Nr. 32 Zweiter Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhessen)Dienstag, 7. Februar 1928
Französisch-Flandern.
Von H. O. Wetter.
Auf Frankreichs Boden wohnt heute eine fremdnationalc. lebhafte Bevölkerung von 3,4 Millionen. Sie stellt die beachtliche Ziffer von 9 Proz. der Gesamtbevölkerung dar. und ist absolut viermal so grob als die heutige reichsdeutsche Minderheiten- bevölkerung. An der Gesamtbevölkerung gemessen hat Frankreich heute sogar relativ sechsmal mehr fremdnationalc Einwohner als Deutschland. Menn der Höhe dieser Ziffern die praktische Ent- toidlung der fremdnationalen Fragen in Frankreich auch heute noch nicht entspricht, so deuten sie doch eine mögliche, ja sichere Zukunftentwicklung an. Ganz abgesehen von E l s a b * Lothringen haben diese Fragen seit dem Kriege in der Bretagne, in Flandern, in Savoyen und Korsika, im katalanischen Rousillon und in den bastischen W e st - Pyrenäen eine ständig wachsende Bedeutung gewonnen. Mährend diese Minderheiten vor dem Kriege von der Pariser Regierung mit allen Gewalt- und Werbemitteln im Sinne einer rücksichtslosen Aufsauguitgspolitik behandelt wurden, nahm die französische Oefsentlichkeit von diesem Beitrag zur Devise „Freiheit. Gleichheit und Brüderlichkeit" und zum „Lebensrecht der kleinen Bölker" kaum irgend Kenntnis. Zwar ist letzteres inzwischen anders geworden, aber die Regierungspraxis hat sich nicht geändert, höchstens verschärft. Trotzdem wächst in all jenen Teilen des Landes der Widerstand gegen die Assimilationstendenz des französischen Staates. Selbst Bolkssplitter. die man vor 1914 als dem sicheren Tode verfallen erklären mutzte, regen und bewegen sich wieder und erfüllen sich mit einem leidenschaftlichen Willen nach kultureller Freiheit und Eigenständigkeit. So ist es in der Bretagne, im Baskenland und in Flandern. Reben den Elsah-Lothringern rufen diese 250 000 niederdeutschen Flamen, die zwischen Dünkirchen und der belgischen Grenze siedeln, besondere Teilnahme an ihrem Schicksal hervor.
Die flämische Sprachgrenze führte im früheren Mittelalter bis nach Boonen (Doulogne) und Kales (Calais) hinüber, verläuft heute aber westlich von Dünkirchen nach Süden, um dem Laufe der Lhs folgend bald zur belgischen Grenze hin- .zufinden. Reben diesem geschlossenen Gebiet haben die benachbarten Industriestädte Lille. Roubaix, Tourcoing und Armentiöres alte flämische Bestandteile besonders in ihrer Unterschicht aufzuweisen. die durch aus Belgien nachwandernbe Arbeiter gerade nach dem Kriege sehr verstärkt wurden. H a z e b r o u ck ist der Hauptort des Gebietes. Die Hafenstadt Dünkirchen ist stark französiert, doch wird auch hier noch viel flämisch gesprochen.
Das Land kam einst zwischen 1586 und 1678 durch die Raubkriege Ludwigs XIV. von Spanien an die Krone Frankreichs. Schon damals, als Französisch die Sprache der Gebildeten ganz Europas war. wurde die flämische Landessprache zu einer Bauern- und Arbeitermundart herabgedrückt. Aber erst der französischen Revolution blieb es Vorbehalten, durch einen Deschluh des Rationalkonvents von 1793 jeden amtlichen Gebrauch des Flämischen zu verbieten. Die Sprache der Knechtschaft solle durch die Jangue de la libertc“ ersetzt werden! Rapoleon I. verschärfte noch diese Maßnahmen, und die Ber- welschung ging auch nach 1815 unvermindert weiter. Das gesamte Schulwesen ging auch nicht mit einer Stunde auf die Bedürfnisse der flämischen Volkssprache ein, sogar die gesamte Praxis der katholischen Kirche, die für die Eigenart aller slawischen Völker immer so frühzeitig Verständnis zeigte, war rein französisch. So schien das Erlöschen des flämischen Volkstums vor dem Kriege nur noch Sache einer kurzen Frist zu sein. Es gab zwar eine Stelle, die sich mit Eifer der wissenschaftlichen Sammlung der flämischen Lieberlieferungen widmete, das schon 1852 gegründete ehrwürdige und höchst verdienstvolle „Comite flamand de France“, dessen heutiger Leiter der Professor Looten von der katholischen Universität zu Lille ist. Aber diese philologisch-geschichtliche Sammelarbeit schuf kein neues Leben.
Die erste Regung eines flämisch-nationalen Willens ging erst 1912 durchs Land. Der große Flamenführer B o o r m s , der wegen seiner Arbeit während des Krieges heute schon sieben Zähre im belgischen Zuchthaus sitzt und der Märtyrer seines Volkes geworden ist, gab die Anregung zur Gründung eines Vereins „Pro Westflandia , der den Flamen in Frankreich helfen sollte. Bis zum Kriegsausbruch wurden eine Anzahl Werbefahrten hinüber unternommen, die Erfolg hatten. Dann wurde Flandern zum Kampfgebiet. Aber auch jetzt kamen auf- rüttelnde Erlebnisse. 3m belgischen Heere, das zu 80 Prozent aus Flamen bestand, entstand jene radikal-flämische Geheimorganisation der „Frontpartei", die eine entschiedene Werbetätigkeit auch unter der Bevölkerung entfaltete. Der Zusammenbruch Deutschlands war dann der Zusammenbruch aller flämischen Hoffnungen in Belgien und Frankreich. Aber schon im 3ahre 1919 regten sich, zuerst von Dünkirchen aus, Stimmen für die Bewahrung der „regionalistischen Eigenarten" des Landes. 1920 entstand in Armentieres die erste flämische Zeitung, das Wochenblatt „Dc vlaamsche stemme“, die leider 1926 wieder einging. Die ganz französisch geschriebenen Lokalblätter brachten jetzt wenigstens kleine
Geschichten und Sprüche in flämischer Sprache. Unter der Führung der Geistlichkeit und der 3ugend bildeten sich an zahlreichen Orten sog. cercles Hamands zum Studium der niederländischen Sprache. Diese cercles schlossen sich 1924 auf dem 1. Flämischen Kongreß zur „Union des cercles Hamands" zusammen, die sich seit Anfang 1927 „Vlaamsch Verbond von Vrankrijk“ nennt. Der 4. Flämische Kongreß, der im 3uli 1927 zu Hazebrouck stattfand, konnte von einem erfolgreichen Aufschwung der Arbeit Zeugnis geben. Der Leiter der Veranstaltung, Professor Looten aus Lille, erklärte, daß die Zeit für die Flamen arbeite, und daß man in wenigen Jahren wohl endlich die große Volksbewegung in Gang gebracht haben werde, deren es bedürfe. Es wurde eine Entschließung gefaßt, die den klaren und unbeugsamen Willen ausdrückt, für die Erhaltung und Förderung der flämischen Volkssprache einzutreten. Reben dem Ausbau des Pressewesens werden für die Zukunft besondere Vorträge, Theateraufführungen und Konzerte in Flämisch erstrebt werden. So entschieden die hier vereinigten Gruppen und Persönlichkeiten auch für die eigenen Volksrechte einzutreten, so groß ist freilich auch ihre Anhänglichkeit an das französische Vaterland. „Vaderland en Moe
Oer Sternhimmel im Februar.
(Rachdruck verboten!)
Sonnenaufgang von 7.45 bis 6.50 Uhr.
Sonnenuntergang von 16.45 bis 17.35 ilßr.
Lichtgestalten des Mondes: Vollmond am 5. um 21 Uhr, 3. Viertel am 13. um 20 ilbr. 1. Viertel am 28. um 4 ilfjr.
mf. Der Fixsternhimmel zeigt die in diesem Monat alljährlich wiederkehrende Pracht.
sinken in die Dünste des Horizontes nur wenig verlangsamt wird. Ein hübsches Schauspiel gibt dem Sternfreund der Morgenhimmel, an dem die Venus als Morgenstern erstrahlt. Sie überholt den weniger schnellen Mars kurz vor der Monatsmitte. Zur Zeit ihrer größten Rähe sind die beiden Rachbarplaneten der Erde nur um etwa drei Vollmondbreiten voneinander entfernt. Da die Erdbahn in Wirklichkeit zwischen
t^Afarz (ttjJupzfer <^^fa/um
Jfarne. /(feine Bach- \ zfaben
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yu^fonne £) 1 Vierte/ (t) Vo//mond d 3. Vierte/
Der die 24 Stuzidsntahlen r<m Mitternacht hi* Mitternacht eine* Tage» enthaltende Kreit und die dich punktierte Linie, der sogenannte Horizont, rind fest- stehend zu denken. Der Sternhimmel dreht rieh tarnt dem auf Mitternacht zeigenden geraden Pfeil — gewissermaßen dem Zeiger der Himmelruhr — in 23 Stunden und 56 Minuten im Sinne det gebogenen Pfeile einmal um seinen Mittelpunkt. Der ei ngezeiebnete Horizont umrahmt die zu der Stunde, auf die der gerade Pfeil zeigt, um die Monatemitte sichtbaren Sterne. Unsere Karte zeigt alte den Zustand um Mitternacht der Monatsmiete. Will man zu einer anderen Stunde beobachten, so denke man eich den Sternhimmel tarn', dem geraden Pfeil eo gedreht, da/i dieser auf die Beobachtern gsstunde zeigt; dadurch werden die zu dieser Zeit sichtbaren Sterne m den nicht mit zudreh enden Horizont hrn- etngedreht. Für je 5 Tage vor der Monatsmitte ist der gerade Pfeil */l Stunde früher, für i* 5 Tage nach der Monats- mitte 1/3 Stunde später tu stellen. Man vergleiche die nächste Monatskarte. Der Mond nimmt die gezeichneten Stiftungen ein, wenn er die angedeutete Licht- gestalt zeigt.
Die hauptsächlichsten Wintersternbilder erstrahlen noch schöner und Heller als im Vormonat. Allerdings gilt dies nur für die frühen 2lbend- stunden: in den späteren senkt sich bereits der Stier und ihm folgend der Orion nach Westen Der Sirius bleibt freilich noch sichtbar. Dagegen erscheint gegen Monatsschluh etwa um 21 jlbr der Arctur als erster Frühlingsbote im Rord- often. 3e höher der Große Bär emporsteigt, desto höher zieht er den „Bärenführer" — denn das bedeutet „Arctur" — mit sich.
Don Wandelsternen bringt uns der Abendhimmel nur den Jupiter, der im Anfang noch in der Rähe des Frühlingspunktes steht, sich aber dann merklich nach links verschiebt, wodurch freilich fein allmähliches Ab-
den Bahnen von Venus und Mars verläuft, so kann eine so große Annäherung nur dann geschehen. wenn der Mars weit hinter der Venus steht. Seine Entfernung von uns ist dementsprechend ziemlich groß und fein Licht ziemlich schwach. Roch ein dritter Wandelstern, der fonnenfeme Saturn, ist als Morgenstern sichtbar. Er steht noch ziemlich hoch. So ist dieser Monat für die Beobachtung der Wandelsterne nicht übermäßig günstig. Zudem gilt es, von den beiden hellsten von ihnen, vom Jupiter und von der Venus Abschied zu nehmen; denn gleichzeitig werden die Sichtbarkeitsbedingungen für den Jupiter am Abendhimmel und für die Venus am Morgenhimmel immer ungünstiger.
Kü st ermann.
derdacl" (Muttersprache) ist ihre Devise und „Faire une plus belle Flandre pour une plus belle Franke“.
So ist es möglich, daß der flämisch-nationalen, regionalistlschen Bewegung ein Bundesgenosse in der Gestalt des nordsranzöüschen RegionaliS- mus erwächst. Auch dieser ist ein Kind des Krieges und wird getragen von der Gegnerschaft der katholischen Kirche gegen den antiklerikalen französischen Süden, von dem wirtschaftlichen Gegensatz der nordfranzösischen Industrie gegenüber dem wirtschaftlich zurückgehenden aber politisch einflußreichen Süden und von dem nordischen Rassegedanken Gobineaus und seiner Schüler. Seit 1921 erscheint zur literarischen Vertretung dieses höchst interessanten „mouvement nordic" der „M ercure dc Flandre“ in Lille, der sich auch der flämischen Belange mit Eifer annimmt. Mitte 1926 bildete sich aus den gleichen Kreisen die „Ligue des droits du Nord“, die durch ihr entschiedenes Eintreten für den elsaß-lothringischen Heimatbund im August 1926 Aufsehen erregte. Diese Liga steht in Verbindung mit der großen „Föderation regionalste fran^aise“, in der alle so verschiedenartigen regionalistlschen Bestrebungen Frankreichs zu- sammengefaht sind. Bezeichnend ist, daß deren Generalsekretär auch an dem Flämischen Kongreß in Hazebrouck teilnahm und dort über den Regionalismus der französischen Minderheiten sprach.
Hoffnungsvoll ist, daß die katholische Kirche neuerdings mehr Verständnis für die flämische Sache zeigt, daß 1925 ein doppelsprachiger Katechismus eingeführt und an der katholischen Universität Lille ein niederländischer Sprachkurs errichtet wurde. Begrüßenswert erscheint schließlich, daß auch, die kulturell „großniederländisch" eingestellten Kreise in Belgien und Holland lebhafte Anteilnahme für die junge Bewegung in Frankreich empfinden, deren Aufgabe im Gedichte eines ihrer Führer (Mcr- cure de Flandre, August 1927) so dargestellt wurde.
„Heden is d’oorlog niet met wapens op den Rhijn! Wij moeten den vijand, di ou gelöst verloren, Toonen door wederstand en ijver dat wij zijn grothertig als te voren!“
„Heute geht der Kampf nicht mehr mit Waffen um den Rhein! Wir müssen dem Feind, der euch schon verloren glaubte,
zeigen, durch Widerstand und Eifer, daß wir hochgemut wie früher find!"
politische Probleme -es heutigen Afrika.
Der weit bekannte Forschungsreisende, Dr. Lolin Roß, hielt in Berlin auf Einladung der Gesellschaft für koloniale Erneuerung einen Vortrag über die politischen Probleme des heutigen Afrika. Colin Roh schilderte zunächst von reinen Rühlichkeitsmomenten aus feine heutige Einstellung zu den kolonialen und imperialistischen Fragen und wandte sich dann dem Problem Afrika und dem Verhältnis der Schwarzen zu \ den Weihen zu. Rach Colin Roh gibt es eine ganze Reihe non Vorteilen, die der Weihe dem Schwarzen gebracht hat. Diese sind in erster Linie technisch vollkommene Verkehrsmittel, ser- : ner Schutz gegen Krankheit, gegen Ratur- gewallen, Einflüsse der Wildnis usw. Trotz dieser kulturellen Einflüsse aber seht der Schwarze immer noch dem Weihen einen erheblichen Widerstand entgegen, was verständlich ist, weil er in erster Linie fürchtet, daß er von seinem Lande verdrängt wird. Die Grund- lienen seines Vortrags waren dann etwa dio folgenden: Deutschland kann keine fid) selbst genügende Existenz innerhalb Europas nach dem Vorbilde der Schweiz führen. Es ist zu groh und auch heute bereits wieder Weltmacht, und kommt mit den Fortschritten feiner Entwicklung wieder in öle weltwirtschaftlichen Beziehungen hinein. Die Kolvnlalf rage kann daher nicht mehr unabhängig von unteren sonstigen außenpolitischen Orientierungen behandelt werden. Bei der Forderung auf Rückgabe unserer Kolonien haben wir zu beachten, dah die Rück-
Aus -em glatten Parkett.
Anton von Werner, Fürst Bülow und eine Prinzessin.
Von Dr. A. von Wilke.
Der Februar, von jeher die Zeit der Bälle und Festlichkeiten, der großen Diners und Soireen, ist nach einem alten Witzwort jener schreckliche Monat, in dem man „aus dem reinen Oberhemd gar nicht mehr herauskommt". In dieser Zeit fühlt sich der „Salonlöwe" am wohl- sten. er glänzt überall mit sorgfältig gebrech- selten Komplimenten, macht mehr oder minder geistreiche Bemerkungen und kommt sich überhaupt als der wichtigste Mensch unseres Jahrhunderts vor. Aber nicht jeder steht am sich er - sten auf dem glatten Parkett, und man Rmn nicht behaupten, dah gerade die begabtesten, geistig höchststehenden Persönlichkeiten niemals auf dem gefährlichen Boden ausgleiten. Das soll nicht gerade heißen, dah der Typus des unbeholfenen und weltfremden Gelehrten, der einen Fehltritt nach dem anderen begeht, sobald er sich von seinen Büchern und Schriften trennt, in der Gesellschaft besonders häufig anzutreffen ist. Sogar die Witzblätter haben allmählich eingesehen, daß der moderne Gelehrte sich in seinem Aeuheren und in seinem ®e- bahren nur wenig oder gar nichts von einem Beamten, einem Bankier, einem Parlamentarier oder einem Diplomaten unterscheidet. Man darf sich nicht mehr vorstellen, daß „der Herr Professor" einen vorsintflutlichen Frack mit Beinkleidern trägt, die eine verzweifelte Aehnlichkelt mit Korkenziehern haben, oder dah sein Haar in Locken auf gewölbte Schultern herabwallt. Der Gelehrte unserer Tage nimmt nicht mehr das zweifelhafte Vorrecht für fid) in Anspruch, in beständiger Zerstreutheit Aeuherungen zu tun, die jedem anderen als arge Taktlosigkeit angerechnet werden würden. , .
Richt nur für den Gelehrten, auch für jeden Routinier hat das Parkett seine Tücken. Wer strauchelt, darf auf kein Mitleid rechnen; im besten Fall erregt der Hebeltäter Schadenfreude: häufig zieht er sich aber den unversöhnlichen Zorn desjenigen zu, den er ahnungslos dem
Spott preisgegeben hat. Wer eine Tischdame zugewiesen erhält, die er nie zuvor erblickt hat und deren Rame ihm bei den lächerlichen Dorstellungszeremonien unverständlich bleibt, wird seine Unterhaltung behutsam auf unpersönliche Gebiete beschränken, damit ihm nicht das mit» erlebte Schicksal jenes Unglücklichen widerfahre, der schon bei der Suppe seiner Tischdame erzählte, er habe gestern ein unglaublich dummes neues Stück des Dichters R. gesehen. Der Unvorsichtige bemerkte seinen faux-pas. erst, als die Dame ihm empört entgegnete, sie fei die Frau eben jenes Dichters. Man braucht sich nicht zu wundern, daß dieser ungeschickte Tisch- Herr während des weiteren Derlaufs des Diners sich mit dem Anblick der abgetoenöeten Schulter seiner Tischdame begnügen mußte.
Wenn Ernst von P o s s a r t in einem Münchner Salon an einen Schauspieler, der sich selbst längst für eine europäische Berühmtheit hielt, die herablassende Frage richtete: „Auch beim Theater?", so war das eine kleine Perfidie; die Bemerkung eines ostelbifchen Agrariers an feinen „Standesgenofsen" Anton von Werner dagegen, den er auf einem Berliner Hofball kennen lernte und gerade heraus fragte: „Sagen Sie mal, Herr von Werner, malen Sie Ihre Bilder wirklich selber?" kann man getrost als eine riesige Dummheit bezeichnen. Unwahrfchein- lich und dennoch wahr, von mir selbst beobachtet, ist die Geschichte von dem Gast, der zum erstenmal in einem fremden Berliner Haus weilte und einem Herrn vorschlug, doch lieber irgendwo in einer Weinstube zusammen ein Glas zu trinken, statt sich hier zu langweilen — und dem der also angeredete Herr eifigtalt erwiderte: „3 ch kann leider nicht fort, ich bin näm- l ich der Hausherr!“ So etwas hätte früher kaum geschehen können, da man ehemals im allgemeinen erst sehr formell in eine fremde Gesellschaft eingeführt und natürlich den Gastgebern ganz besonders feierlich vorgestellt wurde. Inzwischen hat die Geselligkeit vielfach einen Charakter angenommen, der jeden intimep Zusammenhang zwischen den Wirten und den Gästen ausschlieht. Das ist nicht nur in Deutschland der Fall, sogar in der steifen englischen Gesellschaft mutz man ähnliche Ereignkffe verzeichnen. Reuerdings ist es in einigen der vornehmsten
Londoner Häuser Brauch, daß sich die Gäste am Eingang durch Dorzeigen ihrer Einladungskarte legitimieren. 3m vorigen Winter haben sich nämlich einmal einige Klubjünglinge den „Spatz" gemacht, auf Reunions und Bällen, auf denen sie nichts zu suchen hatten, zu erscheinen und die Büfetts gehörig zu plündern. Dann verschwanden sie wieder, ohne sich weiter um die Gesellschaft zu kümmern. Ein derartiger Hausfriedensbruch wäre im London der viktorianischen Zeit undenkbar gewesen.
Solche vorbedachten Ungehörigkeiten sind freilich große Ausnahmen; im allgemeinen strauchelt man auf dem Parkett nur aus Unachtsamkeit oder aus ilnfenntniS. Auf einem Ball, den der Fürst P l e ß in seinem Berliner Palais gab, rief ein Trupp biederer Männer großes Aufsehen hervor; niemand kannte die kernigen Gestalten, die plötzlich erschienen waren und sich scheu umsahen, bis sich herausstellte, daß die ungebetenen Gäste nicht gewaltsam eine fremde Gesellschaft stören wollten, sondern süddeutsche Reichstagsabgeordnete waren, die auf dem Weg zu einem Bierabend im Rebenhaus, dem Palast des Reichskanzlers, das Ziel verfehlt hatten. Das Mißverständnis war rasch geklärt und löste auf beiden Seiten ein herzliches Lachen aus. Drolliger noch wirkte ein junger Diplomat aus dem fernen Osten, der einer Abendeinladung des Fürsten Bülow folgte und dabei dem galonierten Portier vor dem Reichskanzlerpalais, den er für einen hohen Würdenträger, vielleicht sogar für den Fürsten Bülow selbst hielt, mit tiefen Der- beugungen die Hand schüttelte.
Man soll solche Irrtümer nicht allzu sehr belachen. Mir selbst ist in Paris einmal ein ähnliches Mißgeschick widerfahren, als ich an einem Diner bei einer weltberühmten Sängerin teil« nahm. Das ist nun schon ziemlich lange her, aber ich entsinne mich noch genau, wie ich in der Dorhalle des Hauses einem vermeintlichen Diener den Pelz über den Arm legte und Hut und Stock in die Hände drückte, um der Hausfrau, die an der Treppe ihre Gäste erwartete, die Hand zu küssen; da erfuhr ich zu meinem Schreck, daß der vermeintliche Diener, der zu feinet Verwandlung in einen Garderobenständer ein sehr klägliches Gesicht schnitt, ein spanischer Herzog und hoher Grande sei. Einen faux-pas,
der noch in der Erinnerung Unbehagen hervorruft. beging ich bei der ersten parlamentarisch- pol'tifchen Soiree, zu der Herr v. Bethmann- H o 11 w e g als frisch ernannter Staatssekretär des Reichsamtes des Innern hatte Einladungen ergehen lassen. Man sollte um 9 Uhr erscheinen, aber durch einen unerklärlichen Zufall hatte ich die Einladung falsch gelesen und war schon um halb neun erschienen. Etwas auffällig war ja die Leere im Vorraum, wo sich die Diener eifrig um den ersten Gast bemühten; ein schneller Blick, den ich durch den Türspalt in die Flucht der Säle warf, lehrte, daß im entferntesten Raum die Familie des neuen Staatssekretärs noch zum Abendessen vereinigt war. Bevor die Tür weit aufgerissen werden konnte — im Hintergrund erhob sich schon Bethmann-Hollwegs lange Gestalt, um dem frühen Gast entgegenzugehen —. ahnte ich das Versehen und wandte mich kurz entschlossen zur Flucht, um in einer halben Stunde wiederzukommen. Dieser plötzliche Rückzug war vielleicht auch nicht die richtige Lösung, aber man soll Staatssekretären nicht die wenigen Minuten ihres Familienlebens rauben.
Eine besondere Glätte war stets dem höfischen Parkett eigentümlich. An einem kleinen mitteldeutschen Hof hatte mich einmal eine Prinzessin, die sich schon „in reiferen Iahren" befanö, durch ihren Kammerherrn zum Tanz „befohlen", wie die Formel damals lautete. Rach dem Tanz, der nach höfischem Brauch' als ein „Pas de deux“ absolviert wurde, während alle anderen Paare zu tanzen auf hörten, gedachte die Prinzessin einer sommerlichen Zusammenkunft mit der Familie ihres Tanzpartners und seufzte: „Wie lange ist das nun her!" — „Genau zehn Jahre", war die vorschnelle, aber wahrheitsliebende Antwort. K.'ine Frau wird gern an ihr Alter erinnert; scharf und nachdrücklich verbesserte die Prinzessin: „Genau zwei Jahre ist es her!" — So feinfühlend ist man heute wohl nicht mehr, und es ist überhaupt leichter geworden. sich auf dem Parkett zu bewegen, seitdem Die flotten, stürmischen Rundtänze, der Walzer und der Galopp, verschwunden sind. Denn früher konnte man nicht nur mit Worten, sondern gelegentlich auch mit den Füßen auf der glatten Fläche straucheln.


