Nr 259 Drittes Statt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhesien)
Mittwoch, 10 Oktober (928
Aus -er Wett des Films.
berliner Filmpremitzren.
Berlin, Anfang Oktober.
3m Mozartsaal, der jetzt der Terra gehört, lief ein ausgezeichneter Film aus der Spanischen Reitschule und die Sensation des Tages: der erste deutsche Tonfilm-Sketsch, hergestellt von Tri-Ergon, unter Mitwirkung von Paul Graetz, Kurt Vespermann, Willi Schaeffers, Siegfried B e h r i s ch und — nicht zu vergessen — Friedrich Hollander mit seinen Weintraub- Shncvpators. Zu dem Problem des Tonfilms kann man sich nach dieser Probe nur optimistisch äußern, Sprechlaute, Musik und Strahenlärm kamen fast naturgetreu zur Wiedergabe, wenn natürlich auch das Grammophonartige noch nicht ausgeschaltet werden tonnte. Es folgte dann die Hauptnummer, der Mady Christians-Film der Terra „Eine Frau von Format." Das Drehbuch schrieben Fritz Wendhausen und Heinz Goldberg nach der gleichnamigen Operette von Schanzer und Welisch. Die Regie führte Wendhausen, der den Film in flottem Lenrpo, ohne Langatmigkeit und in sprühender Laune abrollen ließ. Fritzi Massary, die Dschillh Bey der Sprechbühne, errang einen ungeheuren Erfolg — hier war es die reizende, frische Mady C h r i st i a n s, die den Erfolg auf ihr Konto buchen konnte. Das Publikum war angeregt und rief Mady Christians einige Male vor den Borhang. „Eine Frau von Format" wird ohne Zweifel ein Riesenerfolg werden.
Die Max Glaß-Produktion G. m. b. H. brachte kürzlich im Verleih der Terra den Film „Leontines Ehemänner", der sich mehr als unzulänglich erwies. Mängel des Drehbuchs (Max Glaß) werden auch durch die Regie R. W i e n e s nicht wettgemacht. Die leichtfertige Leontine, die von ihrem Gatten geschieden ist, springt in diesem Stück von einem Manne zum andern, gibt eine Episodenrolle als sittsame Schloßfrau, deren Sittsamkeit bei einem Dauerntanz fast in die Brüche geht. Dieses Fest ist jedoch die einzige Szene, die wirklich gelang. Hier ist Claire R o m m e r, die Darstellerin der Leontine, am richtigen Platz, in den übrigen Szenen wirkt sie fast durchweg übertrieben. Die prächtige Adele Sandrock rettet, was zu retten ist, ihr galt auch in erster Cinto der Beifall des Publikums. Einen Sondererfolg holte sich in einer kleinen, aber erfrischend, natürlich gespielten Schwipsszene Lotte Stein. Georg Alexander hatte nichts weiter zu tun, als weinerliche Grimassen zu schneiden, C. W. Metze r, Oskar S i m a, Luigi Serventi und Trus von Alten blieben eindruckslos.
Einen guten Film schuf die Ufa mit dem Filmspiel „Die Dame mit der Maske". 3n die Inflationszeit verlegt, gibt der Inhalt das Schicksal eines verarmten Offiziers wieder, dessen Tochter heimlich als Star in einer Revue auftritt. Sie trägt, um ihr Inkognito zu wahren, eine Maske. Daß ein junger russischer Graf, der ebenfalls an dem Revuetheater beschäftigt ist, ihr Retter und späterer Gatte wird, ist ebenso selbstverständlich, wie das Dasein eines Emporkömmlings, der dem jungen Mädchen nachstellt. Der Regisseur Wilhelm Thiede hatte eine dankbare Aufgabe, die er treffsicher löste, während der Kameramairn Carl D r e w s klare und eindrucksvolle Ausnahmen schuf. Eine besonders gut gelungene Komposition war die Inflations- Vision am Beginn des Films, die von Hans Richter virtuos zusammengestellt worden war. Die Titelrolle spielte Arlette M a r ch a l mit feiner Zurückhaltung. Max Gülstorf f s verarmter Aristokrat, W. Gaidarows junger russischer Emigrant und Paul Hörbigers Bauernknecht waren ausaMcichnete Typen. Am erndruckvollsten aber toitiST Heinrich Georges Emporkömmling, der mit wenigen Gesten alles zu sagen verstand.
Im neuen Ufatheater ^Universum" am Leh- niner Platz läuft zur Zeit mit großem Erfolg der neue Pola-Äegri-Film „Das zweite Leben". Der Erfolg ist auf das Konto Pola Regris zu setzen, denn die Regie Rvwland .B. Lees ist reichlich temperamentlos. Die Handlung schildert das Schicksal einer Gräfin, die schuldig imb unschuldig zugleich, einem Verführer erfiegt, dem sie auf einer gemeinsamen Reise
Seelisches im Film.
Von Arnold Hart.
Der Firm hat seine gesamte und technische Entwicklung in der kurzen Zeitspanne von etwa 30 Jahren durchgemacht. Trotzdem kann man schon jetzt Etappen in dieser Entwicklung umgrenzen, die für das Verständnis des Wesens der Fllmkunst überaus aufschlußreich sind. Es ist leicht verständlich, daß die Urform des Films das einfache Dewegungsbild gab, bei dem alles auf äußere Sensation, äußeres Geschehen eingestellt war. Seinen vollendeten Ausdruck hat dieses Genre in den modernen Grotesken, Wild- West- und Sensationssilmen erhalten und hat mit ihnen auch wohl seinen Höhepunkt erreicht. Dann kam das Genre, das wir als Monumentalfilm bezeichnen. Es kam um jene Zeit, als der Film sich seiner ungeheuren, dem Theater selbstverständlich unerreichbaren dekorativen Möglichkeiten besann. Berauschender Prunk wurde entfaltet, riesige Bauten^ errichtet, täusendköpfige Komparsenmengen verwandt. Und das Publikum strömte in die Kinos, um sich an der „großen Schau" sattzutohen.
Jetzt stehen wir wieder am Anfang einer sehr interessanten, bedeutsamen Epoche. Ein vor kurzem erschienener Film hat bewiesen, daß wir jetzt endlich so weit sind, auch seelische Probleme im Film behandeln zu können. Ich meine den Film „Heimkeh r". Dieser Film ist kein Kriegsfilm, er ist vollständig frei von jeder nationalen und politischen Tendenz. Keine Schlacht wird dort geschlagen, keine kriegs- und revolutionsbegeisterte Menge gezeigt. Sein Geschehen ist verankert in den Rachwirkungen des Weltkrieges, jenen Rachwirkungen, mit denen wir alle immer noch kämpfen müssen, von denen unser Leben auch letzt noch stark beeinflußt wird. In diesen Rahmen stellt der Film „Heimkehr" das Erleben dreier Menschen. Eine Frau steht, ohne es zu wollen, zwischen zwei Männern, die bisher Freunde
nach Wien in sein Landhaus folgt. Da der Zug kurz hinter Schandau, wo die beiden das Ab leck verlassen haben, einer Katastrophe zum Opfer fiel, glaubt man, daß die Gräfin in dem völlig ausgebrannten Waggon den Tod gefunden habe. Im Bewußtsein ihrer Schuld Härt sie das Mißverständnis nicht auf, sondern flüchtet mit gefälschtem Paß nach Paris, wo ein abenteuerliches Leben beginnt. Als Gehilsin eines Falschspielers erträgt sie jahrelang dieses Leben, für ihre geringe Verfehlung büßend. Ein Zufall führt sie mit ihrem einstigen Manne zusammen, der durch die Aehnlichkeit mit seiner totgeglaubten Frau angezogen, sich ihr von neuem nähert, ohne sie zu erkennen. Als sie sich ihm zu erkennen geben will, erfährt sie von ihm selbst, daß auch er sie in der gleichen Rächt betrogen hat. Durch dieses Geständnis enttäuscht, wendet sie sich von chm ab, nimmt ihre kleine Tochter mit sich und geht mit einem reichen, jungen Amerikaner, der sie liebt, über das große Wasser. Alles in allem eine rührende Geschichte, deren Verfilmung noch wirksamer hätte gestellt werden können. Pola Regri gibt die Rolle menschlich und eindringlich, ihr Spiel fesselt in jeder Szene und man vergißt darüber die großen Mängel des Ganzen, das zudem noch an einer Lieberfülle an Zwischentiteln leidet.
Ferner gibt die Terra in ihrem neuen Mozart - saal die ausgezeichnete Verfllmung eines ausgezeichneten Stoffs, der „Revolutionshoch- 8eit", die sich recht eng an das überall bekannte Schauspiel von Sophus Michaelis anlehnt. Kurz sei daher nur an den Inhalt erinnert: ein adliger Emigrant wird auf dem Schloß seiner Braut in dem Augenblick überrascht, da er eben getraut wurde. Es wird ihm die Hochzeitsnacht als Gnadenfrist geschenkt, aber der Feige weih sich dieses Geschenks nicht zu freuen. Er wird durch den Oberstleutnant der Revolutionsarmee, Marc Arron, gerettet, der das Fräulein liebt, aber nun an Stelle des Entwichenen erschossen wird. Zu spät kommt die Rachricht, daß der flüchtige Adlige ebenfalls von einer Patrouille ge
tötet wurde. Das Manuskript (von Rorbert Falk und Robert Liebmann) verschärft die Spannungen der tödlichen Hochzeitsnacht ganz außerordentlich. der Regisseur A. W. Sandberg holt — bis auf die ausgedehnten Großaufnahmen der Abschiedsepisoden — letztes aus dem Stoff heraus. und die Darsteller Diomira I a c o b i — die schöne Schwester von Maria — Gösta Ckmann (sehr einfach und unpathetisch.als Revvlutions- oberst) und die hübsche Karina Dell ergeben ein treffliches Zusammenspiel. Gin Sonderlob für Fritz Kortner, der einen rauhen Revolutionsmann mit goldenem Herzen groß und ergreifend verkörpert.
Im „Universum" gab es „Looping the l o o p" (Die Todesfchleife). Sagt auch schon der Titel genug von Manege und Zirkusinilieu aus, variiert er auch das Thema von Bajazzo — wie oft wurde es schon gefilmt! — in dessen Komö- bicmtenLruft die heimliche Sehnsucht nach einem harmlosen Heinen Mädchen und nach einem bürgerlichen Glück wohnt, so erhält hier alles eine höhere Bedeutung durch Arthur Robinsons Regie und vor allem durch Werner Krauß, den berühmten Clown Dotto dieses Films — von allen Manegebajazzos der schlichteste, einfachste, ergreifendste, den man sich vorstellen kann. Krauß beim Abschminken, wenn aus der weihen Clownfratze das Gesicht des Menschen sich hervorschält, Krauß als Spaßmacher in der Manege. Krauß als einsam resignierender Mensch, der sein Leid durch einen Londoner Rebelabend trägt: das sind einige Szenen, die man nicht vergißt. Das Mädchen, das er dann nach einigen tausend Metern Handlung wirllich bekommt, ist Jenny I u g o, der schöne, Herzen brechende Artist, der ihn so lange daran hindert, Warwick Ward. Die Regie hat das Ganze mit reichem Aufwand zirzensisch untermalt, die Manegeatmosphäre, die romantische Artistenluft, welche auch dieses Spiel erfordert — der große Trick mit der waghalsigen Todesschleife löst erst am Ende die Spannung — sind in schön photographierte Bilder gebannt. A.
Wie wird man ein Filmstar?
Von Sam Goldwyn.
Der Autor ist einer der bedeutendsten Filmproduzenten Amerikas.
Mein ganzes Leben fast verbringe ich auf der Jagd — nämlich auf der Jagd nach Filmstars. Ich suche Männer und Frauen, die es nach Ruhm dürstet, und die schnell reich werden wollen. Ich suche sie, wo immer sie leben mögen, sei es im kalten Rorden oder in der Rähe des Aequa- tors. Aber, aber — ihr Hunderttaufende, die ihr davon träumt, einmal ein Filmstar zu werden, bevor ich euch bitte, mir eure Photographie und euren Lebensgang einzusenden, halte ich es als guter Geschäftsmann für zweckmäßig, eich meine Bedingungen zu stellen. Ich habe nicht viel Zeit zu verlieren und bin daher kurz und sachlich. Sieben Eigenschaften muh der erfolgreiche Filmstar und jeder, der ein solcher werden will, auf- weisen: Persönlichfeitswert, Arbeitslust, Phantasie, Intellekt, Sinn für Humor, Jugend, Bescheidenheit und individuelle Rote.
Schöne Männer und Frauen gibt es genug auf der Welt. Man kann sie überall antreffen. Körperliche Stärke bewundern wir in der Zirkusarena oder im Boxring. Eine ungezügelte Phantasie geistert uns aus den Irrenanstalten entgegen. Intellekt ist beliebt als ein wertvolles Sprungbrett zum Aufstieg, Humor wuchert üppig beim niederen Volke wie in höchsten Kreisen, und was die Jugend betrifft, so muh ja selbst Methusalem einmal jung gewesen sein. Bescheidenheit ist allerdings eine seltene Tugend. Wenn man sich jedoch Mühe genug gibt, sie zu suchen, so kann man sie auch noch in kleinen, verträumten Städten finden. Die individuelle Rote schwingt im Rhythmus unserer modernen Großstädte.
Jede dieser Eigenschaften finden wir also genügend weit verbreitet. Aber um alle Eigenschaften in einer einzelnen Persönlichkeit vereinigt zu finden, müssen wir die Geduld eines
Diogenes und die Menschenkenntnis eines Sokrates besitzen. Es ist selten, daß ein junger Mensch, der über eine ausgeprägte persönliche Rote und eine rege Phantasie verfügt, bescheiden ist. Roch sÄtener ist es, dah ein Mensch mit starker Individualität gern arbeitet und eine Belehrung hinnimmt, ohne den Stachel im Inneren zu fühlen. Wer die Filmbranche kennt, wird mir ohne weiteres recht geben, wenn ich sage, dah es auherordentlich schwer ist, einen richtigen Filmstar zu entdecken.
Meine Agenten bereisen die ganze Welt, „von Grönlands Eisgefilden bis zu Indiens rotem Korallenstrand", um mich poetisch auszudrücken. Wenn sie jemanden entdecken, von dem sie glauben, daß er ein Filmtalent ist, so nehmen sie gewöhnlich em Lichtbild von „ihm" bzw. von „ihr", oder, toerm möglich, sogar einen kurzen Film auf, den sie mir dann einsenden. Glaube ich bei der Betrachtung oder Vorführung der Bilder irgendwelche Entwicklungsmöglichkeiten entdecken zu können, so fordere ich zunächst weitere Bilder an. Ich sehe mir meine Leute aufs genaueste an, bevor ich eine endgültige Entscheidung treffe. Ich selbst bin auf der Jagd nach Filmstars in Theatern, Varietes, auf der Straße, kurz, wo immer ich gehe und stehe. Hunderttausende von Leuten, die gern Filmstar werden mochten, bieten sich mir an. Als ich jüngst in London war, um der Vorführung eines meiner Filme beizu- wohnen, bildeten die Komparsen, die sich mir vorzustellen wünschten, eine lange Schlange vor meinem Hotel. Polizei hatte die Leute in Schach zu hallen. Meine Erfahrung hat mich gelehrt, dah der Zufall bei der Entdeckung eines Filmstars eine wuchtige Rolle spielt. Wenn ich im Auto durch dto Strahen fahre, wenn ich mir die Schaufenster einer Weltstadt ansehe, wenn ich in irgendeinem fashionablen Restaurant speise oder vielleicht der harmlosen Vorstellung einer
waren. Es ist ein rein seelisches Problem, das der Regisseur Joe May hier anschneidet: der Kampf zwischen Freundschaft und Liebe. Er zeigt, wie feine, konrplizierte seelische Vorgänge im Film rein bildlich darzustellen sind. Er zeigt, dah nicht nur die technischen Möglichkeiten des Films einen ungeahnten Aufschwung genommen haken, sondern dah der Film auch rein künstlerisch eine große Entwicklung durchgemacht hat. Durch raffinierte Bildmontage und stimmungsvolle Photographie vermittelt May, fast ohne erklärende Titel anzuwenden. Eindrücke, die dem stummen Film bisher verschlossen waren.*)
Trotzdem hätten wir diesen Film vor wenigen Jahren nicht verstanden. Roch vor kurzer Zeit hätte uns ein seelisches Geschehen im Film nur durch endlos lange Zwischenschriften verständlich gemacht werden können. Es ist erfreulich, festzu- stellen, daß wir jetzt endlich wieder sehen gelernt haben und daher in der Lage sind, die fllmischen Feinheiten und Andeutungen zu verstehen. Das ist ein Verdienst der Filmkunst und eine nicht zu unterschätzende Bereicherung unteres Ein- und Ausdrucksvermögens, das bisher rein begrifflich an das abstrakte Wort gebunden war.
Der Schrei nach dem Querschnitt...
... zunächst durch Henny Porten.
Da heute alles nach seinem Wert als Querschnitt beurteilt wird, braucht man es dem Film nicht zu verübeln, wenn er auch von dieser Erscheinung e rgriffen wird. Dr. Oskar K a l b u s . der Kulturfilmmann der Ufa, hat den Gedanken der Querschnittfilme geboren, die er mit einem Vortrag begleitet, um sich als Vater des Gedankens, von dessen Würde und Wichtigkeit er natürlich überzeugt ist, ins! Licht des Publikums zu setzen. Also: Querschnitt durch —
•) Dgl. hierzu die gestrige Besprechung von „Anna Karenina". D. Red.
Zunächst durch Henny Porten. Das bedeutet: sie wird in vierzig, meist chronologisch geordneten Rollen vorgeführt. Von etwa 1909 bis 1928. Also rund 20 Jahre Filmentwicklung, hier dargestellt an einer Schauspielerin, die, mag man zu ihr stehen, wie immer man will — und Schreiber dieses steht zu ihr mehr als kühl — als unbestrittener Publikumsliebling diesen Gang des Films repräsentiert, Lind so wie durch unsere Henny kann man Querschnitt durch allerlei Gebiete legen, da hat sich ein neuer Zweig des Kulturfilms aufgetan, zu dessen Bereicherung man nur in den filmischen Archiven zu stöbern braucht, um sicherlich mancherlei Interessantes ans Licht zu fördern. Zum Thema alte Filme: es gibt in Berlin Unter den Linden das Kamera-Theater, das nur von diesen alten Filmen tobt. Man sieht sie sonst nicht mehr, da alle anderen Filmhäuser nach den letzten Reu- heilen hetzen: also bringt sie dieses eine Filmtheater. das sehr gut gehen soll, und es ist erstaunlich, was für eine Masse alter Filme vorhanden sind, die immer noch Wert haben, so daß sich auch schon beim Film die Scheidung zwischen Augenblicks- und Ewigkeitskunst (entschuldigen Sie das Wort) durchzusehen beginnt.
Der Querschnitt durch Henny aber! Vierzig Rollen in zwei Jahrzehnten. Von dem ersten Kurzdrama „Verkannt" — eine heute sehr komische Geschichte aus den Kinderzeiten des Films — bis zum Schlußakt des Schauspiels „Zuflucht". Dr. Kalbus steht währenddessen an seinem Dor- tragspult und erklärt. Etwa so: „Dieses Bild hat auch e in hohes biographisches Interesse. Sie sehen hier Henny Porten im Zusammenspiel mit ihrem Mann, der nachher im Felde fiel. Oder dann: „Uno endlich erhielt- die Künstlerin das schmerzliche Telegramm, auf das wir in jenen Jahren alle warteten. Ihr Mann war gefallen. Aber Künstler dürfen nicht klagen. Und so entwickelte denn auch Henny Porten erst aus üjrem Schmerz die ganze Tiefe ihrer Kunst." So er*
Dilettantenbühne beiwohne, so entdecke ich oft genug Persönlichkeiten, von denen ich instinktiv sichle, daß die Möglichkeiten in ihnen schlummern, in kurzer Zeit zu einem Liebling des internationalen Filmpublikums zu werden.
Kürzlich war ich aus der Suche na'p einer Filmschauspielerin als Partnerin für Ronald Colman und einem Filmschauspiele', als Partner für Dilma Banky. Man hat mir vorgeschlagen, Dilma Danky in einem Film mit chrem Gatten Rod la Roque spielen zu lassen. Ich halte nichts davon Eheleute in einem Film Liebesszenen spielen zu lassen. Der Film soll uns in unbelannte Gefilde führen, er soll uns die blaue Blume der Romantik bringen. Wie kann der Zuschauer irgendwie von dem Spiel ergriffen werden, wenn er von vornherein weiß, daß die beiden Harchtpersonen, die im Film allerhand Schwierigkeiten zu überwinden haben, bevor sie sich zum guten Ende glücklich in die Arme sinken können, bereits seit Jahren Eheleute sind.
Hat man ein echtes Talent gefunden, dann ist es verhältnismäßig leicht, aus dem Betrefienden einen wirklichen Star zu machen. Es ist kein Kunststück, aus euvm Anfänger, der die sieben eingangs von mir erwähnten und als unumgänglich notwendig bezeichneten Eigenschaften besitzt, einen berühmten Filmschauspieler oder eine vergötterte Filmschauspielerin zu machen. Dazu gehört keineswegs eine Riesenreklame, sondern alles, was man zu tun hat, ist, das neu entdeckte Talent in einem ausgezeichneten Filmspiel auftreten, dieses von einem vorzüglichen Photographen aufnehmen zu lassen, kurz alles daran zu wenden, einen wirklich erstklassigen Film zu schaffen. Mary P i ck f o r d , die Geschwister G i s h , Mae Murray und alle die anderen Stars, die ich bisher lancierte, verdanken ihren Weltersolg dem Llm- stande. dah sie einen guten Start in einem wirkungsvollen Film erhielten, d. h. einem Film, dem ein gutes Drehbuch zugrunde lag.
Was ist nun aber ein gutes Drehbuch? Es muß Interesse erwecken und die Handlung in geschicktem Aufbau logisch zu Ende führen. Wenn eine Frau einen Mann liebt, so muß diese Liebe dem Publikum verständlich erscheinen: wenn die Wege der beiden sich zeitweilig trennen, müssen die Gründe für diese Trennung einleuchtend sein und schließlich muß es erklärlich sein, wenn sich beide zuletzt wieder entschließen, ihren Lebensweg gemeinsam zu gehen. Eine sehr wichtige Rolle spielt der Hintergrund oder das Milieu des Filmspieles, das fast jedem Felde menschlicher Tätigkeit entnommen werden kann und ebensogut Börse oder Rennbahn wie Klubleben oder Boxkampfarena sein kann. Das alles klingt vielleicht recht einfach und ist doch das letzte große Geheimnis der Filmkunst.
Wie ich auf der Suche nach Filmstars bin, so bin ich auch stets auf der Jagd nach guten neuen Drehbüchern. Ich bin jederzeit bereit, für eine gute Filmidee 1000 Dollar und noch mehr zu zahlen. Es muß aber auch eine wirklich brauchbare Idee fein, die neuartig, reizvoll und technisch durchführbar ist. Man kann oft eigenartige Wirkungen durch neue optische Mittel erzielen, reizt aber damit vielleicht nut eine kleine Minderheit des Filmpublikums, ohne auf die große Masse Eindruck zu machen. Einen guten publikumswirksamen Film herzustellen, kostet sehr viel Zeit und meist sehr viel Geld. Man muß immer versuchen, der großen Gemeinde der Filmliebhaber zu gefallen und nicht nur einer hochkultivierten Oberschicht. Man muß auch daran denken, daß das große Publikum menschlich ergreifende Filmspiele vorzieht und nicht etwa überspannte, phantastische Sujets.
„Das Publikum wünscht..." — ist ein Ausspruch, den man oft hört. Was wünscht das Publikum? Tausende von Menschen verwenden ihre ganze Zeit darauf, den Schlüssel dieses Geheimnisses zu finden. Meine eigene Erfahrung hat mich gelehrt, daß das Publikum, das wie ein großes Kind ist, eigentlich nur zwei Gemütserregungen im Film sucht: das Lachen und das Weinen. Zeigt man ihm einen Film, der diesen seinen primifiven Wünschen entspricht und der einen menschlich sympathischen, künstlerisch wertvollen Star in der Hauptrolle bringt, so wird es stets ausrusen: „Das ist ein guter Film!"
zählt er, und man erinnert sich mit leisem Schauern an die Ansager der finsteren Kintöppe. Dabei geht nun — in den vierzig Rollen — unsere Henny ihren Auhmesweg. Sie entwickelt sich von einer stummen Pantowimin zur Schauspielerin, und wenn man von heute ungeheuerlich wirkenden Lächerlichkeiten der Kleidung, der Kulissen. der Photographie abfieht, rast die Entwicklung der Filmtechnik mit einer hinreißenden Schnelle die enorme Strecke vom elenden Kitsch zur Literatur, sagen wir zaghaft und voller Bedenken: zur filmischen Kunst. — Was unsere Heirnh angeht, so ist nicht erinnerlich, dah sie auf diesem Wege besonders führend oder richtunggebend gewesen wäre, sie hat diesen Weg mitgemacht ist ihn mitgegangen wie alle ihre Partner, die im langen Zuge auf der Leinwand erscheinen: Abel, Dassermann, Deutsch, Dieterle, Jannings (man sieht ihn in seiner ersten Rolle, einen guten Jungen, naiv, harmlos und scheinbar ohne hervorragende Begabung), Kortner (in Jessners „Hintertreppe", die der Vortragende etwas abschätzig als Experiment bezeichnet — warum eigentlich?), Werner Krauß, Harry Ltedtte, Schünzel. Da stehen sie alle, in alphabetischer Reihe, die diesen filmischen Siegeslauf mitgegangen sind und noch immer ihn gehen.
Hnb das alles, diese ungeheure Strecke von „Verkannt" bis zur „Zuflucht", hat sich binnen zwanzig Jahren ereignet, diese Kluft zwischen Kitsch und Machwerk und Literatur und Höhe hat sich in so kurzer Zeit überwölbt, davon noch vier Jahre vorn Krieg, mindestens ebensoviele von seinen drückendsten Rachwehen besetzt waren. Lieberblickt man diesen Weg, den man unter Führung unserer Henny zurückgelegt hat, so weiß man, daß wir heute noch gär nicht so sehr weit kamen, daß alles erst noch einen Anfang bedeutet, daß alles Werden und Wachstum und Entwicklung ist. Auch im Film. Weil er ja zu deni menschlichen Dingen gehört. B. D.


