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Ar. 41 Erstes Blatt

<78. Jahrgang

8reitag, 24. gebruar 1<)28

$t|d)etnt täglich,außer Sonntags und Feiertags

Beilagen;

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Monat, 'Bezutzsprelr;

2 Reichsmark und 20 Reichspfennig für Träger» lohn, auch bei Richter- scheinen einzelnerRummern infolge höherer Gewalt. Kernfprechanichlüffe:

51, 54 und 112

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ffranlfurt am Main 11686.

Siegeltet Anzeiger

General-Anzeiger für Oberhessen

Vrvck und Verlag: vrühl'sche Univerfitätr-Vuch' und Zteindruckerei L. Lange in Gießen. Zchriftleitung und Geschäftsstelle: Zchulstraße 7.

llnnahme oon Bnjelgen für die Tagesnummer bis zum Rachmittag vorher.

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Chefredakteur

Dr Friedr Dilh Lange. Verantwortlich für Politik Dr Fr Wilh Lange, für Feuilleton Dr H Thyriol, für den übrigen Teil Ernst Dlumscheini für den An­zeigenteil Äurt Hillmann, sämtlich in Gießen.

Tagung des Deutschen Landwirtschastsrats.

Die Agrarkrisis.

Der Reichspräsident bei den deutschen Landwirten.

Berlin, 23. Febr. (WB.) Der auherordent- Ilichen 58. Vollversammlung des Deutschen Land- vvirischaftsrates, der Spihenorganisation der halb- crmtlichen Berufsvertretung der deutschen Land­wirtschaft, war gestern eine Sitzung des stän­digen Ausschusses vorausgegangen. Es wohnten u a. die Reichsminister 'Schiele, Dr. v. K e u- vell, Dr. Köhler, Hergt, Dr. Koch, Dr. Groener. Oberbürgermeister Böß, der Generaldirektor der Reichsbahn, Dr. Dorp- n ü 11 e r , die Reichsministcr a. D. v. Raumer unö Dr. Hermes bei. Gegen 10.30 Ähr wurde ^Reichspräsident v. Hindenburg, wäh­nend die Anwesenden sich erhoben, durch den Präsidenten des Deutschen Landwirtschaftsrates, Dr. Brandes, in den Saal geleitet. Rach kurzer Begrüßung der Reichsminister und der land- Nvirtschaftlichen Führer durch den Reichspräsi­denten wurde die Tagung eröffnet.

Oer Präsident des deutschen Landwirtschastsraies, Or. Brandes dankte zunächst für die erneute Bekundung seines Willens, die deutsche Landwirtschaft als einen Grundpfeiler des Deutschen Reiches und der deutschen Wirtschaft zu erhalten und übermittelte dem Reichskanzler seine Wünsche auf baldige Genesung. Der Redner fuhr dann fort: Die Be­la st u n g der deutschen Landwirte hatte einen Umfang angenommen, der aus den Erträ­gen der Wirtschaften nicht gedeckt werden tonnte. Der Schuh und die Erhaltung der heimat- lßchen Erzeugung sind Vorbedingungen für eine eifolgreiche Ausfuhr. Die Rentabilitäts­frage muß bei allen betriebswirtschaftlichen Maßnahmen ausschlaggebend sein. Das von der Negierung vorgelegte Rotprogramm kann nur über d i e nächste Zeit Hinweghelsen. Ein umfassendes Programm zur Gelundung der deutschen Landwirtschaft und damit der deutschen Wirtschaft kann von einem sterbenden Reichstag nckcht mehr erwartet werden. Besonders muß die Äeberlastung der Wirtschaft m i t Steuern, sozialen und anderenLosten g emildert werden. Wir wollen weder leiftungs- unfähige Betriebe, noch unfähige Betr'ebsleiter erhalten. Wir haben immer auf dem Standpunkt g cstanden, daß der Besitz der deutschen Scholle ei e nationale Verpflichtung in sich b irgt. Dann führte

d»er Reichsminister für Ernährung und Landwirischast, Schiele,

u. a. aus: Die Grundtatsache, durch die die heutige Lage gekennzeichnet wird, ist das seit v ier Jahren bestehende B e t r i e b s d e s i z i t v on etwa anderthalb Milliarden Marl. Die tzauptursachen des starken Betriebsverlustes der (egten Jahre lieg'n in der Preis- und Marktlage: QILein die Roggen Preise vom Nähre 1925 bis 1926 fügten der Landwirtschaft einen Verlust von rund 400 Millionen Mark zu, bne Kartoffel prei'e dieses Wirtfcha is ahres vion rund 200 Millionen Mart und die Ech w e i n e preise im Ka'end'rfahre 1927 von rrmd 300 bis 400 Mi'lionen Mari. Hinzu kamen b:ie ^Inwetterschäden. Tie erste und dri'- gKTibfte Ausgabe besteht darin, daß wir die i cut= säte Landwirtschaft, insbesondere die gefährdeten betriebe, bis zur kommenden Ernte h Indurchbringen. Ich nehme die Gelegen- h'ät wahr, dem gegenwärtig amtierenden Reichs- fabinett dafür zu dan'en. daß es bereit ist, mit ft arfer Hand aus Mitteln des Reiches züzupacken und dem bedrohten Berufssiand zunächst über dieses Jahr hinwegzuhelfen. Ter Minister geht dann im einzelnen auf die int Mtvrogramm vorgesehenen Hil smahra t- e' für bre Landuirt'cha t ein und fügt hi zu, die R i )s- ragierung fei fest entfd) o sm, die^e Maß .ahmen s» rasch wie möglich in die Tat umzusetzen. £>.e grundsäh'iche Einstellung der Reichsregie- nung gehe dahin, daß für die Maßnahmen der bftutfd^n Handelspolitik die Erha'tung der Landwirtschaft ein wesentliches Ziel darstelle. Msere zukünftige Wirtschafts- und Handels- ' tu itik müsse ausgehen von dem Prinzip der E r - h iltung und Stärkung aller frobut- t Den Kräfte der Ration. Der Minister sch'oh rat den Worten: Deutsch'and muß sich wieder c ne eigene agrarische Grundlage [(Baffen, auf der seine Toßswirtscha't sicher ruhen lairtn und das wird auf keinem anderen Wege govchehen können als durch bessere Pflege bis deutschen Bauerntums.

Aach einer Reihe von Referaten und ein- zechender Aussprache fand eine

Entschließung

ei ^stimmig Annahme, in der von der Reichs- rzjiening als sofortige Rotmahnahme u. a. die Ü-mWandlung der kurzfristigen Kre­dite in langfristige gefordert wird, fer­ner ein erheblich höherer Ant il der Mittel aus ös 'entlichen Kahi aliammelstellen für landwirt- ictzaftliche Hypotheken. Das Ziel der Finanz- gditif müsse eine allgemeine Zinssen- lung zwecks Annäherung an die landwirt- ichaftliche Ertragsrente fein. Die dau.rnde Un­ten tabill tat miiifc dadurch beseitigt werden, daß wirksame TNahnahmen getroffen werden, um

die Ergiebigkeit der heimischen Wirtschaft min­destens soweit zu steigern, daß ein Ausgleich unserer Handelsbilanz erfolgen kann. Die Einfuhr müsse auf das notwendige Maß beschränkt werden. Senkungen des deutschen Zollniveaus, das weit unter dem anderer Staa­ten liege, seien nur möglich, wenn das Aus­land entsprechende Maßnahmen treffe. Zur He­bung der Einnahmen müsse die Senkung der zwangslä si e A u gaben trete . 0 me durchgreifende Herabsetzung und gleichmäßigere Verteilung der Steuern und Lasten sei die Landwirtschaft ständig in ihrer Ekistettz be­droht. Die Steuerentlastung müsse in erster Li-

Aus dem Flugplatz Tempelhof.

Berlin, 23. Febr. (WB.) Das afgha­nische Königspaar hatte sich heule vor­mittag mit seinem Gefolge zur Besichtigung nach dem Flugplatz in Tempelhof be­geben. In seiner Begleitung befand sich Reichs­verkehrsminister Dr. Koch. Stadtbaurat Adler begrüßte die Gäste. Hieran schloß sich ein Rund- gang unter Führung der Direktoren der Deut­schen Lufthansa an, worauf der König mit großem Interesse die einzelnen technischen Ein­richtungen besichtigte. Eine große Anzahl von Verkehrs- und Sportflugzeugen war auf dem Flugplatz aufgestellt worden, die während des Rundganges verschiedentlich Kunstflüge zeigten. Rach einem kurzen Imbiß begaben sich die Gäste zu der Hansa-Luftbild-G.m.b.H., für die sich der afghanische König ganz besonders interessierte.

Wie die03. Z." erfährt, wird die deutsche Regierung dem König als Geschenk ein Flugzeug stiften. Es wird eine Junkers l). 24-Maschine sein von dem gleichen Typ, wie sie im ständigen Verkehr in Deutschland und in Mitteleuropa gebräuchlich ist. Dem König sind die Junkersflugzeuge bekannt, denn in Kabul sind mehrere stationiert, die von dort aus Verkehrs­flüge veranstalten.

Beim ^eichSiagSpräsibenien.

Donnerstag mittag hatten Reichstagspräsident Loebe und Gemahlin das afghanische Königs­paar zu einem Frühstück geladen, an dem neben dem Gefolge und der Ehrenbegleitung Mitglieder verschiedener Reichstagssraktionen. Vizekanzler Exz Hergt, die Reichsminister Koch und Schätze!, die Staatssekretäre Dr. Meißner, Dr. Pünder und Dr. v. Schubert, Ober­bürgermeister Böß und der Direktor des Reichs­tages. Geheimrat Galle, sowie der Präsident der Industrie- und Handelskammer, v. Men­delssohn. Geheimer Kommerzienrat D e u t sch und Intendant I e ß n e r teilnahmen.

Besuch im Zeughaus.

Ter König legt einen Kran; in der Kricgcr- gedenkßalle nieder.

Der König von Afghanistan, der in Paris am Grabe des unbe annten Soldaten einen Kranz niedergelegt hatte, hatte den Wunsch ausge­sprochen. auch das Andenken der deut­schen Kriegsgefallenen auf die gleiche Weise zu ehren. Aus Anregung der Reichs­regierung hat deshalb der preußische Minister­präsident Dr. Braun den König von Afghani­stan in das Zeughaus geladen. Wenige Minuten vor der An.unst des Königs traf der Reichspräsident v. Hindenburg ein. Der König wurde in der unteren Halle des Zeughauses sodann vom S>errn Reichspräsidenten und dem preußifchen Mi; i lerpräs de. ten begrüßt. Der Ministerpräsident führte sodann seinen Gast und den Herrn Reichspräsideiten In die Ge­be n k h a l l e. die der Erinnerung an die ge­fallenen deutschen Soldaten geweiht ist. Der König von Afghanistan legte dort einen Kranz nieder, der Schleifen in den afghanischen und in den deutschen Reichsfarben trug. Auf der Rückseite der in den afghanischen Farben aus- gesührten Schleife standen die Worte: Aman älllah, König von Afghanistan. An die Krairz- niederlegung schloß sich ein kurzer Rundgang durch die Räume des Zeughauses an. An dem feierlichen Alt nahmen u. a. die R e i ch s m i n i- st e r und Staatsselretäre der Reichsministerien, die preußischen Staatsminister mit ihren Staatssekretären, die Mitg'ieder des Reichs- r a t s. die Präsidenten des Reichstags, des Landtags und des preußischen Staats- r a t s, der apostostsche Runtius P a c e l l i, der Chei der Heeresl.'itung. General Heye, der Ches der Marineleitung, General Zenker, und zahl­reiche andere Herren teil.

Festessen in der Reichskanzlei.

Trinkspruch des Vizekanzlers.

Reichskanzler Dr. Marx und Gemahlin halten für Donners.ag abend das afghani'che Königs- Paar zu einem Festes en geia.en. Das Königs­paar. der Herr Reichspräsident, das beiderseiligc ®e olge, sowie die übrigen Gäste wurden durch Frau Reichslanzler Dr. Marx, unterstützt durch den Stellvertreter des Reichs-

nie bei den Realsteuern, also auf dem Ge­biete der Landes- und Gemeindebe- Steuerung einsehen. Die öffentliche Hand müsse ihre Wirtschafts- und Finanzpolitik daraus abstellen, die Landwirtschaft durch Wie­derherstellung ihrer Rentabilität zu Steuer­leistungen zu befähigen. Der Weg der Substanzbesteuerung führe zur Ver­nichtung. Die Maßnahmen zur sozialen Ver­sicherung müßten der Gesamtentwicklung unserer Wirtschaftslage entsprechen. Für die nächsten Jahre sei mindestens eine beträchtliche Er­höhung des Kontingents fremder Wanderarbeiter erforderlich.

kanzlers, Exz. Hergt, und Staatssekretär Dr. Pünder begrüßt. Daran schloß sich die Vor­stellung der Reichs- und Staatsminister an. welche sich im Kabinettszimmer versammelt hat­ten. Rach der Vorstellung begaben sich die ge­ladenen Gäste in den Kongreßsaal. Seine Majestät der König führte Frau Reichskanzler Dr. Marx, während der Reichspräsident und Exz. Hergt Ihre Majestät die Königin geleiteten. Reben dem Gefolge und der Ehrenbegleitung des Königspaares waren außerdem u. a. ge­laden: Reichstagspräsident Löbe, preußischer Ministerpräsident Dr. h. c. Braun, der Präsi­dent des Preußischen Staatsrats, Oberbürger­meister Dr. Adenauer, Landtagspräsident Bartels, der preußische K l'usminister Dr. Becker, Vertreter des Rcichsrats, Vertreter der Reichstagssraktionen, Oo^epräsident Dr. Maier, der Reichspressechef, Ministerialdirek­tor Dr. Z e ch l i n, der Generaldirektor der Reichsbahnge etlschast Dr. Dorpmüller, Oberoürgermeister Dr. Böß, Polizeipräsident Zörgiebel, die Reltoren der Hochichuten und Vertreter der Industrie, des Handels und der Wirtschaft mit ihren Damen

Während des Essens begrüßte

Bizetanzler Exz. Hergt

in Vertretung des Herrn Reichskanzlers das afgh>i- nische Konigspaar mit folgender Ansprache:E w. M a j e st ä t e n ! Im Namen der deutschen Reichs- regierunq habe ich die Ehre. Seine Majestät, den Herrscher des befreundeten Reiches Afghanistan und seine hohe Gemahlin zu begrüßen. Was Ew. Ma­jestäten in Deutschland vor sich sehen werden, ift kein äußerer Glanz oder prunkvolle Machtentfal­tung: Das Bild der deutschen Arbeit ist es, das wir Ihnen vorführen können, und dieses Bild wird, wie mir hoffen, seinen Eindruck nicht verfehlen. Die Quelle der Kraft eines Volkes liegt in seinem Willen zu ernster Arbeit und in dem Ringen um Ideale und hohe Ziele. Die Erinnerung an die großen Manner und die Taten der Ver­gangenheit wird mit dazu den Ansporn liefern. In dieser Auffassung glauben wir uns mit Ew. Maje­stät eins fühlen zu dürfen. Wir wissen, d< Ew. Majestät das ganje Leben der ernsten Arbeit widmen und alle Kraft einfetzen, um das afghamsche Volk reich und glücklich zu machen. Voller Bewun­derung sehen wir die Erfolge biejer Arbeit. Sie haben Ihrem Lande eine Verfassung und Gesetze gegeben uni) arbeiten unermüdlich an der Entwick­lung seiner Wirtschaft. Binnen weniger Jahre haben Sie' Ihrem Lande die Anerkennung der ganzen Welt verschafft. Es erfüllt uns mit besonderer Genug­tuung, daß Sie bei ihrem Wirken sich deutscher Mitarbeit bedienen. Deutschland wird auch in Zukunft gerne seine eigenen Kräfte zur Verfügung stellen, um die beiderseitioen Beziehungen auf das fruchtbarste zu gestalten. Mit Interesse und Freude haben wir vernommen daß Ew. Majestät den Hauptteil Ihres Aufenthaltes in Deutschland dar­auf verwenden wollen, deutsche Industrie' anlagen und Werke deutscher Technik und Kulturtätigkeit kennenzulernen. Deutsch­land hat nicht vergessen, was es den Freunden zu verdanken hat, die sich in schweren Zeiten nicht nun ihm abgewandt haben. Wir wissen daß Afghani­stans Sympathien stets uns gegolten haben, und wir erwidern diese Sympathien mit der Verficherung. daß auch Afghanistan stets mit der Zuneigung Deutschlands rechnen kann.

Ich erhebe mein Glas auf das Wobl Seiner Ma­jestät des Königs und Ihrer Majestät der Königin, auf das Glück Afghanistans und die Freundschaft zwischen den beiden Ländern Deutschland und Afghanistan."

Hierauf erwiderte

König Aman Mah

mit folgenden Worten in afghanischer Sprache, die von einem Dolmetscher ins Deutsche über­tragen wurden:(Sure Exzellenz 1 Ich danke Ihnen sehr für Ihre schönen und freundlichen Worte und die innigen Gefühle, die Sie mir und meirer Regierung gegenüber zum Ausdruck ge­bracht haben, und die ich niemals vergessen werde. Ich bin dessen sicher, daß die Freund­schaft zwischen den beiden tapferen Völkern, zwischen Afghanistan und Deutsch'and, für immer bestehen bleiben wird. Ich wünsche eine fried­liche Weiterentwicklung des deutschen Volkes und trinke auf das Wohl der Anwesenden und auf eine baldige Besserung der Gesundheit des leider erkrankten Herrn Reichskanzlers."

Das Schicksal Südtiroks.

Machtvolle Kundgebung im österrcichiicisi'n Nationalrat.

Wien. 23. Febr. (WTB., Die heutige Sitzung des Rationalrates gestaltete sich bei der zweiten Lesung des Dudgetvoranschlagcs für 1928 beim KapitelAuswärtige Angelegen­heiten" durch die Rede des Tiroler christlich­sozialen Abgeordneten Dr. Kolb über die Lage der Deutschen Südtirols zu einer einmütigen Kundgebung des ganzen HauseS für die Stam­mesbrüder in den von Oesterreich abgetrennten deutschen Gebietsteilen. Dr. Kolb fa^te u. a.: Die Botschaft Wilsons ist in ihr Ge­genteil verkehrt worden. Weite Teile des deutsch-österreichischen Volkes smd vom Volks­körper losgerissen. An den Deutschen Südtirols vollzieht sich eine Passion, wie sie furchtbarer kaum gedacht werden kann. Wenn wir hierzu Stellung nehmen, können wir uns auf ein gutes Recht berufen. Südtirol ist heute und ist nie eine rein innere Angelegenheit Ita­liens gewesen. Es ist nicht einmal eine rem österreichische oder eine rein deutsche Frage, sondern es ist schon eine Selb ft frage. Ich stelle ausdrücklich fest, daß die Deutschen Süd­tirols unter italienische Herrschaft a l s loyale Staatsbürger getreten sind. Sie sind kein Volk von Revolutionären. Dieses Volk hat die Loyalität des Gesetzes eingehalten. Die Loyalität auch des Herzens zu erzwingen, kann man von keinem Volke verlangen. Die seierlicheir Versprechungen, die durch die Erklärungen Titonis und Luzattis und durch die Thronrede des Königs von Italien gegeben wurden, sind in ihr Gegenteil verkehrt worden.

Die eine Million Anderssprachiger besteht ju­ristisch für Italien nicht. Es stehl heute auf dem Standpunkt, die Deutschen Südtirols hätten kein Recht auf nationale Li^enexistenz, da sie erst in den letzten 50 Jahren über den Brenner einge­wandert seien. Die Rngeheuerbchkeit einer solchen Behauptung ;u widerlegen, hatte ich für über­flüssig, denn der ganze Urkundenbestand Deulsch- Südkirols beweist, daß bereits vor 1300 Jahren eine geschlossene deutsche Dolksmasse dort vor­handen war und daß die Sprachgrenze im all­gemeinen damals schon so festgelegt wurde, wie sie heute besteht.

Der Abgeordnete Kolb betonte weiter, daß der italienische Staat sich in der Frage der Staatsbürgerschaft nicht an die Bestim­mungen des Friedensvertrages gehalten habe. Er appellierte an das Weltgewissen für Süd­tirol. Seine Rede wurde wom ganzen Hause auch von den Sozialdemokraten mit stür­mischem Beifall, Hochrufen und Hände­klatschen ausgenommen.

Bundeskanzler Seipel erklärte dann u. a.: Ich habe schon eingeben# begründet, daß ich mich in der Tiroler Frage nicht an den Völkerbund wenden kann. Die ganze Frage ist eine Herzenssache. Man kennt meinen Standpunkt, der damals weder im Jnlande, noch in Italien Beifall gefunden hat. Ich richte an die italienische Regierung einen Appell, aber ich erkläre zugleich, daß ich mich nicht in die innere Politik Italiens einmischen will.. Be­denken muß man jedoch, daß das letzte Recht nicht das geschriebene ist, und daß die inter­nationale Moral noch über dem inter­nationalen Recht steht. Was die Empfindlichkeit Italiens in bezug aus Tirol anbelangt, so möchte ich sagen: Wer ein gutes Gewissen hat, braucht den Schwachen nicht zu fürchten. Der Bundes­kanzler betonte, daß sich Oesterreich nicht dazu drängen lassen dürfe, mit dieser oder jener Mächtegruppe zusammenzugehen. Jetzt könne allerdings die Zeit kommen, wo die Stellung Oesterreichs in der Welt genauer umschrie­ben werden müsse. Den Zeitpunkt aber müsse Oesterreich selbst bestimmen.

Das römische Echo.

Rom, 24. Febr. (WTB. Funkspruch.)Mes- saggero" schreibt zu der Debatte über Sud­tiro. im österreich'schen Rationalrat: Der gest ige Tag des österreichischen Rationa rates kann ohne weiteres als ein anti-italienischer Tag bezeichnet werden. Obschon die Redner sich be­fleißigten, zwischen der saszistischrn Regierung und dem allgemeinen Jtalienertum zu unter­scheiden, trug die Rede von Kolb einen ausge­sprochen antiitalienischen Eharalter. Antiitalie­nisch, wenn auch in vorsichtiger Form, war die Replik des Kanzlers Seipel. Das Blatt schließt mit dem Satze: In Wien ist man der Meinung, daß die Rede des Kanzlers Seipel sicherlich eine italienische Antwort Her­vorrufen wird.

Das Ergebnis der japanischen Wahlen.

Tokio, 23. Febr. (WB.) Rach den jetzt vor­liegenden amtlichen Ergebnissen wird die Re­gierung im Parlament ohne Mehrheit sein, da die Liberale Opposition über 218, die Regierungspartei über 217, die Arbei er über 8, die Unabhängigen über 15 und die übrigen bei­den Parteien über 2 Sitze verfügen. Die Ar­beitermitglieder würden die Zunge an der Waage sein. Das Kabinett werde daher vielleicht bald zurücktreten.

DerzwetteTag desVetlmerKövigsbesuchs