Nr. 69 Erster Matt
178. Jahrgang
Mittwoch, 21. März 1928
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Dr. Friedr. Wich. Lange. Verantwortlich für Politik Dr. Fr. Wich Gange; für Feuilleton Dr H.THyriot, für den übrigen Teil Ernst Blumschein; für den Anzeigenteil Kurt Hillmann, sämtlich in Gießen.
Oie polnische Grenzschutzverordnung.
Eine neue Gewalttat gegen das Deutschtum in den Grenzgebieten. — Oie Wirtschastsverhandlungen erneut gefährdet.
Unter dem Datum des 16. März hat der polnisch« Ministerrat nunmehr die Ausführungsbestimmungen zu der sog. Grenzschutz Verordnung vom Dezember 1927 veröffentlicht, di« auch in diplomatischer Umschreibung als nichts anderes bezeichnet werden können als ein unfreundlicher Akt, als eine Herausforderung Deutschlands. Gs scheint so. als ob Marschau kein Gewicht darauf lege, die Verhandlungen über den deutsch-polnischen Wirtschaftsvertrag weiterzuführen. Offenbar hängt das damit zusammen, daß in sehr maßgebenden Kreisen Warschaus die Auffassung gehegt wird, dah di« Reichstagswahlen in Deutschland eine LinkSmehrheit ans Ruder bringen werden, mit der Polen anfangen könne, was «s wolle.
Als seinerzeit die Grenzschutzverordnung veröffentlicht wurde, wurde den Polen von Berlin aus sehr nachdrücklich zu verstehen gegeben, dah sie nicht geeignet sei, einen deutsch-polnischen Ausgleich vorzubereiten. Warschau beeilte sich daraufhin, die Versicherung abzugeben, dah die Ausführungsbestimmungen alle Härten abschleifen und dafür sorgen würden, dah sich keine Unstimmigkeiten mit dem deutsch- polnischen Riederlassungsvertrag ergäben. Inzwischen „handelte" Polen weiter. Es wertete die polnischen Zölle auf, in einer Weise, dah der polnische Zolltarif nur noch einen lückenlosen Kampftarif gegenüber Deutschland bildete. Selbst wenn die deutsche Regierung auf dieser Grundlage die Verhandlungen wieder ausgenommen hätte, so hätte das Ergebnis für di« deutschen Wirtschaltsinterefsen auherordent- lich nachteilig sein müssen, weil wir ja gezwungen gewesen wären, von den hohen Zöllen abzuhandeln, um nur geringe Zugeständnisse herauszufchlagen. Polen aber hätte für jedes Zugeständnis erhebliche deutsche Gegenleistungen verlangt, die nicht nur in der polnischen Presse sehr deutlich angemeldet worden sind. Da wurde vor allem betont, dah die polnische Landwirtschaft unbedingt und nachdrücklich auf die Ausfuhr eines hohen Schweinekontingents und K a r t o ff e l° mengen in unbegrenzter Höhe nach Deutschland bestünde.
Ueberboten wurden diese an sich untragbaren Forderungen noch durch das hohe Kohlenkontingent, auf dessen Bewilligung die Warschauer Regierung übrigens ein viel höheres Gewicht legt als auf Schweine und Kartoffeln. In Ostoberschlesien ist die Wirtschaftskrise wieder in vollem Anzuge. Die Polen rühmen sich zwar, daß sie die Kohlenförderung gerade in diesem Gebiete bis zur Dorkriegshohe gesteigert hätten, nur wissen sie nicht, wohin sie mit den Mengen sollen. Der polnische Inlandverbranch zeigt nur eine ganz mäßige Steigerung, was sich auch für absehbare Zeit nicht ändern läßt. So bleibt nichts übrig, als selbst unter Verlust ausländische Märkte zu suchen, was auch bishe ■ geschehen ist Allein die englische Kohle hat die polnische Kohle von den skandinavischen Märkten nahezu wieder verdrängt, so dah nur noch Deutschland als Großabnehmer übrig bleibt. Die Polen fordern ein Kontingent in Hohe von 4,2 Millionen Tonnen im Jahr, das ihnen einen hohen Ruhen abwerfen muß, weil die Kohlenpreise in Deutschland ja höher liegen als in Ostoberschlesien, was sich indessen daraus erklärt, daß die Gestehungskosten in den polnischen Kohlengebieten erheblich geringer sind als in deutschen Kohlenrevieren.
Der deutsch-polnische Warenaustausch hatte trotz des Zollkrieges 1927 einen Wert von 700 Millionen Mark, wobei ungefähr die Halste je auf Deutschland und Polen entfällt. Allem für Polen bedeutet die Ausfuhr nach Deutschland rund 30 vH. seiner Gesamtausfuhr, wahrend der deutsche Anteil an der Ausfuhr nach Polen rund 3,5 v. H. der deutschen Gesamtaussuhr ausmacht. Run geht die deutsche Ausfuhr m der Hauptsache nach Kongreß polen. Daß nach Westpolen und Ostoverschlesien tue deutsche Ausfuhr verhältnismäßig gering ist, das hat ja wesentlich dazu beigetragen, einen Wirtschafts- ausgleich mit Polen zu suchen. Die zerrissenen Grenzgebiete sind ja wirtschaftlich noch vielfach aufeinander angewiesen. Deutschland war und ift bereit, dem Rechnung zu tragen, was aber nur möglich ist, wenn Polen die Hem m u n - gen gerade im G renzverkehr beseitigt. Der deutsch-polnische Riederlassungsver- trag sollte dazu ein Anfang sein. Wie Polen sich die Fortsetzung denkt, beweist es durch die Ausführungsbestimmungen zur Grenzschuhverord- nung. Indem die Grenzzone eine Ausdehnung auf 39 Kilometer erfährt, wird beispielsweise Oftoberschlcsien ganz indieseZone einbezogen, ebenso der p o l n i s ch e K o r r i - vor. Die polnischen Verwaltungsbehörden in den Grenzgebieten können künftig jeden Deutschen ausweisen, der dort Eigentum besitzt oder dies Eigentum als Erbe antreten kann. Ein Grund wird sich immer leicht finden lassen, zumal die Ausführungsbestimmungen so deynoar sind wie ein neuer Gummizug. Die Dingewnden sich so entwickeln, daß Polen zwar nach Abschluß eines deutsch-polnischen Wirtschaftsvertrages Kartoffeln, Schweine und Kohlen nach Deutschland ausführen könnte, daß aber eine deutsche Ausfuhr nach Westpolen und Ostoberschlesien mit fast unüberwindlichen Schwierig
keiten zu kämpfen hätte, weil auf der polnischen Seite die Träger für diese deutsche Ausfuhr fehlen würden. Da der Erlaß über die Aus- führungsbestimmunaen vom gesamten Ministerrat unterzeichnet ist, also auch von Pilsudski, so ist seine Annahme im Sejm und Senat gesichert, da die Rationaldemokraten und die Plasten den Regierungsblock Pilsudskis unterstützen würden.
Oie Auffassung in Berlin.
Fortdauer deS vcrtragsloscn Zustandes.
Berlin, 20. März. (WB.) Der Wortlaut der polnischen Abänderungsverordnung zu der Grenz» zonenoerordnung vom 23. Dezember 1927 ist heute in Berlin eingetroffen. Die zuständigen Stellen prüfen die Frage, wie sich jetzt die Rechtslage der Ausländer in den Grenzbezirken darstellt. In einem Punkt bringt die neue polnische Verordnung gegenüber der Verordnung vom Dezember eine Verbesserung. Die frühere Bestimmung, wonach alle Aus- länber, die gegenwärtig in den Grenzbezirken Grundbesitz inneyaben oder eine gewerbliche Tätigkeit ausüben, innerhalb von drei Monaten u m Genehmigung zur Aufrechterhaltung des Eigentums oder zur Fortsetzung ihrer Tätigkeit nachzusuchen hatten, ist m Wegfall
gekommen. Dagegen ist es auch nach der neuen Verordnung dabei geblieben, daß in anderer Beziehung die Rechtslage der Ausländer in den Grenz- bezirken erheblich unsicherer ist als vor der Dezemberverordnung. Besonders bestehen hinsichtlich der Niederlassung und der Ausübung von Handel und Gewerbe große Unsicherheiten, die der Klärung bedürfen. Die „B. Z." schreibt: In politischen Kreisen sieht man nunmeyr keine Möglichkeit mehr, die deutsch-polnischen Handelsoer- tragsoerhandlungen in absehbarer Zeit wieder auf- zunehmen. Der vertragslose Zu st and zwischen Deutschland und Polen wird also weiter dauern. In wirtschaftlichen Kreisen wird man hüben wie drüben das Scheitern der Wirtschasts- verhandlungen, die noch vor Wochen einen ganz günstigen Anlauf genommen haben, außerordentlich bedauern. Wahrscheinlich wird es sehr schwieriger diplomatischer Verhandlungen oebürfen, um überhaupt wieder eine Basis zu schaffen, auf der man die wirtschaftlichen Fragen erörtern kann. Die Zusagen des polnischen Außen- minrfters Za 1 eski an Dr. Stresemann m Gens sind leider ohne Erfolg geblieben. Man glaubt kaum, daß vor Juni, also erst nach den Wahlen, eine deutsch-polnische Fühlungnahme zu einem Ergebnis führen kann.
Das landwirtschaftliche Notprogramm vom Haushaltsausschuß genehmigt.
Berlin, 20. März. (DDZ.) 3m Haushalts» ausschuh des Reichstags stand auf der Tagesordnung das im Crgänzungshausyalt für 1928 enthaltene landwirtschaftliche Rot - Programm.
ReichsernährungSminister Gchiele:
Die dringendsten Probleme sind di« Regelung der landwirtschaftlichen Schuldveryält- nisse und in überwiegendem Maße die Regelung des landwirtschaftlichen Absatzes. Aus dem Gebiete der Kreditversorzung steht zunächst im Vordergrund die Konsolidierung der schwebenden Schu den. Soweit noch Beleihungsmöglichkeiten für oen erststelligen Kredit bestehen, wird die Rentenbankkreditanstalt, die zur Zeit noch mit der Unterbringung des Erlöses ihrer zweiten und dritten Amerikaanleihe beschäftigt ist, für weitere Kreditmöglichkeiten Sorge tragen. Bei zahlreichen landwirtschaftlichen Betrieben sind die Möglichkeiten der erst- stelligen Beleihungsgrenze ausgenuht. Hier ist geplant, durch die Aufnahme weiterer Anleihen durch territoriale Institute, die von den tragenden Kommunalverbänden garantiert werden, zu Helsen. Der Ergänzungsetat für 1928 sieht eine Ermächtigung für den Reichsfinanzminister vor, kurzfristige Vorschüsse bis zur Höhe von 100 Millionen an Institute zu geben, welche Kredite zur Umschuldung drückender Schulden an landwirtschaftliche Betriebe gewähren wollen, soweit rationelle Fortführung bei Gewährung des Kredits zu erwarten ist: die Vorschüsse dürfen nicht gegeben werden, wenn die Aufnahme entsprechender Anleihen durch die Institute als gesichert gelten kann. Dazu kommt eine Ermächtigung an dieReichs- tegierung, sich zusammen mit Ländern und Gemeindeverbänden oder mit den von den Landesregierungen bezeichneten Stellen an einer Organisation zu beteiligen, um bei der Durch-, fiihrung der Umschuldung die Kreditinstitute leistungsfähig zu erhalten. Es ist vorgesehen, diese Hilfe für Umschuldungskredite von im ganzen 200 Millionen Goldmark eintreten zu lassen, wobei sich das Reich mit einem Gesamtbeträge von 75 Millionen beteiligen wird unter der Voraussetzung, daß die Länder und Gemeindeverbände sich zu einer Beteiligung in gleicher Höhe bereiter Hären.
Betrachtet man jedoch die hohe verschulbungs- jiffer, die zur Zeit eine Belastung von 60 Mark je Hektar ergibt, in Verbindung mit den Preisen für die wichtigsten landwirtschaftlichen Erzeugnisse, so zeigt sich, daß eine maßgebende Hilfe nicht von der Kreditseite allein Herkommen kann.
Der Minister verweist auf die Schwierigkeiten bei der Schweinehaltung und die hier entstehenden Verluste, die das Institut für Konjunkturforschung gegenwärtig mit 60 Millionen im Monat berechnet. Bei der Gesamtviehhaltung sei mit einem jährlichen Verlust von 10 Proz., also rund einer Milliarde Reichsmark im Jahr zu rechnen. Hierin liege eine wesentliche Ursache der riesigen Rachkriegsverschuldung. Das zeige aber, daß nicht eine an sich denkbare Zinsermähigung und Erleichterung auf dem Gebiete der Steuern und sozialen Lasten imstande sei, diese Schuldenlast abzudecken. Die entscheidende Hilfe müsse vielmehr von der A b s a tz s e i t e her kommen. Die großen Märkte in Berlin nähmen 23 Proz. des gesamten Auftriebs auf, Hamburg 16 Proz. Diese beiden Märkte entschieden heute die Marktlage. Wie bei der Regelung des Zuckermarktes müsse man auch hier eine größere Stabilisierung
bet Marktpreise erreichen, so baß einmal dem Landwirt ein ausreichender Gewinn bleibe, und die Spitzen nach oben und unten ausgeglichen, sowie d i e übermäßigen Preisspannen — biS zu 75 Proz. mehr als vor dem Kriege — verringert würden. Die Schlußfolgerungen auS der Ausgeglichenheit des Marktes können nur dahin gehen, daß wir das Problem deS besten Absatzes, die Abkürzung deS Wege- vom Produzenten zum Konsumenten, zu lösen übernehmen und damit zugleich den Konsum erleichtern. Die Summen auf die Länder zu verzetteln, würde sicher keine volle Befriedigung schaffen. Ein befriedigendes Ergebnis ist vielmehr durch eine zentrale Regelung zu erwarten.
Endlich handelt es sich nicht um die Sanierung der notleidenden Genossenschaften, sondern um ihre Technisierung und Ratlonalifierung, um den jetzigen vielfachen Leerlaus zu verhindern. Sie müßten heranwachsen zu einem Machtfaktor der Vermittlung zwischen Erzeugung und Konsum.
Abg. Dr. H i l f e r b i n g (Soz.) legte dar, daß die Not der Landwirtschaft nicht e i n 1) e i 11 i d) au behandeln sei. Für die Umschuldung der Landwirtschaft trete auch seine Fraktion ein, sie fordere aber genaue Kontrolle über die Verwendung der Gelder.
Abg. Thomsen (Dntl.) stellte mit Unterstützung des Zentrums einen Antrag, der zur Prüfung des Verteilungsplanes nicht bloß die Zustimmung des Reichsrats, sondern auch eines 28gliebri= gen Ausschusses Herangehen wolle. Hätte man die Landwirtschaft rechtzeitig von den Fesseln der Zwangswirtschaft befreit, eine zweckmäßige Zoll- und Handelspolitik getrieben und nicht die Steuerleistungen so ungeheuer gesteigert, bann wäre wohl ein Notprogramm nicht notwendig gewesen. Es müsse alles vermieden werden, was einer Verzettelung der Mittel gleichkomme. Dem Ausschuß des Reichstages zur Festlegung von Richtlinien für Verwendung der angeforderten Mittel stimme er zu. Zum Titel, der 5Ö0 000 Mark zur Verbilligung des Zinsfußes von Darlehen für landwirtschaftliche Boden Verbesserungen anfordert, fragt Abg. Thomsen (Dntl.), ob diese Zinsverbilligung nicht a u f , ehn Jahre statt auf fünf Jahre garantiert werden könnte.
Staatssekretär Dr. Hoffmann erklärt, dah Verhandlungen über die Verlängerung der Zinsverbilligung stattgesunden hätten, diese aber ergeben hätten, dah es zunächst bei den fünf Jahren verbleiben möge. Der Titel wird bewilligt.
Die Zweckbestimmung des Titels, der acht Millionen zur Organisierung des Absatzes von Schlachtvieh und Fleisch fordert, beantragt Abg. Frau Sender (S.) so zu fassen, dah die Ausschaltung des Zwischenhandels erreicht wird. — Abg. Dietrich- Baden (Dem.) erklärt gleichfalls, diesen Titel nicht bewilligen zu können, ehe er nicht Klarheit über die Ausführung bekomme. — Staatssekretär Dr._ Hoffmann weist darauf hin, dah der Ernährungsminister gebeten hätte, die Einzelheiten dieses Plans der Viehverwertung später zu beraten. Der Einfluß der Viehverwertungsgenossenfchaf- ten auf die Marktlage werde anscheinend überschätzt. Dah man den legitimen Diehhandel nicht entb.'hren könne, sei klar. Eine Verbindung mit der Bacon-Gesellschaft sei ausdrücklich vom Minister abgelehnt.
Abg. H a m k e n s (D. D.) nemrt das Wichtigste am vorliegenden Problem, den Ucbe rauft rieb von Schweinen bzw. Vieh zur Aufsaugung zu bringen. — Abg. Schlack (Ztr.) sieht die einzig« Möglich
keit einer Erleichterung des Marktes nur allein in der Umwandlung der Erzeugnisse in Dauerware. Staatssekretär Dr. Hoffmann erklärt, daß der Ernährungsminister den Weg, die Verbindung zwischen Erzeuger und Verbraucher zu erweitern, mit- gehen könne, er glaube nur nicht, so weit gehen zu können, den Viehhandel gänzlich auszuschließen. In der Abstimmung wird ein Antrag Schlach angenommen, der bezweckt, die Mittel ebenfalls zur Organisation und Förderung des direkten Absatzes zwischen Verbraucher- und Erzeugergenossenschaften zur Verfügung zu stellen. Der Titel wird in Höhe von acht Millionen angenommen, desgleichen der Titel von 30 Millionen als einmaliger Beitrag zur Behebung der gegenwärtigen außerordentlichen Notstände in der Landwirtschaft.
Bewilligt wird eine Million zur Förderung der Geflügelzucht und des Absatzes. Desgleichen werden die Anträge genehmigt, die die Zuziehung eines aus 28 Mitgliedern bestehenden Ausschusses des Reichstages bei der Fest- steUung der Richtlinien für die neuen Plans verlangen.
Die Garantie von 22 Millionen zur Organisation des Absatzes von Schlachtvieh und Fleisch soll auch für Erzeuger- und Verbrauchergenossenschaften nach einem genehmigten sozialdemokratischen Antrag mitgewährt werden.
Auf Anfrage teilt Ministerialdirigent Wachsmann mit, dah die Reichsfinanzämter schon vor Wochen angewiesen worden seien, nicht wegen Reichs steuern Zwangsvollstreckungen vorzunehmen. Darüber hinaus reiche aber der Einfluß des Reiches nicht. Die Verschuldung der Landwirtschaft erstrecke sich aber auch auf Lande-steuern und sonstige Verpflichtungen.
Es wird bann noch eine Entschließung bewilligt, sofort die nötigen Maßnahmen zu ergreifen, um Zwangsvollstreckungen bei mit Roggen- Hypotheken belasteten bäuerlichen Klein- und Mittelbetrieben aufzubalten und die Vermitt- aingsfteUen anzuweisen, sofort die notwendigen Mittel aus dem der Reichsregierung zur Verfügung gestellten Fonds zwecks Umschuldung der hoch- belasteten bäuerlichen Betrieb« anzufordern. — Der Rest des landwirtschaftlichen Notprogramms wird genehmigt.
Ausschreitungen in Schlesien.
Störung einer landwirtschaftlichen Zwangsverftcigerung.
Rimptsch, 20. Mär,. (MTV.) Anläßlich der gestern nachmittag in Langenöls (kr. Rimptsch) öeranftalfeten Zwangsversteigerungen auf landwirtschaftlichen Betrieben hatten sich etwa 1000 Bauern aus den Kreisen Reichenbach und Rimptsch angesammelt, die durch Singen von Liedern auf den versteigerungsplähen die Abgabe von Geboten zu verhindern suchten. Der Landrat des Kreises Rimptsch hatte ein Schuhpolizeikom- mando von 20 Mann nach Langenöis entsandt, die mit dem Gummiknüppel gegen d i e Bauern vorgingen. Es gab mehrere Leichtverletzte. Als sich der Tumult immer mehr steigerte, weil ein bekannter Führer der Landwirte verhaftet werden sollte, ließ der besehlshabende Offizier die Maschinengewehre auffahren und die Karabiner laben. Angesichts dieser ernsten Lage wurden die weiteren Zwangsversteigerungen abgebrochen. Rur dem besonnenen Verhalten des Offiziers und dem Eingreifen der anwesenden Landbundführer ist es zu verdanken, dah noch im letzten Augenblick ein B lutvergiehen vermieden wurde.
Rach amtlicher Feststellung hat die Schutzpolizei zwar von Gummiknüppeln Gebrauch machen müssen, aber verletzte hat es nicht gegeben. TNaschinengewehre wurden nicht ausgesahren. Die Schutzpolizei hat überhaupt keine Maschinengewehre mit sich geführt. Regierungspräsident Jänicke hat sich gleich nach Bekanntwerden der Ereignisse an Ort und Stelle begeben, um Sorge zu tragen, daß es morgen bei dem anberaumten versleige- rnngstermin nicht abermals zu Unruhen kommt. Der Landrat des Kreises Rimptsch, Sey- b o l d , der zur Zeit an den Beratungen des Staatsrates in Berlin (eilnimmt, wurde telephonisch zu- rückberusen.
Der Reichsfinanzminister an den Landbund.
Berlin, 21. März. (WTB. Funkspruch.) Reichsfinanzminister Dr. Köhler hat, wie der „Dörsencourier" meldet, gestern d i e Führer des Landbundes zu sich gebeten, um energisch Verwahrung dagegen einzulegen, daß die Regierung durch Steuerstreiks bedroht wird und die Stimmung auf dem Lande zu agitatorischen Zwecken ausgenutzt werde. Die Regierung sei mit dem, was sie für die Landwirte tue, an der Grenze des finanziell Möglichen angelangt. Bei offener Rebellion konnten jedoch weitere Hilfsmaßnahmen nicht getroffen werden.


