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Er. 65 Erstes Matt

178. Zahrgang

Mittwoch, 14- März 1028

(tr|d)eim laglich.anßei Sonntage nnd Feiertags Beilagen.

Wiedener 5amilienblättei Heimat im Bild Die Scholle monau«B<}ngspr<U;

2 Reichsmark unö 20 Reichspfennig für Trügen lohn, auch bei Richter» scheinen einzelnerRummern infolge höherer Gewalt. Fernsprechanschlüsse: 61, 54 und 112.

Änlchrist für Drahrnach» richten Hnjelget -letze«.

GietzenerAnzeiger

General-Anzeiger für Oberhessen

8tantKrtamCmQiI°ii688.. Ümtf tm6 verletz: vrühl'sche Uittverftlitts-Vuch. tmO Sietnörnderet R. Lange in Sicher Schrlftletrung ans Seschäftsstelle: 5chu"tt^e 7.

Annahme von Anzeigen für die Tagesnummer bis zum Nachmittag vorher.

Preis für I mm höhe für Anzeigen von 27 mm Breite örtlich 8, auswärts 10 Reichspfennig; für Re» klameanzeigen von 70 mm Breite 35 Reichspfennig, Platzoorfchrift 20v , mehr.

Chefredakteur

Dr Friedr Wilh Lange. Verantwortlich für Politik Dr Fr Wilh Lange, für Feuilleton Dr H.THyriot, für den übrigen Teil Ernst Dlumschein; für den An­zeigenteil Kurt Hillmann, sämtlich in ffiießen

Bauernnoi.

3n Kyritz Ist t* am Sonntag zu schweren Zusammenstößen zwischen der Polizei und de­monstrierenden Bauern gekommen. Üeberall fin­den sich jetzt die Landleute von der Hot getrie­ben zusammen und machen durch Umzüge wie durch flammende Entschließungen auf die Notlage, in die sie hineingedrängt worden sind, die Ne­gierung und daS übrige Doll aufmerksam. Sie stoßen dafür -um Teil auf ein nur sehr ge­ringe« Verständnis. Es ist leider eine nicht weg­zuleugnende Tatsache, daß der Gegensatz -wischen Stadt und Land, zwischen Pro­duzent und Konsument auch heute noch unsere innere Politik maßgebend beeinflußt, wenigstens unter dem Gesichtswinkel des Großstädters: ge­rade die Arbeiter, die es verstanden haben, für die Eigenart ihrer Verhältnisse Verständnis zu erzwingen, lehnen eS ab, wenn sie von sich aus sich nun in die Seele des Landwirtes hinein­denken sollen, jedenfalls soweit sie der sozial­demokratischen Richtung angehören.

Die Sozialdemokratie hat früher auch den Ver­such gemacht, um den Bauern zu werben. Das ist ihr aber mißlungen, weil ihr Bekenntnis zur Sozialisierung in uirüberbrückbavemGegen­satz zu dem Eigentum an der Scholle steht. Seitdem ist für die Sozialdemokratie der Agrarier der böse Mann. der schwere Reaktio­när, auf den man bestenfalls schimpft und den man im übrigen für die Teuerung in den Städten verantwortlich macht. Mit diesem Rezept aber ist der Rot, die heute bei den deutschen Dauern herrscht, nicht beizukommen. Gr kann nachweisen, daß das, was er für seine Erzeugnisse erhält, wenig über den Friedensdurchschnitt, teilweise sogar noch etwas darunter liegt, während er sewst für das, was er kaufen muß, ein Mehr­faches der Friedensbezüge anlegen muh. Damit ist eine Rentabilität nicht zu erzielen, zumal da die gewaltsame Entschuldung, die Folge der In­flation, für den Landwirt kaum eine sichtbare Erleichterung gebracht hat. Gr hat sehr rasch wieder Geld ausnehmen müssen, dazu zu wesentlich höherem Zinsfuß, so daß vielleicht nicht daS Kapital, aber doch die Verzinsung mindestens ebenso hoch ist, wie im Frieden. Dazu ist nun seit Jahren Mißernte auf Miß - «rnte gefolgt, Stürme und Wassernöte sind fast über alle Gemeinden Deutschlands hinwcg- gegengen und haben vernichtet, was zäher Fleiß mühsam durch Monate geschaffen hatte: es ist schon keine reine Freude mehr, Landwirt zu sein, und wenn die unvcrsieabare Liebe zum Acker nicht wäre, wer weih, ob die Verzweiflung nicht längst alle Dämme überflutet hätte.

Ausbrüche, wie wir sie in Kyritz erlebt haben, sind also menschlich v e r st ä n d l i ch, wie cs vor Jahren die Leidenschaft der Weinbauern war. Sie sind aber dabei doch ein Verstoß gegen die staatliche Ordnung und müssen als solcher gebüßt werden. Rur hat dafür der Staat auch die Pflicht, alles zu tun, was in seinen Kräften steht, um zu helfen. Der Reichstag hat am Dienstag mit der Besprechung eines Teils des landwirtschaftlichen Rotprogramms begonnen. Was die Regierung verlangt hat, ist nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Das Trostlose ist ja eben, daß einem großen Teil der deutschen Landwirte nicht mehr zu Helsen ist, daß sie von Haus uni) Hof müssen und daß der Staat nur dazu beitragen kann, den unvermeidlichen Stoß etwas lindem zu Helsen. Aber der großen Masse der Bauern ist noch zu helfen und muß geholfen werden. Denn eine gesunde Landwirt­schaft ist nun einmal die erste und wichtigste Voraussetzung für einen gesunden Staat.

Ein neuer Sanierungsvorschlag für die Landwirtschaft.

Das UritersuchungsergebriiS der Enquete- kommission.

Eigene Drahtmeldung desGießener Anzeigers".

Berlin. 14. März. Der Llnterausfchuh für die Landwirtschaft innerhalb der deutschen En­quetekommission veröffentlicht jetzt einen Sonder­bericht über die Lage der Verschuldung in der deutschen Landwirtschaft auf Grund von Llntersuchungen, die sich auf rund 1762 Betriebe der verschiedenen Größen und Klassen in ganz Deutschland erstrecken, und macht zugleich einen Vorschlag zur Sanierung der Landwirtschaft. Die von dem Llnterausfchuh durchgeführte ilnter- suchung hat der Zahl nach natürlich nur einen verschwindend kleinen Teil landwirtschaftlicher Betriebe erfassen können, aber bereits auf Grund dieser Untersuchung läßt sich, wie auch von an­derer Seite (Preußische Zentralgenossenschafts­kasse) bereits angenommen worden ist, feststellen, daß der Osten stärker als der Westen bzw. Süddeutschland verschuldet ist und daß inner­halb der Verschuldung selbst der Großbe­trieb den Klein- und Mittelbetrieb im Durch­schnitt übertrifft. Die von dem Llnteraus- schuh gemachten Sanierungsvorschläge decken sich zum größeren Teil mit den von Rechtsanwalt Klepper gemachten, der bekanntlich zum Leiter der Preußischen Zentralgenossenfchaftskasse aus­ersehen ist. Auch die Enquetekommission machte den Unterschied zwischen Betrieben, die zwar in der Gefahrenzone liegen, und denen, die als verloren und für keine Kreditmaßnahmen mehr geeignet erscheinen. Schon hierin liegt der Ge­danke der Rentabilität, der allein für eine Sanierungsaktion zugunsten der Landwirtschaft maßgebend sein muß, weil eben die Landwirt­schaft insgesamt als ein Wirtschafts-

Furchtbare Dammbruchkatastrophe in (Kalifornien.

Mehrere hundert Todesopfer der tteberschwemmung.

Los Angeles. 13. März. (Eine furchtbare Ueberfchwemmungskalastrophe ist durch einen vammbruch eines Wasserreservoirs Im San- FrancisquUo-Canon, etwa 45 englische Weilen nördlich von Los Angeles, entstanden. Der ganze Umfang der Katastrophe ist noch nicht zu übersehen. Der Bruch des Staudammes erfolgte um 1 Uhr nachts. Der Damm gehörte zu dem Wasferlcitungssyftem, das das Trinkwafser über 300 Kilometer durch die Duste nach Los Angeles leitet Durch den Dammbruch wurden etwa 1344 Millionen Gallonen Wasser frei. Der San-Francls- quito-Canon bildet an der Ducchbruchslelle e i u enges Tal mit stellen Userwänden. Er verlauft in südwestlicher Richtung nach Los Angeles. Weh- rere Kilometer unterhalb des Staubeckens, das etwa acht Kilometer lang war. breitet sich ein wellenförmiger Landstrich mit zahlreichen Farmen und Wohnstätten aus. Saugus, Rem hall. El Rio und andere Talorte liegen südlich des Dammes. Etwa 5 0 0 Menschen wohnten im oberen Canon unterhalb des Dammes. Eine auf 75 Fuß höhe geschätzte wassermasse ergoß sich i n d e r Richtung auf die schlafenden Ort­schaften und richtete ein furchtbares Chaos an. Die Flutwelle überschwemmte nach dem Bruch des 185 Fuß hohen Staudammes zunächst das Besitz- tum des Filmschauspielers Carey. Man befürchtet daß 30 dort lebende Indianer den Fluten zum Opfer gefallen sind. Die Zweiglinie der Sou- thern-Pacisic-Vahn wurde unterspült Um vier Uhr früh näherten sich die Wassermassen dem Orte Santa Paula, dem Mittelpunkte des Zitronen­gebietes. Die Flutwelle hielt sich jedoch im Bette des Sanla-Paula-Fluffes. Es wird befürchtet, daß sie weiter südlich in den Oelfetdern von Ven­tura Schadm ungerichtet hat.

Bel den Beftungsarbdten sind an der Stelle, wo die Flutwelle sich in den Santa-Paula- und den Santa-Clara-Fluh ergoß, bereits hundertlote geborgen worden. Bereits feit 10 Uhr morgens sind 600 Mann unter Leitung der örtlichen Polizei­behörden mit den Bergungsarbeiten beschäftigt. Von Los Angeles hat sich der Polizeichef Davis mit lausend Polizisten nach dem Schauplatz des Un­glücks begeben. Der ganze San-Francisqutto- Canon ist unter einer gelben Sand- schichl begraben, die an manchen Stellen bis dreißig Fuß tief ist, während sie an anderen nur einige Zoll Dicke hat. Unter dieser Sandschicht dürf­ten, wie befürchtet wird, noch etwa hundert Personen begraben liegen, die zwischen den wänden der San-Francisquilo-Schlucht ihre Wohn­stätten hatten. Rach den ersten Meldungen haben in dieser Gegend nur fünf Personen die Flutwelle überlebt Sie wurden vom Was­ser in einem Wohnhaus bei Saugus überrascht und aus den Betten geschwemmt, konnten sich aber retten, indem sie sich gegenseitig an den fjänben sesihiellen. Rach den Ergebnissen einer vorläufigen Untersuchung wird angenommen, daß das in der Talsperre angesammelte Wasser den Bergab­hang, auf dem sich der westslügel des Siaudammes stützte, durch Sickerung unterspült hat, so daß ein Teil des Berges zusammenstürzte.

Rach den letzten Schätzungen sind bei dem vamm­bruch etwa 4 0 0 Personen umgekommen. Bis heule nachmittag war es unmöglich, eine Ver­bindung mit den Ortschaften Piru und F.llmore her- znstellen, welche direkt auf dem weg, den die Flut­welle nahm, lagen. Der in dem Dammgebiel vor­dringende Korrespondent der ..Associate Preß" be­richtet über erschütternde Szenen unter den Ueberlebenden, die hysterisch und händeringend und notdürftig bekleide! nach ihren Angehörigen suchten. Bei dem Dammbruch erfolgte ein kurzes Aufleuchten infolge eines Kurzschlußes beim Zerreißen der elek­trischen Starkstromleitung. Der Leiter des Sana­toriums in Saugus bemerkte das Aufleuchten und unternahm mit seinen Assistenten sosort h.lfcmaß- nahmen. Der Verkehr auf den Southern Pacific- Bahnlinien in Südkalifornien ist vorläufig ein­gestellt. da Meldungen eingelaufen sind, daß das Dammwasser Brücken unterspült und Bahnviadukte gefährdet habe. Rach Berichten aus den Leichen- schauhäusern und den Hospitälern in dem von der Katastrophe betroffenen Gebiet sind bisher fünfzig Leichen identifiziert und 139 Leichen noch nicht identifiziert worden. 865Personenwer- den als vermißt gemeldet

Letzte Meldungen.

R e w h a l l. 14. März. (WTB. Funkspruch.) Bis Mitternacht sind saft 300 Tote festgestellt worden. Die Zahl der Vermißten übersteigt 700. Man glaubt, daß die Zahl der Toten sich noch erhöhen wird. Die höhe des Sachschadens wird zwischen 10 und 30 Millionen Dollar geschäht. Das verwüstete Tal, in dem Pfähle, die man in den Schlamm gesteckt hat den Fundort von Toten be­zeichnen, erinnert an Massenfriedhöfe der Kriegs­zeit hier befanden sich vorher in dem landschaftlich reizvollen Canon Pflanzungen von Zitronenbäu­men. Die Posimeisterin der in der Rähe gele­genen Stadl Saugus erklärte, die Pflanzer, die an dem San Francisquilodamm lebten, hätten schon i m letzten halben Monat von nichts an­derem mehr gesprochen, als von den R i s s e n in dem Damm und von der Möglichkeit eines Dammbruches. Zahlreiche Autofahrer bestätig­ten ans Grund ihrer in den letzten Tagen gemachten Beobachtungen, daß Beschädigungen in dem Damm vorhanden gewesen waren.

Ser VhoeduÄmchi vor dem Hauchallsausschuß.

Berlin, 13. März. (D.D. Z.) Der Haus- haltSausschuß des Reichstages begann heute die Besprechung über den Phoebusbericht.

AlS erster Redner nahm der Sozialdemokrat Heini g das Wort. Er führte aus: Dem Be­richt fehlt die LInterschrist. Da wird von Auf­trägen auf Motorboote gesprochen. Aber b»- gründet wird mit diesem Gerde eine Reihe von Gesellschaften: waS haben sie mit dem Marine­amt zu tun? Sind mit dieser Apparatur wirk­lich keine politischen Gedanken verbunden ge­wesen? Hier müßte doch auch der Rechen­schaftsbericht Lohmanns vorgelegt wer­den. Wie steht es z. D. mit dem Bau des Motor-Tankschiffes? Beim Phoebus-Fall treten sonderbare Treuhänder auf; eine Reihe wird genannt. In den Hintergrund tritt aber der Treuhänder für das Marmorhaus, der auch beim Hauskauf in der Lützowstraße verdient hat. Lieber dieses System von Treuhändern, die auch selb­ständige Geschäfte machen, müssen wir Klarheit durch Vorlegung der Verträge erhalten. Che das nicht geschieht, werden wir die Rach- tragsforderung von 7 Millionen Mk. nicht ge­nehmigen.

Abg. Dr. Haas (Dem.): Wollen wir Klarheit schaffen, so ist es iwtweudig, daß diese Ange­legenheit nicht parteipolitisch behandelt und nicht Lohmaim einfach als Sündenbock behandelt wird. Hier haben die Behörden stark gesündigt, z. B. wenn es richtig ist, daß die Ablieferung der Ruhrkredite an Lohmann, also an eine einzige Person, geschah. Wo waren die verant­wortlichen Männer, die Lohmann beauf­sichtigen und ihn von weiteren falschen Schritten abhalten mußten? Als der Finanzminister Rein­hold in fein Amt kam, war das Llnglück schon geschehen. Er ist zur Mitübeniahme der Bürg­schaft durch eine schwere Pflichtwidrigkeit Loh­manns verführt worden.

An der geschästtichenSchlamperei" Hal die da­malige Regierung die Schuld, die es wllefo und nicht verhinderte, daß ein Kapitän Lohmann ge­schäftlich größenwahnsinnig werden konnte. Das Hilst es uns jetzt, sestzustellen, daß In der Ver­gangenheit das Geld ausgegeben und verloren ift Das einzige, das wir erreichen können, ist, w verhindern, daß eine Diederholung solcher Vorkommnisse für die Zukunft unmöglich wird.

Aba. E r s i n g (Z.) meint, es handele sich hier um eine tief traurige Angelegenheit. Sie werde aber leider jetzt parteipolitisch in einer Art behandelt, die nicht zu rechtfertigen sei. Die Schuld daran trage zum großen Teil das Reichs- Wehrministerium. Hätte es die ersten Meldungen des Berliner Tageblatts nicht dementiert, son­dern offen zugegeben, daß Fehler vor­gekommen sind, so würde das besser gewesen sein. Man sollte auch nicht, wie es in dem vorliegenden Bericht geschieht, den Versuch unternehmen, den Kapitän Lohmann als den Alleinschuldigen hinzustellen. Weiter sei es nicht richtig, daß nur einige kleine Etats- Verletzungen vorgekommen seien. Rein, die sämt­lichen hier ausgegebenen Summen seien Etats- Verletzungen und eine Schädigung schwer­ster Art, die dem Vermögen des deutschen Volkes zugefügt worden sei. Diese an sich schon bekannten Dinge hätten in dem Bericht offen ausgesprochen werden müssen, weil sonst der Eindruck entstehe, es werde noch vieles ver­schwiegen. Jedenfalls habe Lohmann auch schwer gegen das Deutsche Reich gefehlt. Die sogenann­ten Treuhänder hätten doch reichlich verdient. Sie mühten zur Abdeckung der Verluste m 11 - herangezogen werden. Der Ausschuß müsse danach fragen, wie hoch der wirkliche Ver- I u st sei, nur sieben Millionen, wie der Bericht angebe, oder 25 bis 30 Millionen, wie die

körper betrachtet werden muß, aus dem die kranken Betriebe, so weit sie hoffnungs­los sind, herausgenommen werden müssen. Eine allgemeine Kreditaktion mit einem billigen Zinsfuß für die gesamte Landwirtschaft hält auch die Enquetekommission für abwegig, es muß im Gegenteil nur eine Kreditumschichtung eintreten, eben zu­gunsten der nach der Regulierung ihrer Schul­den noch als lebensfähig anzufehenden Betriebe. Für die anderen Betriebe muß eine Auf - nahmeorganisation, die mit ihrer Tätig­keit den Gütermarkt regulieren soll, geschaffen werden. Daneben sollen zur Durchführung der Schuldreaulierung illiquider Betriebe Sanie­rungsstellen nach kaufmännischen Grund­sätzen eingerichtet werden. Lieber die finanziellen Mittel für diese beiden Organisationen sagt der Vorschlag allerdings nichts.

Der Ergänzungseiai.

Die RegiernngHvorlage an den Ncichsrat

Berlin, 14. März. (Priv.-Tel.) Dem Reichs­rat ist jetzt der Entwurf einer Ergänzung zum Reichshaushaltsplan für 1928 zugegangen. Der Entwurf enthält in erster Linie das R o t - Programm der Reichsregierung und außer­dem die Auswirkungen der Besol­dungsordnung auf den Stellenplan.

Für die Landwirtschaft sind im ganzen 64 Millionen vorgesehen, und zwar zur Behebung der gegenwärtigen außerordentlichen Rotstände 30 Millionen, zur Rationalisierung des land­wirtschaftlichen Genossenschastswesens 25 Mil­lionen, zur Organisation des Absatzes von Schlachtvieh und Fleisch 8 Millionen und zur Förderung der Geflügelzucht eine Million.

Das Sozialprogramm erfordert eine Ge­samtsumme von 103 Millionen. Davon entfallen auf die Jnvalidenrentner 75 Millionen, auf die Kleinrentner 25 Millionen und auf die Werks- pensionäre 3 Millionen. Für das Liquida- tionsschädenschluhgeseh sind 7,5 Mil­lionen eingesetzt. Die durch die Maßnahmen erforderliche Gesamtaufwendung beträgt 174,5 Millionen. Dazu kommt die im Bau­kreditgesetz 1928 vorgesehene Beteiligung des Reichs an einer Kapitalerhöhung der Deut­schen Dau- und Dodenbank in Höhe von 10 Mil­lionen. Die Deckung dieser Ausgaben soll erfolgen durch Mehreinnahmen bei den Zöllen (150 Millionen) und bei der Tabak­steuer (20 Millionen) und durch eine Reihe von Einsparungen. Eine Vermehrung de§ Personaletats ist nicht vorgesehen.

Der Einzelhandel zur Wirtschaftspolitik.

Eigener Drahtbericht des ..Gießener Anzeigers".

Berlin, 13. März. Eine in Berlin veranstal­tete Steuerkundgebung des Deutschen Einzelhan­dels brachte im wesentlichen nichts Reues. Es wurden die bekannten Forderungen hinsichtlich der Gestaltung der Steuergesetzgebung nach den Wünschen des Einzelhandels erhoben und auf die volkswirtschaftlich schädigende Wir ung der steuerlichen ilcberlaftung in Richtung der Steigerung der Produktions­kosten und Verminderung der Kauf­kraft hingewiesen, sowie als oberstes Gebot von dem neuen Reichstag die schnelle Durchfüh­rung des Steuervereinbeitlichungs- g e s e tz e s und von den öffentlichen Körperschaf­

ten größte Sparsamkeit verlangt. Be­merkenswert war die Forderung des Landtags­abgeordneten Dr. Reumann auf Abbau der Parlamente, sowohl bezüglich der Zahl der Abgeordneten, als auch der Höhe der Diäten. Der Einzelhandel ist schließlich der Auffassung, daß die Hilfe für d i e Landwirtschaft getragen werden muß von dec Gesamth.it der deutschen Bevölkerung, nicht aber von einzelnen Wirtschaftsgruppen. da cs nicht a igängig sei, daß die der Landwirtschaft gewährten steuerlichen Erleichterungen auf der a ideren Seite dem ge­werblichen Mittelstand in Gestalt neuer Lasten auf erlegt würden.

Wiederaufnahme

der Arbeit in der Metallindustrie.

Berlin, 13. März. (WTB.) Rachdem die Ortsleitung des Deutschen Melallarbeiterverban- des den Streik der Werkzeugmacher infolge der Terbindlichkeitserllärung des Schieds­spruches für beendet erklärt hat, ist im Laufe des heutigen Vormittags die Arbeit zu einem Teil wie er bei ^Bergmann au genommen wor­den. Die übrigen von dem Streik betroffenen Fabriken, nämlich Siemens, Mix & Genest, Deutsche Telephonwerke, Sudikatis Telephonwerke, AEG. und R A G.. wer­den morgen^ in vollem ilm ange wieder die Ar­beit auf nehmen. Obwohl die kommunistische Opposition eine Fortsetzung des Streikes bis zur völligen Verwirklichung der Lohnforde­rungen der Werkzeugmacher verlangt, ist damit zu rechnen, daß sich die Mehrheit dem Stand­punkt der Leitung des Deutschen Melallarbeite» verbandes anschlieht.