Ausgabe 
15.12.1928
 
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Ht. 295 Zünfte; Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhessen)

Samstag. 15. Dezember (928

Bücher unter dem Weihnachtsbaum

Aus stemden Literaturen

Politik und Geschichte

wicklungsgang auf.

Wicklung verbleibenden Rückstand nennt Rohrbach denUntermenschen". Ihm zu begegnen bedarf es einer starken moralischen Willenserneuerung, vor allem der geistigen Oberschicht. Rohrbachs neues Werk ist. auch in dem bei ihm ungewohnten Ge­wände, eines der anregendsten und nachdenklichsten Bücher dieses Jahres.

Novellen und Legenden auS ver­klungenen Zeiten. Don Theodor Dirt. Ge­bunden 3 Mk. Derlag von Quelle & Meyer in Leipzig. (467.) Man versenkt sich mit Behagen m diese kleinen Histörchen und findet schließlich, daß die Welt sich seit Casars Zeiten gar nicht so

Selma Lagerlöf. 21 nna, das Mädchen aus D^alarne. Roman. Berechn tagte Llebersetzung von Pauline Gottschau-Klai- ber. Preis in Leinen gebunden 7 Mk. Derlag von 2llbert Langen, München. (634). Der neue Roman der Lagerlöf schließt sich eng an ihre ErzählungCharlotte Löwenstöld" an. Man wird sich erinnern, wie dort der fanatisch in seine weltfremden Ideen verbissene junge Geistliche Karl Artur Ekenstedt durch feine überspannten Forderungen zum Bruch mit seiner reizenden Braut Charlotte Löwenstöld kommt unö in seinem Troy auf die Landstraße hinausrennt, sich von Gott die zeigen zu lassen, die ihm zur Frau be­stimmt sei. Das erste weibliche Wesen, das ihm begegnet, ist Anna Svärd, ein armes Hausierer- mädchen aus Dalarne. Der neue Roman schildert die Eheschließung und die junge Ehe dieses un­gleichen Paares, und es zeugt von der hohen Kunst Selma Lagerlöss, wie unter ihren Händen die in keiner Weife romantisch idealisierte, von 2lbstammung inu> Beruf her aus ihren Vorteil erpichte, ganz ungebildete Anna Svärd unver­merkt im wahren Sinne zur Heldin dieses nen Buches wird, so das) wir erkennen, eine wieviel bessere Mitgift fürs Leben ein unverbil­deter. starker Charakter, eine schlichte, gerade Seele und ein praktischer 'Verstand sind als die schönsten, verstiegenen Ideale. Dieses Werk einer Siebzigj^rigen weist kein Alterszeichen auf: cs ist einer jugendlich lebendigen Phantasie und Gestaltungskraft entsprungen. Rur der milde Glanz reifer Weisheit liegt darüber, jener über menschliche Torheit gütig lächelnde Humor, der kaum einer Dichterin sonst so reich und selbstver- ständlich von Herzen kommt.

Palle Rosenkrantz: Der tanzende Tor. Aach 21. W. Sandbergs und Paul Knud- tens Film gleichen Ramens, autorisierte Lieber» tehung von Else von Hollander-Lossow. Berlin. Gesivn-Derlag (471). Ein Zirlus^Lvman. ge- schickt ausgebaut, von Spannung getragen und nicht ohne idealistische Aoentien. Die Charaktere, die sich um den Clown Joe Higgins gruppieren, sind durchaus konventionell, der Held aber er­weckt Teilnahme, wird vielen Leserinnen Tränen entlocken. 6.

2lnatvle France: Di« rote Lille. Roman. Aus dem Französischen übertragen von F. Gräfin zu Revenclow. Reclams Llniversal- Bibliochrk Ar. 691720. Ganzleinen gebunden 2.40 Mark. (725) Die rote Lilie ist das Symbol der Leidenschaft eines jungen Künstlers und der Gattin eines hohen französischen Beamten: die Lilie ist bas Wappen von Florenz, wo die

der seine Leitsätze aus den historischen, räum­lichen und wirtschaftlichen Begebenheiten, aus den realen Mach'fak'oren entwickelt. Das Reue an dem Buche ist die einheitliche, von intuitivem Weit- und Tiefblick gestal ete Verschmelzung von Bild und Tert. Grabows

Geschichte der europäischen Politik schlechthin. Das ergibt auch dieser zweite Band, der die Geschichte der einflußreichen Familie bis in unsere Tage führt. Auch hier wieder das bekannte und doch immer von neuem staunenswerte Bild: Kaum eine tzroße finanzpolitische Transaktion der europäischen Machte, ja, kaum ein politisches Ereignis von einiger Bedeu­tung, bei dem nicht die Rothschilds als Mithandelnde auftreten oder ihr kluger Rat von den leitenden Staatsmännern nicht gern gesucht würde. Das 19. Jahrhundert bedeutet für das Haus Rothschild die tatsächliche Auflösung in eine Reihe national ge­schiedener Firmen, deren Inhaber in ihrem neuen Baterlonde zu den höchsten staatlichen und gesell- schastlichen Ehren emporsteigen und sich auch gesin- nungsmätzig als Angehörige der Ration fühlen, die ihnen Heimat geworden ist. Aber trotz dieser Tren­nung bleiben doch starke Familienbande zurück, die in vielen Fällen ein meinsames Auftreten des Ge- famthaufes verbürgen, noch mehr jedoch der klugen, einsichtigen Leitung ihrer gewaltigen Geschäfte dienen. Auch nach dem Weltkriege, der die Roth­schilds die übrigens in ihrer deutschen Heimat nicht mehr ansässig sind, Freiherr von Goldschmidt- Rothschild in Frankfurt ist ein Schwiegersohn des letzten Chefs des Frankfurter Stammhauses in beiden Lagern sah, sind die Verbindungen wieder ausgenommen. Auch dieser vorliegende zweite Band zeugt von umfangreichen Quellenstudien und gibt sine ira et Studio eine fesselnde Darstellung eines der interessantesten Kapitel moderner Machtgeschichte.

Grabowsky. D r. Adolf, Deutsch­land und das Weltbild der Gegen­wart. Mit 63 Karten und Diagrammen und 2 schematischen Llebersich en. Zentralverlag G. m. b. H, Berlin. Preis kart. 4 Mark. (561) Grabowsky ist einer der besten Kenner der heu­tigen Wcltpolisik, Herausgeber der Zeitschrift für Politik und Leiter des Geopolitischen Seminars an der Deutschen Hochschule für Politik. Das Werk ist ein knapper und klarer Führer durch die politische Weltkonstellation der Gegenwart,

Liebenden sich srnden, wo sie, inmitten der süd­lichen Landschaft. Monate der Gemeinschaft ver­bringen. Trotz alles glühenden Derlangens ist die letzte Verschmelzung von Mensch und Mensch unmöglich": infolge eines tragischen Mihverständ- nisses zerbricht ihre Liebe. Dce großangelegte Handlung dieser klassischen Dichtung, das glanz­volle Leben der großen Welt zu ''Paris uiid Florenz, das sie schildert, üben auf jeden Leser ihren Zauber aus.

Einar Christiansen. Ottilie. Ro­man Berechtigte Llebertragrmg aus dem Dä­nischen von Else v. Hollander-Lossow. 3n Ganz­leinen geb. 10 Mark. Derlag Georg Wester­mann. Braunschweig. (699) Ein starkes, schönes Lebensgemälde ist dieses Buch, reiz- und wert­voll vor allem dadurch, weil es daS Schicksal von Llrgrohmutter und Llrenkelin neben-einand erstellt. Ottilie hi eh die Alte wie die Junge: ähnliche Anlagen leben in beiden, aber rhr Schicksal ist so verschieden, wie es das Schicksal zweier Men­schen ist. die durch ein Jahrhundert getrennt sind. Besonders den Frauen wird dieses Buch viel zu sagen haben, da es hineinspürt i,r die ver­borgensten Wege des werblichen Fühlens. Schön und stolz sind diese beiden Frauen, die beide nicht das volle Glück sanden und doch einen Reichtum der Gaben, des Verstandes und Herzens besaßen, der sie hoch hinausheöt über den Durchschnitt. Gewissermaßen spiegelt sich alles, waä die Frau im letzten Jahrhundert gedacht und erstrebt hat, in diesem Buche ab, obwohl es nicht voneman­zipierten" Frauen handelt, oder vielleicht gerade deshalb.

G. S. Viereck P. Eldridge: Auto­biographie des Ewigen Juden. Meine ersten 2300 Jahre. lleberfetzt von Gustav Mey­rink. 10. Auflage. Leinen 10 Mk. Derlag Paul List. Leipzig. (690) Mit einer suggestiven Gewalt ohnegleichen wird das Schicksal des Kar- taphiluS nicht als eines Juden, sondern als eineS llebrrmenschen wie Faust, Don Juan oder Casanova heraufbeschworen. Gr geht den PaßionSweg aller Leid.'nschaften, bis der Fluch Jesu allmählich sich in Segen wandelt und der Ausblick auf eine neue Zeit offenbar wird. Aus den Bekenntnis en des .Ewigen Juden" steigt eine Fülle der Gesichte: JesuS und sein Lieblings­jünger, Maria Magdalena, Dero, Kaiserin Faustina, Heliogabal. Apollonius, Pries.er Jo­hannes, Attila. Mohammed, Karl dec Gröhe, Don Juan, Kardinal de Retz, Leonardo, Papst Alexander VI., Spinoza, Ro.hschild bedeut­same Erscheinungen der Weltgeschichte, die bis in unsere Gegenwart hineinsühren.

_______ ______»sky versteht es, nicht nur die gegenwärtige wel politische Lage durch karto­graphische Darstellungen anschaulich zu. machen, er deckt zugleich auch mit verblüffend einfachen, glänzenden zeichnerischen Mitteln die inneren Zusammenhänge und den zwangsläuftgen Ent-

Reue Romane und Novellen.

Walter Bl oem: Sohn seines Lan­des. Roman Preis tu Leinen 7 Mk. Verlag K. F. Koehler. Leipzig. (502) Walter Dloem, der sich als Verfasser historischer Romane mit einer Triotogic über den siebziger Krieg und anderen Schilderungen aus der deutschen 'Vcw- aangenheft einen Äanren gemacht hat, hat sich diesmal an eine nicht leichte Aufgabe gewagt. Er versucht in dem Werden George Washingtons, des groben Feldherrn der amerikanischen Frei­heitskriege und ersten Präsidenten der Veceinig- 1en Staaten, das Erwachen Amerikas zu schrl- derir, das langsame Aufdämmern eines amerika­nischen Dolksbewuhtseins, eines amerikanischen Rationalstolzes. Doppelt schwer diese Ausgabe, weil einmal für diese frühe Zeit amerikanischer Geschichte die zuverlässigen Quellen nur spärlich fliehen, und weil andererseits es gilt, einem mit der Geschichte Amerikas, soweit fie noch in die Zeit der Kolonisation hineinreicht, nur gewiß "ehr oberflächlich bekannten deutschen Publikum einen an sich schon lohnenden, aber doch dem deutschen Leser fernliegenden Stoff nahezubringen. Beide Schwierigkeiten scheint uns Walter Bloern, soweit dies überhaupt möglich ist. überwunden zu haben. Wir lernen George Washington, der später der Führer seines Volkes ht den Kämpfen gegen die englische Oberherrschaft werden sollte, kennen als virginischen Tabakspflanzer, der später als Kolonialofsizier als loyaler Untertan Seiner britischen Majestät an den britisch-französischen Kämpfen um das fruchtbare Ohiobecken teil- nimmt Politik ist damals noch nicht feine Sache, und er macht sehr erstaunte Augen, als ihm zum erstenntal einer der Kapital- und Landgewaltigen Virginiens vonAmerika" spricht und sich als Amerikaner" bezeichnet, den die britischen Ex­pansionspläne nichts anaingen, der in England ko gut den FeindAmeruas" sicht wie in Frank­reich. Außerordentlich anschaulich und fesselnd schildert Dloem die furchtbaren Kämpfe, die die britische Kolomalarmee mit Franzosen und In­dianern zu bestchen Hatz Dieser Feldzugsbericht ist vielleicht die gelungenste Partie des Buches. Etwas schmachtend-sentimental dagegen die mehr­fachen Liebesabenteuer des jungen Washingtons, die nach einer Ankündigung des Verlags zwar auch historisch sein sollen. Prächtig erzählt ist, wie schließlich eine energische kleine Witwe, die übrigens den Vorzug hatte, neben ihrer Schön- heft auch viel Geld zu besitzen, den zwischen neuen Liebschaften hin- und herlaumelndäi Washington an die Kandarre nimmt und ihm das Ziel seines Lebens weist: die Befreiung 2lmerikas. Wir hoffen, das; Dloem die Geschichte seines Helden, der zum Befreier und Vater seines Landes wurde, weft<rspinncn wird. Sine knappe Karte Rord- amerikaS, die einer späteren Auflage dieses Bandes oder feiner Fortsetzung beigegeben wer­den könnte, wurde bei der Lektüre des fesselnden und gehaltvollen Romans gewiß dankbar begrüßt werden.

Alfred Neumann. Guerra. Roman. In Leinen gebunden 7,50 Mark. Deutsche Verlags- Anstalt. Stuttgart. (738) Alfred Neumann, des,en Teufel" mit dem Kleiftpreis ausgezeichnet wurde, fuhrt mit seinem neuen WerkGuerra" dieRe­bellen" zu Ende. Das Buch verbindet das Schicksal des Führers Guerra mit der Dramatik des Jahres Achtundv.erzig. schildert seinen stürmischen und dämonischen Weg zur Diktatur, auch zum Gipfel fei­nes im menschlichen Sinne emporgehobenen und geläuterten Daseins, und schließlich seinen Sturz im tragischen Endakkord des großenroten Jahres". Italien und Toskana sind nur Gleichnisse für den revolutionären Lebenssinn des politischen Schicksals, das dann in der Person Guerras auf bas nachdrück­lichste als privates Schicksal fortgesetzt wird. Auf dem ringsum brennenden Hmteigrund der Zeit heben sich wenige Gestalten ab. Der Hof von Tos­kana und feine Gegenspieler, inmitten der eine Mann, der tragische Held Guerra, der nur das re­bel H f d) e Ingenium besitzt, nicht auch das pofi- tische.

Friedrich (Briefe : Tal der Armen. Derlag Otto Q u i tz o w in Lübeck. Preis 5 Mark. (616.) Nach dem großen Wurf des vorjährigen RomansWinter" hinterläßt die Lektüre tiefes neuen Werkes des mecklenburgischen Dichters ein gewisses Gefühl der Leere, des Stillstandes, des Nichtweiterkönnens. In eine mythisch geschaute, dürfe tig-karge Nordlandschaft sind Menschen hineingestellt, grau in grau, primitiv, stumpf, freudlos in ihrem Dichten und Trachten, Gefühle der Sehnsucht, des Aufbegehrens, des Suchens sinken nieder, kaum daß sie im Bewußtsein dieser Menschen aufgedam- inert find. Aus diesemTal der Armen" führt kein Weg empor zum Licht, aus diesem ewigen Urzustand stumpfen Dahinlebens geht keine Entwicklung.

PaulRohrbach:DerTagdesllnter- Menschen. Roman. Preis in Seinen gebunden 5,80 Mark. Gafari-Verlag G. m. b. H., «Berlin W 35. (737.) Einen Roman aus der Feder Paul Rohr­bachs, des unteren Lesern durch seine zahlreichen Auf­sätze bekannten Polftikers. ist allerdings eine Heber- raschung, der man sich bei dem Verfasser des Deut­schen Gedankens, des Weltpolitischen Wanderbuchs und der Weltgeschicht? der Blauen Bucher gewiß zu allerletzt versehen hätte. Und eine noch größere Uederraschung bietet die Lektüre: der Roman ist äußerst fesselnd von der ersten bis zur letzten Sefte. Mehr Inhalt, weniger Kunst", das Hamletwort hat der Verfasser seinem Werk als Motto vorausgesHt. Daran wird sich auch der Rezensent mit gutem Ge wissen haften können, denn der Inhalt dieses Buches behandeft in einer außerordentlich fesselnden und nie yufdringt'ch dozierenden Form eine Gefahr, die sehr nahelag, aber glücklich vermieden wurde Gegenwart und Zukunft der deutschen Raste. In eine spannende Handlung, die sich über alle Erdteile, alle Zonen erstreckt, vom Kaukasus über Kamerun. Bra­silien, Persien. Moskau und Lappland und nament­lich interessante Schlaglichter auf die deutschen Sie­delungen in aller Well wirft, wird eine Reihe von Charakteren und Schicksalen gestellt, an denen der Verfass«', ohne die Einseitigkeiten und Geschmack­losigkeiten unserer radikalen Rassentheoretiker zu ver­fallen, zeigt, welche Gefahr unserer Kultur und unserer Zukunft als Staat, und Volk von dem Selbst­mord unserer geistigen Oberschicht durch die Ge­burtenbeschränkung und der damit verbundenen Aus­laugung der Unterschicht durch die rapide Heraus- siiehung aller Begabten droht. Den bei dieser Ent-

Biographien und Memoiren.

Briefe der Gräfin Franziska zu R e v e n 11 o w. Herausgegeben von Else Re- ventlow. Mit vier Bildbeilagen. Preis in Bal­lonleinen gebunden 6.50 Mk. Verlag von 2Ubcrt Langen in München. (677). Diese Briese bilden eine höchst interessante und sehr notwen­dige Ergänzung zu den in denGesammelten Werken" erschienenen Tagebüchern der Gräfin Reventlow. Wie die Tagebücher, tragen auch diese Briese den Reiz unmittelbarsten, intimsten Lebens und müssen, wie jene, entzückte Bewun­derung Hervorrufen oder - lebhaften Unwillen, je nachdem, welcher Welt der Leser angehört. Im. Gegensatz aber zu den flüchttg hingeworsenen Augenblicksdokumcnten der Tagebücher sind die Briefe feingeschliffene. kleine Kunstwerke, ilni> immer ist's die Liebe, die da flüstert, bebt, girrt, lockt, bacchantisch tollt und hinter dem Vorhang chluchzt. Doch hinter all dein Witzigen. Tollen. Unmoralischen" klopft ein gerades, aufrechtes, großes Herz, ein ganzer Mensch.

Ulrich von Wilamowih ° Mö11cn - dorss: Erinnerungen. Derlag K. F. Koeh­ler, Leipzig. Ganzleinen 10 Mk. (724). Wenige Wochen vor feinem 80. Geburtstag, am 22. De­zember 1928, erschienen die Lebenserinnerungen dieses Meisters deutscher Wissenschaft, zu desfen Füßen Generationen deutscher Akademiker ge- essen haben. 2Tber nicht nur der Kreis der Fach­gelehrten uni) seiner Hörer wird dieses Werk mit Genuß lesen: die Rückschau auf ein über­reiches Leben, ein mehr ckls bOjähriges Wirken an drei deutschen Llniversitäten, die Stellung­nahme zu den zahlreichen Problemen seiner Zeit, bieten jedem Gebildeten eine Fülle von Freude und Anregung. An Einzelheiten seien die Er­innerungen an schöne Jugend- und Studenten­jahre, an den Krieg 1870, die Betrachtungen über die Verhältnisse in den polnischen Grenz­provinzen in den Jahren 1848 bis 1870 und die lebenssprühendcn Schilderungen italienischer und griechischer Städte und Landschaften mit ihren Kunstschätzen erwähnt.

Clare Sheridan: Ich, meine Kin­der und die Großmächte der Welt. Preis in 2einen gebunden 10 Mark. Verlag Paul List in Leipzig. (492) Seltsam, wie sein Ti:el ist auch das Buch. Richt ein x-beliebiges Me­moirenwerk, wie es heute jeden Tag auf den Büchermarkt geworfen wird, sondern das mu­tige Bekenntnis einer Frau, die durch und durch Persönlichkeit ist, zu ihrem Leben und ihren Säten. Clare Sheridan entstammt altirischem Adel, enge Beziehungen verbinden sie mit Mit­gliedern des britischen Königshauses. Die früh- verstorbene Kronprinzessin von Schweden, eine geborene Connaught, war ihre intimste Freun­din, Winston Churchill, der britische Schatzkanzler! ist ihr Vetter. Ein hartes Schicksal, das sie chren Mann auf den Schlachtfeldern Flanderns ver­lieren ließ, zwang sie. die vermögenlose Mut­ter zweier Kinder, um des täglichen Brotes willen Verdienst und Arbeit zu suchen. 2lls Bildhauerin und Journaltsttn kommt sie in Be­ziehungen zu den leitenden Staatsmännern des biüif<frn Reiches. Kamenefs. Sowjetrußlands er­ster Delegierte in London, nimmt sie nach seinem politischen Mißerfolg mit nach Moskau, wo die Dolschswisten-Hauptttnge ihr Sitzungen aewäh- ten. Eine beispiellose Abenteurerfahrt führt die mutige Frau nach dem Orient und in den mexi­kanischen Bürgerkrieg, ile&erall hält sie Augen und Ohren offen, aber stets bleibt sie doch irr erster Linie Frau in bestem Sinne des Wortes. Außerordentlich packend schildert sie ihre Erleb­nisseunter den Großmächten der Welt", aber zumindest gleich reizvoll ist dies seltene Geschöpf in ihrer Äebe als Frau und als Mutter.

Reisen und Abenteuer.

Franz Spunda: Der heilige Berg Athos. Landschaft und Legende. Wft 40 Bil­dern. Im Jnselverlag zu Leipzig erschienen (476). Heber den seltsamen Mönchsstaat auf dem Athvsgebirge ist schon vieles geschrieben worden, aber Spunda ist dank seines feinsinnigen Ein­fühlungsvermögens in das Griechentum in ganz besonderem Maße prädestiniert zu einem er­schöpfenden Bericht über Athos und seine Klöster. Cs ist mehr, als eine Reiseschilderung, die er wiedergibt. Geschichte, Kult, Landschaft, Impres­sionen, die Stinrmung und Atmosphäre vermit­teln, was immer noch wichtiger ist als lebloses Wissen. Dankbar empfindet man die zahlreichen schönen Bildbeigaben, die den Text wundervoll ergänzen.

Bruno G arlepp: In tausend Ge­fahren. Eine abenteuer i he Geschirre aus Oft* affen. Groh-Oktav. 260 Seiten. Mit sechs Doll- bildern von Wi l.) Planck und Fritz Bergen. In Ganzleinen mit farbiger Deckenprägung von Willy Planck 6.50 Mk. Levy & Müller, Stuttgart. Reu­auflage. (550) In die Schi berungen der Er­lebnis, e der vier Helden hat der Verfasser eine ganze Reihe von farbenprächtigen Bildern ein* gewoben und auch nicht verges en. in geeigne'en Momenten seinen herzerfrischenden Humor spie'en zu lassen. Das Werk ist überhaupt lebendig und spannend geschrieben und zeigt viele Kenntnisse von Land und Leuten.

Dr. Eckener, Hugo. Die Amerika- fahrt desGraf Zeppelin". Herausgegeben von Rolf Brandt mit 42 Abbildungen nach photo­graphischen Aufnahmen. (Verlag Scherl, Berlin.) Ganzleinen 3 Mark. (769) Das Buch Eckeners bringt den authentischen Fahrtbericht über die Ame» rikareise und gibt eine große Fülle von Einzel­heiten, die bisher noch völlig unbekannt waren. Dr, Eckener schildert die Havarie seines Schiffes, die un­geheuren Stürme vor der amerikanischen Küste. Der Leier erlebt mit gesteigerter Spannung die schicksals­schweren Stunden über dem Weltmeer und die An­kunft in Lakehurst. Auch den Orkqn über Neu-Fund- land schildert er mit der Offenheit, die Eckener aus­zeichnet. Dem authentischen Bericht Dr. Eckeners geseift Rolf Brandt das lagebud) eines Passagiers hinzu, in dem das Leben an Bord vom Standpunkte eines vielgereisten und welterfahrenen Journalisten mit eindringlicher Lebendigkeit unö der bekannter» großen Darstellungskunst geschildert wird.

sehr verändert hat. Denn die Menschen sind auch heute noch aus demselben Holz geschnitzt wie einst, und was ihre Herzen damals bewegte, wird in alle Ewigkeit seine Geltung nicht ver­lieren.

Paul Keller: .Sieh dich für". Erne Räubergeschichte mit Bildern von Walter Bayer, 111 Seiten 8°. Pappband 3,50. Dergstadtverlag Wilh. Gotll. Korn, Breslau. (605.) Der 5umor Paul StellcrS überschlägt sich in diesem über­mütigen Buche. Die zahlreichen Freunde des schle­sischen Erzählers werden auch an dieser neuen lustigen Räubergeschichte viel Vergnügen erleben.

Oskar Fritsch: Friedrich der Große, unser Held und Führer. 2. 2IufL 1928. Mit 31 Tiefdruckbildern. Kart. 5 ML, geb. 6 Mk. Verlag I. F. Lehmann, München. (743) Es ist nicht nötig, daß ich lebe, wohl aber daß ich meine Pflicht tue und für das Vaterland kämpfe, um es zu retten, wenn es noch zu retten ist." Rach diesem Wort hat Friedrich der Große gehandelt und ist uns das Vorbild eines Führers geworden, der mit Selbstlosigkeit und eisernem Pflichtgefühl fein Lehen in den Timst des Siaates gestellt hat. Dies Buch gehört in die Hände der Jugend, ihr wird das Pf licht bewutz tsein, die Opferbereitschaft, die Staatsgesinnung und die abwägende Gerechtigkeit des Königs ein Vorbild bei ihrem vaterländischen Handeln fein.

Friedrich M. Kircheisen: Napo­leon I. Ein Lebensbild. In 2 Bänden. Zweiter Band: 1806 bis 1821. Mit 15 Lichtdrucktafeln. Ganzleinen 14 Mark. Verlag der I. G. Cottafchcn iBud&anblung Nachfolger, Stuttgart (761) Auf Kircheisens Vorzüge als Historiker und einer der besten Sachkenner gerade der Napoleonischen Aera wurde schon bei der Besprechung des ersten Ban- des hingewiesen. Sie können nicht stark genug unterstrichen werden angesichts des durchaus unbe­rechtigten Umstchgretfens von Werken der sogenann­ten Historischen Belletristik, brillanter Stll, be­stechende Diktion, blühende Phantasie haben eben noch niemals kritische Quellenforschung und von Verantwortung für den Stoss getragene historische Darstellung ersetzt Schon aus diesem Grunde wird eine Napoleonbiographie wie die vorliegende, mag sie auch von ihrem Leser ernste Mitarbeit und interessierte Anteilnahme verlangen, von festerem Bestand sein, als die Eintagsfliegen irgendwelcher Modetorheiten. Der vorliegende zweite (Schluß-) Band, der den Korsen über den Frieden von Preß­burg und über Jena, über die Konflikte mit Preußen, über das spanische Abenteuer und über Wagram bis zu feiner Höhe als Kaiser von Europa führt, und dann die Linie des Niederganges über Mos­kau, Leipzig, den Winterfeldzug von 1814, über Elba und Waterloo bis nach St. Helena zeichnet, umschließt in seinem knavpen Raum eine uner- hörte Fülle weltgeschichtlichen Geschehens.

Egon Caesar (Tonte Corti: Das Haus Rothschild in der Zeit seiner Blüte. 183071. Erschienen im JnselverlcH zu Leipzig. (586.) Die Geschichte des Hauses Roth­schild von den ersten kleinsten Anfängen in der Iudengasse zu Frankfurt zum Hofbankier der Herr­scherfamilien in der Napoleonischen Aera und der Rcstaurationszeit und schließlich zum Geldgeber der europäischen Großmächte im 19. Jahrhundert ist eine