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nr. 112 Erster Blatt

118. Jahrgang

Samstag, 12. Mai 1928

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Gietzener Anzeiger

General-Anzeiger für Oberhessen

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3nna)me oon Snjeigtn für die lageenummer bi» zum Sladimih.Qg Dort»«.

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Cbefrebüktrur Dr Fnedr Till) Lange. Teraniöorthd) türPol nk Dr 3r Wilh Lange tür Feuilleton Dr H ^hyr.ot, für den übrigen Teil Ernst Diumlchtin, für den An» zeigenteil Nuri Hillmann.

iümtUch tn (Bienen

Alba Julia.

Tun schon leit Monaten Nnb die Zentren Welt» bolinldten Geschehen- durch nnere Sceignlfse so blnlünalich belchä t>gl, oao für Vorfälle an der Peripherie kaum Interesse aufgebracht wirb, finb doch stab Pi« Dinge, die sich im Tugenblld hier abfpielen, interessant und wichtig genug, um kurz betrachtet zu werden. Am Tande Europa-, auf dem ewig unruhigen Valkan, macht wieder einmal Rumänien, dieser Großverdiener des WettkrlegeS, unliebsam von sich reden. Rumänien ist, trotz der R>el«nfchlappen. die Mackensen und Falken Hayn seiner Armee zuaesügt haben, um rund das Doppelte seiner Dobensläche und da« Dreisache ferner Bolkszahl au8 dem Weltkriege bervorgeganfen Aber ganz ähnlich, wie seinem serbischen Rachbar ist auch ihm der riesenhafte Gebietszuwachs nur mäfrtg gut bekommen und genau so. wie das neue Jugoslawien krankt auch Großrumänien an dem Problem, alte und neue Teile deS Reiche- zu einem einheitlichen Staals- S«bilde zu vereinen. 3n Bukarest fo gut wie i Belgrad, haben die herrschenden Parteien, hier die Liberalen BratianuS, dort die Radi­kalen des alten Pasitsch, versucht, die durch die Friebensvertrüge gewonnenen Landesteile, die angeblich ..befreiten71 Brüder, durch einen scharfen Zentralismus in die alte Ordnung einfach einzu- aliedern Sie sind dabei hier wie dort auf den heftigsten Widerstand gestoben, und auch die Gründe für ihr Mißgeschick sind in Jugoslawien wie in Rumänien im groben und ganzen die gleichen.

Aus dem Verband der habsburgischen Dop­pelmonarchie sind die Kroaten an da- Kön greich Jugoslawien gefallen, die Siebenbürger an Rumänien Beide Völker sind dem alten S'aats- volk, hier den Serben, dort den Rumänen der Moldau und Walachei, an politischer Bildung, an Wirtschastlicher Srsahrung und vor allem an Kultur weit überlegen. Beide, weder die Sie­benbürger noch die Kroaten waren im alten Ungarfiaat auf Rosen gebettet. Die Madjaren als herrschendes Staatsvolk haben stets den nationalen Minderheiten gegenüber eine rüd- sichtSlo'e ttnterdrückungspoltttk befolgt. Aber das Reich der Stephanskrone hat andererseits mit starker Hand für eine gute Verwaltung, für unbestechliche Rechtsprechung soweit nicht politische Fragen zur Erörterung standen. für Hebung der Wirtschaft und Volksbildung ge­sorgt Ungarn war eben doch ein Staat, der europäisch orientiert war. ein Land, daS sich nach dem Westen eingestellt hatte. Das ist in den neuen Balkangrvßmächten erheblich anders. Und die .befreiten" Brüder sehen nun mit einigem Schreck, dah sie in .ihrem" Staat in recht vielen Dingen vom Regen in die Traufe gekommen sind. Namentlich gilt das von Ru­mänien.

Hier hat d i e liberale Partei, die mit liberaler Weltanschauung westlichen Musters nicht mehr als den Namen gemeinsam hat, in jahrzehntelanger Arbeit den Staat restlos in ihre Hände gebracht und nun eine Herrschaft schlimmster Korruption und finanzieller wie poli­tischer Mißwirtschaft aufgerichtet, die auf dem in diesen Dingen nicht sehr verwöhnten Balkan vergeben- ein gleiches sucht. Ionel B r a t i a n u, der erst vor kurzem verstorbene Aetteste dieser berüchtigten Brüder, ist der Gründer des mo­dernen Groß-RumänienS, aber auch der Vater des Korruvtion-systems. unter dem Volk und Land der Rumänen seit Jahren schwer leiden. Noch zu Lebzeiten König Ferdinands, deS zwei­ten Hohenzollern aus dem Thron der Rumänen, hat Bratianu e- fertig gebracht, feiner an sich xaplenmäbig schwachen Partei die Alleinherr­schaft bi Rumänien zu sichern. Es gelang ihm auch, wn Kronprinzen Gatol, von dem er nichts gute- für fein Regime erwarten durfte, fium Verzicht auf den Thron und zum Verlassen eines Vaterlandes au bringen. Die von ihm durchgesetzte Thronsolgeordnung legte nach dem Tode König Ferdinands die Herrschaft in die Hand eines Kindes, deS 6jährigen Königs Michael, für den ein Regentschaftsrat die Regierung führt. Die Männer dieses Regent- schastsrates waren Puppen in der Hand des jetzt allmächtigen Ionel Bratianu.

Bei einer Willkürherrschaft, die durch rück» stchtlofen Terror Wahlen machte, wie die regie­rende Partei sie brauchte, die mit Hilfe der Polizei und des Militärs brutal alle- nieber- hielt, was dem System im Wege stand, die mit Hilfe einer korrumpierten Verwaltung und einer «stechtichen Justiz allcS daraus abstellte, den regierenden Männern und ihrem Parteittüngel die Taschen zu füllen, konnte es nicht aus­bleiben. dah sich ein ungeheuerer Zündstoff an- fammclte, der im gegebenen Augenblick zur Ex­plosion drängt. Der klugen Taktik des alten Bratianu gelang es zwar stets, die Opposition, die sein Regiment namentlich in der rumänischen Bauernschaft fand, energisch an die Wand zu drücken. Aber feine Rach olger. sein Bruder Vintila und der Innenminister ähica sind zwar durch feine Schule gegangen, aber doch Epigonen geblieben, die weder über das taktische Ge­schick. noch den ungeheuren Herrschwillen ver- fügen, mit deren Hilfe Ionel Bratianu seine Diktatur errichtet batte.

Auch die Zeiten sind andere geworden. Der Sie­benbürger Bauer ist zu klug, um sich von den Bukarester Methoden auf die Dauer ins Bockshorn jagen zu lassen. Er hat d,e Führung in den> gro­ßen nationalen Kamps übernommen, der um nichts Geringeres geht, als um den Stur, der Re­gierung Bratianu und die Beseitigung des verrotteten Systems, mit dessen Hilfe die liberale

Oie Nankingregierung klagt beim Völkerbund.

Genf, 11. IRal. (WIB.) ver Präsident der Re­gierung von Nanking, lanyenkal. hat unter dem gestrigen Datum an den Generalfekre- tär de» Völkerbundes ein Telegramm ge­richtet, In dem erim Hamen der nationalistischen Regierung der chinesischen Republik" aus den Ernst der durch öle Entsendung japanischer Truppen nach der Provinz Sdjantung entstandenen Lage sowie auf den Umstand aufmerk­sam macht,dah ble territoriale Jnlegrl- tät und politische Unabhängigkeit Ehina » verletzt wurden und dah der Friede unter den Völkern durch die von Japan unternom­mene Angrissshandlung bedroht ist". 3n dem Telegramm wird unter Berufung auf Absatz 2 des Artikels 11 des Völkerbundspaktes um dring­liche Einberufung de» Völkerbunds­rats ersucht und mit Nachdruck verlangt,dah der Völkerbund Japan zur Einstellung der Feindseligkeiten japanischer Truppen und zu ihrer sofortigen Zurückziehung au» S d) a n I u n g auffordert. Da» Telegramm wurde vom Generalsekretär de» Völkerbünde» sofort a n alle Ratsstaaten weitergeleitel.

Die telegraphische Anrufung des Völkerbundes durch die südchinesische Regierung in Nanking, wo­bei dies« die Aufmerksamkeit des Generalsekretärs auf den japanischen Einmarsch und die Konsequen­zen lenkt und eine dringende Einberufung des Völ- kerbundrales nach Artikel 11, Absatz 2 des Paktes erbittet, wirft eine völkerbundsrechlliche Frage auf, die auf den ersten Blick nicht leicht zu entscheiden ist. Zwar hat der Völkerbund schon in einer Reihe von Fällen sich bei Konflikten zwi­schen einem Mitglied und einem Nichtmit- glieb des Bundes betätigt, Io in dem Konflikt zwischen Finnland und ber Sowjetunion wegen Ostkareliens, in dem griechisch-türkischen Grenzkon­flikt an der Tlariha vom Ähre 1926, in dem Kon­flikt zwischen Persien und der Sowjetunion wegen des Bombardements von Enzeli vom Jahre 1920 ufw. Aber dabei wurde der Bund immer angcrufcn von bern Mitgliedsstaat, ber mit einem Nichtmitalied in Differenzen lag.

Hier liegt nun ber Fall besonder» kompliziert, Insofern cs sich um bie Anrufung burch einen nicht anerkannten, aber de facto sou­veränen Teil eines Mitgliebsstaates gegen ein anberes Mitglieb hanbelt. Ein solcher Fall ist im Pakt nicht vorgesehen, ber Außenmini­ster dzw. Präsident der südchinesischen Regierung beruft sich auf den zweiten Abschnitt des Artikels 11, wonach jedes Dundcsmitglieb das Recht hat, in freundschaftlicher Weise die Aufmerksamkeit der Bundesversammlung ober des Rates auf jeden Umstand zu lenken, der die internationalen Be­ziehungen berührt, und in ber Folge ben Frieben ober das gute Einvernehmen unter den Nationen, von denen der Frieden abhänqt, bedrohen kann. Tanyenkai bezieht sich also selbst auf «ine Bestim­mung, die nur den Mitgliedsregierun­gen ein Recht gibt; und eine solche Regierung ist bisher lediglich diejenige Pekings, gleichviel, wie die effektive Sachlage sich inzwischen gestaltet hat. Es wird also einer Bestätigung des Nan­kinger Appells durch Peking bedürfen, wenn ber Rat in ber Tat nach bem Vorgang zwischen Grieck-enland unb Italien, zwischen Bulgarien unb Griechenlanb ufw. Eingreifen soll Man barf anneh­

men, bah bie chinesische Solidarität durch den jüng­sten Zwischenfall so weit gestärkt ist, dah ein solcher Schritt vielleicht auch von Peking aus erfolgen könnte. Dann ist kein Zweifel daran, bah ber Döl- kerdunberat, so unangenehm cs ihm auch sein könnt«, sIch mit bem Konflikt befassen muß.

Der Zufall bringt es mit sich, dah sowohl Japan als ständiges Mitglied, wie auch China als ze'.twei iges Mitglied im Augenb ick selbst im Rate vertreten sind. Sie schei­ben als stimmberechtigte Mitglieder für den Fall einer Verhandlung vor dem Rat aus Aber selbst wenn daS für Genf offizielle (Sr;ina sich dem Vor­gehen RankingS nicht anschlirhen soll'e. dielet der Artikel 17 des Statuts eine Handhabe, um cinzuschreiten. Denn dann braucht nur die Ran- ting-'Rcgierung den Bestimmungen des ArtilelS 17 entsprechend, sich d.n Verpflichtungen zu unter­ziehen. die den Bundesmitgliedern obliegen und wofür die Bedingungen durch den Rat fest­gesetzt werden, um diesem die Möglichkeit eines Einschreitens gemäh Artikel 12 bis 16, also mit Hilfe eine« Schiedsgerichts, einer Anru ung des Internationalen Gerichts ho s oder theorcii ch der DundeSerekution zu geben. Freilich wird dieses Verfahren Voraussicht ich an den völ­kerrechtlichen Bedenken scheitern, die in einer solchen Anerkennung der Ban­king-Regierung als ei es Richtmitg'iedes zugleich die Anerkennung dieser Regierung de facto erblicken dürften.

Aber schließlich ist ja der Völkerbund keine Einrichtung zur Durchführung juristischer Dis­putationen. sondern zur praktischen Siche­rung des Weltfriedens, ilnb es sollte sich deshalb auch in einem so ungewöhnlichen Falle dem Sinne des Statuts nach die Möglich­keit finden, um ohne Rücksicht auf den Buchstaben unnötiges Blutvergießen zu verhindern und eine Verständigung zwisch en China und Japan schleunigst und mit allen Mitteln herbei- zusühren. Daß man daS Telegramm der Ranling- Regierung sofort an alle RatSmitglieder weiter­geleitet hat, läßt die Hoffnung zu. dah diese Aufastung auch in Völkerbunds kreifen geteilt tJttb.

Japan entsendet neue Truppen

Tie Lage in Tsinanfu.

London, 11. Mai. (Tel.) Rach einer Reutermeldung auS Tokio sind die japanischen Eisenbahnbehörden angewiesen worden, Vorbe­reitungen zum Transport von wei­teren 20 000 Mann und über 5000 Pferden nach Schantung in der zweiten Hälfte des Mo­nats Mai zu treffen. Die augenblicklich in China befindlichen Truppen werden mit 26 000 Mann angegeben.

Die Vorgänge inTsin a n f u sind noch immer unklar. Rach Meldungen auS japanischer Quelle soll eS gestern abend zu neuen Kämpfen zwischen südchinesischen Trupven und Japanern gekommen sein. Die Kämpfe seien erst nach Heranziehung von Freiwilligen unb Sprengung von Teilen des Stadtwalles zugunsten der Japaner entschieden worden. In Pe­king wird behauptet, daß sich in Tsinanfu 20 000 Mann Südtruppen ergeben hätten. Dagegen besagen aus Tientsin über Schanghai gekom­mene Meldungen, daß die Chinesen nach vor­heriger Vereinbarung zwischen den japanischen

und chinesischen Befehlshabern friedlich ab­gezogen seien. Die iapani chen Truppen haben nach der Besetzung Tstnanfus bie Kontrolle ber Tientsln-Pukau-Bahn von einem Punkte einige Meilen südlich von Tsinanfu bis zum ©übufer deS gelbxn Flusses übernommen. AuS Schanghai berichtet .Times', daß weiter­hin Bemühungen unternommen werden, um einen Boykott der Japaner zu veranstalten. Acht japanische Zerstörer sind dort aus Sasebo eingetrofsen.

Das Ende derEavell-psychose Eklatanter Mißerfolg dctz HetzfilmT in Amerika

Eigene Drahtrnelbung bes -Gießener Anzeiger»*.

Berlin. 12. Mai. Der vielumstrittene.Cavell- Film' scheint In der ganzen Welt in Schweigen unb Hnbcadjtctfcin zu ver.inken. Rach den letzten Berichten, bie au« Amerika eintressen, b.tngt es der Film dort so gut toie zu gar keinem Erfolg. Die Aufnahme, bie er in der Oe.fcnt- lichkeit er ährt, ist denkbar ungünstig. An­scheinend ist es den zuständigen Stellen gelungen auf geschickt gewähltem Wege die für die Ver­breitung des Filmes vera twrtlichen Organi­sationen mindesten- in ihr r Tätigkeit stark zu hemmen, wobei erfreulicherweise amerika­nische Zeitungen wie die.Reuycr Times" oder .Reuyork Tribüne" durch ihre achtende Stellungnahme viel genutzt haben. Ander.rfeits ist es er reulich. daß es in Amerika überhaupt zu keiner größeren Diskussion, in die Deutschland etwa hineingezogen worden wäre, gekommen ist. Rach dem bekannten Brief Chamberlains in der Angelegenheit deS Cavell-Films wurde seine Aufführung in England selbst zu einem Mißer olg. wahrend sich Südafrika sogar zu einem Verbot entschlossen hatte. Da auch H o l- land die Aufführungen untersagte, ist der Filln eigentlich nur in Belgien bisher mit einem gewissen und leicht cr lärlichen Erfolg ge­zeigt worden. Ob der Cavett-Filrn in Frank­reich zur Ausführung komme., wird, steht noch nicht fest, bür tc aber unwahrscheinlich sein Dieser Mißer olg. der sich auch rein wirtschaftlich für die Hersteller, hinter denen anscheinend auch gewisse englische Zeitung«!reise stehen, bei einer Produktionsausgabe von rund 600 000 Mark für den Film bemerkbar machen wird, wird hoffent­lich eine gute Lehre für andere Un­ternehmer sein, die vielleicht auf ähnliche Weise einmal auf die weniger guten Instinkte der Menschen rechnen wollten.

Oie geheimnisvolle Reichsbahndenkschrist.

Wie die Tariferhöhung audfchen sott.

Eigene Drahtrnelbung bes ..Gießener Anzeigers".

Berlin, 12. Mai. D e von ber Deutschen Reichsbahn zur Begründung ihrer Tarifwünsche ausgearbeitete Denkschrift wird seltsamerweise von den zuständigen Behörden noch immer der Oessentlichkeit vorenthalten. Trotzdem sickert aber allmählich so manche« von dem, was in der Denkschrift niedergelegt ist. durch, so daß sich allmählich schon eine recht breite BasiS für eine öffentliche Aussprache über

Partei Rumänien nieberhält. In Karlsburg bem alten Alba Julia der Römer, in bem sich vor kaum sechs Jahren König Ferbinanb bie Krone Großrumäniens aufs Haupt setzte, hatten sich in biesen Tagen Tausenbe rumänischer Bauern aus allen Gegenden bes Reiches zusammengefunden, zu einem gewaltigen Protest gegen bie Mißwirt­schaft ber Bukarester Regierung. Wenn es nicht letzt schon zu offenem Aufstanb unb »um Marsch gegen bie jjauptftabt gekommen ist, so verbauten bi« Liberalen bies allein ber besonnenen Haltung ber Bauernführer, bie es vorzogen, noch einmal in persönlichen Derhanblungen mit bem Regentfchafts- rat ben Versuch zu machen, bie verhaßte Regierung zu beseitigen. Der ruhige Verlauf dieser Riesen» bemonftration hat ben Herren in Bukarest schnell roicber Oberwasser gegeben. Sie beeilen sich, burch optimistisch gefärbte Kommuniques im Auslande die Meinung zu verbreiten, als ob es mit dieser Bauernopposition nichts ernstliches auf sich habe, unb in Rumänien alles bliebe wie zuvor. Aber ganz wohl wirb es ihnen babei doch nicht fein. Maniu, der Führer ber Rationalen Bauern­partei, wird sich kaum ein zweites Mal von ben Liberalen einwickeln lasten, wie seinerzeit, als ber alte Ionel Bratianu zugunsten bes populären Ge­nerals Averescu für einige Monate scheinbar auf bie Herrschaft verzichtete, um ihn bann burch ben König zur Demission zu zwingen unb nach gründ­lich vorbereiteten Wahlen, bie einen Sieg der libe­ralen Partei brachten, zur Herrschaft zurück­zukehren. Die gleiche Komödie wirb den Epigonen kaum glücken. Und da Maniu nicht gewillt zu fein scheint, unter ber bestehenben Verfassung bie Herr­schaft mit ben Liberalen zu teilen, wirb es früher oder später zum Kampf kommen müssen.

Eine eigenartige Rolle bei biesen Vorgängen spielt ber Exkronprinz Carol, ein hef­tiger Gegner ber Gebrüder Bratianu. Carol ist von seinem Pariser Serbannungsfig nach Eng. land gegangen unb hat bort offenbar wenn dies auch von ber anberen Seile dementiert wirb

mit Lorb Rothermere, dem britischen Zei­tungsmagnaten unb seinem Streife, ber sich für eine Revision bes Vertrages von Trianon zu­gunsten Ungarns interessiert, Verbindung gesucht. Der Karlsburger Bauernkongreß ist dem rumäni- schen Exkronprinzen offenbar sehr gelegen getom- men. Er hat sich mit einem Aufruf an bie Na­tionale Bauernpartei gewandt unb versucht, sie vor seinen Wagen zu spannen. Das ist ihm rest­los mißglückt. Die Flugzeuge, bie feine Propa ganbafdjriften, vielleicht sogar ihn selbst nach 1 Rumänien beförbern sollten, würben von der bri- ! tischen Regierung am Start gehindert unb der Ex- I kronprinz vom Staatssekretär bes Innern sehr l energisch aufgeforbert, als unliebsamer Ausländer ! möglichst umgehend den Staub Englands von seinen Füßen zu schütteln. Seine Aktion hätte auch schwerlich bei den nationalen Bauern ein wirksames Echo gefunden. In Karlsburg ist nicht einmal fein Name gefallen. Carol, der zweifellos zur Zeit (eines Thronverzichts sowohl in Rumänien, wie im Aus­lände sich viele Snmpathien erworben hatte, beginnt langsam eine komische Figur in der Politik zu wer den. Ein guter Kenner des Prinzen schildert ihn ab einen Mann, der immer zum unrichtigen Zeitpunkt kommt und geht, da- richtige Ding immer an ber verkehrten Seite anpackl, vollgepfropft mit Idealen, guter Vorsätzen, erfüllt von einer Menschlichkeit, bie man auf Kania thronen wob schätz o sollte, aber die stets da mit f m durchgeht wenn volle Sicherheit dafür besteht dah sie im leeren Raum kein Echo findet Ein anständiger Mensch, aber kein Politiker unb für die Verhältnisse in seinem Vaterland: ein anständiger Mensch, eben weil er kein Politiker ist. Das ist zweifellos ein Porträt, besten Züge zu biefem englischen Abenteuer des Prinzen ausgezeichnet paffen. Die rumänischen Dauern werden feine Schwäche kennen unb deshalb kaum Lust haben, ihre politische Zukunft mit feinem zweifellos tragischen aber gewiß zum guten Teil selbst verschuldeten Geschick zu belasten.

Rumänische Kritik an Mussolini.

Italiens Pakt mit Ungarn.

Bukarest, 10. Mai. (TU.) DerCuDantuI* veröffentlicht einen aufsehenerregenden Artikel über die B ü n b n i s p o l i t i k zwischen Italien unb Rumänien. Mussolini habe bie alte, be­reits überlebte Hanblungsweise ber Dorkrieg^diplo- matte übernommen, wonach bie bestehenben Ver­träge in dem Augenblick, wo sie abgeschlossen seien, außer acht zu lassen seien. Das Freundschaftsbünd nis mit Italien lege Rumänien gewisse Verpflich­tungen auf, jedoch verlange Rumänien auch von Italien die Beachtung der Verträge, unb es sei nicht zu verstehen, wie bies von Italien erreicht werden könne, wenn die gegenwärtige Regierung mit Ungarn paktiere. Mussolini vergesse, daß Rumänien ein Bündnis mit Frank- re i ch habe, das nicht durch diplomatische Handlun­gen Mussolinis durchkreuzt werden könne. Die öffentliche Meinung fei überzeugt, daß im Falle eines italienisch-südslawischen Krieges Süds la- Wien siegreich bleiben würde.

Prinz Carol will nach Italien.

Wien, 11 Mai. (TU.) Die Abendblätter melden aus Mailand: Prinz Carol hat bei der italienischen Regierung um die Bewilligung nachgesucht, an ber italienischen Riviera Aufenthalt nehmen zu dürfen, ba er erfuhr, daß sein Aufenthalt in Bel- g i e n ber Brüsseler Regierung unerwünscht sei. Er hat erklärt, er beabsichtige nicht, ber Regierung von Rumänien Ungelegenheiten zu bereiten, er m i fe­hl 11 i g e bie Bewegung ber oppofitio » nellen Bauernpartei (bie er eben erst au» Englanb in einem Aufruf seiner wärmsten Sympa­thien versichert hatte).