Mittwoch. 19. Dezember 1928
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)
Nr 298 Zweites Blatt
Ungefaßt eine halbe Million Europäer Wan- I ein deutsches Orchester, ein Schülerorchester und rt jährlich über den Oxean aus: daß ist ein einen Turnverein. Außerdem haben die deut-
dert jährlich über den Ozean aus; daß ist ein gewaltige Zahl, für die nicht leicht Boden beschafft werden kann. Nachdem die Bereinigten Staaten die Einwanderungserlaubnis immer mehr
wirken zu lassen.
Der zweite Programmteil war ein Krescendo der Weihnachtsfreude von Ioh. Eccards „Ich lag in tiefer Todesnacht" an bis zu „O. Freude über Freud!" desselben Meisters, der dem Jubel durch die sieghafte Tenorstimme besonderen Ausdruck zu verleihen mag
Das innige Erleben des Weihnachtsmysteriums bewegte den drillen Teil des Programms und schwang sich in dem klanglichen Jubel des „Hodie Christus natus est" von I. P. S w e e 1 i n ck aus.
Mit diesen Chor erreichte die Darmstädter Vereinigung ihre höchste klangliche Entfaltung und bannt ihren stärksten Erfolg. Hier war dasTremo- lieren der Soprane, das sich namenllich über die Chöre des ersten Teiles wie ein Schleier gelegt hatte, gewichen; hier konnten die Tenors strahlen und eine Klangintensität entfalten, die man ihnen in den Eccardschen Sätzen gern gewünscht Halle. War auch im allgemeinen im Vergleich zu dem früheren Auftreten des Chors eine Verbesserung des Gesamtklanges festzustellen, so dürfte der Dirigent, Professor Dr. Friedrich N o a ck, doch immer noch mehr auf einen idealen Ausgleich der Stimmen, besonders in den langsamen Sätzen, hin- arbeiten und immer mehr die Verbindung zwischen Melodie und deklamatorischer Kraft des Textes schaffen. Die einzelnen Stimmgruppen wären noch inniger mit einander zu verweben und zu organischer Klangeinheit zu verschmelzen Verschiedentlich trat in den Schlußakkorden die Terz auffallend zurück; ebenso war die Tonhöhe am Schluß der Gesänge gesunken. Wer einmal das „In dulci jubilo", das der Chor in der Bearbeitung von Karl Thiel fang, unter Thiels persönlicher Leitung gehört hatte, konnte nicht mit dem schuppenden Tempo („Ziem- lich lebhaft"!) einverstanden sein.
Inmitten der A-cappella»(9efänge wäre Herzogenbergs Duett „Joseph, lieber Joseph mein" vielleicht am Platze gewesen, wenn eine ideale Ausführung
, i wäre. Der Oraelbegleitung fehlte aber in diesem Falle eine gewisse Abrundung, und die Baßstimmen konnten nicht den stimmlichen Anforde-
Prosessor Dr. Harry Mahne in Born hat den Ruf auf den Lehrstuhl der deutschen Sprache und Literatur an der llniversllät Marburg als Nachfolger von Geheimrat Ernst Elster angenommen. — Der Privatdozent an der Göttinger llnivrr i.ät Dr. Erich Weniger ist zum Profes or an der Pädagogi chm Akademie In Kiel berufen worden und wird den Lehrauftrag für Pädagogik an Stelle des nach Hanllmrg be* rufenen Prof. W. Flitner übernehmen.
Dkutsthe im südamerikamschm KrieMebirt Deutsche Einwanderer-Kolonien in Paraguay und Bolivien. — Deutsche Wissenschaft in La paz. - Deutsche Handelsbeziehungen.
Von Dr. Erwin Krug.
Griechenland. Hier, an den klassischen Stätteir, wuchs mit dem Verständnis für die Größe des Hellenentums auch die schon von Kindheit an Erstehende Neigung zu phi'osophi'chem Denken, und in drr Bereinigung von Philosophie und Erkenntnis der Bedeutung, di? das Hellenentum auf die menschliche Kultur fortdauernd ausübt, fand er die Grundlage, auf der sich sein weiteres Wirken aufbauen sollte. 3m Jahre 1874 habilitierte sich v. Wilamowitz-Mö'lcndorff In Berlin für klassische Philologie, folgte zwei 3ahre später einem Nufe als Ordinarius nach Greifswald, kam 1883 nach G5t sinken und 1897 nach Berlin als Nachfolger von Ernst Curtius. 1910 erhielt der Gelehrte auS Anlaß der 100-IahAier der Berliner Unloer i'.ät den Charakter als Wirklicher Geheimer Nat mit dem Prädi ctt Exzellenz Prof, v. Wilamowitz ist u. a. Mitglied der Preußischen Akademie der Wis enscha'tm. Nittw des Ordens pour le merite für Kunst und Wis enschaft, Inhaber des österreichischen Ehrenzeichens für Kunst und Wis'enschaft, Mitglied fast aller Alademierr, Ghrendo tot in- und ausländischer llniveriilä en. Bon seinen zahlreichen Werken nennen wir: „Analecta Euripidca“ 1875; „Homerische Untersuchungen" 1884; „Einleitung in die a tttsche Tragödie" 1889; »Aristoteles und At';en" 1894: .Reden und Vorträge" 1902; „Griechische Litera- turgeschichte, 3. Aufl. 1912; „Staat und Gesellschaft der Griechen". 2. Aufl. 1923; „Homer und die Ilios", 2. Aufl. 1917; .Platon" 2 Bd., 2. Aufl. 1918- „Gr echische Tragödien", übersetzt 1899-19:0; »Griechische Vrrskunst" 1921; .Hellenistische Dichtung" 1924, 2 Dd.
hin vollkommene Ehe. Stückwerk bleibt auch sie, wie alles Menschenwerk. Wenn es je eine echte Kamerabschafts-Ehe gegeben hat. so war es die zwischen dem weimarischen Geheimen Rat Johann Wolfgang von Goethe und der veinen Blumenbinderin Chri- stiane Vulptus. Es war eine Kameradschafts-Ehe nicht deshalb, weil sie mehr als anderthalb Jahrzehnte lang des Segens der Kirche entbehrte. Sondern es war eine echte Kameradschafts-Ehr deshalb, weil hier zwei Menschen, ein Ich und ein Du, die sich zueinander gefunden hatten, fest zusammenhiellen gegen alle Schranken, die die Gesellschaft zwischen sie zu drängen trachtete, so fest und so lange zusammenhielten. bis sie die trennenden Schranken auch äußerlich und förmlich überwunden hatten.
Nichts ehrt den Mann Goethe so. wie die stolze Beharrlichkeit, womit er an seinem einfachen Lebenskameraden sestgehalten hat. Nichts ehrt Christiane so, wie das hingebende Vertrauen, das sie dem gesellschaftlich so unerreichbar. so hoch über ihr Stehenden ent gegen gebracht hat. Hn8 will bedünken, aus diesem Beispiel einer echten Kameradschafts-Ehe sei mehr zu lernen, als aus Büchern amerikanischer Modeschriftsteller. Man muh die Dinge nur zu sehen trachten, wie sie wirklich lagen, man muß die gesellschaftlichen Bindungen, unter denen sich der größte deutsche Dichter und die kleine Blumenbinderin fanden, nur nicht übertünchen unb verschleiern ; dann behält das Beispiel eines Mannes, der auf den Höhen der Menschheit wandelle, und der die Gefühle der Verantwortung und Verpflichtung gegenüber seinem Lebenskameraden je länger je tiefer empfand, auch unter veränderten Lebensformen und Gesellschaftszu-- ständen seinen unveräußerlichen Wert.
scheu Ansiedler eine Sprachschule gegründet, in dec die Bewohner von Paraguay deutschen Sprachunterricht nehmen können. Meist stammen die deutschen Einwanderer von schwäbischen Dauern ab; in neuerer Zeit ist aber auch eine „Kolonie Niedersachsen" errichtet worden, in der 800 Niederdeutsche ansässig sind, die vor einigen Monaten Zuzug aus ihrer engeren Heimat erhalten haben. Oft werden bei den Zusammenkünften der Einwanderer deutsche Filme gezeigt, und so manchen Zuschauer packt dabei das Heimweh; denn die meisten sehnen sich nach ihrer Heimat, obwohl es ihnen in Paraguay nicht schlecht geht.
3n bestimmten Gebieten erhalten die neuen Ansiedler Negierungsland; so wurde beispielsweise in den letzten Jahren festgesetzt, dah jeder erwachsene Einwanderer zehn Hektar zu- aewiesen erhalten sollte. Für diesen Boden brauchen die Deutschen keine Pacht zu zahlen, doch müssen sie die Dermessungsgebühren erlegen, die sich auf ungefähr 75 Mk. belaufen. Wenn nun die Pächter das Land ordnungsmäßig bestellt haben, dann geht es nach fünf Jahren in ihr Eigentum über. Die Einwanderer vermehren also die Menge des urbaren Bodens. Auch einige industrielle Anlagen sind in Paraguay von Deutschen geschaffen worden: ein Sägewerk, eine mechanische Schmiede und ein Elektrizitätswerk gehören Deutschen, und vor einiger Zeit hat sich ein deutscher Verein für Baumwollanbau gebildet, der den Daumwottexport Paraguays erweitern will. Der bisher noch geringfügige Handel innerhalb des Landes liegt fast ausnahmslos in deutschen Händen, und auch der Anbau von Tabak, Wein und Baumwolle bringt den Ansiedlern ansehnliche Einnahmen, wenn fte erst die schweren Jahre des Aufbaus überstanden haben.
Ganz anders leben die Deutschen in Bolivien. Während sie im benachbarten Paraguay
beschränkt haben, drängt ein ständig wachsender Teil dieses europäischen Völkerstromes nach Südamerika, und zwar vor allen Dingen nach Argentinien, Brasilien und Chile; dorthin sind im vergangenen Jahr ein Zehntel aller deutschen Auswanderer gegangen. Aber auch Bolivien und Paraguay nehmen Deutschlands Aus- wanderungslustige gern auf; wahrend in Paraguay schon seit längerer Zeit st a t t l i ch e deutsche Kolonien bestehen, hat Doli- v i e n in letzter Zeit systematisch versucht, deutsche Landwirte und deutsches Kapttal ins Land zu ziehen.
Döse Zeiten werden für die Deutschen in Paraguay anbrechen, wenn dieses Land tatsächlich nun zum Kriegsschauplatz werden sollte. Man muß dann befürchten, dah viele blühende Ansiedlungen vernichtet werden, die die deutschen Einwanderer dort in jahrzehntelanger schwerer Arbeit geschaffen habeir. Die größte deutsche Siedlung in Paraguay ist Hohenau am Alto Parana; vor 25 Jahren wurde sie gegründet, und mit Stolz können die 3000 Deutschen, die in dieser Siedlung wohnen, auf den Erfolg ihrer Arbeit Hinweisen. Eine andere große deutsche Kolonie ist „Jndependencia". In Asuncion, der Hauptstadt Paraguays, leben 800 Deutsche, die auch in der Fremde das Andenken an die Heimat pflegen. Seit Jahren besteht in Asuncion eine deutsche Schule, die von 150 Schülern besucht wird, und als der frühere deutsche Reichskanzler Dr. Luther in Paraguay toeilbe. konnte er das neue stattliche Schulgebäude einweihen. In einem großen Festsaal, der 800 Personen faßt, finden sich die Deutschen zusammen; dort tagen auch die Vereine, die in der deutschen Kolonie allmählich entstanden sind. Es gibt in Asuncion einen Thcaterverein, einen Männergesangverein,
Zeiiungsfchau.
3m letzten Heft der Volkswirtschaft- lrchen Blätter, der Zeitschrift des Reichs- perbandes der Deutschen Volkswuie, legt Dr. O. Lei brock mit zwingenden wirtschaftlichen Beweisgründen dar. dah der Mechanismus des Dawesplanes nur weiterwirlen kann, solange Auslandanleihen aufgenommen werden, was aber gleichbedeutend wäre mit einer den: Zusammenbruche zufuhrenden Aushöhlung des eigenen Wirtschaftslörpers. Ohne Auslandanleihen ist die Ausbringung der Last nur möglich durch die Herabsetzung des dem eigenen Verbrauch verbleibenden Volkseinkommens unter daS Existenzminimum, durch eine der Arbeiterklasse auf unabsehbare Zeit zugewiesene Sklavenfunktion, die auch die elementarsten psychologischen Bedingungen für jede Hebung der Arbeitsleistung zerstört und den bestehenden krisenhaften Zustand der rovolutionären Spannung verewigen muh. An uns liegt es deshalb, die Initiative zu ergreifen. wenn wir nicht in der fünf i;en Ordnung der Welt eine ähnliche Rolle spielen wollen wie die Türkei oder China in der Vorkriegszeit. Hierzu ist Vorbedingung, dah wir endlich einmal die Debientengesinnung, an die das Ausland immer noch glaubt, abschütteln und eine Regelung fordern, die nicht an der weltwirtschaftlichen Aequivalenz-Dedinqtheit allen Güteraustausches Vvrübergeht, die ferner das bisher von uns Geleistete berücksichtigt. Dazu ist Vorbedingung, dah wir uns endlich einmal daran gewöhnen, unsere bisherigen Gesamtleistungen in Höhe von 67 Milliarden Mark und auherdem den unschätzbaren Wert der verlorenen Kolonien zu begreifen, überhaupt das ganze Problem global, dreidimensional zu betrachten, dah wir für das leben, was nach uns kommen soll. Von diesen Gesichtspunkten müssen wir uns bei den bevor- steyenden neuen Verhandlungen leiten lassen; dann werden wir finden, dah die Mobilisierung der Eisenbahn- unb Industrieobligalionen. wie sie jetzt angestrebt wird, nicht in unserem Interesse liegt, und zwar deshalb nicht
1. weil durch diesen Wechsel der Gläubiger die Reparationsverpflichtungen ihren politischen Charakter verlieren und zu reinen Prioatfchulden werden.
2. weil wir uns auf diesem Wege eines wich- tigen Trumpfes begeben, der bei künftigen weltpolitischen Verwickelungen, die nicht aus- bleiben werden, eine ausschlaggebende Rolle spielen kann,
3. weil es bei den Privatgläubigern nicht mehr möglich ist, eine Herabsetzung der Leistungen herauszuhandeln und endlich
4. weil die währungschützende Transferllausel fallen würde, da das Bestreben der ausländischen Kapitalisten darauf hinausläuft, den Zinsen- und Tilgungsdienst in ausländischer Währung sicherzustellen, mit anderen Worten, Garantien gegen eine plötzliche Einstellung des Dienstes der Schuldverschreibungen zu verlangen.
Heber die Kameradschafts-Ehe, die von Amerika aus jetzt so leidenschaftlich propagiert wird, sagt Paul Karms in den „2. N. N." u. a. folgendes: „Selbst im eigentlichen Siegerland Amerika macht das Verhältnis der Geschlechter zueinander den Prakttkern des öffentlichen Lebens Kopfzerbrechen Aber vom Kopfzerbrechen zur „rettenden Tat" ist in Amerika nur ein Schritt. Slebermäfjiger Alkoholgenuh ist für die Volksgesundheit schädlich? Also macht man ein Gesetz, das den Genuß von Alkohol überhaupt unter Strafe stellt. Daß die Hebertretung dieses Gesetzes der allgemeinste Sport in den Vereinigten Staaten geworden ist, und daß Achtung vor dem Gesetz habet ebenso allgemein zum Teufel geht — ja, das muß man bei dieser fröhlich unbekümmerten Art von Gesehesmacherei schon in den Kauf nehmen Mit dem gleichen Mut und Goltvertrauen, wie die Allvholgegner den Teufel durch Beelzebub austrieben, möchte nun der Richter Lindsay auch dem Hebel des zu frühen Geschlechtsverkehrs zwischen Jugendlichen §u Leibe gehen Heiraten wollen sie doch nicht gleich. Also schafft man die gesetzliche Möglichkeit einer Ehe auf Probe, die für die Beteiligten, wenn sie es vorziehen, wieder auseinanderzugehen, keine lästigen Folgen hat. In dieser Ehe dürfen nämlich
Hochfthulnachrichkn.
Der Meister der Altertumswis enschäft, Exzellenz Professor D. Dr. phil. et jur. Ulrich Wilamowitz-Möllendorff in Berlin feiert am 22. Dezember seinen 80. Geburts- t a g. Der Gelehrte ist 1848 auf dem Gute zu Markowih in Posen geboren. Aus der Landesschule za Psorta vorgebildet, widmete er sich phi'o'ogischen Studien zunächst in Bonn, dann in Berlin. Noch vor Abschluß der Studien brach der deutsch-französische K.isg aus und der junge Philologe zog, ohne Asputation zum Doktor promoviert, als Grenadier im 2. Garderegiment zu Fuß ins Feld und kehrte erst im 3um 1871 unversehrt in die Heimat zurück. Die Jahre 1872 bis 1874 führten den Forscher nach Italien und
ein geistiges Eigenleben führen, schließen sie sich in Bolivien kaum von der übrigen Bevölkerung ab. Dazu hat die ausgesprochen freundliche Hab- tung der Regierung sicherlich viel beigetragen, die auch in letzter Zeit immer wieder erklärte, daß deutsche Einwanderer und deutsches Kapital ihr überaus willkommen seien. In Bolivien herrscht eine oft dokumentierte Vorliebe für Deutschland, die noch aus der Zeit herrühren mag, in der deutsche Offiziere das bolivianische Heer ausgedi'det haben. Eme deutsch-bolivianisch« Aftiengesellschaft, der „Lloyd Aereo Boliviano". wird von der Regierung mit Geld unterstützt und versieht den Flugverkehr , die Flugzeuge sind deutsche Junkersmaschinen. Be eichnenb für das gute Einvernehmen zwischen Regierung und Einwanderern ist die Tatsache, daß die in Bolivien lebenden Deutschen der Regierung im Jahre 1925 — anläßlich des hundertjährigen Bestehens der Republck Bolivien — ein Inn - kersflugzeug zum Geschenk machten. Während Die deutschen Einwanderer in Paraguay meist Landwirte sind, leben die Deutsche in Bolivien vorwiegend in den Städten. Sie sind als Kaufleute in den Exporthäusern unb als Ingenieure tätig; auch die leitenden ©Leitungen in den Brauereien werden meist mit Deutschen besetzt. In La Paz gibt es eine deutsche Schule, die augenblicklich von 300 Schülern besucht wird. Außerdem haben sich in den letzten Jahren deutsche Gelehrte für Bolivien interessiert, und die Staatsuniversität des Landes hat vor einiger Zeit deutsche Gelehrte eingeladen, an Ort unb Stelle die Kultur des alten Inka- reiches zu studieren. Professor Wegner, der bekannte Frankfurter Anthropologe, ist vor einigen Monaten von dieser Forschungsreise zurück- gekehrt und hat von der Hilfsbereitschaft der Regierung Boliviens berichtet. Die gebildete Bevölkerung Boliviens Heft deutsche Werke, Goethe, Schiller und Heine sind in spanischer Sprache verbreitet, und die Musikkenner Boliviens sind begeisterte Anhänger Wagnerscher Musik. Bor einem Jahr hat das Potsdamer Observatorium gemeinsam mit der Donner Sternwarte in La Paz eine kleine Sternwarte erricht, in der deutsche Gelehrte Spektralaufnahmen von südlichen Sternen machen, die in Europa nicht sichtbar sind.
Im Februar dieses Jahres wurde der Freundschafts- und Handelsvertrag zwischen Deutschland und Bolivien erneuert; aber schon vorher bestanden gute Handelsbeziehungen zwischen den beiden Ländern. Im Jahre 1926 hat Deutschland für 1 700 000 Mk. Zinkerze und für über fünf Millionen sonstige Erze von Bolivien •getauft, und der Handel mit Deutschland ist für den südamerikanischen Staat ein gutes Geschäft: gewesen, denn Bolivien hat seine Ausfuhr nach Deutschland, verglichen mit dem Jahr 1925, kräftig steigern können. ‘JJemgegenüber fällt die deutsche Ausfuhr von 8,5 Millionen Mark für den deutschen Export nicht so sehr ins Gewicht; es ist aber anzunehmen, daß sich in den nächsten Jahren ein tärkerer Wärmebedarf bemerkbar machen wird, o daß deutsche Maschinen«-^Chemikalien und beut» ches Material für den Eisenbahnbau zu verkaufen ein müßten, wenn dieser Krieg das Wirtschaftsleben nicht zu sehr beeinträchtigt und die Kaufkraft schwächt.
keine Kinder gezeugt und bei der Scheidung keine Ansprüche auf Unterhalt geltend gemacht werden. Wie bei der Prohibition das Gefühl der Achtung vor dem Gesetz zum Teufel gegangen ist, so würde bei gesetzlicher Einführung dieser Ehe auf Probezeit dem jungen Geschlecht das Gefühl der Verantwortlichkeit todsicher aus- getrieben werden. Mach dir das Leben so bequem wie möglich und laß den anbern für sich selbst sorgen, so wäre der Grundsatz. den eine gesetzlich eingeführte Ehe auf Probezeit der amerikanischen Jugend predigen würde. Ob das da drüben so dringend nötig ist? Wir in Deutschland haben jedenfalls keinen Bedarf nach gesetzlichen Maßnahmen dieser Art. Wenn wir etwas gebrauchen, so ist es eine Stärkung des Pflichtgefühls und Stärkung des Gefühls persönlicher Verantwortung im Heranwachsenden Geschlecht. Deshalb sollten wir es vor alten Dingen ad- lehnen, eine Form der Ehe, wie sie der Amerikaner Lindsay anregt, als Kameradschafts-Ehe zu bezeichnen. Wir sind bisher der Meinung gewesen, daß die Partner jeder gesunden Che einander als Lebenskameraden achten und betrachten sollen. Wir sollten das Wort Kamerad nicht mrnüy im Munde führen, denn es bezeichnet etwas Hohes und Seltenes, ein Ideal, das zu erreichen ehrenvoll und beglütfenb. aber nichts weniger als leicht ist. Gute Ehen sind t.iht die Regel, ftmbem die Ausnahme. Das ist vielleicht, was wir der suchenden und ringenden Jugend offen sagen sollten. Denn die Ehe ist. wenn sie ernst genommen wird, weder ein Geschäft nvch ein Vergnügen, sondern ein Kunstwerk, ein Kunstwerk abgeschlossenen und vollendeten Menschentums. Unb Kunstwerke gelingen nicht dem Durchschnitt, sondern nur den Auserwählten. Unb wie kein Künstler von Menschenhand schlechthin vollkommen ist, so gibt es auch keine schlecht-
Wichtige Lohnsteuerbestimmungen.
Abführung der Lobnsteuer in bar oder durch lleverwelsung.
a) Arbeitgeber, die Im Kalenderjahr 1928 die Lohnsteuer ihrer Arbeitnehmer in bar oder durch Ueberweisung abgeführt haben, müsien für jeden am 31. Dezember 1928 in ihrem Dienst stehenden Arbeitnehmer dem Finanzamt die Steuerkarte für 1928 mit einer Bescheinigung über Lohnhöhe und Steuerbetrug nach vorgeschricbenem Muster übersenden. Die ueberfenbung hat bis zum 15. Januar 1929 an das Finanzamt zu erfolgen, in dessen Bezirk der Arbeitnehmer am 10. Oktober 1928 seinen Wohnsitz aehabt hat. Die Steuerkarten dürfen also diesen Arbeitnehmern am Iahresschlutz nicht ausgehändigt merben.
b) Für die übrigen im Jahre 1928 bei ihnen beschäftigt gewesenen, aber vor dem 31. Dezember 1928 ausgeschiedenen Arbeitnehmer müsien die Arbeitgeber vis zum gleichen Zeitpunkt den Finanz-
Vortrags-Bereinigung.
Wcilinachtslonzcrt der Madrigal-Bereinigung Darmstadt.
Witten in dem hastenden Treiben der Weihnachtsvorbereitungen mit ihren liebevollen Heimlichkeiten, hatte die Gießener Vortrags- Vereinigung zu einer Rillen Ze.erstunl e in ber Stadtkirche eingeladen. um dort die weihnachtliche Vorfreude im Geiste ber Musik zu erleben.
Ein glücklicher Gedanke; denn keines unserer kirchlichen Feste ist so eng mit der Musik verwachsen, wie gerade das Weihnachtsfest. liniere Weihnachtslieder sind uns zu Symbolen für das höchste unserer christlichen Feste geworden. Eine Weihnachtsseier ohne Weihnachtslieber wäre uns schlechthin undenkbar.
Die Hirtenszenen, die Szene an der Krippe, die Könige aus dem QEorgenlanbe fanden schon früh in der Musi! ihre Verherrlichung, und die mtttelalterlichen la.einischen Hymnen und die daraus sich entwickelnden volkstümlichen Weisen klingen durch bis in unsere jüngste Zett. So das alte „Quem pastores laudavere, te.x die Hirten lobten sehre", das „Resonet in laudibus“, der Ur- weise des Kindelwiegens(.,Joseph. lieber Joseph mein“), die unsere Schaffenden bis zur Jetztzeit angeregt hat, wie in He r zo ge n be r g s Weihnachtsoratorium oder in Brahms Geistlichem Wiegenlied mit Dratschenbegleitung („Um dies« Palmen") oder Max Regers „Maria sitzt am Rosanhag“. „Die heiligen drei Könige mit ihrem Stern" sanden ihre moderne K.'angformung durch Peter C o r n e l i u s, wo die 'Weise vom Morgenstern den Untergrund für die Entfaltung der Solostimme gibt. .
Die Innigkeit des religwsen Versenkens in die Hellstatsachen lieh auch nach dem Eintritt der Reformation keine Trennung der beiden christlichen Konfessionen in bezug auf das Weihnachtslied eintreten. Hm so reicher ist die Fülle der köstlichen Melodien, die voller Freude, Jubel und Zartheit mit der vielfältigen Bildhaftigkeit des Textes verbunden sind.
rungen entsprechen.
Der erste Programmteil bot religiöse Gesänge mehr allgemeineren Inhalts, von denen besonders I. Handls „Gebet in Todesnot" als sehr wirksam hervorgehoben fei. Eingeleitet wurde das Konzert durch ein kleines Präludium in ll-Moll von I. S. B a ch. In die weihnachtliche Stimmung führte Bachs Pastorale in si-Dur (nicht 8-Dur, wie auf dem Programm fälschlich stand) ein, die wir erst vor vier Tagen an gleicher Stelle mll nachhaltendstem Eindruck von dem Bach-Meisterspieler Günther Ramin hören konnten. Vielleicht hätte man erwarten können, von einer Darmstädter Vokalvereinigung auch Werke von Arnold Me n d e l s s o h n , dem in der Gegenwart unerreichten Meister des Vokalsatzes und Ehrendoktor der Gießener Universität, zu hören. Aus der Fülle seiner ^serke hätte sich sicher manches herausfinden kiffen, das sich ebensogut, ja, vielleicht noch besser als einige der gebotenen Sätze in das Programm eingefügt hätte.
Von der Reihe der Darbietungen nahm wohl ein jeder aus der bis auf den letzten Platz besetzten Stadtkirche etwas mit, was in seinem Innern nachwirkte und nachklang. Dr. H.
Das Bestreben unserer Zeit, den alten A-cappella- I gesichert gewesen Gesang wieder wach werden zu lassen, fand noch- 1 aber in diesem Fc haltende Förderung durch die verschiedenen 2Ra= drigalvereinigungen. Hier in Gießen hatte man die Darmstädter Madrigal-Vereiniguna verpflichtet, um den Reiz der alten Weisen auf sich
Syndikatspreis , Stellen 1659.
Ä
&•**> «SS a'ten Kl».
£ 5^
höMr Qy. n6bl8' Ä. )d ^hrjährit cnzahluDg kelfle
«d»te»chri(t- Garantie
1 Utfeniflf Atm ‘ 6 (H ® in«* MWWW
tij u 11
M
NW \
i
ch
HOM) )
iniW jr en.
linnen,n öcC
» ^6" 19»
iimSSc ter 1928.


