Ur. 266 (Erttcs Blaff
178. Jahrgang
Samstag, 10. November 1928
tttlfljtim lügtich.«wtzer Sonntag* anfc I^ierrag».
Beilagen.
QMeftenti FamillendläNei Hetmai iw Bild Die Scholle
Monar».Se;vtz»preli:
2 Reichsmark unö 20 Retchspfenntg für 3rlge» lohn, auch bei Nichterscheinen einzelnerNummern infolge höherer Gewalt. Fernsprechonlchlüsse:
51, 64 und 112
Lnlchrist für Drahtnache richten Httjeiget Stehe». voUschecktolNo:
grenffarldm Main 11688.
Gietzener Anzeiger
General-Anzeiger für Oberheffen
VrvS mV Verlag: vrSHNche Unwersilittr-Vsch. mV Stetndnickerel B. langt tn Sietzen. Schriftlettung und Seschastrftelle: Zchulstratze 7.
H»nähme ooi Bnjetge» für die lagtennmmtr bis znm Nachmittag vorher.
Preis fir | mm ksShe str Anzeigen von 27 mm Breite örtlich 8, auswärts 10 Neichspfennig. für Re. klameanzeigen von 70 mm Breite 35 Reichspfennig, Platzvorschrist 2O’.„ mehr.
Chefredakteur
Dr Fnedr Will) Lange. Verantwortlich für Politik Dr Fr Wilh Lange für Feuilleton Dr H.THyriot, für den übrigen Teil Ernst Dlumschein, für den Anzeigenteil Kurt hillmann. sämtlich in (Lietzen
Oer Waffenfiillfiand.
Die Iroalf des u s pä t I" ist mit dem Schicksal Deutschlands im Kriege furchtbar verknüpft: wäre die russische Revolution vierzehn Tage früher ausgebrochen, so hätten wir noch versuchen können, den Unterseebootkrieg hinausAuschieben und hätten vielleicht Amerika aus dem Spiel gehalten. Wären die WafsenstiUstondsbedingungen acht Tage früher bekannt geworden, sie würden vermutlich auf alle Revolutionsgemüter derartig ernüchternd eingewirkt haben, daß der Zusammenbruch des 9. November andere Formen annahm, so daß wir noch stark genug gewesen wären, um uns andere Bedingungen zu erkämpfen. Man wußte zwar nach dem Notenwechsel mit Wilson, daß die Bedingungen hart sein würden, aber so hart, das hätte doch niemand erwartet, konnte auch niemand erwarten nach dem wochenlangen Depeschenwechscl, der zwischen Deutschland und Wilson hin und her gegangen war.
In diesem Depeschenwechsel, der durch die Note Wilsons verbindlichen Charakter angenommen hatte, liegt wahrscheinlich der Schlüssel, mit dem wir an den Versailler Vertrag wieder herankom- men können. Denn dieser uns aufgezwungene Friede ist ja kein Ding an sich, er ist aufgebaut auf den von Herrn Wilson feierlich gegebenen Z u - sagen, hat freilich diese Zusagen in der schamlosesten Weise gebrochen. Die deutsche Deffent- lichtest und die deutsche Regierung operieren viel zu wenig mit dem Argument, daß ja, als der Waffenstillstand geschlossen wurde, eigentlich schon ein Vorvertrag oorlag, der als abgeschlossen gelten konnte mit der Note Wilsons vom 5. November.
Deutschland hatte die vierzehn Punkte des amerikanischen Präsidenten angenommen, und nach wiederholten Rückfragen erklärte Herr Wilson namenet feiner Verbündeten deren Bereitschaft 8um Fried ensschluß „auf Grund der Friedensbedingungen, die in der Ansprache des Präsidenten an den Kongreß vom 8. Januar 1918, sowie der Grundfähe, die in feinen späteren Ansprache niedergelegt sind", mit einer Einschränkung über die Freiheit der Meere und einer Ausnahme wegen der 'Re- parationssorderungen, die aber auch in der neuen Fassung nur so Derftanhen wurden, daß Deutschland für alle der Zivilbevölkerung entstandenen Schäden durch seine Angriffe zu Wasser, zu Lande und in der Luft Ersah leisten solle. Von einer Bezahlung der Kriegsschulden, also von einer eigentlichen Kriegsentschädigung ist überhaupt nicht die Rede gewesen. Erst in Versailles, nachdem Deutschland völlig wehrlos gemacht war, ist dann der Diktatfriede entstanden, der dem Wilson-Programm tn3 Gesicht schlug. Mit Recht hrt ein Mann wie Keynes, also ein Engländer, dieses Verfahren als Ver- r a t bezeichnet, und Amerika hat den Versailler Vertrag nicht ratifiziert, ohne freilich dafür zu sorgen, daß Wilsons Wort eingelöst wurde. Aber die Aufgabe Deutschlands muh es sein, immer wieder daraus hinzuweisen, daß der eigentliche Friede schon im Rovember 1918 geschlossen ist, und daß alles, was nachher tarn, mit diesen Abmachungen in unvereinbarem Widerspruch steht.
Hoover macht eine propaganba- reise nach Südamerika.
Washington. 9. Rov. (WTB. Funkspruch) 3m Weißen Hause wurde mitgeteilt, daß Hoover vor seinem Amtsantritt nach Südamerika reisen werde, um Lateinamerika einen sichtbaren Beweis der nordamerikanischen Freundschaft und' die Versicherung der Zusammenarbeit zu geben, sowie um die dortigen politischen und wirischofllichen Verhältnisse zu studieren. Präsident Coolidge stellte Hoover auf dessen Wunsch das Linienschiff „Maryland" für seine Reise zur Verfügung. Der Präsident hat Hoover versprochen, daß die Regierung helfen werde, seine Amerika-Rundfahrt zu einem Erfolg zu machen. Die Mitteilung, daß Hoover eine solche Reife plant, hat In Washington ungewöhn.iches Interesse erregt. Man sieht darin einen kühnen Schachzug des künftigen Präsidenten angesichts der bitteren Kritik, die im lateinischen Amerika an der „imperialistischen Politik" der republilanischen Regierung der Vereinigten Staaten in Ricaragua und anderswo geübt worden ist.
Briand über die kommenden Verhandlungen.
Reparationsfragc und Nhcinlandräumung.
Paris, 9. Rov. (WB.) 3n einer heute zum ersten Male erscheinenden politisch-literarischen Wochenschrift „Gringoire" findet sich ein Interview mit Driand. Briand erklärt darin: Der Versailler Vertrag enthält zwei Punkte, die die Beziehungen zwischen Frankreich und Deutschland erschweren. Deutschland hat das Recht, jederzeit hinsichtlich der Reparationszahlungen zu verlangen, daß man aufs neue de n genauen Stand seiner Zahlungsfähigkeit prüft, ob dieser ihm erlaubt, zu zahlen oder nicht. Deutschland kann andererseits, nachdem es die Verpflichtungen des Versailler Vertrages erfüllt hat, Anspruch erheben — und eS fordert dies als Gegenleistung — auf d i e vorzeitige Räumung des Rheinlandes. Ich habe an die Stelle dieses provisorischen Zustandes, der jederzeit in Frage gestellt werden kann, etwas Endgültiges setzen wollen, und ich will es noch. Locarno
poincare prust die Lage.
Beim Präsidenten der Republik. - Erste Verhandlungen.
P a r i s, 9. Rov. (IBIB.) poincarL Hai sich 14.20 Uhr ins Llysee begeben. Er war etwa ein- drcioiertel Stunden bei Doumergue. Der „lemps“ erklärt, daß der Präsident der Republik poincarä die Bildung der Regierung angeboten hat. poincarä habe dem Präsidenten der Republik mltge- teilt, er werde die Lage prüfen und schleunigst eine Besprechung abhalten in dem aufrichtigen Wunsche, zu einem Ergebnis zu kommen. Die Ereignisse der letzten Tage hätten die Wiederaufnahme feiner Arbeit nicht erleichtert. Um die Finanzierung zu vollenden und um die großen schwebenden Fragen zu lösen, sei es notwendig, im Lande und im Parlament die Einigkeit unter den Parteien aufrecht zu erhalten. Er werde daher auf dem von ihm kürzlich auseinandergesehten Programm der demokratischen und sozialen Aktion e i n Kabinett republikanischer Eintracht wieder zu bilden versuchen, das es ermögliche, den inneren Frieden herbeizuführen und den äußeren Frieden zu organisieren. Andererseits hätten sich zwischen dem Finanzausschuß der Kammer und der jurütfgetretenen Regierung mehrere Meinungsverschiedenheiten hinsichtlich des Budgets ergeben. Poin- carL habe niemals im Sjusschuh die untergeschobenen Worte: „Alles oder nichts" gesagt. Er sei jedoch entschlossen, nur für ein abgeschlossenes Budget, nicht für irgendein Vndgelzwölstel die Derantroortung zu übernehmen, und hier liege eine ernste Schwierigkeit, die gelost werden müsse. Es handele sich in der Tat nicht darum, ein Ministerium ju bilden, das nur sechs Wochen Bestand habe.
poincarä hat nach verlassen des Elysees sofort die ersten Besprechungen mit den Mitgliedern feines ehemaligen Kabinetts mit Ausnahme der radikalen Minister und des penflonsministers Marin gehabt. Sarraut und Marin wurden nur für wenige Minuten hinzugezogen.
Die kommenden Männer.
Eine Regierung auf breitester Grundlage.
Paris, 10. Nov. (WTB. Funkspruch.) Aus den Verhandlungen, die Poincars gestern abend geführt hat, ergibt sich, daß er die Absicht hat, die neue Regierung auf breitester Grundlage auszu- bauen. Er will also wiederum ein Kabinett der Nationalen Einigung bilden. Die Durchführung stößt allerdings auf ernfte Hindernisse, und
Zwar wegen der Umstände, die den Rücktritt des Kabinetts veranlaßt haben, als auch wegen verschiedener Kundgebungen in den Kammerfraktionen. Die Schwierigkeiten liegen bei den Radikalen und bei der Partei Marins, der demokratisch- republikanischen Vereinigung. Wie die Agentur Haoas berichtet, dürfte die Entscheidung heute vormittag fallen. Poincars wird sich bis zum Mittag wieder ins Etysee begeben. Die Verhandlungen werden dann zweifellos bereits so weit fortgeschritten sein, daß Poincars dem Präsidenten Doumergue mittellen kann, ob er glaubt, sie zu gutem Ende führen zu können.
Lieber die Zusammensetzung der eventuellen neuen Regierung Poincares glaubt Ha- vas folgendes berichten zu können: Poincar6 wird die Radikalen Sarraut für das Ministerium des Inneren und Q u e u i l l e für das Landwirtschaftsministerium beibehalten. Das lln- terrichtsministerium gedenkt er dem Radikalen Bvonne D e l b o s. der schon einmal Mnterrichts- Minister war, anzuvertrauen, und das Kolonialministerium dem gleichfalls der Radikalen Partei angehörenden Rene Besnard. Der bisherige Pensionsminister Louis Marin wird voraussichtlich durch ein anderes Mitglied der demokratisch-republikanischen Vereinigung ersetzt werden. Man spricht davon, daß der bisherige Mnterstaatssekretär für Hygienewesen, der elsässische Abgeordnete Oberkirch, hierfür in Frage kommt.
„Excelsior" nennt als eventuelle Rachfolger Marins den Abgeordneten M a g t n o t von der demokrcn isch-sozialen Fraktion und auch den Ab- geörbneten P e r n o t (Gruppe Slatin i Das Blatt will im übrigen berichten können, daß die Verständigung über das Regierungsprogramm f o gut wie erfolgt fei. Es schreibt, wenn Poincar6, wie es wahrscheinlich sei, heute sein Ministerium bilde, werde er am Dienstag zweifellos vor das Parlament treten und nach Verlesung einer kurzen Regierungserklärung sofortige Inangriffnahme der Budgetberatung beantragen. Einige Blätter glauben auch nicht, daß die Radikalen Sarraut und Queuille im Ministerium bleiben könnten und nennen als Kandidaten für das Innenministerium den auf dem rechten Flügel der Radikalen Partei stehenden Abgeordneten Jean Durand, der in Angers hauptsächlich gegen dm Flügel Caillaux- Montigny gekämpft hat, für das Landwirtschaftsministerium. Senator Fernand David, für das MnterrichtSministerium auch den Abgeordneten Lamoureux.
Londoner Bankeitreden.
Churchill und Baldwin feiern das gute Verhältnis zu Deutschland.
London, 9. Rov. (WB.) In der altehrwürdigen, reich ausgeschmückten Guildhall wurde heute abend mit dem herkömmlichen Pomp das erste offizielle Baickett abgehalten, bei dem der neue Lord-Mayor der Londoner City den Vorsch führte. Die glänzende Versammlung umfaßte u. a. die Mitglieder dos Kabinetts unter Führung Baldwins, die auswärtigen diplomatischen Vertreter, die Spitzen der Beamtenschaft usw. Rach dem Trinkspruch auf den König brachte der
Schahkanzler Churchill
das Wohl der „ausländischen Botschafter und Gesandten" aus. Er fuhr Dann fort: Vom Krieg und seinen Rachwirkungen gelangen wir allmählich in das immer Heller leuchtende Licht eines Weltfriedens (Beifall). Es ist eine Quelle tiefer Genugtuung, daß der Friede Europas, der Christenheit und der zivilisierten Welt wiederhergestellt ist. Es bestehen keine Schwierigkeiten für unsere vormaligen Alliierten, heute abend die Vertreter der anderen Ration willkommen zu heißen, von der wir durch den Krieg so furchtbar getrennt worden sind. Wir werden binnen kurzem ernste und verwickelte Erörterungen über finanzielle Fragen mit deutschen Vertretern beginnen. Wir machen uns an diese Ausgabe, die selbstverständlich Schwierigkeiten bieten wird, mit ».er fest eia Gewißheit, daß an ihrem Ende em Ergebnis liegt, das für alle Teilnehmer an der Erörterung wohltätig sein und dazu angetan sein wird, die ganze Welt auf einen sichereren und festeren Grund zu führen. Die Befreiung der deutschen Finanzen und des deutschen Bodens von auswärtiger Einmischung oder Kontrolle ist em Ziel, das wir in England für höchst wertvoll und höchst wichtig erachten.
Premierminister Baldwin
sagte in seiner Rede: Vor vier Jahren waren wir noch in zwei Lager geteilt, nämlich Sieger
und Besiegte. Diese Mnterscheidung besteht heute nicht mehr. Ich hoffe, daß diese beiden Worte vergessen werden (Beifall). Wir haben alle eine Lektion der Versöhnung und der Zusammen- arbeit des guten Willens erhalten, ohne die Fortschritt in der Welt unmöglich ist. Während der letzten fünf oder sechs Jahve ist eine fortschreitende Besserung in den Beziehungen eingetreten. Wir verstehen einander vielleicht besser als jemals. Daß auf diese Besserung eine eindrucksvolle Besserung in der inneren Lage Deutschlands und in unseren Beziehungen mit Frankreich folgte, ist der beste Beweis, daß enge Zus ammenarbei t zwischen Frankreich und Großbritannien nicht zum Schaden Deutschlands oder einer anderen Macht ausschlägt und ausschlagen kann.
Baldwin zollte der Wiederher st ellung Deutschlands seine Bewunderung und nahm aus den Eintritt Deutschlands in den Völkerbund Bezug. Er erklärte: Deutschland steht heute da als ein großes Land unter Gleichen, und es verdankt dies in erheblichem Maße dem Genius Dr. Strefemanns, dem ein jeder der Anwesenden eine schnelle Wiederherstellung seiner Gesundheit wünscht. Der Premierminister behandelte dann dgs Verhältnis Englands zu den übrigen Mächten und kam schließlich auf den Kellogg-Pakt zu sprechen, wobei er aussührte: Ich glaube, daß die Zeit kommen wird, wo man in diesem Pakt d i e größte Tat Amerikas in der gegenwärtigen Zeit erblicken wird. Wenn alle Länder, die den Pakt unterzeichnet haben, seinen Sieg erkennen und daran glauben, bann werden die Nationen zum ersten Male im Stande fein, die Abrüstung in einer Art zu erörtern, die uns auf den Weg dazu führen wird. Entweder wir bleiben dem Geiste des Paktes treu, oder wir gehen für immer zugrunde. Lassen Sie uns mit neuem Glauben und neuer Hoffnung vorwärtsschreiten. (Beifall!)
wird jetzt durch eine freundschaftliche Regelung der Reparationsfrage vervollständigt werden Wenn unsere Bemühungen gelingen, wie ich hoffe, Dann wird schließlich die durch den Vertrag vorgesehene Kontrolle eingesetzt werden müssen, um die Entmilitarisierung desRheinlandes zu gewährleisten.
An einer anderen Stelle betont Briand. daß er auf Grund der Fühlungnahme mit vielen Be
obachtern, die er nach Deutschland geschickt habe, Po iiiiern, Journalisten, Finanzleuten, Industriellen und Kaufleuten, die Lieberzeugung gewonnen habe, daß Deutschland eine Entwicklung durchgemacht habe und noch durchmache im Sinne der Festigung des republikanischen und demokratischen Regimes. Gewiß gebe es noch überreizte Rationalisten, aber sie bildeten nicht die Mehrheit.
Kampf der Persönlichkeiten.
Zu Der viel erörterten und lebhaft umstrittenen Frage, ob Masse oder Persönlichkeit die treiben De Xcajt in Politik und Geschichte sei, Hal die letz.e Woche neues und interessantes Material bei/* gebracht. Den Wahlkampf um die amerikanische Präsidentschaft, der am Dienstag mit Dem übertoältigenDen Siege des republikanischen Kandidaten enDete, hatte man gern mit Dem Schlagwort „Smith oder Hoover, ein Kampf zweier Persönlichleiten" gekennzeichnet. Wie sehr diese Charakteristik einer Einschränkung bedarf, haben Verlauf und Ausgang der Wahl selbst hinreichend bewiesen. Der äußerst populäre und joviale Reuyorker Gouverneur Al'Smith konnte nicht einmal in seinem eigenen Staate durchdringen. Von den Südstaaten, seit Dem Bürgerkrieg von 1865 und Der Sklavenbefreiung eine schier uneinnehmbare demokratische Feste, gingen nicht weniger als sieben in das republikanische Lager über. Hoover, dem zurückhaltenden, wortkargen Geschäftsmann, Dem man nachsagt, daß ihm nichts so verhaßt sei, als Reden halten und sich volkstümlich machen, ist eine Mehrheit zugefallen, wie sie bislang wohl kaum ein Bewerber um Den Sih im Weißen Hause zu Washington auf sich vereinen konnte. Das hat eine Reihe triftiger Gründe. Smith, Der Demokrat, ist Ka tholik. Grund genug für die zahlreichen und mächtigen Setten, namentlich puritanischer Färbung, ihren ganzen Einfluß zu- gunften seines republikanischen Gegners einzusetzen. Die Tatsache, daß noch niemals ein Katholik das höchste Amt Der Vereinigten Staa.en verwaltet hat, und die Parole, durch die Wahl eines katholischen Präsidenten gelange eine außer- amerikanische Macht, die römische Kurie, zu Einfluß auf Die Geschicke des amerikanischen Volkes, genügten offenbar, dem demokratischen Kandidaten Tausende von Wählern abspenstig zu machen. Smith hat sich als Gegner der Prohibition bekannt, zwar vorsichtig und mit einer Menge einschränkender Floskeln, aber offenbar doch deutlich genug, daß die sehr aktiven Frauen-Vereinigungen aller Art ihm Kampf bis aufs Messer anfagten, daß die unter der Prohibition grohgewordenen Konzerne Der alkoholfreien Get räickeindustrie alle Minen springen liehen, und schließlich auch alles, was an Dem blühenden Alkoholschmuggel interessiert ist — und das sind nicht wenige und einflußlose Kreise — sein Gewicht ebenfalls gegen Smith in die Wagschale warf.
Hoover, der glücklichere Konkurrent, hatte es zweifellos leichter, besonders nachdem erst einmal die Gefahr einer Sezession der mißvergnügten Farmer des mittleren Westens schon auf dem republikanischen Rationalkonvent gebannt war. Von ihm verlangte man nicht einmal ein Programm. Er brauchte nur auf den wirtschaftlichen Aufschwung des Landes unter Den beiden republikanischen Präsidenten Har- ding und Coolidge hinzudeuten, um seinen Wählern zu beweisen, daß Die Vereinigten Staaten unter dem republikanischen Regime gut gefahren sind. Was machten die paar Durchstechereien und Skandalaffären, mit denen die Demokraten notgedrungen krebsen gingen, gegenüber Dem schlagenden Beweis eines vollen Geldbeutels, den Die überwiegende Mehrzahl des Dolles heute sein eigen nennt, gegenüber der Zauberformel „prosperity“, mit der Hoover zu Felde zog „kor Home and happiness". Gc> gen solche handgreiflichen Argumente hatte Al'Smith bei aller Beredsamkeit, bei aller Popularität kein Gegenmittel. Der amerikanische Wähler hat sich nicht für eine Persönlichkeit entschieden, er hat für Beibeh altung des Kurses gestimmt, mit Dem Amerika seit Wilsons Katastrophe gut gefahren ist. In stark traDitioneller Bindung an das praktisch Erprobte hat er alles abgelehnt, was nach etwas Reuem und Unsicherem schmeckte. Der hundert- prozentige Angloamerllaner Hoover beherrscht das Feld.
Wie toirlt sich Dies Wahlergebnis in Der internationalen Lage aus, was springt Dabei für Deutschland heraus? Sicher das eine, Daß Der kühle, geschäftsmäßig sachliche Geist Der Zurückhaltung, Der Die Politik Des Präsidenten Coolidge namentlich in allen europäischen Dingen beherrscht hat, unter seinem Rachfolger Hoover vielleicht in noch verstärktem Maße Geltung bekommen wird. Das ist für Die Behand- lung Der Reparationsfrage, Die uns Deutschen ja zunächst am Herzen liegt, gewiß kein Rach- teil. Aber geben wir uns beileibe keinen voreiligen Illusionen hin, unterdrücken wir alle Sentiments, Die bei Dem Rainen Hoover in Erinnerung an Kinderspeisungen unD Hungersnothilfe etwa aufkeimen möchten. Der neue Präsident hat sich während des Krieges und auch noch nach Dem Waffenstillstand keineswegs sympathisch über das deutsche Volt geäußert. Es bedurfte erst sehr energischer Vorstellungen der Deutschamerikaner, bis der damalige Lebens- mitteldiktator sich entschloß, seine großen Mittel, Die vorwiegend aus deutsch-amerikanischen Kreisen :hm zur Verfügung gestellt waren, nicht allein Den Belgiern und Den notleidenDen Volkern Des Ostens zuzuwenden, sondern auch Den Deutschen Kindern. Den unschuldigen Opfern einer grausamen Hungerblockade. Also noch einmal, keine falschen Hoffnungen, wohl aber eine positive, bewußte Einstellung auf eine Zusammenarbeit mit Amerika, die ^ur zwingenden Rotwendigkeit geworden ist in einem Augenblick, wo wir erkannt haben, daß die Locarnopolitik bisherigen Stils ihre Möglichkeiten erschöpft hat und neue Wege ungebahnt werden müssen.


