Samstag, 9. Juni 1928
(78. Jahrgang
Nr. 154 Erstes Blatt
Drei Reden
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ahltaktik geprobt, sondern eine r man auch in Suhrn* t rechnen
und Bruhn«. ----- , .
dowsky stellt feft, daß bk« nur möglich ift, wenn kein Abgeordneter Widerspruch erheb«. Aus der Rechten wird von einzelnen Abgeordneten zögernd Widerspruch erhoben.
lendc Heiterkeit.)
Zur Geschäftsordnung verlangt nunmehr Abgeordneter R a | per (ft.) sofortige Abstimmung über die Freilassung der im Gefängnis sitz.-nbcn ommunistischen Abgeordneten .. Alterspräsident Gras v.
Sonntags ewb ^wrlog«.
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Di» Scholle
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Dr. Friede. Wilh. Lange, verantwortlich für Tolmli Dr. Fr Wilh Lange für Feuilleton Di H Idyrwt, für den übrigen Inl Ernst Biumichein- für den Anzeigenteil flurt tzillmann, sämtlich in Gießen
(Surufc bei den Kommunisten .Aufwertung!") 3um Schluß spricht der Alterspräsident die Hoffnung auö. das; trotz aller Gegensätze eine gemeinsame Arbeit der Parteien möglich sein werde. (Surute bei den RationalloziaUsten: Schluß mit dem Redeverbot für Adolf Hitler! - Schal-
Realität, mit der man auch in Zukunft rechnen kann. Und sollte eS recht sein. PoincareS Untcr- schrist unter einem revidierten Dawesplan ist uns wertvoller als die eines Mannes, der nicht btc ittnerpvlitische Macht hat. sich bis zu Ende durch- zusetzen. Qlber Poincares Unterschrift haben totr noch nicht, imb es wird wohl viel Wasser zum Meere fließen. bis wir soweit sind. Vorerst folgt immer noch den allgemeinen Phrasen über Frieden und Verständigungsbereitschaft, die neuerdings um die eine Nuance bereichert sind, daß es Sache der
erhöben, sich in innerpolttische Angelegenheiten Italiens einzumischen, eine Einbuhe erlitten hätten. Hier muh unS Herr Mussolini gestatten, einer anderen Auffassung Ausdruck zu geben. Gewiß könnten die Beziehungen zwischen beiden Ländern sehr viel herzlicher sein alS sie heute sind wenn nicht der Schatten SüdtirolS dazwischen stände Es fällt keinem Deutschen ein, der seine gesunden Sinne beisammen hat, sich in die inneren Verhältnisse Italiens einmischen zu wollen. Aber keine Macht und kein Mensch der Erde kann uns verwehren, warme und herzliche Sympathie für einen deutschen DolkSstamm zu hegen der im mihverstandenen Interesse emer nationalistischen Regierung geknechtet und seiner tau’enbjäbrigen Kultur beraubt werden soll. Gerade Italien und sein tatsächlicher Beherrscher Mussolini treten überall für die Wahrung der Rechte italienischer Stammesangehöriger auf ihre Kultur, Sprache und Gesittung mit grvher Tatkraft ein, ob das nun tn Malta, Dalmatien Tunis, Frankreich oder sonst wo der Fall ist. Was dem einen recht ist, ist dem anderen billig. Und deswegen nehmen wir für uns das Recht in Anspruch, Herrn Mussolini vorzuhalten, daß er in Südtirol ein grvhes Unrecht begeht. Diesen Schatten zwischen den beiden großen Völkern zu bannen, wäre für ihn eine Kleinigkeit. Er hat gerade durch seine grvhe Rede bewiesen, wie stark er Wandlungen angängig ist. und das ist immer ein Zeichen geistiger Gröhe. Deshalb geben wir die Hoffnung nicht auf, bei nächster Gelegenheit auch in dieser Hinsicht eine Wandlung zum Besseren feststellen zu können.
Eipose. daS alS Ergebnis seiner Orion ticnmg«- reise gelten muh. mit Aufmerksamkeit anzusehen. WaS Benesch über Deutschland taute, war nicht viel, abc» m einem betont freundschaftlichen Ton gehalten, den wir in Prag nicht tmer zu hören gewohnt waren. Wir konstatieren diesen Wechsel mit Genugtuung und knüpfen daran die Erwartung. dah die mancherlei zwischen beiden Wachten noch schwebenden Fragen namentlich tmrt- schastSpolittscher Art in gleichem gutnachbarlichem Geiste geregelt werden möchten. DaS wäre um so vorteilhafter für beide Parttwr. als die tschechische Wirtschaft in hohem Waste auf den Absatz in Deutschland angewiesen ist. Deutschland aber in der Tschechoslowakei die Drucke von Mitteleuropa zum Südosten sehen muh. der vmi immer gröberer Bedeutung für deutsche Politik und Wirtschaft werden wird.
Bel den Kommunisten entsteht darauf g roher Ium oft. Vie kommunistischen Abgeordneten scharen sich um die Rednertribüne und rufen empor: „ID o i st der Lump? Dem mühte man eine Ohrfeige geben! Sieh aus, du feiger Lump!" 3m ganzen Hause herrscht allgemeine Erregung. Diese steigert sich noch, al« plötzlich die Kommunisten sich unter Führung des Abgeordneten Kaspar nach der Rechten begeben, um die Abgeordneten ausfindig zu machen, die gegen den Antrag widcr- fprud) erhoben haben. Sic sollen plötzlich über den Abgeordneten ponfick (Bauernpartei) her, der von einem kommunistischen Abgeordneten einen Zanstschtag erhält. Lv entwickelt sich eine regelrechte Schlägerei, bet der die Kommunisten, besonder« ein Abgeordneter In der Uniform der Roten Frontkämpfer, auf den Abgeordneten ponsick vereint elnschlageu 3m ganzen Hause ertönen dauernd stürmische Pfuirufe. Dem Abgeordneten Ponstck. der blutende wunden baoongetragen hat, gelingt es schliehlich mit Hilfe anderer Abgeordneten den kommunistischen Angreisern zu entkommen. Unter allgemeinem Tumult oertähl Alterspräsident Posa- dowsky das Präsidium. Des verletzten Abgeordneten Ponfick nahm sich der Abg. Böhm (V.V.P.), ein Arzt, an, der ihn In das Krankenzimmer führt.
Rach einer kurzen Pause, nach deren Verlaus festgestellt wird.-dah der Abgeordnete Ponfick blutende Wunden bei der Schlägerei davon- getragen hat. nimmt Graf PosadowSky wieder den Platz des Präsidenten ein. Seine Mahnung. Ruhe zu halten, wird erst nach längerer Zeit befolgt Er schlägt dann vor. morgen eine neue Sitzung abzuhalten, um eine Regierungserklärung ent -egenzunehmen.
Abg. Pieck (ft.) beantragt, auch einen Miß - trauenSantrag seiner Partei auf die Tagesordnung zu setzen Widerspruch hiergegen erfolgt nicht. Abg. Pieck (ft.) beantragt Wetter, die Regierung wolle auf eine sofortige Amnestie für alle von den Gerichten deS Reiches imb der Länder verurteilten Proletarier hin- wirken Darüber hinaus beantragt er Gewährung von Straffreiheit für die von preußischen Gerichten txfolgten oder verurteilten Proletarier. Rachdem die Llbgeorkmeten Steinhoss (Dnt.) und ftube (Hat 6.) erklärt haben, dah sie dem Amnestieanttage dann nicht zustimmen können, wenn das Wort .Proletarier" nicht wegsällt. wird mit den Stimmen der Sozial
verliest er in stoischer Ruhe das sauber ausgefeiltc. im kleinsten wohlerwogene Expose eineS Außen- rninifters alten StilS. Hier spricht der gefätt-.gte FalziSmus. der auf eine Kette nicht unbeachtlicher Erfolge zurückblickt und bereit ift. der eigenen Ratton und der erregten Umwelt eine Ruhepause zu gönnen zur Sicherung des Erreichten und zur Vorbereitung neuer Aktionen Aus diesem wohligen Gefühl des Dc- sättigtteins heraus ist auch verständlich, wie Mussolini von sich auS dem Belgrader Kabinett goldene Brücken gebaut hat. um ihm die Ratt- fizierung der Rcttunv-Verträge zu erleichtern. ES wird von der innerpolittschen Stellung der Regierung abhängen, ob Marinkowttfch (ich gegenüber der Volksströmung durchzusetzen vermag. Von Rom aus wird ihm offenbar jede nur benfbare Unterstützung zuteil. Lins interessieren an der Rede Mussolinis vor allem die Sätze, die in Zusammenhang mit der Freundschaft zu Ungarn sich gegen den Vertrag von Trianon toanbten und noch darüber hinausgreisend die Revision« be Dürftigkeit der FriedenSverriäge im allgemeinen stark unterstrichen durch die Bemerkung. sie seien nicht für die Ewigkeit geschlossen und auch kein Ausfluß göttlicher Gerechtigkeit. Wir Höften, bald Gelegenheit zu haben, den italienischen Ministerpräsidenten an diese goldenen Worte erinnern zu fimnen und erwarten dann allerdings von ihm. dah er auch mit der Tat zu feinem Wort steht. Mussolini sprach bann noch von den herzlichen Beziehungen zu Deuttchland, die aber viel besser sein tonnten, wenn die alte Sympathie zwischen beiden Völkern nicht durch die Handlungsweise gewisser unver- antwortticher Kreise, die den grotesken Anspruch
Don unterer Berliner Redaktion.
Berlin, v.Iuni. Der Preuhische Laichtag ist am Freitagnachmittag zu seiner ersten Sitzung zusammengetreten, die eigentlich nur rein go- schäftSordnungsmähigen Eharatter tragen sollte. Aber eS lag in der Lust, dah e t wa S Pa s s t e- r e n würde, dah die Kommunisten gleich die erste Gelegenheit auSnützen muhten, um sich in ihrem neuen Glanze zu zeigen. Deshalb waren auch nicht nur das Haus, sondern auch die Tribünen überfüllt, und tue zahlreichen Besucher wurden in ihren Erwartungen nicht betrogen: die Kommunisten haben nach jeder Richtung dafür gesorgt, dah die Eröffnung des Preußischen LaichtageS ein Schaustück unwürdigster Art war Graf Posadowsky hatte die Ausgabe als Alterspräsident die Versammlung zu letten. Er hätte daS früher, vor zwanzig Iahren. als er noch Staatssekretär war. wahr- sche nlich vorbildlich gemacht: heute mit seinen 83 Iahren ist er viel zu all dazu. Die Geltung glitt ihm eigentlich vom ersten Augenblick auS der Hand. Er halte noch nicht einen Satz gesprochen. oa setzte eine ohrenbetäubende kommunistische Katzenmusik schon ein, mit dem üblichen Rus von Dieder und Hoch, ohne dah man im einzelnen herauShören konnte, in welcher Richtung sich die kommunistischen Wünsche ergingen. Rur das eine ergab sich, dah die Kommunisten bei der Aufstellung ihrer neuen Abgeordneten auf den Ctimmenumfang weitgehendste Rücksicht genommen haben. Graf Posadowssky machte den mehr alS überflüssigen Versuch, einige allgemeine Bemerkungen über die Würde und die Aufgabe eines Abgeordneten zu lagen; er muhte eS aber schliehlich auf geben, weil die Kommunisten ihn durch fortdauernde Zurufe auS dem Konzept brachten, und lieh dann eine Reihe von Anträgen verlesen.
Damit wäre ja eigentlich der Zweck der Eröffnungssitzung erfüllt getoclen. Die Kommunisten verstanden eS aber, den Grasen Posadowsky aufs Glatteis zu führen und sich zur Begründung einiger Anträge das Wort zu erbitten, woraus der Skandal erst richtig loS ging. Herr Kasper, einer ihrer Stimmgewaltigsten, der sich früher schon als Werfer von Tintenfässern bewährt hatte muhte den Antrag stellen, dah zwei feiner Genossen, die auf Festung sitzen, sofort f r e i gelassen würden. Gegen diese Eile erhob sich auf der Rechten Widerspruch, ttwmit der Antrag gescheitert war. Die Kommunisten wollten sich aber damit nicht beruhigen, in einer Moduls tionS- fähigkeit, die auf längere Probe schliehen lieh, brüllten sie dauernd herüber. .Wer ift ber feige Hund, der Widerspruch erhebt, wie beißt der Lump." BiS dann zuletzt einer der Widersprechenden. der Bauernabgeordncte Ponfictt sich durch Heraushebcn zu seinem Widerspruch bv- kannte. Sofort wurde von linkS her ein richtiges Rollkommando durch das ganze HauS zu dem Abgeordneten Ponfick hinübergeschickt, der sich vor den Kommunisten zurückzog. von ihnen durch den halben Saal getrieben wurde ohne dah aus bürgerlicher Seite sich auch nur eine Hand rührte, um die unabüxng- liche Prügelei zu vermeiden, die denn auch bald kam. Sechs, sieben Kommunisten fielen über Herrn Ponfick her und schlugen ihn fürchterlich zu- fmr.mcn. Ponfick suchte die Schläge abzuwehren, indem er die Arme vor das Gesicht hob. war jedoch natürlich gegen die Kommunisten macht- loS. zumal — und daS ist das am meisten Beschämende an dem ganzen Skandal —niemand
Sieger sei, den Besiegten die Hand zu reichen, die Einschränkung auf dem Fuhe, nur bann natürlich, soweit die Besiegten ihrerseits bereit seien, die Verträge zu erfüllen. Das ist die Generalrefervatton, mit Hilft derer sich Poincars irgendwelchen Zugeständnissen stets wieder entziehen kann, wenn es Ihm wünschenswert erscheint. Gerade deshalb aber ist es doch notwendig, einmal grundsätzlich folgendes aiiszusprechen: 3n der ganzen Wett «ebenfalls
der umherstehenden bürgerlichen Abgeordneten sich irgendwie ernstlich bemühte, dem bedrängten Kollegen Hilft zu leisten. Die Kommunisten konnten in aller Ruhe auf Geheimrat Ponfick einschlagen, konnten ihn so zurichtrn dah er im Gesicht und am Kopf blutete und einen Blut- crguh ins Auge davontrug, sie konnten nach ihrer Heldentat ebenso unbehelligt aus ihre Plätze zurückkehren — und alles, was gegen diese Roheit geschah, war. dah der Alterspräsident den Platz verlieh, um damit anzuzeigen, dah die Sitzung unterbrochen war. , $
Kein Wunder, dah die Kommunisten bei dieser achtenswerten Tapserkett der Rachbarn deS Herrn Ponsick und bei einer so straften Ge- schäftSsührung deS Präsidenteii für den Rest der Sitzung daS Feld beherrschten und da« Hau- weiter terrorisierten. Die Sitzung war iwch nicht lange wieder eröffnet, als von der rechten Seite der Publikumstribünen ein Mann in Rotfrontkämpferuniform erneut die Verhandlungen durch Zwischenrufe störte. Dieser Zwifchenfall wurde durch einen wetteren abgclöft, denn nun erhob fich ein Kommunist auf dem anderen Flügel der Zuschauertribünen und hielt eine minutenlange Hetzrede an das Haus. Er fchloh mit einem Hoch auf Die kommunistische Internationale und konnte dieses Hoch sogar noch wiederholen, während die Diener ihm freundlich zuredelen. die Tribüne zu verlassen. Immerhin war dieses Vorgehen schon ein Fortschritt gegenüber dem vorherigen Zwischenfall, bei Dem zwei Diener ratlos Aufbauten, ohne Den Rotfrontkärnpfer mit fünftem Rach- Drud an Die frische Luft zu fetzen.
Alles in allem also eine Premiere von nicht alltäglicher Art. Wan kann wohl sagen, ein empörenDes Schauspiel. Man kann gespannt Darauf fein, wie nun wohl Die folgenden Ausführungen auSfatten werden. Hosscnllich zieht man daraus wenigstens für Die Reichttagseröll- mmg die nötigen Lehren, um zu Verbindern. Dah eine antipariamentarifche Minderbeit auch daS Reichsparlament tn gleicher Weise terrorisiert.
Sitzungsbericht.
Berkin, 8. Iuni. (VDZ) Das HauS und die Tribünen sind schon lange vor der Sitzung stark besetzt. Alterspräsident Gras v. Posa- dowski eröffnet die erste Sitzung deS brüten Landtages um 16,15 Uhr, wird jedoch von den Kommunisten sofort lärm mb mit den Ritten unterbrochen: .Rieder rntt der Koalitionsregierung! Raus mit den politischen Gefangenen! Amnestie!" Als endlich Ruhe eingetreten »st. stellt Graf v. Pofadowski fest, dah er daS älteste Mitglied des Hauses ist und übernimmt baS Präsidium biS zur Wahl des endgültigen Du- reaus. Der Alterspräsident begrübt sodann die Abgeordneten, wobei er wieder von den Kommunisten lärmend unterbrochen wird .die Abgeordneten f itzen ja in den Gefängnissen!". Immer wieder von den Kommunisten durch lärmende Zwischenrufe unterbrochen, betont der Alterspräsident. dah die eigene Verantwortung jede« Wgeordneten im neuen Volksstaat schwerer wiege als im alten Staat. Die Regierung habe nicht nur das Recht, sondern auch die Pslicht. die bestehende StaatSordnunggegen jeden Versuch der Vergewaltigung zu schützen. Mit der bestehenden Dersassung müsse sich jeder Staatsbürger absinden. Diese Versassung sichere die Gleichheit jede« Bürgers sZuruft bei den Kommunisten: .Klassenjustiz!" und die Unverletzlichkeit deS Privateigentums.
, Kommunistischer Terror im preußischen Landing.
Unerhörte Prügelszenen in der Eröffnungssitzung.-Sin machtloser Präsident.-Mitwirkung ---- ~ der Tribüne.
außerhalb der französischen Grenzen, wird nicht bc- stritten, dah Deutschland da« Menichcnmoallche getan hat, um den an Fußangeln so reichen KcnaiUcr Vertrag zu erfüllen. Dir haben geleistet und geleistet. aufs Blaue hinein, und auch die Deutsche Dolkspariei ebenso wie die Deulfchnalionclen haben sich auf den Stützpunkt gestellt, daß, nachdem einmal gegen ihre lleberzeugung der Versailler Der- trag ratifiziert mar, dem deutichcn Volke nichts anderes übrig bleibt, als ihn gewissenhaft einzuhallen. Ein größeres Maß von Derttagstteue laßt sich nicht aut denken. Wir bedauern nur, daß wir den Fran- zoftn nicht das gleiche Kompliment machen können. Poincnr« hat ja Beweise genug geliefert von ber Art feiner Inter pretattonskünste; man denke nur an Den Ruhreinbruch. Viel schlagender ist jedoch, daß dem Versailler »ertrag ein W a f f e nst i l l ft a n d s o« r - trag poranging, der eigentlich Frankreich, die Vereinigten Staaten und England an eine Linie band, die sie nicht überschreiten Durften. Nachdem Deut ch- land sich nicht mehr wehren konnte, haben sie sich nicht gescheut, uns diesen Waffenstillstands vertrag vor die Füße zu werfen und uns Bedingungen auf- ruzwinaen, die mit diesem Vorvertrag schlechterdings nicht in Einklang zu bringen waren. Diel- leicht dürfen wir Herrn Poincar« an diese Art von Vertragstreue doch einmal erinnern.
2luch Benito Mussolini. Italien- Dcktator, der als Dritter den Ring schließt, hat sich m seiner großen Rede vor dem römischen Senat einer Mäßigung befleißigt, die beim Diktator Italiens ungewohnt wer. Seit zwei Iahren hat er nicht Über die außenpolitische Lage seines Landes gesprochen. Damals ein Jupiter ton ans, nach allen Seiten scharfe Schuren austeilend, überall Aufhorchen und Unruhe verbreitend, heute
Auch Herr Raymond Poincars trat aU Ehef eines neuen, ober beffer gesagt des alten. durch die Wahlen zuin Bleiben auf geforderten Kabinetts vor die Kammer der Deputierten, um da« Programm der Regierung darzulegen imb ein Vertrauensvotum au forbern. baS er heute schon in ber Tasche hat. Die Umstände bringen eS auch mit sich, dah er ber Kammer und dem Lande nicht viel ReueS zu sagen brauchte. Soweit sich seine Rebe auf btc außen- politische Lage Frankreichs bezoa. toieber&oltc sie alte Melobien von Den endgültigen Grenzen der Republik, von der Sicherheit, von der Unverletzlichkeit der Verträge und dem Recht Frankreichs auf Reparationen, aber in einem Ton, der um vieles milder klang als die schrillen Fanfaren, wie sie Poincare noch vor wenig Monden beliebte Er scheint es angejeigt zu halten, auch nach den Wahlen zu dokumentieren daß die Mäßigung, um deren willen man ferne Rede von Tarraftonne bewunderte, nicht bloh eine Laune des Augenblicks war. eine Waske, aus Gründen der W<
GietzeimAnzeiger
General-Anzeiger für Gberhefsen
Dmd niöDtrlag: BrfitflW UNtVerßlüu.vuch- mb Stetibriderti R. Lange in Gießen. 5chnftlettnng und Hefchäftrftele: Zchnftttaße 7.
ihre Parlamente zu rieten. Herr Eduard Be- nefch. Außenminister der Tschechoslowake, feit ber Errichtung deS neuen DöhmenstaatS auf den Hu inen der Habsburgermonarch.e, hat eine Reift durch die Hauptstädte West- und Mitteleuropas hinter sich. Reisen war immer seine starke Seite. DaS mag darin seinen Grund haben, dah die Wieg« deS tschechischen Staates im Ausland stand und Herr Benesch. der spätere Commis voyageur De« Völkerbundes, damals, während der Weltkrieg da« eingekeilte Mitteleuropa umtobte, als Adjutant MasarykS in und später außerhalb der Festung in dem Hauptquartier der Alliierten, in den Kabinetten Englands. Frankreichs. Amerika« für die Idee eines selbstänbigen tschechischen StaatSgebildes warb. Die Zetten liegen freilich wett zurück, sie find schon Geschichte, aber die emsig agile Geschästtgkeit ist Herrn Benesch au« diesen Iahren haften geblieben. Sr ist der diplomatische Han« Damps in allen ©affen, der überall seine Finger im Spiel haben muh, der & tout prix überall dabei sein will, wo eine politische Suppe gerührt wird. Und wenn er schon nicht Den Kochlöfsel schwingen kann, muß er wenigsten« über den Topfrand weg den Köchen feine Ratschläge geben. So ist die bewegliche, sich leicht vordrängende Figur Dr. Eduard Benesch« aus dem Gang der diplomatischen Ge- fchehnille Der letzten zehn Iahrc überhaupt nicht sortzudenlen. Bei Den Pariser FrieDensverhanD- I lungen. im ersten Senser VöllerbundSrat spielte er kräftig mit. wenn auch nicht im Quartett Der Großmächte, so Doch um so lauter im Orchester. Herr Benesch verfügt aber auch über sympathi- scher« Eigenschaften, al« Die eben gezeichneten. Eine grobe GewanDtheit In Der VerhanblungS- sührung und eine ausgesprochene Fähigkeit zu ver- Mitteln unD glückliche Formulierungen zu sinden, die zwar nicht- Enbgnttiges fdmffen, aber über Schwierigkeiten de- Augenblicks Hinweghelsen. baS find diplomatische Qualitäten. Die auch den Außenminister eine« Staate« von mittlerem Rang, wenn er eben nur die Persönlichkeit danach ist. Im engen Krei« der Lenker von Weltreichen gesucht wnb geschätzt macht. So war Herrn BeneschS Reise nach Pari«, London und Berlin, mochft sie auch al« privater Grholungsbummel durch die europäischen Hauptstädte ausgezogen sein, doch nicht die eine« beliebigen Duodezministers. und wenn e« in Berlin auch infolge ber ^schwermi Erkrankung Dr. Sriefemann« nicht zu der beabsichtigten Au-sprache ber beiden Außenminister gekommen ist. so haben wir Deuftc^ boch. allen Grunb un- Herrn Beneschs außenpvlittscheS


