ITr. 296 Zweiter Blati
Hessischer Landtag.
Letzte L^zung vor den Wcisinachisfcrien.
D a r IN st a d t. 14. Dez. (Landespressedienst.) Präsident Detp eröffnet die Sitzung um 10.20 Uhr. Auf eine volksparteiliche Anfrage wegen Oeruchsbeläst igung durch die neuen Schwelwerke bei Trais-Horloff und Wölfersheim wird regierungsseitig mitgeteilt, die Geruchsbelästigung insbesondere auch mit Rücksicht auf Dad°Rauhelm, fei genauestens geprüft worden, doch dürfe erwartet werden, dah die getroffenen Maßnahmen ausreichten, um lästige Auswirkungen des Schwelwerles zu verhüten. — Der Antrag Glaser (Bbd.) betr. Entwässerung der Riederungsgebiete in Hes- s e n wird angenommen. Die Kosten für die Ent- wäs'ceungspumpwerke werden danach in Zukunft auf die Staatskasse übernommen.
Auch die Llbstimmung über das neue Kirchen- steuergeseh ergibt Annahme in erster Lesung. Bei der zweiten Lesung dieses Gesetzes wendet sich Abg. Kaul (Soz.) gegen die Erklärung des Landbundes, daß er gegen das Kirchensteuer- ge'eh stimmen werde, wenn der Antrag Dr. Müller (Bbd.) abgelehnt werde. Dieses Vorgehen kennzeichne die Kirchenfeindlichkeit des Landbundes. Abg. Dr. Leuch t gen s (Bbd.) wendet sich gegen den Vorredner und erklärt, dah dec Landdund mit dein Antrag Dr. Müllers eine Ungerechtigkeit beseitigen wolle. Mit dem Gesetz werde ein Kotau vor dem reichen Manne ge- | macht, denn die Kapitalvermögenssteuer bleibe ohne kirchlichen Zuschuß. Der arme Dauer und Gewerbetreibende dagegen werde zur Kirchensteuer herangezogen. Rach weiteren Gegenbemerkungen der Abgeordneten Heinstadt (Zentr.) tmb Dr. Müller (Vbd.) wird das Gesetz auch in zweiter Lesung gegen die Stimmen des Land- bund's und der Kommunisten angerwmmen. Der Dmdbundantrag verfällt der Ablehnung.
Das Haus beginnt dann mit der Beratung der Reg.erungsvorlage betr. Ka p i ta l e rh ö h un-g für die Wohnungsfürsorge-Gesell- schäft für Hessen von 40 000 auf 200 000 Mk. Auf eine Reihe von Beschwerden, die der Abg. Haury (Dt. Vp.) gegen die Geschäftsführung der Gesellschaft erhebt, bittet Minister Ko reit, dec Abgeordnete möge ihm sein Material zur Verfügung stellen. Fest stehe jedenfalls, dah die Gesellschaft über 1100 Wohnungsbauten betreut habe. Rachdem die Abgeordneten Lautenbacher (Zentr.) uni) Dr. Riepoth (Dt. Vp.) ebenfalls Klagen gegen die Geschäftsführung vor- gebracht haben, wird die Regierungsvorlage am» genommen mit dem Antrag Lautenbacher, der eine Zuwahl von drei Mitgliedern des Landtags zuni Vorstand und zum Aufsichtsrat der Gesellschaft vorsieht. Annahme findet auch ein Antrag We s p (Zentr.) auf Vornahnie einer Statistik über Arbeitsvermittlung und ein Antrag Späth (Zentr.) über Rebschäden- b-e k ä ni p s u n g s m i t t e l.
Das Haus tei l bani in die Beratung der Anträge über die Entschädigung der Hagel» und Unwetter geschädigten ein. Der Ausschuß beantragt, dah die Ai träge durch die Rcgierungsantwort als erledigt erklärt werden. Abg. Schott (DDP.) gibt zu, dah die Regierung schneller als sonst gearbeitet habe. Leider seien in einzelnen Fällen keine Unterstützungen gewährt worden. Der Redner wünscht, dah diese Fälle nachträglich erledigt werden und bittet um eine Regierungsvoil.ige über die Hagelentschäli -ung. Minister K o r e l l erklärt, dah sich einzelne Här- ren bei der großen Zahl der Schadensfälle nicht vermeiden liehen. Lider seien aber feine Mittel begrenzt und neue nicht zu erwarten. Er hoffe bis spätestens zum Frühjahr kommenden Jahres den, Landtag den Entwurf eines Hagelversiche- runpsgesehes vorlegen zu können. Abg. G u h - manu (Landbund) sieht in der Hagelversicherung nicht dis Allheilmittel. Die Landwi.tschast müsse instand gesetzt werden, so viele Rücklagen machen, dah sie schweren Zeiten ruhig ent-
Kinder-Weihnacht.
Don Hans «Siemsen.
Weihnachten ohne Kinder? Da fehlt ja die Hauptsache!
Bloh wegen Weihnachten möchte ich Kinder haben! Und wenn es nicht mit soviel Umständen und Schwierigkeiten verbunden wäre —
Du lieber Himmel, was hatten wir bloß alles zu tun vor Weihnachten! Vater was schenken, Mutter was schenken! August hatte es leicht. Der war schon älter, der konnte Lateinisch, der konjungierte „amo, amas, amat“. „ich liebe, du liebst, er liebt" — fein säuberlich auf einem Briefbogen geschrieben. Ein herrliches Wechnachts- geschenk für Vater!
Aber das Aufregendste und das Schwerste war ja die Ueberraschung. Das man nichts verraten dürfte! Karl fand einen Ausweg: „Ich darf es dir nicht sagen. Mama. Aber ich will es dir vorslöten." Und flötete er: „Ta, ta, tü-ta, ta-ta." Und das hieß dann: „Eine Zinnnerlinde."
Und was auswendig lernen! Was aufsagen! Jeder muhte sich selber was auswählen, und Karl hatte wieder was Besondere^. „Zwei Ziegen gingen über einen Bach." Das paht ja nun nicht grade ganz genau für Weihnachten, aber er schlug zwei Ziegen mit einer Klappe: er hatte das nämlich gerade „in der Schule gehabt".
Ich machte es mir schwerer. Und ngchdem Vater die Weihnachtsgeschichte gelesen und wir Weihnachtslieder gesungen hatten, da kam ich dran und sagte auf:
Was helfen uns die schweren Sorgen?
Was hifft uns unser Weh und Ach?
Was hilft es, dah wir alle Morgen 'Deseufzen unser Ungemach?
Wir machen unser Rot und Leid
Rur größer durch die Traurigkeit.
Das hatte schwere Mühe gekostet. Aber sehen Sie! — ich kann es noch heute. Und ich konnte damals durchaus nicht verstehen, daß die Großen aflje lächeln muhten.
tz)as Schönste aber ist das „Vorher", die Erwartung. Ich weih nicht, wie das in anderen Häusern ist. Wir kannten keinen „Weihnachtsmann". Bei uns kam „das Christkind". Wir haben es zwar nie gesehen, ober wenn ein paar Doge vor Weihnachtsabend die große Stube plötzlich zugeschlossen war — und da rascheste eK so geheimnisvoll hinter der Tür. und unter der
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhesseu) Montag. Dezember 1928
gegensehen könne. Der Redner protestiert gegen die Behauptung, der Landbund habe Mistel der offen.lichen Hilfsat ton zur Unterstützung der Landbund-Organisa ion verwandt. Qlbg. Glaser (Landbund) erhebt Klage wegen Verteilung von Raturalien, die dem Krei^amt Bensheim zu- geleitet wurden. Dec Bürgermeister, der der Linken angehöre, habe dort keinem Mi.glied des Landbundes etwas zukommen lassen und die Raturolien für die ®cm<t idelasse versteigern lassen. Der Redner fragt, wohin der Betrag von 600000 Mark eigen lich aelo.nmen s.i. Rach weiteren Erklärungen verschiedener Redner werden die Anträge durch die Regi.'rungsantwort für erledigt erllärt.
Rach einer Pause wird eine große Anzahl von Vorlagen ohne Aussprache angenommen, darunter die Regierungsvorlage betref end beschas- fung von Badewäsche für dir Badeanstalten Bad-Rauheim und Bad Salzhausen, ferner die Vorlage betreffend Anteil des
Staates an der Kraftfahrzeug st euer und diej nige be.reffend Bcwi l ganz eines einmaligen Kredits von 200 000 Mark zur Beschaffung von Material für die Polizei. Der Entwurf eines Abändrrunzsgefetzes zum Gern einde um lagengesey wird an den Ausschuß zurückre.wi.-sen.
Das Haus tritt dann in die Beratung der Re- gierungsvor'age ü"er öffentliche Unterrichtsanstalten für freie und angewandte Kunst und die öffentlichen technischen und gewerblichen Unterrichts- a n st a l te n mit Staatsunt:rsstähung ein. Ueber diese Fragen wurde bereits aus,ühr ich berichtet. Danach sollen die Gemeinden Träger dieser Schulen werden, die fach ichen Kosten haben die Sitzgemeinden allein zu übernehmen, während die persönlichen Kosten zwi chen Staat und Sitz» gemeinden geteilt werden.
Abg. Kaul (Soz.) erllärt, daß seine Fraktion die ursprünglichen Bedenken zurückgestellt habe,
nachdem sich herausstellte. Daß der seitherige rechtlose Zustand sich nicht mehr aufvechterhalten ließ.
Abg. Leuchtgens (Landbund) begründet bat Antrag, den er zusammen mit den Abg. Rie- poth und Haury (D.Vp.) eingcbracht hat und wonach die Handweriskamm.rn zum Träger der Schule gemacht werden sollen. Der Redner wendet sich dagegen, da>ß der Staat noch tere Aufgaben übernehmen soll. Staatspräsident Adelung erklärt, daß die Gemeinden selbst den Wunsch hätten, Träger der Schulen zu sein. Rachdem sich noch der Abg. Haury (D. Vp.) für den Abänd erungsan rag eingesetzt und der Abg. Laubenöacher (Z.) einige Dedenlcn vorgebracht hatte, wird die Vorlage in erster und zweiter Lesung angenommen. Der Rest der Tagesordnung wird dann nach po'enischen Zwischenreben der Kommunisten erledigt. Präsident Delp entläßt gegen 18 Uhr mit Worten des. Dankes die Abgeordnsten in die Weihnachts.erien.
Hessen und die Neugliederung
VeffaffiMsreWche Gedanken zurMchmfonn.
Don £)r. Hans Gmelin,
ix ö. Professor des öffentlichen Hechts an der Landesuniversitat Gießen.
in.
Lösungsversuch/)
Als Disgangspunkt wähle ich das Programm der Reichscegierung, weil anzunehmen ist, daß sich die Neugestaltung am ehesten auf seinem Boden vollzieht. Sehen wir von einigen nebensächlichen Punkten des Programms ab, so bleiben als Haupt' aufgaben: territoriale Neugliederung, Verfassungs- refoxm der Länder, Beseitigung des Dualismus zwischen Reich und Preußen, Einführung einer Austragsverwastung des Reiches. Dazu füge ich noch die im Programm der.Reichsregierung nicht genannte Neuregelung des Finanzausgleichs zwischen Reich und Ländern.
1. Die Frage der Neugliederung. Für die vielen kleinen Enklaven und Exklaven wird die Notwendigkeit einer Flurbereinigung allgemein anerkannt. Äie ist zum Teil auch schon ausgeführt, nämlich durch Staatsvertrag zwischen Sachsen und Thüringen, durch den die beiden Länder ihre Gebietssplitter austauschten. Aber die Reichsregierung fordert weiter, daß die Neugliederung sich nicht beschranken dürfe auf solche Gebiete, die infolge ihrer Gemengelage eine besonders erschwerte und kostspielige Verwaltung haben, daß vielmehr nur lei» stungsfähigo Länder weiterbestehen sollten. Was ist unter leistungsfähigen Ländern zu verstehen? Fallen banmter nur solche, deren Ausgaben ihre Steuerkraft nicht übersteigen? Dann müßten eigentlich alle Läirder verschwinden, auch Preußen, das sein Budget nur mit Muhe Gleichgewicht hält, namentlich aber Bayern, das für den größeren Teil seiner Ausgaben die Steuerkrast andrer Länder in Anspruch nimmt (1927: Anteil am Gesamtaufwand der Länder 19,53 v. H., an der Steuerkrast aber nur 9,7 v. H.). Also wird man unter leistungsfähigen Ländern wohl eher solche zu verstehen
, *) Dgl. die Aufsätze K l u t c : Geographisck-e Voraussetzungen in Nr. 283 und 284 des G. A. vom 1. und 3. Dezember-, Aubin: Geschichtliche Betrachtungen in Nr. 287 und 289 des G.A. vom 6. und 8. Dezember: M o m b e r t: Die Revolution in ihrer volkswirtschaftlichen Bedeutung in Nr. 290 des G.A. vom 10. Dezember und Gmelin. Verfassungsrechtliche Gedanken zur Reichsreform I. und II. in Nr. 293 vom 13^Dezember und Nr. 295 vom 15. Dezember.
haben, bei denen man unter normalen Verhältnissen erwarten kann, daß sie tunlichst mit eigener Steuerkraft den ihnen obliegenden Staatsaufgaben gerecht werden können. Dieser Bedingung können die ganz kleinen Länder wie Anhalt, die beiden Lippe, Braunschweig und Mecklenburg-Strelih nicht genügen. Es erscheint daher zweckmäßig, daß diese Länder nach dem Vorbild von Waldeck, dessen Aufnahme in Preußen sich eben vollzieht, in größeren Ländern eingegliedert werden (nämlich alle in Preu ßen, ausgenommen' Mecklenburg-Strelitz, das mit Mecklenburg-Schwerin und mit Lübeck zu einem Land zu vereinigen wäre). Dagegen könnten die übrigen Länder fortbestehen, darunter auch Hessen. Selbst noch Oldenburg, besten Ausgaben in gesun dem Verhältnis zur Steuerkrast des Landes stehen.
Nicht entscheidend für die Lebensfähigkeit eines Landes dürfte fein der mangelnde Gebietszusammenhang, an bem mancher Pedant beim Betrachten der deutschen Landkarte Anstoß nimmt; denn die Unterbrechung des Staatsgebiets bringt feine wesentlichen Nachteile mit sich, vorausgesetzt, daß die Landesteile nicht zu weit voneinander entfernt liegen und jeder Teil für sich eine genügende Gröhe aufweist, wie bas bei Bayern und der Pfalz, bei Südhessen und Oberhessen der Fall ist. In der An- fangszest des deutschen Bundes, wo ein deutscher Staat gegen den anderen sich mit Zollschranken abschloß, bedeutete eine Gebietsunterbrechung für einen Staat allerdings ein schweres Hemmnis, aber heute, da die Zollschranken nur an dec Reichsgrenze bestehen, und alle wichtigeren Derkehrseinrichtungen, Post, Eisenbahnen, Wasserstraßen, in dec Hand des Reiches sind, gibt es doch keine unübersteiglichen Hindernisse für eine geordnete Verwaltung auch getrennter Landesteile. Nur an einer Stelle erwachsen aus der Trennung des Staatsgebiets wirkliche Schwierigkeiten, aus der Zerreißung des Reichsgebiets in zwei Teile burd> den polnischen Korridor, denn dort unterbrechen Zollschranken und andere Verkehrshindernisse eines nicht deutschfreundlich eingestellten Staatswesens die Verbindung der Reichsteilgebiete. Dort einmal Wandel zu schaffen, wäre wichtiger als jede Neugliederung innerhalb des Reiches. — Man. kann sich natürlich zweckmäßigere Landesgrenzen denken, als die heutigen; aber wenn man einmal an eine Neueinteilung herantritt, wird man auf eine Unzahl einander widersprechender Wünsche und nicht zuletzt auf maßlose Ansprüche der Großstädte stoßen; daher wird jede Lösung Unzufriedenheit Hervorrufen. Sollten da nicht die Unzuträglichkeiten der gegenwärtigen Grenzen noch das kleinere liebel sein?
2. Verfassungsreform der Länder. Die kostspielige Verwaltung der Länder ist zum Teil darauf zurückzuführen, daß jedes von ihnen parlamentarische Regierung übernommen hat. Diese Form mag sich für das Reich eignen, da beinahe alle wichtigen Gesetze vom Reiche ausgehen, und
des Reiches.
die Reichsorganc auch über sonstige Lebensfragen des dcutschen Volkes zu entscheiden haben. Aber in den Ländern, denen heute im wesentlichen doch nur die Ausführung von Reichsgesetzen zusteht, also ver- waltende Tätigkeit, ist die parlamentarische Regierung nicht erforderlich; sie ist überflüssig, wo nicht gar "ein schädlicher Luxus. Man darf dies heute aus- sprechen, ohne den Vorwurf reaktionärer Gesinnung fürchten 311 müssen, denn auch auf demokratischer Seite ist die Unzweckmäßigkeit parlamentarischer Regierung in den Ländern zugegeben worden (ins- besondere von Koch-Weser).
Vielleicht hätte schon manches Land die parlamentarische Regierung wieder aufgegeben, wenn die Reichsosrfassung den Ländern diese Regierung^ form nicht vorgeschrieben hätte. Diese, in Artikel 17 enthaltene Vorschrift muß daher abgeänbert werden. Ob es sich empfieht, nach Aufhebung dieser Schranke wiederum bindende Regeln für die Oraa nifalion der Länder aufzustellen, ist eine Frage für sich. Jedenfalls läge nahe, daß die deutschen Ander ihre Staatsleitung' nach schweizerischem Vorbild unv -gestalteten. So gut in der Schweiz sowohl im Bund wie in den Kantonen die Staatsleitung in die Hände von Kollegien gelegt ist, deren Mitglieder auf bestimmte Zeitdauer von dec Volksvertretung gewählt werden, ebensogut könnte auch in den deutschen Ländern die Wahl der Reaierung durch den Landtag auf eine bestimmte Reihe von Jahren (drei oder fünf) erfolgen. Dabei mag es dem einzelnen Land überlassen bleiben, ob es ein Regierungskolleg mit mehreren Ministern ober einen Einzelbeamten mit dec Staatsleitung betraut. Das wesentliche wäre, ba& der ober die Inhaber der Regierung während ihrer Amtszeit einem Mißtrauensvotum des Landtages nicht weichen müßten.
3. Beseitigung des Dualismus zwi- schen Reich undPreußen. Daß die aus dem Nebeneinanderbestehen des deutschen und des preußischen Staates sich ergebenden Schwierigketten nach Möglichkeit behoben werden müssen, steht außer Zweifel. Das kann aber geschehen, ohne daß man die Nachteile In Kauf nehmen muß, die mit der von Luther geplanten Verwandlung Preußens in ein Reichsland notwendigerweise verknüpft sind. Es könnte weitgehende Willensübereinstimmung zwischen dem Reich und Preußen erzielt werden, auch wenn man den preußischen Staat fortbesteben läßt. Zunächst ließe sich ohne Zwang eine teilweise Union der gesetzgebenden Organe verwirklichen: die in bem vergrößerten Preußen gewählten Reichstagsmitglieder könnten als preußischer Landtag tätig werden. Der preußische Staatsrat bliebe bestehen, und zwar mit größerem Recht als im Lutherschen Plane.
Auch die Verbindung Der Staatsleitung läßt sich Herstellen. Nicht etwa in der Form einer Verbindung des Staatshaupts, benn eine Personalunion des Reichspräsidenten mit einer erst zu schaffenden Würde eines preußischen Staatspräsidenten wäre
Tür sah manchmal ein Goldfaden oder ein Tannenzweig hervor —. wer anders konnte das fein? Das war das Christ.ind!
Da halten wir nun in der Schule Raturgeschichte. Die Vögel hatten Flügel und Federn und Schnäbel und all so Zeugs. Und Karl fragte Mutter: „Mutter, sag: Hat das Christkind Flügel?" „Ja, mein Junge, das weiß ich nicht genau. Aber wahrscheinlich wird es wohl welche haben." „So?" sagte er. „Dann will ich dir was sagen: dann hat es auch einen Schnabel und keine Schnauze!"
Aber Wissenschaft und Aufllärung taten dem großen Geheimnis keinen Abbruch. Es roch nach Weihnachten, und die Erwartung war kaum noch auszich allen.
Weihnachten ohne Kinder — das ist ja nichts! Wer anders als Kinder könnte sich so freuen? Wer anders al Kinder könnte s 0 fingen: „O du fröhliche, 0 du selige!" — Wir Großen könnten's wohl auch noch manchmal. Aber in unserer glorreichen Erwachsenen-Dummheit schämen wir uns ein bißchen.
Rhodos.
Don Anton Schnack.
Ich hatte den ganzen Vormittag nach den Delphinen gesehen; sie fpüLen im Kielwasser die ganze Fahr, ro . t>.*r tlei afii ijchen Küste he.üler.
Plötzlich saß vor dem g irchi.chen Segler, der Oliven und Fügen von Rhodos holen soll:e, ein riefen!)af;C5 bleiernes Tier. Sieh da, dachte ich, ein Trion oder eine Rereide; es rührte sich nicht. Schwer lag es im Hocizon., aewal ig stieg es auf, höher und immer Hoyer. Ein blauer S.ein, der sich zur brei.en "Sarriere aus dehnte.
Rhodos: von der Knabenphan'asie mit dem Koloß von Rhodos verknüpft, leg e mir das Meer auf seinen gläsernen Händen hin. Ach zehn Kilometer von den Sleingesügen der kleinasia.ischen Kiffte entfernt, erhebt sich Rhodos, ein Kall- steinplateau bis in die Spitze des 1240 Meter hohen Atabhrios. Wald und Abrnd kamen von der Insel herun.er: unvergeßlich das Panorama des Hafens und der Stadt.
Wohin bin ich in meinen Stimmen gekommen, dachte ich; in b’t- Luft, die noch klar wie Stahl war, stand ein g.auec und kolossaler Riß von Zinnen und Türmen. Alle Fische waren vergessen, deren purpurroten Leib ich in der See sah.
Das betörende Glas des Meeres, dessen Blau mir ungeheuer ins Auge schlug; dieses Bild war wie ein Traumgesicht und verwischte alles.
Rhodos, die Stadt, ist Mittelalter, bon den Dampferlinien halb vergessen, ein Inferno des Schweigens und der Ve.wilderung in den S.raßen. Das ist das grausamste und tollste: die Mitternacht zu benutzen und im Schatten der großen Finsternis die Straßen der einstigen Rho- befer Ritter zu durchstolpern. Denn das zieht uns am meisten an; denn das erreg: uns am stärksten, zu sein wo die weifie Fahne der Ritter wehte, derer aus Burgund, aus Franken, ans der Ror- mandi, aus Polen, derer vom Rhein, von der Elbe und die die Spitzen ihrer Lanzen in das Heilige L.nd getragen ha ten. Von dort durch die türkischen Bogenschützen und Säbel ver rieben, hielten die Ri ter fast zweihundert Jahre gegen den türkischen Ansturm Rhodos Mauern, Türme, Paläste und Hospitäler.
Ich gedenke des Großmeisters Pierre d'Au-- busson. O Herr Pierre d Aubusson, deine Ballade ist die Stadt, sind die Steinlöwen und die Loggien dec Hö,e, die sonnenheißen Zinnen der Türme, die Wappen an den Türen, die Scharten in den Mauern. Deine Zeit ist Rhodos, nicht die der Mykener, die die Insel mit verschollenen und verschwand nen 2tic e.ifl0b.cn besäten. Richt die der Dorer, die in Rhodos als reiche Kaufleute saßen u..b Wein, Gewürze und Früchte weit in den Osten des Mittelmeeres verfrachteten.
In Rhodos Boden und Erde ruhen Athene und Zeus, Stiere und Zebus, Vasen und Bildwerke. Großartig hat sich hier die archäologische Arbeit gelohn..
Heute ist Rhodos leblos, leer, ein steinernes Gewirr, fahl und nackt unter dem Sonnenprunk Asiens. Avne Juden und Türken woh ien in den Höhlen der alten Stabt, quaderhaft mit hundert Toroog.n und leeren Fenstern, vom Meere Heraufsteigmd und von dem Gürtel zyklopischer Mauern eingeschlungen. Die Zett fft stillgestan- den. Der legendäre Glanz d^ Verfalls hängt über dem al en Rhodos. Wie Gespenster reiten die schweigsamen Windmühlen in das Meer hinein, das aQeö schon sah. Galeeren der Kreuzritter und das Torpedoboot der italienischen Kriegsslotte.
Der griechische Segler Herakles, mit dem ich auffuhr, ha e Slo a-h'rz, Zwiebel und Schwämme geloben. Es roch viehisch rmd bacchantisch Mtt mildem Wind war die Luft geladen; ein reines und olympisches Blau lag über der Stadt. Die Mauern traten so ungefüg heraus als wollten sie noch viele Jahrtausende überdauern. Die Türme stachen mit fahlem Grimm in die ungetrübte Sonnen seide.
Keiner der Schiffsknechte schien es zu hören, aber mir stach es bis ins Herz: ein Ton kam wie von einer Tuba her. Großartig, dache ich, die Kreuzritter blasen auf den Zinnen. Aber es war nur das Schiffshorn eines englischen Dampfers.
Konjunktur.
Don Hans Jiiebou.
Döpper hat ein Warenhaus. Wilkens hak auch ein Warenhaus. Beide Warenhäuser liegen sich gegenüber.
Die Konjunktur ist günftig. Bopp er mach An-« Beengungen. Wilkens mach auch Anstrengungen. „Entweder — oder", sagt er zu seinem Reklame- chef. „Entweder Döpper oder ich Erfinden Sie was!"
Ter Rellamcchef erfindet was. Streicht das Haus himme.btau an. Richtet Scheinwerfer drauf.
^Ha!" sagt Bopper, als er das sieht. Beschlägt sein Haus mit Rickeiblech. And das Licht, das Willens bezahlt, reflektiert in Döppers Riffelblech. Die ganze Stadt sprich von Bopper.
„Lich aus!" schreit Wilkens. Der Rektamecheh dreht das Licht aus. Streicht das Haus weih. Baut Fahrstühle. Streut Glühbirnen über die Fas, ade.
„Rolltreppen!" sagt Bopper. „Reon-Röhren an die Fassade! Bis unter das Dach!"
Die Stadt sieht, staunt. Wettet. Wer wird das Rennen machen?
Wllkens baut eine Tairzbar in die Herrenkonfektion. Bopper eine Schwimmhalle in die Damenwäsche. Wilkens baut eine Rutschbahn. Bopper schneidet die Haare gratis. Wllkens legt jeder Rasierklinge einen ver,überten Apparat bei. Bopper jeder Schallplatte ein Grammophon Wilkens jeder QlutobrUIe ein...
Die Leute wetten und wetten. 9:7 für Bopper.
Und die Leute haben recht. Knapp vierundzwanzig Stunden vor Wilkmrs beantragt Döpper GeschäftSaufficht.


