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Rr. 49 Dritter Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen) Montag, 27. Zebrnar 1928

I h Illi

Schuld und Sühne Edith Cavells.

Aus bisher unveröffentlichten Aufzeichnungen.

Don Heinrich Binder, ehemal. Amts. Kriegsberichterstatter im Großen Hauptquartier.

Die Erörterungen über den Cavell-Film haben trübe Oktobertage des Jahres 1915 wieder wach werden lassen.

Diel Unrichtiges und Tendenziöses ist im Laufe der Jahre über den Fall Edith Cavell geschrie­ben worden.

Die politische Propaganda unserer Feinde von gestern hat bis heute noch nicht geruht, die Vollstreckung des Todesurteils an der englischen Kranlenpslegerin Edith Cavell auszuwerten. Das Cavell-Monument, das 1918 in London errichtet wurde, wird erneut von Scharen ausgesucht, denen lediglich der Harne Cavell bekannt ist, die jedoch über die Schuld der vielgenannten Frau völlig im unklaren sind.

Da auch in Deutschland bisher die eigentlichen Vorgänge nirgends zusammenhängend geschil­dert wurden, soll über die Taten, die Verurtei­lung und den Tod Edith Cavells hier aus ein­wandfreien geschichtlichen Quellen berichtet werden.

Am 9. Oktober 1915 wurden durch das deutsche Kriegsgericht in Brüssel folgende Todes­urteile gefällt:

1 Edith Cavell, Hospitalvorsteherin in Brüssel,

2 . Philippe Bancq, Architekt in Brüssel, 3. Gräfin Scanne d e Belleville, Schloß Montignies,

4. Louis Severin, Apotheker in Brüssel, 5. Louise T h u i l i e z , Lehrerin in Ligge, 6. Qlbcrt Libiez, Advokat in Mons.

In derselben Verhandlung wurden zu je 15- jähriger Zwangsarbeit verurteilt:

1. Prinzessin Maria de Cr0h, Schloß Bel- lignies,

2. Hermann Capiau, Ingenieur in Was- mes,

3. Ada B 0 d a r t, Haustochter in Brüssel,

4. Georges Derveau, Apotheker in Pa- turages.

In der gleichen Verhandlung wurden weitere 17 Angeklagte zu Zwangsarbeit zwischen zwei und acht Iahren verurteilt.

Das Gericht bestand aus Oberstleutnant Werthmann als Vorsitzender, sowie aus zwei Hauptleuten, einem Oberleutnant und einem Feldwebelleutnant als Beisitzer.

Die Anklage vertrat der bayerische Kriegs­gerichtsrat Dr. S t e e b e r , als Dolmetscher fun­gierte der Kriegsfreiwillige Bruck.

Als Verteidiger waren die vier belgischen Advokaten Kirschen, Braun, Dorff und Brafsord zugelassen, außerdem hatte man den Angeklagten noch einige deutsche Verteidiger gestellt.

Für die Verhandlung waren zwei Sitzungen anberaumt. Die erste wurde im Saal des Senats abgehalten.

Oie Beweisaufnahme.

Vach dem Fall von Antwerpen erließ bekannt­lich der König der Belgier eine Proklamation, in her er alle waffenfähigen Belgier im besetzten Gebiet aufforderte, mit allen Mitteln danach zu streben, sich den verbündeten Truppen anzu- fäliefcen. v. , .

Diese Aufforderung und die naturgemäß harten Leiden einer feindlichen Besetzung hatten zur Folge, daß Tausende und Tausende über die -Grenze fluteten und auf dem Wege über Holland sich mit der belgischen Armee vereinten.

Die deutschen Besahungstruppen begegneten i diesem Strom dadurch, daß fi? die gesamte hol­ländisch-belgische Grenze im Frühjahr 1915 durch . rin en Hochspannungsdraht absperrten und von Sluis bis Doel alle 200 Meter einen Posten .aufstellten.

Veunundneunzig Kilometer war dieser Grenz- - schütz lang. Äachts umspielten Scheinwerfer den 'Draht. ...

Dennoch wurden weiterhin im Lande zuruck- . gebliebene englische und französische Soldaten,

sowie waffenfähige Belgier über die Grenze geschmuggelt.

Die Hot machte erfinderisch und keine Macht war stark genug, um den Fanatismus der Belgier zu zügeln.

Man suchte zu dem Grenzübertritt selbstredend unübersichtliche Stellen auf.

Die Passage z. B. zwischen Koewacht und Kruisstraete, die fast zwei Iahre lang den Heber- läufern diente, war ein Sumpf mit hohem Schilf bewachsen. Cs war kaum anzunehmen, daß die Belgier bis zum Halse in diesem Sumpf versin­kend. den Ueberiritt wagten.

Und dennoch gelang es vielen, den Todesdraht zu passieren.

Aber Hunderten von Ueberläufern, armseligen Deserteuren und Spionen hat er auch den Tod gebracht.

Sobald sich ein Opfer gefangen hatte, das schwarz, mit verkrampften Händen im Draht hing, läutete ein Signalwerk über die ganze Front und rief Tag und Vacht den deutschen Grenzschutz herbei.

Im zweiten Kriegsjahre hatten die Belgier diese unsere Truppen schädigende Rekrutierung und Ueberleitung in eine großzügige Organi­sation zusammengefaßt, die zuletzt 9C0 Mitglieder hatte.

Die Organisation hießFamiliengrus" (Mot de soldat). In ihr waren meistens Idealisten ver­einigt. die es für chre Pflicht hielten, ihrem Vaterland auf ihre Weise zu dienen, die aber auch wußten und damit rechnen mußten, nach Recht und Gesetz bestraft zu werden, wenn sie gefangen und überführt wurden.

Die Hauptsammelstellen befanden sich in Ant­werpen, Brüssel, Lüttich, Löwen und Scherpen- heuvel.

An den Sammelstellen blieben die Leute nur immer wenige Stunden. Sie wurden genau informiert, wie sie sich zu Verhalten und welchen Weg sie einzuschlagen hatten.

Sie marschierten dann meistens einzeln dem Ziele zu. Die Organisation strahlte nach den Grenzorten Hoogstraaten, Santvliet, Stabroek, Eschen. Loerhout. Lommel und Raevels aus.

Hier waren überall Grenzführer angestellt, die zu den Uebergängen die Vorbereitungen treffen mußten.

Mancher deutsche Soldat, der dort oben auf Wache stand, hat bei den nächtlichen ilebertritlen den Tod gefunden. Wenn die der Verzweiflung und Todesangst Rahen sich plötzlich einem Posten gegenüber sahen, blieb ihnen nur als Rettung der Mord übrig.

Dieser Organisation gehörten die 35 Beschul­digten an, die am 9. Oktober vor den Schranken des Kriegsgerichts standen.

Oie Verhandlung.

2lls erste vorgerufen, erscheint Edith Cavell. Auf Befragen gibt sie an. 49 Iahre alt, pro­testantisch und englischer Rationalität zu sein.

Der Vorsitzende fragt:

Bekennen Sie, seit November 1914 bis Iuli 1915 französischen, englischen und belgischen Sol­daten Verpflegung und Unterkunft gewährt zu haben, sowie belgischen und französischen Frei­willigen im militärpflichtigen Alter zur Flucht nach Holland verholsen zu haben."

Edith Cavell antwortet mit einem lauten3 al

Auf die Frage: Warum? antwortet sie:Weil die jungen Leute sich in Todesgefahr befanden."

Ihr wird entgegengehalten, daß den jungen Leuten keineswegs etwas geschehen sei und daß sie lediglich nach Deutschland abgeschoben wor­den wären.

Edith Cavell erwidert, daß sie überzeugt ge­wesen wäre, daß man die Leute erschossen hätte. Sie habe aus diesem Grunde die Verpflichtung gefühlt, den Leuten zu Helsen.

Ihr wird entgegengehalten, daß sie nicht nur ihren Landsleuten, was zur Rot verständlich ge-

Es zogen drei Burschen wohl über den Mein ....

Roman von Erica Grupe-Lörcher.

'M Fortsetzung. Nachdruck verboten.

Scanne Dubois hatte sich einen Plan ausgedacht. Sie war ein raffinierter kleiner Racker, voll Zähig­keit und Erfindungsmöglichkeiten, wenn es galt, Ntnen einmal gefaßten Entschluß durchzuführen. Das wußten die Freunde, das wußten aber auch bie ijeinbe der rothaarigenCreoette"!

Monsieur Bouoier war so unvorsichtig gewesen, fle zu unterschätzen, und bei einer erneuten Begeg­nung im Restaurant Riche recht unhöflich, geradezu h-rob gegen sie gewesen. Sie verfolgte jetzt ihr Ziel: Lie Baronesse Melusine von dem Treiben ihres '23er* .chrers zu unterrichten, mit noch erhöhter Zähigkeit. ;Um besten sagte sie es der jungen Dame selbst. An : sritz Wenger war jetzt schwer heranzukommen, da *iie in Erfahrung gebracht, daß Wenger sein Stadt­haus nur sehr selten in letzter Zeit aufjuchte und inner auf seinem Landsitz am Fuße der Vogesen f lebte.

Bei der jungen Baronesse sich eines Tages mel­den zu lassen und ihr die Sache zu unterbreiten, Hielt Creoette für gewagt. Sie riskierte, falls sie überhaupt angenommen und vorgelassen wurde, daß I2ie Baronesse sie an die Luft setzte. Aber das Intri- $ieren saß der Creoette im Blute. Man konnte ja «cuch Intrigen im Guten spinnen I Und im tiefften -ierzen schämte sie sich, daß sie einst aus dem Meßti- vall die junge Baronesse mit ihren Nadelstichen so infam in die Enge getrieben hatte.

Da fiel ihr ein, daß sie bekannt, ja fast befreundet war mit der femme de chambre der alten Baronin Äammerschlag. Sie setzte sich mit dieser in Berb.n- Lung und erreichte es, daß man sie zur Aushilfe bei 8er Hochzeitsfeier mit engagierte. Und zwar um den Damen in der Garderobe beim Ankommen und Weggehen behilflich zu fein, etwa berangierte Fri­suren in Ordnung zu bringen, ein etwa beim Tanze abgerissenes Chiffonfetzchen schnell aufzunähen >.nd was dergleichen kleine unscheinbare Dienstleistungen wehr waren! Die alte Baronin überließ ihrem lang- Kihrigen Zimmermädchen die Wahl einer Aushilfe.

Creoette hatte nun die bestimmte Aussicht, wenig­stens in Berührung mit der jungen Baronesse zu kommen! War der Zufall günstig, so erwischte sie die junge Dame unter vier Augen und mußte es dem Schicksal überlassen, sie eine Brücke zu ihren Mitteilungen finden zu lassen. Und gelang ihr das nicht ...? Was war denn riskiert? Dann hatte sie jedenfalls ihre brennende Neugier befriedigt, ein­mal mit dieser jungen Baronesse selbst gesprochen und einen Blick in das Milieu der guten Gesellschaft getan zu haben, der einem sonst nicht ohne weiteres in dieser unmittelbaren Nähe geboten wurde.

Die femme de chambre der Baronin war froh an ihrer Hilfe. Sie sah auf den ersten Blick, mit roel- cher Geschicklichkeit und diskreten Gewandheit Cre- nette schon die ersten Damen bediente, ihnen half, sich aus den weiten Abendmänteln herauszuschälen, die leichten Seidenschleier von den Frisuren zu neh­men, die pelzgefütterten Galoschen von den Brokat­schuhen abzustreifen und den Handspiegel zum Be­trachten der rückwärtigen Frisur darzuhalten.

Creoette machte ihre stillen Beobachtungen. Son­derbar, wie doch die Persönlichkeit der Trägerin auch die Note des Kleides ausmachte und bestimmte! Sämtliche Brautjungfern waren auf Wunsch von Poette in Rosa erschienen. Aber nur in der Farbe war eine Vorschrift gegeben. In Wahl des Stoffes, wie in der Machart war jeder ihre Individualität überlassen. Und doch war Baronesse Melusine nach einstimmigem Urteil die Eleganteste, die Hübscheste, die Aparteste! Einige der Pensionsfreundinnen Pvettes auch sie gehörten der Geldaristokratte des Landes an hatten sich die kostbarsten Neu- schöpfungen aus Paris verschrieben und versuchten nun, die Extravaganz der französischen Mode hier zu freieren. Melusine aber war die verkörperte ro­sige Morgenwolke bei Sonnenaufgang. Ueber einem Unterkleid von fließender rosa Seide bauschte sich eine duftige Wolke von rosa Seidenchision. Am Halsausschnitt, an einem leicht plissierten Volant lag eine zarte Ranke winziger zartblasser Heckenrosen.

Es war jetzt bei der Ankunft Creoette unmöglich, die Aufmerksamkeit der Baronesse zu gewinnen. Es be­fand sich noch eine Schar anderer Damen in dem mittelgroßen Zimmer, das man im Hinterflügel des Schlosses gelegen von einem Fremdenzimmer zum Ablege- und Garderobezimmer für die Damen eingerichtet hatte. Das Plappern immer in fran-

toefen wäre, sondern auch Franzosen und Belgiern verholsen hätte. Das wäre doch ein sehr ernster Unterschied.

Die Behauptung ihres Verteidigers, Edith Ca­vell habe gewußt, daß die Leute, denen sie Hilst, in Holland interniert würden, und sie habe die Ueberzeugung gehabt, daß sie nicht an die feindliche Front kommen würden, wurde durch folgendes Kreuzverhör widerlegt:

Einer der Richter sagte ihr, daß es töricht gewesen wäre, ihren Landsleuten zu helfen, denn die Engländer seien doch undankbar.

Rein", antwortete sie,bie Engländer sind nicht undankbar."

Woher wollen Sie das wissen?'

Weil mir manche von ihnen aus England geschrieben und mir für die Hilfe gedankt haben."

Der Verteidiger schildert den Lebenslauf der Angeklagten und betont, daß ihr ganzes Leben der Rächstenliebe geweiht gewesen wäre. Sie habe als Tochter eines Pfarrers schon früh den Beruf der Krankenschwester ergriffen, habe vor dem Krieg in Spitälern der Schweiz, in Mün­chen, Aachen und Dresden gearbeitet und habe seit 1906 das Medizinische Institut Berkendael in Brüssel als Oberschwester geleitet, in dem auch deutsche Verwundete von ihr gepflegt wor­den seien, da Berkendael zu Anfang des Kriegs als Kriegslazarett eingerichtet wurde.

Sie hat in diesem Lazarett die feindlichen Sol­daten versteckt gehalten und, wie sie zugibt, über 200 zum Grenzübertritt verholsen.

Die anderen Angeklagten hatten sich in glei­cher Weise betätigt. Für den Architekten Bancq kam als erschwerender Umstand hinzu, daß er an derLibre Belgique". einem trotz strengster Strafandrohungen immer wieder heimlich er­scheinenden Blatt, mitgearbeitet und viele scharfe und ungerechtfertigte Angriffe gegen Deutsch­land öar.n veröffentlicht hatte.

Die zweite Sitzung des Gerichts fand am 9. Oktober im großen Saale der Volksvertreter statt.

Der Anklagevertteter plädierte für neun der Beschuldigten auf Todesstrafe, für die übrigen auf Zwangsarbeit.

Die Verteidiger bemühten sich, den Idealis­mus der Beschuldigten als Triebfeder für ihre Handlungen in den Vordergrund zu stellen.

Oas Urteil

wurde den Angeklagten nicht am gleichen Tage mitgeteilt. Sie wurden wieder abgeführt und am 11. Oktober, nachmittags 4 Uhr. wurden sie in die Gefängnishalle geführt, wo der Anklage­vertreter das eingangs erwähnte Urteil verlas.

Die Angeklagten, bis auf den Architekten Bancq, nahmen das Urteil gefaßt entgegen.

Rach dem Bekanntwerden des Urteils in Brüssel versuchten der amerikanische Gesandte Brand Whitlock und der spanische Gesandte Graf Villalobar den deutschen Gesandten von der Lancken-Wackenitz zu bestimmen, seinen ganzen Einfluß dahin geltend zu machen, daß die Todesurteile nicht vollstreckt würden.

Da Brand Whitlock krank zu Bett lag, sandte er durch seinen Vertteter Gibson ein Gnaden­gesuch an Herrn von der Lancken zur Weiter­leitung.

Gibson und Villalobar suchten von der Lancken gegen 9 Uhr auf. Er war jedoch an diesem Abend in einem kleinen Theater in der Rue d'Arenberg. In seiner Begle'tung befanden sich die Mitglieder der deutschen Legation Graf Har- rach und Freiherr von Falkenhausen.

Gegen halb elf Uhr fanden die Vertreter Amerikas und Spaniens Herrn von der Lancken.

Dieser entsprach dem Wunsch der fvben Diplo­maten und wandle sich an den zuständigen Ge­neral von Sauberzweig. Er versprach, den Herrn noch in derselben Rächt das Ergebnis feiner Intervention beka:mtzugeben. Die Herren rieten, telephonisch ein Gnadengesuch an den Kaiser einzureichen, da das Urteil doch in den frühen Morgenstunden vollstreckt toerben sollte.

Dieser Weg erwies sich als ungangbar.

Die Herren begaben sich in die deutsche Le­gation, um die Rückkehr Lanckens abzuwarten.

Dieser kam nach Mitternacht zurück und er­klärte folgendes:

Ich bebaute außerordentlich, Ihnen mitteilen zu müssen, daß der Gouverneur nach reiflichster

zöfischer Sprache, das Lachen, die lebhafte Er- nxirtung des nun beginnenden Festes schwirrten durcheinander. Mehrmals wurde Melusine von an­dern jungen Mädchen ins Gespräch gezogen. Den­noch entging es Crevette nicht, daß ihre Züge nicht die volle, klare Heiterkeit und Unbefangenheit tru­gen, die man an diesem Tage als Gast von ihr erwarten konnte. Sowie sich die Baronesse nicht be obachtet oder angeredet sah, erscksien sie ernst, zer­streut, schweigsam.

Als sich die Tür hinter Melusine wieder geschtos- sen hatte, entdeckte Creoette ihr Rosenbukett. Son­derbar! Ganz genau wußte sie, daß Bouoier heute Brautführer der Baronesse war. Der Sitte nach hatte er ihr als Brautführer zum Kirchgang ein Bukett zu überreichen. Das Bukett war also von ihm. Und trotzdem vergaß sie es jetzt hier?

Da eilte sie der Baronesse nach und brachte cs ihr. Melusine dankte. Mit wachem Feingefühl be­merkte Crevette, daß die Baronesse ungehalten war. Sie hatte recht mit der Mutmaßung. Denn kaum hatte Melusine das Garderobeaimmer verlassen, als Bouoier auf sie zueilte. Er hatte sich sichtlich tm Gange postiert, um auf sie zu warten und sie an seinem Arme in den Empfangssaal zu geleiten. Und mit bedeutsamem Augen aufschlag flüsterte er ihr die Bitte zu, daß man nicht versäumen möge, nachher beim Austanzen von Brauttrone und Bräutigams­zweiglein ihre Verlobung zu publizieren!

Zum Kuckuck auch! Seine Aufdringlichkeit begann sie zu belästigen! Was mochten sich die andern Da­men denken, wenn sie Bouoier auf und abgehen und sich bann wie ein Primaner auf feine Erkorene stürzen sahen!

Vielleicht hatte er Melusinens Mißfallen bemerkt, denn als er jetzt eine Kammerzofe der Baronesse nacheilen fal), trat er schnell vor einen hohen, gold­gerahmten Garderobenspiegel, der an einer Bie­gung des Ganges stand, und musterte geflissentlich den Sitz seiner Krawatte, um nicht den Indiskreten zu spielen. Bei einer Bewegung blieb Melusine mit dem Zipfel ihrer kleinen schmalen Seidenschleppe an einem scyier unsichtbaren Nagel der Lamperie hän­gen. Creoette befreite sie. Absichtlich hielt sie den Kopf gesenkt. Der Moment war kritisch. Wenn Bou­oier sich jetzt zurückwandte, konnte er sie erkennen. Und sie wollte doch hier nicht erkannt fein!

Ueberlegung seine Ansicht über die Vollstreckung der Todesurteile an Edith Cavell und Philippe Bancq nicht ändern (arm. Er verweigert selbst die Entgegennahme eines Gnadengesuches. Aus diesem Grunde kann kein Mensch, selbst nicht der Kaiser, in dieser Angelegenheit mehr etwas für Sie tun.

Durch diese Erklärung war befannt geworden, daß die andern vier Todesurteile vorläufig nicht vollstreckt werden würden.

Die Verurteilung der Angeklagten war auf Grund der Paragraphen 58 und 90 des Militär- strafgesehbuches erfolgt, in denen die Todes­strafe für denjenigen ausgesprochen wird, der dem Feinde Mannschaften zu führt". Da der Gouverneur von seinem Begnadigungs­recht keinen Gebrauch gemacht hatte, mußte das Urteil im Falle Cavell und Bancq vollstreckt werden.

Oie Vollstreckung des Urteils erfolgte am Morgen des 12. Oktober. Um 6 Uhr morgens wurden die beiden Verurteilten aus den Zellen geholt und in einem geschlossenen Wagen zu dem Rationalen Schiehstand gefahren.

Edith Cavell hatte vorher durch den englischen Pfarrer Gahan den Trost der Religion erhalten. Sie war außerordentlich ruhig und gefaßt.

Auf dem Schießstand wurde sie an einen Pfahl gebunden, und eine Gewchrsalve machte ihrem Leben ein Ende.

Der englische Film stellt die letzten Augenblicke bar, als ob die Gewehrsaloe sie nicht getötet habe, und ein Offizier ihr durch einen Gnadenschuß in die Schläfe den Tod gegeben habe.

Das ist eine t e n b e n 3 i ö fe Entstellung. Sofort nach ihr würbe ber Architekt Bancq er­schossen, ber im Gegensatz zu Ebith Cavell nicht ge­faßt war unb bis zum letzten Augenblick um Gnade flehte.

Hätten bie beukschen Richter damals gewußt, welche Folgen bie Vollstreckung des Urteils an Ebith Cavell haben würbe, sie hätten zweifellos Gnabe für Recht ergehen lassen.

So aber urteilten sie nach harter Pflicht, unb ge­wiß ist ihnen das Urteil gegen eine Frau nicht leicht gefallen.

In jener Kriegsstimmung hätte sicherlich kein Gou verneur eine Frau begnadigt, die über 200 Feinde dem deutschen Heer gegenüberstellte.

Man muß die Stimmung jenes Jahres, die poli­tische Propaganda unserer Feinde damals und das Fieder berücksichtigen, in dem ganz Belgien lebte.

Gewiß: Eine höhere Gerechtigkeit hätte im Falle Cavell walten können. Aber sehr treffenb schildert derOberarzt vom Gouvernement Brüssel seinen Eindruck des Falles:

Ich habe den Prozeß vom ersten bis zum letzten Wort mitangehört, wiederholt mit Miß Cavell ge­sprochen, ihren Tob konstatiert, ihr bie Augen zuge­brückt und sie in den Sarg gelegt. Sie war bie tap­ferste Frau, bie ich sah, unb durchaus die Heldin, bie ihre Nation aus ihr machte In unvergeßlicher Hal­tung ging sie in ben Tob. Aber sie.starb absolut aus ber Logik ihrer Handlung heraus. Sie hatte gegen die Deutschen gehandelt wie ein Mann unb wurde bestraft w i e ein M a n n."

Zum $aU pusch.

Das hessische Iustizministerium in Darmstadt teilt mit:

Zum Fall des früheren Oberamtsrich­ters Dr. Pusch hat der Vorstand der Deut­schen Liga für Menschenrechte E.V. in Berlin unterm 7. Februar 1928 folgende Erklä­rung abgegeben:

;,Die unterzeichneteDeutsche Liga für Men­schenrechte" erklärt hiermit, daß ihr bei Aufnahme der Rotiz:Ein Richter ein Iahr un­schuldig im Zuchthaus", in ihrer Broschüre Acht Iahre politische Justiz" Seite 95, ein Irr­tum unterlaufen ist. Der erwähnte Fall des Oberamtsrichters Pusch ist auf Grund falscher Berichterstattung in der Presse unrichtig dar­gestellt. DieDeutsche Liga für Menschenrechte" hat sich inzwischen von der Unrichttgkeit der Darstellung überzeugt. Die Liga erkennt deshalb an, daß im Falle Dr. Pusch keine Rechts­beugung durch ein hessisches Gericht vorliegt.

Doch Bouoier beachtete die kleine Zofe gar nicht. Melusine aber dankte ihr nochmals und fugte hin­zu:Ich werde nachher kommen und Sie bitten, mir die Schleppe abzuknöpfen, wenn der Tanz be­ginnt!"

Dann nahm sie schweigend den Arm von Bou- vier, um jetzt die Grandmama als Gastgeberin begrüßen. Crevette sah dem Paare sekundenlang verstohlen auf dem Gange narf). Dann huschte sie in die Garderobe zurück.

So ein Typ," dachte sie empört,aber dem werde ich seine Unverfrorenheit versalzen! Fi donc!" Und sie dachte nach, wie sie mit Eva-List nachher die junge Baronesse aus klären könnte, wen-n sie kam, um sich ihrer Schleppe zu entledigen ...

Mißmutig und schweigend sah Melusine auf ben Rosenstrauß in ihrer Hand herab. Bouoier jhattc sich auf der Fahrt zur Kirche unter einem Wort­schwall entschuldigt, weil es ihm nicht gelungen sei, echte La France zum Bukett aufautreiben. In Wahr­heit war ihm ber hierfür geforderte Preis zu hoch gewesen. Melusine hatte leise adgewehri.

Das sei auch nicht notig. Und im stillen dachte sie: wie das Bild der La-France-Rose ihr engoerknüpft war mit einer leise zitternden Träne im Kelche unb mit der Melodie, die Bouoier ihr damals im Gar­tenhause zum Abschiede gesungen:

Hab ich nur deine Liebe

Die Treue brauch ich nicht!"

Bouoier begann sich etwas ungemütlich zu fühlen.

Bei der Hochzeitstafel war Melusine so schweig­sam, wie er sie bisher kaum gesehen. Daher schwirrte die Unterhaltung rings um sie desto lebhafter. Die Jugend überwog. So war man fröhlich und scherzte über ben Tisch unaufhörlich in Kreuzreden hinüber. Eine Ausgelassenheit verbot sich auch nachdem der französische Champagner in ben Spitzkelchen perlte in Gegenwart der greisen vornehmen Ba­ronin als Gastgeberin von |elbft. So achteten an­dere zur Beruhigung von Bouoier nicht auf die Schweigsamkeit seiner Tischdame. Aber viel lieber, viel wertvoller wäre es ihm gewesen, er hätte sie heute von so liebreizender Schalkhaftigkeit, so prik- kelnder Fröhlichkeit und berauschender Pikanterie gesehen wie sonst ... 1

(Fortsetzung folgt)