Nr. 275 Drittes Blatt
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(Siebener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen) Donnerstag, 22. November (928
Le 8 Lahre Zuchthaus für Tarrach und Eonrad.
Die Berufungsverhandlung vor der Großen Strafkammer.
• Gi«hen, 20. Rov. DaS hiesige Schöffengericht hätte am 10. Oktober den Arbeiter Johann Tarrach von Harpen und den früheren Kaufmann Wilhelm Conrad von Gerthe wegen Freiheitsberaubung, Körperverletzung, Rötigung und unbefugten Waffenbesitzes zu je 4 Jahren Zuchthaus, Ehrverlust und Einziehung der Revolver usw. oerur teilt.
Gegen dieses Urteil hatten beide Angellagte und auch die Staatsanwaltschaft Berufung verfolgt.
Die Beweisaufnahme ergab dasselbe Bild wie kn erster Instanz. Die Angeklagten hatten in der Rächt *um 18. Juni d. I. in Frankfurt a. M. den Chauffeur Scheu zu einer Autofahrt gemietet. Unterwegs überfielen sie ihn mit vorgehaltenem Revolver, banden ihn, und Tarrach fuhr bis Steinfurth. Dort tonnten sie nicht mehr weiter, da sie in einen Graben geraten waren. Sie zwangen den Chauffeur Scheu in den nahen Wald zu gehen, banden ihn dort noch an den Füßen, wukelten ihm Binden um Augen und Wund und liehen chn liegen. Glück- licherwetse konnte Scheu sich bald befreien und die Polizei in Bad-Rauhenn alarmieren, die auch die Berbrecher alsbald festnehmen konnte.
Dem Antrag des Staatsanwalts entsprechend wurden die Angeklagten heute wegen r st u b e - rischer Erpressung und unerlaubten Waffenbesitzes zu je 8 Jahren Zuchthaus, 10 Jahren Ehrverlust, Zulässigkeit der Polizeiaufsicht und Einziehung der Waffen usw. verurteilt.
Oberheffen.
Kreis Friedberg.
WSR. Friedberg, 20. Nov. Der 59 Jahre alte Arbeiter Wilhelm vom End ist am Montagabend in einem Wafferreinigungsbafsinder hiesigen Zuckerfabrik ertrunken.
WSR. Friedberg, 21. Rov. Der heutige Schweinemarkt tpieä einen nur geringen Auftrieb auf. Bezahlt wurden bis 6 Wochen alte Stere mit 15 bis 20 Wk.. 6 bis 8 Wochen alte mit 20 bis 25 Mb, und bis 12 Wochen alte mit 25 bis 30 TOLL Der Markt wurde geräumt — In diesen Tagen fand hier die Gründungsversammlung eines Arbeitgeberbundes für den Kreis Friedberg statt. Der Zweck des Zusammenschlusses ist Die Wahrung der Belange in Tariffragen, die Vertretung vor den Arbeits- und Landesarbeitsgerichten, einheitliche Vertretung gegenüber den Behörden, imsbesondere bei der Einreichung von Vorschlags- lichen und die Beschaffung sämtlicher Unterlagen für die Lohn- und Tarifverhandlungen und bei sonstigen arbeitsrechtlichen Fragen.
pb. Butzbach, 21. Nov. Der diesjährige K a ■ tharinen markt, der gestern und vorgestern abaehalten wurde, erfreute sich eines besseren Besuchs, als der vorjährige. Die Geschäftsleute, sowie die Gasthäuser, in denen Tanzmusik abgehatten wurde, waren durchweg befriedigt. Der Schweinemarkt am gestrigen Tage war mit 318 Ferkeln befahren. Für Ferkel bis 6 Wochen wurden 17 bis 20 Mark, von 6 bis 8 Wochen 20 bis 22 Mark, und über 8 Wochen 22 bis 25 Mark bezahlt. Der Handel war flott, der Markt wurde ausverkaust. — Heute Vormittag kurz nach 9 Uhr ertönte die Feuerstrene. In dem Del = und Benzinkeller der Firma W. S e i p p e l Wwe., Griedeler Straße, war auf bis jetzt noch nicht aufgeklärte Weife Feuer ausgebrochen. Dank des raschen Eingreifens der Feuerwehr gelang es, das Feuer noch im Entstehen zu ersticken und ein größeres Unglück durch Explosion der in dem Keller lagernden feuergefährlichen Stosse zu verhindern. Von dem brennenden O e I müssen aber Teile in den Kanal gelangt sein und dort eine Explosion verursacht haben, da anders das Herausfliegen eines Kanaldeckels nebst Mauerteilen des Schachts in der Griedeler Straße gegenüber dem früheren Unteroffizierwohngebäude nicht erklärt werden kann.
Lache Vaiarr»!
Vornan von L. Schneider-Foersil.
Urheberrechtsschutz D§tar Meister, Werdau t. Sa.
2. Fortsetzung Nachdruck verboten.
Er lagwieder mit halbwachen Augen in dem breiten Ries,ingbette und träumte vor sich hin. Wittenhinein glitt etwas wohlig Sanftes durch sein Haar — dann spannten sich weiche, kühle Finger um sein Gesicht und eine tosende Stimme frug über ihn, hin: „Willst du nun endlich wach werden, mein Lieber? --- 3a?“ Er hatte sich fchlafeno gestellt. Die Dunkelheit in dem großen Raume war ungemein günstig für ihn gewesen. — Dann hatten die Hände sich von seinen Wangen gelöst und ein duftendes Lippenpaar war erst über seine Stirne geschmeichelt, um sich dann fest und voll heißer Zärsiich.eit auf seinen geschlossenen Mund zu drücken. „Poldi 1 — Wach schon! —
ist doch schon halber neun!“ Und als er sich noch immer nicht regte, faßten zwei kleine feste Hände ihn bei den Haaren und zogen ihn erbar- mungslos hoch „Wjrd's nun?“
»sofort!“ Wie dumm, daß er das gefagt hatte.
Ein unterdrückter Schrei! — Ein Sprung nach der Türe, die hefttg ins Schloß sprang, -- dann war das Zimmer leer gewesen.
.Der Richthofen hat doch eine Schwester!" fiel die Hümme des Vaters in fein Schweigen.
J?a, Papa!“
Zu toll, daß er schon wieder rot werden muhte. Und war doch eigentlich gar nichts geschehen! Richt das geringste!
.Sie ist sehr hübsch!" Das hatte er nun wieder gar nicht sagen wollen. — Er ärgerte sich, daß der Blick des Vaters nicht von seinem Gesichte wich
„Deshalb bist du wohl auch bei Richtho'cw zur Rächt geblieben, weil er solch hübsche Schwester hat!" neckte der Baron gut gelaunt.
»Erlaube, Papa —- — —“
.Du großes Kind!" unterbrach ihn die Mutter rasch und umspannte seine Hände, die jählings
• Butzbach, 21. Rov. Hier sprach der jung- deutsche Pressewart Helmers von der Ordensleitung in Berlin über das Ziel und den WegdesJungdeutschenOrdens- Seine spannenden Ausiührrungen über den Aufbau des von der nationalen Bewegung erstrebten Vollsstaates auf der Grundlage einer wahren Volksgemeinschaft fanden bei den zahlreich erschienenen Zuhörern lebhafte Zustimmung. Sie zeigten der Versammlung einen Staate ausbau ohne Parteien, etwa so, wie er im „Jungdeutschen Manifest“ von Artur Mahvaun vorgeschlagen worden ist. 3m zweiten Teile seines Vortrages beschäftigte sich der Redner mit den noch nicht allgemein erkannten verborgenen Fäden, die unser politisches und wirtschaftliches Leihen mit einem kaum zu entwirrenden Retze überziehen. 3n diesem Zusammenhänge polemisierte der Redner gegen den Geh. Finanz rat Hugenberg. Der Vortragende sprach zweieinhalb Stunden unter wachsender Spannung der Zuhörer.
WSR. Ockstadtbei Friedberg, 21. Rov. Heute nacht brach in der H o 1 z s ch n e i d e r e i von Gebrüder Dönges Feuer au Dem verheerenden Element fielen eine große Halle, sowie eine Kleedresch maschine zum Opfer. Mit Hilfe der Friedberger Motorspritze konnte eine weitere Ausdehnung des Feuers verhindert werden.
Kreis Büdingen.
I! Büdingen, 21. Rov. Der Gesangverein „fiebertrang' gab am Sonntagabend im Saale des „Furstenhvf" ein Konzert. zu dem sich etwa 500 Freunde des Männergesanges eingesundsn hatten. Der Verein unter seinem Chormeister Heinz Georg (Frankfurt a. M) übertraf wiederum alle Erwartungen. Die Vorttggsfolge stand im Zeichen einer Schubert- Fe ier und war in vorbildlicher Weise zusammengestellt. Der Sängerchor, der in diesem Jahre auf dem Gesangswettstreit in Lich in der dritten Stadttlasse den zweiten Klassenpreis, sowie unter 31 Vereinen die zweithöchste Gesamtpunktzahl und damit den zweithöchsten Ehrenpreis errungen hat. wurde auch jetzt wieher für seine hervorragenden gesanglichen Leistungen mit reichem Beifall ausgezeichnet. Mitwirkende waren Wilhelm Appel (Tenor), Kreisdicektor Dr. Gaßner (Klavier), Frl. Lucie F a i t h hon der Frankfurter Oper (Sopran). A. Morr (Cello), Jakob Brech (Violine) und Herx Dillinger (Klavier), die durch ifjre glänzenden Darbietungen zum vollen Gelingen des Abends erheblich bei trugen.
nd. Ridda, 20. Rov. Unter der Leitung von Obermusikmeister 2ober veranstaltete hier die Militärkapelle des 1. Bats. des Jnf.-Rgts. Dr. 15 aus Gießen in der Turnhalle ein Konzert, dessen erster Teil nachmittags von 4 bis 7 Uhr stattfand und sich eines guten Besuchs, hauptsächlich auch von auswärtigen Gästen, erfreute. Früher gegebenen Anregungen entsprechend, kamen diesmal auch die Streichinstrumente mehr zur Geltung, weil in dem geschlossenen Raum ausschließlich Blasinstrumente bei einem großen Konzert nicht jedem Zuhörer einen vollen Genuß der mufikasischen Kunst bieten. Desto anmutiger wirkten die künstlerischen Musikvorträge und Zugaben auf Streichinstrumenten, und sie fanden ebenso graften Beifall, wie die vollen und schneidigen Musikstücke der Blasinstrumente. Zum zweiten Teil des Konzerts halten sich abends noch mehr Musikfreunde und auch die Jugend stärker eingefunben als am Nachmittag. Die von früheren Konzerten hier schon in sehr gutem Rufe stehende beliebte Mi llärkapelle erntete mit ihren abwechselungsvollen Konzertstücken allgemein große Anerkennung und wohlverdienten reichen Beifall.
A Ridda, 21. Rov. Die Ueher landzentrale für Oberhessen läßt gegenwärtig durch unsere Stadt auf der rechten Seite der Ridda ein neues Kabel legen. Wan hofft, daß durch das neue Kabel alle Storungen der Beleuchtungsanlagen in unserer Stadt künftig vermieden werden. Die Arbeiten werden energisch gefördert und sollen bald beendet sein.
h. Echzell, 21. Rov. Der 62 Jahre alte Landwirt Wilhelm Winter dahier wurde beim Anschirren seines Pferdes von dem Tiere so unglücklich durch einen Huf schlag getroffen, daß er schwer eVerletzungenim Unter
auffahren wollten. »Vater hat hoch gescherzt! — Unb übrigens bist du ja nun auch in dem Alter, in welchem man an ein Mädchen denken darf, auch toenn es nicht Richthof eirs Schwester ist."
Joachim zog seine Rechte unter den liebkosenden Fingern der Mutter hervor, faltete seine Serviette AufammcH, sah nach dem Vater hinüber und erhob sich, als die,er seinen Stuhl zur Seite schob.
«Entschuldige, Margot, toenn wir dich allein lassen, aber es ist ohnedies reichlich spät."
,Hast du Wünsche betreffs des Mittagstisches, Artur?" Die schöne Frau lehnte sich für einen Moment gegen die Schulter des Gatten.
„Keine!“ Er hob die weihen Frauenhände an seine Lippen und hielt sie bann noch für einen Augenblick zwischen den seinen. „Auf Wiedersehen, mein Liebes!"
Die Baronin ftanb am Fenster, als hie Herren in den Wagen fliegen. Gatte und Sohn grüßten zp ihr herauf. Ehe der Chauffeur um die Ecke bog, wandte sich Joachim noch einmal zurück und lüftete den Hut-
Eine heiße Tränentoelle schoß ihr in die Augen. Gott, diese Angst, feit Joachim aus Aegypten zurück war! Die beiden würden sich doch verstehen? Wenn der Junge sich doch end sich an das kurze knappe Wesen des Vaters gewöhnen und einsehen wollte, daß es nun einmal nicht anders ging, als sich unterzuordnen, toenn man nun fiir immer in einem Haufe zusammenwohnte
Aber Joachim war so gar nicht dazu geschaffen, sich wortlos zu bescheiden. Die langen Jahre des Fernseins und des Rei ens im Auslande hatten ihn zu selbständig gemacht. Gr warf fein Wort als rei er Mensch immer und jederzeit in die Wagschale und führte Entschlüsse, die er gefaßt hatte, aus.
Und das andere war der Mami, der immer noch sein Recht als Vater zur Geltung brachte und nicht glauben wollte, haß die Kinderjahre vorüber und die Zeit vorbei war, in der er dem Knaben seine Wünsche diktierte, die bann ohne Widerspruch restlos befolgt und erfüllt wurden.
Icibe davontrug, denen et nach kurzer Zeit erlag.
m. Stockhe-tm, 21. Rov. In dem benachbarten Heegheim verstarb im hohen Aller von 83 Jahren die Witwe Katharine Kröll. Sie war die drittälteste Einwohnerin des kleinen Dorfes- Die älteften Einwohner Heegheims sind nun noch der neunzigjährige Georg Kröll und seine (3b frau, ferner noch der zwei- undachtzigjährige Al bürgermsister Brack.
Ärcis Schotten.
□ Saubach, 2j. Rov. Rachdem schon auf ber Junggeflügelschau in Frankfurt a. M. am 19. bis 21. Oktober verschiedene schöne Preise von Mitgsi eitern des Geflügel-Zucht- veretns La ubach und Ilmgegend errungen worden waren, erzvelte der Verein auch aus der neuerbrngs stattgehabten 28. Ob er- hessts chen Verbandsgeflügelfchau in Alsfeld eine ganze Reihe von Auszeichnungen Es wurden durch Preise ausgezeichnet: Bäckermeister P i h, Laubach (Hessische Kröpfer, Eng- Isiche Perücken): Gastwirt Högy, Laubach (Dor- ling, Schwarze Hamburger, Schwarze Bantam, Hessische Kröpfer, Brümmer-Kröpfer): Briefträger Graulich. Laubach (Leghorn): GräsT. Kutscher K r i e f e l, Laubach (Schwarze Italiener, Hessische Kröpfer): Malermeister Rühl. Laubach «"Hessische Kröpfer): W- Horst, Ruppertsburg (Goldbratel. Silberbrrckel): W.Keilll., Ettingshausen (Gelbe Orpington, Leghorn): W. Biedenkopf, Münster (Koburger Lerchen): L. Gm r ich, Röthges (Reichshühner). — Der Bau der Förstertoohnung am Rams- berg ist in Angriff genommen worden. Das Gebäude Eonimt in den Winkel her Andre-Allee und des Gonwach-Weaes, gegenüber ber Gräflichen Schäferei, zu stehen. Die neugegrünb^te Oberbes Nsche Orchesterverein la una unter öettung ihres Dirigenten Walter Horst gab im „Solrnser Hof ein Volkstümliches Konzert, das sich regen Besuches erfreute. Es gelangten Werke für große Militärbesetzung, Flü- geLhonr-Solis. Fanfarmmärsche mit Heroldtrompeten zum Vortrag. Das Konzert fand lebhaften Beifall. Tischlermetfter Diehl, hex Dirigent des MusiLvereins, ein frühereo Militärmusiker, war von seinem Posten zurückgetreten, woraus sich die ^Oberhessische Orchestervereinigung" bildete. Dirigent Diehl hat sich große Verdienste UM die Ausbildung der Mitglieder des Musikver- eins erworben.
V Gedern, 21. Rov. Unter dem Vorsitz von Aegiernngsrat Dr. Helmreich (Schotten) fand eine wichtige Sitzung des Krankenhausausschusses statt. Wie bereits gemeldet, entspricht unser Krantenhaus nicht mehr ganz den heutigen erhöhten Anforderungen. Hs soll um* gebaut unb vergrößert werden. Die Pläne hierzu sind nun t/orgelegt und genehmigt worden. Ebenfalls genehmigt wurde die Aufnahme des zum Umbau erforderlichen Geldes. Als neue wurde die Gemeinde ilfenbom in den Bezirk des Krankenhauses ausgenommen. — Wie in anderen Städten der .Umgebung, so hat sich auch die hiesige Geschäftswelt jetzt dazu entschlossen, einen Autoomnibus verkehren zu lafien. Dank der Initiative des Bürgermeisters Müll er sind die Vorarbeiten soweit gediehen, daß vielleicht schon in allernächster Zeit der 21sihige Wagen laufen kann. Durch diese Reueinrichtung kommt man einem schon lange gehegten Wunsche nach. Man beabsichtigt u. a. die Arbeiter aus dem Burkhardser Grund, den Gemeinden Herchenhain, Hartmannshain und Bylkartshain an den Arbeiterfrühzug um 6 Uhr nach Gedern zu bringen. Die Fahrtroute und der Fahrplan liegen noch nicht fest, doch sollen auf dem einen Weg Völzberg. Lichenrod. Wüftwillenryd. Mauswinkel, Illnhausen, Riederseemen und Wenings befahlen werden, während die andere Linie über Burkhards, Kaulstoß, Sichenhausen, Herchenhain, Harttnannshain führt. Cßeim möglich, sollen auch Steinberg und Glashütten einbegriffen werden.
§ sillrich stein, 21. Rov. Eine Veihestuirde von nicht alltäglicher Art bereitete am Sonntag hier und in Feldkrücken der Orgelkünstler von ber A u in den beiden Kirchen seinen Zuhörem mit der von ihm veranstalteten k i r ch e n m u s i - kalischen Andacht. Wenn sich der Künstler, nach seiner eigenen Angabe, das Ziel gesteckt hatte, religiöse Empfindungen zu wecken, so ist
ihm dieS in vollem Maße gelungen. Einmal dank der feinsinnigen Auswahl aus den Werken unserer größten Tondichter, wie Pachelbel. 'Bach. Händel, Schumann. Liszt. Reger, sodann durch fein ungemein ausdrucksvolles Spiel und feine glänzende Technik. Die genauen Angaben auf den ausgegebenen Programmen leiteten zum Verständnis ber Tonsprache jedes einzelnen Werkes an, so daß wirklich die verschiedenen Szenen, meift Abschnitte drs Lebens Jesu, den Hörern im einzelnen verständlich wurden. Bedauerlich war nur daß diese seltene Feierstunde nicht auch in sillrichstcin so gut besucht war. wie in Feldkrücken.
9i a i n r o b . 20. Nov. Der Vorstand des Niddatal-Sängerbundes fand sich geftem hier zu einer Sitzung zusammen, die auch von Bundessängern aut besucht lvar. Nach Grußworten des ersten Dorsitzenden Schäfer (Giebelsdors) beschäftigte man sich mit den Bunde.sestltchkeiten im kommenden Jahre. Das Goulvertungssingen in Schotten, sowie der Gesangswettstreit in Nidda, die bereits seit einiger Zeit festgelegt sind, sollen von sämllichen Bunoesvereinen besucht werden. Die Beteiligung an dem Wettstreit bleibt dem Ermessen der Vereine Vorbehalten. Drei weitere Bundesvereine meldeten Festlichkeiten für bas Nächste Jahr an: Einartshausen Fahnenweihe, Rainrod tzOjähkiges, Rudingshain OOjähriges Jubiläum. Der Vorstand äußerte starte Bedenken gegen die Abhaltung dieser Feste, da es dein Bund nicht zugeinutet werden könne, sich geschlossen an sämllichen Veranstaltungen zu beteiligen. Jn- folgedesien zog Rudingshain seinen Antrag zurück unb ließ das Jahr 1930 vermerken. Da Einartshausen schon alle Vorbereitungen getroffen, gab man seinem Anträge statt, legte aber dem Bundes» verein Rainrod nahe, seine Abstimmung nochmal« zu überprüfen und die Entscheidung zum Delegiertentag yi Eichelsdorf bekanntzugeben. Die anschließenden gesanglichen Darbietungen des Bundesvereins Rainrod (Dirigent Lehrer Lehmer) wurden beifällig ausgenommen.
Kreis Alsfeld.
6b* Alsfeld, 20. 7lob. Am Sonntagvormit- tag fand in Der hiesigen Turnhalle die Gesellenprüfungsfeier des Prüsungsaus- schusses des Ortsgewerbevereins Alsfeld unter Leitung des Vorsitzenden, Gewerbelehrer R v h r - hach, statt. Infolge der von Jahr zu Jahr wach- senden Beteiligung an der Feier mußte diese zum erstenmale In her Turnhalle abgehalten werden, da der Saal des Getoerbevereins in der Gewerbeschule die Teilnehmer nicht mehr zu fassen vermochte. Der Vorsitzende, Gewerbelehrer Rohrbach, begrüßte in seinen einleitenden Worten die Vertreter der erschienenen Behörden, Kreisschulrat Rausch als Vertreter des Kreisschulamtes, Bürgermeister Dr. Vtzlsing als ‘Vertreter der Stadt, und Rektor Schindel als Vertreter der Gewerbeschule, und gab bann in seiner Rede einen sileberblick über die geschichtliche Entwickelung des Zunftwesens und dessen Bedeutung für das Handwerk Im Mittelalter. Rach dem Zerfall des Zunftwesens, dessen Blüte in den Anfang des 15. Jahrhunderts falle, und bei der nunmehr herrschenden GewerbefreiheiL müsse das Handwerk danach streben, seine Stellung durch gute Qualitätsarbeit zu heben. Dazu bedürfe es eines tüchtigen Rachwuchses mit dein Ziel eines guten Meisterstandes. Diesem Zwecke bienen auch die Gesellenprüfungen, die den Prüflingen ein Ansporn sein sotten, toeiterzustreben in ihrer handwerksmäßigen Ausbildung, damit sie später im Leben brauchbare Meister werden. Ramens der Stadt Alsfeld überbrachte Bürgermeister Dr. Q3öl fing den Junggesellen die Glückwünsche, wobei er mit Befriedigung der Tatsache gedachte, daß gerade in den letzten Jahren das gewerbliche silnterrichtswesen einen erfreulichen Aufschwung genommen habe, was auch in ber stets steigenden Schülerzahl ber Alsfelder Gewerbeschule zum Ausdruck komme. Ramens des Kreisschulamtes sprach Kreisschulrat Rausch, für die Gewerbeschule Rektor Schindel, und für den Ortsgewerbeverein dessen Vorsitzender. Glasermeister Lenth. Dann folgte die Heber- reichung ber Gesetteichriefe an ble einzelnen Prüflinge. 3m ganzen hatten sich der Prüfung 56 Prüflinge unterzogen, von denen 54 die Gesellenprüfung bestanden haben. Die schlichte, aber würdige Feier wurde stimmungsvoll umrahmt durch mehrere Klaviervorträge von stuck. PaulZolt
Mit einem Seufzen waydte sie sich vorn Fenster ab, und klingelte nach ber Zofe, um sich für eine Spazierfahrt ankleiden zu lassen.
In haarschapfem Bogen lenkte der Chauffeur das Auto des Bankiers in den großen Lichthof des hrciftöckigen Gebärd-tompl:Kes am Jote h kai.
Joachim Hetlingen sprang heraus und hielt den Schlag für den Vater offen. Der Bankier setzte vor ichtig den Fuß aus das Trittbrett und stieg bedächtigen Schrittes auf das gesprenkelte Marmorpflaster. Er litt zeitweise an Ischias: dann vermied er jede unnütze Bewegung in den Hüften.
Während das Auto in die Garage glitt, fliegen Vater und Sohn die läuferbelegte Treppe zum ersten Stockwerk hinauf. Der rote Linoleumbelag der Korridore spiegelte in dein Lichte, das die hohen Fenster hereinwarfen. Eine kalte, bei- nabe scharfe Helle lag auf den dunkelgerahmten Bildern, die an den Ledertapeten ber Wände hingen.
Hinter ben Türen, an welchen sie vorüberschritten, klapperten Maschinen, klangen Zahlen und Zistern auf. Ah unb zu öffnete sich eine der cremefarf «n gestrichenen Flügeltür,n, bann neigte sich ein Kopf, ein ehrerbietiges „®uten Morgen“, und die Schritte verhallten lautlos in dem Gewirr der Gänge.
»Papa, toenn ich dich bitten durfte, mir für ein paar Minuten Gehör zu schenken," sprach Jvachiins Stimme in das drückende Schweigen.
»Ja! Mer meine 3e.lt ist knapp! Ich hoffe nicht, daß du sie allzu lange in Anspruch nimmst."
»Ich werde mich so kMA als möglich taffe»!"
Ein großes, sonncnüberflutetes Zi.nm>r beJen dunkle Tapeten Goldreslexe aussprühteir, tat sich vor dem jungen Hettingen auf. Durch ein Glas-» senster, auf deren Mattscheibe ein Schiff mit wehenden Segeln eingraviert war, kam der Lichtschimmer eines Raumes nebenan. Bon dorther kam eine Stimme, von knapper Präzision und etwas hartem Tonfall, die Joachim ins Ohr schnitt.
Wie er das alles kannte! Alles und jedes bis ins einzelnste. — Seit b>« Kindertagen hatte sich nicht das Geringste verändert.
Konnte man das aushalten? Vierzig Jahre »mb mehr? Er sah den Großvater iroch auf dem altmodischen Stuhle am Fenster sitzen mit zitternden Fingern Eintragungen in die dicken Hauptbücher notierenb — und heute war es ber Vater. »Run?" Der Bmrkier wandte sich etwas ungeduldig nach dem Sohne, der, in bie Vergangenheit versunken, der Gegenwart vergaß.
Den Rücken gegen den hühneichaften Kassenschrank aus gehämmertem Stahl gelehick, begann Joachim zu sprechen. ,Jch möchte dich bitten. Papa, mich nicht in einen Beruf zu zwängen, für den ich absolut kein Interesse habe!"
„Kein Interesse, mein 3imge?“ Ein verhaltenes Auflachen folgte. „Du hast eittschieden Anlage, dich drastisch auszudrücken Ich habe bis jetzt nie bemerkt, daß du für Geld interesselos gewesen bi ft“
Eine rote Flamme zitterte über das Siegfrieds- gesicht. »Vater, ich nahm - es — weil 'ch dein Sohn bin — —"
„Aah---"
„Ich tat, was jeder anbere junge Mann in meiner Sage und meinen Verhältnissen auch getan hätte! Ich benützte deine Güte, meine Sttl- bien zu vollenden, mir die Welt zu besehen — mir einen Beruf zu wählen — —“
„Gewöhnlich sind es die Väter, welche die Berufe ihrer Kinder beftimmen! —"
„Du irrst, Papa! — Dttte, erreg dich nicht unnütz," sagte er dringend, als er gewahrte, tote nervös zerfahren sich die Finger seines Erzeugers in das braune Leder der Stuhllehne gruben, „Sieh, Papa ich habe nun einmal keine Freude für tote Zahlen und Ziffern unb keine Freude gn Wertpapieren, Obligationen und Devisen. Mich zieht es zum Jngenieursach Ich habe mit Auszeichnung bestanden! Ich habe meinen Doktor gemacht I Dein Geld — das Geld, das du für mich verwendet hast, Papa — ist nicht vev- geudet!"
(Fortsetzung folgt.)


