoriale Am- gliederuna des Reiches vorgenommen werden soll. Was heißt »leistungsfähige Länder"? München würde vor Empörung rasen, toerm man Bayern nicht als leistungsfähiges Land ansprechen wollte. And doch läßt es sich nicht verheimlichen, daß Bayern in trautem Verein mit den beiden Meck­lenburg, Oldenburg, Waldeck, Lippe-Detmold inti) Schaumburg-Lippe auf Grund des Finanzaus­

gleichs, nach dem die Länder, deren Aufkommen an Einkommen- und Körperschastssteuer mehr als zwanzig Prozent hinter dem Reichsdurch­schnitt zurückbleibt, diesen Fehlbetrag vom Reich erseht erhalten, von den leistungsfähigen Län­dern, also Preußen, Hessen usw. in den beiden letzten Jahren 13,8 Millionen zur Deckung seiner eigenen Bedürfnisse erhalten hat. Mit der Lei- stungsfähiakeit Bayerns ist es also nicht weit her, und mit der bayerischen Souveränität wäre es bald zu Ende, wenn dieBatyem sie aus eigenem Säckel finanzieren müßten.

Auch was mit derBiIdun g" leistungsfähiger Länder gemeint ist, ist nicht ganz klar. Vielleicht darf man diesen Passus in Zusammenhang bringen mit dem weiteren äußerst beoeutsamen Beschluß, daß der Dualismus zwischen Preußen und dem Reich nur im Rahmen einer Gesamtlösung zu beseitigen sein werde, womit der sehr anfecht­bare Ausgangspunkt des Lutherschen Reform­planes abgelehnt wird. Erfreulich ist an dieser For­mulierung, daß sie dem starr zentralistischen Ein- beitsstaat und jeder öden Gleichmacherei lozialisti- scher Observanz den Weg abschneidet. Man wird also erwarten dürfen, daß die territoriale Reuglie- derung das kulturelle Eigenleben der deutschen Landschaft und der deutschen Stämme, dort, wo es auf Grund einer jahrhundertelangen historischen Entwicklung tatsächlich vorhanden ist, aber auch die starken wirtschaftlichen Zusammenhänge, die die Neuzeit geschaffen hat, in vollem Umfange berück­sichtigt. Daß dabei die gegenwärtige Grenzziehung nicht in allen Fällen aufrechterhalten werden kann, schen Zufälligkeiten ihren Ursprung verdankt. Das wissen wir Hesien ja selbst am besten, blickt doch

der Volksstaat Hesien, bzw. das frühere Großher­zogtum in seinem jetzigen Besitzstand erst auf eine gemeinsame Geschichte von kaum mehr als hundert Jahren zurück, wenn man die weniger bedeuten­den Gebietsveränderungen, die der unglückliche Feldzug von 1866 mit sich gebracht hat, außer Be­tracht läßt.

Besonders begrüßen wir es an dem Ergebnis der Länderkonferenz, daß die Reichsregie­rung mit fester Hand die Führung über­nommen hat bei einer Reformarbeit, die nur unter einer zielbewußten Leitung gedeihen kann, die einzig und allein das Reichsinteresse im Auge hat. Und das Reich, das ist kein Ding an sich, nein, das sind wir selber, das ganze deutsche Volk, ob Bayern, Schwaben, Preußen oder Hessen Das wollen wir nicht vergessen, wenn im bureautrati- schen Streit um Einzelheiten der Reform Interessen der Länder und der zentralen Reichsgewalt an- scheinend gegeneinanderitehen. Auch scheint es uns erfreulich, daß sich das Arbeitsprogramm der Reichs- regierung, wie es dann unter Billigung der Länder in den Konferenzbeschlüssen niedergelegt worden ist, eine Gesamtlösuna sich als Ziel setzt, statt eines Provisoriums, wie sie der Luthersche Plan ins Auge faßte. Der Anfang ist gemacht, mag er auch in manchen Punkten unser Bedenken erregen, in fortschreitender Arbeit wird unter tätiger Mit- Wirkung des ganzen Volkes sich vieles klären lassen, manches Hindernis aus dem Wege geräumt wer­den, manche Wolke zerteilt, die heute noch den Aus­blick hindert auf eine bessere deutsche Zukunft im neuen Reich.