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(Z8. Jahrgang

Samstag, 14. Zuli 1928

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Beilegte:

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2 Reichsmark und 20 Reichspfenntg für Träge» lohn, auch bei dichter» scheinen einzelner Nummern infolge höherer (Bemalt Fernsprechans chlüsfe: 61, 54 und 112.

Anschrift für Drohtnach- richten: Snjelgerlebte. peVscheckkoitte:

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Gietzeim Anzeiger

General-Anzeiger für Oberheffen

vnttk » Verlag: vrühl'sche Universi1Ltr.vüch' unb Stetwöraderd 8. Lange in Gießen. Zchriftiettnng und Geschäftsstelle: Zchnlstraße 7.

3teat?*e ooi Anzelaee für die Tagesnnmm« bi« zum Nachmrttag vorher.

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(Tbefrtbakteur

Dr. Friede. Wild. Lange, verantwortlich für Politik Dr. Fr. Wilh Lange: für Feuilleton Dr. H Thyriot, für den übrigen Teil Ernst Blumfchein: für den An­zeigenteil Kurt Hillmann, sämtlich in Dietzen.

Auch eine Siegesfeier.

Dvn einer der furchtbarsten Tragödien in der an Tragischem überreichen Geschichte der Polarfor- fchung heben sich Schleier um. Schleier. Dem Ab- treten des jämmerlichsten Feiglings in Menschen­gestalt folgen S-enen erschütternder menschlicher Gröhe, Offenbarungen eine- Dulder- und Helden­tums, für da- wir feit den Tagen des groben Krieges fast jeden Begriff verloren zu haben glaubten. Dur unter unsäglichen Mühen und fthier übermenschlichen Anstrengungen ist dem ruf ifchen Eisbrecher .Krassin", dank der Tapfer- kii des schneidigen Fliegers Tschuchnowski. die Rettung der Ueberreste der Italia-Mannschaft ge­lungen, eine Tat, für die kühne Piloten, ernste Foricher aller der Arktis benachbarten Nationen ihr Leben eingesetzt hatten. Wieviele von ihnen nie Wiederkehr en werden aus dem unheimlichen Deich deS Polareises, können wir heute noch gar nicht absehen. Skandinavien beklagt zwei feiner besten Söhne. A m u n d f e n, Norwegens arotzer Polarforscher, ist feit Wochen verschollen, keine Spur von ihm, seinen Begleitern und seinem Flugzeug. Malmgreen. der hoffnungsvolle Sproß einer jungen schwedischen Gelehrtengene­ration. hat als Opfer seiner Pflicht im Eismeer ein viel zu frühes Grab gefunden. Und das Schicksal der vielen anderen tapferen und hilfs­bereiten Piloten ist feit langem in völliges Dunkel gehüllt. Kaum wagt man zu hoffen, irgendeinen von ihnen auS der Nacht des Grauens zurück­kehren zu sehen. Es ist eine Tragödie, die um so entsetzlicher ist, als sie der bodenlose Leichtsinn eines blutigen Dilettanten und die unstillbare Prestigesucht seines Bolkes in erster Linie zur Ursache hat. Da- eine Gute haben diese furcht­baren Tage ängstlichen Bangens und trauriger Gewißheit doch gehabt, daß sie diesen famosen Operettengeneral Umberto Nobile in seiner ganzen abscheulichen Frivolität und seine ungeheure Schuld oft der Katastrophe, die sich dort oben Im EiSmeer abgespielt hat, biS zum letzten demaskiert haben.

3n vollem Umsange haben sich die skeptischen unb zugleich warnenden Aeuherungen ernsthafter Polarforscher bestätigt, die da- Unterfangen des Italieners, mit einem so kleinen Luftschiff wie dieItalia" den Nordpol zu überfliegen, als leichtfertig brandmarkten und die völlig un­genügenden und Überstürzten Vorbereitungen zum Polflug mitansehen muhten, ohne dem zwar mit feiner Sachkenntnis belasteten, dafür aber um fo überheblicher sich gebärdenden Luftgeneral von Mussolini- Gnaden rechtzeitig in den Arm fallen zu können. Schon der Ueberlandslug von Italien durch Oesterreich, die Tschechei und Schlesien nach dem Startplatz an der pommer- scheu Küste war eine Groteske, die hätte genügen müssen, Herrn Nobile den aeronautischen Be­fähigungsnachweis abzusprechen, der von dem Führer einer Polarerpedition verlangt werden muh. Trotzdem ging die Fahrt weiter nach King-bay und von dort trotz der ernsten War­nungen des an Bord befindlichen Meteorologen, deS jetzt so schauerlich ums Leben gekommenen Malmgreen. hinein in die Eiswüste des Polar- meerS unb in die furchtbarste Katastrophe. Zwar kündete bald eine Siegesdepesche die Ankunft deS Helden am Zie', den Abwurf von faszistischen unb päpstlichen Enblemen über dem Pol an, aber bann kam ein langes, nicht endenwvllendes Schweigen. Keine Nachricht von der .Italia" und ihren Leuten. Verschollen! Und nun setzt in miteinander wetteifernder Hilfsbereitschaft ein Rettungswerk ein. das Polarforscher und Völker der Arktis in schöner Solidarität sieht. Nament­lich Skandinavier und Rußen setzen allen Mut. Geduld und Ausdauer, all ihr großes Wissen um die Tücken des Eismeers, all ihre tech­nischen Kenntnisse daran, um die .Italia" auf* xufinben, der gescheiterten Mannschaft beizu­springen Auch hier schon ein schriNer Mih» klang. Italien ist zu stolz, sich die Erfahrungen nordischer Polarforscher von Nuf zu Nutze zu machen. Italien wünscht seine Kinder alleine zu retten. Das Prestige der italienischen Nation verbietet es ihr. zu dulden, dah Angehörige fremder Völker ihr den Nuhm streitig machen, eine italienische Expedition befreit zu haben. Tin Zwischenakt, der in Oslo und Stockholni peinlichstes BefreTnden verursacht.

Das Wrack der .Italia' wird gefunden, die Maimschaft hat sich in drei Gruppen geteilt. Kühnen skandinavischen Piloten gelingt Landung und Start auf dem Eise. Wen bringt das Flug­zeug als ersten der Geretteten ? Den schwer ver­letzten. mit dem Tode ringenden Ingenieur Eec- cioni? Nein, Herrn Nobile. Luftgeneral und Kapitän des gescheiterten Schiffes, in höchst­eigener Person, der sich nicht scheut, die ihm <rm>crtraute Mannschaft, die seinem unerhörten Leichtsinn ihre verzweifelte Lage zum guten Teil verdankt, in Not und Grauen der Eiswüste zurückzulassen. ohne vor Scham in Grund und Boden zu versinken. 3m Gegenteil, sobald der Herr General erst wieder zuverlässige Schiffs­planken unter den Fristen fühlt, reckt er sich in ieiner ganzen maulheldischen Gröhe. Keine Spur von Verletzungen, keine Spur von Nervenzu­sammenbruch, um deretwillen er angeblich auf f'chentliches Bttten seiner Untergebenen als erster T'Q retten lieh. Dieser Held der Phrase findet ^^aschend schnell fein seelisches Gleichgewicht lieber; in bombastisch-schwülstigen Telegrammen verkündet nun der eitle Poseur selbst den ersten -nuhm seiner Taten. Und während der ge- s^wätzige Gernegroß versucht, seine erbärmliche Handlungsweise vor der Welt mit hochtönenden Trraden zu rechtferttgen, werden die Reste seiner von ihm feige im Stich gelassenen Mannschaft

Kehraus im Reichstag.-Dis zum November Ferien.

Das landwirtschaftliche Notprogramm. - Annahme der Amnestievorlage.

Berlin, 13.3uli. (DDZ.) Auf der Tages­ordnung steht die dritte Beratung der Vorlage, durch die in dem Gesetz über Einstellrmg des Perionalabbaues die Frist zur Regelung der Rechisvcrhältnifse der Wartestandsbeamten bis zum 31. Januar 1929 verlängert werden soll.

Abg. Gottheimer (Sn.) begründet eine Entschließung, tn der die Regierung ersucht wird, den Entwurf zur Regelung der Rechtsverhältnisse der Wartestairdsbearnten mit möglichster Beschleu­nigung vorzulegen.

Ministerialdirektor Dr. Lv t h holz erklärt, das vorbereitete Gesetz über die Anrechnung der WariestandSzeit auf das PensionSdienstalter werde rückwirkende Kraft bis April 1926 haben. Die Vorlage wird in dritter Beratung ange­nommen, die Entschließung Gottheimer abgelebt.

Cs folgt die erste Beratung der Novell« zur Unfallversicherung. Dadurch sollen in die Unfallversicherung eingeschlossen werden der Feuerwehrdienst, das Personal der Krankenhäuser und Pflegeanstalten, naturwissenschaftliche und technische Laboratorien, der Betrieb der Schau­spielunternehmungen. der Schaustellungen und der Lichtspielbettiebe.

Abg. Frau Schröder (Soz.) begrüßt die Vorlage und wünscht chve Ausdehnung auf weitere Kreise des Pflegepersonals, auch auf die Schwestern und Aerzte. Die Gehaltsgrenze von 8400 Mk. sollte gestrichen werden.

Die Vorlage wird dem Sozialpolttischen Aus­schuß überwiesen.

Zur Beratung kommen hierauf die Anträge der Deutschen Volks Partei, des Zentrum- und der Bayerischen Volks Partei über

die Durchführung

des landwirtschaftlichen Notprogramms

Ein Antrag Stegerwald (3J, Leicht (BVD.) verlangt eine Nachprüfung der Richtlinien für die Verwendung von Reichsmitteln zur Förde­rung der landwirtschaftlichen Genossenschas- t e n. Bis zum Abschluß dieser Prüfung sollen Reichsmittel nicht hergeaeben werden. Ein ReichS- tagsausichuß soll mit Der Ausarbeitung neuer Richtlinien beauftragt werden.

Abg. Neddenrieg (Ehr. Hat D. P.) ver­langt beschleunigte Durchführung des Notpro­gramms. Das zollfreie Gefrierslrischkonttnaent müsse sofort aufgehoben, die ausländische Kon- kurrenz auf dem Lebensmittelmarkt eingeschränkt werden.

Abg. S ch m i d t-Köpenick (S.) meint, es dürfe nicht die Aufgabe des Reiches fein, die verkrach­ten Genossenschaften des Reichslandbundes ohne Ausnahme zu sanieren. Die Sozialdemokraten würden dem Antrag Stegerwald-Leicht zu­stimmen.

Abg. Stubbendorff (Dnl.) verlangt wirk­same Fortführung des ÄotprogrammS. Don einer Bevorzugung der Großen zum Schaden der Klein­bauern könne keine Rede sein. Mit der Aufhe­bung des zollfreien GefrierfleischkonttngentS würde den Dauern ein schlechter Dienst erwiesen.

Reichsernährungsminister Diet­rich bittet, sämtliche Anträge einem Ausschuß zu überweisen, der alle landwirtschaftlichen Fra­gen. auch die der Landarbeiter, behandeln müßte. Einzelne Punkte in den vorliegenden Anträgen seien bedenklich. Im Ausschuß werde sich leichter eine Verständigung errreichen lassen als durch längere Debatte im Plenum.

Abg. Freybe (W. P.) crlemrt die Notlage der Landwirttchaft an. Die Hilfsaktion dürfe aber nicht auf Kosten deS Fleischergewerbes und anderer Mittelstandseristenzen durchgeführt werden.

Abg. Hänse (Chr.-Nat. B.-P.) beantragt, den beiden Vauerngruppen einen Platz in dem zu bildenden Ausschuß einzuräumen. Damit schließt die Aussprache. Angenommen wird der

Antrag der Deutschen VolkSpartc: auf Ein­setzung eines Ausschusses zur weiteren Durch­führung deS Notprogramms, ebenso der Antrag Stegerwald-Leicht. Die übrigen Anttäge wer­den dem neuen Ausschuß überwiesem Abg. Drewitz (W.-P.) teilt mit. daß die Deutsche Bauernpartei jetzt mit der WirftchaftS- Partei eine Fraktionsgemeinschaft bilde, also i m Ausschuß vertre ten sein werde. Der An- trag der Christlich-Nationalen Bauernpartei wird gegen die Antragsteller abgelehnt.

Der Gesetzentwurf über die Erstattung von Re ch t s a n w a l t s g e hr e n in Armen­sachen wird in zweiter und dritter Beratung angenommen, ebenso die Aenderung der Gebührenordnung für Gerichtsvoll­zieher. Der Entwurf zur Verlängerung des SteuermilderungSgesetzeS bis zum 30. September 1929 wird nach kurzer Aus­sprache in erster und zweiter Beratung an­genommen. Der dritten Beratung wird von den Kommunisten widersprochen. Ministerialrat direktor Dr. Zarden erklärt, das Reichssinanz- miniftcrium werde nach dem Ablauf des Gesetzes am 30. September 1928 Stundungen für den Mehrbetrag der Fusionssteuer gewähren. ES folgt

die zweite Seraiung der Amnestievorlage, in der Kompromißform, wie sie der Rechts­ausschuh gefunden hat. ReichSjustizmini- st e r Koch drückt feine Freude auS über die große Mehrheit, mit der der vorliegende Ent­wurf im Ausschuß angenommen worden ist. Daraus ergibt sich schon, daß eS sich nicht um eine einseitige parteipolitische Maßnahme, son­dern um einen Akt wohlverstandener Dolks- souveränttät handelt. Die Notdelikte konnten aus prattisLen Gründen nicht unter die ReichS- ainnestle fallen, aber wir wollen gern den Län­dern Begnadigungen für solche Fälle empfehlen. Wenn da- Reich die Amnestie für politische Delikte auch auf die Länder ausgedehnt Hai. so ist das keine unitarische Rechtyaberei, sondern der einzig praktische Weg. Auch unter dem alten Regime ist 1913 eine Reichs' amneftie mit Wirkung für die Länder erlassen worden. Um aber alle Bedenken aus dem Wege zu räumen, wollen wir den verfassungs­ändernden Eharakter des Gesetzes be­tonen. Ich bin an sich kein Freund von Am­nestien. Es darf nicht die Meinung austommen. als wäre in regelmäßigen Zeitabschnitten damit zu rechnen, daß die Gerichtsurteile durch Am­nestien weggewischt werden. Wir wollen jetzt mit der Amnestie vorgehen, weil wir einen Schlußstrich ziehen wollen unter die Zeit der Erregung und Erbitterung. Die politische Be­ruhigung ist jefct so weit gediehen, und das Staatsgefüge tst so gefestigt, dah wir neue er­folgreiche Auflehnungen gegen die Republik nicht mehr zu befürchtern haben.

Abg. Dr. E v e r l i n g (Dn.) bedauert, dah die Amneftie nicht weitergegangen sei, vor allem in der Amnestierung der sog. Fememörder, die tatsächlich aus idealen Motiven gehandelt hätten und dann im Stich gelassen worden seien. Der Redner begründet eine Entschlichung, die die Länder auf- fordert, für diese Fälle oollen Straferlaß oder wenigstens Umwandlung in Festungshaft zu ge­währen. (Ein weiterer deutschnationalcr Antrag will die Einstellung des Verfahrens auch für solche Straf­taten erreichen, die bis zum 1. April d.I. begangen worden sind.

Abg. G e s ch k e (Rom.) richtet heftige Angriffe gegen die Sozialdemokraten und bezeichnet die Vor­lage als unzureichend. Don den Sozialdemo- traten wird ihm wicderholl zugerufen:Wollt ihr denn die Vorlage ablehnen?" Die Erregung der So­zialdemokraten steigert sich bei den weiteren An­griffen des Redners. Mil lautem Gelächter wird von den Sozialdemokraten die Schlußerklärung des

Abgeordneten Geschke ausgenommen, daß die Kom­munisten dem Entwurf zu stimmen würden

Aog. Dit t mann (6.): Wir hol en nach schweren Bedenken den vorliegenden Entwurf un­terschrieben. Wir rechneten damit, daß wir trotz unserer Unterschrift von den Kommunisten be­schimpft werden würden' daß die Beschimpfung einen derartigen Grad erreichen würde wie eS jetzt beim Auftreten des 2lbgeordneten Geschke erlebten, haben wir nicht erwartet.

Die Sozialdemokratie betrachtet die Amnestie- frage jedoch nicht alS Parteifrage. Die schmähen­den Urteile, die der Abg. Geschke über daS Gesetz abgegeben hat, finden ihre treffendste Widerle­gung in der Tatsache, dah die Äonununiften selbst dem Gesetz zustimmen wollen. Die Sozialdemo- fratie wird deshalb trotzdem chre Unterschrift nicht zurückziehen.

Abg. Dr. Weg mann (Z.1 erklärt: Das Zetr- trum habe die schwersten Bedenken gegen sich wiederholende Amnestien. Nur die Tatsache, daß durch die Agitation großer Parteien rechts und links für eine Amnestie große Hoffnungen bei den politischen Gefangenen und ihren Angehöri­gen erweckt wurden, veranlasse daS Zentrum, diesmal noch diese Bedenken zurückzustellen. DaS Zentrum lasse aber keinen Zweisel Daran, daß diese Amnestie die letzte sein m^ffe, wenn nicht die deutsche Rechtspflege unb die deutsche Republik den schwersten Schaden erleiden soll.

Nach Ablehnung aller Aenderungsanträge wird hierauf die Vorlage gegen die Bayerische Volts­partei und die Deutsch-a)anoveraner angenommen. Präsident Lobe stellt fest, daß die für oerfafsungs- ändernde Gesetze erforderliche Zweidrittel­mehrheit erreicht fei. Angenommen wird mit großer Mehrheit die Ausschuhentschließung, die den Ländern die Beanabigung bei Notstaiidsdelilten empfiehl. Die Entschließung der Deutschnationalen, die den Ländern weitergehende Strafmilderung für die f»genannten Fememörder empfiehlt, wird ab» gelehnt. Damit ist die Tagesordnung erledigt.

Der Präsident erhält die Ermächtiaung, den Zeit­punkt der nächsten Sitzung selbst zu bestimmen Der Reichstag wird voraussichtlich am 10. November wieder zusammentreten.

Oie Verfaffungs- unb Verwaltungsreform.

Beschlüsse deS Reichskabinett^

Eigener Drahtbettcht des ..Gießener Anzeigers'.

Berlin, 13. Juli. DaS Reichskabinett be­faßte sich in eingehetrber Aussprache mit der Verfassung-- unb Derwaltungs- r e f o r m. Aus ber Grundlage der Beschlüsse ber Länderkonferenz bestimmte bie ReichSrc,ie- rung den Reichsminister des Innern als diejenige Stelle, die zur Herbeiführung von Vereinbarungen über daS Aufgehen klei­nerer Länder In Nachbarländer sowie für bie Auflösung von Enklaven unb Ex­klaven in enger Fühlungnahme mit den Län­dern anregend vermittelnd und auf Anruf der Beteiligten alS SchiedSinstanz zustän- d i g fein soll. Da die Berichte der vom Der- fassungsreformausschuh der Länderkonferenz be­stellten Berichterstatter bereits vorliegen bzw. demnächst eingehen werden, hat die Reichs­regierung die Einberufung dieses Aus­schusses für etwa Ende September d. 3. in Aussicht genommen. Die Beratungen des Kabi­netts erstreckten sich sodann auf eine Anzahl damit zusammenhängender Einzelfragen, und auch hver kam daS Äabiixett zu ber einmütigen Auf­fassung von der Notwendigkeit der Förde-' rung der Reichsreform.

Der Antrag Mecklenburg. daS Reich solle die Justizverwaltung des Lande- übernehmen, stößt zunächst bekarmtlich auf

durch tapfere Russen in selbstlosem, hartem Rin­gen mit den furchtbaren Elementen nordischer Eiswelt dem Leben wieder gegeben, naefcbem fast keine Hoffnung auf Rettung mehr geblieben war. Aber Malmgreen ist tot, und verschollen bleibt Amundsen. der nicht einen Augenblick gezögert hatte, zur Rettung des Mannes alles eiTrzusetzen, der nach ber Fahrt ber .Norge" ihn mit Schmä­hungen und Beleidigungen überhäuft hatte.

Äkan hätte wohl erwarten dürfen, daß bas offizielle Rom. um eine letzte Spur von Prestige zu wahren, mtt aller Entfchiebenheit von ihrem jämmerlichen Fliegergeneral abgerückt wäre ober ihn zuminbest energisch zur Rechenschaft gezogen hätte. Aber dort hat man anbered zu tun.^Wäh- renb bie skandinavischen Nationen in Trauer um ihre Toten bas Haupt verhüllen, begehen die faschistischen Legionen in bet alten beulschen Stabt Bozen eine Siegesfeier eigener Art. Der Weltkrieg hat den italienischen Armeen sowenig wie bie Einigungsfelbzüge bes vergange­nen Iahrhurrderts erlaubt. Sieges Palmen an ihre Fahnen zu Hestern Ein merkwürdiger Unstern waltete nackchalttg über den italienischen Waffen: aber nicht minder merkwürdig sind die reichen Erträgnisse, die das junge Italien von der Lombardei. Denekien unb Rom angefangen bis zu Tirol. Görz unb Triest den Waffenerfolgen Derbünbeter Heere ober einer günstigen politi­schen Konstellation trotz hartnäckiger eigener Nie­derlagen verdankt. So gab es einen Sieg römi­

scher Waffen auch diesmal nicht zu feiern, wenn man auch glaubte, die Welt durch ausreichenden Tamtam darüber täuschen zu tonnen. Die Den!- malsweihe in Bozen hat aber für uns Deutsche eine sehr andere Bedeutung. Sie soll ein Symbol sein für den Sieg des Faschismus über deutsches Volkstum in Südtirol, die leuchtende Marke zu einem Abschnitt italienischer Entbeutschungs- poltttt in Südtirol, ein Gehlerhul, den wellche Staatsmacht im Lande Andreas Hofers aufrichtet, ein Zeichen der Schmach und Erniedrigung, einem Volke auf gebrannt, das nichts anderes will, als seine deutsche Kultur, seine deutsche Sprache, seine deutsche Frömmigkeit erhalten, darum aller­dings auch bis zum letzten Atemzug zu kämpfen unb was vielleicht mehr heißen will zu leiden bereit ist.

Und das m einem Augenblick, wo die römische Politik offenbar Anstalten macht, in bessere Be- riehungen zu Oesterreich und dem Himer ihm stehen- cen Deutschland zu kommen. Oder wie sind sonst die Botschaften aufzusasien, die zwischen Rom und Wien soeben ausgetauscht (mb? Die Deffentlidjleit hat zwar erstaunlicherweise durch die italienische Nachrichtenagentur nur in den Teil des Schrift­wechsels Einsicht bekommen, der von den Zusiche­rungen ^Oesterreichs zur Bereinigung der Süd­tiroler Frage handell, während sich beide Teile über die italienischen Gegenleistungen beharrlich aus- schweigen. Auch die venraulichen Erklärungen des Bundeskanzlers Seipel im Nationalrat scheine«

mcht genügt zu haben, über diesen wunden Punkt volle Marheit zu schassen. Kein Wunder also, daß namentlich in Innsbruck, aber auch im übrigen Oesterreich und selbst bei uns im Reich die Wogen des Erstaunens, ja der Empörung hochgehen, daß man sich übers Ohr gehauen fühlt und vom Äa- nossagana des Bundeskanzlers spricht, den das Volk Oestereichs und Tirols nicht mttzumachen ge- willt sei. Die Undurchsichtiakeit der gegenwärtigen Situation macht eine Stellungnahme sehr schwer. Nur soviel sei gesagt, daß jede einseitige Dchand- lung der Tiroler Frage alsinnerpolitische Ange- lcgenheit Italiens" unmöglich zu der Entspannung der bis zur Siedehitze geladenen Atmosphäre führen kann. Die wirkungsvolle Kundgebung des Tiroler Volkes am Berge Isel als lauter Protest gegen die BozenerSiegesfeier" und die Welle der (Em­pörung, die der Notenaustausch in ganz Oesterreich ausgelöst hat und die sogar den Bundeskanzler sottzuschwemmen droht, sollte dev römischen Macht­habern doch eine Warnung sein, den Bogen nicht zu überspannen.^ Die größte Hochachtung vor dem bewunderungswürdigen Werk der Sanierung von Volk und Staat, das Italien seinem Mussolini zu danken hat, darf nicht hindern, laut und entschieden auszusprechen, daß weder der Nordvolslug Nobiles noch die Behandlung des Tiroler Problems geeig­net sind, dem faszistischen Italien neue Sympathien zu erwerben oder alte zu erhalten.