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178. Jahrgang

Nr. 172 Erstes Blatt

Dienstag, 24. Juli 1028

GietzenerAnzeiger

General-Anzeiger für Oberheffen

ünid wiiö Derlag: vrühl'sche Untoerftläts-Bnd?« und 5teindruckerel R. Lange in Sieben. §christlettunz und Seschäftsftelle: Schulftratze 7.

.'Iniiflbmf von Nnz»t-en für die Tagrsnummer bi» jum Nachmittag vorher.

Preis für l mm höhe fttr Anzeigen von 27 mm Breit, öriltd) 8, avswätt» 10 Reichspfennig. für Re- klamtanutqrn von 70 mm Breite 35 Ne,ch»pfennig, Ployvorfchnfl 20' , mehr.

ChelredaKteur

Dr Fnevr. Wilk Lange. Berontworllich für Politik Di. Fr Wilh Lange für Feuilleton Dr H Thyriot, für den übrigen Teil Ernst Dlumlchein; für den An­zeigenteil Hurt Hillmonn, sämtlich in Gießen

Er schrrnt täglich, anher Sonntags and 5«ifttags.

Beilegen:

Gießener FamMenblätter Heimat 'm Bild Die Scholle.

moneti-BejDCSPTtls: 2 Neichrmart, anb 20 Neichspfenntg für Träger, lohn, auch bet Richter- scheinen einzelner Nummern infolge höherer Gewalt. Fernfprechanjchlüfse: 51, M unb 112.

Anschrift für Drahtnach­richten: Anzeiger «letze», pokstcheckkoitts: granffert am main 11686.

Die deutsche Turnerschafi als Brücke zur Heimat.

Don Dr. O. Berger, erstem Vorsitzenden der Deutschen Turnerschafi.

Deutsche Turner und Burschenschaf­ter standen sich besonder- in ihrer AnfangSzctt sehr nahe, gemeinsame Gebenkfeiem (Wartburg- feft 1817, Sranlfurter Parlament 1848) erinnern sie daran, wie wertvolle Kräfte au- ihren Reihen damals gezwungen wurden, ihr Vater­land zu verlassen und jenseits beS Mee­re« eine neue Heimat und einen neuen Wirkungskreis au suchen. Die Deutsche Turner- schäft hat die Drücken zu ihren auSgewanderten Turnsührern nie verfallen lassen, viele Der- eine des amerikanischen Turnerbun­de« sind 1848 von deutschen Turnern gegründet, haben gleichzeitig mit unseren ältesten deutschen Turnvereinen' ihre 80-3ahrseier begangen, sind die ganzen 80 Jahre mit ihnen in Fühlung geblieben und werden jetzt beim 14. Deutschen Turnfeste in Köln mit ihnen Schulter an Schulter im Wettkampf stehen und Im Fest- zuge gehen.

Olur kurze Zeit während de« Weltkriege- war der Verkehr unterbunden, sobald es anging, sammelten und sandten die deutsch-ameritaniichen Turnbrüder reichliche Gaben für die darbenden deutschen Kinder und Greise. 1926 ging ich mit einer kleinen Riege von 12 Mann zum ameri­kanischen Dundesturnfest in LvuiS- Ville und die Ausnahme beim Feste selbst und in dem Dutzend von Vereinen, die wir vor und nach dem Feste noch besuchen konnten, war so begeistert und herzlich, baß seitdem die Briefe dauenrd hin und Hersliegen und die amerika­nischen Turner jetzt drei ganze Dampfer geschär­ter! haben, um in Scharen zum deutschen Turn­feste am Rhein zu eilen. Viele dieser Männer und Frauen sehen bei dieser Gelegenheit zum ersten Mal das Land ihrer Väter und Droh- väter und viele find noch in Deutschland geboren und Jahrzehntelang nicht dazu gekommen, es wieder aufzusuchen. Möge da« deutsche Turnsest die deutsche Sprache und das deutsche Denken und Fühlen in den amerikanischen Turnvereinen neu stärken, denn bei dem Mangel an deutscher Einwanderung und der so nahen Verwandschaft der englischen Sprache ist die Verengländerung der Sprache meist schon bedenklich fortgeschritten.

indessen nicht nur mit den Vereinigten Staaten hat die Deutsche Turnerschaft dauernd turnerische Beziehungen unterhalten, sondern ihr gehörten bereit« am 1. Januar 1906 35 Vereine in allen Teilen der Welt außerhalb der damaligen ReichSgrenzen als Mitglieder an. davon vier in Südwestafrika und K > autschou. Diese Zahl wuchs bis Kriegsausbruch ständig, in Brasilien, Chile, Deutsch-Südwest­afrika wirkten sogar ganze Gaue. Der Welt- frieg Hit mandr der AuslandSvereine bis aui den heutigen Tag zerschlagen, anderen den Wieder­aufbau recht schwer gemacht, andererseits Hun­derte von Vereinen im Osten, Westen und Vör­den zu Auslandsvereinen gemacht, die zum grasten Teil zugrunde gingen oder nur zum geringen Teile und unter großen Schwierigkeiten sich zu einem besonderen Verband im neuen Staatsgebiet zusammenschlossen, wie die Deutsche Turnerschaft in Polen. Dagegen hatte der starke Aderlast in d r Deutsch »Tun rsä a t die ikber- zeugung verstärkt, hast die Ausl.rndSbeustchcn für die Zuiunit des deutschen VollStums ebenso wertvoll seien als wir, und dah gerade wir Turner wesentlich dazu beitragen könnten, die Herzen der Ausländsdeutschen für uns zu ge­winnen und bei uns zu erhalten. So hat die Deutsche Turnerschaft mit den großen Verbänden für da« Deutschtum im Ausland vereinbart, daß ihre Ausländsabteilung mit der Mittelstelle für auslande deutsche Leibesübungen gemeinsam unter einheitlicher Leitung des Diplom-Turn- und Sportlehrers S t a h s f und nach Anweisung eines belonberen Ausschusses, dem der 1. Dors, der Deutschen Turnerschast Dr. Verger, Dr. von L o e f ch und Kaufmann D ö l l i n g. Ham­burg. angehören, alle Angelegenheiten bearbeiten, die mit Leibesübungen der Ausländsdeutschen zusammenhängen und zwar ganz unabhängig davon ob die Ausländsdeutschen der Deutschen Turnerschast oder einem anderen deutschen Ver­band angeboren können oder wollen obcr_ nicht. Seitdem hat sich der schriftliche und persönliche Verkehr über die Reichegrenze v ervielsacht und aus ursprünglich zarten Fäden sind schon vielfach tragfähige Taue für kräftige Hänge­brücken geworden.

3d) begnüge mich noch ein wichtiges Binde­glied anzuführen. Schon 1927 hielt Stahls mit auslandÄeutschen Lehrern, Leitern und Lei­terinnen einen dreiwöchigen Ausbildungslehr­gang in Charlottenburg ab. Dieses Iahr bat er einen gleichen Lehrgang an die inzwischen ins Leben getretene »Deutsche Turns ch u l e der D. T. angeschlossen und fast 200 Männer und Frauen, darunter selbst Leiter höherer Schu­len aus 20 Ländern einberufen und wegen Wan­gels an Platz noch weitere 150 abweisen müffen. Die Lehrgangsteilnehmer werden durch Vorträge und Hebungen von Lehrern und Lehrerinnen der Deutscher? Turnschule, der Deutschen Hochschule für Leibesübungen und der preußischen Hochschule für Leibesübungen gründlich unterwiesen und tragen die Gedanlen und ben Geist des deutschen Turnens hinaus in alle Länder, in denen Deut­sche wohnen. Eine ganze Zahl der vorjährigen Lehrgangsteilnehmer nimmt schon zum zwei­ten Male an der Fortbildung teil und dieses

Deutschland und Frankreich.

Paris diskutiert die Räumungsfrage.

P a r i S, 22. 3uli. (XH.) In der.Vic toire" versucht Gustave Hcrv4 noch einmal, die fran­zösischen Rationallisten au einer Aenderung ihrer Politik gegenüber Deutschland zu überreden, scheint aber von einem Erfolg seiner Bemühungen nicht überzeugt zu fein. Recht interessant ist die Begründung Herv(-S für eine Dersöhnungspolitik mit Deutschland. Gr schreibt u. a.: .Wenn man leugnen wollte, dah die deutsche Sozial­demokratie von blökendem Pazifismus und den AuflösungSmikroben des Antimilitarismus und de« Klasfenkampfe« befallen ist, so würde man damit daS Licht am Hellen Mittag leugnen. Ich bin durchaus sicher, dah eS möglich ist, mit diesem neuen und demokratischen Deutschland, daS keine moralische Schuld an der Kriegserklärung von 1914 trägt, mit Erfolg eine Politik der Ver­söhnung zu versuchen. Wenn diele Polittk nicht mit der Mitwirkung unserer natio­nalen Parteien gemacht wird, so werden sie unsere Parteien der äußersten Lin­ken machen, die dann auS ihr die Ehre und den Vutzen ziehen werden. Wenn unsere nationalen Parteien mangels Klugheit oder politischer Kühn­heit diese Politik nicht betreiben und sie dadurch durchkreuzen, daß sie ihre Wählerschaft aufzu- peitschen suchen, wird Jie trotzdem gemacht werden, weil sie in der Vatur und Logik der Dinge liegt und gleichzeitig im Interesse der deutschen und der französischen Valion. Die Frage der Vheinlandräumung ist sekundär, weil wir Koblenz spätestens im Iahre 1930 und Mainz im Iahre 1935 räumen werden. Die Frage ist die, ob unsere nationalen Parteien rechtzeitig begreifen werden, daß ihnen durch die polittsche Evolution Deutschlands die Möglichkeit gegeben ist, diese Evolution in republikanischem, bemo- i Irakischem und friedlichem Sinne zu beschleu - I

n i g e n, und die Grundlage für den wahren deutsch-französischen Frieden zu legen. Die Festi­gung der Republik in Deutschland und der Macht­antritt einer tief pazifistischen Parteimacht macht uns zur Pflicht, eine Annäherung zwischen Frankreich und Deutschland zu versuchen, um so mehr, als wir bei diesem Versuch durchaus nichts riskieren.

Auch das weit rechtsstehende .Iournal de« Debats" muß zugeben daß die Zeit für Deutschland arbeitet und der Wert deS Rhcinlandpfandes für Frankreich um so geringer wird, je länger man die Räumung hinausschiebt. DaS Blatt gibt der Befürchtung Ausdruck, daß die Mitglieder des französischen Kabinett- sich niemals über die Kompensationen geeinigt haben, die vom Standpunkt der Sicherheit einschließlich der polnischen Grenze oder der Reparationen ge­fordert werden müssen. Darum müsse zuerst ein französischer Plan auSgerabeitet und die­ser dann den Alliierten unterbreitet werden. Falls man freimütig mit Chamberlain rede, werde er sich bestimmt dem sranzösischen Standpunkt an­schließen. Man brauche um so weniger eine feste Sprache zu scheuen, al« die Engländer nicht gezaubert hätten, im Lause der Verhandlun­gen über den Antikriegspakt energisch ihre Inter­essen zu verteidigen. Deutschland müßten dann ein für allemal die Bedingungen für eine vorzeitige Rheinlandräumung mitgeteilt werden. Im Falle einer deutschen Ablehnung wäre die Fortdauer der Besatzung vollauf gerechtfer­tigt. Für die französische Regierung wäre es außerordentlich gefährlich, keinen Plan zu haben, wenn Drtand im September in Gens mit Dr. Stresernann Aufammentreffe, der wisse, was et wolle unb wohin er gehe.

Iahr wird der Eindruck noch nachhalttger sein. Macht doch der ganze geschlossene Lehrgang zum Schluß daS 14. Deutsche Turnfest in Köln mit und wird seheir, daß da« deutsche Volk, das allein von allen Völkern keinen Waffenschuh mehr halten darf, doch noch eine gewaltige Macht darstellt, wenn e« einig ist. dah c« eine Zukunft haben und für sie sich einfetzen muh.

Die deutschamerikanischen Turner in Köln.

Aeieriichc Begrüßung im Gürzenich.

Köln, 24. 3ull (WTB. Funkspruch.) Zu Ehren der 600 deutfchamerikanifchen Turner und Turnerinnen aus den verschiedenen Staaten VordamcrikaS, die zur Teiinahrne am Deutschen Turnfest nach Köln getommen sind, veranstaltete die Stadr Kain gestern abend im Gürzenich einen festlichen Empfang. Ober­bürgermeister Dr. Adenauer hieh die Gäste mit herAlichen Worten toilltommen, wobei er an das großzügige Hiliswerk zur Linderung dec Rot während des Krieges dachte. Weiter betonte er, noch immer seufze daS was enlose Deutschland in einem Waffen st artenden Europa. Amerika hätte die verantwortungsvolle Ausgabe, bet Mensch­heit in Wirklichkeit ein Führer z u einem dauerhaften Frieden zu werden. Der Oberbürgermeister schloß mit herzlichen DankeS- worten an die deutschen Turnvereine, die immer, auch im Auslande, den deutschen Gedanken ge­pflegt hätten.

Profeftor Dr. Berger, der 1. Vorsitzende der Deutschen Tumerschaft. wieS auf die engen Beziehungen hin, die die Deutschamerikaner auf immer mit ihren Stammesbrüdern verbinden. Da« deutsche Turnen werde in Amerika mit Emst gepflegt, und er wünsche den amerikanischen Tur­nern und Turnerinnen, dah sie auch auS diesen Wettkämpfen mit Lorbeer beltänzt zurückkehren mögen.

Namens des Deutschamerikanifchen Turnerbundes sprach dessen Präsident George Seibel (der be­kanntlich erst vor wenigen Tagen zu Besuch in Gießen weilte). Er sprach von den Berdiensten. die sich schon der General von Steuden wahrend der Unabhängigkeitkriege um Amerika erworben habe und verglich ihn mit dem Turnvater Zahn, der das deutsche Turnen begründet habe. Er betonte, dah alle Deutschamerikaner an ihrem Vaterlands bangen unb sprach oon ihrem festen Willen, deutsche Sitten unb beutsche Gebräuche zu pflegen. Sein Hoch galt ber Stadt Köln, der Deutschen Turnerschast unb der Freiheit. Herzliche Begrühungsworte sprach auch ber Enkel bes Turnvaters Jahn, ber eigens zur Teilnahme am Deutschen Turnfest aus Amerika nach Dcutschlanb gekommen ist. Seine Aus­führungen würben mit besonbers lebhaftem Beifall ausgenommen. Ein Vertreter bes Bürgermeisters von Chikago überbrachte ber Deutschen Turnerschast eine (finlabung zur Weitaus Heilung 1933, mit ber ein großes Turnfest verbunden wer- den soll.

Keine Qstpreußenmanöver.

Berlin, 23.Juli. (TU.) Das Reichswehr- Ministerium teilt mit: Die für Mitte September angesetzten Uebungen ber Reichswehr an ber Oftfee- füfte, an benen Teile des Heeres unb ber Marine gemeinsam teilnehmen sollten, finden in diesem Jahre nicht statt. Den Grund für bas Ausfallen dieser

Uebungen bilden im wesentlichen die a n g c f'pannU Lage der Reichsfinanzen unb das Bestreben, im Rahmen des Wehrhaushalts Er­sparnisse zu erzielen. Die Bereitstellung der Truppen in dem für die geplanten Manöver wünschenswerten Umfange hätte in diesem Jahre wegen ber gleich­zeitigen Heeresübungen in Schlesien verhältnismäßig hohe Auswenbungen bebingt. Aus biefem Grunbe erschien es zweckmäßig, eine gemeinsame Hebung für Heer unb Marine erst zu einem späteren Zeitpunkt vorzusehen, wo bic Heranführung ber beteiligten Truppenkörper voraussichtlich unter ver­gleichsweise günstigeren finanziellen Borbebingungen möglich sein wirb.

Das Beichsbahngerichi wird angerufen.

Die Etttscheidunft über die Erhöhung der Sicichöbahntarife.

Berlin, 23. 3ulL (WB.) Die Reichsregie­rung hat sich mit dem Antrag der Reichsbahn- gcfellfchaft auf Tariferhöhung erneut befahl. Sie ist der Austastung, d«ih die bisher gegebenen Unterlagen nicht hinreichen, um die Rol- wendigkeil einer Tariferhöhung öarjutun. Sie würde es vorziehen, wenn vor endgültiger Ent­scheidung dieser Frage, die so einschneidend für die gesamte Volkswirtschaft ist, die weitere Ent­wicklung bet Reichbahneinnahmen abgewartet würde. Da jedoch die Reichsbahn- gcfcllf djaft die Frage für geklärt unb die alsbaldige Entscheidung für geboten hält, erhebt die Reichsregierung keine Bedenken dagegen, baß bie bestehende Meinungsverschieden­heit, ob unb in welchem Ausmaße eine Tarif­erhöhung als notwendig zu erachten ist, schon jetzt dem Im Reichsbahngesetz vorgesehenen Reichs­bahngericht unterbreitet wird.

Wie Bela Run abgeschoben wird.

Wien, 23. Juli. (TLT) Wie die Wiene» Sonntags- und Monlagszettung" erfährt, sind nunmehr alle Verhandlungen für den Abtrans­port des ungarischen Ztommunistenhäupttings Bela Sun aus Oesterreich beendet. Kun wird an einem noch nicht bestimmten Tag« von Wie­ner Kriminalbeamten an die deutsche Grenze bei Passau befördert werden. Deutsche Ärtminalbcamte werden ihn dort über­nehmen und ihn mittels Flugzeugs nach Hamburg bringen, too et auf einen von der Sowjetregrerung zur Verfügung gestellten Dampfer gebracht wird. Mit biefem Schiff wird Kun nach Kronstadt reisen. Es ist nicht wahrscheinlich, daß Dela Kun sofort nach Mos­kau wird testen können. Die deutsche Regierung hat darauf bestanden, daß Kun die Reife durch Deutschland im Flugzeug unternimmt, um zu verhüten, daß auf deutschem Boden Kundgebun­gen für ober gegen ihn stattsinden. Der Tag des Fluges über Deutschland wird geheim gehalten. Der Transport durch Oesterreich wird mit der Bahn duvchgeführt werden, ba die Wiener Polizei übet ein Flugzeug nicht verfügt und das Mieten eines Privatflugzeuges zu hohe Kosten verursachen würde.

Ausklang in Wien.

Das nächste Längcrbundesfcsk in Frankfurt.

Wien, 23. Iuli. (£11.) Bereits am Sonntag­abend setzte ber Abtransport der Teil­nehmer am Süngerbunbesfest ein. Die Bahn hatte einen Riefenandrang auszuhatten. Alle fahrplanmäßigen Züge waren überfüllt unb zahlreiche Sonderzüge mußten eingeschaltet werden. Einzeln« der fahrplanmäßigen x üge w r- ben in brei Teilen gefahren, doch genügte auch diese Teilung nicht mehr, um den Ansturm zu bewältigen. Der Abtransport bet Sänger voll­zieht sich unter wesentlich ungünstige- r e n Umständen al« die Hinreise, ba bie deutsche Dahnverwaltung fast alle Svnderzüge, mit denen bic beutschen Sänger nach Wien ge­bracht wurden, wieder zurückbeotdert hat, um sie zur Beförderung der deustchen Turner zum Turnfest nach Köln zu verwenden. Die österreichische Bunde-bahnverwaltung ist daher gezwungen, ihren gesamten Wagen­bestand zum Abtransport der Sänger zu mo­bilisieren. Wie da- Pressebureau mitteilt, wird das nächste SängerbundeSsest im Jahre 1932 In Frankfurt a. M. a[»gehalten werden.

pariser Angstpsychose.

DaS Ccho der Wiener Länflerkundgebttnu für den Anschluß.

Pari«, 23. Iuli. (WB.) DaS Wiener Sän­gerfest nimmt in der Berichterstattung der Pa­riser Blätter einen breiten Raum ein und wird von mehreren Zeittmgen zum Anlaß genommen, um gegen bie Anschluhbewegung al« einer Gefahr für ben Frieden zu protestieren. DaS radikale ^Oeuvre" schreibt u. a.: Die Deutschtumpolitik, bic augenblicklich von Deutsch­land betrieben wird, kann nicht ohne Gefahr fortgesetzt werden. Ohne an seinen geographstchen Grenzen halt zu machen, maßt sich Deutschland da« Recht an, im Hamen aller Deutsch- s pr echenden aufzutteten. Wa» würde Berlin sagen, wenn Pari« sich einfallen ließe, im Ra­inen bet römischen Schweizer oder französisch sprechenden Bevölkerung des Tales von Aosta au sprechen? Oder will Deustchland, daß man öem Deutschtum eine Vereinigung ber englisch sprechenden Lander ober z. B. einen 'Vuno ber lateinischen Völker gegenüberstellt? DaS würde weiter nichts al« bas Wiederaufleben ber ver­hängnisvollen Allianzen bet Vorkriegs eit be- beuten. DerPetit P a r i s i e n" erklärt, die Besetzung Wien-, die Dcustchland auf einige Tage vorgenommen habe, sei ein ge­fährliches Spiel in einem Monat, in ben bie IahreStage fielen, die daran erinnerten, daß Oesterreich für ben Frieden gefährlich wer­den könnte, wenn eS sich der Führung Deutsch­lands überläßt.

DerTemp,- bespricht bie gestern in Wien veranstaltete Kundgebung ber beutschen Sänger. Er hebt hervor, daß Reichstagvpräfidenf Lobe bei dem Empfang erklärt:wir finb ein Volk unb eine Ration unb wollen beshalb ein Staat werbens- Heber den Sinn biefer Worte, so er­klärt das Blatt, könne man sich nicht täuschen. Es handle sich hier um etwas ganz andere», als um Sprach- und ttutturgemelnschaft: Die durch den Sieg der Alliierten neu geschaffene euro­päische Ordnung solle In Frage gestellt werden! Die Ausrechterhaltung de» Frieden» in Mittel­europa auf der Grundlage der bestehenden Ver­träge werde direkt bedroht durch eine Kund­gebung, die ganz den Charakter einer Mobilisie­rung der aktivsten Elemente de» Alldeutschtum» in sich trage.

Auch das ..Journal des D6batS" er­klärt, Deustchland gedenke, sobald eS möglich sein werde, sich durch di« Einverleibung Oesterreichs zu vergrötzerrr. Man fei also gewarnt: man zögere aber nicht, gleichzeitig auch deutlich zu machen, dcch die pangermanifche Bewegung sich nicht auf Oesterreich beschränke. In dem großen Unczug feien Delegationen auS Polen. Rumänien. Ungarn, der Schwein unb Sübflatoien vertreten gewesen. Man HoveO Straßburg, o Straßburg" gesungen. Wo fei bet berühmte Geist von Locarno ge­blieben? Diese Ta stäche zeige, was bie Verwirk­lichung des Anschlusses bedeuten würde. Man würde ein Wiederaufleben deS pan- german'. stischen Elan« feststellen, ber die große Ursache des letzten Krieges war. Roch- barlanb von Ungarn geworden und die T^checho- flowakei umschließend, würde Deustchland leine alten Ambitionen mehren und ttotz sämtlicher Pakte der Welt auf neue Abenteuer au«gef>en. Wenn man diese Zukunftsmöglichkeiten bedenke, unb wenn man feftftelle, mit welchen Methoden bie Annerion Oesterreichs von Deutfchland vor­bereitet werde, frage man sich mit einer ge­wißen Angst, wovon die alliierten unb besonders bic franzö'ischen Staatsmänner träumten. Man fei berechtigt, die alliierten Regierungen unb befanders die französische Regieruung zu fragen, ob sie entschlossen seien, den Anschluß nicht zu dulden. Wenn das ber Fall fei, bann begreife man nicht, weshalb sie nichts tun, olange es vielleicht noch Zeit ist, seine Durch­führung zu verhindern.

Der Präsident bet Republik hat auf Vorschlag des Iustizministers beschlossen, auch ben Ab­geordneten Dr. Ricklin eben'o wie bie brei anderen vom Colmarer Schwurgericht verurteil­ten Autonomisten zu begnadigen.