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Nr. 248 Erstes Blatt

178. Jahrgang

Samstag, 20. Oktober 1928

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Gießener FamUiendllttler Heimat im Bild

Die Scholle.

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Gießener Anzeiger

General-Anzeiger für Oberheffen

Vrvck vnd Verlag: vrühl'sche Univerfitäk-Vuch. und Steindruckerei R. Lange in Gießen. Schnftleitung und Seschastrstelle: Zchnistrahe 7.

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Chefredakteur

Dr. Friede. Wilh. Lange. Verantwortlich für Politik Dr. Fr. Wilh Lange für Feuilleton Dr H.THynot, für den übrigen Teil Ernst Blumfchein; für den An­zeigenteil Kurt Hillmann. sämtlich in Gießen

Am Rande.

Durch all die jubelnde Anerkennung, die der glän­zenden Leistung von Führern und Bemannung des Graf Zeppelin" zu beiden Seiten des Ozeans zuteil geworden ist und noch immer zu­teil wird, schimmern doch einzelne Klagen, die nicht ganz ohne Berechtigung sind. Wenn wir hier einige Punkte hervorhcben, so geschieht das nicht, um den wundervollen Eindruck abzuschwächen, den die Großtat Eckeners und seiner Kameraden bei uns allen heroorgerufen hat, sondern um für die Zu- fünft Lehren daraus zu ziehen. Es ist immer dien­lich und zweckmäßig, in der Begeisterung nicht auch ein nüchternes Urteil über das zu vergessen, was verbesserungsfähig und verbesserungsbedürftig ist.

Eine ernste Angelegenheit ist die B e r g e b u n g des Nachrichtenmonopols an zwei deutsche und einen amerikanischen Zeitungsverlag. Mit vollem Recht wird von den oerschieoensten Seiten von rechts, von links und aus der Mitte lebhafte Klage darüber geführt, daß in diesem Vorgehen eine schwere Beeinträchtigung der Interessen des gesamten deutschen Volkes gelegen hat und noch liegt. Es ist ein ganz unhaltbarer Zustand, wenn sich sämtliche Passagiere, sogar die in amtlicher Eigenschaft an Bord befindlichen Vertreter des Reichsrats und des Reichsverkehrsministeriums, da- zu schriftlich verpflichten müssen, innerhalb von acht Tagen nach der Landung keine zusammen­hängenden Berichte über ihre Erlebnisse an die Oeffentlichkeit gelangen zu lassen.

Wir haben volles Verständnis für die schwierige finanzielle Lage, in der sich der Luftschiffbau be- findet. Wie groß die Unkosten der Herstellung und der ersten Fahrt desGraf Zeppelin" sind, entzieht sich bis zur Stunde noch der öffentlichen Kenntnis. Wir wissen nun, daß ungefähr 31 Millionen durch öffentliche Sammlungen und Millionen von der Reichsregierung als Zuschuß aufgebracht worden sind. Es wird notwendig gewesen sein, zu dem unerfreulichen Aushilfsmittel zu greifen, das in dem Verkauf des Nachrichtenmonopols an drei große Zeitungskonzerne sich darbot. Es wäre richtiger und besser gewesen, wenn die Reichsregierung von sich aus die erforderlichen Mittel bereitgestellt hätte, um so dem deutschen Volk und der Welt das beschö- mende Schauspiel zu ersparen, daß man ein Scha­chergeschäft abschließen mußte. Die letzte Schuld liegt beim Deutschen Reichstag. Wenn man sich heute angesichts des großen durchschlagenden Erfolges der ersten Fahri desGraf Zeppelin", angesichts der be­geisterten Aufnahme der deutschen Gäste in Ame­rika daran erinnert, wie im Reichstag um die Be­willigung von 11 Millionen Mark für den Bau des Graf Zeppelin" gerungen werden mußte, wie sich kleinliche Bedenken, Neid und Mißgunst geltend machten, dann wird man in tiefer Beschämung das Haupt senken und sich sagen, daß die Vertretung des deutschen Volkes in jener Stunde ihre Aufgabe und ihre Pflicht nicht erkannt hat. Wir wollen drin­gend hoffen, daß man bei uns in allen Kreisen und Parteien für alle Zukunft aus den unwürdigen Zu­ständen, die sich herausgebildet haben, die entspre­chende Lehre zieht. Die Entrüstung darüber, daß nur einige ganz wenige deutsche Blätter und nicht die Presse des gesamten deutschen Volkes vollstän­dige Berichte über die Fahrt erhalten konnten, ist völlig berechtigt. Das deutsche Volk hat, mittelbar und unmittelbar, den größten Teil der Herstellungs- kosten getragen, und sonst war es auch berechtigt, bei der Berichterstattung übrr die Fahrt selbst nicht zugunsten einiger kapitalkräftiger Privatunterneh- men benachteiligt zu werden.

Noch ein anderer Mißklang darf nicht unerwähnt bleiben. Die amerikanischen Zöllner und Polizeibeamten haben sich beim Empfang der Passagiere desGraf Zeppelin", sehr im Gegensatz zum amerikanischen Volk selbst, nicht mit Ruhm be­deckt. Vielleicht hätten Botschaft und Neuporker Generalkonsulat, denen das weltbekannte Auftreten der amerikanischen Zollbeamten nicht fremd sein konnte, rechtzeitig Vorsorge treffen können. Aber man muß auch zugestehen, daß sie wohl erwarten durften, in diesem Fall würden selbst amerikanische Zollbeamte eine Ausnahme zu machen imstande sein. Leider haben sie sich getäuscht, und leider haben sich bei der Landung der Passagiere desGraf Zeppelin" Dinge ereignet, die besser unterblieben wären. Aber demgegenüber dürfen wir den pracht­vollen herzlichen Empfang hervorheben, den die Gäste ans Deutschland in ganz Amerika gefunden haben. Das amerikanische Volk hat die Ungezogen­heit seiner Zollbeamten glänzend wiedergutgemacht.

Reichswirtschastsminister Dr. C u r t i u s hat in Heidelberg vor der südwestdeutschen Arbeitsgemein­schaft der Deutschen Volkspartei Ausführungen ge­macht, in denen Grundsätzliches zum Par­lamentarismus und zum deutschen Parteiwesen in großzügigen Gedankengängen behandelt wurde. Er hat als Ziel, nicht nur der Partei, sondern der Politik eines Deutschen Reiches überhaupt festgestellt: daß wir den deutschen Land­wirt nicht untergehen lassen, daß wir die Lebens­kraft des deutschen Mittelstandes erhalten und daß wir die Seele des deutschen Arbeiters vor der Macht der Maschinen retten wollen. Das sind drei schöne und eindringlich formulierte Ziele, die einen sozialen und einen wirtschaftlichen Hintergrund haben. Aber der soziale überwiegt, und es ist vielleicht bezeichnend für die Entwicklung, wenigstens bei den führenden Köpfen, daß gerade ein Führer der Partei, die unter den Mittelparteien am weitesten rechts steht und die so oft verdächtigt wird, vor­nehmlich den Interessen der industriellen Unter­nehmer und des Großkapitals zu dienen, solche For­derungen in den Mittelpunkt der politischen 2lrbeit, ler Neuformung parteipolitischer Ideologien stellt.

Oer britische Gchahkcmzler in Paris.

Eine überraschende Reise. Churchill bespricht sich mit Poincare und Parker Gilbert über die Reparationsfrage. Am 15. Dezember vermutlich Zusammentritt der Jinanzsach- verstandigenkommission.

VariS. 19. Ott. (WTD.) Der englische Schatz- kcrnzler Winston Churchill ist heute früh 5 Khr unerwartet in Paris einge- troffen. Er hatte gemeinsam mit dem General­agenten für die Reparationszahlungen Parker Gilbert heute vormittag von 10 bis 11,20 Llhr eine Unterredung mit Ministerprä­sident Poinc arö über die Zusammen­setzung der Finanzsachverständigen- k o m m i s s i o n, deren Mldung in Genf beschlossen worden ist. Churchill, der mittags in der eng­lischen Botschaft frühstückte, reiste nachmittags um 4 ä4hr wieder nach London zurück. Wie die Agentur Havas mitteilt, wird der Mei­nungsaustausch in dieser Frage in den nächsten Tagen zwischen sämtlichen interessierten Re­gierungen fortgesetzt werden. Churchill wei­gerte sich, den Pressevertretern Erklärungen ab» zugeben, doch sagte eine Persönlichkeit aus seiner Umgebung. er sei befriedigt von der Unter­redung, die er mit PoincarS gehabt habe. Rach derInformation" soll man das Datum des Zusammentritts der in Genf vorgeschlage- nen Sachverständigenkommission grundsätzlich auf den 15. Dezember festgelegt haben. Heber die Unterredung Parker Gilbert Churchill Poin- car6 veröffentlicht die Havasagentur eine offi­ziöse Auslassung folgenden Inhalts:

Die Besprechungen, die seil einigen Wochen in den Hauptstädten der verschiedenen inter­essierten Länder gepflogen werden, legen die Annahme nahe, daß die Verhandlungen über die Liquidierung der Kriegsschulden als in eine aktive Phase eintretend anzusehen sind. Die Unterredung, die heute vormittag im Finanzministerium zwischen Poincars, Chur­chill und Parker Gilbert staltfand, kann diese Auffassung nur bestätigen. Die Unterredung hatte, wie das amtliche Kommunique besagt, nur die Prüfung der Bedingungen zum Gegen­stand, unter denen das Komitee der $ 1 - nanzsachverständigen gebildet wer­den wird, dessen Schaffung In Genf beschlossen worden ist. Trotz der in maßgebenden Kreisen diesbezüglich beobachteten Reserve darf man anuehmen, daß die Unterredung sich a u ch a u f andere Gegen st ände bezogen hat, und daß Churchill und Poincare die Gelegen­heit nicht haben vorübergehen lassen, um ihre Ansichten über die Regelung der Re- paralionsfrage auszutauschen. Bekannt­lich Hal die englische Regierung erklär!, daß sie von Deutschland und ihr en ehe­maligen alliierten Schuldnern nur die Summe fordern werde, die ihr un­erläßlich scheinen werde, um den Verpflichtun­gen nachzukommen, die sie gegenüber den vereinigten Staaten übernehmen muhte. Bekanntlich hat Poincare erklärt, daß Frankreich sich nicht weigern würde, die Vor­schläge zu prüfen, die ihm im Hinblick auf die Mobilisierung seines Guthabens bei Deutschland unterbreitet werden

könnten, vorausgesetzt, daß die Regelung es ihm gestatte, sowohl feine Gläubiger ; u bezahlen als auch die Ausgaben wieder zu erhalten, die es für den Wieder­aufbau der ehemaligen Kampfge­biete verwendet habe. Man kann sich leicht Rechenschaft davon ablegen, daß die Stand­punkte der englischen und der französischen Re­gierung, wenn sie auch in gewissen Punkten voneinander abweichen, so doch in keiner weise unüberbrückbar erscheinen. Dies war offenkun­dig der Eindruck Churchills von feiner Unter­redung mit poincarL wenn man nach dem Ausdruck der Befriedigung urteilen darf, der sich auf feinem Gesicht widerspiegelte» als er das Finanzministerium verließ.

Die Auslassung der Agentur besagt weiter, der Zeitpunkt der geplanten Konferenz sei noch nicht festgesetzt. Sie könnte etwa Anfang Dezember beginnen. Zweifelsohne wird es gelingen, die Entsendung eines offi­ziellen amerikanischen Beobach­ters zu erreichen. Berlin scheine als Ort der Arbeiten des Ausschusses in Betracht zu kommen, der auf diese weise allen wünschens­werten Ausschlüssen über die Zahlungsfähigkeit Deutschlands zu seiner Verfügung haben würde. Ls feien noch öle Sachoer st ändigeu zu bestimmen: Entweder hochstehende Persönlich­keiten aus Finanzkreisen, die In voller Un­abhängigkeit arbeiten würden, wie dies von den Autoren des Daroesplanes galt, ober Beamte, die nur ad referendum handeln würden. Ls habe den Anschein, daß man eher an die letzte Art von Delegierten denkt. Die französische Regierung werde ihre Wahl wahrscheinlich im Laufe des nächsten am 30. Oktober ffaftfinbenben Ministerrats treffen.

Zu dieser amtlichen Bekanntmachung schreibt derTemps", daß man den in der Presse ge­brachten Meldungen über die Verhandlungen Parker Gilberts mit äußer st er Skepsis begegnen müsse, da die Verhandlungen streng geheimgehalten wurden Insbesondere er­scheint es demTemps" unwahrscheinlich, daß bereits über eine Aufhebung der Trans­ferkommission unter ganz bestimmten Vor­aussetzungen, wie dies die englische Presse wissen wolle, verhandelt würde. Es wäre viel zu früh, schon jetzt mit Aussicht auf Erfolg über irgend­welche Regelung"n zu verhandeln. In Genf sei im Prinzip beschlossen worden, daß ein Sach- verstandigenausschuh ernannt werden sollte, um die technische Serie der Frage zu prüfen. Daher könne im Augenblick, so scheine es toenig» stens, nur davon die Rede fein, sich über ine Bedingungen zu einigen, unter denen dieser Ausschuß gebildet werden solle und über die Art der Persönlichkeiten, die ihm an» gehören sollen. Man dürfe gewiß sein, daß es sich hierbei um eine äußer st-heikle Aufgabe handele, deren Lösung einige Zeit in Anspruch

nehmen würde. Von den gegenwärtigen Be­sprechungen sofortige und entscheidende Ergebnisse zu erwarten, wäre unklug.

Der englische Standpunkt.

Verquickung von Reparations- und Räumungsfrage.

London, 19. Oft. (£11.) DerEvening Standard" schreibt, Großbritannien habe kein Interesse daran, daß Deutschland zu wenig zahle, da jede Verminderung der deutschen Ge­samtschuld, infolge des Fehlens ameri.anischer Zugeständnisse an die Alliierten in der Schulden­frage, fast ausschließlich von Großbrita- nien zu tragen wäre. Auf der anderen Seite habe aber Großbritannien keineswegs den Wunsch, daß Deutschland eine Summe bezahlen sollte, die die Stabilität seiner Wäh­rung gefährden könne. Die meisten Wirt­schaftler stimmten darin überein, daß die stei­gende Kurve im europäischen Han­del seit dem Jahre 1923 Hand in Hand ginge mit dem Verschwinden der Währungs- schwankungen. Das Ziel der gege.rwärii'en Besprechungen sei, eine Verbindung zwi­schen der Reparations- und Räu­mungsfrage herzustellen. Wie stark auf deut­scher Seite auch immer protestiert werde, der Wunsch, das Rheinland von der fremden Be­satzung endlich freizubekommen, sei Grund ge­nug, daß man in Deutschland zu der Annahmo von Bedingungen neige (b. h. zu dem Zuge­ständnis der Verquickung von Räumungs- und Reparationsfrage), deren Erfüllung außerordent­lich schwierig wäre.Evening Standard" bezeich­net es aber außerordentlich gefährlich, einen Zusatzpreis für die Räumung zu zahlen.

lind Amerika?

Berlin, 20. Oft. (Täl.) Wie dieDost. Zeitung" aus Reuyork meldet, wurde am Frei­tag im Staatsdepartement mitgeteilt, daß die Regierung der Vereinigten Staaten unterfeinenälmständenander geplanten Sechsmächtekonferenz über die Reparationsfrage t e i l n e h m e n werde. Es sei möglich, daß bei den Besprechungen amerikanische Bankiers zu­gegen sein würden. Wenn die Konferenz oder die Bankiers irgendwelche Abmachungen treffen sollten, so könne die Regierung der Vereinigten Staaten sich in keiner Weise hieran gebunden fühlen.

Der Generalstreik

in Lodz zusammengebrochen. z

Lodz. 20. Oft. (WTB. Funfspruch.) Ohne sich um irgendwelche Beschlüsse zu kümmern, be­ginnen die Arbeiter wieder in ihre Be­triebe zurückzukehren. Auch in der Tex­tilindustrie kann von einem solidarischen Streik nicht mehr gesprochen werden. In großen Betrie­ben ist schon im Laufe des gestrigen Tages d i e Arbeit wieder ausgenommen worden. Man rechnet damit, daß heute noch größere

Dr. Eurtius meint, daß die Krise des deutschen Parteiwesens aus einer unzulänglichen Beschäfti­gung mit den wirtschafts-sozialen Strukturänderun­gen Der Nachkriegszeit, überhaupt mit den geistigen Strömungen unserer Zeit herrührte, daß Ideolo­gien und Taten heute bei keiner Partei mehr über­einstimmen. Aber das ist vielleicht auch früher schon so gewesen, und die Ursache dafür ist der Konkur­renzkampf der Parteien. Jede bemüht sich, jeder andern alle nur denkbaren Programmpunkte weg- zunehmen, allen Volksteilen alles zu versprechen, was sie irgend erwarten können und dadurch den Kreis ihrer möglichen Mitglieder so w e i t w i e möglich zu spannen. Das Ergebnis ist natürlich, da jede einzige Partei sich in diesem Wettbewerb allen andern gegenüber in der gleichen Lage befin­det, daß die Programme außerordentlich vermischt sind, und daß sich infolgedessen in jeder Partei zahlreiche Leute befinden, die irregeführt worden sind und eigentlich gar nicht hineingehören.

In Wirklichkeit würden wahrscheinlich alle Par­teien genau so gut fahren, wenn sie den Mut fän­den, sich auf ihr eigentliches und wesentliches Pro­gramm zurückzuziehen, dieses in wenigen Punkten schlagwortartig herauszuarbeiten und solche Leute, die ihre Sonderinteressen in einer andern Partei vertreten finden, ruhig dieser zu überlassen. Es wür­den bann die Parteigrenzen schärfer in Erscheinung treten, die Einheitlichkeit und Stoßkraft jeder Partei größer und geschlossener werden, und die Stellung­nahme zu den neuen Problemen, besonders auf so­zialen und ökonomischem Gebiet, würde sich klarer und unbedingter herausarbeiten lassen. Damit würde aber der Parteiverdrossenheit, über die heute alle Parteien zu klagen haben, ein wirksamer Damm gezogen und die Abwanderung aus den tatsächlichen Weltanschauungsparteien in die Splitterparteien der reinen Interessenten würde aufgehalten. So wie die Dinge heute liegen, können die Parteien gar nicht den Mut aufbringen, zu den schwierigen Problemen der sozialen Fürsorge, der Gestaltung einer künf­

tigen Gemeinschaft zwilchen Arbeitgebern und Ar­beitnehmern, der Kartellpolitik und ähnlicher Dinge eine unbedingte und eindeutige Entscheidung zu fällen, weil sie über ihre eigene Gefolgschaft infolge der viel zu breit und viel zu verwaschen angelegten Parteiprogramm selbst keinen klaren Ueberblick haben. Die Erkenntnis, daß dieser Zustand für den Parlamentarismus und das gesamte politische Leben nachteilig und unerfreulich ist, ist bei den politischen Führern bereits mehr oder weniger allgemein, und Dr. Eurtius hat im Grunde für sie alle gesprochen.

In England bereitet sich ein großer und aller Wahrscheinlichkeit nach sehr interessanter W a hl- kam p f vor, der auch über die künftige Außen- Politik, und vor allem über die Wirtschaftspolitik un­serer Nachbarn jenseits des Kanals entscheiden wird. Ein gewisses Erlahmen der politischen Initia­tive des konservativen Kabinetts ist seit mehreren Monaten unstreitig feststellbar, und es ist Mac- donald bei seinem jüngsten Berliner Besuch mit Recht die Frage oorgelegt worden, wie er und seine Partei sich zu dieser Abkehr von vielfältigen, insbe­sondere aber von den deutschen Interessen stelle. Er hat geantwortet, daß eine solche Wandlung der seit Kriegsende verfolgten britischen Politik keineswegs im Sinne der Bevölkerung liege; aber er hat seiner- feits sowohl in seinem Vortrag im Reichstag wie in einer Pressebesprechung im engeren Kreise zu er­kennen gegeben, daß auch ein etwaiges Kabinett Macdonald, eine Labour-Regierung, eine sehr stark egoistisch- britische Politik verfolgen würde.

Das ging z. B. aus einer Aeußerung über die Frage der Schutzzollpolitik hervor: Die La- bour-Party verwirft Schutzzölle, wenn sie als solche in Erscheinung treten, fordert sie aber unter der BezeichnungVerhinderung" selber mit der Be­gründung, daß ausländische Produkte, deren über­legene Konkurrenzfähigkeit gegenüber englischen auf niedrigeren Arbeitslöhnen und längerer Arbeitszeit der betreffenden Länder und Industrien beruhe, von

dem britischen Markt ausgeschlossen werden müßten, um einen Druck des Lebensstandards der englischen Arbeiter auf das gleiche Niveau zu vermeiden. Das ging weiter aus einem geflissentlichen Ausweichen gegenüber einer so einschneidenden politischen Frage hervor, wie der Anschlußfrage. Hier meint Macdonald, dürfte seine Partei überhaupt keinen Standpunkt haben. Es sei Sache der unmittelbaren Interessenten, diese Frage auf bas Gebiet der prak­tischen Politik zu bringen; aber wenn das nur mit Mitteln möglich sei, die die Lösung zu einer Kriegs­gefahr werden lasse, so sei England und seine Partei im besonderen entschieden gegen jeden, der eine solche Gefahr heraufbeschwöre.

In einem anderen Zusammenhang waren die Ausführungen des ehemaligen britischen Premier­ministers zu den großen internationalen Problemen gleichfalls im negativen Sinne aufschlußreich. Natür­lich ist die englische Arbeiterpartei für die Nhein­landräumung, für die Gesamtregelung der Schul­denfrage, für die Festsetzung einer deutschen End­schuld und für eine vernünftige Revision des Da- rocsplanes. Ebenso wie sie für die Wiederaufnahme der Beziehungen zu Sowjetrußland, für den Aus­bau des Handels mit China und Indien im Wege liberaler Politik und für eine Politik gleichmäßiger Beziehungen zu allen Völkern ist, durch die Einzel- und Regionalbündnisse vermieden werden. Aber das alles ist doch, vielleicht beeinflußt von dem Blick auf die Schwierigkeiten eines Wahlkampfes, den man allein und ohne jede Rücksichtnahme auf die Liberalen ausfechten will, recht vorsichtig und egozentrisch formuliert und läßt kaum die Hoffnung^ zu, daß England etwa unter einer veränderten innenpolitischen Konstellation sich mit derjenigen Entschiedenheit für die Lösung der kontinentalen Schwierigkeiten einsetzen würde, die sein moralisches und politisches Gewicht gestattete und die es eine Zeitlang bis in die Tage von Locarno, tatsächlich doch entfaltet hat.