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halten ist, würde es im Interesse einer sachlichen Politik durchaus gelegen sein, wenn der Reichstag solange beisammen bliebe, bis die von der ge­genwärtigen Regierung eingebrachten und in ihrer parlamentarischen Bearbeitung schon weit vorge­schrittenen Gesetzentwürfe erledigt würde». Da ist in erster Linie das neue Strafgesetzbuch zu nennen, um dessen rechtzeitiges Zustandekommen sich der Rechtsausschuß unter seinem hervorragenden Vorsitzenden Dr. Kahl, eifrig bemüht hat. Eine vorzeitige Reichstagsauflösung würde bedeuten, daß die ganze bisherige Arbeit vergeblich gewesen wäre, daß aber oud) die Rechtsangleichung mit Oesterreich, also «in im höchsten Maße nationalpolitischer Zweck, in Frage gestellt wäre. Da sind weiter die in An­griff genommenen Hilfsmaßnahmen für die Landwirtschaft. Was bisher in dieser Richtung beschlossen wurde, ist nur ein Anfang. Es ist unbedingt notwendig, das Hilfswerk so weit zu führen, daß die Landwirtschaft einen Ausweg gus der schweren Krisis sieht, die für unsere ganze Wirtschaft zu einer Katastrophe werden kann, wenn aus wahltaktischen Gründen die Hilfsmaßnahmen auf Monate hinaus verschleppt werden sollten. Schließlich ist von der gegenwärtigen Regierung auch die Verwaltung sreform in Angriff ge­nommen worden. Auch auf diesem Gebiet erwarten wir baldigst entscheidende Beschlüsse und deren praktische Durchführung. Die deutsche Volkswirtschaft und dazu gehört ein jeder Staatsbürger hat das Recht zu verlangen, daß die öffentlichen Lasten soweit gelenkt werden, wie es ein auf das sparsamste zugescynittener Verwaltungsapparat nur irgend möglich macht. Ob die gegenwärtige Regie­rungskoalition sich stark genug fühlt, diese selbst übernommenen Aufgaben auch durchzuführen, hängt von ihremWillen ab, zusammen zu bleiben. Das kleinliche Parteigezänk, das wir schon oben gegeißelt haben, kann diesen Willen allerdings kaum stärken. Aber wir glauben, daß die Regierungsparteien jede für sich, auch rein parteitaktisch genommen, Gründe genug haben müßten, die Neuwahlen nicht allzusehr zu beschleunigen, wenn nun schon einmal die Erledigung sachlicher Arbeit für sie nicht Grund genug ist. Mag auch das Reichsvolksschulgesetz nicht im ersten Anlauf zustande kommen wir sehen nur noch geringe Aussichten dafür so sind doch die anderen großen Aufgaben: Strafgesetzbuch, Der- waltungsreform und agrarpolitisches Hilfswerk neben einer Reihe von weiteren noch schwebenden, wie z. B. das Liquidationsschädengesetz, Aufgaben, di« das Zusammenbleiben des Reichstages vollauf rechtfertigen.

Sozialpolitik im Reichstag.

Annahme der Novellen zum Mieten- und Mieterschutzgesetz.

Berlin, 10. Febr. (DDZ.) Oluf der Tages­ordnung steht zunächst die zweite Lesung der Novelle zum Reichsmietengesetz. Nach den Aus- schußbeschlüssen soll das Gesetz künftig nicht gelten für neue Mietverträge über Geschäfts­räume und Wohnungen mit mindestens sechs Zimmern. Die Novelle soll am 16. Februar in Kraft treten und daS Gesetz selbst in der ge­änderten Form bis zum 31. März 1930 gelten.

2lbg. Kuhnt (Soz.) kündigt an, daß seine Freunde im Steuerausschutz die Senkung der Mieten auf 100 Prozent und die Ver­wendung der Hauszinssteuer ausschlietzlich für den Wohnungsbau beantragen würden.

Abg. Winnefeld (D. Vp.) begründet den Antrag, das Wohnunosmangelgeseh mit dem 1. April 9128 aufzuheben und die Woh- mungsümter und Miete migungsämter spätestens mit dem 1. 3uli 1928 aufzulosen.

>g. Dr. Zapf (D.Vp.) fügt hinzu, die Zwangswirtschaft müsse endlich verschwin­de-/,, ihre Op er se'en ungeheuerlich gewesen. Auch er wolle allerdings keinen plötzlichen, sondern allmählichen Abbau der Zwangswirtschastt Deshalb sehe der Antrag vor, daß die Ge- meinden das Wohnungsmangelgesetz in ihrem Gebiet ausrechterhallen können.

Abg. Lucke (W. Vg.) beantragt, das Reichs- mietengeleh nur noch für laufende Miet­verträge weiter gelten zu lassen, nicht aber für Mietverträge, die nach dem 1. Januar 1928 abgeschlossen sind oder werden. Der Hausöesitz dürfe nicht länger sozialistischer Beutegier aus- geliefert sein.

Abg. Dr. Steininger (5>n.) weist aus die bedenkliche Tatsache hin, daß 16 Prozent des gesamten deutschen Hausbesihes sich in Hän­den von Ausländern befinden.

Darauf werden sämtliche Aenderungsanträge abgelehnt, das Gesetz selbst in zweiter und dritter Lesung nach den Ausschußbeschlüssen gegen die Stimmen der Sozialdemokraten. Demokraten. Kommunisten. Völkischen und National ozral stm angenommen. Annahme findet auch eine Entschließung der Demokraten, auf die Länder einzuwirken, damit größere Teile der Hauszinssteuer für die Erhaltung des Altraumhousbesihes zu günstigen Dedingungen an Besitzer dieser Häuser abgegeben werden und eine Entschließung der Regierungs­parteien, die Länder möchten veranlaßt werden, für die räumliche Unterbringung der Künstler zu sorgen. Die gestern zurückgestellte Schluß- abstimmung über die Novelle zum Mie­terschuhgesetz ergibt deren Annahme mit derselben Mehrheit, wie beim Reichsmietenge­setz. Cs folgt die zweite Beratung des Haushalts des Aeichsarbeitsministeriums.

Reichsarbeitsminister Dr. Brauns:

Die Tariflöhne der meisten Berufe haben im abgelagerten Jahre mindestens gleichen Schritt ge­halten mit der Steigerung der Lebenshaltungskosten. Die wirklichen Verdienste der Arbeiter gehen zum großen Teil noch wesentlich über die tariflich fest- gesetzten hinaus. Auch in der Arbeitszeit- f r a g e sind Fortgeschritte gemacht worden. Der Mi° Nlster erinnert an den Konflikt in der Großeisen- inbüftri. Er stellt fest, daß bei den Verhandlungen im Dezember allerseits davon ausgeganaen wurde, daß nennenswerte Preissteigerungen ver­mieden werden müßten. Gerade dies fei mitbe- ftlmmend gewesen für einen teilweisen Aufschub 'N der Einführung des Dreischichtensystems. Preiser- hohungen wurden von den Arbeitgebern häufig da­mit entschuldigt, daß sieunter dem Druck der Poli­tik des Relchsarbeitsministeriums" erfolgt seien Man finde es eben leichter und weniger gefährlich em Ministerium anzugreifen, als sich klar und deut­lich etwa gegen übersteigerte Monopoltendenzen an. derer Wirtschaftsgruppen oder auch gegen Mißstände im eigenen Lager zu wenden.

Ein Wohnungsbauprogramm auf viele Jahre im voraus hält der Minister für unmöglich, da die Baumöglichkeiten von der jeweiligen Lage auf dem Geld- und Kapitalmarkt abhängig seien.

Heranziehung ausländischen Geldes sei gerechtfertigt, wenn es produktiv verwendet würbe. Auch im kom­menden Jahre will der Minister die irgendwie er­reichbaren Kapitalien dem Wohnungsbau zugute kommen lassen. Er denke an den Erlaß derKa - pitalertragsfteuer für Pfandbriefe und Kommunalobligationen, an ein« Kapitalerhöhung der Bau- und Bodenbank und eine Reichsbürgschaft für Zwischenkredite. Das Mißverhältnis zwischen Kosten des Neubaues und erzielbaren Mieten möchte der Redner durch Verbilligung des Bauens und nicht durch Mietssteigerungen beseitigen.

Die ungünstige Entwickelung des Arbeits- Marktes in den Wintermonaten scheine sich wie­der zum Besseren zu wenden. Für das Anwachsen der Zahl der Hauptunterstützungsempfänger in der Arbeitslosenoersicherung auf nmb 1,4 Millionen seien offensichtlich besonders starke Saisoneinflüsse verantwortlich zu machen, daneben auch gewisse Rei- nungserfdjeinungen bei der Durchführung des neuen Verstcherungsgeseges. Di« Organisation der Arbeits­losenversicherung werde straffer gestaltet werden müßen. Die notwendige Sparsamkeit habe die endgültige Lösung der Kleinrentner« frage bisher verhindert. Die Reichsregierung in ihrer Gesamtheit sei der Auffassung, daß die Ent­scheidung hierüber nur im Zusammenhänge mit der Verabschiedung des Gesamthaushaltes getroffen wer­den könne.

Abg. Grotewohl <Soz.) erklärt: Leiber fehle unter der Herrschaft des Bürgerblvcks jede fachliche Grundlage für eine tatkräftige Sozial­pol tik. Marx habe in seiner Regierungserklärung alsnächsten Schritt" ein umfassendes Ar- beitsschutzgeseh versprochen. Tisher merke man nichts davon. Die Sozialpolitik des Zen­trums sei beladen mit dem Fluche des Dürger-

B e rli n, 10. Febr. (DDZ.). Im Haushaltsaus- schuß des Reichstages gab heute Reichswehrminister Dr. Groener bei der Weiterberatung des Heeres- elats programmatische Erklärungen ab. Zur Frage der Tradition der Reichswehr lehnte der Minister alle Aeußerlichkeiten ab, ebenso alle Wünsche auf Wiederherstellung vergangener Formen, verlangte dagegen engste Anlehnung an den allen aufopfern­den Soldatengeist selbstloser Balerlanbsliebe. Dieser soldatische Geist habe Freund und Feind höchste Achtung eingeslößt und wir hätten keine Ursache, daß, was selbst unsere Feinde respektiert hätten, zu mißachten. Der hier und da austauchende Gedanke, daß die Reichswehr «in überflüssiges Instrument wär«, ist ganz abwegig. Wer diesen Gedanken hegt,' verkennt die im Verkehr der Völker waltenden Kräfte. Ob diese sich später ärrbem werden, weiß ich nicht, vorläufig sieht es nicht danach aus. Des­halb muh auch di« Reichswehr ein schlagkräf­tiges und manövrierfähiges Instru­ment bleiben. Ich möchte wünschen, daß die Zeit der inneren Gäruna abgeschlossen ist und die Reichs­wehr nie mehr in diese innere Gärung einzugreifen braucht. Ricksts ist dem Soldaten verhaßter, als im Innern mit Aufgaben der Polizei betraut zu wer­den. Die Reichswehr ist ein Instrument für die An­ordnungen der verfassungsmäßigen Regierung. Des­halb muß auch jedes Glied der Reichswehr ein treuer und zuverlässiger Diener des Staates fein. Wir wollen das Vertrauen der Be- völkerungskreife in weitem Umfange besitzen. Wir werden dem Staat und seinen Symbolen die größte Aclstung und ©frrerbietung entgegenbringen, und ich werde nicht dulden, daß gegen dieses felbverständ- liche Gebot verstoßen wird. Ein Hineinnehmen der Reichswehr in das parteipolitische Getriebe ist un­möglich. Eine Beeinflussung nach partei­politischer Hinsicht müssen wir s ch a r f zu­rück weis en. Eine politische Tätigkeit im Heere ist unmöglich. Wir haben keine heimlichen Absichten. Unser größter Wunsch ist, aus der politischen Dreck­linie herauszukommen!

Der Reichswehrminister gab dann eine längere Erklärung in der

phoebnsangelegenheit

ab. Wie der Reichskanzler bereits am 20. Januar mitgeteilt hat, standen der Marine aus der Ab­wicklung des Krieges und seiner Folgeerschei­nungen gewisse Sondermittel zur Ver­fügung, deren Verwaltung dem Kapitän Loh­mann anvertraut wurde.

Die Fesseln des Vertrages von Dersallles ließen in Kapitän Lohmann die Idee ausreifen, an dem durch den Friedensvertrag nicht ver­botenen Kampf der Weltanschauungen innerhalb und außerhalb Deutschlands ein Inter­esse zu nehmen. Er sah eine Gelegenheit dafür auf dem Gebiete des Films. Da die Regierungen vieler anderer Länder schon seit Jahr und Tag bemüht sind, sich dieses neuen Propagandamittels durch Einflußnahme zur Wahrung nationaler Belange zu bedienen. Bei dem Fehlen einer deutschen Reichsstelle glaubte Kapitän Lohmann das gleiche Ziel dadurch er­reichen zu können, daß er s i ch mit Geld­mitteln n n einer deutschen Filmge­sellschaft beteiligte. Die damals in ver­heißungsvollem Ausbau begriffene Phoebus- Film-A.-G. schien ihm besonders geeignet. Der Erwerb eines Aktienpaketes in Höhe von li/2 Millionen Mark und die Darlehen wurden von Kapitän zur See Lohmann streng geheim gehalten, um seine Vorgesetzten zu entlasten. Anfang 1926 trat bei der Gesellschaft insbe­sondere zur Finanzierung der neuen Produktion ein weiterer Kapitalbedarf ein.

Die Direktion der Girozentrale erklärte sich zur darlehcnsweisen hergabe von drei Millionen Mark bereit unter der Bedingung, daß der Reichsfiskus die Bürgschaft für die Kredite übernehme. Es gelang dem Kapitän Lohmann unter Hinweis auf die Notwendigkeit, die Phoebus-Film-2l.G. vor amerikanischer llebersremdung zu bewahren, den Lhef der Marineleitung und den bisherigen Reichswehrminister sowie auch den seiuerzeiti- nen Finanzministcr Dr. Relnholt dazu zu be­wegen, ihr schriftliches Einverständnis auf das der Girozentrale zu erteilende Burg- schaftsschreiben zu sehen.

Bei Einräumung des Girrnrevites wurde die ratenweise Zurü^ahlung in Monatsbeträge., von je 80 000 Mk. vereinbart. Tatsächlich sind auch bis zum August 1927 1 280 000 Mk. in regel- mäßigen Monatsraten zurückgezahlt wor­den. Die Neuproduktion 1927 lieh wiederum neuen Geldbedarf eintreten. Wieder wurden der Phoebus- Film-A.-G. zwei neue Bankkredite in Hohe von 3,5 Millionen und von 920 000 Mt. Aur CBerfügung gestellt. Die Ban en verlangten wiederum die Reichsgarantie. In beiden

blockes. Darum die Unzufriedenheit der christ­lichen Arbeiter. Die Lohnsteigerungen des letzten Jahres seien nicht so hoch gewesen, datz sich die Lebenshaltung wesentlich gebessert hatte.

Abg. I m b u s ch (Zentr.) gibt zu, datz er manchmal anderer Meinung sei als der Arbeits­minister. größer sei aber sein Gegensatz zu den Sozialdemokraten. Diese hätten also kein Recht, christliche Gewerkschaftler gegen den Minister auszuspielen, üebrigend gebe es bei den Sozial­demokraten viel schlimmere Reaktionäre als im Zentrunr. Ein gutes Mittel zur Arbeitsbeschaf­fung und zur Verlängerung der Konjunktur sei die Unterstützung des Wohnungs­baues. Auf diesem Gebiete könne noch mehr geschehen. 3m ganzen Reiche gehe es dem Bergbau am schlechtesten. Das fei zurückzu­führen auf die Konkurrenz des englischen Berg­baues, der mit schärfster Rationalisierung und Verschlechterung der Arbeitsbedingungen voran­gegangen sei. Groß sei auch die Rot der Land­wirtschaft. Man müsse die Spanne zwischen Erzeuger- und Verbraucherpreis verringern, da­mit die Landwirtschaft bess ere Preise er­ziele und die Arbeiter doch billigere Le­bensmittel erhielten. Der Redner tritt ferner ein für Ausbau der Selbstverwaltung in der Angestellten- und Unfallversicherung, für Ren- tenverbesferungen und Förderung internationaler Sozialpolitik. Die Unternehmer sollten doch ein­sehen, daß die heutigen Lohnverhältnisse uner­träglich feien und daß der Arbeiter nicht dauernd in Keller- und Dachräumen Hausen könne. (Bei­fall im Zentrum, Gelächter bei den Kommu­nisten und Zurufe: Man merkt, es sind bald Wahlen?) Weiterberatung Samstag.

Fällen wurde diese von Kapitän Lohmann voll­zogen, ohne daß der Ehef der Marineleitung oder der Reichswehrminister oder ein« andere Stelle des Hauses oder das Finanzministerium von dieser zweiten und dritten Bürgschaft irgend­eine direkte oder indirekte Kenntnis erhalten ha­ben. Der Gcsamtbedarf zur Bereinigung der Phoebus-Angelegenheit beziffert sich auf etwa 6 Millionen Mark. Dem Reichswehrministerium stehen keinerlei Sondermittel außerhalb deS Reichshaushaltsplanes mehr zur Verfügung. 3m übrigen ist Vorsorge getroffen worden, daß eine Wiederholung der bedauerlichen Vorkommnisse unter allen Tlmständen ausgeschlossen bl.ibt. Cs fehlt an jedem Anhaltspunkt für die An-

Derlin, 10. Febr. (WTD.) Unter unver­mindertem Andrang des Pub. i ums begann heute früh der zweite Tag der Verhandlung über die Steglitzer Schülertragödie. Rechtsanwalt Dr. Frey beantragte die Ladung des Polizeivize­präsidenten Dr. Weiß als Zeugen und Sachverständigen. Dr. Weiß habe bei den Ver­nehmungen über das Verhalten der Zeugin Hilde Scheller außergewöhnliche Wahr­nehmungen gemacht. Lächelnd, freudig und strah­lend habe sie das, was geschehen fein sollte, mit einer Sicherheit, wie sie Dr. Weiß noch niemals vorgekommen war, teilweise in Ab­rede gestellt. Noch nie habe Dr. W:, wie er sich selbst ausdrückte, einen derartig er­schütternden Eindruck von der lll.n g l a u b Wür­digkeit eines Menschen erhalten. Dann wurde die Deweisaufnahme fortgesetzt und Hilde Scheller weiter vernommen. Sie schil­dert im einzelnen, wie sich das Zusammentreffen aller Beteiligten am Abend vor der Tal ab­gespielt hat. Stephan habe wohl ihren Bruder gesehen, aber dieser nicht ihn. Sie habe dann Stephan heimlich mit in die Wohnung genommen und sei mit ihm ungefähr drei Viertelstunden in der Kammer ihres Bruders gewesen.

3m einzelnen schildert die Zeugin über die Vorgänge der Tat, daß sie der Angeklagte Krantz fefthielt, als sie ihrem Bruder, der nach dem Schlafzimmer gegangen war, in dem sich Stephan befand, folgen wollte. Krantz behauptet, er Lonne sich nicht erinnern, die Zeugin sestgehalten zu haben. Als die Zeugin dann feststellle, daß die Schlafzimmertür noch verschlossen war. war sie beruhigtt Sie öffnete Tür und Fenster des Schlafzimmers, um dadurch das Mißtrauen ihres Vruders zu zerstreuen und suchte nach einer Gelegenheit, Stephan heimlich hinauslassen zu können. Als der Bruder in das Zimmer kam, versteckte sie schnell Stephan hinter einem Dadelaken. Sie könne nicht be­stimmt sagen, ob ihr Bruder Stephan bestimmt gesehen habe, Unmittelbar daraus klopfte EI- linor Ratti, um sie abzuholen. Während sie öffnete, gingen Krantz und ihr Bruder in das Schlafzimmer und schlossen die Tür hin­ter sich, trotz ihrer Versuche, mit hineinzu- gehen. Als der Vorsitzende dann über die Vor­gänge im Schlafzimmer, in das sie au? die Schüsse hin hineineilte, rwch genauer vernehmen will, erleidet sie einen Zusammenbruch. Während der Vorsitzende eine kurze P"ause eintreten läßt, teilt Rechtsanwalt Dr. Frey mit. der Geschäfts­führer eines Cafes habe ihm geschrieben, datz er am Tage vor Beginn des Prozesses Hilde Scheller wegen ungebührlichen Betragens aus seinem Cafs hinaus­gewiesen habe. Nach Wiederaufnahme der Sitzung wird die Zeugin über die Zahl der von ihr gehörten Schüsse befragt Sie behauptet, drei gehört zu haben. Als sie in das Zimmer trat und ihren Bruder in seinem Blute liegen sah, habe sie Krantz zugerufen:M ö r- derl" Krantz antwortete:Ich war es nicht, sondern Günther selbst." Erst darauf habe sie auch Stephan am Boden liegend gefunden. Da Krantz sich selbst erschießen wollte, habe sie die Pistole versteckt. Sie glaubte ihm, daß er nicht der Täter war. Um keinen Verdacht auf Krantz fallen zu lossen, hätten sie besprochen, wie sie ö.e Sache darsiellen wolllen.

3n der Nachmittag.sihung wurde der Arzt vernommen, der kurz nach der Tat von Hilde­gard Scheller gerufen worden war. Der Zeuge gab erst eine Schilderung des Anblicks im Word- 5immer und gab bann die Unterhaltung wieder, die er mit Hildegard Scheller und Paul Krantz geführt hat. Beide hätten ihm eine Darstellung vom Verlauf der Tat gegeben, die ihm un­glaubwürdig erschienen sei. An K antz sei chm feine außerordentliche Rübe, vielleicht auch

nahm« einer persönlichen Bereicherung des Ka­pitäns Lohmann. Die gleichwohl verfügte Ver­abschiedung des Kapitäns z. D. Lohmann mit Wirkung zmn Ende März 1928 findet chre Begründung darin, daß Lohmann in mehreren Fällen seine diensllichen Befugnisse in einer die fiskalischen Interessen des Reiches schwer schä­digenden Weise überschritten hat. Damit geht er seiner Beförderung zum Admiral ver- lustig. Auch büßt er den pensionsfähig ge­wesenen Teil seiner Dirigentenzulage ein. Hin­sichtlich des der Zwangsvollstreckung unter! egen­den Teiles seiner Pension sind Regreßmahnah- men gegen ihn eingeleitet. Lohmann hat dem Fiskus zwar bedauerlich hohe Verluste zugefügt, aber ihn haben keine unlauteren und eigennützigen Motive geleitet. Für die Zukunft stehe ich dafür ein. daß derartige Fälle von illegaler Selbständigkeit nicht mehr Vor­kommen.

Abg. Künstler (Soz.) erklärte, solange im Offizierkorps ein so starker Prozentsatz dem Adel reserviert bleibe, werde die Reichs­wehr niemals ein Volksheer werden. Es sei verfassungswidrig, wenn das Reichswehrmini­sterium grundsätzlich auf Beschwerden von republikanischer Seite keinen Bescheid gäbe. Der nächste Wehretat dürfe 500 Mill. Mark nicht überschreiten. Die Sozialdemokraten werden Streichungsanträge einbringen, die sich auf rund 90 Millionen Mark belaufen.

Abg. von der Schulenburg (Dn.) hielt den Wehretat nicht für zu hoch. Die Reichswehr könne sich mangels Wittel nicht einmal die Muni­tion beschaffen, die chr der Versalller Vertrag zuläßt. An unserem Wehretat könne unmög­lich etwas abgestrichen werden, wenn man bedenkt, daß der deutsche Wehretat von allen Län­dern der Well den geringsten Prozentsatz des Ge- samletats ausmache. Für die Versorgung der abge­dienten Reichswehrsoldaten und Offiziere müsse mehr als bisher geschehen. Man könne nicht verlangen, daß die alten Offiziere auf einmal überzeugte Rupublikaner werden, aber das eine fei sicher: Ieder Offizier halte es mit feiner Ehre unvereinbar, den auf die Verfassung ge­leisteten Eid zu brechen.

Abg. Drüninghaus (D. Vp.) forderte gleichfalls für die Unterbringung der Verfor- gungsberechtigten weitere Verbesserungen, ob­wohl zugegeben werden müsse, daß es in letzter Zeit damll besser geworden sei. Niemand könne behaupten, daß die Reichswehr die ihr gestell­ten militärischen Ausgaben nicht restlos erfülle und damit sei der sachlichen Kritik jeder Boden entzogen. Es fei vaterländische Pflicht, daß wir der Reichswehr mindestens das lassen, was chr nicht einmal der Versailler Vertrag genommen hat.

nur scheinbare Ruhe, ausgefallen. Es habe chn sehr gestört, daß Krantz in dieser Situation nur kleine persönliche Sorgen geäußert und um eine Zigarette gebeten habe. Der Angeklagte habe auf chn einen kalten und berechnen­den Eindruck gemacht und er habe aus feinem ganzen Verhallen geschloffen, daß Krantz die Unwahrheit sage. Auch Polizei­vizepräsident Dr. Weiß wurde als Zeuge vernommen und sagte aus, daß er bei einer Ver­nehmung der Hilde Scheller den Eindruck ge­wonnen habe, daß das Mädchen in hohem Maße unglaubwürdig sei. Er schllderte das Benehmen der Hilde Scheller mit folgenden Worten:Sie kam lächelnd, beinahe kokettierend zu mir herein, wie eine junge Dame, die zu einer Teegesellschaft geht." Hilde Scheller habe erst ihre Zusammenkunft mit Krantz in der Vor­macht abgeftritten und dann den Krantz, als dieser zu der Vernehmung zugezogen wurde, wegen seiner wahrheitsgemäßen Aussage ange­fahren.Meiner Ueberzeugung nach', erklärte Pollzeivizepräsident Dr. Weiß,bat sich das junge Mädchen mit einer Unbefangenheit be­nommen. die sie als v o l l kom m e n g e s ü h l - l o s kennzeichnet."

Der drahtlose Fernsprechverkehr zwischen Deutschland und den

Vereinigten Staaten.

Berlin, 10. Febr. (WB.) Der drahtlose Fernsprechverkehr zwischen Deutschland und den Vereinigten Staaten von Amerika wurde heute nachmittag durch drei offizielle Gespräche, näm­lich des Reichskanzlers Dr. Marx mit dem stellvertretenden Staatssekretär Olds, ferner des amerikanischen Botschafters Dr. Shurmann mit Herrn Olds und des Reichspostministers Dr. Schätz! mit dem deutschen Botschafter v. Prittwih und Gaffron eröffnet. Die. Ansprache des Reichskanzlers laut:te: .Herr Unterstaats,ekretär! Es ist mir eine besondere Freude, Eie auf diesem außergewöhnlichen Wege mündlich begrüßen zu können. Ein historischer Augenblick ist es, in dem die ersten Telefon­gespräche zwischen Berlin und Washington aus- getauscht werden, gerade, als ob es Nach­barstädte auf dem gleichen Kon­tinent wären! Sie, Herr Staatssekretär, wer- den ebenso wie ich das Gefühl haben, daß der Atlantische Ozean immer mehr aufhört, ein Verkehrshindernis zu sein, wenn es dank der Fortschritte der Radiotechnik möglich geworden ist, das gesprochne Wort von einem Lande -um andern durch den Aether zu senden. Es ist mein aufrichtiger Wunsch, datz auch diese neue Derkehrseinrichkung dazu beitragen möchte, bie freundschaftlichen Beziehungen zwischen Deutschland und den Vereinigten Staaten weiter zu vertiefen und den wechselseitigen Austausch von geistigen und materiellen Gütern zu för­dern!"

Staatssekretär Olds erwiderte in englischer Sprache u. a.: Ich weitz, datz Herr Staatssekretär Kellogg es sehr bedauert, daß seine Abwesen­heit von Washington es ihm nicht gestattet. Persönliche Grüße mit Eurer Exzellenz auszutauschen. Aber an seiner Stelle möchte ich diese Gelegenheit wahrnehmen, nicht nur meiner Genugtuung über die Einrichtung des Radio­telephondienstes zwischen den Vereinigten Staa­ten und Deutschland Ausdruck zu geben, sondern 3hnen persönlich mitzuteilen, mit wie großem Vergnügen wir Herrn v. Prittwih als deut­schen Botschafter empfangen haben. Ich hoffe, daß sein Aufenthalt in Washington ein angenehmer fein wird. Die Eröffnung des Telephonver-

Reichswehrminister Groener znr phsebnsMre.

Oer Reichswehretat vor -em Haushaltsausschuß.

Oer Steglitzer Gchülsrmor-prozeß