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Nr. M Zweites Blaff (Siebener Anzeiger sSenerai-Anzeiger für Dberhessen) Dienstag, 26. Juni 1928
Haß gegen Belgrad.
Oer (5ndkompf um die Macht in ^ucoslowien.
'Bot unserem -*/Ber'fHerftalter.
Belgrad 48r.be 3uni 1928.
Ointge Tage bevor die Bluttat in der Lkup- kchtina gelchab Hobe ich Stephan Raditsch gegenuverge'eNcn. Glicht eigentlich. um ihn au interviewen. Denn feine Zügellosen haßerfüllten Angriffe auf alle« in diesem Staat was sich nicht auf kroatischen Bauernpartei rechnete - und auch auf einige, die sich zu dieser feiner eigenen Partei rechneten — entzogen fich. da« war vom ersten Augenblick be* Bespräche« an klar, publizistischer TBiebcnjabe.
Stephan Raditsch. der Äroatenfübrer. war lm Verlause einer Sturmsitzung eben auf zehn weitere Sitzungen auSgefchloffen worden. Gendarmen hatten ihn förmlich hinausprüaeln müssen, toa« sreilich angesichts der ständigen Prügel- bereikschast. die in der jugoslawischen Bolksver- tretung herrscht keine besondere Angelegenheit war. 6r aber schnaubte Feuer und Wut. Zog in einem Atem sein seinerzeit abgelegte# Bekenntnis zur Monarchie und zur Widowdanversassung zurück, zieh sämtliche Hof- und Staat-Würden- träger der aktiven und passiven Bestechung und der Korruption und erklärte schließlich »Sogar Mörder Hot man gegen m i ch gedungen!" Eine Erklärung, die sreilich nicht gar zu tragisch zu nehmen war. Wa« hat Stephan Aadifsch "licht schon alle« erfiärt! Er selber nahm da- mit ben Mördern auch nicht gar zu tragisch Denn sofort erklärte er weiter: .Wenn sie mich vernichten, vernichten sie ihren eigenen Staat! Keinen Tag besteht er länger, al« sie unS arbeiten lassen..
Unb nun entsteht tatsächlich die Frage, ob der Staat, zumindest In seiner jetzigen Form, wird sortbestehen können. Punica R a t s ch 11 s ch, der blutberauschte Attentäter, zielte auf einen Feind de« Vaterland«.? — und traf das bißchen jugoslawische Einheit mitten ins Herz. Auch die Massen der kroatischen unb dalmatinischen Bauern werden spuren zumindest, vielleicht sogar wissen, daß ihre hingeschlachteten Führer der .inbioibucl- len Aktion" eine« einzelnen, wie die offiziellen Berichte die Bluttat geflissentlich nennen, zum Opfer gefallen lind. Aber in ihnen allen lebt da« 'Bewusztfein. daß individuelle Aktionen dieser Art in der Belgrader Atmosphäre nicht nur möglich, sondern beinahe selbstverständlich sind. Der Haß gegen Belgrad wird in diesen Tagen zweifellos zügellose Formen annchmen. Unb es ist sehr die Frage, ob er ander- wird gebändigt werden können al- durch die Militärbilta- t u r der Holgeneräle. die ohnehin nicht erst seit gestern auf eine Belegenheit zum Eingreifen warten.
Der Hast gegen Belgrad ist da- Zentral- Problem des Bereinigten Königreiches. Der Irem de Besucher deS Lande« gewinnt den Eindruck. dast dieser Hast, zumindest die Abwehr gegen daS angemafik- Primat der Hauptstadt, nicht unberechtigt ist. Zweifellos steht sie und stehen die Kreise, die sie beherrschen, auf einem unvergleichlich tieferen Kultuimiveau alS jene Teile deS Reiche«, die ehemals zur österreichisch- ungarischen Monarchie gehörten unb die nun die Ehre haben, mit ihren Steuergeldern, die auS- schliestllch hier wirklich gezahlt werden, die Kosten für den ganzen auf geschwemmten Staatsapparat zu zahlen. Unb deren Sprache verhunzt wird und deren Wünsche verfälscht werden unb deren Söhne nur bann irgendwie vorwärts kommen fönnen, wenn sie einer der tn Belgrad benschenden Parteien bei treten.
ES geh zwei Dege, ben Hast gegen Belgrad zu liquidieren. Den einen, auf dem Stephan Raditsch vvranschritf: den Weg »um Föderalismus. Den anderen, den fein ermordeter Reffe Paul Raditsch wies: den Weg zur faktischen Gleichberechtigung der Kroaten innerhalb deS jugoslawischen Einheitsstaates. Die dritte Möglichkeit: daS grohserbische
Oie Reisemühe.
Don Mas (Heise nheyner.
Wenn ich sie so betrachte mit ihren zahllosen kleinen braunen KarsS. wie sie jetzt so friedlich neben mir liegt, auf dem Tisch im Cafe zu Susak. jenem hübschen (Safe in der Bähe der kurzen Eisenbrücke, hinter der die Italiener langinäntciig ihre Grenze bewachen — wenn ich sie so liegen sehe, meine schöne neue braune Reisemützc neben der dicken Tasse mit dem herrlichen schwarzen Kaffee unb dem zarten Milch- schäum darüber —, nie hätte ich geahnt, dast sie mir ein solche- Abenteuer bereiten würde.
Die Sache war nämlich die: wir, eine Heine Reisegesellschaft von fünf Leuten, hatten ben langen Weg bis Susak, dem Heinen reifenden dalmatinischen Hafen, wo wir in- Schiss steigen wollten, sehr harmonisch zurückgelegt, hatten im Speisewagen ausgezeichnet gegessen und den sanften Knoblauchduft deS Bratene als Gruh deS Orients zartfühlend mitgeschmeckt und gelobt. Da — zehn Minuten vor der Endstation — hielt der freundliche Zug noch einmal an. Der Speisewagen sollte abgehängt werden. Zn dem Speisewagen aber hatte ich meine Reisemüde im Gepäcknetz liegen lassen. Keineswegs wollte ich ohne sie abfahren. Ich kletterte daher voller Ent- rüfhmg aus dem Zug. Der Wagenführer schrie mir etwas Unverständliches zu. Ich schrie ihm etwas für ihn ebenso Unverständliches zurück, rannte den Zug entlang, sprang in ben Speisewagen. sah eine Mütze die bereits ganz zu- sammengefallen und traurig als Fundobjekt aus dem Tisch deS Oberkellners lag, rih sie an mein Herz, stürzte auf den Bahnsteig und — sah gerade noch, wie der Zug ohne mich in die Kurve rollte. Aus dem Fenster guckten vier erschrockene Gesichter wie aus einem Kasperletheater. Mir fiel zunächst nichts weiter ein. als solange fröhlich mit meiner wieder gefundenen Mühe zu winken, bis der Zug völlig unb ganz verschwunden war. Dann lah ich mich um. Der Bahnhof bestand aus einem kleinen Häuschen, einem Beamten unb einer Landstraße, die alle drei kein Deutsch verstanden. Die Landstraße forderte mich nur stumm auf. ihr zu folgen. Sie lag eng. voll von Steinen, einsam zwischen kahlen Felsen und weiten ©teinfelbcrn. Die Berge, urweltlich wie bemooste Slefantenrücken. hundertfach »cr- fiüftet. Mir fiel ein Bild auS dem Geograph ie-
Svstem bei Aufrechterhaltung der formalen Par- lament'pielerei weiterzuführen, hat Herr Punica Ratsch.ftch wohl endgültig verschüttet
Die ParlamentSspieler< in Belgrad ist allerdings auch eine ganz besondere Abart deS neuzeitlichen Parlamentarismus, die ihre besondere Betrachtung verdient. De- Streit um die Ratifizierung der Konventionen von R e 11 u n . her schließlich den Anlast zur fatalen Bluttat bot. erweist wieder einmal ihren ganzen Irrsinn Ruser im Streite waren au* der e*n:n Seite Außenminister Marinkowitlch. der b.<- Konventionen parlamentarisch burchbriNgen will, auf der anderen Raditsch und der Führer der Unabhängigen Demokraten, P r i b i t s ch e w i t s ch. die diese Konventionen alS BolkSverrat bezeichnen. ES war nicht immer so. Zur Zeit, d.i he von Regierung zu Regierung geschlossen wurden, gehörten die Herren Raditsch und Pnbitschewitsch dem Kabinett an und traten infolgedessen be- geisteH für dieselben Konventionen ein, die der Führer der damaligen demokrafischen Opposition. Herr Marinkowitsch. derselbe, der sie nun dem hohen Hause vorlegt. alS BolkSverrat zu be-
zeichnen pflegte 54 wäre wohl in alle Ewigkeit so »eUcrgcgangen. dast die jeweilig- Opposition, im "Hertrauen aui die anttitalienifchen Rftsent- timentS der Bevöllet ung. die Orlebigung von Rettunv verhindert hätte würden in Iugo« Hannen tatsächlich di.- parlamentarischen Kämpfe
liefe»eit wird der Staat jedoch von zrvei anderen Faktoren regiert von der Genda r- merie unb von der Londoner 6 i tn. Unb da diese die Fünfzigmillionenanleihe. die notwendig ist zur Vermeidung des Zusammenbruchs der InvestifionSaibciten. nur bei politischem Schönwetter zu bewilligen geneigt ist und da die Gendarmerie fich deS Auftrags, renitente Abgeordnete auS dem Saal zu prügeln. virttroS entledigt. war da» Schicksal ter umstrittenen Konventionen in ben letzten Tagen schon gesichert — biS ein Dauer aus dem Sandschak. eben Herr Punica Ratfchitsch. seinen Komitatschi-Rianieren einmal gar zu freien Lauf liest -- unb so daS ganze Problem noch einmal aufrollte. DaS Problem. da- jetzt nicht mehr: Rettuno ober nicht! — fonbem Iugoflawien ober nicht! heistt.
Bosnische Reisebriefe.
Kreuz und quer durch das bosnische Bergland.
Sarajevo. 3uni 1928.
ES war keine Ueberra'chung. als biefer Tage eine Kommission ausländischer Gelehrten in den noch wenig oder gar nicht erschlossenen Gebirgszügen Bosniens und der Herzegowina Kohlenflöze unb Aluminiumerzlager fest- stellte, wie sie in solchen ungeheuren Mengen in Europa bisher noch nirgends vorkamen. Bis zur Erschlichung dieser wertvollen Bodenschätze wirb allerdings noch geraume Zeit vergehen müssen, da zur Zeit nicht einmal Saumpfade in diese Gegend führen. Aber schon lange vorher muhte man. dast in Bosnien ein Reichtum verborgen liegt, der eine- Tages diesem schönen, waldreichen GebirgS- lonbc in der Weltwirtschaft eine wichtige Rolle zuweisen wird. Richt ohne Absicht, nicht zwecklos hat hier die österreichisch-ungarische Monarchie ilnfummen hineingesteckt. Bahnen gebaut. Wege errichtet unb das Zentrum der bosnischen Hauptstadt durch Paläste und ansehnliche Verwaltungsgebäude in einen Schmuckkasten verwandelt. Der Krieg, die Äugel, die den Erzherzog-Thronfolger unb seine Gattin in Sarajevo nicberftrccftc. machte alle Pläne der österreichischen Regierung zunichte. Heute gehört Bosnien unb die Herzegowina, in ethnologischer Beziehung eine- der interessantesten Gebiete Europas. zu Jugoslawien. Unb eS ist die Aufgabe des Königreiches SHS., das von Oesterreich begonnene Werk weiterzuführen unb zu vollenden Gewiß — man denkt hier nicht gerne an die österreichische Zeit zurück, obgleich sie ben Bewohnern dieses Landes viel Gutes, vor allem viel ArbeitS- unb Derdienstmöglichkeiten geboten unb eine Dergwildnis mühevoll kultiviert hat. Man kann eben die Mafsenhinrichtungen serbischer Popen nicht vergessen, die tm Herbst 1914 in Sarajevo gehängt wurden und deren CH amen in goldenen Lettern an der Innenwand bet serbischen Kathedrale von Sarajevo verzeichnet stehen. Der politische Groll bet Slawen hat ben Dank für eine segensreiche Verwaltung erftidt
Der jugoslawische Staat steckt noch in ben Kinderschuhen. Auch seine Verwaltung. Manches war früher in dieser Beziehung besser gewesen — daS gibt man offen zu — doch zeigt sich unoerfennbar daS Bestreben, das (Srlnorbene unb Erhaltene zu bewahren unb auSzubauen. Was vor allem dringend fehlt, ist das Investitionskapital. An der mangelnden Finanzkraft deS Staates krankt die Wirtschaft. Daraus resultiert auch die Arbeitslosigkeit in den Städten, besonder- in Sarajevo, dessen Bevölkerung seit dem Kriege einen bemerkenswerten
buch meiner Schulzeit ein: der hohe Karst! 3a, das war er und ich stand plötzlich mitten brm. Unwirtlich war er, kaum bewohnt, ärmlich, finster unb verlassen. Ich kam mir ausgesetzt vor, einer ungewissen Zukunft preisgegeben. Aber merkwürdig: DaS alles erfüllte mich mit einer galgen- humorigen Sorglosigkeit, gab mir ein seltsame- Gesühl von Freiheit, wie ich es sonst kaum im Leben gehabt habe. 3a, ich muh gestehen, ich zog meine Mütze schief über- Ohr unb schritt mächtig auS, unbelastet von jedem Gepäck, ohne Mantel, ohne Schnupftuch. In der Tasche sechzig Dinare, die einem Vermögen von vier deutschen Reich-mark entsprachen.
Ich ging unb ging. Die Luft war feucht unb Heist. Ich rutschte über bie Schotterst ei ne. stolperte hier unb ba über Fel-stücke. Bergauf, bergab wank» sich die Strahe. Rach einer halben Stunde sah ich ein. dast, wenn ich jetzt nicht einen Wagen bekäme, ich nie unb nimmer zur Abfahrt des Dampfers zurechtkommen würde. An einem kleinen Schuppen stand em Mann. Ich fragte nach einem Fahrzeug. Er schüttelte den Kopf, interefselo-. ruhig und sah dabei in bie Weite. Er hätte eine Fliege nicht unwilliger abwehren können. Vermutlich hatte er überhaupt nicht verstanden, wa- ich von ihm wollte. Ich wanderte weiter. Endlos dehnte sich die Strahe Da, an einer Biegung, ganz in der Feme. lag das Meer im Ausschnitt wie eine dreieckige Dieiplatte. Ich ging enthusiastisch auf sie zu. Aber da war sie auch schon wieder verschwunden, wieder umgab mich unheimliche Einsamkeit. Aber es war, als erschlösse sich mir allmählich bie Seele der Landschaft. 3m Durcheilen fühlte ich bie herbe Schönheit ihrer baumlosen Stein- massen, sah ben zerfallenen unb verlassenen Häusern an der Strahe an, wie schwer es sein muhte, diesem Boden ein Ertragnis abzugewinnen. lieber die weiten Plateaus schien der Himmel Rtesensäcke voll Steine ausgeschüttet zu haben. Wer sollt» hier wohl wohnen, wer hier hausen? Er mühte wie ein Tier zu dieser Landschaft gehören. Zu chrer Verlassenheit, zu ihrer Stille, zu chrer Aermlichkeit.
Dar da- eine kleine braune Hummel, die ba am Wege hockte? Rein, ein winziges 3 i • geunerfinb spielte mit bunten Steinen. Abseits vom Wege ein halbes Dutzend rostbrauner spitzer kleiner Zelte. Schon hatte man mich gesehen. Ein Kind nach dem andern kam aus dem Geröll geschossen. Ich stand in meinem hellen Somme ranz ug ba wie eine Butterblume, die von Ungeziefer umfurnmt wirb. Ich griff in bie
Rückgang erfuhr. Da- liegt zum Teil an ber Zentralisierung der Verwaltung. Früher war Sarajevo Sitz der Okkupattons- und Lande-behörden, ein wichtiger Punkt, heute besitz! es nicht mehr den Eharakter einer Landes Hauptstadt und entbehrt naturgemäß auch der Vorteile, deren sich eine solche erfreuen kann. Darum aber kann unb darf Sarajevo nicht der Dergangenbeit angehören. Seine Industrie ist klein doch leben-- und ausbaufähig bie kunstgewerblichen Erzeugnisse biefer Stadt wandern in alle Welt hinaus und erfreuen sich überall ber größten Wertschätzung — seine Bevölkerung ist trotz der starren, konservattven Haltung der MoSlemS arbeitswillig, liebenswürdig unb jeglichem Fortschritt zugeneigt — unb selbst bei den Dehörben tritt das unverkennbare Bestreben zutage, alle# daran zu setzen, damit Do-nien in den Genuh seiner natürlichen Reichtümer gelangen kann.
Ich mochte bei dieser Gelegenheit hervorheben, bah man sich nirgends scheute, mir einen Einblick in die verschiedenen Betriebe zu gewähren. Rkan hat vor dem Fremden nicht- zu verbergen, und man will es wohl auch nicht. Während es z. D. in Rumänien und auch auf dem Gebiete beä alten Königreiches Serbien unmöglich ist, bie Einrichtungen unb Verhältnisse eines Dalkangefängnisses kennen zu lernen — weil eS hier eben manches gibt, was man lieber mit dem Mantel deS Schweigen- bebeckt — erklärte sich ber Polizeidirektvr von Sarajevo Dr. Zegarac in liebenswürdiger Weise bereit, mit die Polizei- unb Gesängnisgebände zu zeigen. Abgesehen davon, bah Sarajevo jetzt ein interessantes, systematisch georbnetes, wenn auch Heine# Kriminalmuseum besitzt, das dessen Leiter alle Ehre macht, entsprechen beispielsweise bie Zellen bes Polizeigefängnisses durchaus den Anforderungen des modernen Strafvollzuges. Man sieht auf Reinlichkeit, man sucht durch Bad und körperliche Reinigung ber eingelieferten Arrestanten die Einschleppung von Ungeziefer zu verhüten unb HÄt für politische Häftlinge so schöne unb lichte Appartements in Vorbereitung, bah Fremde bei Heberfüllung der Hotels zur Rot auch hier im StaatsgefängniS eine recht behagliche Unterkunft finden könnten.
Vorläufig ist das noch nicht notwendig, da der Fremdenverkehr in Bosnien erst in feinen Anfängen fich befindet. Schuld daran tragen wohl die falschen Vorstellungen, die man sich non dieser landschaftlich wundervollen, teilweise wildromantischen Gegend im Auslande macht. Bosnien aber erwartet den Fremdenverkehr. Die Gaftfreund-
Tasche und holte heraus, waS ich noch an kleinen Münzen hatte, und verteilte eS ringsum. Mit triumphierendem Geschrei tobten bie kleinen be- beinten Lumpenbündel ins Lager zurück. Eine Phalanx von Frauen nahte. Alte, dreckige, vertrocknete Weiber, die ihre Hände wie Geierkrallen auSstreckden. Die Männer blieben stolz im Hintergrund.
Ich aber sah nur noch, dah ber Anführer sich an eine Art von Bauernwäaelchen lehnte, vor daS ein Pferb gespannt war. daS nur van Gogh hätte malen können. Klein unb kurz war eS, mit aufgebogenem Schwanz, gleich einem Hahn, wolligem Fell, einer struppigen Locke neben der andern. Dabei zähe unb munteren Auges. Dieser Zigeuner sollte unb muhte mich zum Schift fahren. Don diesem Gedanken wollte ich nicht mehr ablassen. Die Frauen bekamen bie letzten Silberlinge. Sie grinsten und streichelten mich über Arme unb Schuldem. Aber ich ging, gefolgt von dem Rubel ber Kinder, auf ben Mann am Wagen loS. Ietzt erst sah ich. welche wahrhaft phantastische Lumpengarde mich umgab. So etwas von Dreck war mir mein Lebtag noch nicht vorgekommen, aber dieser Dreck hatte weih Gott Stil, die Lumpen hatten Stil. Unb bie Gesichter! Aus ben Mistbeeten ber Kleidung blühten bie Köpfe der Kinder wie edle fremdländische Blumen. Als ich bei dem Mann am Wagen ankam, hatte ich an jeder Hand eine solche..Blume". Der Zigeuner lachte. Aber er rührte sich nicht. Ich reckte meinen Arm unb zeigte auf meine Uhr und sagte: ..Rach Susak." Mm ihm zu bedeuten, dah ich in einer halben Stunde da lein müsse. Er sah geringschätzig auf meinen Zeigefinger und die Mhr und hob seine zehn Finger in Die Höhe. Er bot mir zcchn Dinare! Er wollte mir al'o meine schöne Armbanduhr für diesen Preis, gleich fünfunbfiebemig deutschen Reichs- Pfennigen. abkaufen. Ich schüttelte meinen Kopf. Er bot zwanzig. Ich schüttelte weiter, nahm die Zügel, machte Hüh unb beutete bann auf die Stundenzahl der Mhr, bei ber ich tm Hafen sein wollte. Run hatte er sofort verstanden. Ich bot dreißig Dinare. Er wollte sechzig. Wir einigten unS auf fünfzig. Mehr hatte ich auch nicht. Ich Hetterte in ben Wagen. Die beiden Kinder, die ich eben an der Hand gehabt, stiegen über die Waaenräder nach unb setzten sich zu mir. Sine tolle Fahrt über das Feld ging los. Die Dank, auf der ich sah, war nicht festgemacht und hopste bei jeder Radumdrehung in die Höhe. Die Kinder schrien vor Freude. Sines war immer mit feiner Hand in meiner Rocktasche, Als
Ichaft der einheimischen Bevölkerung ist bekannt. Und die Warme, nut der man besonders den deutschen Keilenden empfängt, mirft anheimelnd und iqm- i-clbtfd) Der Motvrwurist bat wenig über die Beschaffenheit ber ötrafcm <u klagen, da man sich neuerding» ernsthaft um die Pfi.ge unb Erhaltung der Deqe bemüh' Ueberdie» nehmen sich die Herren de» oJi)e Vlutonub» ausländischer Automobilisten in freundlichster Weise on Der Fusttourist, insbesondere der Bergwanderer, findet eine staunen- e>regende Fülle dankbarer
flöge. Man braucht nur die Gartenstadt Banjo- I u f a zu nennen und die mittelalterliche Äonigtftabi Falce, zu der oon Banjaluka au» eine der herrlichsten Ltrahen der Welt führt Da» ist eine 73 Kilometer lange Fahri durch ein Märchenland, an verwitterten Burgen, gigantischen Felsen unb brausenden Bächen vorbei, ein abwechselung-reicher Weg bunt) Schluchten und Tunnel», immer entlang den schäumenden Brba», un,»ergestlich für den. der ihn einmal gesehen hat Auch die Strecke von Sarajevo nach Uvac wird einmal internationale Be- rühmthest erlangen, sobald es gelingen sollte, die bosnischen Bergbahnen zu eleklrtsizieren Denn die erforderlichen Wasserkräfte sind im reichen Maste vorhanden (Um sich von deren Bedeutung eine Borstellung zu machen, fei erwähnt, dast im gesamten Königreiche SHS. 3,5 Millionen P. 8., in Bosnien allem ROO 000 P. 8. der Verwertung harren. Von diesen Wasierkräften sind bis zum 1 Mat 192S erst 50000 P 8, also 4,5 Prozent der vorhandenen Energie tatsächlich ausgenützt) Nicht weniger als 3H Brucken und 99 Tunnels durchfährt auf dieser Linie die Bahn, die den Reisenden in einer fpan- nungsrcichcn Stunde nach Pale, dem tfutaang»- punkt für die herrlichen Bergtouren auf die 3a- horina und die Romanija führt. Unterkunstsmog- lichtesten gibt es an allen Orten — und die bewirtschafteten und unbewirtschafteten Schusthütten auf den Bergen stehen in keiner Weise denen de»
sterreichifchen Alpenverein» noch Aus
besonderen Umstand will ich aber ausdrücklich Hinweisen, weil er den deutschen Touristen noch wenig oder fast gar nicht bekannt Ift. 3n allen Touristen- gebieten sind die Gendarmerie st ationen angewiesen. sich der fremden Wanderer anzunehmen. Da» heistt jeder Vendarmerieposten verfügt
ein dis zwei für Touristen eingerichtete, sauber gehaltene Fremdenzimmer, die Untcrkunftssuchenden gegen geringes Entgelt zur Verfügung gestellt wer- den müssen. Die Gendarmen, die in der grösseren Mehrzahl ganz gute Kenntnisse in der deutschen Sprache besitzen, sorgen auch für die Verpflegung ihrer Gäste. Wo also keine Privatguartiere vorhan- den sind, wie in einzelnen, rein moslemitischen Dörfern, wende man sich vertrauensvoll an die Gen- darmeriestation.
Dast Bosnien das Paradies ber Angler, vor allein der Forellenf braucht wohl nicht
erst erwähnt zu werden. Aus west und breit, aus Amerika und England, kommen passionierte Angler hierher, um aus dem ungeheuren Reichtum ber bosnischen Flüsse unb Bäche schwere Beute zu ziehen. Ebenso ftd)t ber Waidmannsluft nichts entgegen. Unb das Schönste von allem: der schwindende Rest alter Türkenherrlichkeit, bie alten Moslemdörfer mit den verwitterten Moscheen und ben schlanken Minaretts, von denen heute noch wie vor alten Zeiten ber Muezzin seinen melodischen Ruf an die Gläubigen ertönen lästt, die „Tscharschija" in Sarajevo, ein Ge- wirr von Göstchen, Buden und Basars, denen die neue Zeit nichts anzuhaben vermochte — und die malerischen Trachten der Bosnier: eine Delk, reich an Gegensätzen, reich an Farben, reich an verborgenen Schätzen ..
Sprcchskimdttt der Redaktion
12 bis 1 Uhr mittag», 5 bi» 7 Uhr nachmittag». Samstag nachmittag geschlossen.
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wir von dem Felbwag auf bie Landstraße fernen, hielt ber Zi-aeuner an. nahm die Kinder beim Wickel und setzte sie ab. Dicht an der Strahe hockten die anderen Kleinen wie junge Katzen dicht nebeneinander auf ber XBrbc und verrichteten ihr Geschäftchen. Die Sonne war einen Augenblick durch die Wolken gekommen und streifte wie mit dem Lichtstrahl eines Scheinwerfer« die Gegend ab. beleuchtete bie entzückenden kleinen Brvnzepvpo«. lächele unb verschwand
Mein Zigeuner fuhr nun los wie der Teufel. Ich muhte mich und die Dank am Wagen fest- halten. damit wir nicht zusammen irgendwo in den Graben ober an einen Felsen flogen. Ra-ch zehn Minuten tauchte das Meer plötzlich ganz nahe auf und da lag auch schon in der Tiefe die Stadt. Rur noch fünf Minuten Zeit bis zur Abfahrt des Dampfer-. Wir stuckerten im Galopp einen endlosen Weg hinunter. Ich sah weder Häuser noch Bäume, noch sonst etwas. Der Gaul schlug hinten unb vorne hoch. Ich sah nun ba« tocifje Schiff klein unb zierlich auf dem Walser unb schwenke, im Wagen stehend, auf bie Schulter des Zigeuners gestützt, als Zeichen bie Reisemütze hoch in ber Luft ...
Denn nun ber Hafen von Susak nicht aus minbestenS taufend grohen Holzstapeln bestanden hätte, unb wenn wir mcht um jeden bet tausenb Holzstapel hätten herumfahren müssen, so wären wir noch zur rechten Zeit gekommen. Aber ber Dampfer stieh gerade ab. als mein Zigeuner um die Mole einbog. So sah ich meine Reisegefährten abermals davonfahren und winkte ihnen abermals mit meiner Reilemütze nach. Der Zigeuner aber zählte stolz sein Geld, gab mir bie Hand und verschwand in der Hafenkneipe.
Denn ich sie also betrachte, meine schöne braune Rei'emutze. jetzt, nachdem ich das 2lben- teuer aufgeschrieben habe, so bin ich ihr ganz und gar nicht mehr böse. Unb wenn bet Leser dieser Zeilen jetzt mit mir auf ba« Meer gucken könnte, auf diese graublaue Unendlichkeit, wenn er das mächtige Rauschen der Wellen und die kleinen, windgelchwellten Segelschifte sehen könnte, er würde gerne mit mir vierundzwanzig Stunden auf den nächsten Dampfer warten. 3a, er würde sicherlich sofort eine braunkarierte Reisemütze kaufen wollen, um sie irgendwo in einem Speisewagen liegen zu lassen.


