Ausgabe 
11.9.1928
 
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Nr. 214 erster Blaff

178. Jahrgang

Dienstag, ff. September 1928

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Gießener Anzeiger

General-Anzeiger für Oberhessen

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Heftige Ausfälle Briands gegen Deutschland.

persönlicher Angriff gegen Reichskanzler Müller. Will Briand die Verständigung sabotieren?

Da« mar gestern ein schwarzer lag In Genf, an dem Briand auf die 71«be de» Reichskanzler» Müller «rimbrri hat. Dir denken zurück an die ganze Anzahl prächtiger Reden, die Briand in Genf im Völkerbund und im Lolkerbundsrat gehatten hat, namentlich an die, al» vor zwei Jahren Streif mann leinen Einzug in den Völkerbund hielt. Da­mals fiel van Briand» Lippen da» Dorf:Fort mit den Kanonen! Hort mit den Ma- fd)inengeroebrenl W i r wollen nur dem Erleben bienen! Am Montag hat er in Genf au» einer ganz anberen fonart gesprochen. Unb nun bränat sich die Frage auf: wer i ft der wahre Brianb? Derjenige, ber vor zwei Jahren so warme Worte ber Freund- schäft unb de» Frieben» fanb, ober derjenige, der im Jahre 1928 dem deutschen Reichskanzler vorzu- halten wagt, daß es sich Jn Genf nicht um eine Internationale der Parteien, fonbcm um eine Internationale der Völker handelt?

Die Rede, die unter Reichskanzler vorige Woche gehalten hat, war ficherlich keine Partei- politische, keine von ausgesprochen sozial- 9 demokratischen Gedanken getragene Rede Die w Qluflfubrungcn über die allgemeine Ab - r ü ft u n g al« Folge der deutschen auf Grund de« Friedensdiktats von Versailles beschränkt sich nicht auf Me lozlaldemokralilche Partei, son­dern sie wird von allen überhaupt ernst zu nehmenden Parteien in Deutschland gestellt. Aber diese Antwort Briand« werden die Sozial­demokraten am allertoemgften erwartet ha­ben. Für uns treten in diesem Augenblick par­teipolitische Erwägungen zurück, Io verlockend eS ja auch fein könnte, daran zu erinnern, daß die Sozialdemokraten tm Wahlkampf ihren Sieg alS die Vorbedingung für die Verständigung mit Frankreich hm gestellt haben. Die Antwort, die ihnen Briand jetzt erteilt hat, ist fo deutlich, bah diele Hoffnung der Sozialdemokraten nun end­gültig begraben werden muh Wenn acht eine gründliche Korrektur der Rede Vriands ein tritt und das ist nicht zu erwarten! dann werden wir uns von nun an wohl zu Frankreich und besonders zu Vrianb ganz anders stellen müssen, als es bisher der Thrll war.

Briand hat einen tiefen Griff in die Rüst­kammer der französischen Chauvi­nisten getan. Es ist im höchsten Grade be­fremdend unb verwunderlich, von ihm zu hören, dah allerdings wohl Deutschland abgerüftet habe, dah dber noch vor zwei Jahren diese Ab­rüstung unvollkommen war. Soviel sollte $crr Briand auch heute wissen, dah die letzten For­derungen. die von der im Sterben liegenden interalliierten Militärkontrollkommission erhoben tmiAen, einfach nur Lappalien und Kin­dereien waren, die ein ernsthafter Mensch nicht ernst zu nehmen vermochte. Deutschlands Abrüstung ist seit einer Reihe von Jahren so vollständ.g, wie Re vollständiger nicht sein kann. Unb nun müssen wcr g.'tabc aus Briand« Munde die höhnischen Worte hören. daZ deutsche Heer bestehe aus 100 000 ausgcze.chneten Offizieren, Unteroffizieren und Soldaten. die nur als Rah­men zu betrachten leien und jederzeit sofort mit em em gewaltigen Heer ausgefüllt werden könnten. Daß w:r seit zehn Jahren, mit Aus­nahme der in die Reichswehr von 100 000 Mann eingestellten Leute, keine Rekruten aus­gebildet haben, dah allo die zehn jüngsten Jahrgänge vollkommen au«f allen würden, und das, die älteren feit zehn Jahren keine Uchung mitgemacht haben, sind Kleinigkeiten, die dem ..groben Sachverständigen' Briand entgangen finb. Und es klingt weiter wie Hohn, wenn der französische Auhenminister erhärt, Deutsch- Tanb habe durch die Schaffung einer gewaltigen Handelsflotte auS dem RichtS eine fo grobe Leistungsfähigkeit bewiesen, dah man ihm auch auf dem Gebiete der Erzeugung von Kriegs- material alles girtrauen könne. Auch hier hat Briand völlig vergeffen. mit welcher Gründ­lichkeit die interallner'e Mllitärkontrollkommcf- fion dafür gesorgt hat, dah alle Möglichkeiten Hk die Herstellung von Är:e\T« material bi« her­unter zu Ferngläsern vernichtet worden sind. Wer vor dem Völkerbund eine solche Rede zu halten imstande ist. der ist nicht der wahre Freund deS Frie­dens unb der Verständigung, als der sich Herr Briand bisher gegeben hat. Darüber können auch alle schönen Reben*» arten über den Ruhen deS Völkerbünde« unb über ben ÄeHoggtxift richt hinwegtäulchen. Uebri- 6«ns mag in die'ern Zusammenhang auch erwähnt werden, dah sowohl in Paris wie in London die Meldungen englischer Blätter, dah das Flo ttc na bk omm cn zwischen beiden Mächten zu­rückgezogen werden solle, sehr energisch demen­tiert werden. Wer» man dazu noch die Rede eine* anbarn französischen , Friedensfreundes". deS Herrn Pa inleve, bei einer Feier zur Gr:nner«tg an die Marneschlacht und helfen Teilnahme an den grohen Marrövern im besetzten Gebiet, allo auf deutschem Boden, hinzufügt, dann hat man ein vollkommenes Bill) von der FriebenSbereitschaft Frankreichs und England«.

Auch die scharfe Absage Briand« an den Reichskanzler m bezug auf den Schutz der natio­nalen Minderhecten war ebenso niederschmetternd, wie die Ablage in der Abrüstungsfrage Aus der Aeuherung. mit dem Schutz der Thnberberten

dürfe kein Schild für dunkle Bestnebcmgen, fern Deckmantel für den Krieg geschaffen werden, und feine Rücksicht dürfe über diese Rücksicht auf die Erhaltung des Friedens gehen, sprechen die Minister der Kleinen Ontente, vor allen Dingen Polen- und Rumäniens. Es ist besonders l*ezelchnend, das, diese Ausführungen DrisnbS besonderen Bersall bei der Delegation Rumä­nien« sanden, wo die nationalen Minderheiten ebenso scharf geknechtet werden, wie in Polen und Italien. Wenn die Verhandlungen über die Räumung de« Rheinlands von Briand und den Vertretern der andern Mächte in dem Geist ge­führt werden, der sich am Montag in der Rede Briand« offenbart hat, bann ist e« besser, über­haupt nicht erst zu beginnen.

Die denkwürdige Sitzung.

Genf, 10. Sept. (WTD.) In der heutigen Vollversammlung des Völkerbundes nahm der

Außenminister Briand

daS Wort, der unter lebhaftem Beifall des voll­besetzten Hause« die Rednertribüne bestieg. Briand gab zunächst ein sehr starkes persönliche- Be- kenntnis zum Völkerbund ab. ber einzigen Zu­fluchtsstätte gegen den Krieg. Jede Verringe­rung de« Vertrauen« in ben Völkerbund fei ein Werk, bas gegen den Frieden gerichtet fei. und niemal« werde er sich deshalb dazu hergeben, da« Werk de« Völkerbundes zu verkleinern. Eine intellektuelle Pilgerfahrt zurück in die Zeiten der Unruhe und ilnbeftänblgfeit, tn denen ber Völkerbund gegründet wurde, zeige am besten, wa« durch den Völkerbund erreicht wurde, ohne dessen Bestehen sich der französische Auhen- minifter mit ben deutschen Regierung-Vertretern nicht rqjclmäfyig treffen würde, ohne den es feinen Locarno-Pakt und keinen Pakt von Pari- geben würde. Briand wandte sich dann unter deutlichen Anspielungen auf da- Rheinland- Problem, das er jedoch nicht nannte, direkt an den deutschen Reichskanzler, um auSzusuhren. dah die in gewissen Ländern vor­handene Ungebulb durchau- verständlich sei. Hier­gegen iet aber

nicht die Internationale einer Partei, sondern bk Internationale der Rationen und Völker

an der Arbeit, und wenn sich Schwierigkeiten unb Hindernisse einstellen, so sei da- Wesentliche, dah man daS gemeinsame Ziel vor Augen habe. Wenn man auf dem richtigen Wege sei, und der Völkerbund sei auf diesem Wege, so komme man zum Ziele. (Sine Gesellschaft von 50 Per­sonen fei naturgemäß gezwungen, langsam und vorsichtig vorwärts zu gehen, um einen tödlichen Sturz zu vermeiden. Wenn man ihm den Vor­wurf gemacht habe, dah er rascher mit den Wor­ten. al« mit ben Taten sei. und wenn auch der Reichskanzler eine solche Wendung in seiner Rede gebraucht habe, so glaube er diesen Vor­wurf nicht verdient zu haben. Locarno-Pakt und Kellogg-Palt seien keine Worte, sondern Taten. Der ungeduldigen öffentlichen Meinung müße man zu verstehen geben, dah die (Erfüllung ihrer Wünsche auf dem Wege de« Fortschreiten« ist. Es sei nicht richtig, dah di? R ü ft u n g c n gegenüber früher erhöht wurden. Wit einer deutlichen Anspielung auf Rußland sagte Briand. nur ein Land in Guropa weise einen gewaltigen Zuwachs an Rüstung«- und Men» schenmaterial auf.

Wenn dec Rcich»kanzter sage, bah vcutschland bk Abrüstung vollzogen habe unb frage, warum unter biesen Umständen die anberen unb namentlich Frankreich nicht auch abrüflen. so müsse er sagen, bah ber jetzige Zustand erst seit zwei Iahrcn bestehe unb vorher bk Dinge wesentlich ander» gelegen haben, wenn früher bk Kbrüftunn»arbciteu gehemmt waren, so nur deshalb, weil gewisse Staaten nicht die Eile ge­zeigt haben, die für die Erfüllung ihrer Bet- pslichtungen notwendig gewesen wäre. E» gibt kein Bolt, da» völlig abgerüstel ist. Luch von Veulschlanb, mit einer so vorzüglichen Labre al» Heer, mit einer so prächllgen Menschen- reserve, mit einer solchen Aktion»- unb Organl- sationsfähigkcil, könne man nicht sagen, dah e» vollkommen abgerüstet sei.

(Ein so machtvolles Land mit einer solchen Industrie, mit solchen Möglichkeiten, mit dem erfinderischen Geist einer Raste, die fähig war, durch sein kon­struktives Genie bereits heute wieder eine Handels- marine zu Haden, die zu ben ersten ber Welt -ähltz könne schnell wieder ihren Erfindergeist für Rüstung»zwecke umstellen. Das notwendig ist, ist ber Dille ber Völker, ihre Fähigkeiten unb ihre Gaben in den Dienst des Friedens zu stellen. Der Friedenswille fft eine zarte Blüte, die enstprechend gepflegt werden muh, damit sie nicht welkt. Die Internationale der Völler besteht heute in Genf, unb an dem Tage, wo sie untergeben würde, mühte man mit einer grauenhaften Umwälzung rechnen, die die ^anze heutige fiultur unter sich begraben würd' »yür ben Beweis des guten Willens zur Angleichung ber Interessen führte Srionb bas eng. lisch-französische Flottenkompromiß

an. ba» nur eine Angleichung ber G e - | i ch t - p u n k t e bedeute, die die Möglichkeit für die Arbeiten de» Vorbereitenden Ausschußes Ichassen soll. Dir haben, erklärte Briand, kein Glück bannt gehabt- denn sofort ist man mit Mißtrauen unb Verdächtigungen umgeben worben Wie ber Reich»- kanzler, so wolle ieder die Abrüstung im Sinne de» Artikel» 8 des Paktes, (£» wäre eine Entehrung für jeben, ber sie nicht wolle. Da» in biefem Ar- titel geschrieben sei, müße burchgeführt werden, dlh.

die Länder wüsten ihre Abrüstung in Ueberein- stimmung mit ihrer Sicherheit realisieren.

Bereits jetzt sei ein großer Teil der Befürch­tungen behoben: denn da» Rüstung«tocttrennen sei endlich eingestellt worden. Die Völkerbunds- Versammlung Dürfe c« sich al« Ehre an rechn en, daß der AörüstungSgedanke immer mehr Ge­stalt gewinnt. Briand erinnerte tn diesem Zu­sammenhang auch an die Arbeit de« ReichS- auhenministerS Dr. Strefemann, dessen Fernsein er unter dem Beifall der Versammlung bedauerte. Schließlich ging Briand dann auf da«

Minderheitenproblem

ein. um zu erklären, daß der Völkerbund diese heikle Frage bestimmt nicht in den Hintergrund treten lassen werde. Dor dem Kriege konnte man 100 Millionen Minderheiten zählen, um deren Stimme sich aber niemand getümmert hat, weil eS keinen Völkerbund gab. Heute aber zähle man nur 20 Millionen, und der Völkerbund beschäs- tißc sich gewissenhaft mit ihnen. Aus keinen Fall dürfe diese- heikle Problem zu Erschütterungen der Regierungen ftihren und die Arbeiten deS Völkerbunde- bedrohen. GS dürfe sich auch nicht zu einem neuen Faktor der Unsicherheit auswachsen: denn der Frieden müsse alles be­herrschen. und wenn sich einzelne berechtigte Forderungen ergeben sollten, so würde er ihnen dennoch Schweigen gebieten, sobald sie den Frie­den zu erschüttern geeignet wären.

Die Abrüstung, so schloß Briand, maß geregelt merben, unb wa» im gegenwärtigen Augenblick Zv regeln ist, kann unb muh geschehen. Heute haben bk Völker bk Rüstungskosten bereit» nicht mehr zu fürchten: aber die Atmosphäre ber Sicherheit unb be» Jrkben» barf, wenn auf biesem Wege weitere Fortschritte gemacht werben sollen, nicht durch irgendwelche unbe­dachten propagandistischen Aktionen gestört werden.

Die Rede Briand« fand sehr lebhaften Beifall. Zahlreiche Delegierte beglückwünschten den französischen Außenminister. Bei der deut­schen Delegation regte sich nach dieser Rede verständlichrrweise keine Hand. Auch bei verschiedenen anderen Delegationen, beson­der- bei denen der nordischen Länder, war kein Zeichen eine« Beifalls zu ent­decken.

Starkes Befremden der deutschen Delegation.

G e n f, 10. Sept. (WTB.) Da« Bef rem den, da« die Rede Briand« hx den Kreisen der deutschen Delegation hervorgerufen hat, geht vor allem darauf zurück, daß der fran­zösische Außenminister seinen Angriff gegen den Reichskanzler persönlich gerichtet hat. Da« wird um so unliebsamer empfunden, al- der Kanzler in feiner Rede vor der Bundes­versammlung da« Versagen der Abrüstungsaktion de« Völkerbünde« gana allgemein und ob­jektiv dargestellt hat und sich dabei nicht eNva an die Adresse Frankreich«, sondern an die be« Völkerbundes wandte. Auch hatte der ReichS- kanzler keineswegs von dem Doppelgesicht der französischen Politik gesprochen, fondern da­von. daß es nicht verwunderlich wäre, wenn schließlich der Mann au« dem Volle dazu kommen würde, ein Doppelgesicht der Inter­nationalen Politik der Regierungen zu konstatieren. Man kann auch nicht verstehen, dah sich der französische Außenminister an den Reichskanzler als Vertreter einer Partei wandte, da der Reichskanzler zweffelloS eine ganz andere Sprache geffihr: hatte, toenn er nicht in seiner Eigmschaft al« Regierungschef gelprrchen halte Sie Aus'ich run gen Briand- werden übrigen« nicht unwidersprochen bleiben. Wie zuverlässig verlautet, wird ein Mitglied der deutschen Delegation, vielleicht ein Parlamen.arier. bei $>afknber Gelegenheit von ber gleichen Stelle au« vor ber Dölker- bunbSversammlung auf die heutige Rede Briand« antworten.

Siaaiesekreiär v. Schubert bei Briand.

Berlin, 10. Sept. (Priv.-Inform.) In Ber- Imer politischen Kreisen hat die heurige Rede Briand «zur 2fbrüfhmg«frage, davon nament­lich die Stellen die fich auf Deutschland be­zogen, lebhafte Lleberraschuna und Er­staunen hervvrgerufen. Rach Informationen aus Genf hat die deutsche Delegation heute abend cme Sitzung abgehalten, außerdem hat Staats­sekretär v. Schubert eine Unterredung

mit Brian d gehabt. Der französische Austen- mtnifter wird beute abend noch die Weltpreis empfangen, um ihr neue Orflärungcn ab- tu geben. Es fft wohl anzunehnten. daß bvfee »mpsang unb Me Unterrcbimq zwischen Staat«» fefnetär v. Schubert und Briand nicht ohne Zusammenhang find. Don deutscher Seite wird aber auf die Rede Briand« auch nod) geant­wortet werden, und zwar nicht erst tn der Ab- rüstungskomnnffion, sondern bereits in der Debatte der Böllerbundsvollversammlung. und zwar fft anzunehmen. daß ber deutsche Standpunkt in ber Schlußaussprache, also in etwa acht Tagen, zum Ausdruck gebracht werden wird.

Niederschmetternder Eindruck in Genf.

Genf, 10 Sept. (XU.) Die große Rede Briand« in ber Dormittagsfitzung der Völker­bund« Versammlung am Montag steht augenblick­lich im Vordergrund be« allgemeinen Interesse« und wird in allen DelegativnSkreisen aus ba fl eingehendste erörtert, ba man sich über die Ursache de« ungewöhnlich schorlen unb z tz n i- schen Tone« Briand« gegenüber Deutschland wenig tm Klaren ist. Allgemein Hal jcbcnfallJ die Rede DriandS große« Befremden und Erstaunen hervorgerusen. Man weist darauf bin, daß gerade heute der zweite Jahres­tag de« Eintritts Deutschlande in ben Völkerbund ist, unb hebt den schrof­fen Gegensatz zu der damaligen Begrü» ßung-rebe Briand« unb seiner heutigen Rede hervor. Die Rede Briand- wird al« besonder« unerklärlich erachtet im Hinblick auf die gegen­wärtig laufenden Räumung«verhand- lungen, auf die die Erklärungen Briand« naturgemäß nicht ohne Rückwirkung bleiben können.

Jn Kreisen der deutschen Delegation kgl man sich In der Beurteilung der Rebe Briand» größte .Zurückhaltung auf. jedoch bestehl der Eindruck, daß dne derartige Rebe Briand» in keiner Welfe er wartet worden war und al» ein wenig glückliche» Zeichen für die weiteren

Räumung»oerhandlungen angesehen wird.

6« muß jedenfalls au« den Erklärungen DriandS ber Schluß gezogen werden, daß man nach bem Abschluß deS englisch-französIschen Flottenab- Dommen«. das nach wie vor von englischer und französischer Seite voll aufrechterhalten wird, in Pari« an einer wirklichen Verständigung mit Deutschland nicht mehr inter­essiert ist und eS dahTr nicht mehr für not­wendig erachtet, die erforderliche Rücksicht aus die bevorstehenden deuffch-sranzöü'chcn Räu- mungsVerhandlungen zu nehmen. Unter diesen Umständen müssen die Aussichten ber gegen­wärtigen Derhandllingen zwischen Deutschland und den Alliierten über die Rheinlandräumung eine wenig günstige Verschärfung erfahren.

.Journal be Denöve" hebt in dem Sitzungsbericht die eisige Aufnahme der Rede Dri and« bei der deutschen Dele­gation hervor, unb erklärt sodann In einer kurzen redaktionellen Stlllungnahme, die große« Aussehen erregt hat, dah

al» Folge ber Rebe Briand» ber Einbruch be» peffimi»mu» in ber ganzen Wett zu befürchten wäre.

Die unerklärliche Schärfe der Rede Briand« habe allgemein großes Erstaunen hervorgerusen. DaS .Journal de Genöve" betont, e« falle ihm schwer, zu glauben, dah Briand auf b:e e Weise wirklich einen Rückzug ber Politik habe ein­leiten wollen, die mit seinem eigenen Rainen txTbunbcn sei.

Erklärungen Briands über seine Rede.

Genf, 10. Sept. (XU.) Außenminister Bri­and empfing am Montag abend die in Genf anwesenden uJertreter der Weltpresse. Seine Ausführungen ga.tm aus'chiöstlich einer näheren Erläuterung lc.net hrutigen Rede in ber Vollversammlung. Et betonte zunächst, dah er nur auf da« geantwortet habe, waS vor ihm gesagt worben fei. 3m Völkerbund herrsche Frechr.t ber Rede. waS er besonder« hoch schätze. Sr habe stets den Stand­punkt vertreten, dah die Abrüstung nur lang­sam und nicht ohne vielsache Enttäuschungen für die Völler werde gelöst werden tarnen. Auch der Völkerbund fönne nicht schneller gehen, al« die Entwicklung ber tatsächlichen Ereignisse. SS sec eine Tatsache, daß die 2lbrüstung. richtiger die Herabsetzung der Rüstungen in Deutschland lange Zeit in Anspruch genommen habe und auf starken W.verstand im Lcrnde gestoßen sei. Hierüber könne man sich keine Illusionen machen.

Veulschlanb habe eine Labre-Armee, hinter ber ein unermeßliche»Reservoir" an Menschen stehe, bk am Kriege leilnahmen unb ausgebil­dete Soldaten seien. E» bestehe kein Zweifel, bah veuffchland heute, wenn es wollte, was er allerdings nicht glaube, einen Krieg führen