Aber Smith wiederum übersieht die rnteriM- tionalen groben Verhältnisse und Rottoenbig- keiten überhaupt nicht.
So beherrscht die innere Politik alles. Beider Männer Denkweise ist darin aber recht wenig verschieden Der eine ist geschulter, aber hölzerner, der andere frischer und unbekümmerter. Individualisten, Opportunisten, — Wanner eines zeitlichen Fortschritts sind sie beide. .Prosve- rität", die gute Konjunktur und die hohen Löhne und der glänzende Wohlstand — darum dreht es sich! Der Demokrat hält den Gegnern vor, baß es immerhin vier Millionen Arbeitslose gäbe — eine höchst wichtige Zahl! — Er tritt für soziale Reformen ein ober präzis und entschlossen sind seine Forderungen nicht. Aengstlich vermeidet er jede radikale Spitze. Er kennt sein Boll, das in diesem Woblstand von Haus aus keine Reigung zu irgendeinem Radikalismus hri. Aber er beraubt sich dadurch selbst jeder hinreißenden Formel, jedes wirksamen Schlagwortes.
So geht der Kampf sachlich fast nur um die Agarkrise und die Prohibition. Die erstere, die erstaunliche Parallelen mit der europäischen, der deutschen Landwirtschaftsnot zeigt — vortrefflich bewährt sich dem Beschauer Max Gering- glänzender Bericht zu der Genfer Welt- wirtschastskonserenz 1927 darüber !—, ist ja der einzige wirtlich dunkle Punkt. Unb hierin ist Hoover konkreter als Smith. Ein Programm hat der letztere, außer der Berufung einer Agrarkommission, nicht. Dagegen verlangt Hoover: Schutzzölle, Verbesserung der Verkehrswege, der Wasserwege, Genossen ch iftsorganisation. Kredit- Hilfe durch den Staat. Aber der Farmer sieht in ihm den, der Eoolidge zum Veto gegen die Mac Mary-Haughen-Bill, das landwirtschaftliche Rotprogramm riet. Man hat den Eindruck, daß sachlich die Prohibitionsfrage über den Ausgang entscheidet. Auch da sind beide nicht sehr weit voneinander. Smith geht gegen die Verwüstung des gesetzlichen Sinnes vor, zu der das Alkoholverbot geführt hat. Hoover erkennt daS auch und will eine „Unterfudxung der Tatsachen, um das zu bessern", während Smith keinen praktischen Vorschlag kennt. Beide wollten das 18. Amendement der Verfassung, das den Alkohol verbot, nicht beseitigen: sie würden als Präsidenten auch beim besten Willen gar nicht können. Aber — Hoover ist „dry" (trocken), Smith gilt jedenfalls als „naß", als Haupt^egner des Alkoholverbots. älnd das wird ihm die Stimmen aller derer kosten, die nach dem sachlichen Gegensatz fragen und m dem ganzen Parteikampf nur diesen sachlichen Gegensatz finden, ob naß oder trocken? Die Parole aber so gestellt (was zu scharf ist) ist gar kein Zweifel, daß die „Trockenen" in Der Mehrheit sind und die anderen in der Alkoholsrage nicht Rechtes haben, wofür zu fechten wäre. Die Forderung: „leichte Biere und Weine" oder einer Einrichtung der Alkohol-- frage, wie sie Kanada hat, schlägt ja nicht durch.
So bleibt das rein Persönliche, und bas ist durchaus nicht wenig! Der diesmalige Wahlkampf ist in hohem Maße ein Kampf zweier unstreitig bedeutender Persönlichkeiten. Die Entscheidung geht auch viel mehr als sonst durch die Parteien selbst hindurch. Es wird große „splitS" geben, Demoftaten, die für Hoover stimmen, und viele Republikaner werden Smith ihre Stimme geben, weil sie in ihm eine frische zufastende, von unten heraufgekommene Persönlichkeit von größtem „common sense“ erblicken, der da- Zeug auch zum Präsidenten hätte. 3m Ringen der Persönlichkeiten spielt nun aber ein Moment mit, das vermutlich entscheiden wird. Hoover ist in der ganzen Union bekannt, lau« allen Gründen. Smith ist höchst populär im Staate Reuyork aber schon in Ohio oder Fin Virginia kennt ihn niemand. Schwer- . lich ich in dein Aiesenlande dieser Rachteil in 'der Agitation einzuholen! Derselbe Gesichtspunkt gilt für uns! Hoover kennt die Welt und die ganze Welt kennt ihn. Aber Smith kennt nichts von der Welt und die Welt draußen kennt ihn. kann ihn ja nur feuilletonistisch fermen. Die Weltprobleme Amerikas aber sind zu groß und zu verwickelt, als daß sie nur so eben mit dem
Verhängnisse.
Roman von Liesbel Dill.
Copyright by Martin Feuchtwanger, Halle (Saale).
33 Fortsetzung. Nachdruck verboten.
Es entstand eine schwere, tiefe Stille in dem halbdunklen Zimmer, in dem noch kein Licht an- geAÜnbet war. Der Äbcndwind bewegte das weiße Tischtuch gespenstisch hin und her. Dieses kalte weiße Tuch erinnerte Charles an etwas, an das er nicht erinnert fein wollte ... Der Rollstuhl, die Umrisse des Kopfes dort, das weiße Leinentuch, das sich bald über jene abgezehrte Gestalt breiten würde.
Es übermannte ihn: die Jugend, seine Freundschaft, die Frau ... alles zerrissen durch diese furcht- bare Beichte.
Plötzlich dachte er an etwas, das er vergessen hatte. Er griff an feine Brusttasche, nahm seine Brieftasche yeraus und suchte den Schein. Da war er, zusammengefaltet und vergilbt. Er entfaltete ihn. Er trug das schreckliche Datum des verhängnisvollen Abends im Juli. Rens sah ihm zu. Er sprach kein '29ort.
Und mit einem Ruck zerriß Charles den Schuldschein in Stücke und warf ihn in den Kamin. Auf dem Schreibtisch lag der Umschlag mit der Aus- fchrist: „Mein lehter Wille." Er zerriß auch diesen.
„Was tust du?" Rens griff nach Charles Ann. Aber das Testament war zerrissen und flog hinterher auf die Holzstöße im Kamin. Dann" zündete Charles ein Streichholz an. und das zerrißene Pa- gier loderte auf. es wand und bog sich wie in schmerzen. Charles nahm die Feuerzange und stieß es Awischen den Holzstoß, bis es verbrannt und zu Asche geworden war.
„Deshalb haft du da» getan?" fragte Rens.
Charles sah ihn stumm an und ging nach der Tur.
„Charles!" rief Rens ihm nach. „Gib mir noch einmal die Hand. Wir sehen uns nie wieder! Denk' an dein Dori!"
„Ich habe es dir versprochen", sagte Charles. Ich halte mein Dori."
Rens sank in den Sessel zurück.
„Ah, du bist doch gut! Du bist der alte Charles Gontard, den ich in der Schule lieb batte. Ja. und nun geb'. Wenn du mir die Hand nicht mehr geben willst, so habe ich wenigstens dein Wort.'
Ta stürzte Charles auf den Freund vi nahm feine Hand und drückte sie gegen die slim. Er
„common sense* gelöst werben Kirnten. 3m Augenblick hätte Amerika von einer unzureichenden Führung der großen Politik gewiß keinen direkten großen Sarden. Die Weiterblickenden erkennen aber, daß sich die Union das auf die Dauer nicht leisten kann und daß schon die lethar- gische, zurückhaltende und unsichere Führung der großen politischen Geschäfte durch Coolidge weder dem Land noch der republikanischen Partei besonders nützlich war. 3ndes: der Durch- schnittSmann Coolidge, typisch amerikanisch im Sinne des eigcntl'.chen, des abgeschlossenen Amerilanertums, entspricht genau dem. was im Augenblick die Masse will und wünscht. Sonst würde dieser Mann, der alle Züge zur Unpopularität in sich trägt, nicht in dem Maße populär sein, wie er es ist. Und Hoover, der weiß, daß hinter den Bergen auch Leute wohnen, ist darum bei den Massen wenig populär, aber (aus anderen Gründen wieder) in Wallstreet auch nicht. Sv macht man sich ein Bild, wer Sieger am 6. Rovember sein würde, und erkennt darin die unsicheren Momente. Rur das weih der Europäer und im besonderen der Deutsche, daß in den 3ahren des nächsten Präsidenten„termS'^ ein Präsident Amerikas Europa und uns wertvoller und notwendiger wäre, der die Welt und der Europas Röte keimt!
Aus der provinzialhaupistadt.
Gießen, den 22. September 1928.
Oie Serien -er Landkinder.
AIS Mitte 3uli die Stadtschulen ihre Ferien begannen, schauten die ßanbfmbet mit Reid auf ihre Kameraden. Sie muhten erst die Reife des Getreides abwarten. Dann winkte auch ihnen die schöne Zeit. 3etzt aber, wo sich die Erntearbeiten recht Haufen, sind die Landschulen die ersten. Sie schließen in diesen Tagen für mehrere Wochen. Die zweiten Ernteferien sind da.
3n der Stadt sagt man Sommer- und Herbst ferien. Drücken diese Worte nicht schon einen Unterschied aus? Man lieft von Reisen, von Wanderungen, von Erholung in den Ferien. 3st dabei auch an daS Landkind gedacht? Vielleicht gehen einige wenige, weil sie's sehr nötig haben, auf den Rat des Schularztes an die See oder in die Berge, um ihre geschwächte Gesundheit zu kräftigen. Die andern aber?
Landkinder haben wohl Schulferien, aber feine Arbeits ferien. Für viele beginnt da eine ziemlich harte Zeit, wenn auch nicht mehr in dem Maße, wie früher. 3mmerhin müllen sie früh heraus und bei der Arbeit helfen. Die Kartoffeln werden ausgemacht, das Obst geerntet, da wird eingefahren, da helfen sie mit bei der Dreschmaschine ufto. Wie oft werden 10» bis 14jährige Kinder nod) nicht für voll angesehen, jetzt auf einmal heißt es: „Du bist schon so alt. du kannst schaffen!" Auch mancher kinderlose Bauer erinnert sich plötzlich seiner Reffen und holt sie, wenn die eigenen Ellern nicht viel Land haben, in sein Haus.
Auch gibt es Dorfkinder, die sich bei der FÄd- arbeit einige Groschen verdienen, ober sie lesen Aehren, um für ihre Hühner Futter zu haben. Was solche Kinder in einigen Wochen zu- sammenbringen, davon macht man sich kaum einen Begriff. Das geht oft nicht mehr nach Pfunden, das gibt Säcke voll.
Freilich gibt es auch viele Kinder, besonders m größeren Landorten in der Rähe der Stadt, die dieselben Ferien haben wie die Stadtkinder. Sie haben nichts zu tun und treiben oft Dummheiten. Gar manchem Vater ist dann, wenn er von der Arbeit heimkam, das Wort entfahren: „Wenn doch endlich einmal diese dummen Ferien herum wären und ihr wieder in eure Ordnung kämt!" Diele Eltern laden ja gar zu gern ihre Erziehungspflichten auf die Schule ab. Sind die Kinder ungezogen, ist immer der Lehrer schuld, niemals die Eltern selber.
Doch könnten die Ellern auch hier einiges tun, wenn sie wenigstens am Sonntag mit ihren Kindern eine Wanderung, ober nur einen Gang in den Wald unternähmen. Lieber sollte man einmal auf eine Kirmes oder auf ein Fest Oer-
fühlte, baß ihm die Tränen aufftiegen; dann riß er sich los, stürmte hinaus und die Treppe hinunter, wie auf einer Flucht.
Madame trat aus ihrem Kontor und sah chm nach. „Mein Gott, wo lief der denn hin? Bitte, sehen Sie doch einmal nach, Gustave", befahl sie dem Hausdiener.
Der lief an die Ecke des Gartens und schaute die Allee hinunter.
„Der Herr ist in den Park gegangen", meinte er. *
3m Parke fangen friedlich die Vögel. Menschen tarnen Charles entgegen, Paare, die glücklich aus- sahen, und Familiengruppen, erhitzt und ermüdet von dem sonntäglichen Vergnügen.
Die Lust stand drückend und weich unter den alten Bäumen. Er hielt es hier nicht aus, er ging an den Fluß und setzte sich auf eine der letzten Banke der Promenade. Hier war er allein.
Den Kopf in den Händen, schaute er über das stille Wasser, das so ruhig seine Weg« zog, schon seit Iahrbunderten und langer, immer denselben Weg. Tiefe, violette Schatten umhüllten die blauen Berge der Madeleine, in feinen, grauen Duft getaucht lag das grüne Tal.
Tin Neger spazierte vorbei mit einer weißgekleideten Dame. Zwei Kinder Hefen aus dem Park einem Pudel nach, der an ihm vorübersprana, die Abendspaziergänger kamen nun aus den Hotels heraus, verfettete Damen, Bäuerinnen in wollenen Strümpfen, brillantgeschmückte Amerikanerinnen in Abendtoiletten, mit gefärbtem Haar. Er hörte Englisch sprechen, wie unterwegs auf der Fahri an der Loire.
Wenn wir dort geblieben wären, dachte er, und diesen Ort nie gesehen hätten, was gäbe ich dafür.
Die Zähne in den Handrücken vergraben, dachte er zurück. Sein ganzes Leden zog an ihm vorbei. Die Jugend ... und Renö, die Schulzeit mit Rens ... die ersten Abenteuer Renss ... Odette und ... Rens.
Er stöhnte auf. Was nun?
Ein Romanheld erschießt sich. Fertig, bums ... und alles ist aus. Aber ich bin kein Romanheld, dachte Charles, ich bin ein einfacher Mensch, allem Ungewöhnlichen gegenüber hilflos. Soll ich nun Äen und ihr eine tragische Szene machen? Sie en. bis sie mir zu yußen sinkt und um Ber- Aeihung bittet? Ader, was habe ich davon, wenn ,'(■ wich jetzt um Verzeihung bittet? An dem Geschehener ändert bas nicht«. Und darf ich denn etwas, lagen* Ich habe mich ja festgelegt mit die- fern r.hrour' Nein, er hat mich ein Blanko unter- schreiben lassen. Ich brauche das Versprechen nicht
zichtm, dafür bk Kinder hmau« tn bk schöne Ratur führen. D e Bauersleute werden dazu wenig Luft haben, für sie ist der Sonntag ein Ruhetag, und für ihre Kinder auch. Aber für die andern Kinder, die sich in der ganzen Woche untätig Herumtreiben, ist eine stramme Sonntags- Wanderung Wohl am Platze.
3m Zusammenhang damit darf einmal hier darauf hingewiesen werden, wie nötig auch für Bauerskinder größere Schulwanderungen sind, besonders für die oberen Klassen. Sie müssen auch einmal über den Rand chrer Gemarkung hinauSschauen. Daß dazu die Ernteferien nicht da sind, versteht sich von selbst. 'Aber es gibt ja auch noch andere Ferien. Mit welcher Freude werden z. D. die Kinder des KreiseS Alsfeld (auch die anderer Kreise), die im vorigen 3ahre den Rhein besuchten und dabei in Mainz übernachteten, an diese zwei Tage zurückdenker.! Diese Reise war für sie sicher ein Erlebnis, von dem sie noch bis in ihr Aller erzählen. Wie ganz anders sprechen sie jetzt von unserrn Rhein!
Gar manchmal bin ich schon ganzen Klassen Stadtkuidern mit ihrem Lehrer begegnet, die nicht nur ein biS zwei Tage unterwegs waren, sondern tatsächlich ihre gesamte Ferienzeit draußen in Feld und Wald auf langen Wanderungen verbrachten. Sie blieben die Rächt in Jugendherbergen, bei Tage kochten sie sich lelber ihr Essen. Sie kamen mit einer lächerlich geringen Summe aus. Was mögen solche Kinder in vier Wochen etleben! Der Lehrer aber, der seine Ferien auf diese Art opfert, tut wahrhaftig daS höchste für 3ugenbfürforge. Hut ab vor diesen 3dealisten!
3n einer Rodelte von Wilhelm Schäfer fand ich einmal den Ausdruck ..verhockte Fügend". 3ch glaube nicht, daß diese Kinder uub auch unsere Landkinder, wenn sie mehr hinausgeführt werden, von einer „verhackten 3ugendzeit" sprechen werden. p.
(Studium des landwirtschaftlichen Genossenschaftswesens
an der Landesuniversität Gießen.
Bei den Maßnahmen zur Besserung der Lage der deutschen Landwirtschafti stehen die Bestrebmrgen zur Verbesserung der Absatzverhältnisfe an erster Stelle. Die landwirtschaftliche Praxis, als auch die Landwirtschaftskammerwissenschaft haben ihr Hauptaugenmerk bisher in erster Linie auf die Förderung der Produktion gerichtet und die Fragen des Absatzes nicht gebührend berücksichtigt. Die veränderten Preis- und Markwerhältnisse und die gesunkene Kaufkraft der Bevölkerung in der Rachkriegszeit verlangen für die Zukunft eine vermehrte Berücksichtigung des AbsahproblemS sowohl im Studium, als auch im praktischen Leben. Diese Erkenntnis und die Tatsache, daß flcgentoärtig ein Mangel an genügend vorgebildeten Diplomlandwirten besteht, die in erster Linie berufen sind, an der Besserung ber Ab- Vatzverhältnisse mil^uwirken, hat zu dem Ent- fchluh geführt, mit dem kommenden Wintersemester an der -Uniberfität in Gießen einen Studiengang für das t an b tote t • schaftliche Genossenschaftstoesen neu ernzuführen. An Dorlesungen sind in Aussicht genommen: Genossenschaftswesen, Genossenschaftsrecht, Genossenschaftliche FinanzierunaSsraaen. Geld und Kredit, Warft- und Konjunkturleyre, Einrichtung und Geschäftsführung von landwirtschaftlichen Genossenschaften, Ausgewählte Kapitel auS der genossenschaftlichen PrariS, Agrarwesen und Agrarpolitik (einschl. ProduktwnS- und Preisstatistik), das Absatzprvblem in der Landwirtschaft (Marktbeobachtung, Standabiesie- rung und Qualitätserzeugung), Landto. Handelskunde. Genossenschastsseminar mit Lehraus- flügen. Die Einführung einer Zpsahprüfung im landwirtschaftlichen Genossenschaftswesen ist in Aussicht genommen. Außer Studierenden tön* nen an den Vorlesungen als Hörer auch Genossenschaftsbeamte, Rechner sowie Borstandsund Aufsichtsratsmitglieder teilnehmen. Rähere Auskünfte über den Studiengang, Beginn der Dorlesungen ufto. erteilt das Sekretariat der Hessischen LandeSuniversllät tn Gießen.
Kommunale Forderungen des Nord-Off-Dereins.
Am Donnerstagabend versammelte sich der Vorstand des Rord-O st-Vereins in der Gastwirckchaft von Henkel. Walltorstrahe, zu einer Sitzung, um Stellung zu nehmen zu bedeutsamen k°jn Hl“ n a ^en Fragen unseres Rord- O ft - Vie r t e l S. Der Vorsitzende. Stadtverordneter Schtoieder. erstattete zunächst Bericht über die Rücksprach: einer Kommission mit der Stadtverwaltung wegen der dringend notwendigen Um- und Reugeftaltung der Straßenverhältnifse an ber Dämmst r a ße. 3n der gründlichen AuS'prache über diese Angelegenheit wurde allseitig mit Befriedigung vermerkt, daß die Stadtverwaltung in verständnisvollster Weise die'er dringlichen Forderung gegenübersteht und daß auch seitens der in Betracht kommenden Bürger der Wille zu Entgegenkommen vorhanden ist. Unter diesen Umständen darf wohl erhofft werden, daß einige zur Zeit noch bestehende Schwierigkeiten in Bälde behoben werden, damit bann die Durchführung deS großzügig geplanten UmgestaltungSprvjefteS in ‘Angriff genommen werden kann.--Daß dabei auf die berechtigten Wünsche der Anlieger gebührende Rücksicht genommen werde, andererseits von diesen aber auch zu verlangen fei. daß sie ihrerseits verständnisvolle Rücksicht auf die Erfordernisse der Allgemeinheit nehmen, ist die einmütige Ansicht des DereinSvorstandes.
3m weiteren Verlaufe der Sitzung beschäftigte man sich mit Fragen der Wirts cha ftlichen Zukunft deS Rordo st- Viertels. Dabei wurde insbesondere gefordert, daß die Stadtverwaltung — nachdem im Südviertel umfangreiche BaÄanderschließungen durch den Ausbau neuer Straßen erfolgt sind — nun auch recht bald im Rordost-Viertel mit einem großzügigen EtrahenauSbauprogramni vorgehe. damit in dieser Stadtgegend in naher Zu- nmft baureifes Gelände zur Verfügung stehen und die Bautätigkeit beginnen könne. An bietet Frage ist natürlich die Geschäftswelt deS Rordost- DiertriS sehr lebhaft interessiert, da sich ihr hier neue wirtschaftliche Möglichkeiten erschließen würden. Aber auch das 3ntereffe der Stadt an dieser Erschließung ist nicht gering au veranschlagen, beim im Rordost-Bezirk würden sich ihr reiche Möglichkeiten zur Schaffung eines neuen, guten Wohnviertels bieten. Man beschloß, in dieser Angelegenheit ebenfalls an d e Stadtverwaltung heranzutreten mit dem Ersuchen, die Baulanderschließung int Rordvst-Viertel durch baldigste Schaffung ausgebauter Straßen zu beschleunigen
3n einer Bürgerversammlung der Rordvst-Diertel-Dewohner, die etwa Mitte Oktober stattsinden wird, soll der Bewohnerschaft Gelegenheit gegeben werden, vor aller Oeffcnt- lichkeit ebenfalls zu diesen Fragen Stellung zu nehmen.
Bürger, schützt Eure Museen!
Die Museumsdirektion bittet uns um dis Veröffentlichung folgender Zeilen.
Das Oberhessische Museum im Alten Schloß und die mit ihm in Verbindung stehenden Sammlungen im Neuen Schloß sind durch den Gemeinsinn und die Opferwilligkeit de» Oberhessi- schen Geschichtsoereins, der Stadt und vieler einzelner Gönner und Freunde gegründet und gefordert worden: sie werden bis auf den heutigen Tag in gleicher Weife wie von Anfang an geleitet und zu weiterer Entwicklung geführt und sollen in erster Linie dazu dienen, das Wissen um die Vergangenheit, sowie die Kenntnis der früheren Zeiten in der Bevölkerung unserer Stadt und unseres Landes zu wecken und zu vertiefen. Es ist also eine gemeinnützige, für alle bestimmte Einrichtung, und der lebhafte, wachsende Besuch der Sammlungen zeigt, daß affe Kreise und Stände den Wert des Museums für die Bildung des Volkes erkannt Habern Mit Absicht sind deshalb die Eintrittspreise so niedriggehallen worden, daß jeder die Möglichkeit hat, an dieser Stätte sein Wissen zu erweitern.
Aber es ist eine tief bedauerliche Bemerkung zu machen: Es ist in letzterZeit währendder
zu hallen, hier handelt es sich um meine Frau. In diesem Falle bricht man das Ehrenwort. 11 nb ist ein Schuft. Aber was liegt daran, was ich bin? dachte er. Es ist geschehen, und wir haben uns damit abzufinden. Und Ren6 ist bestraft.
Er sah ihn vor sich, gealtert, aebrochen vor der Zeit. Der Schuldschein war zerrissen. Ich habe ihn mit mir herumgetragen, wie ... wie ber alte Jacques, ber die unbezahlten Schecks in feiner schmierigen Brieftasche mit sich trägt. Genau so ... und wir waren Freunde ...
Was würde meine Mutter sagen, dachte er. Und weshalb riet sie mir damals: Gib ihm bas Geld?!
Hinter seiner Stirn arbeitete es wie in einer Mühle. Bilder stiegen vor ihm auf. Der Prozeß, das Ge- fängnis, die Verhöre, die Richter. Und dazwischen schlug, wie ein Hammer, fein Herz: Odette, Odette! Er verbarg den Kopf in die Hände.
Meine Kinder dürfen nie etwas davon erfahren, dachte er. Die alte Artemis — er sah sie am Herd stehen, gespenstisch beleuchtet von den Flammen —, die wußte von dem Schlüssel und dem Licht, vielleicht auch mehr? Den Rest kombinierte man sich zusammen. Ich habe ihr unrecht getan, ihre Neu- gierbe war nur Interesse an uns, an dem Hause, an den Kindern und an mir. Ich war nicht gerecht zu der alten Frau, ich werde das wieder gutmachen, sie muß wiederkommen — mit der dicken Marie ist es nichts. Alles konnte gut werden. Aber Odette, wie würde das werden mit ihr nachher? Würde er ewig schweigen können? Würde er eines Tages doch den Schwur brechen und ihr Bor- würfe machen? Und dann, und bann?
Was würde sie antworten? Was tun? Fortgehen, ihn verlassen? Wie leben ohne Odette? Er war mit ihr verwachsen, er konnte sich sein Leben nicht mehr denken ohne sie. Er versuchte, es sich vorzustellen: das leere Haus, die oben Zimmer, die armen verlassenen Kinder, und die eisige Einsamkell bann ... Nein, das war undenkbar, unmöglich. Wie werde ich das feriigbringen, dachte er. Nach, dem, was ich nun weih, mit ihr zu leben und zu chweigen? Aber tjat sie nicht auch geschwiegen? tcl ihm em. Alle Verhöre durchaemachl, allem tanbflebalten, den Leuten, dem Verdacht, dem Ge- chwätz ber Dell.
Sie hätte es leichter haben können: Marokko... da vergaß man das, und Rens liebte sie ... Was lag Ihr daran was aus ihm wurde und den Kindern. Aber sie hatte nicht gewollt. Ein Rausch, nicht mehr, sagte Rens. Er hatte sie überredet, wie er alle Frauen verführte .. und wie er auch chn dazu überredet hatte, ihm sein Ehrenwort zu geben
und seine Hand zuletzt. Rens hatte ihm so merkwürdig nachgesehcn, als er ging. In seinen Augen lag etwas Unglückliches, das ipn rührte. Es war wie ein Abschied. Er hatte einen Stich in seinem Herzen dabei gebürt wie damals, als der Kutscher an der Kirchhaismauer rief: „Ihre Mutter ist krank!" Die Aufregungen der letzten Jahre hatten ihn nicht so erschüttert wie dieser Abschied von dem, den er für feinen Freund gehalten hatte. An ihn halle er geglaubt und an feine Frau.
Nun lag bas alles vor ihm im Staub der Straße. Auf dem hellen Sandweg vor feiner Bank lag eine zertretene Blume. Er starrte daraus hin: Odette, Odette ...
Die Promenade hatte sich längst geleert. Ein weißes Boot kam den Fluß herunter, bann noch eins ... Uhren schlugen in der Feme, aus dem Parke duftete es nach Rosen, und ein Vogel hoch über ihm in den Wipfeln sang leise vor sich hin, als ob er jemand in Schlaf sänge. Das habe ich getan, daß ich so enttäuscht und hintergangen wurde von meinem einzigen Freunde?
Es löste sich etwas in feinem Innern und strömt« über seine Hände.
Er weinte, den Kops in den Händen, aus der «infamen Bank, die im Schatten einer Blutvuche am Ende der Promenade stand. Er weinte über die Menschen und sein zerbrochenes Leben. Er weinte über Odette.
Plötzlich sagte eine bekannte Stimme:
„Da bist du ja, Charles?"
Er hob den fiopf aus seinen Händen, feine Augen waren wie trunken, gerötet und schwer. (Fine schlanke, junge Frau in einem weißen Kleide stand vor ihm, die ihn anlächelte. Sie trug einen hellroten Seidenschal um bk Schultern und einen goldenen Kamm in dem glattgescheitelten Haar.
.3d) habe dich überall gesucht", sagte Odette. „Am Theater warst du nicht, im Hotel sagten sie, du seiest noch nicht heimgekommen. Da ging ich noch einmal durch den Park, und auf ber letzten Bank ftnbe ich dich."
Sie setzte sich neben ihn. „Ts Ist schön, noch etwas hier braußen zu sitzen, im Theater war eine schwül« Luft nach Parfüm und Menschen."
sie sprach von der Oper, dem Orchester, den Sängern und von dem Spiel ber Carmen. „Aber ich hab« von dem ganzen ?(benb nicht viel gehabt. Die Musik, bie Bühnenbilder, die menschengesüllten Logen, alles bas konnte ich nur äußerlich genießen. Fch war abgelenkt und mußte immer an andere Dinge denken."
(Schluß folgt)


