Ilt.25 Drittes Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)
Freitag, 21. Januar Y28
Oie Lindenallee an der Ostanlage in Gießen. Von Ff. Schnett, üniversitätsgarieninspekior a. O.
Gegen Ende des vorigen Jahres bin ich aufge- fordert worden, mich über den Zu st and der Linden zu äußern, die am Schorgraben in der O st a n l a g e stehen. Eine Besprechung mit Vertretern des städtischen Bauamts ergab, düst die Stadtverwaltung in diesen Bäumen eine ständige Bedrohung des Verkehrs sieht und sie darum zu beseitigen trachtet.
Diese Bäume kenne ich seit 36 Jahren. Sie bilden eine schattige Alle, die dem gewundenen Laus des Grabens folgend mit ihren mehr oder weniger schiefen und gekrümmten Stämmen unter ihrem Loubdach eine malerische, zu jeder Jahreszeit angenehme Promenade bietet. Sie wird ihrer Ruhe wegen von vielen Spaziergängern der Allee an der Fahrstraste vorgezogen. Auch bietet sie durch die etwas erhöhte Lage während der Sommermonate einen hübschen Einblick in den dann blühenden Botanischen Garten. Das Alter der Bäume kann trotz ihrer geringen Stärke auf 60 bis 80 Jahre geschätzt werden, da man den viel zu dichten Stand in Betracht ziehen muh, der nur 3 bis 4 Meter beträgt. Auf diesem gedrängten Stande sind die Kronen seitlich zusammengedrückt, schmal in die Höhe gewachsen, wobei der gröbere Teil des Astwerks ersticken muhte. Llm der gefährlichen Bildung dürren Holzes über dem viel begangenen Wege vorzubeugen, muhte alljähr» lich ein Teil dieser unterdrückten Aeste mit Axt und Säge entfernt werden. Dah derartig behandelte Bäume mit der Zeit verkrüppeln müssen, ist einleuchtend. Aus den nicht zu umgehenden starken, immer wieder kehrenden Verwundungen entstanden Astlöcher, und von diesen aus durch das eindringendc Regen- und Schmelzwasser aus Schnee und Eis Stammfäule durch cingewan- derte Baumpilze, welche vom Holzkörper zehrend seine Widerstandskraft schwächen.
Was die von der Stadtverwaltung ebenfalls geltend gemachte Unterdrückung des Baum- und Strauchwuchses in der viel jüngeren Anlage anbetrifft, so muh bemerkt werden, dah diese vorhandene Schädigung dazu geführt hat, einzelne Bäume und Baumreihen zu Gunsten des Heranwachsenden Holzwuchses entweder gänzlich zu entfernen, oder sie ihrer Krone zu berauben. Dies konnte ohne weiteres geschehen, weil die in Betracht kommenden Linden an der Anlagenseite die a:n meisten unterdrückten und schwächsten sind. Ihre restlose Beseitigung könnte erfolgen. ohne dah dadurch das freundliche Bild
Antage irgendwie beeinträchtigt würde. Das Publikum würde nach Durchführung dieser Arbeit kaum eine Veränderung wahrnehmen.
Ander- liegen die Verhältnisse mit den Bäumen der Grabenreihe, die sich über den Graben hinweg freier und dadurch besser entwickeln tonnten. Auch hier sind im Laufe der Jahre einzelne Bäume, die abgestorben waren oder doch stark unterdrückt standen, bereits gefällt worden, doch ist diese Baumreihe ztem- kich lückenlos erhalten. Diese sind es, welche Schatten spenden und daS unruhig wirkend« Häusergewirr durch ihr massiges Grün wohltuend verhüllen. Sie bilden den Hintergrund für die ganze Anlage, die an Schönheit und scheinbarer Ausdehnung durch das Verschwinden der Bäume ungemein verlieren würde. Ein Entrüstungssturm der Einwohnerschaft wäre in diesem Falle nicht grundlos, denn er entspränge dem gesunden Gefühl, dah das Grün, welches unserer Stadt den freundlichen Rahmen verleiht, zu schonen und pfleglich zu erhalten sei.
Diesen nicht zu verkennenden wichtigen Gründen, welche für die bedingungslose Erhaltung der Linden an der Grabenseite sprechen, stehen leider andere, nicht weniger ernst zu nehmende gegenüber. Sie betreffen die Sicherheit der Bevölkerung. Wenn jemand bei einem Gange durch den Wald von einem stürzenden Ast oder Stamm getroffen wird, so kann niemand dafür zur Verantwortung gezogen werden. In den städtischen Anlagen dagegen, wo
Es zogen drei Vurschen wohl über den Mein ....
Roman von Erica Erupe-Lärche r.
28 Fortsetzung. Nachdruck verboten.
Die Rückfahrt verlief bedeutend schweigsamer. Alceste schien zerstreut und eine Menge Dinge im Kopfe zu haben. An einer Straßenecke, man war in der Nähe der Universität gekommen, richtete er sich plötzlich auf und gab dem Chauffeur durch das kleine Sprachrohr den Befehl, zu halten. Dann streckte er den Damen die Hand hin. „Ihr entschuldigt mich jetzt wohl? Ich steige hier aus, weil ich hier eine kleine Verabredung habe."
Dann verschwand er im Dunkel des finsteren und unwirtlichen Nooemberabends. Der Chauffeur gab schnelles Tempo. Man hatte sich draußen verspätet. Die Stunde der Abendmahlzeit war bereits überschritten. Melusine erfuhr mit einer inneren Er- leichterung bei der Rückkehr durch das Mädchen, daß kein Besuch mehr im Hause sei. Herr von Schölzer sei bereits vor einer geraumen Weile mit Herrn Raymond fortgegangen. Und mit ihnen Monsieur Wenger, der sich noch nach der Abfahrt der Damen hier cingefunden hatte, um Monsieur Raymond nach seiner Rückkehr zu begrüßen.
*
Zwischen den drei jungen Leuten hatte sich gleich ein Ton warmer Gleichgesinntheit und Freude am gegenseitigen Wiedersehen eingestellt. Besonders Dietwart empfand es als eine Wohltat, in Wenger einen Elsässer zu treffen, der vollkommen deutsch zu empfinden schien. Er machte nicht viele Worte. Es war nicht seine Art, in leicht flüssiger Sprache und blühender Ausdrucksweise, wie sie dem lebhaften Alceste zu Gebote stand, zu all den Vorgängen und Ereignissen Stellung zu nehmen und seine Gefühle zu erklären. Aber man merkte aus jedem seiner ruhigen, gediegenen Sätze, wie er unter diesen ungeheuren Umwälzungen litt, die ihm wenig Gutes für sein Vaterland in der Zukunft versprachen. Und wenn man die geradezu taktlose Eilfertigkeit der elsässischen Bevölkerung streifte, mit der sie Vorbereitungen zum Empfange der Franzosen betrieb, lächelte er nur ingrimmig und sagte: „Die werden
Buntes Allerlei.
Beethoven in Rußland.
Daß Rußland nach Deutschland und Oesterreich dasjenige Land war, das die Musik Beethovens mit dem größten Verständnis in sich aufnahm, betont Robert Engel in einem Aussatz über „Beethoven in Rußland", den er in der Zeitschrift „Ost-Europa" veröffentlicht. Beethoven ist vielfach mit Russen in persönliche Berührung gekommen: eine ganze Anzahl seiner Bekannten gingen nach dem Zarenreich, um dort ihr Glück zu machen, und stellten so eine gewisse Verbindung zwischen dem russischen Wesen und dem Meister her. Zu dem Zaren Alexander 1. und seiner Gemahlin hat der Komponist äußerliche Beziehungen unterhalten: er wurde sowohl dem Kaiser wie der Kaiserin während des Wiener Kongresses vorgestellt, und als er dem Zaren eine Abschrift seiner Missa solemnis sandte, erhielt er von ihm 50 Dukaten. Viel innerlicher und bedeutsamer waren die persönlichen Beziehungen Beethovens zu zwei russischen Adligen, dem Fürsten Andrej Kirillowitsch Rasu- mowski und dem Fürsten Rikolaj Borrissowiffch Golitzyn. Mit dem Ramen Rasumowskis sind für immer die berühmten Rasumowski-Ouartette des Meisters verknüpft, in denen er ein so geniales Verständnis für den Geist der russischen Musik offenbart. Man hat gesagt, dah Beethoven in dem Andante des dritten Quartetts, in dem ein russisches Thema verwendet sein soll, „von Kopf bis zu Fuß ein Slawe" sei, und der große russische Komponist Glafunosf sagt, das Trio im Scherzo der 9. Sinfonie könnte „von einem reinblütigen russischen Musiker geschaffen sein, so sehr fühlt man darin das slawische Element". Auch Fürst Golitzyn, der der größte russische Beethovenkenner und -Verehrer seiner Zeit war, hat sich ein unvergängliches Verdienst erworben, indem er die Komposition der Quartette op. 127, 130 und 132 veranlaßte, die zu den größten Schöpfungen der Tonkunst gehören. Er brachte die Uraufführung der Missa solemnis in Petersburg zustande, aber sein Andenken wird dadurch verdunkelt, daß er dem Meister die Summe von 125 Dukaten schuldig blieb, auf deren Zahlung Beethoven bis zu seiner letzten Stunde mit wahren Qualen hoffte. Der große Komponist ist in Rußland von Anfang an sehr verehrt worden: nur seinen größeren Dokalwerken und besonders der Oper „Fidelio" standen die Russen fremd gegenüber und haben bisher noch nicht das innige Verhältnis dazu finden können, das man bei uns gewonnen hat. Große Verständnislosigkeit zeigte der Kunst Beethovens gegenüber der Russe Ulybhschew in seinem Werk über Mozart, indem er nur die erste Periode in Beethovens Schaffen von 1795 bis 1804 gelten lieh, während er in der zweiten bereits musikfremde Elemente und in der dritten eine vollkommene Hinwendung zum Unmusikalischen fand. Gegen diese absurde Auffassung wendet sich das vortreffliche Beethoven-Buch des russischen Staatsrates Wilhelm v. Lenz, das die Beethoven-Literatur in Ruhland begründete. Die grohen russischen Komponisten sind von Glinka bis auf unsere Tage begeisterte Verehrer Beethovens gewesen, und seine Kunst hat
ihr Schaffen stark beeinflußt. Verschiedene russische Dichter haben Beethoven in Dichtungen behandelt, ohne aber Bedeutendes zu leisten. In Rußland befanden sich manche Rotizbücher und andere Dokumente Beethovens, die aber jetzt verschollen sind und denen noch niemand aus die Spur gekommen ist.
Jagd auf Spaniens wilde Kamele.
Es waren aufgeregte Tage, in denen man in den Sumpfgebieten an der Mündung des Guadalquivir in Spanien Jagd nach den wilden Kamelen machte. Aber die Aufregung hat nichts genützt, denn die hierher verschlagenen „Schisse der Wüste" liehen sich nicht fangen. Wie kommen Kamele nach Spanien? so wird man fragen, und es ist jedenfalls eine sehr merkwürdige Erscheinung, dah hier Kamele wild leben. Es ist bald 100 Jahre her, dah der Marquis von Villa Franca eine Herde dieser Tiere aus Afrika in Spanien einführte, weil er sie als Ziehtiere für die Karren und Pflüge auf seiner Besitzung verwenden wollte. Dieser Gedanke, den er mit sv viel Eifer verfolgt hatte, bewährte sich aber nicht. Die Höckertiere waren nicht so willig, sich vor die Wagen spannen zu lassen, wie sie in der Wüste schwere Lasten tragen: die Pferde scheuten vor den seltsamen Neuankömmlingen, und so lieh man einige von ihnen laufen. Andere wieder entkamen aus einer Herde, die auf den Höfen im Huelva-Gebiet angesiedelt worden war. Die Flüchtlinge versteckten sich in den Sumpfgebieten, die den unteren Guadalquivir umgeben, und hier, in dem sog. Marisma, fühlten sich die freien Kinder der Wüste recht wohl, vermehrten sich und führten ein ungestörtes Leben, wenn man von gelegentlichen Angriffen absieht. die einzelne Jäger unternahmen, um ein Kamel zu töten und dann sein Fleisch zu bertaufen. Run aber hat eine Gesellschaft ein beträchtliches Gebiet der öden Sümpfe gekauft, auf denen die spanischen Kamele Hausen, um es in eine Baumwollpflanzung umzuwandeln. Wenn aber erst einmal die Baumwollpflanzen die ausgetrockneten Sümpfe bedecken, dann dürften die Kamele sich als lästige Schädlinge erweisen, und so hat die Gesellschaft zunächst versucht, die Tiere zu fangen oder zu töten. Das ist ihr aber nicht gelungen. Die Kamele zogen sich in das dichte Gebüsch der Sümpfe zurück und nahmen von ihren Angreifern keine Rotiz. Die öffentliche Meinung setzte sich entschieden gegen die Ausrottung der exotischen Bewohner zur Wehr, und so muhte man von dem Plan abstehen, unter den Kamelen durch niedrig fliegende, mit Maschinengewehren ausgerüstete Flugzeuge ein Blutbad anzurichten. Runmehr will man den Fang von neuem und nach besserer Vorbereitung beginnen. Man hat sich dazu ein paar Kamelführer aus Marokko verschrieben und eine Abteilung Soldaten zur Verfügung gestellt. Diese sollen von den arabischen Sachverständigen in der besten Methode des Kamelfangs unterrichtet werden, und wenn sie erst die tausend und einen Tricks begriffen haben werden, die für die Behandlung der schwierigen Tiere notwendig ftnb, dann will man die Versuche von neuem aufnehmen.
zu jeder Tageszett zahllose Menschen bei jedem Wetter auf und af> gehen und Scharen von Kindern spielen, auch Menschenansammlungen, wie beispielsweise bei Konzerten, Vorkommen, hat der einzelne ein Recht auf Sicherung von Eigentum, Gesundheit und Leben. Wenn auch während der vielen Jahrzehnte, in denen die Bäume allen Stürmen getrotzt haben, ein ernsterer Unfall noch nicht vorgekommen ist und Linden, wie die meisten weichholzigen Bäume, weniger zu Bruch neigen wie Hirnen, Akazien. Eschen und Ahorn, so ist mit zunehmendem Alter doch mit der Möglichkeit zu rechnen, dah dieser oder jener Stamm an einer der vielen Faulstellen, die alle Bäume aufzuweisen haben, bei Wind und Wetter einmal nachgiebt oder dah — wie daS bei älteren Linden nicht selten ist — das Wurzelwerk am Fuße des Stammes innerlich zerstört ist, ohne dah man dies
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schon anders reden, wenn sie die Franzosen eine Zeitlang hier im Lande und aus nächster Nähe genossen habenl Wenn sie sie wirklich einmal kennen- gclernt haben, wie ich sie durch meinen Aufenthalt in Frankreich her kenne! Oh, man wird hier sein Mütchen schon kühlen!"
Raymond forderte auch Wenaer auf, am Nachtessen mit teilzunehmen. An einer der schlichten Mahlzeiten, wie sie jetzt am Ende des Krieges sich er- möglichen ließen. Man saß in einer längst unerquicklichen Situation. Die deutsche Polizei war nach den deutschen Truppen abgerückt, die französischen Ordnungsbehörden noch nicht da. So hing man in der Luft und befand sich in der Lage, den Instinkten der Straße ausgeliefert zu fein. Die Zufuhr vom Lande stockte deswegen feit Tagen. Die Köchin der Baronin Weldin ließ sich beim Servieren durch das Zimmermädchen entschuldigen, den drei Herren nur Tomatensoße, Kartoffelsalat und eine Platte mit Spiegeleiern vorsetzen zu können.
Wenger und Dietwart lächelten bei dieser Entschuldigung. Man hatte so viel anderes im Kopfe! So viel Schweres und Bedrückendes!
„Wie werden Sie es jetzt mit dem elsässischen Dialekttheater halten?" fragte Dietwart zu Wenger hinüber, während das Mädchen servierte, um in Gegenwart der Domestiken politische Aeußerungen zu vermeiden.
Das kräftige breite Gesicht von Wenger stand unter einem Ausdruck von Ingrimm. — „Oh, damit hat's wohl noch lange Zeit! Vorläufig wird wohl jede Dialektfrage hier unterbunden fein. Teils weil sich jetzt die Clique der Franzosenköpfe unter uns Elsässern dominierend vordrängt. Alles Französische wird vorläufig Trumpf werden. Wir werden noch vom Glück sagen können, wenn die Franzosen uns nicht unsere heimatliche Dialektbewegung mit ihren Kulturlackstiefeln zertrampeln!--Oh,
la la!"
Er schloß mit einer ausholenden Bewegung. Nachdem das Mädchen sich entfernt, fi.hr er fort: „Ich habe überhaupt die Absicht, mich in der kommenden Zeit so wenig wie möglich hier in Straßburg sehen zu lassen und mich möglichst wenig aus meiner Anschauung um die kommenden Umwälzungen zu kümmern und zu ärgern. Noch nie in meinem Leben ist mir mein Besitz draußen am Fuße der Vogesen so lieb, so wertvoll gewesen, wie jetzt! Wie ist doch
äuherllch wabrnehmen kann, und ein fallender Daum einmal zum Llnglück wird.
- Aus diesem Grunde bedauere ich, zu dem Schluß gelangen zu müssen, daß leider auch die Bäume an der Grabenseite im Lause der nächsten Jahre aus Gründen der Sicherheit so weit zu beseitigen sein werden, wie das nach sorgfältiger Prüfung nötig erscheint. Gleichzeitig wäre die Baumpflanzung der Anlage daraufhin zu prüfen, ob an geeigneten Stellen nicht noch der eine oder andere hoch wachsende Daum gepflanzt werden könnte, welcher nach dem Fall der Linden den Einblick in ein unschönes Hintergelände von der Straße her deckte. Von einer Reupflanzung an der gleichen Stelle ist leider nicht viel zu erwarten. Der Boden ist baummüde. Der Druck des Baumwuchses von der Anlage einerseits und von den Rachbargärten andererseits ist dem Auf-
................. im iiiinrniiiTir m ui. ........... i-nnniw die Natur so erquickend! Und wenn hier in den nächsten Tagen die Marseillaise durch die Straßen dröhnt, daß die Fenster klirren, — nehme ich meinen Wolfshund und streife mit ihm durch unsere Vo- gesenwaldungen — und höre nichts."
Dietwart lehnte sich in seinen Stuhl zurück. Sein Blick schien ins Weite zu gehen. „Ja, wer es so gut haben könnte!" meinte er gedankenvoll. Herauskommen aus dem Zwiespalt, aus den niederpressenden Eindrücken der sich schmückenden Stadt, aus der Pein inneren Zweifels an der Geliebten —!
Wenger legte sein Besteck nieder und sah zu Schölzer hinüber. „Das könnte ich Ihnen leicht bieten, Herr v. Schölzer! Kommen Sie doch mit Raymond für einige Zeit zu mir hinaus! Du kennst ja mein Anwesen, Raymond, am Fuße des Odilen- berges, die Weinberge rings überragend. Da ist es auch jetzt Ende November schön, obgleich der Wald gestorben ist und das kahle Erdreich noch auf die Schneedecke wartet. Ich bin jede Stunde auf liebe Gäste eingerichtet! Kommen Sie beide, ich bitte Sie, Herr v. Schölzer!"
Ein warmer Blick von Dietwart dankte ihm mehr, als Worte es vermocht hätten. Welch ein angenehmer Gegensatz zu all der rings aufklaffenden Feindseligkeit der einheimischen Bevölkerung gegen jeden Deutschen! Ein Elsässer, der den Mut, der das Herz hatte, zwei Bekannte, die bis jetzt als deutsche Offiziere gekämpft, in fein Haus als Gäste zu bitten?
„Du bist ein famoser Freund," meinte Raymond in seiner impulsiven, natürlichen Art, — „ich danke dir. Dietwart, was meinst du, wir nehmen ihn beim Wort? Wir kommen! Aber — zum Einzug der Franzosen — das wird wohl übermorgen sein? — An dem Tage habe ich draußen im Lazarett einem Freunde meinen Besuch versprochen. Es liegen noch einige schwerkranke deutsche Kameraden hier in einem Lazarett. Die anderen Lazarette sind alle aufgelöst, das Personal und die Kranken über den Rhein fjinübergefchafft. Diese, die hier geblieben sind, können nicht mehr transportiert werden Ich erhielt Nachricht von einem Freunde, der hier liegt. Unheilbar."
Er wandte sich jetzt voller Lebhaftigkeit besonders an Di"twart: — „Und weißt du, wem ich hier bei diesem Besuche im Lazarett vor einigen Tagen begegnete, Dietwart? Du errätst es kaum!"
kommen einer jungen Allee nicht sonderlich förderlich: man mühte denn zu anspruchslosen Arten wie Roßkastanien greifen. Zu bedenken wird im allgemeinen sein, daß man den alten Fehler in Zukunft vermeiden sollte, der darin bestand, grob werdende Bäume zu pflanzen, ohne auf die spätere Entwicklung die nötige Rücksicht zu nehmen. Früher, in der Zeit, wo die Damen mit Knickern und die Herren mit Sonnenschirm im Walde spazieren gingen, stand das Schattenbedürfnis obenan und man pflanzte so dicht wie nur irgend möglich. Heutzutage verlangt der Mensch gleich wie die Pflanze nach Licht und Sonnenschein in Kleidung und Wohnung. Es ist darum auch verkehrt, Baumreihen in zu geringen Llbständen an Wohnhäuser zu pflanzen, oder Alleebäume zu sehen, die nach wenigen Jahren zu Krüppeln geschnitten werden müssen und die dann dem gleichen Schicksal verfallen wie die Linden am Schorgraben.
Wirtschaft.
Ein sehr günstiger Reichsbankausweis.
Die Entlastung der Reichsbank in der dritten Januarwoche ist s e h r st a r k gewesen. Sie erreicht im Ganzen nicht weniger als 300 Millionen Mark, was für die dritte Woche eines Monats als außergewöhnlich bezeichnet werden muh, da innerhalb dieser Woche bereits die Vorbereitungen für den Ultimo einzufetzen pflegen. Der W e ch s e l b e st a n d ist auf 2078,1 Mill. Mark zurückgegangen und hat damit etwa wieder den Stand vom Juni des Vorjahres erreicht. Roch stärker prägt sich die Entspannung im Zahlungsmittelumlauf aus, der auf insgesamt 4289 Mill. Mark zurückgegcmgen ist und mithin um fast 1 Milliarde Mark unter seinem Höchststand am 31. Oktober des Vorjahres liegt. Gleichzeitig mit dieser starken Entlastung ist eine Zunahme der Deckungs- d e v i s e n auSgewiesen, so daß sich die Deckung des Rotenumlaufs ganz erheblich verbessert hat. Da schon am 15. Januar die Ultimo Dezember 1927 eingetretene Anspannung der Reichsbank mehr als ausgeglichen war. so deutet die weitere starke Entlastung der Reichsbank darauf hin, daß hier eine Entwicklung vorliegt, die nicht nur saisonmäßigen, d. h. aus der Jahresendeanspannung sich ergebenden Charakter hat, sondern auch gewisse Rückschlüsse auf die Entwicklung der Konjunktur zulötzt. Wenn man auch zu berücksichtigen hat, daß der weitaus größte Teil der zum Jahresende seitens der Bank cmgcreichten Wechsel nur kurze Fälligkeiten hatte, die also die Reichsbank inzwischen aus ihrem Wechselpvr- tefeuille hat herausnehmen können, so dürfte doch ein gewisser Rückgang der Inanspruchnahme der Wirtschaft eingetreten sein. Die Frage der Diskontermäßigung bleibt nach dem vorliegenden Reichsbankcrusweis auch weiterhin offen, obwohl die internationale DiSkvntlage sich in einer der Diskontermäßigung entgegengesetzten Richtung entwickelt hat. Die gestern vorgenommene Erhöhung der Diskontrate der Federal Reserve Dank of Chicago hat an den internationalen Geldmärkten wie eine Sensation gewirkt. Man sollte jedoch bei Beurteilung dieser Maßnahme nicht übersehen, dah Amerika die Politik der einheitlichen amerikanischen Diskontrate aufgegeben hat, und daß mithin die Erhöhung der Chicagoer DCkontrate nicht die gleiche Maßnahme bei den übrigen amerikanischen Federal Reserve Banks zur Folge zu haben braucht. Die in England auf Grund der Lage des dortigen Geldmarktes für heute erwartete Dis- kontermäßigung der Dank von England ist nicht eingetreten, im Gegenteil, die Bank von England scheint aus währungspolitischen Gründen an ihrer derzeitigen Diskontrate festhalten zu wollen und findet natürlich für ihre Diskontpolitik in der Erhöhung der Chicagoer Diskontrate eine Stühe. Somit ist die internationale Diskontlage in ein neues Stadium geraten, und die Reichsbank wird in Anbetracht der engen Verflechtung der Diskontsätze in ihrer Entscheidung über die Frage einer Diskontermäßigung um so vorsichtiger sein.
Der Freund zuckte die Achseln. Er sann auf diesen ober jenen gemeinsamen Bekannten. „Schwester Wendula!" platzte Raymond heraus, und sein Gesicht erhellte sich heute abend zum ersten Male wieder. „Ja, Schwester Wendula, die uns beide damals im Kriegslazarett so treu gepflegt hat! Sie ist, als alles jetzt Hals über Kopf aufgelöst wurde, heroer- fetzt, um bei den letzten deutschen Kranken hier zu bleiben. Sie war gleichfalls fehr erfreut über unsere zufällige Begegnung. Und fragte auch gleich — wie es dir ginge, Dietwart?"
Dietwart drehte nachdenklich den schlanken silbernen Besteckträger zwischen den Fingern. „Sonderbar! Dieses Zusammentreffen! Fast möchte man sagen — es ist eine Fügung!"
Nach einer kurzen Weile meinte er entschloßen: „Ich begleite dich ins Lamrett, Raymond, wenn du am Morgen des französischen Einzuges deinen Kameraden aufsuchen willst! Ist es dir recht, so begleite ich dich. Ich würde Schwester Wendula wirklich gern wieder begrüßen."
Er machte nach einer Weile, als man in Raymonds Zimmer eine Zigarette geraucht, den Vorschlag, ob man zu dritt noch ein Glas Bier trinken wolle? Vielleicht in ihrem Stammlokal, nahe der Universität, in dem sie mit ihren Kommilitonen einst so frohe Stunden verlebt?
Der Vorschlag fand Zustimmung. Wenger war zu Fuß zu Welzins gekommen und hatte fein Auto in seiner Stadtwohnung zurückgelassen. Er war nur zu kurzem Aufenthalt nach Straßburg hereingekommen, um in seinem Stadthaus für den Fall einer französischen Einquartierung Bestimmungen zu treffen.
Aber auch in dem immer so gemütlichen Bierlokal herrschte heute eine gähnende Leere, Ungemütlichkeit, Aufbruch in jedem Winkel. Die Ecken und Kojen der einzelnen Räume, in denen sonst die Derf(Siebenen farbigen Studentenmützen, Schläger usw. die Wände dekoriert, waren leer.
Deswegen brachen auch die drei Herren nach einiger Zeit wieder auf. Wenger trug sich mit der Absicht, Raymond nachher unauffällig einiges über Melusine auszufragen. Das geschah delikater unter vier Augen. So schloß er sich den beiden Freunden auch weiter an und brachte Dietwart auf den Weg zu seiner Wohnung, um dann Raymond für sich allein zu haben.
(Fortfetzung folgt)


