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Nr. 66 Zweites Blatt

Samstag, 17. März (928

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffeii)

England, Arabien und Aegypten.

Von Dr. Paul Rohrbach.

Als der Weltkrieg ausbrach, war die Schienen­verbindung -wischen Konstantinopel und Ehrten auf der einen und dem Gebiet am Unterlauf des Euphrat und Tigris auf der anderen Seite, die sogenannte Dagdadbahn. noch nicht fertig. Die entscheidende Lücke, deren Dasein nicht wenig ba-u betgetragen hat. daß der Krieg für Deutsch- land und seine Bundesgenossen verloren ging, lag in den Gebirgsstrecken beim Liebergang von Kleinasien nach Syrien. Wäre es schon -u An­fang des Krieges möglich gewesen. Truppen und Kriegsmaterial soviel wie eine Dollbahn leisten kann, bis in die Nähe des Suez­kanals zu tranportieren, so hätten die eng­lischen Bemühungen, den Kanal zu decken, keinen Erfolg gehabt, oder sie hätten so große Kräfte erfordert, dah England die anderen Kriegs­schauplätze hätte entblöhen müssen. Zweitens wäre oen Engländern der Angriff auf Bagdad niemals gelungen, und vor allen Dingen hätten sie einen viel größeren Teil ihrer Kräfte zur Deckung ihrer Gesamtpositwn in der mohamme­danischen Welt gebraucht.

Es ist nicht zuviel gesagt, wenn man behauptet, daß zur rechtzeitigen Bollendung der Bahn­strecken im Taurus- und im Amanusgebirge nichts weiter gehört hätte, als bei den leitenden politischen und Finanzkräften auf der deutschen Seite ein leicht erschwingliches Maß von Dor- auSstcht in bezug auf öle Möglichkeit eines Krieges mit England. Daß der Bahnbau jahrelang rubte, war keine Not- wendigkeit. Eine der Folgen davon, daß wegen der unvollendeten Bahn die Türken nicht genug Streitkräfte an der syrisch-arabischen Grenze hatten, war der von den Engländern hervor- gerufene arabische Ausstand. Lieber ihn ist neulich ein interessantes Buch erschienen, von dem Engländer Lawrence (Aufstand in der Wüste", deutsch von Dagobert v. Mikusch, Leipzig 1927. Berlag Fr. List.) Lawrence war ein junger englischer Privatgelehrter, Orientalist, der es unternahm, die Rebellion Arabiens zu organi­sieren. Sein Werk ist anschaulich und farben­prächtig geschrieben. Die deutsche Kritik lehnt eS teilweise ab, weil Lawrences Angaben auf militärischem Gebiet ziemlich verschwommen sind, und weil die Entscheidung nicht durch ihn und seine Araber, sondern durch die von Aegypten her vorrückenden regulären englischen Truppen herbeigeführt wurde. Das mag richtig sein. Auf jeden Fall aber hat es Lawrence verstanden, die zersplitterten arabischen Stämme durch die ,.g r o ß a r a b i s ch e" 2 d e e, die Idee eines Araberreichs von Aden bis Aleppo, zu be­geistern. und diese Idee ist es, deren praktische Auswirkung die Engländer wie so vieles, nicht im voraus übersahen, als sie sie in KurS setzten.

Als der Krieg gewonnen war, wurde das vor­her verkündeteGroßarabien" in der stark reöu- -ierten Form verwirklicht, dah der Haupt­parteigänger der Engänder, der Scheris Hussein von Mekka, König des neugegründeten Staates H e d s ch a s wurde, worin ein unbe­stimmter Anspruch auf die Dorherrschaft über die arabische Halbinsel lag. und Husseins Söhne Feissa! und Abdallah wurden Könige von Syrien, mit der Hauptstadt Damaskus, und vom Ostjordanland mit der Hauptstadt Amman. Feissa! wurde bald von Öen Franzosen vertrieben und würbe Schattenherrscher über das englische Mandatsgebiet Irak in Bagdaö. Der König Hussein von Heöschas touröe als Verbündeter sogar der Ehre gewürdigt, das Friedensdiktat von Dersailles mitunterzeichnen zu dürfen. .

Einige Jahre verhielt sich Hussein ruhig und gehorchte den englischen Wünschen. Dann wollte er anfangen eigene Politik zu machen und geriet darüber in Streit mit Ibn Saud, der

das Gebiet der Wahabilen in Innerarabien be­herrschte. Die englische Politik lieh Hussein jetzt fallen; Ibn Saud verjagte ihn aus Mekka und trat selbst das Königtum von Hedschas an. Damit war er Herr des größeren Teils der Halb­insel und natürlicher Erbe der groharabischen Idee. Seine Leute, die Wahabilen, sind kein besonderer Stamm, sondern eine Mehrheit von Stämmen, die sich zu einer besonders streng­gläubigen Form des Islam bekennen.

Die Nachrichten in den Zeitungen besagen, dah Grenzstreitigkeilen an der Westseite des 2rak- gebiets unu englische Strafexpeditionen, die auf wahabitisches Gebiet Übergriffen, den Anlaß zu der drohenden Haltung Ibn Sauds gebildet haben. Formell ist das schon richtig. Dahinter steht aber die natürliche Tendenz in der stärksten arabischen Macht, mit der von England selbst er­fundenen und gepflegten Idee des Reiches Großarabien ernst zu machen. Dem ent­spricht es. dah sich wahabitische Angriffe auf das Ostjordanland vorzubereiten scheinen, wo immer noch Abdallah, der Sohn Husseins, als sogenannter König sitzt, und auf Kuweit, ein kleines von Öen Engländern abhängiges Ge­biet am Persischen Golf, nahe der Mündung des Euphrat und Tigris.

Diese arabischen Dinge komplizieren sich jetzt durch die Aufregung in Aegypten. Den Hauptstreitpunkt bildet die Anwesenheit engli­scher Garnisonen im Lande, vor allen Dingen in der Hauptstadt Kairo. Die gemäßigte Rich­

tung unter den ägyptischen Rationalisten würde es sich gefallen lassen, dah Aegypten keine selb­ständige auswärtige Politik machen dars. dah die Engländer Flottenstationen an beiden Ein­gängen des Suezkanals beanspruchen, und dah sie auf der asiatischen Seite, obwohl auch dieses ilfer rechtlich zu Aegypten gehört. Befestigungen anlegen und Garnisonen halten. Auch über den Sudan, den England mit ägyptischen Truppen und ägyptischem Geld erobert hat, den es aber für sich allein behalten will, und über die Wasser­werke am oberen Ril wäre ein Kompromiß möglich, wenn England bereit wäre, wenigstens in der Form nachzugeben. Außer der Garni­son von Kairo und den englifchen Kanonen auf die Zitadelle sind es die Formen der englischen Anwesenheit in Aegypten, öle öie Aegypter aufbringen, öer Zwang, hochbezahlte englische sogenannte Ratgeber in den Behörden zu haben, das unverhüllte englische Oberkommando über öie ägyptische Armee usw.

Gerade dies sind öie Dinge, über öie auch in Englanö selbst zwiespältige Auffassungen beste­hen. Die Arbeiterpartei und die Liberalen wären bereit, entgegenzukommen; öie Wortführerin öer Konservativen dagegen, öieTimes", verwei­gert strikt jeöeMinderung öer englischen Kon­trollrechte". Natürlich spielt auch bei Öiefer ara­bisch-ägyptischen Politik das taktische Interesse mit, keine moralische Schlappe mit Rücksicht auf öie bevorstehenöen Wahlen zu erleiden.

Jeiiffch-sranMcheDorkriegspoMmVvrbeWeii Der Versuch zu einem Ausgleich der politischen und wirtschaftlichen Interessen vor dem Weltkrieg.

Von Or. Gustav Roloff, o. Professor der Geschichie an der Universität Gießen.

In einem früheren Artikel ist geschildert wor­den (12. November), wie Deutschland und E n g- land vor dem Kriege bestrebt waren, die zwi­schen ihnen bestehenden Gegensätze zu mildern, dadurch, daß sie sich über strittige koloniale Ge­biete und Ansprüche verständigten. So einigten sie sich wie über die Zukunft öer portugiesischen Kolonie auch über öie anderthalb Jahrzehnte lang umkämpften Probleme, die mit öer Bagdad- bahn und Dorderasien zusammenhingen. Eng­land verpflichtete sich, dem Bau der Bagdad­bahn durch Deutschland keine Hindernisse mehr zu bereiten, Deutschland versprach dafür, die Bahn nicht über Bosra (Zusammenfluß zwischen Euphrat und Tigris) hinauszuführen, von wo die Derbindung mit dem Persischen Golf auf dem Wasserwege stattfinden sollte. Auch über die Schiffahrt, die Ausbeutung der Petroleumquellen, die Bewässerungsanlagen und andere wirtschaft­liche Llnternehmungen einigte man sich. Der Aus­bruch des Weltkriegs hat die Dollziehung des Dertrags vereitelt, aber schon öie Verhandlung darüber war von großer internationaler Wir­kung: sie veranlaßte auch Frankreich, einen heftigen Gegner der deutschen Tätigkeit auf tür­kischem Boden, ähnliche Berhandlungen mit Deutschland zu beginnen.

An dem Dau öer Dagdadbahn hatte zwar die französische Finanzwelt eine Beteiligung mit 30 Prozent des Kapitals versprochen, aber die Regierung hatte eine Mitwirkung immer zu ver­hindern gewußt, insbesondere dadurch, daß sie die Zulassung der Bagdadbahnaktien zur Pa­riser Börse verweigerte. Jetzt, nach Englands Einlenken, war die Fortsetzung des Widerstandes aussichtslos, und eine Annäherung an Deutschland um so mehr geboten, als Frank­reich in Anatolien einige Eisenbahnen zu bauen wünschte, die die deutschen Rechte und Interessen berührten: um nicht in Konstantinopel deutschen Widerspruch hervorzurufen, mußte man sich am besten mitDeutschl na c.u.einanDerfetzen.Eine über­

aus verwickelte deutsch-sranzösisch-türkische Der- Handlung wurde mit diesem Entschluß eröffnet; auch andere internationale Angelegenheiten, die gleichzeitig in Konstantinopel verhandelt wur­den, wie die armenischen Reformen und die Sendung des Generals Liman von Sanders spiel­ten hinein, und endlich suchte die russische Re­gierung jede Aktion, die wie der Eisenbahn­bau zur Kräftigung öer Pforte beitragen konnte, zu hemmen. Wir wollen dies verwirrende Beiwerk beiseite lassen und versuchen, ein Bild von der Hauptsache, den deutsch-französischen Der- handlungen, zu geben.

Zunächst sanden unter Billigung öer Regie­rungen private Verhandlungen zwischen öer deutschen und französischen Finanzgruppe statt; von deutscher Seite vornehmlich geführt von H e l s s e r i ch. damals Mitdirektor der Deut­schen Bank. Gr stellte die Franzosen vor die Entscheidung, entweder loyale Mitarbeit am Bahnbau oder Ausscheiden des französischen Ka­pitals. und es ergab sich bald, dckh die Fran­zosen auf Betreiben ihrer Regierung sich ent­schlossen, auszutreten und ihren Anteil den Deutschen zu überlassen (September 1913). Nun handelt es sich um öle Abgrenzung öer Arbeits­gebiete. Frankreich erstrebte in Nordanatolien Die Konzession zum Bau öer Linien SiwasChar- putArghana unö mehrerer Strecken in Syrien, auf öie öie BagdaÖbahngesellfchast seit 1888 unö später zum Teil Ansprüche erworben hatte. Sie war aber bereit, auf diese Rechte zu verzichten, wenn öaür öie französisch-syrische Eisenbahn- gesellschaft eine Derbindung dec Dagdadbahn mit Aleppo und Alexandrette gewährte. Da die französische Gesellschaft, unterstützt von öer Regierung, hierauf nicht eingehen wollte, wurden öie Besprechungen um Weihnachten 1913 unter­brochen.

Frankreich öachte einstweilen nicht an Nach­geben, da es ein Mittel zu haben glaubte, seine Wünsche durchsetzen zu können. Die Pforte unter-

Gießener Konzertverein.

Lyniphonie-Konzert.

Gleichsam wie ein Bindeglied zwischen moder­nem Empfinden und dem Stil eines zurückliegen- den musikalischen Zeitalters sta iD Max Regers Suite im alten Stil, op. 93, an der Spitze des Programms. Gerade Max Reger kann als Der- mittler zwischen der polyphonen Epoche unö der jüngst verga - genen Gegenwart gelten, dadurch, daß er stilistische Prinzipien der frühe.en Zeit und ihre Formen wieder aufnimmt, sie aber mit modernem Geiste füllt und so der Gefahr des nachahmenden Historismus entgeht. Regers musikalische Potenz tonnte sich nicht in Formalis­mus verlieren, dazu war sie zu starr; and.erseits drängte ihn seine typische Veranlagung zur Aeuherung in kontrapunitischer Form. Diese per- sönliche Eigenart hat die historische Einordnung Max Regers deshalb ungemein erschwert, und erst allmählich lassen die Bestrebungen unserer Modernsten ein erhellendes Licht auf seine We­senseigen tümlichkeit fallen und ihn in seiner volk-m Bedeutung erkennen.

Dr, vorliegende Suite, op. 93, war zuerst für Violine und Klavier gedacht, wurde aber dann durch die Orchesterbearoeitung einer individuelle­ren, mehr die Eigenart des Schaffenden charak­terisierenden Fassung zugeführt. Weist auch das Allegro con moto auf ältere Dorbilder zurück, so zeigt es aber doch schon in einzelnen 3nftrumcn- talpartien eine individuelle Gewalt. Das Largo entfaltet sich breit fließend mit der, Reger eigen­tümlichen Strömung der Ka.tilene. Das Or­chester wird mit seinen typischen Eigenfarben zum Ausdruckswert für die Stimmung. Gewiß er­innert manches in seiner Instrumentierung an den Klangchara'.ter der modernen Orgel; aber Regers Orchesterklang geht in der Einzelaus­prägung doch darüber hinaus. Die letzte größte Steigerung findet die Suite wie viele seiner Orchesterwerke in der Schlußfuge. Es war er- staunlich zu beobachten, wie das Fugenthema zunächst tänzelnd in dm Geigen einge uhrt wurde, wie die Bläser Träger der Thematik wurden, wie auch hier wieder vor der letzten Krönung des Satzes eine Episode in ruhigem feitmaft als retardierendes Moment sich einschob, um das Thema in klanglicher Apotheose sich ausstrahlen zu lassen.

Bewundernswürdig war es. in welch vorneh­mer und dezenter Art sich das Orchester unter der Führung seines stilgewandten Dirigenten dieses Werkes annahm, es in seinen kleinsten

Zügen seelisch belebte, jeder Einzelheit zu ihrer Bedeutung als Teil eines Ganzen verhalf, wie der Gesamtrlang sich am Wohllaut des Aus­druckes sättigte, und die Fuge trotz ihrer kompli­zierten kontrapun.tischen Künste in klarster Durch­sichtigkeit bis zur aus'adenden Fülle des Schlusses sich erhob.

Damit war der Boden gescha fen für die Werke, öie öer Solist öes Abends, Joseph S z i g e t i, zum unvergeßlichen Erlebnis werden lief). Co­re l! i s Dariationswerk La Folia entstammt jenem Zeital.er des Belkanto, wo öie mensch­liche Stimme als Beherrschende seelischen Er­lebens galt, wo das Instrument, das der mensch­lichen Stimme am nächsten kommt, Träger des Gesanges ist. Lind dieses gesangliche seelische Grundmoment war bestimmend für die innere Einstellung des Solisten. Mag man dem oben genannten Werk auch sehr oft auf den Dortrags- folgen unserer Violinkünstler begegnen, so stellt seine Darbietung doch nicht immer den letzten Zweck musikalischer Bedeutung dar, sondern man spielt es wohl mehr, um die Beherrschung des Diolinstiles zu erweisen. Bei Szigeti war es Endzweck des musikalischen Erlebens; denn fein Ton ist strömende Seele, edler Gesang, aus dem Innern quellend, voll Wärme und lie' eoollet Versunkenheit. Lind all öie technischen Schwie­rigkeiten dieses Werkes wurden verges en gemacht durch die Innigkeit unö innere persönliche De- lebtyeit seines Spiels. Hier kam man nicht dazu, zu bewundern, hier erlebte man, hier sch sich eine edle Welt vor uns aus, zu Öer wir uns trotz des weit zurückliegenden Zeitalters nicht einzusteklen brauchten, sondern die unmittelbar stark auf uns einsprach.

Unö ebenso wurde jener galante Zeitausdruck von Mozarts D-Dur-Konzert wieder leben­dig; mit seinem Geist der Empfindsamkeit, des Zarten, der keine Rauheit verträgt, jenem Adel in der Melodik, öer nur Edles kündet. _ Hier sprach das Instrument durch den Spieler für sich selbst. Da war nichts, was etwa wie in den mo­dernen Konzerten an Dirtuositat gemahnen könnte, die oft die Leere des musikalischen Erlebens durch täuschendes technisches Werk verschleiern. Edle Kantabilität, kein Prunken mit einem sogenann­ten großen Ton, öer uns innerlich kalt läßt, son­dern Hingabe an das Werk, an seine Lauterkeit des Ausdrucks. Nur Klang, keine instrumentale Tonerzeugung drang auf uns ein, öer Dogen schien ohne Enöe, alles fügte sich mit einer selbst­verständlichen Natürlichkeit ohne gewollte, ent­stellende Gebärde. Es liehe sich schwerlich in unserer Gegenwart einer namhaft machen, öer es

in öer Erschließung des Edelsten im Klange Joseph Szigeti gleich zu tun vermöchte, das waren Eindrücke, die ein jeder, der sie in sich aufnahm, nie mehr aus seinem Gedächtnis verlieren wird.

Llniversitätsmusckdirektor Dr. Sie an Lomes- vary als nachscha senden Intecpre .e.ungskünst'er zu erweisen, dazu war Deethovens (Sooica be­rufen. Gegenüber den vorher gebrachten Derlen stellt diese Symphonie eine andere Welt bar. Dort war es ein reines musikalisches Erleben, diesem Werk aber gibt ein außermusikalischLs Moment eine besondere geistige Gerichtetheit: der Held gesehen im Geiste des Musikalischen. Mochte Beethoven bei der Abfassung des Werkes die Gestalt jenes Mannes vorgeschwebt haben, der jenem Zeitalter den Stempel seines Ichs aufgeörüdt: Donaparte. Hatte der Meister der Töne jenem Manne auch das Werk gewidmet, so zerriß er voller Zorn das Titelblatt mit der Widmung, als Donaparte nicht mehr seiner ethischen Weltanschauung entsprechen konnte, er sich zum Kaiser ausrufen ließ.Ist der auch nichts anderes wie ein gewöhnlicher Mensch? Nun wird er auch aste Menschenrechte mit Füßen treten, nur seinem Ehrgeize frönen; er wird sich nun höher wie alle anderen stellen, ein Tyrann werden I" Dies die Worte nach dem Dericht, den der Schüler des Meisve.s, Ferdi­nand Ries uns hinterlassen hat. Don öer vor- übergefjenöen historischen Erscheinung blieb Öas Anöenken an öie Gestalt öes großen beöeutenöen Mannes als Motto für das Werk:Sinfonia eroica composta per festiggiare il sowenire di un grand uomo.

Die musikalische Verkörperung der Idee des Heldentums in öer Eroica hat verschiedentlich öie wiöersprechenösten Aeuherungen bei Öen Aus­legern öes Werkes hervorgerufen. indem man sich an der einmaligen Erscheinungsform fest- klammern. wollte und einzelne Lebensepisoden im Werk wieder zu erkennen glaubte. Nichts lag Beethoven ferner als das, sondern er erlebte das Heldische nach seinem eigenen Maß im Widerschein seiner eigenen Persönlichkeit. So gewinnt die sogenannte und vielumstrittenepoe­tische Idee" eine andere Bedeutung für den Schaffenden unö für uns eine anöere Wertung, öa sie nicht bloß etwas von außen Heran- kommenöes öarstestt, sondern öie Persönlichkeit öes Komponisten offenbart.

Für öle Zeit ihrer Erstaufführung stellte die Eroica etwas öerartig Neues bar, das keine Der- binbung zum Vorancegangenen aufwies unö dessen Verständnis erst allmählich erwachsen mußte. Man begegnete dem eigenartigen Werk nicht widerspruchslos; man erkannte wohlfrap-

handelte damals in Paris über eine Anleihe, Deren sie dringend bedurfte:Die Gehälter," be­richtete öie Deutsche Botschaft, JinD zum Teil viele Monate rückstänDig, öie fremden Gläubiger aus laufenden Geschäften müssen warten, in der Armee fehlt es an Kleiduirg, Schuhzeug, Mu­nition, kurz Dem Notigsten." Dieses ©elbbebürf- nis suchte die französische Regierung zu einem Druck in der Konzessivnsfrage zu benutzen, und die Pforte war geneigt, Den Fran­zosen nachzugeben, jene Konzessionen zu be­willigen, also über Rechte Der Deutschen zu­gunsten der Franzosen zu verfügen. Es war namentlich Dschavid Dey, öer Finanzminister, öer öie Nachgiebigkeit gegen Frankreich vertrat: viele in Konstantinopel glaubten, schrieb der Botschafter v. Wangenheim, er sei von Fra n t« reich gekauft worden. Die deutsche Regie­rung erfuhr rechtzeitig von diesen Umtrieben unö lieh keinen Zweifel, daß sie, so sehr sie eine Besserung der türkischen Finanzen mit Hilf« einer französischen Anleihe begrüße, doch eine solche Beeinträchtigung der deutschen Rechte nicht schweigend hinnehmen werde. Eindringlich wies zugleich Helsferich die französische Zinanzgrupps Darauf hin, daß eine deutsch-französische Ver­ständigung über die Konzessionen wie übet eine große Anleihe für alle Teile das beste sei: gemeinsam konnten Deutschland und Frank­reich die türkischen Finanzen sanieren und Damit bessere Bedingungen für ihre wirtschaftliche Ar­beit im türkischen Reiche schaffen. Die französi­schen Geldgeber blieben diesem Appell gegen­über zurückhaltend, und auch die Regierung lehnte zunächst noch ein Ein lenken ab; sie ver­suchte sogar, England zu bestimmen, seine gleich­zeitigen Verhandlungen mit Deutschland auf­zuschieben, um Deutschland auch auf dieser Seite Verlegenheiten zu bereiten. Sie stieß indessen in London auf kühle Ablehnung, und infolge­dessen muß ihr der deutsche Protest in Konstan­tinopel schwere Bedenken erregt haben: weder Frankreich noch die Pforte konnte ohne erste Gefahren über den deutschen Widerspruch hin­weggehen, namentlich, wenn man England nicht an seiner Seite hatte. Ja, es war zu fürchten, daß die Pforte sich mit ihrem Geldbedürfnis nach Deutschland wendete, wenn Frankreich seine An­leihe von der Gewährung der von Deutschland bestrittenen Konzessionen abhängig machte. So entschloß sich Frankreich nach einigen Wochen, öie VerhanÖlungen mit Deutschland wieder auf­zunehmen, unö nach kurzen Erörterungen, über öie wir nicht näher unterrichtet sinö, kam man zu einer Einigung (15. Februar 1914); die Franzosen erhielten Die gewünschten Eisenbahnen unö öie Deutschen öie Verbindung öer Anatoli- schen Bahn mit dem Schwarzen Meer und dem Golf von Alexandrette.

Die Schwierigkeiten waren damit noch nicht beendet. Denn dieser Vertrag bedeutete nur die Abgrenzung des deutsch-französischen Arbeits- gebietd durch die Interessenten selbst; es handelte sich nun darum, öie Pforte zur Genehmigung und zur Erteilung der Konzessionen zu beftinv* men. Die Franzosen erlangten hier einen Vor- sprung: gegen öie Gewährung öer schon lange verhandelten Anleihe erhielten sie Ö.e CBeftäu- gung der gewünschten Eisenbahnkonzessionen (April 1914). Obgleich Frankreich diese Ver­handlung zu neuen Forderungen an die Pforte benutzt und namentlich auf industriellem Gebiete Deutschland beiseite zu schieben gesucht hatte, hatte Deutschlands nichts gegen öie französische Anleihe unternommen, weil ihm an öer Kräf­tigung Des Türkenstaates gelegen war. Dagegen begehrte es, daß öer französisch-türkische Kon­zessionsvertrag nicht in Kraft trete, bevor nicht auch die deutschen E i s e n b a h n - An- spräche erfüllt feien, da ja Deutschland den französischen Ansprüchen unter der Voraus­setzung zugestimmt hatte, daß auch öie deutschen Wünsche befriedigt würden. Die französische Re­gierung erkannte diese Forderung als berechtigt an, und Deutschland unö die Pforte begannen

Dante, schöne Stellen", sowie einen energischen, temperamentvollen irischen Geist an, ver chw.ez aber nicht, daßöie Schwierigkeit Der Komi o- sition" undöie wilde, sich ins Regellose ver­kaufende Phantasie starken Abbruch getan" habe. De,anders die Durchführrlng des ersten Satzes stieß bei öer zeitgenössischen Anschauung über öie symphonische Form aus besondere Hindernis e, einmal durch das gewaltige Maß ihrer Ausdeh­nung, zum andern durch die neuartige Gestal­tung dieses Teiles. Während man vorher die Durchführung als eine stückweise Ausdeu^ng Der Grundthemen ansah, Deren einzelne Teile durch Eonrentionelle Lieberleitungen, Figu.ea u:.d Passagen in Verbindung gebracht wurden, bildet Deethoven öie Durchführung allein aus dem Thematischen heraus, führt erst in ihr ein drittes Thema ein unö bereichert so im Werden Den geistigen Gehalt des Werkes.

Gigantisch wuchs das cheldenthema heraus, gegen­sätzlich abgetönt erschien das zweite Thema, tlar ausgebreitet lag die Durchführung oor uns in ihren einzelnen EntwicklungLftadien mit der dissonanten Steigerung vor der Einführung des Dritten Themas. Einer bangen Frage an das Schicksal gleich ebbte der klangliche Strom sich ab, nachdem das Helden­thema in Engführungen zu ballender Kraft geführt worden war L'ie eine Stimme der Entscheidung klang das Heldenmotiv des Hornes dissonierend zu den Violinen, und die Reprise ließ den Triumph des Heldischen erleben. (Bekämpfte Klänge in stump­fen Farben erschütterten im zweiten Satz und im Dur-Teil leuchteten die Holzbläser auf. Treibende Impulsität durchzog das Scherzo, mit naturhafter Frische beherrschten das Trio die Hörner, eine der gefürchtetsten Klippen für die Hornisten, die auch schon an der Thematik des Trauermarsches bedeu­tungsvollen Anteil gewonnen hatten. Das Finale mit seinen Variationen war eine besondere Meister­leistung des Dirigenten, der den einzelnen Episoden organifches Leben und typischen Charakter verlieh, das Andante wurde zu einem Akt besonderer Weihe mit seinem Steigen und Versinken; rr.it dithyrambi­schem Schwünge ließ er das Werk ausklingen. Durch seine persönliche Deutung der Eroica erweckte Dr. Temesvacy Italien Widerhall bei Den Hörern, denen er nachhaltige Eindrücke zu vermit­teln gewußt hatte Das Orchester war vom ersten bis zum letzten Pult teilhabend an dem Erfolg; soll man den {allen Klang der Streicher hervorheben, den Holzbläsern und Hörnern uneingeschränktes Lob zollen: ein jeder gab sein Dest"s.

Das letzte Orchesterronzert des Konzertoereins ei« hob sich zu gipfelnder Höhe und wurde zur Bestäti­gung für die Mission dieses Instituts, Der Kunst ein würdiger Pfleger zu (ein. Dr. H.