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Itt. 16 Drittes Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)
Die Reichsgründungsfeier in -er Llniverfiiäi
Die Wiederkehr des Tages der deutschen Reichsgründung wurde am gestrigen Mittwochvormittag durch einen akademischen Festakt in der Reuen Aula würdig begangen. Unter den geladenen Gästen, die sich im festlich geschmückten Saale zusammengefunden hatten, bemerkte man zahlreiche Vertreter der Behörden, sowie eine Reihe markanter Persönlichkeiten aus der Gießener Bürgerschaft und der hiesigen Garnison. Auf der Empore hatten die studentischen Korporationen mit ihren Fahnen Platz genommen und boten im Verein mit den tn der vorderen Saalhälfte sitzenden Chargierten in WiHs ein buntes und malerisches Bild.
Die Feier wurde nach einem Orgelvorspiel in üblicher Weise durch den Einzug des akademischen Senates eröffnet. Hierauf brachte der Akademische Gesangverein den Chor »Herr unser Herrscher" von 3oh. Seb. Bach zum Vortrag. Als die feierlich-ernste Weise verklungen war, erhob sich
Se. Magnifizenz der Rektor, Professor Or. Rosenberg zu folgender Ansprache:
Hochansehnliche Festversammlung! Verehrte Herren Kollegen!
Liebe KommilitonenI
An allen deutschen Hochschulen werden an diesem Tage Feiern zum Gedenken an die Reichsgründung abgehalten, aber auch nur an den Hochschulen. Sollte das nicht einen tieferen Grund haben? In der Tat dars man es als den besonderen Beruf der deutschen Hochschulen bezeichnen, die lang ersehnte und endlich errungene Einheit des Reiches zu feiern, weil imifere Universitäten von jeher sich als die oorncchmsten Träger des deutschen Einheitsgedan- kens gefühlt und bewährt haben. Der Zug zum nationalen Ganzen war von vornherein ein Hnmdzug ihres Wesens geworden und gewesen, niemals war eine Universität nur für die eigenen Landeskinder errichtet worden, die besten Lehrer aus allen deutschen Ländern zu gewinnen und dadurch den Glanz der eigenen Hoch- ichule zu erhöhen, das war säst stets der schöne Ehrgeiz der Landesfürsten. Und war nicht die Wissenschaft, deren Pflege die schönste Aufgabe der Universitäten war, frei von partikularistischen Hem- nungen und gerade dadurch ein Band der Einheit von höchster Bedeutung? Immer wurde die Wis- sen-schaft als eine oemeindeutsche Angelegenheit empfunden, und nie ist der Versuch gemacht rvor« )en, ihr eine in den Landesfarben gehaltene Zwangsjacke anzulegen. Das beste Beispiel dafür bieten die juristischen Fakultäten, deren Tätigkeit Jahrhunderte hindurch fast ausschließlich der Pflege -Ses im ganzen Reiche geltenden Rechtes gewidmet n>or. So waren in dem in zahllose Länder auscin- -anderklaffenden Deutschland schon zu einer Zeit, wo niemand die politische Einigung auch nur zu denken wagte, die Universitäten die selbstverständlichen Träger eines nationalen deutschen Gedankens. Be- Rvußte Vorkämpfer dieses Gedankens aber wurden sie im Ansang des 19. Jahrhunderts, als es galt, das Joch Napoleons von Deutschland abzuschütteln. Damals waren die Universitäten die Herdstätten edelsten nationalen Feuers, damals hielt Fichte in Berlin feine Reden an die deutsche Nation, unb Lrnst Moritz Arndt hat vor allem die Herzen der akademischen Jugend mit vaterländischem Freiheits- Oesiihl erfüllt. Nach der siegreichen Beendigung der Dreiheitskämpfe hat es sich durch die Zeit der Reaktion erhalten und gesteigert in der Forderung nach dem deutschen Einheitsstaat. Das neue Ideal txm der deutschen Volkseinheit wurde vor allem uon der studentischen Jugend gepflegt, dieselbe studentische Jugend hat durch ihre opfervolle Teilnahme an dem Kriege von .1870/71 dieses Ideal verwirklichen helfen und hat im Weltkriege das 1871 entstandene Reich mit bergeversetzender Begeisterung verteidigt. Uns allen ist daran die Erinnerung lebendig und soll es immer bleiben. So haben die deutschen Universitäten die Pflicht, heute der Reichsgründung zu gedenken. Nicht um trauernd der vergangenfyeit nachzusinnen, sondern um □us der Vergangenheit die Kraft zu gewinnen, die Gegen mart zu ertragen und die Zuversicht zu
Es zogen drei Burschen lvohl über den Mein ....
Roman von Erica Grupe-Lörcher.
21. Fortsetzung. Nachdruck verboten.
„Wäre es dann möglich, daß sie auch einmal ins Elsaß kämen, Schwester Wendula? Vielleicht gar mal nach Straßburg?"
Sie war inzwischen näher herangekommen und s-ah auf Raymond herab: „Es wäre nicht unmöglich, Herr von Welzin. Ich wünschte es fast. Denn i d) kenne Straßburg und habe dort mein Pensions- j>chr verlebt."
_ „Köstlich ist's. Sie könnten zum Herbst kommen, Schwester Wendula. Wenn vom Rhein her all die frirten Silberschleier aufsteigen. Wenn die feinen (Gespinste vom Altweibersommer durch die klare Lüft fliegen und die weiten Wiesenmatten einen Ha Teppich von Herbstzeitlosen tragen."
Nach einer Weile meinte Dietmar! halb gepreßt, tzüb sehnsuchtsvoll: „Wer weiß, vielleicht sind wir alle zum Herbst wieder zu Hatrse."
Und es war Melusine, die diesen Seufzer am wenigsten qualvoll mitempfand.--
Am Nachmittag betrat Melusine abermals das Ams der Familie Bouvier. Sie sah, man fyatte ihr Kommen erwartet. Auf ihr Klingeln an der Haus- itir eilte ihr der junge Monsieur Jean Paul entgegen und hieß sie mit einer Lebhaftigkeit und Galanterie eentreten, die ihr schmeichelte, weil sie ihr seine Ungeduld, sie wiederzusehen, offenbarte. Auch die beiden alten Herrschaften, die durch die Eintönigkeit des Kriegselends in der für die Einwohner völlig angeschnittenen Stadt in letzter Zeit in eine förmliche Lethargie versunken waren, fühlten sich durch die Anwesenheit des jungen Mädchens mächtig belebt.
Melusine wurde auf den Ehrenplatz des Zimmers konplimentiert. Sie fühlte in jedem Zoll, in jedem Klick, in jedem Wort, wie man sie in diesem Haufe vollkommen als zur französischen Seite gehörend, betrachtete.
Der alte Herr entnahm dem Büfett mit einiger Würde einige Flaschen Rotwein, stellte sie auf Die
schöpfen, daß es auch aus dieser Zeit der Not wieder einen Aufstieg geben wird, wie ihn das deutsche Volk immer wieder erreicht und erarbeitet hat. Aber die Errettung aus unserer Not kann mir vom deutschen Geiste ausgeben, als dem vornehmsten Bannerträger des Reiches, dessen Geburtstag wir heute begehen. Der deutsche Geist hat den deutschen Staat gewollt und gerufen. Es ist kein Zweifel, das staatsmännische Genie eines Bismarck hätte das Reich nicht gründen können, wenn ihm nicht der deutsche Geist entscheidend vorgearbeitet hätte. Die Pflegestätten solchen Geistes aber, die Universitäten, feiern die Reichsgründung als die Erfüllung einer vom deutschen Geiste auf gestellten und getragenen Forderung. Wenn ober deutsche Universitäten eine akademische Feier begehen, dann lassen sie sie zu einer Kundgebung des Geistes der Wissenschaft werden.
Der Rektor bat darauf den Geographen der Landesuniversität,
Prof. Or. Kluie,
das Wort zu seiner Festrede zu ergreifen, einem Fachvortrage über die Getreideländer der Erde, dessen Zusammenhang mit dem Gegenstände der Feier und mit dem Problem unseres Wiederaufbaues dein aufmerksamen Hörer nicht entgangen sein dürfte.
Der Redner führte ungefähr folgendes aus: Die Ackerbaugebiete der Alten Welt liegen im subtropischen Gürtel, wo auch die europäischen Getreidearten größtenteils ihre Heimat haben. Hier begann der Mensch früh mit deren Kultur, und es ist deshalb begreiflich, daß hie Entwicklung in der frühsten Zeit hier ihren Höhepunkt erreichte. Für die Kulturentwicklung überhaupt kamen besonders die großen Stromgebiete in Betracht, deren äleberschwemmungsländer zuerst ausgenutzt wurden, und wo man später zur künstlichen Bewässerung schritt. Die künstliche Bewässerung ernährte zuerst eine große 'Menschenmenge auf engem Raum, und hier finden wir deshalb auch größere Staatenbildungen wie in Aegypten, Babylonien, am Indus und bis hinein nach China. Von hier schreitet die Kulturentwicklung in das westliche Mittelmeer weiter. Bei den Griechen und Römern ist der Ackerbau die Hauptgrundlage für die Wirtschaft des Staates. Für die frühere griechische Ausbreitung war das Meer günstig, und so haben die Griechen als Handels- und Seefahrervolk sich weit ausgebreitet und Kolonien gegründet, die vom Schwarzen Meer über Kleinasien nach Anter-Italien und Sizilien, ja sogar bis Marseille reichten. Es ist wichtig, zu betonen, daß diese Kolonien vom Ackerbau lebten und auf Grund einer ausgezeichneten Bodenkultur stark wuchsen. Die Römer, welche politisch die Rach- folger Griechenlands waren, haben noch intensiver kolonisiert. Während die griechischen Kolonien Fein zusammenhängendes Gebiet bedeckten, hat sich der römische Staat langsam aus seiner Keimzelle, dem alten Rom, über ganz Italien ausgebreitet und von hier das geschlossene, zusammenhängende Gebiet des römischen Weltreiches erobert und kolonisiert. Dis nach Britannien finden wir römische Straßen u»d römische Flureinteilung, und im Rorden Afrikas sehen wir noch die großen Wasserleitungen der Römer bis gegen die Wüsten Vordringen. Wir finden hier, wie schon in Griechenland, die Einfuhr von Getreide, und im Rückgang des römischen Bauerntums liegt einer der Gründe des Antergangs des römischen Reiches. Mit der Gründung der germanischen Reiche setzte auch hier eine intensive Ackerbauperiode ein. Dies zeigt sich sowohl durch die Rodungen der bewaldeten Teile, wie auch durch die Kolonisation des dünn besiedelten slawischen Ostens, wobei die deutschen Kolonisten auch hier die Waldgebiete rodeten und die breiten sumpfigen Flußebenen in Kulturländer verwandelten. 3m Zeitalter der Entdeckungen wurde Dem europäischen Kulturkreis mehr als ein Drittel der Landoberslüche der Erde neu erschlossen. Zuerst wendete man sich allerdings mehr den tropischen Gebieten zu, weil ihr Handel mit Gewürzen und seltenen Gegenständen damals lohnte. Der
von Madame Bouvier hingeschobenen silbernen Untersätze und begann, die erste Flasche aufzuziehen. Was konnte ein Franzose seinem Besuche Besseres und Selbstverständlicheres servieren als den herrlichen französischen Wein?
Melusine drehte mit ihrer schlanken, schön geformten Hand die Etikette auf der Flasche zu sich herum. „Ah!" meinte sie dann verständnisvoll, „ich kenne die Marke, Monsieur Bouvier! Auch meine Großmutter hat sie im Keller liegen!" In Gedanken setzte sie hinzu, daß die alte Baronin in ihrem Leben noch nie einen Tropfen Rhein- oder Moselwein über ihre Lippen gebracht und ausschließlich französische Weine und von den elsässischen Weinen nur die edelsten Marken in ihrem Keller lagern Durften.
Monsieur Bouvier strich mit einer leichten Ver- schmitzheit Die herabhängenden Enden seines graumelierten Schnurrbartes. „Mademoiselle, mit diesem Wein hat es seine Bewandtnis! Wir haben ihn jetzt vier Jahre lang im Garten draußen vergraben! Ihnen Darf ich Das anvertrauen! Das weiß ich. — Ja, vergraben, Denn Die deutschen Soldaten bekommen auch Durst, wenn sie eine gute Marke sehen! — Also — ?"
Monsieur Jean Paul hatte inzwischen vier Gläser hervorgeholt und sah nun neben Melusine. Während sie sich mit seinem Großvater unterhielt, ruhte fein Blick unverwandt auf ihren hübschen Händen. Parbleu, hatte diese junge Dame entzückend Hände! Wenn ein glückseliger Moment ihm Die Gunst schenken würde, 'daß er diese Hand zum Kuß an die Lippen ziehen Durfte?
Und wie anmutig sie zweifellos mit diesen eleganten, beweglich - graziösen Händen Klavier zu spielen verstand!
Dann übernahm er Das Amt des Einschenkens. Er bot Melusine ihr Glas und nahm die Gelegenheit wahr, ihr dabei kurz und tief in die Augen zu blicken. So feurig, fast umwerbend, daß sie für Sekunden in ihrer Unterhaltung mit den beiden Alten stutzte, um Den Ausdruck seines Blickes erst, zu überwinden.
„älavötre!" meinte er nun, ihr beim gegenseitigen Anstoßen das Glas entgegenreiche«,d. Dabei sah sie ihm zum ersten Male voll und aufmerksam ins Gesicht. Es war ein ausgesprochen süd- französischer Typus. Eine etwas matte, gelbliche
Getreidebedarf wurde von den meisten Ländern noch in der Heimat gedeckt, und wo dies nicht der Fall war, wie in Skandinavien und den Ostseeländern, wurde Getreide aus den deutschen Ostseegebieten eingeführt. Die heute so wichtigen Siedelungsgebiete der neuen Welt waren damals noch wenig erschlossen und ihre Entwicklung begann erst mit der Befreiung der Reu-England- Staaten und Südamerikas. Bedeutend wird der wirtschaftliche Aufschwung dagegen erst mit der Entwicklung der europäischen Industriestaaten, die über die Devölkerungszahl hinauswachsen, die sie aus eigenem Boden ernähren können. Damit beginnt der stärkere Getreidebau in den Vereinigten Staaten und die Getreideausfuhr nach England und Deutschland. Die Vereinigten Staaten, Rußland und Rumänien deckten am Ende des vorigen 3ahrhunderts den Hauptbedarf, und ihnen schloß sich zu Beginn des neuen Jahrhunderts noch Kanada und Australien an. Durch Den Krieg hat die Entwicklung der außereuropäischen Getreideländer einen sprungartigen Aufschwung genommen, während die Getreideländer der alten Welt alle in ihrem Anbau wesentlich zurückgingen. 3m 3ahre 1924 hatten deshalb die Vereinigten Staaten, Argentinien, Kanada und Australien ft/10 der gesamten Weltausfuhr, während Rußland, das vor dem Kriege mit 31 Prozent beteiligt war, auf 4 Prozent herabsank. Diese durch den Krieg hervor- gebrachte Begünstigung des überseeischen Ackerbaues hat sich im 3ahre 1926 für Kanada noch gesteigert, das jetzt 40 Prozent der Weltaus- suhr besitzt, während die Vereinigten Staaten und Argentinien etwas zurückgegangen sind, und Rußland und Rumänien sich nur langsam zu erholen beginnen. Für England, das Haupteinsuhrland für Getreide, ist es wichtig, daß es seinen Getreidebedarf aus seinen eigenen Kolonien decken farm. Für Deutschland, das aus seinem eigenen Lande nur 2/s seiner Bevölkerung ernähren kann, ist ebenfalls Einfuhr nötig, die es sowohl aus ileberfee wie auch bei einer Hebung Rußlands wieder von letzterem beziehen kann. Die Hebung der russischen Getreideausfuhr würde gleichzeitig eine Hebung der Einfuhr von 3ndustriewaren nach Rußland bedeuten, Die für Deutschland nicht ungünstig ist. Von unserem eigenen Standpunkt betrachtet, erscheint aber als wesentlich, daß der heimische Anbau stark gehoben wird. Wir nähern uns allerdings den Vorkriegszahlen für Produktion und Ertrag der Fläche wieder, doch scheint es möglich, nachdem wir die künstlichen Düngemittel, durch den Krieg gezwungen, im eigenen Lande erzeugen, daß eine Steigerung des Ertrages stattfindet, die unsere Crnährungsansprüche nahezu erreicht. Andererseits haben wir nicht allein aus Gründen der Ernährung ein 3nteresse daran, unserer hochentwickelten 3ndustrie eine hochentwickelte Landwirtschaft gegenüberzustellen, sondern nach obigen Betrachtungen müssen wir die Landwirtschaft auch als gesunde Keimzelle der Volkskraft ansehen, die durch ihre Gebundenheit an die Scholle auch gleichzeitig die Liebe zur Heimat und zum Vaterlande in sich trägt
Als der Redner geendet hatte, ergriff
<5>e. Magnifizenz der Rektor, Professor Or. Rosenberg
noch einmal das Wort zu einer kurzen Schluß- ansprache, in der etwa folgendes gesagt wurde:
Wer im Buche der deutschen Geschichte zu lesen vermag, ist imstande, mehr als nur einen Hoffnungsstrahl aufzuzeigen. 3n dem unablässigen Auf und Ab unserer Staatsgeschichte predigen viele, unserer heutigen Situation ähnliche Lagen das Wort: Wir heißen euch hoffen! Wie ost hat es schon so ausgesehen, als wäre es zu Ende mit dem deutschen Volke. Denken Sie an die Beendigung des 30jährigen Krieges, denken Sie an 1807, als fremde Zhrannenmacht ganz Deutschland unterjocht hatte. 3mmer wieder hat das deutsche Volk mit seiner zähen Lebenskraft und seiner unverwüstlichen Tüchtigkeit sich
Gesichtsfarbe. Die Form des Gesichtes oval, besonders das Kinn von weicher Rundung. Schön gezeichnete, blutrote Lippen, mit einem kleinen, kecken schwarzen Schnurrbart. Am meisten fielen in diesen Zügen Die Augen auf. Wundervolle Augen von sammetschwarzem Glanze. Etwas mandelförmig geschnitten. Sie verliehen Dem ganzen Gesicht etwas bei einem Mann ungewöhnlich Be- strickeirdes. Und in gewisser Weise bestrickend war auch fein Organ. Sie tonnte sich kaum entsinnen, eine so herrliche Stimme gehört zu haben. Sie nahm sich vor, ihn nachher zu bitten, nochmals, und nun in ihrer Gegenwart, von jenen südfranzö- sisch'en Volksliedern zu singen, bei Denen sie ihn gestern unterbrochen.
Jetzt aber war erst ein gar feierlicher Moment Zu durchleben. Denn Monsieur Bouvier war am Tische als einziger stehengeblieben, hob sein Glas langsam in Die Höhe und sagte, nachdem er sich mit Der den Franzosen eigenen Verbindlichkeit zu den dreien nach verschiedenen Seiten hinüber- geneigt:
„Nun müssen wir noch ein besonderes Wohl aus= bringen! Auf Das Wohl Des Elsaß!"
Melusine erhob sich ohne Zögern. Sie reichte ihm ihr Glas entgegen. „Aus Das Wohl des Elsaß?" Daran Durfte auch sie teilnehmen!
Aber auch Die alte Dame stand nun auf. In ihren Zügen lag ein ergriffener Ernst. „Und daß wir bald dorthin zurückkehren können! Bald! Ja, bald! Ehe uns beiden Alten für immer Die Augen zufallen!"
Auch Monsieur Jean Paul reckte sich nun mit temperamentvoller Lebhaftigkeit auf, als hätten ihm die Großeltern aus der Seele gesprochen. Er hob sein Glas hoch empor.
„Und daß auch ich jenes herrliche Land kennenlernen werde! Das Elsaß! Ja, — auf Wiedersehen im Elsaß!"
„Auf ein Wiedersehen im Elsaß!" wiederholte er nochmals mit Betonung, als er bemerkte, wie Melusine ihr Glas jetzt langsam sinken ließ.
Das Gewissen rief ein Ablehnen in ihr wach. Mußten ihre eigenen Wünsche, ihre Hoffnungen, ihre Pflichten, den Wünschen dieser drei Menschen entgegenstehen?
Aber Der junge Monsieur Jean Paul fühlte mit Der leidenschaftlichen Feinnervigkeit einer erwachenden Neigung ihr inneres Zögern heraus. So drang
Donnerstag, 19. Januar 1928
erhoben und heraufgearbeitet zu besserem Lose und höheren Staatsmöglichkeiten.
Gs ist begreiflich, daß der ungeheuere Sturz im 3ahre 1918 uns im Tiefsten erschütterte. Das Werk Bismarcks, so hieß es, sei zerstört, und als einer Der Gründe dafür wurde Die Anklage gegen Bismarck erhoben, er habe das von ihm gegründete Reich auf seine Person zugeschnitten, und seine Rachfolger hätten mit Dem von ihm geschaffenen Staatsinstrument nicht arbeiten können. Wesentlich ist. daß Bismarcks Werk nicht zerstört ist, Denn Das Reich, Das mühsam erkämpfte, ist uns geblieben, unD Die Einheit von 1871 hat Der Katastrophe von 1918 stand- gehalten. Rur die Form ist zerschlagen, die uns zwar ans Herz gewachsen war, Die aber Bismarck unter anDeren ilmftänhen auch anders hätte schaffen können.
Von tröstlichem Interesse in diesem Zusammenhänge aber ist, daß auch 1806, nach dem Zusammenbruch des fridericianischen Staates, sich die Männer, Die hernach das Werk Der Befreiung vollbringen sollten, vor allem der Freiherr vom Stein, sich zu Friedrich Dem Großen in einem tiefen Gegensatz fühlten. Roch 1813 hat Ernst Moritz Arndt mit strengen Worten Persönlichkeit und Werk des großen Preußenkönigs verurteilt, weil er ein höheres 3deal an die Stelle des alten Staates setzen wollte. Uni) doch war Damals nur die F o r m zerbrochen, Der Geist aber erhalten, Der die Grundlage des neuen Staatsaufbaues wurde. Wir dürfen hoffen, daß auch das große Erleben des letzten Krieges zur Aussaat für die Zukunft werde und reiche Früchte trägt, wenn ihre Zeit gekommen ist. Schon jetzt zeigen sich Entwicklungslinien. die verheißungsvoll in Die Zukunft weisen. 3ch will nur zwei Davon erwähnen. Das eine ist, Daß Die Millionen unseres Arbeiterheeres, die im alten Reiche grollend beiseite standen, dem neuen Staatsgesühl gewonnen find, daß auch sie die Einheit und ilnabfjänglg- keit des Deutschen Reiches erstreben, weil auch sie erkannt haben, daß nur in einem freien und unabhängigen Deutschland ihre sittliche und wirtschaftliche Existenz gesichert ist.
UnD das andere ist Die Hoffnung auf die Wiedergewinnung Deutsch-Oesterreichs. Rur das Machtgebot Der Feinde hindert uns, das stammverwandte Oesterreich dem deutschen Einheitsstaat einzugliedern. Wir sind gewiß, daß Der Anschluß nur noch eine Frage Der Zeit ist, und daß Die von unseren Feinden aufgerichtete, künstliche Trennungslinie keinen längeren Bestand haben werde, als seinerzeit Die ebenso unnatürliche Mainlinie. Freilich, noch seufzen wir unter Den Lasten Des verlorenen Krieges, noch spiegeln sich im Deutschesten aller Ströme Die Waffen Ünserer FeinDe, unD noch fehlt viel, daß Der deutsche Rame in Der Welt wieDer mit Der alten Achtung genannt werde. UnD Dennoch: Stärker als Die Kriegsmaschinen Des FeinDes wird sich das Ethos eines Volkes erweisen. Das bereit ist. sich seine einigen unD unveräußerlichen Rechte vom Himmel herabzuholen. Aber auch unser Aufstieg kann nur eine Tat des Deutschen Geistes fein. UnD hier beginnt unsere Aufgabe und unsere Pflicht: Vor allem von Euch, Kommilitonen! Von heiligstem Verantwortungsgefühl Durchglüht müssen wir, müht 3hr Das 3Dea( unserer Volksgemeinschaft in uns, in Euch lebenDig erhalten. Die alte Staatsgesinnung müssen wir hineinpflanzen in unsere neue Staatsform. die Treue zum alten Reich betätigen in Treue und hingevender Arbeit für Das neue Reich. Die heutige Feierstunde würde zwecklos sein, wenn nicht jeder von uns, jeder von Euch, Kommilitonen, sich das Gelöbnis gäbe, die Vaterlandsliebe zu einem praktischen Postulat, zu einem neuen kategorischen Imperativ zu gestalten, und wahr zu machen, was unsere Nationalhymne preist, aber auch von uns fordert, Daß uns Deutschland über alles, über alles in der Welt steht. Zu diesem Gelöbnis, wollen wir Den ersten Vers des Deutschlandliedes fingen!
Rach Dem gemeinsamen Gesang des Deutschlandliedes brachte Der Akademische Gesangverein noch Den Choral „Was mein Gott will" von 3. S. B a ch zum Vortrag. Ein Orgel-Rachspiel ließ Pie nationale OeDentfeier toürDig ausklingen.
er nochmals in sie und bat nnb drängte in einer hinreißenden Wärme: „Auf ein Wiedersehen im Elsaß, Mademoiselle!"
Eine Feigheit, ein energieloses Nachgeben kam über Melusine. Sie redete sich ein, sie brauche im füllen ihre lleberzeugung und Versprechungen an Die Zukunft doch nicht zu ändern, wenn sie auch jetzt seinem Wunsche nachkäme. Schon aus Höflichkeit dieser Familie gegenüber, die sie so freundlich ausgenommen hatte, durfte sie jetzt keine offensickst- liche Opposition machen.
So ließ sie ihr Glas an dem | einigen erklingen. Aber ihre Lippen schwiegen, sie gaben feinen Ruf nicht zurück, und im Herzen brannte iyr dennoch die Mahmmg chres Bruders.
Dann plauderte man zwanglos, als fei man längst bekannt und feiere nur ein Wiedersehen. In Der Hauptsache drehte sich Das Gespräch um Straßburger Dinge. Das alte Paar erging sich in Erinnerungen, in denen die furchtbaren Brandnächte der sechswöchigen Belagerung Straßburgs eine große Rotte spielten. Man ließ sich von dem jungen Gaste die großen Veränderungen im Stadtbilde von Straßburg unter deutscher Zeit schildern und fragte nach diesen und jenen bekannten eingesessenen Familiennamen und wie jeder einzelne sich zu Den neuen Verhältnissen gestellt habe.
Der Refrain von Madame und Monsieur Bouvier war immer wieder: „O, wir werden schnell wieder in unserer alten Heimat im Elsaß vertraut werden! Und der Tag wird kommen!"
Deswegen lenkte Melusine nach einer Weile absichtlich von Der Unterhaltung ab, Die in der Hauptsache zwischen ihr und dem alten Ehepaar geführt wurde, da Monsieur Jean Paul Straßburg nicht kannte. Ob er ihr nicht ein wenig vorspielen wolle? Sie habe gestern schon beim Betreten des Hauses sein Klavierspiel bewundert.
Die Großmutter lächelte geschmeidig. Was Wunder! War doch ihr Enkel bereits ein wohlbestallter Professor der Musik, sie nannte eine mittelgroße Stadt in der Provence. Ja, Jean Paul Bouvier jun. spielte dort im Musikleben eine beherrschende Rolle, und er war todunglücklich, hier seit Jahr und Tag in dieser immerhin ziemlich dösigen Provinzstidt oberhalb der Champagne so eingeschlossen und von all den Interessen seines Berufes abgeschnitten zu sein.
(Fortsetzung folgt.)


