Ausgabe 
11.4.1928
 
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Mittwoch, 11 April (928

Giehener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhessen)

Nr. 85 Drittes Blatt

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vielem Lesern willkommen sein.

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Abenteuer eines Wanderers

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AeueRomaneundAoveüen.

Rudolf ®. Binbing: Erlebtes Leben. 293 Seiten 8°. Geh. 5, geb. 6,50 DU. (Rütten & Loening, Der lag. Frankfurt a. M.. 1928.) Der Dichter erzählt sein Leben. Indem er, sich erinnernd, es niederschreibt und auf­zeichnet von zarter Jugend an bi« ins gegen­wärtige LebenSjahrzehnt hinein, entsteht ihm unter den Händen und uns, die wir das lesen, etwas sehr anderes, als was man gemeinhin unter einer Biographie oder Autobiographie zu verstehen gewöhnt ist. Ss entsteht nämlich ein Bekenntnis von tiefem Ernst und voll reifen

der Dinge als Zuhörer. Zuschauer und auch als Ratgeber teilnehmen liest. Wie die militärische Wacht allmählich niederbrach, die Fehler der Obersten Heeresleitung die er vorurleilsloS als Generalstabsoffizier sah, den furchtbaren Tag von Spa. das bittere Ende des letzten Hohen- zollernherrschers: all das wird hier in einer schlichten, durch ihr Wahrheitsbeftreben erschüt- tcrnden Erzählung geschildert. Das Werk wirkt sehr tief nicht nur durch die klare Wiedergabe und Eingliederung genau gekannter, von Stunde zu etunbe mitdurchlittener Tatsachen, sondern auch durch die Zeichnungen aller historischen

miteinander > verschmelzen wollte! Freilich: nicht durch revolutionäre Zerschlagung alter Autori­täten, sondern durch organische Fort- und Um­bildung bestehender politischer Gegebenheiten, auf dem Wege einer eigenartig deutschen innerpoliti­schen Entwicklung. Die hier gebotene Darstel­lung versucht die Elemente des Eteinschen Den­kens auf einen Generalnenner zu bringen und zugleich einzuordnen in den Entwicklungsgang einer Persönlichkeit, die durch politische Lebens­erfahrungen von unerhörter Gröhe und Wucht aus anfänglicher Enge und Traditionsgebunden­heit heranreift zu europäischer Weite des Ge­sichtskreises und heroischer Gröhe der politischen Leistung. 175

Oberstleutnant Alfred Riemann: Kaiser und Revolution. Die entschei­denden Ereignisse im Großen Hauptquartier im Herbst 1918. (Verlag für Kulturpolitik, Derlin W. 15.) Preis kartoniert 5 Mk. Unter den Darstellern der großen und tragischen Ereignisse, die Weltkrieg und Revolution unserer Generation brachten, ist Oberstleutnant Alfred Riemann als eine Autorität ersten Ranges längst anerkannt. Seit dem August 1918 als Generalstabsoffizier in die unmittelbare Rähe des Kaisers berufen, hat er sich rasch das volle Vertrauen des Kaisers zu erringen gewußt, so daß ihn der Kaiser an dem unmittelbaren und unverfchleierten Ablauf

May Mohr: Venus in den Fischen. Roman. 303 Seiten 8°. Brosch. 3 Ml. Ganzleinen 4,50 Ml. Verlag Ullstein. Berlin Europa wackelt. Nichts ift leichter, als heute durch irgendeine neue HeilSidce Verwirrung in den Geistern anzusniten. ES herrscht Hochkonjunitur aller Sanierungsvläne auf politischen, wirtschaftlichen, geistig-seelischen und törperlichen Gebieten. Alles und nichts wird ernst genommen. Selbst nicht das eigene Ich. DieseVerwirrung der Gefühle" hat Max Mohr schon in seinen vielgespiclten Dramen ^Improvi­sationen im Juni" undRamper" geistvoll durch­leuchtet. Und es liegt ein besonderer Reiz in diesem neuen großen Gesellschaftsroman, daß weder diese Vorname Berliner .Gesellschaft' noch der alte schlaue Reger Abba, drr diese .oberen Zehntausend" zum Spielball seiner geschäftstüch­tigen Launen macht, ganz ernst genommen wird. Dieser Abba ist Astrologe. Charlatan und Genie, amerikanischer Geschäftsmann und sentimentaler Urwaldssohn, und im Handumdrehen muh ihm in dem wackelnden Europa sein Werk gelingen: er eröffnet ein großes Rerven-Sanatorium bei Derlin, und der Astrologe und Wunderdoktor ist der vergötterte Prophet des Tages, die letzte große Sensation! Aber da ist der etwas schwer­fällige, deutsche Assistenzarzt und die junge reso­lute Aerztin. In diesen beiden jungen Menschen weckt Abbas HeilSlehre tiefere Konflikte. Liebe und Haß. Auf ein mystisches, keusches Liebes- vermögen deutet das Horoskop der Arrztin.bie BenuS in den Fischen'" Aber selbst die witzigste

Manfred Hausmann: Lampioon kühtMädchenundkleineBirken. Aben­teuer eines Wanderers. 258 Seiten 8°. Buch­ausstattung Walter Müller. Halbleder 6 Mk. (Earl Schünemann, Verlag, Bremen. Dies also ist des jungen Manfred Hausmann erstes grobes Werk. Ein Landstreicherroman. Roman? Rein: Abenteuer eines Wanderers... ganz einfach, wie er das selber nennt und mit dem merkwürdigen, langatmigen. romantisch-schnorkligen _ Namen überschreibt, der übrigens längst nicht völlig um­greift. was sein Buch in sich schlieht. Dieses seltsame, abenteuerliche, aufregende Buch, voller Romantik, voller Ungestüm und Zügellosigkeit, voll sehr schrecklicher und sehr zarter Dinge zu­gleich. Buch eines lyrischen Dichters und eines mit allen Wassern gewaschenen Landfahrers, ein sehr weltliches und sehr frommes Buch alles in einem. Wie so etwas zustande kommt... das ist eine sonderbare Sache. Da sitzt ein junger und unbescholtener Mensch still, friedlich und bürger­lich-gesittet zu Haufe, und auf einmal kommt es über ihn, mitten im kalten Winter (wo doch nicht gerade die schönste und glücklichste Zeit draußen ist) daß ihm das Blut rebellisch wird, dah er einen alten Schafspelz zusammen­packt. eine Schnapsflasche dran baumelt und sich aufmacht, ohne einen roten Batzen im Sack, über Land, durch Schnee und Eis. allein unter tausend glitzernden Sternbildern, in die Rächt hinein, und in den nächsten Tag, in die Welt, ins Blaue, ohne Ziel, aber mit ewiger Unrast und einer großen Sehnsucht im Herzen. Das tun andere auch. Gewiß. Im Winter sogar und bei Rächt. Mag sein. Aber unter Hunderten ist kaum ein­mal einer, wie dieser hier, dem die Landstreicherei so zum unentrinnbaren Gesetz wurde, der sich nicht mehr anders zu Helsen weiß, dem dies alles zustößt, der seine Wege, Tage und Rächte.

I Begegnungen und Erinnerungen, Menschen und Tiere und Wolken und Sterne so erlebt, daß ihm die Wanderung zum Kunstwerk wird unter den Händen und zwischen den Meilensteinen, dah ein so starkes, blutersülltes, stürmisches und liebliches Buch am Ende zustande kommt, wie dieserLam­pioon". Ein ganz und gar manierloses, unlitera­risches Werk, aus dem Augenblick, aus dem Leben heraus sprühend und zwingend nieder-

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Hermann Stephani: Grundfra­gen des Musikhörens. Verlag Dreitkopf & Härtel, Leipzig. - Der Tonpsychologie in ihrer exakt-natarwisienschastlicken Einstellung blieb das Eingangstor für das Musikerleben verschlossen: denn der wichtigste Faktor deS Musikhörens ist nicht die Feststellung akustischer Werte, sondern die Erfassung der Beziehungen, die sich zwischen den gehörten Tonfolgen psychisch auswirken und die die Tonsolge zu etwas jenseits des Rein- Akustischen Liegendem sowohl beim Schaffenden als auch beim Hörenden werden lassen. Es ergibt sich so ungefähr bas gleiche wie bei unterem Raumerleben, das als mathematisch-konstruierte Perspektive sich wesentlich anders äußert als im Schassen des Malers. Dem einwirkenden Reiz ist nicht bloß eine reine Empfindung eindeutig zu- geordnet, sondern die psychische Reaktion stellt eine Einheit zwischen Sinneswahrnehmung und geistiger Vorstellung dar. die die Züge beider trägt. Der Verfasser weist nach, wie im Verlauf der Geschichte mit ihren Stilwandlungen die py­thagoreische Leiter und die Raturtonreihe als Aeuherunaen verschieden gerichteten psychischen Erlebens sich durchgeseht haben, wie dabei aber auch die Fähigkeit der Seele, den ihr zugetrage­nen Wahrnehmungsstoff nicht, so wie er ist, auszunehmen, sondern ihn unter Linnklärungs- und Wertgcsichtspunkten zu formen und umzu­schaffen, sich ständig weiter entwickelt hat. Unter diesem Gesichtswinkel vermögen sowohl die En- harmonik als auch die Reihe der rationalistisch geschaffenen Viertel-, Sechstel-, Achtel- u. a. Ton­systeme wohl zu starker psychischer Mitarbeit zu führen, indem sie Annäherungswerte für das Er­leben der im Jntervallischen gebundenen Span­nungen schaffen, zwilchen denen sich unser innere« Ohr die Werte nach der Vorstellungsbeziehung zurechthbrt. Der reine Atonalismus unterbindet die elementaren Spannungen enharmonisch schein­bar identischer, in Wirklichkeit aber gerade kon­fliktskräftigster Werte: er muh darum als alleini­ges Kompositionsprinzip an der Unfruchtbarkeit eines überzüchteten Intellektualismus zugrunde gehen. Der Verfasser deckt bisher kaum beachtete und bisher noch nicht erklärte Probleme auf, die von weitesttragender Bedeutung für da« Mustkerleben eines jeden sind, dem die Musi? mehr ist als mechanisierte Klangproduktion. Eine Schrift, die bis jetzt einzig dasteht, die aber den Schlüssel für den Grund des MusikhörenS zu geben imstande ist. 1*9

DaS deutsche Volkslied, lieber Wesen und Werden des deutschen VolksgescmgeS. Von Studienrat Dr. I. W. 03r ui nier. 7. ver­besserte Auflage. VI und 125 Seiten 8°. (Aus Ratur und Geisteswelt, Dd. 7.) Geb. 2 Mk. Verlag von 03. G. Teubner in Leipzig und Berlin

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Verantwortungsgefühls, welches sich der Wirkung und des GewichteS in jedem Satz in jedem Wort streng und unbestechlich bewußt wurde. DieS ist ein Srziehungs- und Bildungsroman in Ichform, ein Buch geistiger und künstlerischer Mensch­werdung, wahrhaftiger und ungeschminller Rechen­schaftsbericht eines Sechzigjährigen über seinen Weg durchs Da-sein, über seine geistige Herkunft und Umwelt, über seine Freunde und Gefährten, über seine Eltern und ihr Haus, über eine äußer» liche ..Karriere" und über Begegnungen und Er­lebnisse innerer Art, die bedeutsam und unaus­löschlich wurden, ihn bilden halfen und Wegweiser und Meilensteine der Wanderung wurden von Jahrzehnt zu Jahrzehnt. Das tief Bedeutsame dieses natürlicherweise höchst persönlichen Buches liegt wie mit dem Vorwort angedeulet wird, aber' darin, daß es im. Besonderen und Ein­maligen das Heber persönliche und Allgemeine be­greift und spiegeln will. So wird dieser 03ericht von meinem Leben" einBericht von vielen Leben, die unsichtbar und unhörbar für einander alle den gleichen Weg gingen" ... So wächst der Lebens-Bericht zur Dichtung, zum Bekennt­nis eines Weltbilde«, zu einem schönen, schweren, sensationsfernen und nachdenklichen Buch, das Zeit und Besinnung fordert vom Leser; wen aber die auf gewendete Zeit nicht zu viel dünkt, der wird sich reich belohnt stnden. Der wird Freude haben an der kristallenen, gemessenen, gebändigten Sprache Bindings und wird beglückt und betroffen sein von dem, waS hier unter bet bescheidenen Flagge eine« schlichtenBerichts" sich ihm darbietet. Uns werden zwei Kapitel vor allem im Gedächtnis bleiben, das neunte im dritten Buche, von der griechischen Reise und vom Hermes ... und das vierzehnte, vorletzte des Ganzen, welches von einem häuslichen Fest in kargen Rachkriegszeiten erzählt und in seiner reifen Geschlossenhät. in der Durchdringung von Irdischem und Jenseitigem, wie eine der wunder­baren Novellen Bindings, losgelöst von allem Uebrigen, zu lesen ist. 96

Hans Carossa: Verwandlungen einer Jugend. 258 Seiten 8'. 3m Insel- Verlag zu Leipzig. 1928. Dieses Buch wurde kürzlich mit dem Dichterpreis der Stadt Mün­chen ausgezeichnet und lenkte, über eine kleine Gemeinde hinaus, die Aufmerksamkeit ein wenig weiterer Kreise auf Hans Carossa, der, aus Tölz gebürtig, nun 50 Jahre alt, als Arzt in München | lebt und im Rebenberuf sozusagen auch Bücher | schreibt. Sr hat spät damit angefangen, hat sich Zeit gelassen und von jeglicher Sensation fern­gehalten; der buchhändlerische und verlegerische Erfolg war nicht bedeutend, die literarische Kritik nur auf einen verhältnismäßig kleinen Kreis ausstrahlend. Cs liegen, in geräumigen Inter­vallen entstanden, wenige, schmale Bände von ihm vor; Gedichte z. D., über die totr Worte voll höchster Anerkennung aus der Feder von Frank Thieß gelesen haben; es gibt ferner ein .Rumänisches Tagebuch" aus dem Kriege, wohl am bekanntesten geworden von seinen Arbeiten, dann ..Doktor Bürgers Snde", die Aufzelch- nungen eine« Arztes, und endlich das Jugend» und Erinncrungsouch ..Eine Kindheit", in wel­chem das erste Lebensjahrzehnt Carossa« sich dichterisch spiegelt. Hieran schließt sich nun inner­lich dieses neue Buch an, von den Verwandlun­gen einer Kindheit erzählend, das zweite Lebens­jahrzehnt umspannend, wie es zeitlich begrenzt wird vom Eintritt ins Internat zu Landshut und vom Eintritt in« Leben nach beendigter Ab­schlußprüfung. Es sind wohl nicht allem die mancherlei äußeren Anklänge, die einen des öftem beim Lesen an Hermann Hesse denken lassen, an den .Demian" undUntenn Rad , wenn hier die kleinen und großen Freuden, Leiden, Erfahrungen, Enttäuschungen und Hor­nungen eines seyr jungen Menschen vor uns ausgebreitet werden, von dessen Geschichte man sich vergeblich bemühen würde, das Tatsächliche zu erzählen, ohne den zarten Duft zu zerstören, der den Kapiteln entströmt, und den Reiz dieses Buches zu vergröbern, oen man nicht erklären kann, weil er weder von der schönen, schlichten, klaren Sprache, noch von Carossa« selbstironischem Humor allein ausgeht: sondern der in einem, unterhalb des hellen, wachen Bewußtseins lie­genden Gefühl der Verwandtschaft und brüder­lichen Verbundenheit mit einer Jugend wurzelt, in deren zarten Offenbarungen immer wieder, bald klar, bald verschwimmend. unser eigene« Antlitz wie aus einem Spiegel uns entgegen- schaut. , . K 139

- Jakob Schaffner: Föhnwind In Leinen geb. 6 50 Mark. Union Deutsche Okrlag«- gesellschaft In Stuttgart. Dieser neue Schafsner- banb enthält zwei größere Erzählungen®re Schürze der Anna Jmplond" undDie Gems- jagd." Beide dürfen füglich al«Meine Ro­mane" bezeichnet werden nicht nur wegen ihrer breiteren äußeren Anlage, sondern vor allem auch im Hinblick auf ihren künstlerischen Charakter den wohlgefügten Aufbau. bie_ ge­schlossene Komposition, die klare und über» -.eugungskräftige Darstellung zweier menschlicher Entwicklungsgänge. Eie spielen in den Schweizer Bergen und zeigen Schaffner auf der vollen Höhe seiner epischen Kunst. Die wechselreichen Beziehungen eines keinen Kreise« von Menschen zueinander, insbesondere von Männern und Frauen, die den Kern seiner meisten großen Romane bilden, geben auch hier den Faden der Handlung, Menschen samt ihrem Aeuheren und Inneren, ihrem Gang und ihren Worten, ihrem Sein und ihrem Handeln mit vollendeter Selbst­verständlichkeit und Ratürlichkeit vor uns hin­zustellen, ist die große Kunst bei Dichters. 171

geschrieben. Man spürt sofort: wie echt da« alle« ist, wie unbeeinflußt, unbetümmert, und wie aus einem inneren Müssen das alles gesagt ist. ~ Es ist sinnlos aus mehr als einem Grunde, nachbeten und langweilig aufzählen zu wollen, was drin steht" in diesen Aventeuergeschichten des Wanderer« Lcunpiaon. Man könnte ein kleines Feuilleton oder einen großen Artikel darüber schreiben. Aber man soll ein Kunstwerk nicht zer­pflücken und soll auch nicht immer zuerst nach dem Tatsächlichen, nach dem Gegenständlichen, nach derHandlung" in einem Buche fragen. Die Handlung ist amLampioon" das Wenigste. Was soll man also tun? Weshalb werden diese Zeilen geschrieben? Damit der 03cr(eger eine Be­sprechung geschickt kriegen kann... natürlich auch. Vor allein aber deshalb: um auch andern mitzu­teilen, was uns tief betroffen gemacht hat beim Lesen in ein paar stillen Stunden. Um an einem frischen Beispiel daraus hinzudeuten, wo wirklich dichterische Kräfte unserer jüngsten Generation am Werke sind: darauf hinzuweisen in einer an literarischer Ueberproduktion schwer leidenden Zeit, in unserer von der Maßlosigkeit und 03er- antworlungslosigkeit der tausend Anpreisungen verwirrten Gegenwart. Mit Recht wurde kürzlich in einer unserer führenden Zeitschriften gegen den Irrsinn wahlloser, minderwertiger Ueber- seh ungen aus allen möglichen Sprachen Front ge­macht, und gegen den Unfug, mit jeder dritten oder vierten Neuerscheinung auf unserem schwer überlasteten Büchermarkt einen neuen Goethe, einen zweiten Cervantes, einen jüngeren Hamsun zu entdecken. Wenn e« danach ginge, stünden wir heute in einer künstlerischen Blütezeit, gegen welche die Klassik ein national begrenzte«, kümmerliches Vorspiel wäre. Wieviele von den neuentdeckten Weltwundern" in zehn Jahren noch mit einiger Wertberechtigung existieren werden, können wir getrost abwarten; wichtiger ist für uns. zwischen der Sündflut schlechter Uebersehungsware und mittelmäßiger Jnlandproduktion nach den durch­aus übersehbaren Inseln zu fahnden, die wahr­haft Neuland verheißen. Eine solche Insel ift der Lampioon" von Manfred Hausmann. Lest dieses Buch! Und freut euch an seiner gesunden, unver­bildeten Kraft! 98h

heit. Reichtum. Auswahl und Qualität feiner Abbildungen erscheint e« zur Volkstümlichkeit ge­radezu berufen. Die Abhandlung, die dem Ganzen den sinnvollen Olamen gab, führt in Kürze ge­schickt in das überreiche Werk des Meister« ein und überläßt zugleich dem, der da« Buch .

Hand nimmt, da« Beste und Wesentlichste, an Dürer sehen zu lernen, da« Auge zu schulen für künstlerisch gestaltete Dinge und schauend sich selbst zu Dürer, seinen Bildern und feinem Welt­bilde hiuzusinden. Die 80, technisch ausgezeichnet behandelten Reproduktionen gliedern sich nach graphischen und malerischen Originalen. Die ver­legerische Ausstattung des Buches ist gediegen und einwandfrei. 151

ZurLtteratur-undKimstgeschichte

Gerhard Gran: Henrik Ibsen, der Mann und sein Werk. Aus dem Nor­wegischen übertragen von Gustav Morgenstern. (6- A. Brockhaus. Leipzig 1928 ) Preis: geb. 11 Mk. Genie ist Spannung äußerster Gegen­sätze. Das ergibt sich auch aus Gran« Biographie, die zu dem Gedenktag de« großen norwegischen Dichters in« Dentsä-e übersetzt worden ist. Ibsen, der geistige Anarchist, der geborene Aufrührer, der Mann, alles um sich her niederzu­reiben", ohne jede Begabung zum Staatsbürger. Gegner jeder Gemeinschast. bie das Recht der Persönlichkeit vergewalltgt. und doch bürger­nd) korrekt, ein bt» zur Langweiligkeit wohl­geordnetes Leden führend, äußerlich gepflegt, mit zahlreichen Orden behängt, voll tiefer Ehr­furcht vor allem, was von Fürsten kam; ra­send in unbändiger Kampfeslust, und dann wieder bange und scheu: (Olug? in Auge bin ich nie­mals ein mutiger Mann gewesen ") überzeugt von seiner aotigewollten Ausgabe, die Wahrheit und die Freiheit de« persönlichen Lebens zu verkünden und zu begründen, und dann wieder an seiner OScrufung zweifelnd oder auch an der Möglichkeit, die gründlich mißlungene Menschheit mnzuschassen, ja schließlich an dem Wert seiner gesamten dichterischen Tätigkeit. Er Ist der un­erbittliche Richter der selbstsüchtigen Gesellschast, nicht minder seiner selbst. Die Gegensetzlichkeit in Ibsen« Wesen hat Gran gut berauflgearbeitet. Sein Buch ist geeignet, die Teilnahme weiterer Kreise für Ibsen zu gewinnen. Olllt besonnenem, klarem Urteil wartet er, unbeschwert von der Last der Gelehrsamkeit, in schmuckloser Sprache. Leben und Dichten scineS Landsmannes. Der besondere Vorzug de« Werkes ist, daß hier ein Norweger zu uns spricht, der ein guter Kenner der politischen, sozialen und religiösen Verhält­nisse seiner Heimat ist. So vernehmen wir von ihn, auch, was für einen aufreizenden Einfluß sie aus Ibsen gehabt, und in welch hohem Grade sie fein Schassen befruchtet haben. Gran macht es unS wahrscheinlich, baß sich bie Eigenart des Menschen und Dichters Ibsen nie so scharf aus­geprägt hätte, wenn ihm nicht sein Volk durch feine Kleinlichkeit und Deschräicktheit, seine innere Verlogenheit und Feigheit, seine Parteiknecht- schast und Abhängigkeit vom Druck der Mehr­heit. durch feinen irdischen Sinn Immer von neuem Anlaß zu schöpferischer Entrüstung ge­geben hätte. I. Collin. (180)

Julius 2gngbebn und Momme Ris­sen; Dürer als Führer. Vom Rembrandt- deutschen und seinem Gehilfen. Mit einem 'Dr cf von Hans Thoma an Momme Rissen. Groß- oktav. 81 Vollbilder in Kupfertiefdruck. Bütien- umschlag. 2.40 Mk. Verlag Josef Müller, Ollün- chen 23. Da« sympathische Büchlein stellt im Dürer-Jubiläumsjahr eine besonders willkom­mene Gabe dar. Durch Wohlfeilheit, Teftknapp-

und gewagteste Wissenschaft ift schließlich njcht imstande, die natürlichste Lösung auS dem Di­lemma zwischen himmlischer und irdischer Liebe auf die Dauer zu Verbindern. Das Buch ist prickelnd und sparmend, eS bat die flotten Dia­loge des geübten Dramatiker« und den Witz einer scharfen, lebendige Beobachtungsgabe. Ein ausgezeichneter Ro.ncm. au« dichterischen Händen kommend, hoch über dem Durchschnitt landläusiger llntcrbaltung«toarc stehend 106

Beda PrilipV W a h r h e i t s uch e r. Ein Dürer-Roman. Leipzig 1928. Koehler & Amelang Verlag. Ganzleinen 5 Mk. Der Roman zeigt Dürer, den großen und edlen Men­schen, in den schweren Inneren Konflikten, die die letzten Jahre seines kchassensreichen Ledens umdüsterten. Lein 03ruber Hans war reitungSlo­denWiedertäufern" verfallen. Die Bemühungen deS Meister«, ihn vor dem drohenden Verhängnis zu retten und fein schöne«, junge« Weib, die Barbara Dürer in seine letzte stille Liebe vor Kummer zu bewahren, zwangen ihn zu ungewöhnlichem Eingreifen, brachten ihm Zer­würfnisse mit den Seinen und schmerzliche Ent­täuschungen. Mit dem sicheren Blick der fein­fühlenden Frau hat es Beda Prilipp an Hand dieses wichtigen LebenSausschnitles verstanden, Albrecht Dürer im Rahmen seiner Zeit der heu­tigen Generation menschlich nahezubringen. Der Roman wird zum 400. Todestage de« Meister«

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F. OK. Kircheisen: Memoiren Na­poleons. (Mit 16 Lichtdrucktafeln, zum ersten Male herausgegeben int Verlage von Paul Aretz, Dresden.! Das Buch bringt oas Leben Napo­leons in seinen eigenen Worten, nicht etwa die lückenhaften Aufzeichnungen und Diktate, die der Kaiser in der Verbannung von St. Helena seinen Getreuen gegeben hat, sondern eine ge­schickte Kompilation aus Briesen, Memoiren, Ge- sandtfchaftsberichten, Feldzugsdarstellungen von Teilnehmern, eigenen Niederschriften und Dik­taten des Kaisers ergab ein in feiner unmittel­baren Frische einzig dastehendes Werk, das zweifellos auch den Anspruch auf größte Authen­tizität für sich hat. Die ureigenste Persönlichkeit des Genies spricht zu uns selbst in diesem spannenden Buch. Daß ihm auch eine Reihe wertvoller und seltener zeitgenössischer Porträts in guten Reproduktionen beigegeben ist, sei dem Verlag besonders gedankt. 115

Hermann Donner: D i e Vor­geschichte des Weltkrieges. Eine Sammlung aller wichtigen Daten der weltpoliti­schen Entwicklung von 18701914. (1. Ausl.) Berlin: Deutsche Verlagsgelelllchast für Politik und Geschichte m.b.H. Preis steif kart. 4.50 Mk. DieseVorgeschichte des Weltkrieges" ist zunächst für denjenigen, der sich ohne Voreingenommenheit bemüht, die Ursachen des entsetzlichsten Dölker- ringens der Neuzeit zu ergründen und aufzu­decken. als Hllfsmittel gedacht. Gleichzeitig soll die Schrift aber für den Geschichtskenner und Politiker ein Nachschlagewerk sein. Zu diesem Zwecke ist ein ausführliches Namen- und Sach­register angefügt. Ein allumfassendes Literatur­verzeichnis macht das Werk noch werwoller. 174

Gerhard Ritter: Die Staats- anschauung des FreiherrnvomStein. Ihr Wesen und ihre Wurzeln. Berlin: Deutsche Derlagsgesellschaft für Politik und Ge­schichte m.b.H. Preis steif kart. 1,40 Wk. Die Gestalt des Frei Herrn vom Stein steht recht ------- - ,

eigentlich am Anfang jener großen politischen, Figuren, die Niemann aus nächster Nahe in Bewegung, die Nation und Staat auf« innigste | dem großen, historischen Drama wirken sah. 167