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Nr. 168 (Elftes Blatt

178. Zahrgcmg

Donnerstag, 19. Juli 1928

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2 Reich»mord und 20 Beichspfennig für Träger» lohn, and) bei Nlchter» scheinen einzelnerNummern infolge höherer Gewalt. Fernfprechans chlüsfe: 51. 54 und 112.

Anschrift für Drahtnach­richten: Anzeiger Oiehen. poflscheckfonto:

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Gietzener Anzeiger

General-Anzeiger für Oberhessen

VnrS «vd Verlag: vrLhl'sche Untoerfität$»Bnd) nnö Stemörudcrti R. Lange tn Sietzen. Schnstleitvng und Seschäftrftelle: Schulstraße 7.

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Lheftedaktenr

Dr. Fneör. Will). Gange. Verantwortlich für Politik Dr. Fr Wilh Gange für Feuilleton Dr H.Thyriot, für den übrigen Teil Ernst Dlumschein: für den An­zeigenteil Kurt hillmann, sämtlich in Gießen.

Mexiko nach der Ermordung des Präsidenten Obregon.

Das Schadbau« der ODelf hat Humboldt cmft Mexiko genannt. Petroleum sprudelt aus dem gebirgigen Boden dieses Landes, Daum- wolle ist eine in Mexiko einheimische Pflanze, Sisen findet sich in ungeheuren Mengen in dem mexikanischen Staat Durango, über tausend Kupferbergwerke sind in diesem von der Natur gesegneten Land in Betrieb. Mit der Kohle, die man in Mexiko gräbt, kann das Eisen deS Lande« verarbeitet werden: Edelsteine aller Art sind m beträchtlichen Mengen vorhanden. GS ist daher nicht erstaunlich, daß in den letzten Jahr­zehnten in diesem Lande große Der mögen entstanden sind, obwohl die natürlichen Schätze Mexiko« vorläusig erst in bescheidenem Mähe ou «gebeutet werden. Sin so reiches Land, das viermal so groß wie daS Deutsche Reich ist, aber nur von 16 Millionen Menschen bewohnt wird einem Viertel der Einwohnerschaft

Deutschland« mühte, so sollte man nun an­nehmen, eine wohlhabende Bevölkerung besitzen. Tatsächlich gehören die Mexikaner jedoch zu den ärmsten Leuten der Erde. Zweidrittel des mexikanischen Nationalvermögens sind in den Händen von Ausländern, und zwar überwiegend im Besitz von Bürgern der Ber­einigten Staaten: von dem letzten Drittel, das mexikanischen Staatsangehörigen verblieben ist, gehört ein großer Teil den Grohgrund- vesitzern, die über viel mehr Land verfügen, als sie zu verwalten verstehen. Fünfzehn Millio­nen Mexikaner friften kümmerlich ihr Leben, nähren sich von MaiS und schwarzen Bohnen: der einzige .Luxus" dieser Mischbevölkerung, in deren Adem das Blut von Indianern, Negern und Spaniern flieht, ist der Pulque, das mexi­kanische Nationalgetränk, das auS dem Saft von Agaven gebraut wird.

Man weih, wie unruhig das Leben in diesem Land der unausgeglichenen Gegensätze verläuft. In hundert Jahren sind vier Präsi­denten und ein Kaiser, der unglückliche Habs­burger Maximilian, erschossen worden, und di» Zahl der Revolutionen ist kaum noch sest- zustellen. da sich fast unaufhörlich wenigstens ein Landesteil im Aufruhr befindet. Der Kampf um die Agrarverf ass ung , der dringende Wunsch der IndioS, Boden zu erhalten das ist nur eine Ursache des unaufhörlichen Bür­gerkriege«. Sine andere Quelle der Beunruhi­gung sind die Bereinigten Staaten, die die Hegemonie in ganz Amerika an streben und sich häufig in die inneren Angelegenheiten ihres südlichen Nachbarn einmischen: sie unterstützen oft genug die Ausstände ihnen genehmer Gene­räle mit Geld und Waffen und trugen viel dazu bei. dah Mexiko nie zur Ruhe kam. Schließlich erschöpfte auch der Kirchenkon- f I i f t das Land, der die Katholiken zum be­waffneten Widerstand gegen die Regierung Sal- leS führte, wobei es zu schweren blutigen Zu­sammen stösten kam. Wenn auch nicht alles der Wahrheit entspricht, was tendenziöse Bericht­erstatter über die Unsicherheit in Mexiko zu melden wußten. so trifft es doch zu, dah der Fremde heute mit größerer Unbesorgtheit durch Persien oder Afghanistan reisen kann als durch die herrliche mexikanische Landschaft. Jeder Zug muhte seit Jahren von Militär begleitet wer­den, richtige Feldzüge wurden gegen ausstän­dige Stände und gegen Banditen zeneräle or­ganisiert. ohne dah es durch solche Gewalt­mittel gelungen wäre, das Land zu beruhigen.

Bor einem Jahre ist der W a h l k a in p f um die mexikanische Präftdentenwürde mit der Er­schießung des Generals Serrano er­öffnet worden. Nun gibt es in Mexiko sehr viele Generäle, und böswillige Europäer haben spöttisch versichert, daß in dieser Republik über­haupt kein anderer Offiziersrang mehr verliehen werde: wenn Serrano zwar nicht entfernt an Bedeutung mit dem ermordeten »eisernen Gene­ral" Obregon verglichen werden kann und ebenso wie einige andere erschossene Generäle nur ein kleiner Intrigant gewesen ist, so ist doch andererseits die Er chiehung dieses Mannes ein Zeichen dafür gewesen, wie sehr es in dem mexikanischen Bulkan noch immer brodelt. Biel- lei cht hätte Obregon, der .starke Mann", wenig­stens allmählich Ordnung schassen können. Ameri­kanische Zeitungen wollen wissen, daß es bei Obregons Wahl zum Präsidenten nicht immer mit rechten Dingen zugegangen sei, und es wird behauptet, daß der General z. B. bei der '21bftimn;ung in einer_ kleinen Siedlung von 507 Einwohnern 7456 Stimmen erhol en habe. Solche Dinge mögen Dorge'ommcn fein; aber Obregon, der soldatische Draufgänger. der in einer Schlacht seinen linken Arm verlor, erfreute sich in Mexiko so großer Beliebtheit, daß er zweifellos auch ohne ahnlite Machenschaften ge­wählt worden wäre. Sehr bezeichnend ist übri­gens weniger für den General Obregon als für die mexikanischen Zustände wie der er­mordete mexikanische Politiker feine Wahlen finanziert haben soll. General Obregon, der ja der Präsidentschaftskandidat der Regierungspartei war, brauchte für seine Wahlkampagne in kurzer Zeit 50 000 Pesos. Die Regierung beauftragte nun die Verkehrspolizei, diese Summe in drei Tagen aufzubringen. Am nächsten Tage erhielten die Autobesiyer von Mexiko Stadt fol­genden vorgedrucklen Zettel: »Sie haben am 16. November vorigen Jahres gegen die Ver­kehrsordnung verstoßen. Der Verkehrspolizist an der Ecke Avenida Iuarez und Daldaras hat

Sie angerufen, doch haben Sie seinen Anruf überhört, so daß nur ihre Nummer notiert wer­den konnte. Durch ein Versehen ist dieses Straf­mandat nicht früher abgeschickt worden. Da die Strafe längst fällig war. ersuchen wir Sie, innerhalb von vierundzwanzigStun- den 30 Pesos bei der Kaffe des Verkehrs- dezemates zu bezahlen. Bei einer Verzögerung erhöht sich die Strafe täglich um das Doppelte."

Kopfschüttelnd erfährt der Ausländer von sol­chen Berwaltungzunfitten eines Staates, der seit über hundert Jahren politisch selbständig ist. Sucht man von einem Mexikaner Aufklärung darüber zu erhalten, wie derartige Zustände möglich seien, so wird der Neugierige darüber belehrt, daß Mexiko ganz besonders schwierige Probleme zu lösen habe. Probleme, die kein Fremder versteht und die mit der besonderen Struktur und der eigentümlichen Ge­schichte des Landes zusammenhängen. Der mexi­kanische Intellektuelle neigt nämlich zu unfrucht­barem Grübeln: er sieht überall schwierige Fra­gen auftauchen und vergißt dabei, einfache Maß­nahmen zu ergreifen, die genügen würden, einen bestimmten Hebelftanb zu beheben. Einer der größten Widersprüche findet sich z. B. in der De Handlung des ausländischen Ka­pitals. Man gibt zu. daß die mexikanische Wirtschaft dringend ausländisches Kapital braucht: aber während man die fremden Kapi­talisten zur Hergabe von Geld auffordert, ver­ärgert man sie gleichzeitig auf jede Weise, be­steuert sie befonber«, gibt Me Parole aus: »Mexi­ko den Mexikanern" und jagt damit den schwächeren Teil der Fremden aus dem Land, wahrend die Amerikaner, die sich aus chre große Macht stützen können, bleiben.

Bon den sechstausend Deutschen, die zur Zeit in Mexiko leben, möchte mancher gern wie­der in die Heimat zurück, wenn er e« ohne den Verlust seine« Vermögen« tun könnte. Dabei gehören die Deutschen zu den Ausländern, die in Mexiko verhältnismäßig gern gesehen wer­den, und dre Deutschfreundlichkeit der mexikani­schen Regierung ist sprichwörtlich. Hat doch Prä­sident EalleS. der vor ein paar Jahren in Deutschland zur Kur weilte, stets versucht, die wirtschaftlichen und kulturellen Bande zum Deut­schen Reich fester zu knüpfen, und vor wenigen Monaten hat er der deutschen Wissenschaft eine große Schenkung gemacht. Im Anfang des vori­gen Jahre« ging Dr. Hagen, der Privat- dvzent an der Universität Marburg ist, nach Mexiko, um dort wissenschaftliches Material zu sammeln: er wurde bei seinen Arbeiten von dem Präsidenten in der großzügigsten Weise unter­stützt. Die Behörden ver schafft en chm über 7000 Bände mexikanischer wissenschaftlicher Literatur und eine große Anzahl von Broschüren, Zei­tungen und Zeitschriften, die die Grundlage der kürzlich in Deutschland eingerichteten Mexiko- Bibliothek bilden. Außerdem versprachen die mexikanischen Ministerien, noch eine Samm­lung der Naturprodukte des Landes an­zulegen; sie haben diese« Versprechen gehalten, und auch diese Sammlung ist inzwischen in Deutschlaich angelangt.

So sehr sich die Mexikaner ebenso wie die Südamerikaner bemühen, durch die Forderung wissenschaslllcher Arbeiten zu beweisen, daß sie ein Kulturvolk sind, so wenig gelingt ihnen dieser Beweis auf politischem Gebiet. Man hatte ge- hofst. daß der mexikanische »Kulturkampf", der von der ganzen Welt mit großer Aufmerksamkeit verfolgt wurde, allmählich s ein Ende finden würde, und daß im Anschluß daran auch die wichtigsten anderen mexikanischen Probleme un­ter der energischen Führung von Obregon ver­schwinden könnten, so dah der Weg zur Ausbeu­tung der natürlichen Reichtümer frei geworden wäre. Durch den Schuß, der jetzt auf den General Obregon abgefeuert worden ist. find alle diese Hoffnungen vernichtet worden, und es ist nicht ausgeschlossen, daß Mexiko vor einer neuen blutigen und aufwühlenden Revo­lution steht. F. E. Dillinger.

Obregons Leiche in seine Heimat übergesührt.

Mexiko, 18. Juli. (WTD.) Die Leiche des ermordeten Präsidenten Obregon war die ganze Nacht über im Nationalpalast auf* gebahrt. Zahlreiche Leidtragende aller Dolks- schichten zogen an dem Katafalk vorbei. Heute vormittag geleitete ein Trauerzug mit Präsident Calles an der Spitze die Leiche nach dem Bahn­hof. wo ein Sonderzug bereitst and, der unter dem Schutz einer starken Wilitäreskorte den Sarg nach Obregons Heimat Sonora beförderte.

Während sich der Trauerzug durch die dichten Dolksmassen bewegte, die die Straßen Mexikos erfüllten, machte sich die Erregung über das Attentat in gedämpften Kundgebungen der Em­pörung und des Zornes Luft. Der nationale Arbeiterverband und der Leiter des Wahlle'd- zuges für Obregon, Aaron Saons. hatten A u f- rufc eriassen, in denen zur Des menheit er­mahnt und aufgeforbert wurde, oas Ergebms der Untersuchung über das Attentat abzuwarten. Es ist auch tatsächlich zu keinen Zwischenfällen gekommen. Obregon wird auf dem kleinen Fried­hof seines Wohnsitzes in Sonora beigesetzt werden. Seine Leiche ist mit der Gala-Uniform bekleidet.

der Sarg mit einer mexikanischen Fahne bedeckt, die von einer der Frauen seiner Partei an- gefertigt worden war und am Tage des Amts­antrittes Obregon« auf dem Nationalpalast ge­hißt werden sollte.

Oie Untersuchung.

Eine Kundgebung deS Präsidenten CallcS.

Mexiko. 18.3uli. (IDIB. Junffprudj.) Prä­sident Lottes hot eine Kundgebung erlassen, die besagt, der Mörder des General» Obregon habe eingestanden, dah der Beweggrund seines ver­brechens religiöser Fanatismus gewesen sei. Präsident Callc» versichert, dos in den Händen der Regierung befindliche Veweismalerial zeige, daßeine klerikale Aktion" in unmittel­barem Zusammenhang mit der Tat bestehe. Am Schlüße der Erklärung heißt es, die Regierung werde auch verfassungswidrige Talen mit dem Tode ahnden.

Präsiden! Calles beabsichtigt nicht, eine weitere Periode Präsident zu bleiben, fjeute abend wurde gemeldet, dah die Polizei fünf Männer ver­haftet Hobe, die an der Verschwörung gegen Obregon beteiligt gewesen seien und dah der Mör­der jetzt seinen Namen mit 3 o f £ de Ceon angibt. Der Eigentümer des Restaurants, in dem Obregon getötet wurde, und zwölf Angestellte wur­den von der Polizei ebenfalls verhaftet und in Untersuchungshaft geführt. Präsident Lalles er­

nannte zum Nachfolger de» bisherigen Polizeiä^s» General Roberto Cruz den General Antonio Rios Zertuche, der mit Obregon befreundet war. Ein anderer Anhänger Obregon», Arthurs Drei, wurde zum Generalsekretär des Pallzei- hauptquartler» ernannt. Der Exekutloausschuh der Arbeiterpartei, unter dem Vorsitz von £ul» Moro- nes. der ein politischer Gegner Obregon» ist. pro­testierte im Namen der Arbeiteroerbände mit Nach­druck gegendiese scheußliche Mordtat". Der Mörder Obregons erklärte dem Präsidenten Calles, der ihn persönlich verhörte, e» sei nutz­los, ihn zu irgendeinem Geständnis zwingen zu wollen. Denn er entschlossen genug gewesen sei, Obregon vor Hunderten seiner Anhänger zu töten in dem vollen Bewußtsein, dah die» seinen eigenen Tod bedeute, so sei er jetzt auch entschlossen genug, nicht» auszusagen.

Neuyorker Blätter ergänzen den bereits gemel­deten Tatbestand de» Morde» durch weitere Einzel­heiten. in denen der Mörder als ein ärmlich ge­kleideter, bleicher junger Mann beschrieben wird, der sich Obregon in höflicher weise mit abge­nommenem f) u t näherte. 3n dem hu! hatte der Mörder die Schußwaffe verborgen. Er hatte vorher Teilnehmer an dem Bankett mit rasch skizzierten Karrikaturen der Gäste un­terhalten, so daß kaum ein verdacht entstand, al» er zu Obregon heran trat.

Der Posträuber Hein zum Tode verurteilt

Schluß der Beweisaufnahme.

Koburg, 18.Juli. (WD.) Im Prozeß Hein wurde heute als erster Zeuge der Gendarmerie- Wachtmeister Georg Schmidt aus Untersiemau vernommen, der feinen Zusammenstoß mit Hein schilderte. Bei der Schießerei wurde weder Hein noch Schmidt verletzt. Nach der Aussage deS Zeugen Schmidt bestreitet der Angeklagte Hein, daß er den ersten Schuh abgegeben habe. Zeuge Schmidt bleibt aber dabet, dah Hein zuerst geschossen habe.

Der Untersuchungsrichter, Landgerichtsrat P f i ß n e r (Koburg), gibt an, Hein sei immer ruhig gewesen und habe klare, bestimmte Angaben gemacht. Er habe nie gesagt, daß er sich an Einzelheiten nicht erinnern könne. Als Motiv erklärt Hein, in allen Fallen habe er nur die Hindernisse beseitigen wollen, die seiner Flucht entgegenstanden und habe sich keine Gedanken über die Folgen gemacht. Hein habe auch nicht in Abrede gestellt, daß er d i e Absicht hatte, bei Derfolgungen von seiner Waffe Gebrauch zu machen. Dorsitzender zum Angeklagten: »Sie haben doch die Pistolen zu dem Zwecke mite geschleppt, unter allen Umständen Ihre Frei­heit zu retten. Angell.: »Ich hatte keine Ge­danken für das, was ich mitführte. Ich wußte bei den ganzen Derfolgungen nicht, was ich machen sollte/

Es folgte die Vernehmung des psychiatri­schen Sachverständigen über den Geistes­zustand des Angeklagten Hein. Wcdizinalrat Dr. H a r t i g - Koburg führt aus: »Hein war arbeit­sam und allgemein beliebt. Sobald Lärm in Jena erschien, änderte sich das ganze Wesen des Hein. Lärm ist affektlabil. Er ist ein fanati­scher Hasser der P ol igel Es ist möglich, daß er auf Hein einen unheilvollen Einfluß ausgeübt hat. Hein ist leidenschaftlicher Sport­liebhaber. kein Trinker und kein Raucher. Er hat sich von Lärm beeinflussen lassen. Hein hat mir gesagt", so fährt der Sachverstän­dige fort, »dah er bittere Reue über seine Taten empfinde. Ein krankhafter As ett liegt bei Hein nicht vor. Ich schließe bet Hein Geisteslrankheit, krankhafte Affekte und Haftpfycho e aus. Ich schließe die Voraussetzungen des § 51 in vollem Umfange aus.

Der Staatsanwalt beantragt die Todesstrafe.

In der Nachmittagsfitzung begründete Staatsan- walt Dr. Leimer in längeren Ausführungen den Strafantrag. Die sozialen Verhältnisse, unter denen Hein heranwuchs, könnten nicht zur Erklärung sei­ner Taten herangezogen werden. Man könne auch nicht sagen, daß das Verhaften der Polizeiorgane ihn zu feinen Taten getrieben habe. Harmloser und argloser könne keiner von der Polizei angegriffen werden, als Hein von der Jenaer und noch mehr von der Plauener Polizei. Sicher sei, daß Hein durch Lärm verdorben worden ist, jedoch sei die Beeinflußung durch Lärm nicht so stark ge­wesen, daß man sagen könnte, Hein habe Menschen umgebracht, well er einmal vorher unter dem Einstuß Lärms gestanden habe. Notwehr komme nicht in Frage; auch ein Vergehen gegen § 214 St. G. B. sei ausgeschlossen, da -ftein nicht auf frischer Tat verfolgt wurde. Don Totschlag könne gleichfalls keine Rede sein. Lediglich v o r s ä tz - liche Tötung, ausgeführt mit lieber»

l e g u n g , komme in Frage.Wer es fertig bringt," betonte der Staatsanwalt,non elf Schüssen elf Treffer zu schießen, wer auf einen Umsallenden und bereits am Boden Kauernden noch einen Schuß abgibt, der will nicht nur verletzen, sondern töten." Hein habe sich also des überlegten Mordes und, soweit die Schüsse nicht zum Tode führten, des Mordver­suches schuldig gemacht. Er beantrage daher wegen Mordes in drei Fällen dreimal dle Todes» strafe, wegen Mordversuches in zwei Fällen eine Zuchthausstrafe von fünfzehn Jahren, ferner Aberkennung der bürgerlichen Ehrenrechte auf Lebensdauer.

Der Verteidiger bestreitet jede fteberlegung.

Der Verteidiger Iustizrat Dr. Fränkel führte aus, der Angeklagte habe traurige läge und Wochen im Elternhaus verlebt, aber trotzdem in feiner Ju­gend hohen, sittlichen Ernst bekundet. Es stehe fest, daß Lärm den Hein verführt, und der An- geklagte in einem Hörigkeitsverhältnis zu Lärm gestanden habe. Der Verteidiger bespricht dann die drei Fälle und bestreitet jede Ueberlegung des Angeklagten. Es wäre ein gefährlicher Justiz­irrtum, wenn man die Mordfrage bejahte. Der An­geklagte fpiele keine Komödie und fei tatsächlich von tiefer Reue erfüllt. Der Verteidiger schließt mit den Worten:Auch in dem Angeklagten ist noch ein Licht, und von dem Gericht hängt es ab, ob dieses Licht erlischt oder ob es leuchten wird zu seinem und anderer Besten."

Der Angeklagte He i n sagt in stockender Weise: Aus den Verhandlungen sehe ich erst richtig ein, was ich gemacht habe. Es ist mir vorher nicht richtig bewußt gewesen. Ich weiß heute noch nicht, wie icy zum Verbrecher geworden bin. Wenn dieser Zustand eintritt, wo ich gestellt werde, dann habe ich das Ge­fühl wie ein Ertrinkender, der nach dem Strohhalm greift. Ich weiß gar nicht, wie ich dazu gekommen bin. Weiter weiß ich nichts zu sagen." Das Gericht zieht sich sodann zur Beratung zurück.

Das Todesufteil.

Gegen rigio Uhr abend« wird das Urteil ge­fällt Hein wurde zweimal zum Tode, zu 15 Jahren Zuchthaus und außerdem zu der üblichen Nebenstrafe, der Aberkennung der bür­gerlichen Ehrenrechte auf Lebenszeit, verurteilt.

In der Begründung des Urteils führte der Vorsitzende u. a. aus:

»Wenn Hein, der früher ein braver, arbeitsamer Mann war, von einem Verbrechen zum anderen überging, so geschah das, weil erdem unheil­vollen Einfluß seines Freundes Lärm unterlegen ist. Als Lärm hier alS Zeuge vernommen wurde, kämpfte er einen schwe­ren inneren Kampf und er belastete sich lelbft, um seinen Freund zu entlasten. Eine solche Zeugenaussage kann nicht zur Grundlage des Urteils gemacht werden. Hein hat sich durch­aus nicht so widerwillig an den vielen Straftaten des Lärm beteiligt. Er ist in vielen Fällen sehr aktiv dabei tätig gewesen. Das gilt vor allem für die schweren Verbrechen in Klosterlausnitz und Ohligs. In Ohligs war er es, der. auf dem Tisch stehend, kaltblütig den Beamten von hinten erschoß- Das ge­schah nach der furchtbaren Bluttat in Jena. Sein Motiv war nicht Haß gegen die Polizei, sondern in Ohligs unZ> in vielen anderen Fällen rücksichts­lose Rachgier und der Entschluß, ohne Rücksicht