amtern, in deren Bezirk die Steuerkarte 1928 aus» geschrieben worden ist, Ueberweisungsblätter über' senden.
Verwendung von Sleuermarken.
Arbeitnehmer, für die im Kalenderjahr 1928 Sleuermarken verwendet worden sind, sind verpflichtet, die In ihrem Besitz befindlichen Steuer» karten für 1928 mit den mit Marken beklebten Einlagebogen dis zum 15. Januar 1929 bei dem Finanzamt abzuliefern, in dessen Bezirk sie am 10. Oktober 1928 gewohnt hoben.
Gießen und Men-duseck.
Zu unserem Artikel über die S t r a ß e n b a h n- Verhandlungen Gießen —Wieseck In Nr. 292 erhalten wir von Bürgermeister Be cke r, Alten-Buseck, die nachstehende Zuschrift:
„Nachdem in Ihrer Erwiderung ii Ar. 292 des „Gießener Anzeigers" vom 12. ds. Mts. die Schrift lft.ung auf die Feststellung ter Wiesecker Unterhändler eingeht und dabei auch Alten-Duseck mehrmals erwähnt wird, sehen wir uns genö'igt. auch unsererseits einmal auf die Sache ein^ugehen. Anfangs schien .es ja, als ob wir vollständig unbeteiligt an der Sache settn. doch haben dir Feststellungen der Wiesecker uns wieder in geziemende Erinnerung gebracht. Wir wollen uns daher zunächst mit den so wohlwollenden Sähen beschäftigen, die sich in dem angezogenen Artikel mit Alten-Duseck befassen. Menn dort bezüglich des evtl. Vertragsabschlusses mit Gießen der Sah: „An einer Zubringerlrnie Allen-Dusock—Wieseck hat die Stadt k.i i Interesse" bestritten wird, so müssen wir doch sagen, daß der Artikelschveiber l l>er sehr schlecht be- ra en ist. Herr Bürgermeister Dr. S e i b scheint doch nicht alles erraten zu haben aus der gemeinschaftlichen Sitzung im Stadthause in Gießen, an der Herr Bürgermeister S ch o m b e r, Verbandsvorsteher Benner und der Unterzeichnete teilnahmen. Aicht allein, daß der obige Satz wörtlich so 3um Ausdruck kam, sondern bie Aussprache dort nahm manchmal einen peinlichen, für Alten-Duseck geradezu brutal klingenden Charakter an. So erklärte auf eine Anfrage Benners, wie er sich zu Alten-Duseck stelle, Herr Bürgermeister Dr. Selb. daß Alen-Buseck für Gießon nicht It Betracht komme und daß Mieseck so schnell wir möglich den Vertrag mit Alten- Buseck lösen müsse. Sollte die Elektrische früher gebaut fein, als die Drrtvagszeit abgelaufen sei, dann solle bis zum Ende derselben mit einem Wagen noch ein Zubringerdienst bis Wirseck gefahren werden. Daraus aufmerksam gemacht, daß ein Wagen nicht ausrcichr für drn Spitzenverkehr, erklärte Herr Dr. Seib, Alten-Bufeck müsse sich eben dann in die Verhältnisse fügen, und wenn der Verkehr nicht bewältigt werden könne, dann müsse eben Alten-Duseck sehen, wie es noch Gießen komme. And wenn die kurze Zeit, die noch gefahren werden solle, nicht rentiere, dann müßten eben für Alten-Duseck die Tarife erhöht werden. Das ist die klare, unverfälschte Wiedergabe der Auslassungen des Vertreters der Stadt Gießen in der fraglichen Sitzung. Daher kommen auch die Wiesecker Devollmäch igten zu ihrer diesbezüglichen Behauptung. und die Behauptung des Gegenteils ist unverständlich nach einer so klaren Stellungnahme des Vertreters der Stadt. Mit überwältigmden Gefühlen und gegenseitigem Angucken verließen wir das Rathaus.
So scllten also die Verkehrsbelange der Alten- Busecker gefördert werden, und das waren die maßgebenden Gießener Stellen, die die Ver° kehrswünsche der Alten-Dusecker so herrlich zu erfüllen suchten. Alles, was in der Erwiderung bezüglich der Verkehrswünsche und -belange von Al cn°Duscck, ihre Förderung und Erfüllung behauptet wird, ist das glatte Gegenteil von dem, was der Vertreter der Stadt Gießen uns gegenüber erklärt hat.
Auch die Auslösung des Gemeink«verbandes sollte auf keinerlei Entgegenkommen zu rechnen haben, und das befriedigende Arrangement, das erzielt werden sollte, bestand darin, daß erllärt wurde, damit könne sich die Stadt absolut nicht einlasfen.
. Das ist der wahre Sachverhalt, wie er sich rn der Sitzung abspielle, und es ist tief bedauerlich, daß der Schreiber der Erwiderung bezüglich Altml-Dusecks Behauptungen auf stellt, die den Anschein erwecken könnten, als Hobe es noch etwas zu erwarten. In Wirllichkeit wurde Alten-Duseck ouf den ersten Hieb glatt abgestoßen und ausdrücklich feinem Schicksal überlassen. Wir können daher auch begreifen, daß Herr Bürgermeister
Dr. Seib in Wieseck in der fraglichen Sitzung nicht mehr auf die Frage eingehen wollte. Nach- dem durch diese glänzende Taktik im Stadthause, deren Tragweite wir sofort übersehen konnten, der Gemeindeverband naturnotwendig auf einen anderen Weg gedrängt wurde, sah man em, daß man zu offen gewesen war und. wir erkennen es gerne an, es gab gegenüber dieser peinlichen Frage nur — Schweigen. Warum hat man denn nicht einmal den Versuch gemacht, Alten-Duseck gegenüber eine andere Stellung einzunehmen, wie die im Stadthause; hier ist ja Schweigen die beredteste Sprache.
Wir sind doch keine ABC-Schützen mehr, daß man uns nach all den Erfahrungen der letzten Zeit und den uns nur allzudeutlich gegebenen Winken auch noch Behauptungen entgegenhalt, die mit der Wirklichkeit direll auf dem Kriegsfüße stehen. Wenn sich der Verfasser eingangs seiner Ausführungen gegen den Vorwurf der Einseitigkeit wehrt, warum hat er dann nicht einmal die Gegenseite gehört. Wir wollen doch nicht annehmen, daß hier eine bestimmte Absicht besteht, die Einwohner von Alten-Duseck aufzuklären, sonst müßten wrr auch die Erfüllung des uns Zugedachten von ihm erwarten. Was wir von der Stadt Gießen zu erwarten haben, das hat uns ja deren Vertreter so unzweideutig eröffnet, daß nur noch ein Säugling darüber im Unklaren sein kann. Herr Bürgermeister Dr. Seib braucht für die im „Gießener Anzeiger" gemachten Versprechungen leider nicht einzustehen: er weiß sicher noch gan$ gut, was er den Al:en-Duseckern für einen Trost gegeben hat, und es ist für uns maßgebend, daß bis heute hierin noch keine Aenderung eingetreten IJL
silebrigens haben wir ja zur Genüge die Ver- kehrsabsichten der Stadt Gießen erfahren. Für das preußische Hinterland bis Gladenbach opfert sie Gelder, • Hilst Autohallen bauen usw., fragt aber nicht, wie liebevoll der hessische Vorortverkehr von der Stadt behandelt wurde. Das weiß aber im Derbandsgebiet jedes Kind.
Wir waren ja nach den uns von der Stadt eröffneten Perspektiven zu bedauern, wenn wir uns tatenlos dteser famoien Taktik gefügt hätten. Den Einwohnern von Alten-Duseck sei aber nochmals gesagt, daß all die schönen Versvrechungen bezügltch der Verkehr sw ü nsche Alten-Busecks in dem Artikel des „Gießener Anzeigers^' vom 12. Dezember d. I. in direktem Widerspruch zu den Aeußerunaen des Vertreters der Stadt Gießen im Stadthause stehen.
H ch. Decker, Alten-Duseck.
Die Antwort des Bürgermeisters Dr. Getb.
Wir haben Bürgermeister Dr. Seib Gelegenheit gegeben, zu den vorstehen- den Aeußerungen des Bürgermeisters von Alten-Duseck sofort Stellung zu nehmen. — D. Red.
Zu vorstehender Einsendung ist zur Steuer der Wahrheit folgendes zu bemerken:
Nacktem im Sommer 1928 die Bürgermeisterei und spater der Gemeinderat Wieseck bei der Stadt Gießen die Wiederaufnahme der Verhandlungen über die Erbauung einer elektrischen Straßenbahn Gießen—Wieseck angeregt hat en stimmten die zuständige städtische Körperschaft am 7. September grundsätzlich der Schaffung der gewünschten Straßenbahnverbindung zu: für die zu erwartenden Verhandlungen legte sie folgende Richtlinien fest:
1. Die silebemahme der Kraftwagen des Zweck- verbandes ist mit Rücksicht darauf, daß sie für den Stadtverkehr ungeeignet sind, ausgeschlossen.
2. Eine Beteiligung an den Verhandlungen wegen der notwendig werdenden Auflösung des Zweckverbandes soll nicht erfolgen.
3. Eine Verpflichtung zum Weiterbetrieb der Kraftwagenlin'e Wieseck—Alten-Duseck soll nicht übernommen werden.
Diese Richlunien waren die Entscheidung der städtischen Körperschaft auf die in den Vorverhandlungen bereits hervorgetvetenen grundlegen- den Fragen, die die Hauvtschwierigkeiten bei der Losung des Stratzenbahnprojektes bildeten.
Am 19. September fand eine Verhandlung zwilchen der Stadt Gießen und dem Zweckder- band Wbeseck-Alten-Duseck statt. Diese Aussprache bezweckte, Klarheit hinsichtlich einiger Punkte der vorli^enden Rechnung des Zweckver- bandes für das Jahr 1927. die weder nach kaufmännischen, noch nach kameralistischen Gesichts- punkten aufgestellt war. zu schaffen, um Anhalts
punkte für die Beurteilung der finanziellen Aussichten und Entwicklung t^r elektrischen Straßenbahn zu gewinnen. Ferner wurde der Zeilpunll der nächstmöglichen Auflösung des Zweckverbandes, der nach der vorliegenden Satzung unklar war, besprochen, da im Interesse der Gemeinde Wieseck die Straßenbahn nicht vor Auflösung des Zweckverbandes m Betrieb kommen sollte: Wieseck hatte sonst neben dem Zuschuß zur Straßenbahn an dem Defizit des Zweckverbandsbetriebes teilnehmen müssen. Diese doppelte Belastung sollte vermieden Werdern Der Bürgermeister von Alten-Duseck bestätigte auf Befragen ausdrücklich, daß Wieseck den Zweckverband frühestens zum 1. Januar 1930 aufkündigen könne.
Im Anschluß daran touröen nebenbei die künftigen Berlehrsverhaltnis e der Gemeinde Alten- Duseck, die durch das Aussch.idm von Wieseck bis allein Leidtragmde sein würde, erörtert. Es wurde von mir vorgeschlagm. daß Al en-Bu'cck einen Wagen des Zweckoerbandes en.sprechend seinen Anteil an dem Derbandsvermogen ü er- nehmen und mit diesem einen Pendelverkehr (zwischen Alten-Duseck und Wieseck einrichten solle. Auf den Einwand, daß ein Wagen nicht ausrciche, wurde angeregt, den Wagen mehrmals zu den Zellen des starken Andranges verkehren zu las en. Als daraufhin ge't nd gemacht wurde, daß ein Reseroewagen für Störungen und für dis Zeit der Heberholung des Wagms vorhanden sein mü fe, wurde in Aussicht genommen, den im Falle der Einführung eines Krafiwagenvsrk.'hrs innerhalb der Stadt Gißen von Üi.'fer anzu cha, senden Resiroewagen als Aushilfe zur Verfügung zu stellen. Die Vertreter des Zweckverbandes hielten zwei Wagen für nötig. Ein Ergebnis hatte diese Ans prache hinsichtlich d:r Ver e'irübedürsn f e von A ten Duseck, die ja gar nicht Gegen st and der Verhandlungen waren, nicht; diese bezweckten vielmehr, wie bereits erwähnt, die K arstellung der zu erwartenden Derse^rsverhilltris.e d^r Straßenbahn Gießen—W.eseck. nicht aoer die Schaffung cirtes Verkehrsmittels für Alten- Duseck als Er'atz für den Zweckverband. Diese Frage war erst spruchreif, toeim die Erbauung der elektrischen Straßenbahn nach Wieseck, die dis notwendige Voraussrtzung bi'tr.b, be ch ossSn war: vor dem 1. Januar 1930 sollte diese aber nicht in Betrieb kommen. Ausgescklo fin war nach dem Beschluß der städti chen Körperschaft dis älebernahme eines Kraftwagenverkehrs zwischen Wieseck und Alten-Duseck an Sie lr des Zwcckcerb andes. Heber tir.e etwaige iln erstützung eines solchen, von anderer Seite betri.be ten Verkehrsmittels in einer oder der anderen Form war zwar in der städtischen Körper chaft schon gesprochen, Beschlüsse waren aber nicht gefaßt worden. Es darf gesagt werden, daß man 'dieser Ang ! gmheit wohttvoll nd g genübcrstand.
Zufammensassend ist sestz.u stellen, daß dir Be- bauplung, dir Der.ehröwünlche Alten Dusccks seien schroff und in verletzender Form abgelehnt worden, der Wahrheit nicht en.spricht. Diesschon deswegen nicht, weil ohne weiteres klar ist, daß eine Straßenbahn Gießen—Wieseck auch an den von Alten-Duseck her tyt hwangebrachtm Fahrgästen stark interessiert ist: Meinungsverschiedenheiten können vielleicht über das Ausmaß der hierfür einzusetzenden finanziellen Leistungen auf beiden Seiten entstehen. Auf weitere allgemeine Gesichtspunkte soll nicht eingegangen ? werden.
Die mehrfach rein persönlichen und verletzenden Ausführungen des Einsenders gegen einen n i ch i hon mir verfaßten Artikel im „Gieß. Anz." vom 12. Dezember 1928 werden dadurch charakterisiert, daß der Einsender in der Verhandlung nicht e i n Wort der Beschwerde über die angeblich schlechte Behandlung von Alten Buseck sagte, sondern daß er erst nach drei Monaten seinen wahrscheinlich auf andere Gründe zurückzuführenden Aerger hier ausläßt. Ihm auf diesem Wege zu folgen, verbietet mir der gute Geschmack. Dr. Seib.
Anmerkung der Redaktion:
Der Artikel in Nr. 292 deS „Gieß. Anz." wurde von uns geschrieben. Gr gibt der Meinung Ausdruck, die wir und mit uns welle Bürgerkreise insbesondere der Geschäftswelt in der Straßenbahnfrage Gießen-Wieseck und gegenüber den Alten-Dusecker Verkehrsinteressen haben. Daß wir an zuständiger Gießener Verwaltungsstelle Erkundigungen über die Vorschläge der Stadt Gießen und Über deren Aufnahme bei dem Verhandlungsgegner eingezogen haben, ist selbstverständlich, silnzu-
treffend ist eS aber, wenn Bürgermeister Becker lAlten-Buseck) meint, wir hätten uns bei unserer Stellungnahme von Bürgermeister Dr. Seib „beraten" lassen. Wir sind gewohnt, unsere Meinung uns selbst zu bilden und diese Ansicht ebenso selbständig zum Ausdruck zu bringen. Wenn Bürgermeister Becker glaubt, aus den von ihm berichteten Aeuherun- gen des Bürgermeisters Dr. Seib eine endgültige Absage Gießens gegenüber den Verkehrswünschen Alten-Busecks schließen zu können, so irrt er sich. Wie aus der vorsteheÄien Antwort des Bürgermeisters Dr. Seib hervorgeht, ist die Stadt Gießen sehr wohl bereit, auch gegenüber Alten-Busecks Wünschen Entgegenkommen und Unterstützung zu bekunden, wie das den Ansichten weitester Dürgerkreife entspricht. älebri- gens dürfte Bürgermeister Becker als Leiter einer Gemeindeverwaltung doch bekannt sein, daß auch eine Aeußerung eines Bürgermeisters, oder der Beschluß einer Kommission, wie in dem von Bürgermeister Dr. Seib jetzt bekannt- gegebenen und auch uns erst jetzt zur Kenntnis gelommenen Beschluß der städtischen Betriebsdeputation, durchaus nicht das letzte Wort ist. Hier hat doch die Gesamtheit der erwählten Dürgervertretung schließlich die endgültige Entscheidung zu treffen, wobei oftmals ganz andere Beschlüsse herauskommen, als ein Verwaltungsbeamter oder eine Kommission es vorher für möglich gehallen hatten. Das ist eben darauf zurückzuführcn, daß in dem großen Gremium der Stadtverordnetenversammlung bzw. der Gemeindevertretung die Ansichten und Wünsche der gesamten Bürgerschaft in Völkern Umfange zum Ausdruck kommen.
3U den Ausführungen des Bürgermeisters Dr. Seib möchten wir bemerken, daß wir die imter Ziffer 3 des Beschlusses der städtische De- trvebsdeputation gegenüber Alten-Duseck bekundete Einstellung nicht als glücklich an sehen. Die Fassung dieses Beschlusses gibt zum mindesten zu Mißverständnissen Anlaß, die in dieser delikaten Frage von Hebel sind. Wir hätten ge-- wünscht. daß auch sellens der Deputation klar zum Ausdruck gebracht worden wäre, daß unser« Stadt entsprechend dem starken geschäftlichen Interesse an der Kaufkraft der Aften-Busecker Bevölkerung bereit wäre, eine Berkehrsverbindung nach Alten-Buseck im Anschluß an eine Straßenbahn Gießen—Wieseck zu unterstützen. Wir sind durchaus der Meinung — und glauben uns dabei in voller Hebercinftimmung mit weitesten Bürgerkreisen zu befinden —. daß unsere Stadt nicht nur für das Kleebachtal, das Dünsberggebiet usw. gewisse Opfer für die Derkehrserfchlleßung zu bringen hat, sondern daß das gleiche auch für die nächste hessische Umgebung unserer Stadt zutreffend sein muh. Zur gedeihlichen Lösung aller dieser Fragen ist es aber auch notwendig, daß in der öffentlichen Diskussion über diese Dinge ein anderer Ton angeschlagen wird, als es in der Einsendung des Allen-Busecker Bürger^ Meisters leider der Fall ist.
Strafkammer Gießen.
* Greß en, 18. Dez. Ein wegen Hehlerei vorbestrafter Zigarrenhersteller von Gießen verfolgte Berufung gegen ein Urteil des Amtsgerichts Gießen, durch frag er wegen Unterschlagung zu sechs Wochen Gefängnis verurteilt worden war. Er hatte 8000 Zigarren, die ihn, kommissionsweise ohne Inkassovollmacht zum Verkauf übergeben worden waren, unter Verletzung der Vertragsbedingungen verkauft und den Erlös für sich behalten und verbraucht. Nach der Entdeckung brachte er vor, er habe gegen eine ihm zustehende Forderung ausgerechnet. Da sich diese Behauptung heute wie in der ersten Instanz als unwahr erwies, wurde die Berufung zurückgewiesew
Bestätigt wurde das Urteil des Amtsgerichts Altenstadt, durch das ein Bürgermeister von der Anllage desDetrugsfrei- gesprochen worden war. Es wurde ihm zur Last gelegt, für Rechnung feiner Gemeinde statt einer von ihm gelieferten Hafermenge von 51 Pfund 70 Pfund berechnet und dadurch die Gemeinde um etwa 4 All. geschädigt zu haben. Abgesehen davon, daß dem in drei aufeinanderfolgenden Perioden wieder gewählten Manne nach dem littet! seines vorgesetzten Kreis amt es em derartiges Vergehen um eines geringen Vorteils willen nicht zuzutrauen ist, waren die Zeugenaussagen, zumal die eines Gegners, nicht zuverlässig genug, um eine Verurteilung darauf 3U gründen. ®ie Behauptung des Angeklagten,
Daiarr» r
Vornan von J. Schnelder-Foerstl.
Urbeberrechtsschuh Oskar Meister, Werdau i. Sa.
25. Fortsetzung Nachdruck verboten.
»Hast du schon Pläne für die Zukunft?" fragte er, noch immer ganz In seine Gedanken eingesponnen, daß er beinahe einen Herrn über den Häuten rannte.
»Keine!" gab Hettingen zurück.
»Aber du mußt doch etwas anfangen!“ mahnte er gütig.
„3a, etwa- werde ich anfangen müssen!" kam äs resigniert. Joachim blieb stehen und starrte nach den lichterhcllten Schaufenstern eines Juwelier- laden«, in dem Perlenschnüre auf dunllen Samt- M>ältern ruhten. — Die Stücke waren echt. — Seine Augen standen für Sekunden in breit* nendheißem Flimmern.
«Kann ich dir irgendwie dienlich sein, mein Alter?" riß ihn Leopolds Stimme aus seinem Betrachten. „Alles steht dir zur Verfügung, meine Person und mein Geld!"
Hettingen wandte den Blick vom Fenster ab unb nach ihm zu. „Deine Person möchte ich mir erhalten. — Dein Geld aber muß ich dankend ablehnen, Poldl!"
„Ich hab nur gmeint," beschwichtigte Richthofen. "Wenn du dir vielleicht ein Gschäft kaufn willst — oder hast ein Angebot?"
„Ich habe keines," klang eS in schroffer Ab- Weisung.
„Joachim, ich bitt dich! — Ich hab dich ja bloß gsragt — und ich muh dich nochmal bittn, fahr net auf — wann ich — wann ich ein zweites Mal Auskunft will: Möchst die Direktorstell draußen bei mir annehmen? — Sie wird frei!"
Hettingen lief die Straße entlang, als gälte es, einem Irrsinnigen oder einem Geheimdetektiv zu entrinnen. Als er sah, tote Richthofen vergebens mit ihm Schritt zu halten versuchte, verlangsamte et da« Tempo. DaS Abgehackte seiner Stimm« verriet die fürchterliche Erregtheit, die er vergeblich zu bekämpfen suchte. „Du wirst be
greifen, Poldi, daß ich das nicht annchmen kann! — Nie! — Es wäre auf die Dauer doch unhaltbar. — Du kannst es mir ruhig als Stolz an- rechnen. Vielleicht siehst du mich eines TageS als verkommenes Subjekt im Straßengraben sitzen und hörst mich „Dergelt's Gott" sagen, wenn du mir einen Groschen in den Hut wirfst, aber jetzt bei dir Unterkommen suchen — nein!"
Richthofen sprach kein Wort mehr.
An der nächsten Straßenkreuzung trennten sie sich „Laß von dir hören. Achim, oder muß ich zu anderen Leuten nach dir fragen gehen?"
»Ich werde von mir hören las en!'^ Das klang so voll Wärme und müh am verhaltener Liebe, daß Richthofen unvermittelt nach der Hand des Freundes faßte. „Trägst mir was nach mein Alter?"
„Dir, Poldl? — Was hockte ich dir nachzutragen?"
„Ist zwischen uns beiden noch alles, wie es früher war?"
„Was sollte sich geändert haben?" Hettingen hielt RichthofenS Linke fest umspannt.
„Wanns jetzt nicht gwesn wär, Achim — könnst jetzt mit mir z' Haus gehn! — So viel Plän hab ich ghabt! — So schön hab ich's euch machn toollnl — Die Wohnung in der Mariahillerstraßn hätt ich euch eingräumt, und ich wär in d' Fabrik nauszognl"
„Du guter Mensch! — Es hat nicht sein sollen. — Vielleicht komm ich im Leben doch wieder einmal hoch. Dann laß ich mich schon wieder sehen bei dir, wenigstens draußen in deinem Bureau."
„Ja — bitt schön! ilnb wann du net selber kommst, dann hol ich dich halt in Gotts Nam!" Passanten drängten sich verärgert vorüber — sie versperrten die Passaae. „Grüß mir deine Frau Mutter, Joachim, und deinen Vater — und der Frau Ieska meinen Handkuß."
„Ich danke dir, mein Lieber!" Hettingen drückte Richthosens Hand, bis diese ganz gefühllos war. Dann lieh er sie plötzlich sinken. „Alles Glück, biS wir uns Wiedersehen, Poldl!"
„Dir auch! — ilnb laß was Horn! Versteckn kannst dich nicht vor mir. ES gibt Detektiv in Wien!"
Mn Lächeln Hettingens! Dann riß die Menschenflut, die auf den Gangsteigen vorüberhastcte, sie auseinander.
Hettingen sah nach der Uhr, die vor dem Eingänge zu einem Poftamte mit hellen Zistern die Stunde zeigte, zog die feine, verglich, und schritt eilig den Weg zurück, den er gekommen war.
Am Schwarzenberger Platz tat sich ihm baä Tor auf, ehe er noch eigentlich gefllngelt hatte. Die Treppe herab kam Isabella Ieska mit einem verräterischen Schimmer in den Augen. „Es ist fünf Minuten über die Zeit, Achim!"
„Verzeih mir Isa! Ich habe mich verspätet! Was hast du Sorgen um mich zu tragen, atme kleine Schwester!"
®r wischte ihr erst die Tränen von den Wangen, dann bot er ihr den Arm und ging mit ihr die Stufen hinauf zu ihren Zimmern.
Als er nach Mitternacht ging, hatte sie ihm das Ehrenwort abgenommen, daß er leben wollte für ste und die Eltern. Glückstrunken trotz ölten Leides drückte sie ihr heißes Ge icht in die spitzenbesetzten Kisten und ahnte nicht, daß nur der Tod ihn vor dem Schrecklichen hätte bewahren können, das über seinem Haupte stand.
Aber die Wege des Schicksals sind unberechenbar. —
♦
lieber dem Grabe des Freiherrn Artur von Hetttngen welkten die Kränze. Still und mit einem seligen Lächeln um die Lippen war er in den Armen feiner beiden Kinder einge chlasen — die geliebte Frau, die er zurücklassen mußte, ihrer Liebe und ihrem Schutze empfehtend.
Joachim war nach dem Sanatorium, wohin er die Mutter gebracht hatte, hinausgefahren und hatte sie nach langem Zögern vorbereitet und von dem unersetzlichen Verluste in Kenntnis gesetzt. Ihr leises, fassungsloses Weinen betrachtete der Arzt als das beste Zeichen endgültiger Genesung. Sie nahm wieder Anteil am Leben. Die Mutter hatte wieder Interes e an allem, was den Sohn betraf, und hörte aufmerksam zu, was er für Zukunftspläne hegte.
Vierzehn Tage später holte er sie zu sich heim in die reizend« Dreizimmerwohnung, die «
mit Isabellas Hilfe auf das gemüt'ichste eingerichtet hatte. Manch kostbares Stück, das die Diva aus der Konkursmasfe grreltet hatte, fand die still und schweigsam gewordene Baronin darin vor. Joachim sah, wie die Mutter sich um seinetwillen beherrschte, um nicht in Tränen aus- zubrechen. Er begriff ihr Leid. Der Mami, den sie so über alles geliebt hatte, fehlte. Er konnte nur hosten, daß die Zeit die schwere Wunde vernarben lasten würde.
Mit rührend kindlicher Liebe sorgte er für ihre Bedürfnis,te. Ab und zu, toerm sie über ferne Hände strich, wunderte sie sich, daß sie so rauh und rissig waren. Dann legte sie dieselben lieb- kosend an ihre Wangen, und er fühlte, wie es heiß und haltlos darüber hinrieselt».
„Mutter," sagte er bann, ..hast du denn gar kein Vertrauen, daß ich großer Mensch eS fertigbringe, dich vor dem Hunger zu schützen?"
Sie erwiderte nichts, aber ihre Finger strichen liebkoscno durch sein Haar, und ihr Gesicht lehnte sich in dankbarem Geborgen ein an seine Brust. „Mein armer Junge — „ nie hätte ich gedacht, daß ich dir einmal zur Last fallen müßte!''
„Mutter! Sag das nicht wieder! Was sollten wir beide ohne einander!"
Wenn es morgens auf sechs l\Vyt ging, stand sie schon In der kleinen Küche und hatte das Frühstück für ihn fertig. Die Aufwartefrau, die Isabella besorgt hatte, kam erst um acht. Soviel er auch bat — einmal zankte er sogar, — sie lieh es sich nicht nehmen, ihn als erste am Morgen zu begrüßen.
Kam er um sieben Ahr ,iach Hause, empfing sie ihn im Flur und nahm ihm Hut und Mantel ab und hatte den Abendttsch schon für ihn bereit Ab und zu kam Isabella. Dann wurde sein Blick unsicher, und wenn sie nach seinen Häicden griff, entzog er sie ihr mit einer gewissen Verlegenheit.
»Du wirst braun wie ein Neger," konstotterte sie. „Hast ou soviel im Freien zu tun?“
Er nickte.
„Befriedigt dich der Ingenieurposten bet de» G reinerwerk en?" forschte fte und wandte habet keinen Blick von ihiw
(Fortsetzung folgt)


