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Nr. 65 Drittes Blatt

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Giefzensr Anzeiger (Seneral-Anzeiger für Gberhcffen)

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8reitag, 15. März 1928

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Auf der Leiche Sigurs z'itert ein seiner Lichtstrahl..

Was alles für deutsche Bühnen geschrieben wird.

Von Martin Hauser.

Unter Mitarbeiter hat auf den verschie- schiedensten Lheaterkanzleien die üblichen Einsendungen an die Dramaturgen durch­stöbert und dabei einige Talentproben ent­deckt, die wir unseren Lesern nicht Dvr- eulhalten wollen.

Rur Fleiß ist das Talent der Talentlosen. Uni) beklagenswecterweise wird sich der, dec in den Theateclanzle en und Bühnenvectriebs^ellen nach Stücken fahndet, die nach menschenmöglicher Voraussicht niemals das Licht der Rampe erblicken werden, ausschließlich mit ihnen be,assen müssen, denn: in 99 Fallen von 100 handelt es sich nach übereinstimmendem Urteil um diese fleißigen und völlig Unbegabten. Und doch, es hat etwa- Rührendes, Mitleid Erwecken­des, diese hingebende Begeisterung. diese un­erhörte psychische Energie an eine verlogene Sache gesetzt zu sehen, durch nichts anderes be­dingt als durch das Fehlen oder die höchst mangelhafte Ausbildung des selbstkritischen Sinnes.

Da sitzt solch einDichter" in der Rühe von Hannover. Hat sich nach altem Muster, und um der ewigen Stosfqual zumindest für sehr geraume Zeit entronnen zu sein, daran gemacht, von Dero angefangen die Schick, ale aller großen Leute der Weltgeschichte zu dramatisieren.

(Dei Luther angelangt, werde er sich Wohl eine längere Erholungspause gönnen, hofft der Dramaturg. Es wäre beiden zu wünschen!)

Eine Menge seiner opera er bezeichnet jedes seiner Werke wie der Musiker mit opus Dw..., vermutlich wegen der leichteren Uebersicht über die Produktion wurden schon zurückgeschickt, als wieder einmal ein grandioses Spartakus­drama in Jamben I aus den Tisch des un­glücklichen Dramaturgen ge logen kam. Dieser, voll Achtung vor der unsagbaren Mühe, die sich der Autor diesmal genommen, wollte es nicht bei der üblichen Retournierung bewenden lassen und unternahm es, die Ablehnung eingehender zu begründen. Vor allem wies er daraus hin, daß das jambische Versmaß den Stoff sprenge und feines Erachtens der Prosa der Vorzug zu geben sei usw. Was hatte der Arme damit angerichtetI Keine vier Wochen und da lag auch schon, bitte sehr, bitte gleich! der neue, in derbe, kraftvolle Prosa umgegosfeneSpar­takus" vor chm.

Jammerschade, daß es kein Archiv dieser Theaterstücke geben kann! Sie müssen zurückge­schickt werden, vergilben in den Schreibtischladen. Dur der Zufall, der einen zur rechten Zeit in eine Theaterlanzlei führt, oder Aufzeichnungen des Dramaturgen machen einem einen Original­text zugänglich.

Dies die letzte Szene deS vierten Aktes auä einem Dchauerdrama:

Amanda (wimmernd): Gnade, Baldrian!

Baldrian (eisig): Ich habe während deiner Rede nachgedacht, warum wohl ein so verkom­menes Geschöpf wie du um sein erbärmliches Leben so lange winseln kann.

Amanda: Baldrian!

Baldrian: Du sollst nicht sterben, bevor du nicht das Ziel deines Strebens erreicht hast ... Sieh her! Hier ist es, um was du ein Leben lang gelogen, betrogen, geheuchelt, gehöhnt und gemordet hast. Geld! Geld! Geld! Geld! Deunmalhunderttausend Mark, richtig gezählt! Das wird wohl reichen für einen Leichen­schmaus mit Pauken und Trompeten!

Amanda (stößt einen schrecklichen Schrei aus und vergräbt ihr Gesicht im Bärenfell).

Baldrian: .... nun wollen wir abrechnen. Du hast mir gemordet die Gattin. Du hast in Verzweiflung gejagt meinen Sohn Randolf. Du hast verführt mein unschuldiges Kind Sigur. Die Toten steigen aus den Gräbern ....

(3n diesem Augenblick beginnt geisterhafte Orgel ein Requiem. QI u f der Leiche 6 i - gute zittert ein feiner Lichtstrahl. Das große Oelbild der ruhenden Venus ver­wandelt sich in die am Meeresufer auSgcftredte Leiche Randolfs). .

Baldrian: Daß du mich ruiniert hast, ver­zeihe ich dir. Daß du mein Weib ins Grab gebracht hast, magst du dort oben verantworten. Aber daß du meine Söhne in den Tod gehebt hast, verzeihe »ich dir nie!!! Und deshalb denk an Gott und stirb!!

(Er tötet sie. bann ans Telephon):

Hier Graf Baldrian. Soeben wurde Grün- straße 11 eine Frau ermordet. Schicken Sie augenblicklich Schutzleute nach der Villa!!

(Vorhang.)

Die Gerechtigkeit scheint gottlob ihren Lauf zu nehmen, indes die Ergriffenheit über den un­erbittlichen Ausgang der Tragödie nicht Zeit hat, sich in uns breit zu machen, denn schon naht der freundliche Dramaturg mit einer hei­teren Sache. Ein Sektierer hat ein Stück ein- gereicht, worin er nicht müde wird, Wein und Bier zu preisen. Daß es schlecht ist und mit Rot den Unterhaltungsanfprüchen der Dorfkruginsassen zu Pasing etwa entsprechen könnte, ist eine Sache für sich. Seltsam ist der Begleitbrief, und man sieht baö Schreiberlein lustig mit den Qleuglein zwinkern, als es ihn schrieb. Da steht nämlich sonderbare Klar­heit über intimste wirtschaftliche Zusammen­hänge in einem Mann, dessen Blick doch vor­züglich nad) dem Jenseits gerichtet sein sollte! da steht also, daß der Tendenz wegen eine an­ständige Subvention der Brauherren und Wein­produzenten zu erreichen sein müßte!?! Dichter nein; indessen mühte er als Held eines feisten Schwankes rechte Eignung haben!

Es ist die interessante Feststellung gemacht worden, daß gewisse Stoffgebiete so wenig irgendeines vor Zugriff sicher ist temporär immer wieder aus tauchen, und zwar in den ver­schiedensten Gegenden und von den unterschied­lichsten Leuten, so daß jeder Zusammenhang aus­geschlossen erscheint. ES sind dies vornehmlich der Sündenfall, die Christustragödie ein Dichter vergaß sich so sehr, daß er auf die Ablehnung hin wissen liefe, er wünsche dem Lektor mit der verruchten Hand vierWochen Gelenkrheumatismus! und, natürlich, das wechselvolle Schicksal Rapoleons.

Andere auf Aktualität bedacht, greifen ihre Stoffe aus den Tagesereignissen. Ohne Zahl sind die Dramatisierungen des Schicksals von S a c c o und V a n z e t t i, der Hochstapeleien D o m e - las, der Ozeanübersliegung, des Falles Grosavescu. Auch die Tragödie um Hilde Scheller, mit dem sich die Oeffentlichkeit anläfelich des vor kurzem in Berlin abgeschlossenen Pro­zesses stark beschäftigte, liegt schon zu einem Drama verarbeitet vor! Seit demSchinder- Hannes" ist eine Hochflut in Räuber­dramen eingetreten, und als die Grvfedeutsche Theatergemeinde mit ihrem Programm kaum an die Oeffentlichkeit getreten war, da waren flugs! 40 Wilingerdramen da!

Augenblicklich macht sich Übrigens auch auf die bodenständigen Dichtergemüter der anglo--amerika­nische Einflufe geltend, wohl seit den großen

Erfolgen der Schwänke mit kriminalistischem Einschlag.

Schade um die Mühe, schade um die Zeit, die in Dielen Fällen nur vom Schlaf abgespart sein kann! Hub doch hat es. trotz a ler Lächerlich eiten von Inhalt u.ib Form, etwas Rührendes, solch ein viele Hunderte von Seiten starkes Manu- script, sauber alligcaphiert, ober etwas Mitleib Errege .des. dieses in Lei:en gebunden, gold­geprägter Rücken, gutes Pa icr. sorgfältige Ma- schinenschri t ober etwas u sagbar Trauriges, jenes Rvtizbuch mit ben hi gewor'enen B ei- ftilteir.tragu -gen eines Autors der, jenseits der Greirze von Genie und Wahnsinn - dichtet:

Gesang vom Schiff:

Dach Stirnen Wurf Ha en Triumphen darf.

(Ende Erster Auszug.)

Und es wird eifrig weitergedichtet, unbeküm­mert um alle Ablehnung. Lettorc i und Drama­turgen rauien weiter die im Gegensatz zur Bol's- mcinur.g schon lange nicht mehr vorhandene Mähne, lind auch weiterhin wird die in diesen Bureaus meistverwendete Bo abel sein:

Zurückschicken zurückschicken!

Turnen, Sport unk Spiel.

Seltenes Tu neriuMäum im Mittelrheintreis der D. T.

= Kreisoberturnwart Georg Frcv (Mainz), der technische Leiter des Gießener K eisturn- sestes. kann im nächsten Fahre sein 5,i j.. hriges Turnerjubiläum begehen. Seit 1882 ist er Vorturner. In diesem Jahre begeht er zwei Vierteljahrhundert-Jubiläen. Er ist nämlich 25 Jahre Gauoberturnwart des Gaue- Rheinhessen und ebenso lange ununter brachen Mitglied des Kreisturnaus­schusses, leit 1919 als Kceisoberturn - wart. 1519 6er ic ihn auch vr Deutsche Turntag in Erfurt in den Män crau ischuß der D. T., in dem er neben dem verstorbenen Oberturnwart Max Schwarze ein sachkundiger und geschätzter Mitarbeiter war und heute noch ist.

Aus dem Turngau Hessen O. T.

Die Gauriege für Köln.

= Wie schon bekannt, wird der Gau Hessen für das Deutsche Turnfest in Köln eine M u st e r- r i c g e stellen, die unter Leitung von Gau­oberturnwart W. Will (Giefeen) am Reck tur­nen wird. In mehrmaligem Zusammentreffen der geübtesten Geräteturner des Gaues sind fünf­zehn hervorragende Kräfte ausgelefen worden, die sich in den gemeinsamen Turnstunden nun auch schon recht gut zusammengefunden haben. Am morgigen Samstag tritt die Kölner Gau­riege erstmalig öffentlich auf, und zwar in Bad-Rauheim in Form eines grofecn Schau­turnens, dessen Darbietungsfolge ganz von den Kölnfahrern bestritten wird. Für die nächste Zeit sind weitere Werbeabende der Riege im Gau- gebict geplant. Der Riege gehören Turner aus Gießen. Grofeen-Linden, Krofdorf, Burgsolms, Ridda, Marburg, Dad-Rau- heim und Friedberg an.

Turnerehrung.

= Für Verdienste um die deutsche Turnsache wurden mit dem Ehrenbrief des Turn­gaues Hessen ausgezeichnet die Turner Hein­rich Z e i ß (Griedel) und Carl Ahrens (Bad- Dauheirn). Letzterer ist mit über 60 Jahre noch aktiver Turner und Vorturner in der Altersriege seines Vereins.

Aus dem 5. Bezirk im (Bau Hessen (D. T ).

bpw. Der 5. Bezirk im Turngau Hessen, dem die Vereine des Kreises Friedberg und des süd­lichen Teils deS Kreises Gießen angehören, veranstaltet sein Wintergerätewett­turnen am nächsten Sonntag in der Turnhalle zu B a d - R a u h e i m. Es ist recht gut für die Veranstaltung gemeldet worden. Vormittags turnen die Turner und Jugendtumer, nachmittags die Schüler.

Handball -er O. T.

Mtv. Giefeen 1 Tv. Dillenburg! 9:1.

Mtv. Gießen II Tv. Dillenburg II 6:0.

Die Ergebnisse beider Spiele fielen di.smal er­heblich höher aus, als dies die Vorspiele in Dillenburg vermuten ließen; besonders die zweite Mannschaft des Mtv., die sich bekanntlich ein bescheidenes 1: 1 gefallen lassen mußte, nahm Vergeltung und schickte die Spieler von der Dill mit einer 6:0-Diederlage nach Hause. Die erste Elf des Mtv. fertigte die erste Elf des

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Tv Dillenburg mit 9:1 ab Die erste Elf des Mtv. entwickelte ein ficheres, beständiges Kön­nen, was deutlich an den Erfolgen der letzt­gezeigten Spiele er.ichtlich ist. -dur muß das Zu ammenarbeiten von Läuferreihe und Sturm noch flüssiger und das Zu'piel noch genauer werden.

M.T.A. Gießen I. - T.D. Wetzls I.

Am kommenden Sonntag spielt die erste Mannschaft des Mtv. Giefeen erstmalig gegen die neuerstandene Els des Tv. Wetzlar. Wetzlar hat sich durch seinen 10:3-Cieg geg n Tv. 1846 Giefeen sehr gut eingeführt. Ein schuß- sicherer Sturm, der an Flinkheit und Gewand- heik nichts zu wünschen läßt, ist die - ö.'te Stärke der Wetzlarer Mannschaft. Auch iie r- teidigung weif) sich geschickt eines Gegn. zu erwehren. In seiner ganzen Stärke tritt Mtv. dem Gegner gegenüber. Voraussichtlich wird es einen scharfen, vielleicht auch harten Kampf ge­ben, über dessen Ausgang vorher nicht das ge­ringste gesagt werden kann.

Turngau Lahn-OünSverg.

Die Geräteturner und »turnerinnen deS Lahn-Dünsberg-Gaues treffen sich am Sonntag, 18. März, in Wieseck, um sich in friedlichem Wettkampf zu mcifcn. Geturnt wird in je zwei Stufen. Den vorliegenben Meldungen - 122 Turner und 50 Turnerinnen - ist zu ent­nehmen, bafe bte Winterarbeit im Gau lebhaft gewesen sein mufe. Rach dem Wertungsturnen folgt eine Werbeveranstaltung des Gaues. D.ese wird ausgefüllt durch Schauturnen der zehn ersten Sieger und Siegerinnen, Sondervorfüh- rungen verschiedenster Art von einzelnen Gau- Dereir.cn und musikalische Darbietungen.

Handball der Sp.-Vg. 1900.

5. Die Handballabteilung der SP. - V g g. 1 900 hat für die nächste Zeit mit einer Reihe guter Gegner Privatspiele abgeschlossen. So trifft sie sich nächsten Sonntag mit dem V. f. D. Friedberg als ersten süddeutschen Gegner auf dessen eigenem Platz. Durch die starke Ausbreitung des Handballsportes in der näheren Umgebung Frankfurts es wird in Liga-, A- und B-ÄIaffen gespielt haben auch die Friedberger Bewegungsspieler eine beach­tenswerte Spielstärke aufzuweisen. Sie sind der A-Klasse zugeteilt, unb stehen an zweiter Stelle hinter bem Meister unb Aufstiegskandidaten Polizeisportverein Butzbach, der übrigens über­nächsten Sonntag bei den 1900em zu Gast sein wird. Die Mannschaft des Lahnkreismeisters wird daher die Sache von einer ganz anderen Seite anfassen müssen, als sie bas gegen ihre beiden letzten Gegner tun konnte. Wenn wie zu er­warten steht Mittelstürmer und linker Läufer nicht mit von der Partie sein können, wirb sie alles daransetzen müssen, um ehrenvoll zu be­stehen. Ein Ergebnis auch nur annähernd Vor­aussagen zu wollen, wäre gewagt.

Westdeutsche Fußball-Meisterschaft.

Kurhessen Kassel, unser Dezirksmeister, hatte das Pech, am vorigen Sonntag gegen Preußen Krefeld gleich vor einer ziemlich schweren Aufgabe zu stehen, die er mit seiner knappen 2: 3-QUeberlage immerhin noch ehrenvoll löste. Am kommenden Sonntag werden noch grö-

fOie gowenen Berge.

Roman von Clara Diebrg.

Copyright by Deutsche Verlags-Anstalt Stuttgart.

15. Fortsetzung. Nachdruck verboten

Immer wenn Simon Brsmm davon las, bafe einer aufgestöbert worden war, irgendwo an einem kleinen Ort Im Rheinland, daß geschwärzte Män­ner nachts ins Haus gedrungen waren, ihn abge­straft hatten, durchfuhr es ihn: was war aus dem Joseph geworden? Und wo war der? Zuletzt war er im Rheingau gewesen. War er jetzt irgendwo eingelocht? Oder irrte er umher, unftät und flüchtig? Manch einer hatte sich aus dem Staube gemacht nach Afrika, die Franzosen warben an für ihre Fremdenlegion. Wäre der Joseph ein ehrlicher Ar­beiter geworden, verdiente sich feinen Unterhalt jetzt mit etwas, das ehrenhafter war, als das Mitlaufen in jener Horde, so hätte er doch wohl von sich hören lassen. Schon der Mutter zuliebe. Der Mann wußte, wie seine Frau an dem Joseph hing, und es schmerzte ihn für sie, daß sie von dem Sohn keiner­lei Nachricht hatte. Für sich selber aber war es ihm lieber, er hörte nichts. Nicht, daß auch er nicht den Joseph schmerzlich in seinen Gedanken getragen hätte man macht sich von seinen Kindern niemals ganz los, aber er hatte eine aeheime Angst vor dem Wiedersehen. Mit dem Joseph war es nun ein­mal verpfuscht, am Ende wäre es besser, der läge, wo die beiden anderen lagen. In Ehren sterben, das war doch etwas wert.

Simon Bremm fiel fast aus den Kleidern. De Frau sah mit Besorgnis, wie mager ihr Mann war. Kein Winzer ist dick, der Weinberg zehrt alles auf, was Fett heißt, aber bei ihm war auch das Fleisch weg, nur Haut über Knochen gespannt. Es jam­merte sie allemal, wenn sie beim Waschen das sah. Knapp war es bei ihnen, aber satt hätte er sich doch noch essen können an Kartoffeln und Brot. Kartof­feln brachte der Acker, und Brot, Gott sei Dank, Brot konnte man immer noch kaufen, wenn man auch nicht gerade fett darauf zu schmieren hatte. Aber Bremm mochte nicht essen ach, er machte sich eben zu viele Gedanken! Allzu viele Sorgen. Daß er, wie so viele, ein Darlehen hatte aufnehmen müssen, einen Kredit, das verwand er gar nicht.

Aber wie hätte er sonst all die Spritzmittel zahlen sollen, all das giftige Zeug, das man für den Wein­berg brauchte: Kupfervitriol, Schwefel und das neue Mittel von den Höchster Farbwerken. Das war sehr teuer, aber .diese Sachen waren doch nötiger noch als Schuhe und Kleider und Leinenzeug. Ach, wo war ihre schöne Ausstattung hin! Anna Bremm seufzte. Ihre Mutter hatte ihr damals so viel an Wäsche mitgegeben, sclbstgesponnenes Lcinenzeug, starkfädige Säten, Bezüge, Hemden, Handtücher, so­viel weißes und schönes Linnen, daß sie glaubte, sie hätte für ihr ganzes Leben genug. Und nun war so wenig noch davon da alles mürb.

Ach, nur einmal dies Jahr eine Ernte! Eine Ernte, die all die leeren Fässer füllte, die der vorige Herbst nicht hatte füllen können. Da hatte sogar manch ein Winzer, der sonst seine fünf Fuder machte, nicht mehr als sechshundert Liter gemacht und das Jahr davor?! Ach, du lieber Gott, Trau­ben genug, aber es waren deren viele erfroren. Doch wenn die Ernte dieses Jahr gut wurde, dann würde Bremm wieder lachen; dann konnte er auch das Darlehen zurückzahlen, das chn fo drückte.

Die Frau betete heiß und vertrauensvoll. Sie hatte einen festen Glauben wer den hier nicht hat, der ist übel daran. Wenn sie in der kleinen Kirche kniete, die, unendlich bescheiden, am Ende des ansteigenden Gäßchens, schon fast in den Berg hinein gebaut, liegt, dann kam es immer über sie wie neue Kraft. Von der heiligen Jungfrau herab, die mit roten Wangen, in sternbesätem Mantel, als einzig Buntleuchtendes übenn Altersgrau des Kirchleins thront, sank Beruhigung aus sie nieder, süße Tröstung in allen Nöten ihres Lebens. Gewiß, man hatte auch gute Zeiten gehabt, bessere Zeiten als jetzt, aber ein Weib, eine Mutter von vielen Kindern hat immer zu beten:

.Jungfrau, wir dich grüßen, O Maria, hilf!

Fallen dir zu Füßen, O Maria, hilf!"

Und die l-eilige Jungfrau l-atte immer geholfen. Nicht umfonft würden auch dieses Jahr die Bitt- I Prozessionen längs der Mosel ziehen. Und wie hätte

Bremm ohne die göttliche Gnade wohl all die I Krankheiten aus seinem Weinberg vertreiben kön­nen. Er hatte so viel gespritzt, daß ihm das Wams I durch die fressende Brühe in Fetzen vom Leibe ge­

fallen war, aber ohne der Menschen Schirm und Helferin wäre es ihm doch niemals gelungen.

Bremm hatte noch sein bestes Fuder, seinen heimlichen Schatz im Keller liegen. Den würde er erst verkaufen, wenn die diesjährige Ernte so gut wurde, daß er einigermaßen Ersatz hatte; denn das wenige, was vom vorigen Jahr da war, das hatte er losgeschlagen, es taugte ja auch nicht viel, er war froh gewesen, wenigstens einigermaßen das wieder herauszubekommen, was er hineingesteckt hatte. Wenn er jetzt nur das Geld hätte, um sich Arbeits­hilfe zu leisten! Bremm fühlte, daß es Zeit für ihn wäre, einmal öfter zu ruhen; mit den Vierzigen im Weinberg, das will mehr heißen, als mit den Sech­zigen in der Arbeit der Stadt. Aber für den Mann im Weinberg gibt es fein Ausruhen, der kann erst ruhen, wenn er im Grabe liegt. Und doch, wenn er hoch hinauf zu feinen letzten Stocken gestiegen war, und da wieder einmal verschnaufte, dann flog fein Gedanke des Neids zu jenem hin, der tief unten in Ebenen fein Korn baut und feinen fetten Klee mäht. Mit einem Gefühl, das nicht Hochmut war, aber stolze Liebe ließ der Weinbauer feinen Blick über die Reben gleiten, die ihm im Sonnenglanz voller Verheißung schimmerten: dies war das Edelste, was man bauen kann, dies war allen Schweißes und aller Mühsal am meisten wert.

In grünen Zeilen hinauf und hinab standen jetzt die Rebstöcke, keine Furche im Acker konnte gerader gezogen sein. Jetzt sah man recht, wie sorgsam ge­pflegt die Weinberge waren kein Unkraut, keine wuchernde Ranke sie kamen wohl aufgeräumten, sorglich behüteten Staatsstuben gleich, vornehmen Gärten, in denen man lustwandeln kann, ohne auch nur den Schuh zu beschmutzen.

Simon Bremm schaute zum Zuckerberg hin, an dem der Ohm seinen Besitz hatte. Ei, da war ja heut der Ohm Jakob! Der stand jetzt gerade an der steil­sten Stelle, es sah aus, als klebe er an der Wand; ein einfamer Kaser, der langsam hinankriecht. Man mußte sich wundern, wie der das noch immer schaffte. Simon Bremm fühlte eine gewisse Bewun­derung: an dreißig Jahren älter als er und noch immer im Berg! Alle Achtung!

Auch Jakob Bremm sah den Neffen im Warmen­berg. Er sah den aber nur von weitem, wenn er in den Reben arbeitete, im Dors sah er ihn nicht. Nah- kommen ließ er sich keinen von den Bremms

wozu? er war nicht für Familie. Er schätzte auch seines Bruders Sohn, den Simon, nicht hoch ein; der Joseph hatte recht: der Vater war beschränkt. Oh, der Joseph, der war schon ein Schlauer, der schlug mehr nach ihm, dem Großonkel, aber well der Joseph mit Wölfen heulte, die ihm gar nicht ge­fielen, darum hatte der Alte auch ihn nicht in seinem letzten Willen bedacht. Jakov Bremm hatte sein Testament gemacht, obgleich er noch langst nicht ans Sterben dachte; solange er noch in seinen Berg gehen konnte, lebte er gern. Aber man mußte doch für den Berg sorgen auf alle Fälle, im Leben und Sterben, und so vermachte er, was ihm am Zuckerberg gehörte, dem bischöflichen Priester- feminar zu Trier. Die waren reich, die konnten seinem Berg mehr Gutes antun, als er ihm hatte antun können kein einzelner Winzer hat dazu Geld genug, dann wurden seine Reben reichlicher gedüngt und geliefert, gewässert und gespritzt, und neue Gesetze wurden angelegt; er konnte dann ruhig im Grab liegen bleiben, fein Berg war aufs beste versorgt.

Mit immer noch scharfen Augen und schlau lächelnd blinzelte der Greis seinen Rebstöcken zu: Ihr könnt euch freuen, ihr könnt euch freuen!" Oh, sie waren ja auch brav, sie hatten viele Ge­scheine in diesem Jahr. Wenn die alle zu Trauben wurden, gabs einen guten Herbst.

Auch am Klosterberg drüben standen die Reb« hänge hoffnungsvoll. Der Vater Dreis war plötzlich gestorben, die drei Brüder hatten sich das Weingut geteilt Der Kaspar nannte jetzt soviel fein eigen, daß er es wohl hätte wagen dürfen, einen beschei­denen Hausstand zu gründen; aber wo fand er das Mädchen, das er zur Frau wollte? Es war nicht der Tod des Vaters allein, der den jungen Mann fo ernst stimmte. Seine Miene war fo niederge­schlagen, daß die Väter im Dorf den Toten be­neideten, der von einem Sohn so betrauert wurde.

Die Bremm hatte den Kaspar Dreis getroffen oben am Kirchhof auf dem Klosterberg ach, sie war so unruhig um ihre Maria, die ließ nichts, gar nichts mehr von sich hören feit dem letzten Bestich würde der Kaspar nicht fo gut fein, die einmal aufzusuchen? Sie selber konnte jetzt nicht fort. Da hatte der Bursche sie angesehen, fo gramvoll, daß sie betroffen ward; und er hatte stumm verneinend den Kopf geschüttelt. (Fortsetzung folgt)