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Nr. 41 Drittes Blatt

B

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen) ?

Zreiiag, 17. §ebruar 1928

Verein für das Deutschtum im Ausland.

Der Landesverband Hessen des V. D. QL hatte jPfr. G. Harth, der in der Bukowina, die das Betreuungsgebiet des Landesverbandes ist, zu einer Dortragsreise ringelnden.

QIm Sonntag sprach Herr Harth vor den Vorständen der Orts- und Schulgruppen des Vereins in Oberhessen und vor geladenen Gästen. Er verstand es. das Deutschtum in der Bukowina mit seinen Fragen in das allgemeine Problem der Lage der Qluslandsdeutschen einzustellen; dadurch gewann seine Darbietung an Klarheit und Lieberzeugungskraft. In gleicher Weise fes­selte die schlichte, verantwortungsvolle und viel­leicht gerade darum packende Vortragsweise des Redners. In eindringlicher Weise schilderte er das langsame Erwachen bewußt deutschen Volks­tums in den fremden Staaten zugehörigen, deut­schen Siedlungen, dessen Intensität und Opser- freudigkeit dem deutschen Heimatland Vorbild und Beispiel sein sollte. Rur ein inniges Ge­meinschaftsgefühl. ein alle Deutschsprachlichen um­fassendes Bewußtsein der Volkheit kann unserem Vaterland wieder den Qlufstieg bringen, so wie es ihn bereits den Polen, der Tschechoslowakei und Italien gebracht hat. Es ist ergreifend zu beobachten, mit welch umfassender Lebens­kraft. mit welch hohen Opfern die meist armen, vom Reich abgesprengten Siedlungsdeutschen diese Aufgabe durchführen. Der früher drohende Zwie­spalt der Standesunterschiede zwischen Qlkade- mifern und Bauern ist geschwunden. Sie fühlen sich nur als Deutsche, die zwar die fremde Ration, unter deren Herrschaft sie leben, achten, Die aber weder ihr Deutschtum aufgeben, noch Den Dünkel des geistig und moralisch höher stehenden Volkes zeigen und daher der auf Grund gerade dieses Dünkels in der Welt herr­schenden Feindschaft gegen alles Deutsche, wirk­sam entgegen arbeiten. Der Redner fordert ein­dringlich Propaganda und Aufklärung in den fremden Staaten, da er selbst gerade in der Schweiz häufig Gelegenheit gehabt hat. starrer Voreingenommenheit und irre geleiteten Mei- nungen über Deutschland entgegentreten zu können.

Am Mittwoch sprach Herr Harth im Hause der Burschenschaft Alemannia überdeut­sches Bauerntum in Südost ° Curop a" auf Einladung des stud. Freymann, des Vorsitzenden der Vereinigung Auslandsdeutscher Studierender in Gießen. Eine recht zahlreiche Zuhörerschaft hatte sich eingefunden. Außer den Mitgliedern dieser studentischen Vereinigung waren Vertreter zahlreicher Korporationen, Pro­fessoren und Gäste aus Gießen erschienen. Die Gedankenfolge des Redners weckte in hohem Maße das Interesse der Zuhörerschaft. Es sei der Vor­trag hier ganz kurz zusammengefaßt. Bauer und Bauerntum ist gerade der gebildeten Schicht eine verschlossene Welt. Die Bauern in der Umgebung der Stadt, die ja zunächst der Städter kennen lernt, haben ja gewöhnlich von derGesellschaft" soviel angenommen, als genügt, um die Natür­lichkeit In sich zu ersticken, aber zu wenig von deren Vorzügen, um dieBestie" in sich zu zähmen. Rach Heinrich Wilhelm Riehl und Dr. Viktor ©er amb ist der Dauer alten Schlages vom entarteten, prvletcrrisierten zu un- terschÄden. Riehl und Geramb sehen im bäuer­lichen Besitz dasjenige Moment, das die eigen­tümliche Struktur des Bauern bewirkt. Er ist Hoferbe, der Bewohner des Hofes und all dessen, das in Eigenart hier erwachsen und ge­worden ist. Richt die Individualität des Bauern kommt zur Geltung, die Erfordernisse des Be­sitzes gehen über alles, sie entscheiden über seine Heirat usw. Der Besitz macht den Bauern konser­vativ. Die Richterben ziehen vom Hof ab, werden Arbeiter. Im freien Lebenskampf werden diesen Menschen die mannigfachen Gebundenheiten, die sie aus dem Bauernhause mitbringen, zum Hemm­nis. sie werden zu Revolutionären gegen sich selbst und gegen das Bauerntum überhaupt. Harth läßt aber nicht den Besitz an sich jene Gewalt über den Bauern ausüben. Der Besitz ist nur Betätigungsobjekt, die eigentlichen Trieb­kräfte im Cßaucrn sind zu suchen in der großen Raturverbundenheit, in der er lebt. Er sieht das

Es zogen drei Burschen wohl über den Mein ....

Roman von Erica Grupe-Lörcher.

46 Fortsetzung. Nachdruck verboten.

Fritz Wenger? Ach, ich habe nie ernstlich an eine Heirgt mit ihm gedacht, Naymond'. Und jetzt wäre es auch zu spät! Ich bin innerlich vollkommen mit Jean Paul Bouoier engagiert. Ganz bestimmt weiß ich, ich kann nicht mehr von ihm lassen ... und er nicht von mir! Ich glaube, er wäre in seiner leiden­schaftlichen Art dazu fähig, einen Selbstmord zu begehen, wenn ich ihn nicht nähme! Das hat er bereits geäußert. Ach. was weißt du davon, Ray­mond, wie es einem Mädchen zumute ist, wenn es sich so grenzenlos, so leidenschaftlich geliebt weiß, wie ich von Bouvier!"

Auf wie lange?" fragte er nun schneidend in die Stille.

Die Frage traf sie. wie ein Hieb. Sie fühlte sich tief verletzt. Ihre Eitelkeit bäumte sich in ihr auf. Du wirst mich nicht von ihm abbringen!" meinte sie dann plötzlich erbittert mit zusam mengebissenen Zähnen.Und damit du orientiert bist: ich habe die Grandmama veranlaßt, Bouoier zum Heiligabend mit einzuladen, damit im engsten Familienkreise unser Verlöbnis begangen und anerkannt wird!"

Er trat unwillkürlich einen Schritt zurück.So weit seid ihr bereits? Und das alles hinter meinem Rücken? Hat er offiziell bei unserer Mutter ange­halten?"

O, das ist nur eine Formsache. Wenn ich will, ist die Hauptsache erledigt."

Also auch meine Meinung ist dir gleichgültig?

Gerade da sie einige Momente in ihrer Antwort zögerte, traf ihn diese um so schmerzlicher, weil er ihre volle Ueberlegung herausfühlte:Wenn deine Ansicht, deine Meinung der meinigen entgegenliefe, Raymond, ich vermöchte meinen Entschluß nicht um Haaresbreite zu ändern!"

Gut. So werde auch ich meine Konsequenzen zie­hen. Wenn dieses Mal, das erste Mal seit meiner Rückkehr aus dem Kriege und meiner schweren Ver­wundung diese Familienzusammenkunft, im Schlosse bei der Grandmama unter den Auspizien

Buntes Allerlei.

Der verkauf einer berühmten Schachbibliolhek.

Eine der größten und kostbarsten Sammlungen der Schach-Literatur, die von dem verstorbenen englischen Schachkenner I. W. Rimington- Wilson zusammengebracht wurde, soll dem­nächst bei Sothebys in London versteigert wer­den. Die gesamte Literatur über dasSpiel der Könige" von dem mittelalterlichen Lehrgedicht des Jacobus de Cessolis bis zu den Schachmeistern um die Mitte des 19. Jahrhunderts ist in einer säst lückenlosen Folge von ersten Ausgaben ver­treten. Da gibt es drei frühe Handschriften des Cessolis und vier Inkunabeldrucke seines Werkes, darunter die illustrierte Ausgabe, die 1493 in Florenz gedruckt wurde und wundervolle Holz­schnitte enthalt. Während aber der mittelalter­liche Dichter das Schachspiel nur als Sinnbild für eine lehrhafte Betrachtung des Welt­geschehens benutzte, enthält das überaus seltene 1497 in Salamanca erschienene BuchArte de Axedres" von Lucena praktische Angaben über die beste Art des Spiels. Der spanische Autor rät den Spielern, während des Spiels nur Wasser zu trinken und keinen Wein, und sich so zu sehen, daß das Licht dem Gegner in die Augen fällt; es wird auch empfohlen, kurz vor dem Spiel gut zu essen und tüchtig zu trinken. Die beste Methode soll die sein, immer mit derselben Farbe zu ziehew Die Abhandlung Lucenas, die zu den seltensten Inkunabeln gehört, wird durch ein langes Liebesgedicht eröffnet, das mit dem Schach in keinem Zusammenhang steht. Auch in andern Traktaten wird dem Spieler geraten, sich stets in den Schatten zu sehen. Vollzählig sind die Werke der großen Schachmeister von Modena aus dem 18. Jahrhundert vertreten. Die größte Kostbarkeit aber ist die Originalhandschrift der Aebersehung des englischen Dichters Oliver Goldsmith von VidasDe Lucke» Scaccho- rum. Dieses Manuskript galt lange Zeit für verloren und ist erst jetzt in der Sammlung aufgetaucht. Die Bücherei enthält auch viele Werke, die mit dem Schachspiel nut im losen Zusammenhang stehen, so z. B. den kostbaren Erstdruck derHyptncrotomachia Poliphili, in dem drei Spiele mit lebenden Schachfiguren be­schrieben werden, und die Erstausgabe von Ra­belais'Gargantua", in dem vom Schachspiel die Rede ist.

Das Schwein als Lebenselixier.

Der älteste Mann Englands, William Walker, hat dieser Sage seinen 106. Geburtstag gefeiert.

und wie das so üblich ist. hat er bei dieser Gelegenheit den neugierigen Berichterstattern auch das Geheimnis seiner Langlebigkeit verraten. Er erzählte, daß er sein hohes Alter nur dem Um« stand zuschreibt, daß Schweinefleisch stets sein Lieblingsessen gewesen ist; wenn er nicht stets so vieles und gutes Schweinefleisch hätte ver­zehren können, würde er sicher nicht bis zu seinem 106. Jahr so frisch und rüstig geblieben fein. Diese ungewöhnliche Verherrlichung des wackeren Rüsseltiers, die natürlich sofort überall in England bekannt wurde, behagt natürlich sehr den Schweineschlächtern, und so hat die Vereinigung der Schweineschlächter von Ror- thingham beschlossen, sich diesem Anpreiser ihrer Waren erkenntlich zu zeigen. Der alte Herr er­hielt von einer Deputation, die ihm ihren Dank abftatteie, einen großen Schweinebraten ge­schenkt, dazu auch noch ein paar stattliche Eis­beine, eine Flasche Whisky und etwas Geld, um sich Tabak zu kaufen.Das ist einer der glück­lichsten Sage meines Lebens," erklärte der Greis begeistert, indem er mit feinen Augen den vor ihm stehenden Schweinebraten verschlang.Sowas sehe ich gern. Sieht er nicht zum Anbeißen aus? Es gibt nichts, was so gut schmeckt und so gesund ist wie Schweinefleisch. Ich habe mehr Schweine­fleisch gegessen als irgend etwas anderes, und wenn ich das nicht getan hätte, wäre ich schon längst tot. Schinken zum Frühstück, Schweine­braten zum Mittagessen, Wurst zum Qlbend das ist so mein Fall!"

(Ein Geheimtagebuch des Feldmarschalls haig.

Wie englische Blätter berichten, hat der jetzt verstorbene Feldmarschall Haig, der Oberbefehls­haber der englischen Armee während des Welt­krieges, in dieser Zeit ein Sagebuch geführt, das er der Verwaltung des Britischen Museums übergeben hat. Dieses Dokument wurde ver­siegelt und wird in der Stahlkammer des Mu­seums unter den größten Vorsichtsmaßregeln verwahrt. Das versiegelte Paket darf erst nach 12 Jahren geöffnet werden. Rur ganz wenige Personen aus dem engsten Familienkreise des Feldmarschalls haben in diese Aufzeichnungen Einblick gehabt; sie sollen eine sehr scharfe Kritik über viele Ereignisse enthalten und mit verschiedenen noch lebenden Heerführern, Staats­männern und Politikern sehr streng ins Gericht gehen. Die Veröffentlichung, die nicht vor dem Jahre 1940 erfolgen darf, dürfte eine große Sensation werden.

ständige Reugebären in der Qiatur; und stän­diges Schaffen, das ihm Sinn alles Geschehens um ihn erscheint, wird auch zum öinn und In­halt seines Lebens. Der Rhythmus srines_Lebens kommt mit dem der Welt überhaupt überein. Und dies ist die Wurzel bäuerlicher Wucht und Kraft auch in Südvsteuropa. Wo dieser Lebenssinn verloren geht, verliert sich die Eigen­art der Menschen. Dahin aber führt mechanische Fabrikarbeit, wo die Arbeit Drotverdienen, aber kein Schassen mehr ist. Stetes schlechtes Vorbild der Gebildeten" kann den Dauern aus seinen festen Lebensformen herausheben, auch so ent­steht der entartete Dauer. DaS deutsche Bauern­tum im Südvsten ist von der Zivilisation noch nicht so einbezogen wie daS binnendeutsche. GS ist durchaus noch vorhanden in llnDerfümmert- heit und Gesundheit. Die deutsche Oberschicht habe vor dem Kriege in Südosteuropa das rechte Verhältnis zu dem Bauerntum verloren gehabt, sie habe sich in Ungarn insbesondere der führen­den sremdvölkifchen Oberschicht angeschlcs'en und sei so ihrem Volke entfremdet worden. Dadurch sei dies deutsche Volk führerlos gewesen. Das sei infolge des Weltkriegserlebnisses anders ge­worden. Das deutsche Bauerntum habe sich allen Stürmen gegenüber mit überraschender Kraft be­hauptet, es habe infolge 'einer Schollenverbun- denhcil die Kraft zum Ausharren be essen, wäh­rend die Intelligenz davon stob. Die deutsche Intelligenz aber habe sich zu einer Revision ihrer Gedankenwelt sowohl hinsichtlich ihres Verhält­nisses zu den Fremdvöllem als zu dem eigenen Dauemvolk genötigt gesehen; sie sei zur Er­

deiner Verlobung mit diesem frisch hereingeschneiten Franzosen begangen werden soll wenn er die Hauptperson, der verzärtelte, angeschwärmte Lieb­ling als Personifizierung des glorreichen Frankreichs angehimmelt werden soll, dann werde ich nicht kommen!"

Ja, er zog nun die Konsequenzen dieser Unter­redung mit seiner Schwester. Baronin Helene war bestürzt, als Raymond ihr seinen Entschluß mitteilte, dem Familienkreise fernzubleiben. Liber sie war zu schwach, um irgendeine Initiative zu ergreifen. Zu sehr hatte Melusine unter Beihilfe ihrer greisen Großmutter in dieser ganzen Affäre die Führung er­griffen und sie nach ihrem Willen gelenkt!

Als Mann von guter Erziehung und vornehmer Lebensart, dem Rücksicht auf die Mitmenschen zur zweiten Natur und etwas Selbstverständliches ge­worden war, unterließ Raymond es nicht, zur Groß­mutter hinauszufahren und ihr fein Bedauern aus­zusprechen, daß es ihm unmöglich sei, dieses Mal an der Familienfeier bei der Patriarchin her Familie teilzunehmen. Ganz absichtlich suchte er dieses Mal die alte Baronin allein auf, ohne Beglei­tung von Mutter, Schwester oder der Verwandten im oberen Stockwerk. Denn er hielt es für seine Pflicht, der alten Dame zugleich von seinem bestimm­ten Entschlüsse Mitteilung zu machen: seine elsässische Heimat zu verlassen.

Vielleicht war es zum ersten Male in ihrem lan­gen Leben, daß die Baronin Hammerschlag ihre Fas­sung zu verlieren drohte, denn seitdem man ihr den jungen Gatten nach der Schlacht bei Wörth ster­bend ins Schloß getragen, hatte etwas Persönliches sie nie mehr so betroffen, wie jetzt die Aussicht, ihren zweiten Enkel, ihren stillen Liebling, zu verlieren, ihrem Gesichtskreise entschwinden zu sehen.

Und daß sie den Enkel an den deutschen Gedan­ken, an dieses ihr so verhaßte Preußen verlieren mußte, obwohl es nun niedergerungen war, das war ihr ein besonders scharfer Stachel!

Es war wieder einer jener winterlichen Spätnach­mittage mit seinen geheimnisvollen Nebelschleiern und Stimmungen, wie sie schon mehrmals über die­sem weltabgekehrten altfranzösischen Schlosse gele­gen! Damals, als Raymond den Freund der eisigen

kenntnis der Wesenstiefe des Bauerntums, des Volkstums überhaupt, gelangt, und so frei von aller Ueberheblichke.t der Diener des Volkstums geworden. Das sei die große Wende. Das außendeutsche Volk aber dränge heute nach der Teilnahme am gesamtdeutschen Volksleben über­haupt, ohne darüber mit der fremdvölkischen Llmwelt in Konflikt kommen zu wollen, eS bilde so die kulturelle und wirtschaftliche Brücke zwi­schen dem Bauerndeutschtum und den ost- und sudosteuropäischen Fremdvölkern.

Amtsgericht Gießen.

©leben, 14. Februar.

Im Oktober v. I. fuhr der Angeklagte 11 mit seinem Lastauto in der Richtung nach Stein­bach an der Heil- und Pflegeanstalt vorbei. Reiter tarnen ihm entgegen. Das Auto streifte das eine Reitpferd an. Dieses kam mit dem linken Hinterbein unter das Vorderrad. Der Huf wurde abgequetscht. Das Dein war ge­brochen. Man mußte das Pferd töten. Dem Angeklagten war zur Last gelegt, er sei mit un- abgeblenöetem Licht gefahren und habe nicht vorschriftsmäßig die rechte Straßenseite einge­halten. Das erstere tonnte nicht nachgewiesen werden. Dagegen würbe festgestellt, daß der An­geklagte im Augenblick des Än,alles nicht rechts, sondern genau auf der Mitte der Straße fuhr. Dies hatte der Augenschein ergeben, der vor der Hauptverhandlung stattsand, sowie die polizei­lichen Messungen, die sofort nach dem Unfall

Erstarrung der Rheinfluten entrissen und das Herz der jungen Baronesse Melusine im Samariterdienst um den Verunglückten sich Dietwart entgegen^nei­gen begonnen hatte. Und dann, als Melusine kurz entschlossen Monsieur Jean Paul Bouvier im Auto hierher zum Besuche geführt und die Greisin vom Fenster aus in die hereindunkelnde Nacht den davongleitenden Lichtern des Gefährtes nachstarrte, in dem sich unter der Wirkung des französischen Champagners das Schicksal der beiden jungen Her­zen entschied.

Jetzt aber saß ihr Enkel neben ihr und sprach mit halblauter Stimme von den schweren inneren Kämp­fen, die ihm seit seiner Rückkehr hier beschieden ge­wesen warm. Geahnt hatte die Greisin das alles! Und doch hatte sie nie aufgehört, zu hoffen, die Idee an Frankreich, an den wieder erstandenen franzö­sischen Aar würde auch inÄ)m erwachen und ihn zu ihrer Seite hinüberziehen! Nun aber hörte sie mit fest zusammengepreßten Lippen seine Anklagen ge­gen Frankreich. (Segen die schamlose Art, hier jedes Recht zu vergewaltigen. Gegen die Rechtsbeugun­gen, ehe noch der Friede unterzeichnet worden war. Ohne jede Schonung schilderte er mit tiefstem Ab­scheu die Einzelheiten der Ausweisungen, wie er selbst als Augenzeuge sie gesehen batte.

O, welch unauslöschliche Schmach lud Frankreich, dieses immer an der Spitze der Kultur marschierende Frankreich, durch diese Tatsachen auf sich!

Unbeweglich, gleich einer Nonne, das schneeweiße Haupt auf die gefalteten Hände am Griff ihres Krückstockes gestützt, hörte die Ahne ihm zu. Kein Wort vermochte sie bei all seinen harten Anklagen gegen Frankreichs Haltung hier im Elsaß zur Ent­waffnung oorzubringen. In dieser Stunde erkannte sie das unabwendbare Schicksal, ihren Lieblingsenkel verlieren zu müssen, um ihn an den deutschen Ge­danken abzugeben. Eine Kluft, eine Leere würde sein Fortgehen hier im engsten Familienkreise hinterlassen.

Es gab dieses Mal einen ernsten, mühsamen, schweren Abschied zwischen Großmutter und Enkel. Wann wirst du Straßburg verlassen?" fragte sie zuletzt, als er sich erhob.

Den Termin weiß ich noch nicht! Ich bin über die Einzelheiten meiner Uedersiedlung nach Deutsch­land noch nicht klar. Fest steht für mich, daß ;d) jetzt Stellung als Assessor suchen werde, um im deut­

Dorgenommen worden find. Der Angeklagte gab an, er sei unmittelbar vor dem Umfall nach der Straßenmitte zu gefahren, weil eS schlüpfrig war, sein Wagen leicht schleudere und unmittelbar am Rand des Fahrdamms ein Pärchen gegangen sei, das bei allzu scharsern Rechtsfahren ge­fährdet gewesen sei. Diese Angaben des Ange­klagten waren nicht zu widerlegen, wurden sogar durch zwei Zeugen bis zu einem gewissen Grade bestätigt. Es war deshalb zugunsten des An­geklagten zu unterstellen, daß er einen berechtig­ten Anlaß hatte, nicht die rechte Straßenseite einzuhalten, sondern nach der Mitte auszubicgm. 3m übrigen ist es möglich, daß er vor dem An­fall die scharf rechts sich haltenden Retter in der Dunkelheit nicht gesehen hat. Das verletzte Pferd hatte wegen eines Sandhaufens gerade eine Bie­gung nach der Straßmmitte zu machen müssen. Dem Angeklagten war ein Verschulden nicht nach­zuweisen. Er wurde sreigejprochen.

3 Mark Geldstrafe erhielt ein Fuhrmann, der zwischen G.eßen und Lollar mit der einen Seite seines Fuhrwerks auf dem Bankett ge­fahren war.

Ein Angestellter, der auf den Bahnsteigen des hiesigen Bahnhofs Erfrischungen zu verkaufen hatte, hat einen Teil des Erlöses nicht abgc* liefert, sondern für eigene Bedürfnisse verwandt. Wegen AMerschlagung wurde er zu einer Geld­strafe von 25 Mark verurteilt. Er war noch nicht vorbestraft.

Ein Bewohner einer hiesigen Darackenkolonie hatte trotz mehrfacher polizeilicher Verwarnung Flaschenbier zum alsbaldigen Verbrauch verkauft. Aus Grund des Reichsnotgesetzes erhielt er eine Geldstrafe von 30 Mark, Im Falle der Uneinbringlichkeit sechs Sage Gefängnis.

Wirtschaft.

Mitteldeutsche Creditbauk.

In der gestrigen Aufsichtsratssihung der Mitteldeutschen Creditbank wurde der Ab­schluß für das Geschäftsjahr 1927 vorgelegt. Der auf den 13. März 1928 einberufenen ordent­lichen Generalversammlung wird die Verteilung einer Dividende von 9 Proz. (wie im Vorjahre) vorgeschlagen.

In dem Geschäftsbericht wird ausgeführt:

Das Wirtschaftsjahr 1927 verlief im allgemeinen befriedigend. Roch immer verhindern hohe Steuern und soziale Lasten eine genügende Ka­pitalbildung, ohne die eine Gesundung der deut­schen Wirtschaft, der öffentlichen wie der privaten, nicht denkbar ist. Die alsbaldige Wieder­herstellung der landwirtschaftlichen Rentabilität ist eine im Interesse der ge­samten Volkswirtschaft gebotene Rotwendigkeit. Die immer wieder aufflackernden Lohn- und Arbeitszeitstreitigkeiten dürfen in ihren Folgen nicht unterschätzt werden. Unter den herrschenden Verhältnissen bewirken Lohnerhöhungen unbe- streitbar einen gesteigerten Verbrauch mit er­höhten Preisen, und dementsprechend eine Ver­mehrung der Einfuhr.

Die Börse ft and tm Jahre 1927 unter kei­nem glücklichen Stern. Die Folgen der plötzlichen KrediteinschrLnkungen im Mai haben die Börse ihrer Eigenschaft al- WirtschaftStnstru- ment fast völlig beraubt Die KurSaestalttmg wurde Don Zufälligkeiten abhängig, haltlose Ge­rüchte und belanglose Vorkommnisse wurden für die Dörsenstimmung ausschlaggebend. Die Folge war, daß sich das Kapitalistenpublikum mehr und mehr von der Börse zurückzog. Ein der­artiger Zustand ist für die deutsche Wirtschaft nicht erträglich, da die zur Steigerung der Pro­duktivität dringend nötigen Finanzgeschäfte der Wirtschaft nicht durchführbar sind.

Das deutsche Bankgewerbe konnte aus der lebhaften Börsentätigkeit der ersten Monate entsprechenden Nutzen ziehen. Der Wegfall der Emissions- und Börsengeschäfte im weiteren Verlaus des Jahres, die Unterhaltung einer genü­gend hohen Liquidität mit Rücksicht auf die gespann» ten Geldmarktoerhältmsse und das Anwachsen der Unkosten blieben auf das Gesamtergebnis nicht ohne Einfluß.

Zu den Ziffern der Gewinn» und Derlust - rechnung sowie der B i l a n z ist im einzelnen zu

schen Verwaltungsdienst Fuß zu fassen. Ich komme selbstverständlich vorher noch einmal zu dir heraus, Grandmama. Einen ganzen Nachmittag lang. Laß mich dann am liebsten mir dir allein hier sein! Wir zwei allein!"

Sie preßte ihm die Hand, ohne vor innerer Er­schütterung ein Wort hinzu fügen zu können. Dann, als dem alten Jacques geklingelt und der Befehl ge­geben war, den Chauffeur zur Abfahrt zu benach­richtigen, und er selbst dann wartend im Vestibül stand, hielt die Baronin den Enkel nochmals mit der zögernden Frage zurück:Willst du uns nicht noch die Freude machen, wenigstens bei der Hochzeit von Alceste und Poette hier zu sein?"

Raymond überlegte. Er hätte gern diesen Wunsch der Großmutter erfüllt. Aber dann stellte er sich den Hochzeitstag in all seinen Einzelheiten In Gedanken vor: er schätzte die ganze Familie Amberger, die dann in corpore aus Mülhausen herüber kommen würde, durchaus nicht in ihrem unentwegten fran­zösischen Geplapper, in ihrer aufgepfropften, franzö­sischen Kultur, in ihrer erzwungenen Eleganz, die im Grunde fern war von wirklicher Vornehmheit, kurz, er schätzte diese Vertreter der Geldaristokratte der französischen Chauvins nicht hoch ein. Den Brautführer irgendeiner der Pensionsfreunbinnen von Pvette abgeben, feifie eigene Schwester als Braut neben diesem hereingeschneiten Professor der Musik, Jean Paul Bouvier sehen?

Nein, Grandmama, ich glaube nicht! Ich werde mich an keinen Termin binden können."

Es war Raymond, als begänne nun tagtäglich ein Teil seines bevorstehenden Abschieds, als müsse er sich Stück für Stück von der Heimat losreißen. Am Tag des Heiligabends verließ er fein Eltern­haus, um nach der Besitzung von Wenger in eines der Dogesentäler hinauszufahren. Zum ersten Male löste er sich hiermit äußerlich aus seinem Familien­kreise. In derselben Stunde, in der seine Mutter mit Melusine, mit Onkel Carnilte und Alceste zur Grand­mama hinausfuhren und Monsieur Jean Paul Bau- vier in seiner unnachahmlichen französischenEle­ganz" gleichfalls in irgendeinem Gefährt zur Teil­nahme sich ins Schloß hinausbegab, trug der Zug Raymond aus dem Weichbild der Stadt hinaus in die Einschnitte des Dogesengebirges.

(Fortsetzung folgt)