ZußbALokalkämpse in Gießen.
Am kommenden Sonntag stehen sich auf dem Waldsportplatz die Liga-, Ligareseroe und 3. Mannschaften der Spielvereinigung 19 00 und des V.f.B. im Kampf um die Punkte gegenüber.
Das Ligaspiel, seiner Bedeutung nach von den drei Lokaltreffen das wichtigste, ist nach Lage der Verhältnisse als Vorentscheidung für die Stellung der beiden Vereine im Gau Gießen-Wetzlar anzusehen. Den Ausgang dieses bedeutungsvollen Spiels oorauszusagen, ist nicht möglich. Bei der Abwägung der Sieaesmöglichkeiten wäre es verkehrt, etwa der V. f. B. - E l f deshalb ein kleines Plus geben zu wollen, weil sie die Mehrzahl der letzten Privatspiele gegen die Spielvereinigung gewinnen konnte, da meistens nur knappe Resultate erzielt wurden und sich auch das Kräfteverhältnis inzwischen mehrfach verschoben hat. Eher ginge es an, den Leuten vom Waldsportplatz auf Grund chrer in den Punktspielen gegen Herborn und Dillenburg gezeigten Leistungen und erzielten Resultate, 6:0 bzw. 7:2 für V. f. B., etwas mehr Aussicht auf einen knappen Sieg zuzusprechen. Wohl hat die Liga der S p i e l o e r e i n i g u n g in der letzten Zeit durch Weggang einiger guter Spieler von ihrer Spielstärke eingebützt, vermochte jedoch diese Lücken durch kaum weniger guten Nachwuchs wieder auszufüllen und am Vorsonntag Frohnhausens Liga durch einen glatten 4:0°Sieg die Punkte abzunehmen. Was diese Elf jedoch von jeher in den Lokalspielen auszeichnete und sie zu einem außerordentlich starken Gegner machte, ist ihr ungewöhnlicher Kampfeseifer und Siegeswille. Angesichts der Bedeutung des Spiels werden beide Mannschaften naturgemäß in der stärkstmöglichsten Aufstellung ontreten. Im Interesse der Sportbewegung im allgemeinen und der beider Vereine im besonderen muß von jedem der 22 Spieler erwartet werden, daß er sich bei allen seinen Handlungen stets seiner Verantwortung der Sportbewegung gegenüber bewußt ist und ein in jeder Weise einwandfreies Spiel vorführt.
Don kaum weniger großer Bedeutung ist das Treffen der Li gareservemann schäften. Daß auch in diesem beide Gegner in der besten Besetzung antreten, ist selbstverständlich. Hier könnte man eventuell geneigt sein, der Spiel- vereinigung einen Sieg, wenn auch nur einen ganz lnapven, zuzutrauen, da die D. f. B. - Elf in der letzten Zeit eine etwas unbeständige ■ Form aufweist. So konnte sie am Dorsonntag gegen Dillenburgs Reserve nicht sonderlich überzeugen. Dagegen erfocht die Mannschaft der Spielvereinigung am vergangenen Sonntag über die Ligare^erve Frohnhausen einen hohen 8:2 Sieg.
Bei dem Spiel der dritten Mannschaften kann man mit ziemlicher Sicherheit der Plahelf die größeren Siegesaussichten zusprechen, da sie durch den Derlaus und Ausgang der letzten Spiele ihr Können unter Beweis gestellt hat und in ihren Leistungen sehr beständig war. Immerhin darf sie den Gegner unter keinen Llmstän- den unterschätzen und das Spiel von vornherein als gewonnen betrachten.
V. f. B.
B. f. B. ist der einzige Verein vom Gau Gießen- Wetzlar, der zu den Verbandsspielen eine vierte Mannschaft gemeldet hat. Diese tritt am kommenden Sonntag auf hiesigem Platz zu ihrem ersten Punkltreffen an. Ihr Gegner ist die junge Mannschaft Steinbachs, die den Mangel an Wettspielerfahrung durch großen Eifer aufwiegt und schon recht gute Spiele geliefert hat.
Von der Jugend- und Schülerabteilung sind außer der zweiten alle Mannschaften spielfrei; lediglich diese fährt vormittags nach Rieder- Weisel, um gegen dessen erste Jugend ein fälliges Pflichtspiel auszutragen.
(Spielvereinigung 1900 Gießen.
ö. Die I u g e n d m a n n s ch a f t e n der Spielver- einigung 19Ö0 tragen am kommenden Sonntag alle Spiele vormittags aus. — Die zweite I u - gend hckt die erste Jugend vom neuaegründeten Sportverein Harbach zu Gast und dürfte über die Gäste Sieger bleiben. — Die e r st c Jugend spielt das seinerzeit verlegte Pflichtspiel gegen Grünbergs erste Jugend. Ein sicherer Sieg steht in Aussicht. — Schwerer hat es schon die erste Schülerelf, die auf die gleiche des Wetzlarer Sportvereins trifft. Der Ausgang ist ungewiß.
Kußball in Heuchelheim.
Nieder-Weifel ist der Gegner des Sportvereins Heuchelheim im Verbandsspiel am nächsten Sonntag. Die Heuchelheimer werden sich an- strengen müssen, wenn sie das Spiel gewinnen wollen, denn die auswärtigen Grasplätze sind schon oft das Verhängnis der Heuchelheimer geworden.
Fußball in Großen-Buseck.
Die 1. Elf des F. C. 19 2 6 Groß en - Buseck steht am kommenden Sonntag der gleichen Mannschaft der Sportabteilung des Turnvereins Lollar im zweiten Verbandsspiel gegenüber. Beide Mannschaften haben spielerisch gute Kräfte. Der Ausgang ist angesichts der Kräfteverhältnisse beiderseits ungewiß, doch scheint die Möglichkeit zu bestehen, daß der F. C. Grohen- Buseck seinen Punktgewinn gegen Grünberg weiter erhöhen kann.
Die 2. Mannschaft spielt in Ettingshausen. Die 1. Jugend hat den Sp.-Verein Steinberg zu Gast.
G. V. 1921 Ettingshausen.
Am kommenden Sonntag trägt auf eigenem Platze die erste Mannschaft des Sportvereins Ettingshausen ihr zweites Verbandsspiel gegen die erste Mannschaft des V. f. R. L i ch aus. Wenn sie sich gut zusammenfindet und den Gegner nicht unterschätzt, kann sie dieses Spiel gewinnen.
Die zweite ' Mannschaft empfängt vorher die gleiche von Großen- Buseck und wird wohl, da sie mit Ersatz spielen muß, dem Gegner die Punkte überlassen müssen, wenn sie nicht mit vollem Eifer das Spiel aufnimmt.
Ä. f. X Lich.
Die 2. Mannschaft des V. f. R. Lich hat die gleiche von L a u b a ch auf eigenem Platze zu Gast und muß sich besser anstrengen als am letzten Sonntag, wenn sie etwas ereichen will.
LeichMKM der Sp.-Vg. 1900.
Rückblick auf die Saison 1928.
ö. Rach einem im Jahre 1920 durch den derzeitigen deutschen Diskusmeister Ernst Paulus begründeten Brauch schloß die Leichtathletikabteilung der Spielvereinigung 1 900 auch die verflossene Saison mit einer Siegesfeier ab. Mit 210 Siegen, darunter 90 ersten, 53 zweiten und 62 dritten, konnten die 1900er eine bisher noch nicht erreichte Zahl von Erfolgen — der seitherige „Rekord" war 163 —für sich buchen. EL wurden 15 Veranstaltungen — davon waren drei Meifterschafts- kämpse und eine ein Iugendklubkampf, welcher als ein Sieg gewertet ist — besucht. Der Verein selbst hielt am 3. Juni seine 7. Rationalen Wettkämpfe ab, die auch in diesem Jahre dank der guten Besetzung, des ausgezeichneten Sportes und der mustergültigen Abwicklung eines der größten sportlichen Ereignisse des Bezirks Hessen- Hannover .darstellten. 3n diesem Zusammenhang muß betont werden, daß die Spielvereinigung 1900 in der diesjährigen Leichtathletikbilanz unseres Bezirks unmittelbar hinter den beiden Kasseler Großvereinen Hessen-Preußen und Kurhessen steht. Diese giinstige Entwicklung ist in der Hauptsache auf die von der 2lbteilungs- leitung (Karl Müller und Georg Richt- b e r g) und dem Trainingsleiter (W. Schmidt) durchgeführte Arbeit in die Breite — übrigens eine der aktuellsten Forderungen der Deutschen Sportbehörde — zu verdanken. Die folgende Benennung der zehn besten Leichtathleten unter Angabe der entsprechenden Punktzahl auf Grund der errungenen Erfolge dürfte dies veranschaulichen. Zunächst sei noch darauf hingewiefeu, daß, um den Leistungen der bei den Staffeln Beteiligten gerecht zu werden, eine Dreiteilung vorgenommen werden mußte.
Hinsichtlich der Einzelwettbewerbe ergibt sich folgendes Bild: 1. Seipp und Hopfenmüller je 27 P.; 2. 0. Müller 24 P.; 3. Gelbert 23 P.; 4. Seifert 17 P.; 5. Petersson und Peters je 16 P.; 6. Frey 14 P.; 7. Guyot 12 P.; 8. Langloh 10 P.; 9. Tönges 9 P., 10. Geist 8 P. Für die Staffeln: 1. Gelbert 30 P.; 2.: Hopsenmüller 22 P.; 3. Seipp 21 P.; 4. Seifert 17 P.; 5. Peters 13 P.; 6. Bepperling 13 P.; 7. Langloh 10 P.; 8. Geist 10 P.; 9. Petersson 9 P.; 10. O. Müller 7 P. Unter Anrechnung von Einzel- und Staffelsiegen ist die Reihen
folge: Gelbert, Hopfenmüller, Seipp, Seifert, O. Müller, Peters, Petersson, Langlotz, Bepperling, Geist.
Die stärkste Waffe waren, wie alle Jahre, die Kurzstreckler. Es waren jederzeit mindestens 10 Mann zur Verfügung, die die 100 Meter unter 12 Sek. bewältigten. Ein überragender Wann, wie E l d r a ch e r im Vorjahre, fehlte, wenn auch Seifert gegen Schluß stark aufkam und im kommenden Jahre die 11-Sek.-Grenze erreichen sollte. Von den Mittelstrecklern war Peters in der ersten Hälfte der Saison in Höchstform (800 Meter in 2:02,4 Min.), wurde aber dann durch Krankheit zurückgeworfen. Inzwischen hatten sich jedoch Bepperling und Tönges gut herausgemacht, so daß im kommenden Jahre eine gute Mittelstreckenvertretung vorhanden sein dürfte.
Die lange Strecke hat seit Kallenbachs Weggang keinen Mann von Können gehabt. Durch den ttrrzlich erfolgten Beitritt von Paul (Sinn) dürfte die 1900er aber in Zukunft auch in der längeren Distanz ein Wort mitreden.
In den Sprung- und Wurfkonkur- renzen wiesen Petersson, Seipp, O. Müller und Langlotz sehr beachtenswerte Leistungen auf. Die beiden Erstgenannten waren die zweifellos besten Wehrkämpfer des Bezirks Hessen-Hannover. Die markantesten etaf'eHeiftun- gen stellen die 44,6 Sek. der 4X100-Stafsel bei den Bezirksmeisterschasten in Kassel und der Sieg der Schwedenstafsel in Altendiez über Bonner Fußballverein, Koblenz 1900 und Tusp. Höchst dar.
Der Jugend, die siebenmal Gelegenheit hatte, ihre Kräfte im friedlichen Wettkampf zu messen, gebührt ein nicht minder großes Lob, wie den Aktiven. Es sei hier davon abgesehen, eine Einstufung vorzunehmen, da gerade in der Jugend eine Erfassung unb eine vielseitige Ausbildung alcher anzustreben ist. Um jedoch nicht ohne An- haltspmckte zu fein, seien einige als hervorragend zu bezeichnende Leistungen aufgeführt: Jugend A (10/11) im Kugelstoßen mit 14,26 Meter (Müller, G.), im Hochsprung mit 1,63 Meter (F. Wolf). Jugend B (12/13) 100 Meter in 12,1 bzw. 12,2 S. (Schüz und Balser), 800 Meter in 2:17 Min. (Schüz). Weitsprung mit 5,83 Meter (Balser). Jugend C (14 und jünger) Speer mit 42 Meter (Gräf), Ballweit mit 75 Meter (derselbe), Weitsprung mit 5,40 Meter (derselbe).
Handball im T. V. 1846.
Nächsten Sonntag fährt die 1. Mannschaft nach Bad-Stauheim, um mit der 1. Mannschaft des dortigen Turnvereins ihre Kräfte im Verbandsspiel zu messen. Wer das Spiel gegen Mtv. sah, der wird zugeben müssen, daß die' 1846er an Spielstarke keinem Gauverein nachstehen.
Handball in Heuchelheim.
Tv. Heuchelheim I — Tv. Rieder-Glrmes I 4:2 (1:0).
Am Sonntag hatte Heuchelheims Erste in der Derbandsspielserie die' gleiche Mannschaft vom Tv. Riedergirmes zum Gegner. Riedergirmes stellte eine sehr flinke Mannschaft ins Feld, mußte sich aber nach spannendem Kampf als geschlagen bekennen und Heuchelheim Sieg und Punkte überlassen. Schiedsrichter Krämer vom Turn- und Sportverein Butzbach war dem Spiel ein gerechter Leiter.
Heuchelheim — Turngemeinde Friedberg.
Am nächsten Sonntag sieht sich die erste Mannschaft vom T. B. Heuchelheim vor eine schwere 2lufgabe gestellt. Sie hat als nächsten Berbandsspielgegner den Tabellenersten, die 1. Mannschaft der Turn gemeinde Friedberg zu Gast. Obwohl Heuchelheim den Vorteil des eigenen Platzes für sich hat, wird es sich doch gewaltig anstrengen müssen, um in diesem Spiel ehrenvoll abzuschneiden.
Handball der Gp.-Vg. 4900.
ö. Nachdem vor 14 Tagen ber Start der 1900er Handballer gegen eine kombinierte Mannschaft des V. f. L. Wetzlar infolge der schlechten Witterung nicht zustande gekommen war, wird er am kommenden Sonntag gegen einen Orts- gegner, die Maschinengewehrkompagnie (4. Kompagnie) des hiesigen Datallions. vor sich gehen. Die Spielstärke der Militärmannschaft ist zu wenig bekannt, als daß man eine Doraussrrge über den Ausgang des Spiels wagen könnte.
Seid W vom Simmel.
Vornan von Paul Enderling.
Copyright by Carl Duncker, Verlag, Berlin.
15. Fortsetzung Nachdruck verboten.
Das alte Fräulein strahlte. Ihre lederfarbesnen Bäckchen hatten je einen roten Farbtupfen aufzuweisen. Es hätte nicht viel gefehlt, daß sie ihn umarmt hätte.
„Wir packen sie gut ein. Es wird schon Platz auf dem Gut sein. Ist es denn weit?"
„Weit ist ein relativer Begriff. Aber wenn wir sie im Flugzeug schicken, geht es ja schnell."
„Bekommt es den Tierchen aber auch? Sie sind doch daran nicht gewöhnt."
„Sie dürften auch die Eisenbahn nicht gewöhnt sein", meinte Grotteck, der ungeduldig zu werden begann.
„Sicher nicht", antwortete sie nachdenklich. „Das wäre immerhin ein Ausweg. Und in der Landluft können sie sich ja wieder erholen. Ach, Sie ahnen gar nicht, was für Sorgen unsereins hat!" Ihre Hand gljtt über seine Rechte. Es war wie zerknülltes Leder, was Über feine Hand strich.
Er bemühte sich, ernst zu bleiben und komplimentierte sie hinaus.
Dann nahm er Hut und Maickel und ging zur Bank.
Da er unterwegs an der Staatsbibliothek oor- beikam, ging er hinauf in den Lesesaal und ließ sich das russisch-deutsche Lexikon aushändigen. Der russische Zeitungsausschnitt mußte sein Geheimnis hergeben. Es konnte doch nicht so schwer sein. Die Buchstaben ähnelten den griechischen, die er auf dem Danziger Gymnasium gelernt hatte. Also los! Aber es war schwer.
Nach einer halben Stunde eifrigen Bemühens ließ er seufzend ab. Die Entzifferung der Hieroglyphen seinerzeit mußte die Uebersichtlichkeit eines Kreuzworträtsels gehabt haben. Nicht einmal das unterstrichene Wort „slowo" konnte er verdeutschen.
Der Besuch der Bank war eine starke Nervenprobe. Die Blicke der Kontrollbeamten durchbohrten ihn. Jeden Augenblick erwartete er, daß sich eine
Hand auf seine Schulter legte und daß eine strenge Stimme fragte: „Woher stammt dies unmenschlich viele Geld?"
Aber es geschah nichts. Ein höflicher, unpersönlicher Gruß von dem jungen Mann war alles.
Als er die Halle durchquerte, rief ihn eine Stimme beim Namen, die ihn erzittern ließ.
Inge Broderfen stand vor ihm, in ihrer unauffälligen Eleganz. „Was treiben Sie im Tempel des Mammons?"
Da war die Frage, und es galt, zu antworten. Er stand verwirrt vor dem schönen, lächelnden Mädchen und rang nach Worten. „Ich muß einmal mit Ihnen sprechen, aber allein ... allein ..."
Sie schien seine Verwirrung mißzuverstehen. Errötend sagte sie: „Wir sehen uns doch am Freitag wieder?"
„Ich will verreisen. Ich muß. Aber vorher ..."
„Also am Freitag. Ade. Mein Vater wartet draußen auf mich. Der letzte Abend ist Ihnen doch gut bekommen?"
„Oy, gut über mein Verdienst."
Als er mit ihr vor die Tür trat, mar der Wagen noch nicht da. „Dann hat Blinsky meinen Vater aufgehalten", sagte fie leise, und er vernahm deutlich das leichte Zittern ihrer Stimme. Wieder ergriff ihn die unerklärliche Angst, die er an dem letzten Freitagabend empfunden hatte. Nur mar es damals ein Flügelstreifen gewesen, und jetzt krallte sie sich mitten in sein Herz.
„Kann ich Ihnen nicht helfen?" fragte er schnell.
„Sie — mir helfen?" Einen Augenblick fah sie. ihn prüfend, zögernd an. „Nein," setzte sie mit einem stolzen Lächeln hinzu, „da ist nichts zu helfen."
„Glauben Sie nicht, daß meine Jugend mich dazu unfähig macht."
„Nein, das ist es auch nicht. Uebrigens sind sie ja älter als ich. Wie sollte ich da der Jugend nicht trauen? Es ist eben nicht zu helfen."
Aber so leicht ließ er sich nicht aus dem Sattel werfen. „Ich kann es natürlich nicht beweisen, aber ich fühle es, daß der Augenblick kommen wird, wo Sie einen Menschen brauchen werden. Machen Sie mich glücklich, und sagen Sie, daß Sie mich bann rufen werden, wo ich auch bin."
Sie sah in fein ernstes Gesicht und sagte, ihm die Hand reichend, langsam: „Ich verspreche es Ihnen."
„Ich danke Ihnen."
Sie nahm wieder den leichten Plauderion auf. „Nun dürfen Sie mich noch drüben bis zum Parfümerieladen begleiten und mir etwas erzählen. Zum Beispiel: wer mar die junge Dame gestern im Auto?/' /
„Ein Mitglied des Rundfunks", log er verlegen. „Sie begreifen, ich stelle mich gern gut mit den Mitarbeitern dort ..." Er stockte und fühlte, daß er rot wie «in Junge wurde, rot bis über beide Ohren.
Sie blickte ihn lächelnd an. „Soll ich das glauben?"
„Nein, das sollen Sie nicht glauben. Ich kann Sie nicht anlügen. Ich kann überhaupt schlecht lügen. Es hat mir schon in der Schule geschadet. Sie ist eine kleine Klavierspielerin in einem öffentlichen Lokal."
Inge blickte beiseite. „Sie war hübsch."
Das hatte sie also auch gesehen. „Ich bin nicht deswegen mit ihr zusammen , warf er fast heftig em. „Ich lernte sie in einer Stunde kennen, wo ich nicht allein sein wollte."
„Das begreife ich."
Er strahlte. „Sie begreifen alles. Ich wußte es. Es mar auch etwas Milleid, was mich gestern mit ihr zusammenbleiben ließ, und irgendeine dumme Ritterlichkeit. Nein, ich will mich nicht besser machen, gls ich bin. Als ich sie kennenlernte, mar ich nicht ich selber." Nun war der Augenblick, wo er Inge sein Geheimnis beichten mußte. Aber er sah in ihre Augen, die gespannt die vorbeisausenden Autos prüften, und er fühlte ihre innere Unruhe mit.
Er schwieg verwirrt. Als sie vor dem Parfümerieladen standen und sie sich verabschieden wollte, fragte er plötzlich: „Wissen Sie, was im Russischen ,slowo' heißt?" Er wußte selber nicht, warum sich chm diese nebensächliche Frage aufge- brängt hatte.
„Ich muß Sie enttäuschen. Russisch ist eine der wenigen Sprachen, die ich nie begriffen habe. Wohin reifen Sie übrigens?"
„Nach Grotthausen. Zu meiner Mutter."
Aus der pwvinzialhauptstadt.
Gießen, den 12. Oktober 1928.
Weniger Messen und Ausstellungen!
Der Hessische Industrie- und Han- delskammertag hat in seiner jüngsten Der- treterbesprechung zur Frage der Aohaltung von Ausstellungen durch die Städte folgende Entschließung gefaßt:
„Der Heffische Industrie- und Handelskammertag ist der Auffassung, daß aus Gründen der wirtschaftlichen Sparsamkeit die Art der Werbung, wie sie durch Ausstellungen und Messen betrieben wird, auf das äußerste ein* geschränk t^und von einer sachverständigen Stelle, dem Deutschen Ausstellungs- und Messeamt, aus rationalisiert werden muh.
Er mißbilligt das Bestreben der Städte, durch das Mittel von Messen und Ausstellungen lokaler, wirtschaft ich nicht gerechtfertigter Art Massenbesuch in ihre Mauern zu ziehen. Solche Veranstaltungen nutzen der altge* meinen Volkswirtschaft nichts, schaden ihr vielmehr nur, indem sie zu unnützen Ausgaben verleiten und der so notwendigen Kapitalneubildung unheilvoll entgegenwirken.^
Daten für Samstag, den 13. Oktober.
Sonnenaufgang 6.20 Uhr, Sonnenuntergang 17.12 Uhr. — Mondaufgang 5.43 Uhr, Monduntergang 17.27 Uhr.
1821: der Mediziner und Politiker Rudolf Virchow in Schivelbein geboren; — 1873: der Geograph Emil von Sydow in Berlin gestorben; — 1924: der französische Schriftsteller Anatole France gestorben.
Die 1900er werden, da die Devbandsspiele in aller Kürze beginnen, wenn auch nicht in endgültiger, so doch in möglichst stärkster Besetzung antreten.
Heuer französischer Rekord im Kugelstoßen.
Der französische Meister und Rekordmann im Kugelstoßen, E douard Duhour, verbesserte den von ihm mit 14,875 Meter gehaltenen Landesrekord im Kugelstoßen auf 15,09 Meter.
„Wie ich Sie beneide! Reisen Sie bald! Und wenn Sie wiederkommen, müssen Sie mir von Ihrer Mutter erzählen."
Er sah sie drinnen im Laden, und sie erschien ihm plötzlich blaß und müde aussehend. Aber das lag wohi nur an der künstlichen Beleuchtung drinnen. Halle sie sich nicht auffällig schnell getrennt? Es wat wohl nur sein schlechtes Gewissen, das ihm das einredete. Warum hatte er sich ihr noch nicht anoertraut? Er nahm sich vor, nicht zu reifen, bevor er sie gesprochen, und tröstete sich mit ihren Worten über seine Muller.
Als er um die Ecke bog, tarn der grünlackierte Wagen an. Drinnen saß Broderfen allein, wie immer finster und hart vor sich hinstarrend. Er beachtete Grollecks Gruß gar, nicht. Natürlich, wer war er?
Nervös schrill Kurt Grotteck der Hauptpost zu, um das Geld an die Mutter zu senden. Telegraphisch, damit sie noch heute von ihren Nöten erlöst war und nichts Unüberlegtes tat.
Ungeduldig stand er vor den Postschaltern. Der Geruch nasser Mäntel mischte sich mit dem Qualm schlechten Tabaks. Er krauste die Nase.
Die dicke Dame vorn am Schalter versuchte, ihren Kopf durch das Schiebefenster zu stecken, als wollte sie den Beamten küssen. Ihre eifrige, sich überschlagende Stimme beherrschte seit einer Viertelstunde die Situation. ,Lch versichere Sie, es können nicht mehr als zweihundertdreißig Gramm sein, höchstens zweihundertoierzig. Hoch gerechnet. Meine Briefwaage funktioniert doch, sollte ich meinen." Ein mäßig unterdrücktes Gelächter antwortete von brinnen. Seufzend, empörten Blicks, zog sie endlich ihre Tasche und legte Geldstück für Geldstück hin.
Grotteck sah erbittert auf seine ruhigen Nachbarn. Sie standen wie erschlagen von der Gewalt eines übermächtigen Schicksals. Sie hatten offenbar mehr Nerven und mehr Zell als er.
Endlich kam ein halbwüchsiger Junge dran, der ein Firmenschild an der Mütze trug. Dann ein dicker Herr, und nun war er vor dem Schalter. Er schob das Formular hinein, zog es aber im gleichen Augenblick zurück, murmelte etwas von vergessenem Geld und zog lich unter dem schadenfrohen Grinsen der Nachbarn zurück.
(Fortjetzung folgt.)
** Männer-Turnverein. Der Familien- abend am letzten Sonntag, mit dem die Ehrung der Sieger und Siegerinnen im Sommerhalbjahr 1928 verbunden war, erfreute sich eines starken Besuches^ Wie der 1. Sprecher in feiner Ansprache ausführte, kann der Verein mit berechtigtem Stolze auf eine so hohe Zahl von Siegen zurückblicken, wie dies seither in der Vereinsgeschichte noch nicht zu verzeichnen war. Sind doch bei den verschiedensten turnerischen Veranstaltungen insgesamt 16 5 S i e g e errungen worden, darunter 72 Turnerinnen-, 85 Turner- und 8 Mannschaftssiege. Dabei muß besonders auf die 7 Siege beim Deutschen Turnfest in Köln hingewiesen werden, ein Erfolg, wie ihn wohl kein zweiter Verein im Turngau Hessen aufzuweisen hat. Mit der Mahnung, auch im Winterhalbjahr es an Turneifer nicht fehlen zu lassen und sich vor- zubereiten auf neue Erfolge im nächsten Jahre, schloß der 1. Sprecher, indem er noch ein dreifaches „Gut Heil!" auf Siegerinnen und Sieger ausbrachte. Diese erhielten als Erinnerungsblatt eine künstlerisch ausgeführte Urkunde, auf der ihre Namen mit den errungenen Siegen verzeichnet waren. Daß aber auch die Turnerjugend des Mtv. etwas tüchtiges leistet, bewiesen eine Schülerriege am Pferd und eine Schülerinnenriege am Barren, deren Darbietungen den lebhaftesten Beifall der Anwesenden hervorriefen. Leider war seinerzeit infolge der ungünstigen Witterung nicht möglich, mit dem 23er- einsroetturnen ein Schauturnen auf dem Spielplatz des Vereins zu verbinden. Doch war die Beteiligung an diesem Wetturnen sehr erfreulich. Als wohlverdiente Anerkennung für ihre turnerischen Leistungen erhielten alle Teilnehmer eine Urkunde.
** Der „Hubertus", Verein weidgerechter Jäger, Sih Gießen, hielt dieser Tage seine Mitgliederversammlung im „Hess. Hof" ab. Rechtsanwalt Albrecht erstattete Bericht über den Verlauf der Gebrauchssuche, die der Verein im September veranstaltete. 10 Hunde waren gemeldet, alle kamen in die Preise. Dabei konnten zwei Hunde in Mitgliederbesitz mit bet hohen Auszeichnung des 1. Preises bedacht werden, und zwar ein Hund im Besitz von Frau Anna Engert (Haina) und einer im Besitz des Herrn Hammermann (Gießen). Auch sonst schnitten die Hunde einheimischer Zucht gut


