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Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhefsen)

Dienstag, 21. 5ebruar (928

Nr.« Drittes Blatt

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Volk in Not.

Der große Hörsaal der Universität war bis aus ben letzten Platz beseht, als am Freitagabend der ILrrteidiger Südtirols, Oberstleutnant a. D. I! < o n (Wien,, in einer vom Verein Deutscher E tudenten ernberusenen Versammlung zu diesem ?.hema das Wort ergriff. In etwa zweistündigem 'Aortrag führte der Redner u. a. aus: Süd- türol ist eine brennende Wunde am Körper Europas, eine Wunde, die die flößte Gefahr einer Infektion in sich trägt. Wohl sc-ufzen auch andere Völker unter schwerer Ve° amidung; es gibt aber kein Land, dessen Leiden dan Veobachter mehr entsetzen muh, als Tirol.

Tirol ist ein Paßland. Die Vrennerlinie ist als läster Alpenübergang feit jeher bekannt. 15 v. Ehr. l«n Tirol unter römische Herrschaft, die 500 3 ihre währte. 3m 6. Jahrhundert n Ehr. begann bi.e Ansiedlung der Vajuvaren. Ein Teil der Be- )älkerung, die Latiner oder Rhätorornanen, hatte Ehrend der Römerzeit die römische Sprache an* genommen: diese Leute waren aber keine Ita- i lener geworden, hatten der Rasse nach auch Izar nichts mit ihnen gemein. Die Bedeutung Tirols als Paßland wird dadurch erhellt, daß »Hein 40 Kaiserzüge über den Brenner statt- a irden. Tirol tpar im 12., 13. und 14. Jahr­hundert eines der wichtigsten Kulturzentren Deutschlands: Architektur und Minnesang waren in keinem Teil Deutschlands so stark entwickelt als hier. Die Tiroler waren von jeher ein freies, vehrhaftes und starkes Volk: es gab bei ihnen niemals eine Leibeigenschaft. Schon sehr frühe mußten sich die Tiroler gegen die Un&ilöcn der Actur und die Begehrlichkeit auswärtiger Feinde jur Wehr setzen. 3m Mittelalter streckte die Re­publik Venedig die Hand nach Tirol aus. Schon damals, als im übrigen Deutschland von einem Aotionalbewutztsein noch keine Rede war, wußte men sich in Tirol vor der drohenden Verwel- lchuna zu schützen. Später wurde es dem öfter« rekchischen Staate einverleibt. Die Tiroler waren es, die 1809 als erste die Ketten des großen Korsen sprengten, eine Tat. die ihnen niemals gedankt wurde. 1831 begann für Tirol eine neue 2(cra: 3talien reklamierte das Land, für sich, di« Zeit des 3rredentismus fetzte ein. Bis zum Weltkrieg dauerte dieser 3rredentismus. Er war einer der Hauptgründe, weshalb 3talien in den Weltkrieg eintrat. Bei Beginn der Feindselig* Iciten standen an der italienischen Grenze 15 Ba­taillone, davon waren 12 Landsturm. Niemals lreihrend des ganzen Krieges konnten die 3ta- ,. lieaer die von den Oesterreichern selbst gewählte

Verteidigungslinie durchbrechen. Erst beim Waffenstillstand gelang es ihnen durch Ver­rat, den größten Teil der Truppen, die nicht mehr von der Waffe Gebrauch machen durften, gefangen zu nehmen. Diese Tat betrachten die Italiener als den größten Sieg der Weltgeschichte. Dei der Besetzung Tirols versprachen die Ita­liener, die nationale Eigenart der Tiroler zu achten. Italien hat dieses Versprechen nicht ge­aalten. Der Italiener kennt den Begriff des Ehrenwortes nicht, er kennt nur denheiligen Eigennutz". Aus dieser Tatsache sind alle Be- diückungsmaßnahmen in Tirol au erklären. ES Iaht sich nicht beschreiben, wie sehr die Tiroler vepeinigt werden. Die Gesetze werden so gefaßt, bafr eine möglichst vielseitig« Ausdeutung mög­lich: sie werden immer zum Rachteil der Tiroler ausgelegt. Die Schulen, die in Tirol stets auf einer außerordentlichen Höhe standen, will Ita­lien für sich gewinnen. Es hofft, dadurch die Heranwachsende Generation zu Italienern machen zu können. Das wird ihm nie gelingen. In den bchulen herrschen entsetzliche Zustände: die Kinder verstehen ihre Lehrer und die Lehrer ihre Schüler richt. Gelernt wird deshalb überhaupt nichts. Der RameTirol" und die deutschen Ortsnamen lind verboten. Alle patriotischen Denkmäler muß- len verschwinden. Um dem Ausland gegenüber dem Schein zu wahren, ließ man das Hofer-Denk­mal in Meran stehen: das WortTirol" aber, das auf dem Sodel dieses Denkmals stand, mußte beseitigt werden. Die Zeitungen stehn unter schwerstem Drud. In den Gaststätten müssen ebensöviel italienische als deutsche Zei- lungen aufgelegt werden: die Hälfte aller Bücher in den Bibliotheken muß in italienischer Sprache

Buntes Allerlei.

Bekenntnisse einet Tigerbändigerin.

Mabel Stark, eine Amerikanerin, die behauptet, die einzige Tigerbändige in der Welt zu sein, erzählt in einer Reuyor.er Zeitschrift allerlei von den Erfahrungen und Erlebnissen, die sie in ihrem eigenartigen Beruf gehabt hat.Tiger sind außerordentlich feinfühlige und leiujt er­regte Tiere," schreibt sie,und wenn sie irgendwie beunruhigt werden, ist es höchst geiährnch, sich ihnen zu nähern. Sie können nicht im eigent­lichen Sinne gezähmt wer. en, aber man kann ihnen einige Kunststüde (^bringen und sie so­weit erziehen, daß sie auf ihre Rarnen hören. Ein Tiger reagiert auf alles viel schneller als ein Löwe, und man muß sich bei den blitz­schnellen Bewegungen dieser geschmeidigen Katzen sehr vorsehen. Gefahr a.er ist im Verkehr mit diesen Raubtieren unter normalen Umständen nicht vorhanden. Ein Tiger wird niemals einen Menschen angreifen toe xn er nicht durch irgend­welche unvorhergc ehenen Zwischenfälle erstreckt oder beunruhigt ist. Vor einiger Zeit wurde ich von einem meiner T e.e schlimm zugerichtet, weil ich zufällig während emes Ringlampfes aus das­selbe niederstürzie. Ein Irrtum ist es. wenn man immer wieder behauplet, daß ein Tiger, der einmal Menschenblut geio'.et hat, ein unver­besserlicher Mens." enfreffer wird. Ich kann nicht ein .einziges Beispiel dafür anfühven, daß ein Tiger, der einen Menschen angefallen und ihn so verletzt hat, daß er sein Blut zu kosten be­kam, nun Menschen angegriffen hätte. Rur durch Hunger kann das Tier dazu gebracht teerten, einen Menschen anzufpringea. Bei verschiedenen Gelegenheiten hat einer meiner Tiger mensch­liches Blut gekostet, aber nachdem die erste Furcht vorüber war, zeigte das Tier keine be­sondere Wildheit, sondern ging auf meinen Befehl hin folgsam in die Ede. Junge Tiger, die in Ge­fangenschaft geboren sind, teerten gewöhnlich der Mutter einige Tage nach der Geburt fortgenvm- men und mit Ziegenmilch aufgezogen. Um einem Tiger gewisse Kunststücke beczubringen, bedarf es großer Geduld und Ausdauer, aber die Ar­beit ist nicht schwierig, wenn man sie nur in der richtigen Weise betreibt. Cs hat mich sechs Mo­nate angestrengter Bemühungen gekostet, um einen meiner Tiger so weit zu dressieren, daß ich mit ihm ringen konnte. Ich nahm die ein» Seinen Bewegungen jeden Tag sorgfältig mit ihm durch, bis der Tiger so weit war, daß er wußte, was man von ihm verlangte, und auf meine Bewegungen in der gewünschten Weise reagierte. Wenn ich zu meinen Tigern in den Käfig gehe, ist die einzige Waffe, die ich mit­nehme, eine kleine Peitsche, di« ich mehr zur Lei­

tung der Tiere als zu ihrer Bestrafung benutze. Das beste Alter, um mit der Dressur der Tiger zu beginnen, ist zwischen 2 und 21/» Jahren. Rach fünf Jahren sind die Tiger bereits zu un­ruhig und leicht erregbar, aber wenn sie jung unterrichtet werden, können sie bann bis zu ihrem 16. oder 17. Jahr vorgeführt werten. Später werden sie gewöhnlich an einen zoologi» scheu Garten verkauft, wo sie oft das Qiuer von 25 bis 35 Jahren erreichen. D e Ernährung des Tigers ist einfad), muß aber sorgsam überwacht werden. Er lebt hauptsächlich von marmorn und frischem Rindfleisch, bekommt daneben auch Milch und Eier. Man muß manchmal mit der Rahrung wechseln, da die Tiere wie die Menschen einer zu einförmigen Kost überdrüssig werden."

Die Ausgrabung der allrömischen Börse.

Ueber die neuen Ausgrabungen, die in Rom am Quirinal vorgenommen worden sind, be­richtete der französische Archäologe Franz Du­mont in der Pariser Akademie der Inschriften. An der Stelle, wo die Via Rationale, die Haupt­straße des modernen Rom, ein Knie macht, um den Abhang des Quirinal zu umgehen, zwischen dem sog. Turm des Rero und dem Trajans- Forum, erhob sich die alte Kaserne von Mag- nanopoli, die jetzt nieöcrgeriffen worden ist, wo­durch die Ausgrabungen möglich wurden. Die Funde ergänzen in glücklicher Weise diejenigen, die in letzter Zeit auf den Kaiser-Foren unter der Leitung von Corrado Ricci gemacht wurden. Etwa zwei Drittel der Kaserne waren über an­tiken Bauten errichtet, die sich darunter vortreff­lich erhalten haben. Es wurden Gebäude bis zu einer Hohe von drei Stodwerken ausgegraben. Sie lagen an einer Straße, die sich in der Rich­tung der Via Rationale nach der Suburra hin- zog, hinter dem Halbkreis vorüber, der hier das Trajansforum abschließt. Der Hauptteil des größten Gebäudes besteht in einer mächtigen Basilika mit drei Schiffen, deren Kuppel erhalten ist. Man nimmt an, daß es sich um die alt- romiiche Börse handelte, um eine große Markt­halle, in der sich der wichtigste Teil des Han­dels und Wandels abspielte. Die Börse war von kleineren Bauten umgeben, in denen Läden lagen und deren Fassaden Balkons zeigten. Man kann noch die Ventilation erkennen, die in den Lagerräumen angebracht war, um die Waren frisch zu erhalten. Die ganze Anlage steht mit dem Trajansforum in Verbindung. Die Arbeiten werden fortgesetzt, und man hofft, die ganze westliche Seite des Forums sreizulegen, die sich an dem Quirinal entlang ausdehnt. Die pracht­volle Anlage des Forums wird sich dann erst in ihrer ganzen Große barbieten.

verfaßt fein. Die Gemeindeautonomie hat auf- gehort: der zum Teil erhebliche Gemeindebesitz wird vom Staat verwaltet, und zwar so, daß die Einwohner gar keinen Ruhen mehr davon haben. Die Hütten des Deutsch-Oesterreichischen Alpenvereins wurden enteignet und der italieni­schen Militärverwaltung übergeben. Bei dem Er­werb von Grundstücken und dergleichen sind ein« Reih« äußerst schikanöser Bestimmungen zu be­obachten, die den gesamten Realitäten-Verkehr lahmlegen. Italien will die Brennergrenze nicht nur auS Eitelkeit halten: die Karte zeigt, daß das Pustertal ein glänzendes Aufmarschgebiet gegen Jugoslawien abgibt.

Was soll nun geschehen? Tirol wird wieder frei werden, und zwar dann, wenn Deutschland einig sein wird. Roch ein anderer Weg ist mög­lich, den Mussolini in einer Kammerrede im Februar 1921 selbst gezeigt hat, indem er sagte, daß die Friedensverträge aufgehoben werden müßten, deren Erfüllung eine Quelle unaus­löschlichen Hasses bedeute. Der Reichsdeutsche möge nie vergessen, daß im Süden ein schwer leidendes Brudervolk wohnt: er möge dies Volk besuchen und sich in deutscher Sprache mit ihm unterhalten.

In einer großen Anzahl schöner Lichtbilder zeigte der Redner am Sd)lusse das prächtige Tirolerland und charakteristische Typen seiner ker­

nigen Bewohner. Sehr starker Beifall dankte ihm für feine eindrucksvollen Ausführungen.

Kleine (Strafkammer Gießen.

Die Ehefrau M. L. aus F. war der Unter­schlagung angeklagt. Die Angeklagte, die bis zum Jahre 1927 ein Kohlengeschäft betrieb, ge­riet im Jahre 1926 In Zahlungsschwierigkeiten. Um weitere Kredite zu erhalten, übereignete sie einer Frankfurter Kohlengroßhandlung ein Pferd und einen Wagen. Ferner verpflichtete sie sich, eine Sicherungshypothek auf ihr Haus zu be­stellen. Als die Hypothek eingetragen war, ver­langte die Angeklagte durch einen Rechtskonsu­lenten Freigabe von Pferd und Wagen. Die Frankfurter Firma weigerte sich jedoch und ver­wies darauf, daß die übereigneten Gegenstände trotz der Hypothekenbestellung verhaftet blei­ben. Die Angeklagte veräußerte jedoch anfangs 1927 Pferd und Wagen, ohne den Erwerbern zu sagen, daß sie nicht ihr Eigentum feien. Ihrer Aussage nach glaubte sie sich hierzu berechtigt, da bei Abschluß des Uebereignungsvertrages vereinbart worden sei, Pferd und Wagen gingen bei der Hypothekenbestellung wieder in ihr Eigen­tum über. Ihre Angaben wurden durch eine Zeugin, die während des Vertragsabschlusses zugegen war, bestätigt, während die Geschäfts­

führerin der Frankfurter Firma, sowie deren erster Buchhalter eine solche Vereinbarung in Abrede stellten. In erster Instanz war die An­geklagte sreigesprochen worden, da das Gericht annahm, daß sie in gutem Glauben, die Gegen­stände seien wieder ihr Eigentum, gehandelt habe. Gegen dieses Urteil hatte der Staatsanwalt Berufung eingelegt. In seinem Strafantrage be­zeichnete er eine Gefängnisstrafe von 5 Wod)en für angemessen. Die Straskammer hielt es aber auch für möglich, daß irgendwie bei Vertrags­abschluß von einem Freiwerden der übereigneten Gegenstände gesprochen worden sei, so daß an­genommen werden könne, die Angoilagte habe tatsächlich an ihr Eigentum geglaubt, weshalb sie freizusprechen sei.

Der sd)on Öfters vorbestrafte Landwirt D. St. aus K. hatte einem Kaufmann, sowie einem Maschinenbauer vorgespiegelt, er sei Eigentümer eines großen Anwesens mit reichem Vi.hbestand, während in Wirklichkeit seine Ehefrau, mit der er in Gütertrennung lebt, Eigentümerin ist. Auf Grund seiner Angaben über sein Vermögen war cs ihm möglich, bie bc.b.n erto hnten Gech ftk eutc in eine Ma.chinenbesteUung zu verwickeln. Er wollte nämlich auf feinem angeblichen Besitztum Back­steine brennen und Kaolin graben. Er unter­schrieb auch mehrere Wechsel im Gesamtbetrag von 2500 Mark, ohne sie jedoch am Verfalltage einzulo en. Der Maschinenbauer unterließ daher die Lieferung. Trotzdem erlitten die beiden Ge- chä tsleute durch die Protestation der Wechsel, sowie durch verschiedene Reisen einen Schaden von mehreren hundert Mark. Für seine Hand- lungswei e erhielt St. vom Gericht erster In­stanz eine Gefängnisstrafe von 3 Monaten. We­gen dieses Urteils legten er und die Staats­anwaltschaft Berufung ein. Die Strafkammer setzte die Strafe unter Berücksichtigung der Tat­sache, daß die beiden Geschäftsleute auch recht leichtsinnig vorgegangen waren, auch eine Liefe­rung der Maschinen nicht erfolgte, auf sechs Wochen Gefängn.is herab. Außerdem wurde der Angeklagte mit den Kosten des Verfahrens belastet.

Wirffchast."

e KommunalkrediL und Sparkassen.

Der soeben veröffentlichte Gesd)ästsbericht des Deutschen Sparkassen - und Girover- b a n d e s und seiner Bankanstalt, der Deutschen Girozentrale-Kommunalbank, stellt fest, daß die Sparkassen sich im Jahre 1927 in erhöhtem Maße der Pflege des Kommunalkredit- g e s ch ä f t e s, insbesondere des langfristigen ge­widmet haben. Der Kommunalkredit an sich ist in letzter Zeit mit Rüdsicht auf die Zunahme der Verschuldung der Kommunen zu einem in der Oessentlichkeit sehr oft behandelten Problem geworden, zu dem in sehr verschiedener Weise Stellung genommen wird. Betrachtet man die Abschlußzahlen der Deutschen Girozen­trale als der Spihenbank der Sparkassen, so ergibt sich schon aus diesen Zahlen, daß die Sparkassen unbeirrt um die Öffentlichen Dis­kussionen ihren Weg weiter gegangen sind, und daß ihnen die Zurücklegung dieses Weges, der, wie gesagt, auf et ne erhöhte Pflege deS Kommu- nalkrediteS tm Jahre 1927 gerichtet war, auch erhebliche Opfer gekostet hat. Die Kommunal­banken bzw. die Sparkassen sind gesetzmäßig ge­meinnützige Institute, die einmal der Kleinwirt­schaft und dem Mittelstand als dem Kontingent ihrer Einleger zu dienen haben, zum anderen aber die Aufgabe zu erfüllen haben, den Kreditbedarf der einzelnen Kommune, die für sie bürgen, zu befriedigen. Berücksichtigt man diese Funk­tionen, die eigentlich das ganze Geschäft der Sparkassen bzw. Kommunalbanken erschöpfen, so kann die Stellungnahme, welche der Präiident des Sparkassen- und Giroverbandes, Kleinert, zu dem Problem des kurz- und langfristigen Kommunalkredits einnimmt, nicht Wunder nehmen, denn dem Verband und den ihm angeschlofsenen Sparkassen wird es stets Pflicht fein, den lebensnotwendigen langfristigen Kommualkreditbedarf in dem ihre Li­quidität nicht gefährdet wird, nach Möglich­keit zu befriedigen. Man kann es also vom

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mer in meinem

gespräch. Es klang wie ein Bekenntnis.

Seit meiner Knaben zeit stand ja Melusine im» Herzen. Als einzig«! Wenn ich sonst

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den Freund abwartete.Bist du dir dessen nicht be» mußt? Vermißtest du nichts hier?"

Vermissen? Raymond, jetzt in dieser Stunde, in der mir zum Abschied zusammen sind, in der mir uns noch einmal so nahe kommen müssen, mie mög­lich, gerade, damit mir uns nicht verlieren jetzt endlich habe ich den Mut, dir zu sagen, wie ich feit Jahr und Tag innerlich um Melusine geworben habe. Und bin nie von ihr verstanden worden. Bin nie von ihr beachtet worden weil ihre Hand nicht frei war! Und ob ich hier eine Frau vermißt habe!"

Er ging durch das Zimmer und zog einen der Vorhänge zurück, den unsichtbare Hände vorhin ge­schlossen. Draußen war die Nacht schnell hereingo- funten. Aber der Mond stand hoch am Himmel und goß einen zarten Schein rings über die verschneite Gebirgslandschaft. Wenger starrte hinaus. Seine Stimme senkte sich etwas, fast wie im Selbst-

Kriegs', durch M , ißolh'X'

Mädchen und Frauen begegnete und kennen lernte, zog ich jedesmal gleich einen stillen Vergleich zwi­schen ihnen und Melusine. Und immer siegte Melu­sine! Keine hat ein Lachen wie sie. Gott, was habe ich schon als Junge für Streiche und Faxen und Allotria ausgestellt nur, um ihr Lachen zu sehen! Aber nie habe ich den Mut gefunden, sie meine Liebe merken zu lassen. Ich war immer innerlich voller Zaghaftigkeit. Fühlte mich ungehobelt, schwer­fällig neben ihrer graziösen Liebenswürdigteit."

Raymond rührte sich mit keiner Gebärde. Kein Wort warf er dazwischen. Er ahnte, wie tief das altes in dem Freunde gesessen und gelebt und ae= nagt hatte. Aber gerade, wenn er dem Freunde tzt das Schicksal der Schwester vertraute, mußte ec wis­sen: ob diese hoffnungslose Liebe stark genug ge­wesen war, alle Enttäuschungen zu überwinden, um dennoch immer neue Hoffnung zu schöpfen?

Ich tat ja auch richtig daran, zu schweigen. Ich hätte mir ja nur eine Absage geholt. Zuerst war Di etwa rt so glücklich, jie zu erobern. Oder war es nicht vielleicht doch sein Unglück wo er sie doch wieder verlor? Und nun soll dieser Monsieur Bou- oier der Glückliche fein dieser Hereingeschneite dieser Fremde, von dem sie gut wie nichts weiß?"

(Fortsetzung folgt.)

(Ls zogen drei Burschen wohl über den Mein ....

Roman von Erica Grupe-Lörcher.

<9. Fortsetzung. Nachdruck verboten.

.Das wäre der richtige Rahmen für eine Kunkel- siu-te," meinte Raymond, den behaglichen Raum te- trodjtenb,es fehlen nur noch die Frauen und Mäd- hen mit ihren Spinnrädern und die Männer mit chirm Pfeifen, die an der Ofenbank sitzen und die uralten Geistergeschichten erzählen, oder elsässische Volkslieder fingen"

Sie hatten sich beide nietergetaffen. Wenger er» greif den Henkelkrug zum Einschenken:Elsässische 'joltelieter? Wer weiß, wie lange wir die hier loch hören dürfen bis die Franzosen mit ihren fii.turftiefeln auch die zertrampeln!"

In seinem Gesicht stand wieder ein Schatten: .Der deswegen sage ich mir immer wieder: Jetzt lleib ich gerate hier im Lande! Wenn mich auch las Gewimmel dieser Franzosenkäppis ärgert! Ich s.?e hier das Heimatrecht im Elsaß, nicht dieser ftrnfieur Soundso aus Paris oder Bordeaux oder fcmoble! Und was bodenständig ist und elsässisch, ins muß mit allen Kräften gehalten und erhalten Berten! Ich bleibe!" .

,,®ott sei Dank, daß solche Männer, wie du es fi[t, Wenger, hier bleiben! Ich aber gehe! Ich bin in meiner eigenen Familie zu zerrissen. Ich bin zu viKnd durch den Ausgang des Krieges und zu sehr erwachsen mit der deutschen Sache. Bin zu an- aetelt durch das Treiben von einem großen Teil neincr Landsleute hier!"

Wenger hatte die Gläser vollgeschenkt. Plötzlich (rHte sich sein Gesicht von neuem:D, nxirte rur, auch für diese Kategorie wird ter große Katzen- jurmer kommen! Warte nur, mein Lieber, wie die Gtinmung in zwei bis drei Jahren hier mnge- jhlegen sein wird! Davon bin ich felsenfest uber- jiqt O, wie genug wird man die Herren Oran» rosen haben, wenn man sie erst aus der Nahe teö im eigenen Lande genossen hat! Und dann Diqt du wieterkornmen, Raymond, nicht wahr? Tenn du dich auch jetzt voller Groll vom Elsaß ab- henbeft auf geb en darfst du innerlich bei ne Hei- nni nicht!"

ter nahmen diese Starken bann das Geschick der Heimat in die Hand!

Ater ein solches Geschlecht durfte nicht ausfterben, nicht verlöschen, nicht versinken in ter Der- welschung ...!

Rian glitt auf neutralere, ab liegendere Themata jetzt über, während das Mädchen ab und zu ging und servierte. Es trug die heimatliche Tracht mit der abstehenden großen Schlaufkappe, dem wett wo­genden roten Rock, unten von Samtbändern ver­ziert, dem Blusenhemd und dem Vorsteck über ter Schürze. Ater dann, als man sich wieder erhoben hatte und das Sättel sich mit einem Knix zurückzog und Wenger die Weingläser mit dem frisch ge­füllten Henkelkrug in ein drittes Zimmer der Vor­der flucht turg, wurde das Gespräch unter vier Augen doch wieder unwillkürlich wärmer und per­sönlicher und intimer.

Das Wohnzimmer war modern eingerichtet und doch von eigenartigstem Charakter. Fast jedes der im Grunde hellbraun gehaltenen Möbelstücke trug die kunstvollen Holzintarsien des elsässischen Künst­lers Charles Spindler. Wenger machte den FremH auf einen wundervollen hohen Wandschirm auf­merksam, den er sich neu erworben. Ein Kunstwerk aus Holzmosaik. Nicht im Kleingram sich verlierend, sondern mit sicherem Künstlerdlick die Wirkung her­ausholend wie durch die Farbenkontraste ter ein­zelnen Hölzer eine Schar weißer Schwäne auf einem Flusse dahin zog, dessen Ufer dunkle hohe Pappeln säumten.

Ja, das ist meinSpindler-Zimmer"! Und dort im Schrank sind die Mappen, die Spindler über die elsässischen Trachten und Gebräuche heraus- g eg eben hat. Wenn Spindler sich auf ter Weltaus­stellung von Chikago den Grand-Prix holte, warum sollte ich da als sein Landsmann Pariser Zeug auf meinen Besitz hier importieren?"

Raymond ging durch bas Zimmer und betrachtete ein kostbares Stück nach dem andern. Dann wandte er sich zu dem Freunde:Wundervoll ist alles! Es geht einem das Herz auf gerate als Elfäffer, wenn man sieht, wieviel Schönes du hier an boden­ständiger Kunst und Altehrwürdigem hergebracht und erhalten hast, Fritz! Und doch fehlt hier im Hause eines: es fehlt der Hauch der Frau, ter jedes Haus erst wahrhaft wohnlich macht!" Er hielt einen Au­genblick inne, da er die Wirkung seiner Worte aus

Es legte sich eine schwere, fast bange Stille über den Raum.Wenn ich hoffen könnte , meinte Ray­mond endlich.Wenn ich yoffen dürfte! Du kannst es mir kaum nachfühlen, was für mich das Los­reißen vom Heimatboden selbst bedeutet."

Du darfst Haffen, Raymond! Dafür werden Männer von meiner Gesinnung und meinem Schlage sorgen! Wir beugen uns nicht. Du weißt, ich habe den Wahrspruch ter alten Dränier erkoren: Jy suis, et jy res ter Hier bin ich. Und hier bleibe ich! Und wenn man hier einst so weit ist, ein­zusehen, baß unser Elsässertum das Höchste, bas Wichtigste ist, und nicht die Franzosennachäfferei wirst du bann kommen, wenn ich dich wieder zu- rüdrufe?"

Raymond sah dem Freund in die Augen. Die kraftvolle Zuversicht des andern belebte auch seine Züge. Wenger eryob sein Glas.

Komm, stoß mit mir darauf an! Sieh, der Tropfen ist Eigeugewächs. Wir brauchen hier nicht diesen .chilligen französischen Rotwein", wie hier beim Franzoseneinzug einer dem andern charakter­los nachbabbelte! Wir brauchen nicht diesen Rot- wein von der Cdte-du-midi zu fünf Sous! Schau, dieser Tropfen ist hier in meinen Weinbergen bei Ottrott gewachsen. Der soll dein Versprechen jetzt besiegeln!"

Und ihre Gläser klangen aneinanber. Hell und klar und leis« schwingend.

Ein warmes, köstliches Gefühl glomm langsam in Raymond auf. Ach, so viel Kraft faß hier, so viel Heimatskraft und Heimatssreute und Urwüchsigkeit. Viel zu wenig hatte Melusine bis jetzt von dem allen hier kennengelernt und in sich ausgenommen! Und seine Gedanken streiften das Schloß seiner Großmutter, bas in jedem Stück Möbel, in jetem der Dienerschaft, das bis in den kleinsten Winkel durchweht war vom französischen Geiste! Vom Par­füm des erstorbenen Rokoko. Von der zierlichen Eleganz einer versunkenen Periode.

Aber die jetzige Zelt brauchte kraftvolle, ausrechte Menschen voll Zielbewußtheit. Doll stolzer Heimats­kraft und Urwüchsigkeit. Gott sei Dank, er wußte es, noch mancher saß hier im Elsaß, ter ^gleichen Schlages und Sinnes war wie Wenger, tfür bie hieß es Dorläufig, sich klug zurückhalten, dis ter Umschwung in ter Stimmung kam, durch diese an­maßenden Franzosen selbst herbeigeführt. Und spä­

nschost k e: M-