ergibt sich immerhin eine Steigerung des Imports um 177 Prozent.
Gäbe es keine internationale Statistik, so würden die Fachleute diese Entwicklung doch auf andere Weise erkennen. Den Männern, die auf den großen Wollauktionen als Käufer au treten, ist es längst aufgefallen, daß sich seit dem Krieg unter der Schar der Bietenden Vertreter anderer Völker befinden, Amerikaner, die größere Wollmengen als früher an die wichtigen omeri.'anischen Börsen ziehen wollen, und auch Japaner, die Rohstoffe für ihre junge Industrie cinkaufen. Der große Wollhandel bedient sich nämlich der Auktionen, zu denen die Verkäufer die Ware gebündelt und verpackt einige Tage vorher liefern, um dem Auktionator Zeit zur Prüfung dec Rohwolle zu lasten. Es wird eine Art Katalog über das zur Versteigerung gelangende Material aufgestellt, und diese Angaben werden dann vor der Auktion von den Käufern nachgeprüft. Es gibt nur sehr wenige Wollhändler, die wirklich alle Wollarten kennen und mit ihnen handeln können: die meisten beschränken sich darauf, einige ihnen vertraute Sorten zu kaufen und ihren Abnehmern anzubieten. Bei den Dorbesichtigungen sieht man die Fachleute, wie sie mit einem Instrument die Kräuselung der Wolle prüfen, indem sie eine sechsseitige gezähnte Messingscheibe durch die Warenproben ziehen. Die Feinheit der Wolle wird durch eine Art Mikroskop festgestellt. Es gehören sehr große Kenntnisse dazu, ein tüchtiger Wvlleinkäufer zu sein: auf diesen Männern lastet eine außerordentliche Verantwortung, da auf den wichtigsten Versteigerungen, die in London und in Australien stattfinden, meist Millionenabschlüsse gemacht werden.
Wie sehr man sich beim Wolleinkauf nach Gewicht verrechnen kann, geht auch daraus hervor, daß unwahrscheinlich große Gewichtsunterschied je nach dem Reinigungsgrad der Ware besteht. Man unterscheidet zwischen ungewaschener, gewaschener und fabrikgewaschener Wolle. Richt selten kommt es vor, daß fabrikgewaschene Wolle 75 Prozent weniger wiegt als die noch nicht gereinigte. Das hängt natürlich von der Behandlung ab, die den Schafen auf den Farmen zuteil wird. Da gibt es ganz modern eingerichtete älnternehmen, in denen man sogar bei der Behandlung der Tiere auf die teure Handarbeit verzichtet hat und die Schafe mit elektrischen Apparaten schert Zweifellos wäre auch in deutschen Schafzüchtereien noch manches verbesserungsfähig. In der nächsten Etappe der Wwllverarbeitung, in der Wäscherei und der Kämmerei ist dagegen gerade in Deutschland manches Bemerkenswerte geleistet worden. Von den Dampfern, die die Rohwolle nach dem deutschen Wollzentrum Bremen bringen, wird die Ware mit Drahtseilbahnen und Fahrstühlen zu den Verarbeitungsstätten geführt, an großen Tischen sortiert und dann eingelagert. Aus den Lagerräumen befördert man die Wolle in riesige Waschmaschinen, trocknet sie mit Trockenapparaten, »dümpelt" sie maschinell und bringt sie dann in die Kämmerei, wo die Wollketten in lange und kurze Fasern geteilt werden. In diesem Prozeß ist die Handarbeit schon in hohem Grade durch Maschinen erseht worden. Rach der jetzt einyeleiteten Rationalisierung des Wollhandels blerbt also In der Hauptsache nur noch eine vernünftige Ausgestaltung der Wollproduktion übrig.
Geld W vom Simmel.
Vornan von Paul Enderling.
Copyright by Carl Duncker. Verlag, Berlin.
45. Fortsetzung. Nachdruck verboten.
Draußen lümmelten sich zwei Bluseninänner seit einer Stunde umher. Sie hockten auf einem Handwagen, rauchten die schwarzen französischen Zigaretten und spuckten in großem Bogen aus die Straße. Nach einer Weile verschwanden sie, und ein Bouquiniste loste sie mit seinem Gehilfen ab. Er konnte von seinem Ausguck deutlich die gelben Umschläge der Romane erkennen und die Pappschachteln mit den Photographien und Ansichtskarten. Sie waren auf dem Posten.
Aber er war es auch. Sein unruhiges Leben hatte ihn auf alle Zufälle und Ruckschlage gewappnet. Und bis zum Abend hatte er ja noch Zeit. Hatte er noch soviel Zeit? Plötzlich kam ihm der Gedanke an Brodersen, dessen Tochter er eben beleidigt hatte. Die alte Furcht vor ihm stieg auf und lahmte ihn. Er sah seine breite, schwere Gestalt deutlich vor sich und den mächtigen Kopf, dem die grollende, herrische Stimme entstieg, die ihn immer gebändigt hatte.
Als er einen männlichen Schritt auf dem Korridor hörte, zuckte er zusammen, um gleichzeitig seine Furcht zu verwünschen. Aber eins blieb: er hatte keine Zeit zu verlieren. Vielleicht sprach Inge Brodersen in diesem Augenblick schon mit ihrem Vater, und der furchtbare Blinde kam herauf, um die Schmach zu rächen.
Daß die Leute da unten auf dem Platz ihm diesmal glauben würden, war ausgeschlossen. Mißtrauen war ja der stärkste Faktor ihrer Menschen- behandlung. Mißtraute nicht ein Führer dem andern? Lauerte nicht jeder auf eine Verfehlung, die zum Sturz genügte? In jagender Eile leerte er seine Koffer, bis er fand, was er suchte: Bart, Brille, eine Reisemütze und einen großkarierten Ulster. Vor dem Spiegel stellte er fest, daß seine Kostümierung gelungen war, wenn er sich noch dazu zwang, die englische Pfeife zu qualmen.
Aus den Päsien, die er immer bei sich trug, wählte er den finnischen aus, der auf den Kaufmann Sindsall lautete. Finnland war so sowjetrein wie möglich. Fast belustigt las er die langen finnischen Bezeichnungen der Behörden. Was waren das für Worte: „Alamaisnus, Kansallifnus, Tuntomerkit" — klang es nicht mexikanisch? Und in ein solches Land sollte er nun.
Für die nächste Zeit hatte er Geld genug. Es blieb sogar noch genügend für ein Telegramm an diesen Kiewening, das er schnell hinkritzelte, um es unten In die Portierloge zu legen. „Anzeigen! Grotteck verhaften! Geld folgt morgen. Brod." Seine Rache war bescheiden genug, aber er hatte ja einstweilen keine Zeit au einer andern. Vielleicht kamen einmal andre Zeiten.
Hatte sich dieser Grotteck nicht auch um Inge Brodersen bemüht? Nitschewo. Er war bei dieser kalten Spröden nicht weiter gekommen als andre. Mochten sie verderben.
Vorsichtig die Tür öffnend, ging er hinaus. Auf dem Korridor war niemand. Der List trug ihn nach unten, wo reges Durcheinander ihn verdeckte. Er legte die Depesche mit einem Geldschein in die Portierloge und schob sich dann mit einer Gruppe Engländer auf die Straße. Er fiel niemand auf, auch
Das neue hessische Gewerbeschulgeseh.
Der hessische Minister für Kultus und Dil- dungswesen legt jetzt dem Landtag einen Gesetzentwurf über „b'.e öffentlichen älnterrichtsanstcrl- ten für freie und angewandte Kunst und dte öffentlichen lechmschen und gewerblichen älnter- richtsanstalten mit Staatsunterstützung' vor. Der Gesetzentwurf will die Anstalten erfassen, die schon seither öffentlich-r-chtlichen Charakter hatten und auch in Zukunft haben sollen, aber durch einen Staatszuschuh unterstützt wurden. Anstalten dieser Art mit geschlossenem Taaesunterricht und mehrsemestrigem Lehrplan bestehen zur Zeit im Volksstaat Hessen 16. Dazu gehören die Höhere Landesbauschule in Darmstadt, die Fachschule für Elfenbeinschnitzerei und verwandte Gewerbe in Erbach L O., die Webschule inLauter- b a ch, die Kunstgewerbeschule in Mainz, die Technischen Lehranstalten in Offenbach mit Kunst- aewerbeschule. Baugewerkschule und Maschinenbauschule, die Masch'.nenbauschule in Darmstadt, die Höhere Bauschule in Bingen und die Gewerbeschulen in Gießen und Worms. Diese genannten Anstalten heb n durchlaufenden linier- richt im Sommer und Winter, während die Gewerbeschulen in Darmstadt, Dmsheim, Friedberg, Alsfeld Büdingen, Ridda, Alzey und Michelstadt nur Wintertagesschulen mit eingeschränktem Sommerunterricht oder ohne solchen sind. Mit Ausnahme dec Erbacher Fachschule sind diese Anstalten ursprünglich von den Gewerbevereinen eingerichtet und von dem Landesgewerbeverein und anderen Korporationen unterstützte Anstalten gewesen. Sie haben sich den örtlichen Verhältnissen entsprechend verschiedenartig, aber insgesantt so vergrößert, daß im Rechnungsjahr 1928 ein Gesamtaufwand von 966053 Mark erforderlich war, wovon durch Staatszuichuh 250 816 Mark, aus Beiträgen der Gemeinden, der Gewerbevererne, Kreis- und Sparkassen, aus Privatmitteln und Schulgeld (264 902 Mark) zusammen 715 237 Mark aufgebracht wurden. Den Bedürfnissen entsprechend wurde jährlich der Staatszuschuh vermehrt, während bei den beteiligten Gemeinden dies nicht in gleichem Maße der Fall war. Anderseits erfolgten häufig äleberschreitungen der aufgestellten Voranschläge und der Staat wurde um Rachbewilligungen ersucht. Gleichzeitig wollen aber die beteiligten Gemeinden an der Arbeit der Anstalten beteiligt sein, welchem Wunsche auch in dem vorliegenden Gesetzentwurf Rechnung getragen wird. Der Gesetzentwurf will eine einheitliche Rechtsgrundlage für die in verschiedenen Formen vorhandenen gewerblichen Anstalten mit Staatsunterstühung schaffen, und zwar derart, dah als Träger dieser Anstalten in Zukunft d i e politischen Gemeinden oder, wo sich ein Bedürfnis hiernach herausstellt, Kreise oder Zweckverbände politischer Gemeinden gelten sollen, unbeschadet der seither als ersprieh- lich und unentbehrlich erkannten Mitwirkung gewerblicher Vereinigungen und anderer Körperschaften (Handelskammern). In Zukunft werden auch weiter Sonderkurse, insbesondere der abendliche Unterricht und die Vorbereitung auf die Meisterprüfung sich aus eigenen Einnahmen selber tragen müssen. In dem Gesetz werden die Ziele der Anstalten im großen und
nicht dem fliegenden Buchhändler, der eben einem Fremden die neue Reliefkarte von Paris cruf- schwatzte. Alles war in Ordnung.
Im phlegmatischen Schritt eines echten Sohnes Albions ging er bis zur Ecke, wo er ein Auto heranwinkte. „Louvre", rief er dem Chauffeur zu. Das war ein guter Einfall: jeder Engländer besuchte den Louvre.
An der Säule auf dem Place Bendome stieg er aus, zahlte, umständlich mit den französischen Lauten ringend, betrat einen staatlichen Tabak- laden, den er gleich wieder verließ, um ein neues Auto zu besteigen.
An der Ecke der Rue St. Honor6 knatterte ein Motorrad heran, das mit zwei Männern besetzt war. Es hielt einen Augenblick puffend neben seinem Auto, um einen Möbelwagen vorbeizulassen. Blinsky sah in fremde, gleichgültige Gesichter.
Als er durch die Bahnsperre trat, ohne behelligt zu werden, atmete er auf. Er war ihnen entkommen. Er ging lächelnd an dem Zug entlang, der schon wartete. Seine Pfeife qualmte.
Ein gutgekleideter Herr streifte ihn mit seinem Reisekoffer und sagte mit unterwürfigem Gesicht, als bäte er um Verzeihung, leise „Slowo!"
Fast hätte Blinsky aufgeschrien: er war umstellt.
Er bezwang seine Miene und ging achselzuckend weiter. Noch war nicht alles verloren. Hier auf dem Bahnsteig würden sie keine Gewalttat wagen. Zur Vorsicht stellte er sich so, daß er von andern gedeckt war. Wenn er im letzten Augenblick der Abfahrt aufsprang, war er gerettet, zum mindesten für die nächste Zeit. Und im Zug gab es Notbremsen, die ein Ausspringen an einem Punkt, wo cs ihm beliebte, ermöglichten.
Die Lokomotive stieß einen langen Pfiff aus, der Zug rollte an. Blinsky faßte einen Griff und wollte sich emporschwingen, aber irgend etwas kam ihm zwischen die Beine, seine unsichere Hand glitt nieder, er fühlte sich ins Schwanken und Stolpern kommen, taumelte und fiel zwischen die fahrenden Wagen.
-Ein vielstimmiger Aufschrei gellte durch die Halle. Signale schrillten. Der Zug hielt wieder.
Zwei Beamte zogen einen verstümmelten Leichnam hervor, der einen Anblick von lächerlicher Grausamkeit bot, da die eine Hälfte des Schnurrbarts sich verschoben hatte.
Ein Reisender, der sich offenbar verspätet hatte, und der einen stark slawischen Akzent sprach, meinte: „Wahrscheinlich ein Komödiant!"
Die entsetzten Beamten nickten nur.
In dem gelben Haus an der Rückertstraße war es still geworden, auch seit Brodersens wieder heimgekehrt waren. Die vielen Besucher der letzten Zeit blieben aus. Gäste wurden nicht geladen und nicht empfangen. Der einzige, der Zutritt hatte, war Grotteck.
Er saß an diesem milden Septemberabend auf dem Balkon und lauschte Inge, die drinnen Bach spielte. Sie spielte auf den Wunsch ihres Vaters, der Drüben In seinem Zimmer saß und diktierte.
Das kleine magere Fräulein war wieder da und schrieb. Ihre Furcht vor Brodersen hatte sie ver- (oren, und sie konnte zu ihm aufsehen, ohne zu- sammenzusahren. Sie erzählte, daß er oft halbe Stunden lang schwieg, als ob er über etwas nachgrüble, und dah sie ehr Stundengeld gar nicht ab= verdiene.
Er diktierte jetzt nur von seinen Reisen, von Tempelwundern auf Sumatra, von der See
ganzen den seitherigen Erfahrungen und Bedürfnissen angepaht unter Beachtung der veränderlichen Ansprüche des Wirtschaftslebens. Das Gesetz regelt dann ausführlich die äußere und hmete Verfassung der Schule, das Dienstverhältnis des Schulleiters und der Lehrkräfte, für deren Bezüge die staatliche Desoldungsordnung maßgebend ist, doch können besonders tüchtigen Kräften im Einvernehmen mit dem Finanzminister und dem Träger der Schule Sondervergünstigungen gewährt werden. Zu den persönlichen Kosten der Schule leistet der Staat Zuschüsse in Höhe des halben Betrages, die durch andere Zuschüsse oder Einnahmen nicht gedeckt werden. Rach der Absicht des Kultusministers soll das Gesetz rückwirkend ab 1. April 1928 in Kraft treten und auch für die Kostcnverteilung der Rechnungsjahre 1923 bis 1927 gelten, um klare Rechtslage mit den Gemeinden zu schaffen, die, teils unter Wahrung ihrer Rechtsauffassung, vom Staat vorgelegte Gelder ganz oder teilweise zurückzuerstatten haben.
Oberhessen.
Landkreis Gießen.
Reiskirchen, 16. Rov. Heute kehrt zum 10 0. M a l der Geburtstag eines Sohnes unseres Dorfes wieder, der als 'berühmter Mann seinem Heimatorte allezeit Ehre machte. Es ist der kurz vor dem Kriege im hohen Alter verstorbene Dr. Wilhelm Sommerlad, der in Frankfurt a. M. als Rektor und Schulreformer sich großes Ansehen erworben hatte, zumal er sich auch im Gemeinde- und Kirchendienst der Main» metropole verdient machte. Dr. W. Sommerlad entstammte einer Lehrersfamilie, war langjähriger Assistent am Liebigslaboratorium in Gießen, unterrichtete dann in Friedrichsdorf am ©armier- scheu Institut gemeinsam mit Phil. Reis, dem Erfinder des Telephons, bis er zuletzt als Schulmann nach Frankfurt a. M. an die Liebfrauenschule berufen wurde.
Z A 11 e n d o r f a. d. L d a., 15. Nov. Der gestern hier abgehaltene Schweinemarkt, der sog. Nickelsmarkt, war verhältnismäßig gut befahren. Es kosteten 5—6 Wochen alte Ferkel 14—18 Mark, 7—10 Wochen alte 19—28 Mark, Läuferschweine je nach Alter und Qualität 30—35 Mark pro Kopf. Der Handel ging flott, so daß fast ausverkauft wurde. Der gleichzeitig abgehaltene Krämermarkt hatte einen weit besseren Besuch als in den Vorjahren.
* Bersrod, 15. Rov. Heute abend versuchte ein auswärtiges Auto aus der hiesigen Dorfstraße umzudrehen. Dabei wurde der Fahrer anscheinend durch das Licht der Dorflampe geblendet und drehte seinen Wagen zu weit. Hierbei geriet das Auto in den jetzt mit Wasser gefüllten, etwa drei Meter breiten Dorfgra- b en, in dem sich der Wagen umlegte: der Fahrer befand sich dabei im Innern des Wagens. Da rasch eine große Anzahl Einwohner zur Stelle war, gelang es, das Auto bald wieder aufzurichten und auf die Fahrbahn zu bringen. Es ist weder Personen-, noch Sachschaden entstanden: der Wagen konnte daher seine Fahrt fortsehen. Jedoch kehrte der Automobilist nach einer halben Stunde wieder hierher zurück, da er inzwischen bemerkt hatte, daß seine Werkzeugtasche mit Inhalt verschwunden war: diese wurde durch Tauchen in dem Graben vollzählig vorgefunden.
schlänge an der australischen Küste, von fanatischen Sekten im östlichen Rußland. Alle die furchtbaren Dinge, die sie einst mit Schaudern stenographiert hatte, schienen beiseitegelegt zu fein. Sie hatte sie nicht in die Maschine übertragen müssen, und er kam nie auf sie zurück.
Brodersen konnte bisweilen sogar freundliche Fragen stellen, er schrie sie nicht mehr an, wenn sie Einwände machte, und selbst seine Stimme hatte ihren drohenden, gewitterigen Klang verloren. Es kam dem Fräulein vor, daß er gealtert sei —
Grotteck wußte, daß ihn die Stunde, da man ihm den Tod Blinskys gemeldet, nicht nmgeworfen hatte — es war noch andres, was an ihm nagte. Wie ein Fürst hatte er die Pariser Polizei empfangen, die gern wissen wollte, in welchem Auftrag sein ehemaliger Privatsekretär in Verkleidung und mit falschem Paß gefahren sei. Daß es nicht in seinem gewesen, wußte man: man hatte sein Gespräch im Saal des Grand Hotel behorcht. Man war freundlich auseinandergegangen, und der Heimfahrt war kein Hindernis in den Weg gelegt worden.
Schon am nächsten Tag waren sie gefahren, und Grotteck hatte bei Brodersens bleiben dürfen. Es war eine qualvolle Fahrt gewesen. Brodersen sprach kein Wort, ließ sich von Si bedienen und im übrigen Inge alles bestimmen. Die ganze Zeit über waren seine Augen auf die Landschaft gerichtet, die sie nicht sahen.
„Wir müssen ihn schonen", hatte Inge gebeten, wenn Grotteck ungeduldig wurde. „Warte noch!"
Aber dies Warten war schwer, zumal er dem Blinden um keinen Schritt näherkam. Entfernte sich nicht auch Inge von ihm? War er ihrer sicher, wenn sich sein Schicksal hier erfüllte? Tag für Tag erwartete er den Schlag, der nun auf ihn niedersausen mußte. Blinsky war tot, in sein eignes Netz verstrickt worden. Aber der andre war da, dieser lächerliche Bursche, den er mit Geld unschädlich machen konnte. Hatte nicht Martha Rebmann dazu geraten? Er verscheuchte diesen Gedanken der Abwehr. Nicht feige sein!
Das Schicksal hätte begleitet fein müssen von tönenden Fanfaren und wehenden Fahnetz — hatte es nicht so begonnen? —, nun würde es häßlich, bösartig und dumm fein. War es nicht am einfachsten, er ging ihm entgegen? Aber das hätte bedeutet, daß diese Stunden mit Inge zu Ende waren, diese Stunden, die der Inhalt feines Lebens geworden.
Bisweilen sah sie fragend zu ihm auf, sie fühlte wohl, daß er mit Entschlüssen rang. Aber er wagte nicht, das zu sagen, was sie damals mit Küssen fortgescheucht hatte.
Ihre trotzige, leuchtende Liebe war eine melancholische geworden, nicht entsagend, aber abwar- tend und müde von diesem Warten. Es paßte gut, daß die ersten gelben Blätter des Jahres von den Zweigen glitten —
Inge hatte ihr Spiel geendet. Einen Augenblick noch saß sie am Flügel, verträumt in die Weite blickend, bis sie sich zu Grotteck wandte. Wie ernst er war! Er hätte nie in diese Stadt kommen sollen, nie in dies Haus. Unglück steckt an —
Aber als sie sich so weit in ihren Gedanken verirrt hatte, stand sie auf, alles abschüttelnd, und ging langsam zu ihm hinaus.
Er erhob sich verwirrt und reichte ihr die Hände. „Dank, Inge!" Sein scheues Lächeln machte sie erbeben. Konnte sie ihn nicht froh machen?
o Beltershain, 15. Rov. Rachdem die Wahl der Kirchengemeindevertretung betätigt war, wurde die Wahl des Kirchenvorstandes vorgenommen, mit der Wahl war die Wahl zweier Mitgnieder für den Ki ch.nvorstand Wirberg verbunden. Das Resultat war die einstimmige Wiederwahl der sechs Mitglieder: Dür- germcister Hornmann. Rechner H. Röhrig (diese beiden zugleich Mitgli der des K. V. Wirberg), Heinrich Erb, Karl Petri, Heinrich Preis, Ludwig Schneider.
* Lang-GönS. 15. Rov. Der hiesige Geflügel- und Kaninchen-Zucht verein hält am nächsten Sonntag seine diesjährige Lokalausstellung ab. Ungefähr 200 Tiere bester Qualität kommen zur Schau. Die Ausstellung verspricht sehr viel Sehenswertes.
Kreis Büdingen.
△ Nidda, 15. Nov. Seit dem Tode des Vorstehers der hiesigen israelitischen Gemeinde, bet Kaufmanns Jakob Wallenstein, versah bisher dessen Stellvertreter, der Viehhändler Emanuel Eck- stein, die Derwaltungsaeschäfte der Gemeinde. Gestern fand nun im Rathaus unter Vorsitz von Bürgermeister Ringshausen die Wahl eines neuen Vorstehers statt, bei der der seitherige Vertreter einstimmig gewählt wurde. Derselbe versieht auch den Kantor- und Dorbeterdienst der israelitischen Religionsgemeinde Nidda-Geiß- nidba, seitdem die israelitische Rellgionslehrerstelle infolge Kostenersparnis nicht mehr besetzt ist. E. E ck st e i n gilt als ein guter Kenner der hebräischen Sprache. Den Religionsunterricht erteilt den israelitischen Schülern der Religionvlehrer Kaufmann von Schotten, während zu den Trauungen und Beerdigungen von Israeliten in den letzten Jahren stets einer der beiden Rabbiner aus Gießen bestellt wird.
• Ortenberg, 15. Rov. An Stelle deS vev- storbenen Direktors Weckesser wurde Oben- amtörichter Dr. Andrae zum Direktor des Vorschuß- und Ereditvereins A.-G., Ortenberg, gewählt.
Kreis Schotten.
-»-Schotten, 15. Nov. Am 1. Dezember scheidet durch Erreichen der Altersgrenze unser Kreis- d i r e 11 o r , Geh. Regierungsrat Böckmann , aus seinem A m t c a u s. Uebcr seine Nachfolge ist bisher noch nichts bekannt geworden.
§ Ober-Seibertenrod, 14. Rov. Einer unserer ältesten Einwohner, der AuSzügler Alfred Keil, verstarb kürzlich im Al.er von 76 Jahren. Er erfreute sich hier allgemeiner Wertschätzung und war seit Jahren Vorstandsmitglied der Spar- und Darlehenslas'e Ulrichstein.
i Stumpertenrod, 15. Rov. Bei der hier stättgehabten Wahl der Kirchenvorsteher wurde der seitherige Kirchenvorstand wiedrrge- wählt, und zwar Bürgermeister Wilhelm Hahn II., Schreinermeister Wilhelm Mom - berg er I. und die Landwirte Karl Dietz I., Konrad Eckstein, Heinrich Stein I. und Heinrich Zinher.
Kreis Alsfeld.
Z M a u l b a ch, 15. Nov. In unserem Kirchspiel werden in Maulbach am 18., Appenrod am 19., Dannenrod am 17., außerdem Erbenhausen am 20. Rovember, abends 7 Ähr, die O b e r a m m e r- gauer P assionsspiel« im Lichtbild gezeigt.
„Ich habe die Chaconne auf Vaters Wunsch gespielt, ich habe ihm auch gesagt, daß es dein Lieblingsstück ist und daß ich gar nicht wagte, sie v?r dem Meister zu spielen/
„Ich soll ein Meister sein? Ach, Inge, wie weit bin ich davon. Und dein Vater ließ es dich doch spielen?"
„Ja, er meinte, ich solle es nun für mich deuten. Alle Musik sei nur Anstoß, für ihn ein andrer als für mich."
„Du hast gut gespielt."
„Das freut mich, aber ich fürchte, daß du sehr menig zugehört hast. Gesteh es nur!"
„Wie du mich kennst! Ja, ich habe während deines Spiels dem Erstehen eines Wunders zuge- schaut, das unter deinen Tönen aufblühte und das mich nun doch mit dir verband."
„Ein Wunder?"
Er nahm sie an der Hand und führte sie an das Geländer. „Sieh!" Ein Regenbogen schwang sich durch die Lust. In tiefen, satten Farben stand er auf dem dunkeln Untergrund. „Die Götter- brücke. Jetzt wandeln sie hinüber."
„Wohin?"
„Siehst du es nicht? Von Westen nach Osten — und drüben ist die Brücke in Grötthausen verankert."
„Der Bogen des Friedens ..." Sie schmiegte sich an ihn. Ihr Haär streifte seine Stirn. Ihr Mund blähte ihm entgegen. Er wagte nicht, ihn zu berühren.
„Frieden? Den könnten wir alle gebrauchen. Wie heißt doch der alte Kirchenspruch? Solange habe ich ihn nicht vernommen, und nun ist mir, als sei er erst gestern durch das spitze Gewölbe unsrer alten Ordenskirche gehallt, feierlich, beschwörend, verheißend: ,Friede, der höher ist als alle Vernunft ..!“
Sie blickte besorgt zu ihm auf. „Er wird auch hierherkommen. Wir haben zu tief in ^Abgründe gesehen, utn an ihn glauben zu können. Oh, welche Abgründe!" Sie kämpfte das Schaudern nieder. Bis heute hatte sie ihm nicht die furchtbare Szene mit Blinsky gestehen können. „Ist nicht Nachricht aus Grötthausen gekommen?"
„3a. Mutter sitzt am Waldrand, da, wo man die Chaussee zum Bahnhof überblickt, und wartet auf uns. Auch sie wartet ..."
Sie nötigte ihn zum Sitzen und strich über sein Haar. „Wir kommen bald ... bald ..."
„Mutter glaubt es auch, aber sie ist immer eine unverbesserliche Optimistin gewesen. Inzwischen kontrolliert sie den Gesang der Vögel, anstatt die Melkerei zu kontrollieren.
Sie lachte ein kleines Lachen. „Wie ich mich auf sie freue!"
„Weißt du übrigens, daß ich im Begriff mar, mein eigner Inspektor zu werden?"
„Ich verstehe von dielen Dingen nur, daß sie gesund sind und daß es herrlich sein muß, auf seinem Erbe zu arbeiten."
Sie hielt inne und lauschte zum Zimmer hin- über, wo ein Schritt erklang, der schwere, gleichmäßige, vorwärtstastende Schritt ihres Vaters. Cr verließ jetzt manchmal im Diktat fein Zimmer, durchschritt die Räume, um bann wieder zurückzukehren. Die alte Ruhelosigkeit, die ihn einst über den Erdball getrieben hatte, zerrann in diesem Wandern durch sein Haus.
Nun blieb er am Flügel stehen. „Spielst du noch etwas, Inge?"
(Schluß folgt.)


