Nr. 214 Drittes Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen) Dienstag, 20 November 1928
Bücher unter dem Weihnachtsbaum.
Neue Romane.
— Walter von Molo: MenschLuther. Roman. 304 Seiten 8°. Paul Zsolney Verlag, Berlin Wien, Leipzig, 1928. (559) — Molos letzter Roman ist thematisch wohl herausgewachsen sus dem vorletzten, innerlich bedingt in der .Legende vom Herrn"; formal, in der Kompo- sttivn des Stoffes wie im Handwerklichen der Stählung, geht er auf frühere Historien zurück, auf den „Fridericus" und auf den Schillerroman. Mit jenem ersten ha! er vor allem die auher- ordentlich energische Konzentration eines ent- Tnutigend ause.nanderfliegenden und sich auf- türmendeir epischen Stosses gemein — mit beiden aber den Willen, ein geistiges, seelisches Bild seines Helden zu geben, lebendige Historie zu schreiben, den Menschen Luther im Holzschnitt vor uns hinzustellen. Dies ist kein theologisches Werk mehr, als das der Christus-Roman noch in etwas gelten konnte..., auch kein politisches, obwohl viel verschollene Politik hineingearbeitet ist _: nur eine Menschengeschichte, nichts weiter. Die Stoffbewältigung ist bewundernswert: dergleichen können unter den Heutigen außer Molo nur ganz wenige; er sieht den Mönch Luther im Brennpunkt seines Schicksals, in der Sternstunde seines Lebens, an der großen Wende seines Menschentums, wie jene Königsgestalt zuvor in die armselige Spanne eines einzigen Schlachttags gebannt war, visionär, vollkommen im deckenden Ümriß ersaht, in allen Seelentldfen entschleiert. Hier vollendet sich das Menschenbild Luthers rm Wirbel der zwei stürmischen und weltbedeutenden Tage von Worms im Jahre 1521. Und zwar — dies ist interessant und sticht von den früheren geschichtlichen Romanen Molos ab —: der Erzähler bedient sich hier großenteils einer indirekten Gestaltung (das Potitisch-Zeit- geschichlliche, wovon die Rede war, erfüllt da seinen tieferen Zweck) —, Luthers Person erscheint im Laufe der Ereignisse erst spät und nicht immer im Mittelpunkt: er hebt sich ab vom Htntergrunde einer ausgezeichnet erfaßten und geschilderten, wirren und wilden Zeit, gespiegelt, erllärt, gedeutet von der Gegenseite, vom übermächtigen römischen Widerspiel aus. Erst so vorbereitet und angekündigt, wächst die Gestalt des großen Bekenners ins Buch hinein, mächtig, prall und lebendig, äußerlich ganz der nachschaffenden Phantasie anheimgegeben, aber unverrückbar und unantastbar im geistigen Porträt, als der Mensch mit dem großen Herzen, überströmend und stets unangreifbar in der Wurzelkraft seines Glaubens, in der unerschütterlichen Seelengröße seiner Wahrhaftigkeil und seiner Leidenschaft, zu bekennen unb einzustehen für sich und fern neues Wort trotz Tod und Teufel.
— Jakob Schaffner: Der jMensch Krone. Roman, Union Deutsche Verkagsgesell- schaft in Stuttgart, Leinen 6,50 Mk. (456) — Es ist nicht einmal etwas Besonderes um den Vorwurf dieses Romans: Kampf und Entsagung eines durch und durch guten, tapferen, ehrlichen und aufrechten Mannes, der fast unmerklich für ihn selbst um seine Liebe betrogen wird. Zwei Freunde laufen ihm nacheinander den Rang ab. Gr geht still und aufrecht seinen Leidensweg, fast wie ein Dchlafwanoler, bis die Kurve seines Lebens kommt, das Aufdämmern seines Schicksals, dem er ohne Reflexion, einen unüberwindbaren inneren Zwange folgend, die entscheidende Wendung gibt. Er wird zum Mörder an dem glüöllicheren Rebenbuhler in der Liebe zur Zügen dgesährtin, ohne Hatz, ohne Rachegefühle, ohne Ziel. Rur noch einmal sehen will er sie, mit der er sein Leben lang sich verbunden gefühlt hat und die ihm doch nicht bestimmt sein sollte. Daim geht er seinen Passionsweg weiter bis zum bitteren Ende, Gethsemane und Karfreitag: .An der Grenze der Welt irrt eine schwache blühende Flamme", so sagt der Dichter, „eine Passionsblume, frisch erbrochen, den Feldern der Wiedererweckung zu. Gin Tropfen Blut zitiert ihr im Kelch Die zart brennenden Blatter weben und beben. »Halt! Wer da?" „Eine freie Seele!" „Passieren!" — Auch diesem armen Menschen Krone, der schuldig wurde und sühnte, wird ein Ostern. Richt die karge Handlung ist es, auch nicht die eminente Kunst der Gestaltung, die bei der Formung eines Menschenschicksals in dem Rahmen der Leidensstationen der Karwoche, mit dem fernen Takt des echten Dichters naheliegende Entgleisungen vermeidet, ja nicht einmal befürchten läßt, sondern die zwar ganz moderne, gcmz zeitgemätz empfundene, aber nicht weniger tiefinnerliche Frömmigkeit, das echte religiöse Gefühl, Menschenliebe und Gottessehnsucht, diese weltanschaulichen Dinge lassen Schaffners neuen Roman so weit emporragen aus dem Alltag literarischer Produktion.
— Grnst Zahn: Tochter Dodais. Roman in Leimen gebunden Preis Mk. 7.—. Deutsche Derlagsanstalt, Stuttgart (567). Ernst Zahn kommt diesmal mit einer besonderen Heber- vaschung. Der Dichter der Schweizer Berge, der Schilderer heimischen Bürger- und Bauerntums, hat sich einen Stoff aus der alttest amen torischen jüdischen Geschichte geholt. Abisag, die Tochter Dddais, eines jüdischen Grundherrn, wird, ein unschuldig-ahnungsloses Kind, von berechnenden Großen des Hofes zum König David nach Jerusalem gebracht, um durch ihre Schönheit dem greisen, schon zum Sterben rüstenden Herrscher, neuen Lebenswillen einzugeben. An ihrer Reinheit scheitern chre selbstsüchtigen politischen Zwecke. Aber in den Streit um das Erbe König Davids, der no-ch zu Lebzeiten des Vaters zwischen Adonia und Salomo, seinen Söhnen, entbrennt, wird auch Abisag verstrickt. Der Streit um den Thron Israels wird zum Kampf um Tod und Leben um den Besitz des Mädchens. Salomo siegt. Aber Abisag entflieht aus den Mauen» Jerusalems, der Stadt der Sünde und des Zwists, hinaus in die weiten Gefilde der Heimat, zurück zu den Schafherden ihres Vaters. Mit einer unendlichen Zartheit hat Zahn die Schicksale dieses jüdischen Mädchens gestaltet, die Geschichte ihrer Liebe zu Ado.aia, dem Königssohn, vom ersten Knospen liebender Sehnsucht, die wenigen Stunden bang-hnteren Glücks, bis zum herben Ende. Hineinverwoben ist dies in eine der fesselndsten Episoden altjüdischer Geschichte: der Fluch llriaß, des Feldhauptmanns, den König David um feine Frau Bathseba betrog,
wird furchtbare Wahrheit. Zahns grotze Lesergemeinde wird dies neue Werk des Dichters gern zu den früheren stellen.
— Joseph von Laufs: Der papierene A l o h s. Roman. Preis für den Leinenband 7.50 Ml. Verlag G. Grotesche Ver agsbuchhand- lung, Berlin SW 11. (581) Laufs ist ein Lands- mann von Seydlih, dem kühnen Reitergeneral des Großen Friedrich, den der selige Fontane in einer seiner schönsten Balladen gefeiert Hatz „Unb Calcar. das heißt Sporn" ist der schneidige Refrain. In Calcar, am Riederrhein hat auch Laiff die schönsten Jugendjahre verbracht und Erinnerungen aus dieser Zeit gaben ihm den Stoff zu seinem „papierenen Aloys". Der bewußte Aloys ist ein kleiner Papierkrämer, bei dem der Herr Rotar Laufs, des Dichters Papa, seinen vermutlich recht umfangreichen Bedarf an Schreibmaterialien einzudecken pflegte. Bei diesen häufigen Geschäftsverbindungen nahm auch der Fi ius Laufs mit dem „papierenen Aloys" Fühlung, und diese bescheidene, weltfremde, gütig und zart empfindende Seele hat sich dem Jungen tief eingeprägt. Aloys hatte kein leichtes Los zwischen einer zwar zärtlich besorgten, aber despotischen Mutter und einer leichtfertigen Ehe rau. Der Dänenkrieg und die Erfahrungen seiner Ehe schmieden Aloys zum Manne. Seine Frau treibt die Schande des Ehebruchs in den Tod. Tapfer nimmt er das harte Geschick auf sich. Harmonisch und weltweise, wie ein rechter Lebensphilosoph,
fint>et er ein neues Eheglück und zimmert sich ein neues Leben. Mit viel Liebe zur Heimat und zu den Gestalten längst entschwundener Jugendzeit, mit viel köstlichem Schalt und Humor hat Laufi diese Geschichte erzählt.
— Wende. Der Roman eines Herbstes von Maria Waser. In Leinen gebunden 7 Mk. Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart (625). — Dieser Roman ist die Geschichte einer Krise, einer Heilung, einer Heimkehr. An Der sinnvollen Schönheit des Florentiner Landes und seiner Kunst läutert sich und gesundet die Heldin, Peregrina-Fiammetta, zu einem neuen, vertieften und gereinigten Bewußtsein ihrer Bestimmung als Künstlerin, als Frau und Mutter. Das Mysterium des Reifens, das alte, dunkle RätseL im Leben der Frau, führt sie durch einen Sturm der Leidenschaft, den sie mehr erregt, als fie an ihm Teil hat, in die lichte Septemberklarheit einer zweiten Jugend, der geistigen. So hat Maria Waser, die mütterliche Dichterin, uns den Roman der Fünfzigjährigen geschenkt. 'Da ist wieder eine schöpferische Dollnatur, ein ganzer Dichtermensch, der Leib und Seele als Mewdie und Worte eines Liedes zu empfinden vermag. Ihr Frauenweg führt sie zur Bejahung der „Wende" und des Wandels: „weil man nimmer herausfallen kann aus der Um» armung des göttlichen Lebens".
Aus fremden Literaturen.
— Jean Giraudvüx: Eglantine. Roman. Im Insel-Verlag zu Leipzig, 1928. (413) — Ein junges Mädchen flüchtet vor der ölnbe- ständiakeit aller Lebensbeziehungen zum Alter, das ihr das einzig Beständige dünkt. Die Liebe erst des Barons, in dem sich alle Tradition und seelische Kultur eines hochgezüchteten Standes vereinew dann des großen Bankiers der sie durch fernen Reichtum in eine Welt ohne Wirklichkeit entrücken kann, ist seltsam miteinander verwoben; sie verläßt den ersten um des zweiten willen, kehrt aber zum Baron zurück. Sre gibt sich nie ganz, ihr Wesen wandelt sich nach dem, der sie liebt Sie ist das, was der Liebende in ihr sieht Es ist die Kunst Giraudoux', die seelischen Wirrnisse deutlich und verständsich zu machen. Klar hebt sich das zeillose innere Geschehen von dem Hintergründe der modernen Den Welt ab. Eglantine ist eine Dame von le, fährt Auto, tanzt zum Fünfuhrtee, telephoniert. Aber diese Welt ist sätsam unwirklich stilisiert. Der Roman dsS jungen Franzosen ist durchaus ltterarisch, ohne den Atem deS starken Lebens.
— FrancIS de Mivmandre: DaS Herz und der Chinese. Roman. Deutsch von Irene Kafka. 175 Seiten 8°. Geh. 2.50, Leinen 4.50 Mk. F. P. Tal & Co, Verlag, Leipzig, Wien, 1929 (571). — Die Flucht einer Frau aus dem Alltag, aus dem unerttäglichen Einerlei einer freudlosen Ehe hi ein glitzerndes Abenteuer, dem sie nicht gewachsen ist. Mivmandre — Goncourt-PveiSttäger — erzählt zart und schlicht die Geschichte einer jungen Frau, die an ihrem . sehnsüchtigen Herzen zugrunde geht. Die Lleber- fetzung ist forgfättig und feinfühlig.
— David Herbert Lawrence: Die Frau, die davon ritt Sechs Novellen. Preis in Leinen geb. Mk. 7.—. Insel-Verlag Leipzig (600). Lawrence, der als einer der stärksten Dichter England gilt, hat mit den sechs Novellen dieses Bandes dort vor kurzem einen grotzen Erfolg erzielt. Wie immer für ihn ist die Beziehung zwischen Mann und Frau der Mittelpunkt; diesmal behandelt er das Thema gedämpft, in den breiten Lebensstrom hineingestellt
In „Die Frau, die davon ritt“, ist das Problem ganz vom Persönlichen gelöst, der Opfertod der weißen Frau bei dem versprengten Aztekenstamm tn8 mystisch Allgemeingültige erhoben. Diese Novelle allein schon macht Lawrence zu einer bleibenden Gestalt in bei europäischen Literatur.
— Arnold Bennett: Himmlische und irdische Liebe. Ein Roman in drei Episoden. Einzige berechtigte Uebersetzung aus dem Englischen von E. Mc. Calman. Volksoerband der Bücherfreunde, Wegweiser-Derlag G. m. b. H., Berlin-Charlottenburg 2. (631.) — Bennett, eine der führenden Persönlichkeiten des modernen englischen Schrifttums, schildert in diesem bezaubernden, von einer spannen- den Handlung lebhaft bewegten Roman die Geschichte einer Liebe, die sich aus den Verwirrungen irdischer Leidenschaft zu einem Leben erhebt, das sein tiefstes Genügen erst in der Hingabe an das Leben eines andern findet. Die geistreiche Zeichnung der englischen Gesellschaft'und die wundervollen Naturschilderungen verraten die Hand eines großen Dichters. Der V. d. B. hat auch dieses Werk wiederum in einer vorbildlich schönen und soliden Ausstattung heraus- gebracht, wie alle seine Werke, die eine ausgesucht wertvolle Bibliothek darstellen.
— Willa Cather: Antonia. I. Engelhorns Nachs. in Stuttgart In Leinen 6,50 Mark. (588.) — Willa Cather ist eine der anziehendsten Erscheinungen der an Persönlichkeiten so reichen jungen Literatur Amerikas. In ihren Adern fließt elsässisches und irisches Blut. Sie kam mit neun Jahren auf eine Farm nach Nebraska und wurde später Lebrerin und Journalistin. Der vorliegende Roman schildert die Geschichte einer Tochter böhmischer Einwanderer, des lebensvollen, durch tausend Stürme geworfenen Naturkindes Antonia. Daneben läuft der Entwicklungsgang ebenfalls eingewanderter Skandinavierinnen und vor allem jener eines amerikanischen Jungen, der in der Nachbarschaft dieser tüchtigen und urwüchsigen Mädchen aufwächst und ih-'en trotz seines geringeren Alters in herzlicher Freundschaft verbunden ist. Um diese jungen Menschen gruppiert sich das interessante Völkergemisch der Ansiedler, den Hintergrund bildet die eigenartige Landschaft der nordamerikanischen Prärie.
Natunviffenschafiliche Gchristen.
— Houston Stewart Chamberlain, Natur und Leben. Herausgegeben von I. v. Tlexküll. Verlag F. Bruckmann, A-G, München. Preis in Leinen gebunden 6,50 Mk. (538). — Ein besonders tragisches Geschick hat es verhindert, daß Chamberlain fein groß angelegtes Werk über ein Fach, in dem er nicht blos zu Hause, sondern eine Autorität ersten Ranges war, zur Vollendung brachte. Dieses Fach ist die Biologie. Seine bahnbrechenden Ideen auf dem Gebiete der Biologie finden sich in seinen großen Werken hie und da zerstreut, aber nirgends find sie zu einem wohlgegliederten Ganzen vereinigt worden, das ihre Bedeutung ins rechte Licht gesetzt hätte. Dabei haben ihn die biologischen Probleme auf seinem ganzen Lebensweg begleitet. Die gaben seinen historischen, philosophischen und religiösen Werken Richtung und Gestalt. Zwei Wege gibt es, um den Geheimnissen der Natur auf die Spur zu kommen: entweder man gehl einem bestimmten scharfumgrenzten Problem mit allen Forscherkniffen zu Leibe, oder man tritt zurück, und sucht einen Standpunkt zu gewinnen, von dem aus man die Zusammenhänge der Naturerscheinungen übersehen kann. Das Schicksal, nicht eigene Wahl, wies Chamberlain auf den zweiten Weg, und er ist ihn zu Ende gegangen, bis er fein Ziel erreichte und einen Standpunkt gewann, der es ihm ermöglichte, nicht nur die Erscheinungen der lebenden Natur zu überschauen, sondern auch seine eigene Art der Naturbetrachtung zu beurteilen. Wie eine neue Sonne ging ihm die Erleuchtung auf: Alles was lebt hat Gestalt — das Leben ist Gestalt —. „In allen Lebensgestalten stehen die Telle unter sich in Korrelation". Das war der erste Grundpfeiler des Gebäudes der Biologie, das Chamberlain zu erbauen unternahm. Die Lebensgestalten müssen sich aber auch untereinander bedingen, wenn sie Telle der Gesamtgestalt Leben sind. „Die Interdependenz der Lebensgestalten" wurde zum zweiten Grundpfeiler, den dritten Pfeller blldele die Erkenntnis, daß „die Zahl der typischen Gestalten nut eine beschränkte ist" und schließ sich wurde der Grundsatz der „Unwandelbarkeit der Gestalten" zum vierten Pfeiler des Baues, der
als stolze Kuppel den Satz von der „Erhaltung der Gesc-mtgestalt des Lebens" tragen sollte. Don diesem großartigen Dau, der der Biologie für alle Zeiten einen ebenbürtigen Platz neben der Physik und Chemie gesichert hätte, besitzen wir nur die Fundamente und einige vorläufige Entwürfe. Der Zauber, der von Chamberlains Persönlichkeit ausging und der aus seinen klassische Werken zu unS spricht, eignet auch seinen naturwissenschaftlichen Schriften. Die Leichtigkeit und Sicherheit mit der hier die schwierigsten Probleme behandelt werden, wird jedem gebildeten Leser einen tiefen Genuß bereiten und ihn zum Nachdenken an regen.
— R. H. Francs: Welt, Erde und Menschheit. Verlag Ullstein, Berlin. Ganzleinen 5 Mk. (531) — Den neuen Versuch einer „natürlichen Schöpfungsgeschichte" nennt Francs selbst sein Werk. Nach breihigjähriger Arbeit als Naturforscher sagt er, der Dichterische Schilderet des Kosmos, wie die Fragen nach dem Ursprung von Welt und Mensch, nach der Entwicklung der Dinge, der Weltordnung und dem Sein nach dem Tode sich in ihm spiegeln. Er spricht nicht über den Aufbau des Sonnensystems und über die Vergänglichkeit der Erde: innerhalb bet großen, gedanklichen Betrachtungen gibt es unaufhörlich die lebendigsten Studien über Einzelfragen der Meereskunde, der Astronomie, der Völkergeschichte, und was er barstellt, wird für ihn zum farbenreichen Bild: die Vulkane, an deren Feuersglut bet Höllenglaube des Mittelalters erinnert, die THermal-Algen in dem heißen Sprudel von Karlsbad, die Welt in einem Tropfen Sumpswasser, die ersten Blumen der Kreidezeit, das Palmenparadies, das in der Bronzezeit den Boden Deutschlands bedeckte, die Riesenechsen Südamerikas, die leuchtenden Tiere der Tiefiee, der Urwald, die Pflanzenflieget, der Kreislauf des Kalkes, Francs untersucht die Affensrage, den Beginn der Kultur und die Zukunft der Zivilisation. Das unbeirrbare Wirken der Naturgesetze ist die große Grundstimmung, die er. belehrend und schauend, mitteilt. Der reiche Stofs des Buches wird in vielen schönen Abbildungen dem Leser näher- gebracht.
Reisen und Abenteuer.
— Herbert Asb urh: Die Hnlertoelf von Neuyork: Kriminalgeschichte einer Großstadt. Deutsch von Curt und Marguerite Thesrng. Verlag Paul List in Leipzig. Preis gebunden 6,80 Mk. (517) — Das Interesse für alle möglichen Fragen der Kriminalistik ist auch in Laienkreisen unferer Zeit ganz außerordentlich lebhaft, und es ist daher kein Wunder, datz diesem durch eine rapide anwachsende Produktion von Kriminal-Literatur aller Art entgegengefonrmen wird. Gewiß mehr als fünfzig Prozent davon ist Schund oder zumindest nicht sehr weit entfernt davon. Ilm so begrützensw rter ist es, wenn jetzt immer mehr Werke herauskommen, die auf Grund wissenschaftlicher Arbeiten dem Laien die Mög- lichkeft geben, nicht nur seinen Sensationsfitzei zu stillen, sondern auch ernsthaft über diese wichtigen sozialen Probleme nachzudenken. Ein solches Buch liegt uns hier vor. Es gibt, zweifellos als Ergebnis sehr eingehender Studien, eine Geschichte bet Verbrecherwelt von Neichork, das unter den Weltstädten die größte unb jüngste ist. Schon als bie elften Ansiedler den indianischen Ureinwohnern den Boden streitig machten, sammelten sich in gewissen Bezirken Neuyorks bie ersten Ver- brccherbanden, die mit dem Anwachsen der Ansiedlung zur Groß- und Weltstadt in immer bedrohlicherem Matze zu einem Schrecken bet ganzen Gegend wurden. Der Verfasser ist nun Den einzelnen Banden, bie über eine straffe Organisation verfügten, sich in ihrer „Arbeit'^ streng spezialisierten und ganze Bezirke beherrschten, bis auf ihre Ursprünge nachgegangen unb weih auherorbentlich interessante Einzelheiten, besonders auch über den erbitterten Kampf der Polizei mit ihnen zu berichten. Das Buch liest sich wie ein spannender Kriminalroman ohne jemals den Boden der Wirklichkeit und der sachlichen Darstellung zu verlassen. Für die Kulturgeschichte Neuyorks und Amerikas zweifellos eine wertvolle Ergänzung nach der sozialpolitischen Seite hin.
— 21. E. Johann: Mi t 20 Dollar in den wilden Westen. 23erlag Ullstein, Berlin. Ganzleinen 5 Mk. (530) — Ein junger Deuficher steigt mit 20 Dollar auf einem Verschiebebahnhof der Canadiern Pacific in e.nen Arbeit^rzug. Er arbeitet in einem Sägewerk mitten im Busch, wo nichts als unberührter Wald, ein See, Vögel unb Moskitos sind. Sein Stern führt ihn auf eine Farm als Knecht bei Pferden unb Kühen. Dann wohnt er in dem kanadischen St. Moritz, in CB anff am Lake Louise, in einem märchenhaften Hotel unb verbient sich bas Geld für Zimmer und Bad, indem er zwei Amerikanerinnen in der Konischen Philosophie unterrichtet. Er ist Holzfäller, wird fast Landstreicher, wandert aus dem Urwald in ein Tal des südlichen Dritish-Columbia, wirb Oberkuli eines Japaners, erntet Weizen auf ben unenblichen Flächen ber Prärie, gerät in bas Grauen des Schneesturmes, fährt in ben Westen und lebt in den dunklen Schächten eines Erzbergwerks. Dann wirb er Drescher im nördlichen Alberta, haust in einem Blockhaus der wilden Rocky Mountains, um Bahnschwellen anzufertigen unb macht unterwegs nach Vancouver einen Änfall mit, bei dem bie Lokomotive in einen Felssturz hineinrennt. Das sinb einige bei Abenteuer bes Besitzers von 20 Dollar, unb zwi chen ben Berichten über sie stehen Seiten von erstaunlicher Kraft ber Schilberung, Menschenschicksale, Geschichten, Lanbschaften, groß unb feierlich, durchklungen von ber Melodie der Einöde. Und über alle Mühsal des Körpers unb ber Seele triumphiert ein tapferer, jugendlicher Humor.
— Die Abenteuer des FürstenDsha- paridse, des größten Bärenjägers Sibiriens. Erzählt von seinem letzten überlebenden Gefährten Egon von Kapherr. Mik 81 Abbildungen von Emil Lohse. 23erlag von Rich. Dong, Berlin. Preis geb. Mk. 5.—. (652.) — Ein Buch recht nach dem Herzen aller Freunde eines kühnen Lebens in freier Natur, nicht zum wenigsten der Jugend und der Jäger. Unermeßlich breitet sich bas Wäldermeer ber russischen Taiga mit bichtem Unterholz unb Fallholz, burchchlinkt von ben Spiegeln ber Seen und ben Bändern ber Flüsse. Hierher zieht ber aus feiner kaukasischen Heimat verbannte Fürst Dshaparidse, der größte Bärenjäger Sibiriens, mit seinem Freunde, dem 23erfaffer dieses Buches, unb mit seinen Jagbhelfern. Denn der Urwald mit seinen Seen und Flüssen birgt einen Reichtum an Tieren, den Europa längst nicht mehr kennt und der das Herz des Jägers höher schlagen läßt. Da ist der König dieser Wildnis, ber Bär, da sind ber gewaltige Elch der Dielfraß, eine Unzahl von Pelzträgern, Vögeln und Fischen aller Art. Hier führen die Jäger ein starkes Leben voll von 2lbenteuern und Gefahren, ein Leben des Kampfes mit dem Raubwilde, mit entflohenen Verbrechern, die als Räuber die Ansiedlungen überfallen, mit dem grimmigen Frost, ungeheuren Walbbcänden, nicht zuletzt auch mit Mücken unb Schnaken. Das aufschlußreiche Buch ist vom Verlag gediegen ausgestattet.
— FranzDonat: GeorgundIfabella. Ein Buch von Kampf und Liebe. 205 Seiten 8°. Geh. 3,50, Leinen 5 Mark. Strecker & Schröder, Stuttgart. (658.) — Der durch seine Abenteuerbücker („Paradies und Hölle", „An Lagerfeuern deutscher Vagabunden in Südamerika") bekannt gewordene Verfasser legt hier eine neue Erzählung vor, die jenen ersten an Spannung und Abenteuerlichkeit nichts nachgibt und auf die Freunde des exotischen Romans wie auch auf die Heranwachsende Jugend eine be- trächlliche Anziehungskraft ausüben dürfte.
— Fritz Daum: Dätach Kaß, ber Arickarahäuptling. 309 Seiten. Mit 25 Bildern von A. Roloff. Ganzleinenband 4 Mk. Kamerad-Bibliothek Band 39. Union Deutsche Derlagsgesellschaft, Stuttgart (540). — Den immer gleich zahlreichen Freunden einer guten Jndianererzählung bietet dieses neue, flott geschriebene Buch volle Befriedigung. Die 2ti>man* til des „Fernen Westens" aus dem vorigen Jahrhundert lebt in diesen natürlichen unb packenden Schilderungen von stimmungsvollem ßagertteiben, eigenartigen Bräuchen und heißen Kämpfen wieder auf.


