Nr 56 Erstes Blatt
178. Jahrgang
Dienstag, 6. MSrz 1928
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Gießener Anzeiger
General-Anzeiger für Oberhessen
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Chefredakteur
Dr Friedr. Wilh. Lange. Verantwortlich für Politik Dr. Fr Wilh Lange, für Feuilleton Dr H.THyriot, für den übrigen Ted Ernst Dlurnichein; für den An- zeigenteil Aurt Hillmann, sämtlich in Gießen
Das Ergebnis der polnischen Wahlen.
Im Jahre der Wahlen 1928 hat Polen al S erstes den Reigen eröffnet und am 4. Marz seine Reichstags- oder Sejm-Wahl abgehalten. Wenn man bei dem Ergebnis von einem Links- r u ck spricht, so darf man dabei nicht deutsche Vorstellungen von Parteiwesen in Anwendung bringen. Das eigentliche Ergebnis besteht darin, daß der wahre Lenker des heutigen Polen, Marschall P i l s u d s k i, zwar noch nicht die absolute Mehrheit für feine Anhänger im neuen Sejm errungen, aber seine Stellung derart gefestigt bat, bah er für seine Person und feine Ideen inu Beruhigung in die Zukunft blicken kann. Daß Pilsudskt früher eine besondere Art von Sozialdemokrat war, gibt noch keine Berechtigung dazu, von einem Sieg der Linken zu sprechen, denn die eigentlichen Sozialdemokraten sind sogar vernichtend geschlagen worben. Selbst die Kommunisten haben auf Kosten der Sozialdemokraten zunehmen können.
Wenn man sich die Dinge bei Licht betrachtet, so ist der Ausgang der politischen Wahlen ein rein persönlicher Erfolg des Marschalls, der zweifellos die' bedeutendste Persönlichkeit deS heutigen Polens überhaupt ist. Wenn man also dem Ergebnis eine bestimmte Bedeutung unterlegen will, so könnte es nur die sein, daß die Persönlichkeit eines einzelnen Mannes tzber den Parteihader und die Parteizersplitterung gesiegt hat. Man könnte noch weitergehen und sagen, daß auch in Polen die Idee der Diktatur und eines Diktators den Sieg davongetragen hat. Daran ändert auch nichts, daß dieser Sieg zweifellos unter Anwendung von Mitteln errv. worden ist, wie sie in einer wohlgeordneten Demokratie nach den Dorstellungen unserer Demokraten und Sozialdemo- kraten bei einer Linksregierung ausgeschlossen sein mühten. Die von Pilsudski abhängigen Behörden haben einen Wahlterror ausgeübt, wie er allenfalls noch in Ruhland möglich wäre.
Zum Erfolge Pilsudskis hat offensichtlich auch die Parteizersplitterung beigetragen, die in Polen so groß ist, daß selbst die deutschen Parteizersplitterer vor Reid erblassen könnten. Richt weniger als 33 Wahlvorschlage waren eingereicht worden, von denen allerdings sechs für ungültig erklärt worden sind. Bei den letzten Wahlen vor etwas mehr als fünf Jahren betrug die Zahl der Wahlvorschläge 22. Seitdem hat also auch in Polen die Parteizersplitterung und die allgemeine politische Zerfahrenheit noch erhebliche Fortschritte gemacht. Um so verständlicher wird es, dah in einem derartigen Wirrwarr die auf einen einzelnen Mann gestellte Parteigruppierung große Erfolge erzielen konnte. Es ist noch immer so in der Welt gewesen, dah die große Masse sich von der einzelnen Persönlichkeit imponieren läßt.
Für uns Deutsche ist besonders erfreulich, tote sich die deutsche Minderheit in ganz Polen, vor allen Dingen im Korridor und in Ostoberschlesien, gehalten hat. Wenn man berücksichtigt, daß seit der vorigen Wahl vor fünf Jahren zahlreiche Deutsche dem polnischen Druck gewichen und ausgewandert sind, dah ferner viele noch für Deutschland optiert haben, dah schließlich eine sehr große Zahl von deutschen Besitzern von den polnischen Behörden enteignet und vertrieben worden sind, dann erst wird der Erfolg ins richtige Licht gestellt, den unsere deutschen Landsleute im ehemals preußischen Gebiet errungen haben. Es wäre schon eine Großtat ersten Ranges, wenn es ihnen gelungen wäre, ihren alten Besitzstand zu behaupten. Aber nicht nur das haben sie vermocht, sondern darüber hinaus haben sie noch die Zahl ihrer Mandate um ein bis zwei vermehrt. Wie bewunderungswürdig ihre Disziplin und thr Opfermut gewesen sind, zeigt sich darin, daß in den deutschen Bezirken die Wa hl betet! t- gung 90 bis 95 Prozent betragen hat, m den übrigen Teilen Polens nur 60 bis 65 Prozent. Man kann also wohl mit berechtigtem Stolz behaupten, daß von den deutschen Ansiedlern und Bewohnern ein jeder einzelne ohne Ausnahme zur Wahl gegangen ist und für die deutschen Kandidaten gestimmt hat.
Der hierbei an den Tag gelegte Mut tritt um so mehr in die Erscheinung angesichts des schon oben erwähnten Einschüchterungssystems, das die polnischen Behörden namentlich in Ostoberschlesien zur Anwendung gebracht haben. Sie sind sogar unter souveränster Richtachtung der bestehenden gesetzlichen Vorschriften so weit gegangen, die Wahrung des Wahlgeheimnisses preiszugeben und die Wahlzellen zu beseitigen, so daß jeder einzelne Wähler vor den Blicken des Wahlvorstandes seinen Wahlzettel in den Umschlag stecken mußte. Damit war einer Kontrolle der Wählerschaft durch die polnischen Behörden vollkommen freie Bahn geschaffen. Aber durch die Rachteile, die den deutschen Wählern aus dieser mutigen Haltung sicherlich erwachsen werden, hat sich keiner davon abhalten lassen, seine Pflicht als Deutscher zu
Durch den Ausgang der Wahlen wird sich schwerlich im Verhältnis zwischen Polen und Deutschland etwas ändern. Ptlsudskis -Legier u n g ist in ihrer Macht bestätigt und b e » stärkt worden. Sie hat also keine Deran.assung, ihre bisherige Politik zu ändern. Runmeyr aber hat sie auch die volle Verantwortung für das zu tragen, was geschieht, und wir werden
sehr bald wissen, wie sich die neue polnische Regierung Pilsudskis zu Deutschland stellen wird.
Der neue (Sejm.
Warschau, 5. März. (TU.) Nachdem jetzt aus sämtlichen polnischen Wahlbezirken die vorläufigen Wahlergebnisse vorliegen, lassen sich die Mandatsziffern zusammen mit den auf die einzelnen Listen entfallenden Mandate der Staatsliste folgendermaßen berechnen:
Regierungspartei 135 Mandate
Sozialisten 62
Dyzwolejnie 36 „
Rationale Arbeiterpartei 9 „
Bauernpartei Domski 25 „
Kommunisten 5 *
Minderheitenblock 57 „
Raiionaldemokraten 36 „
Christliche Demokraten
und Plasten 34 „
Kleine Parteien: ____
Ukrainische Selrop, links 5 „
Ukrainische Selrop, rechts 3 „
Ukra-Radikalsozialisfen 10 „
Petroschewitsch-Partei 1 „
Rationale Juden 4 „
Radikale Bauern 1 „
Komm. Bauern 3 *
Russen 1 *
Lokale Listen 12
Während in den ehemals deutschen Teilgebieten der Minderheitenblock einen durchschlagenden Erfolg hatte, gestaltete sich das Wahlergebnis in den östlichen Minderheit« n- gebielen weit ungünstiger als erwartet. Die Zahl der Mandate ist sowohl bei den Juden, Weißrussen als auch bei den Ukrainern zurück- gegangen. Besonders die letzteren haben im Vergleich zu den erwarteten Resultaten eine große Enttäuschung erlebt. Meldungen aus Lemberg zufolge ist man in ukrainischen Kreisen über das Wahlresultat in der polnischen Ukraine aufs höchste erstaunt. Es erscheint völlig unerklärlich, baß in einzelnen Bezirken, deren sämtliche Mandate bei der Wahl im Jahre 1922 auf den Minderheitenblock fielen, diesmal überhaupt kein Mandat errungen wurde. In den drei Wahlkreisen Wolhyniens, in denen 1922 sämtliche 16 Mandate auf den Minderheitenblock fielen, hat der Minderheilenblock diesmal nach den amtlichen Bekanntmachungen nur ein einziges Mandat erhalten, während der Regierungsblock, von dessen Anhängerschaft man dort vorher gar nichts wußte, allein mit zehn Mandaten aus der Wahl hervorging. Bei der streng nationalen Einstellung der ungeheuren Mehrheit des auf polnischem Staatsgebiet lebenden ukrainischen und weißrussischen Volkes ist ein derartiges Ergebnis nur mit unerlaubter Wahlbeeinflus- f u n g oder unlauteren Wahlmachenschaften zu erklären. Eine teilweise Erklärung für die seltsamen Vorgänge, die sich in der Rächt von gestern auf heute in den polnischen Ostmarken abgespielt haben müssen, ist das vor einiger Zeit im sozialistischen „Robotnik" veröffentlichte geheime Rundschreiben eines im Osten wirkenden polnischen Woiwoden an seine ihm untergebenen Starosten, in dem er ihnen als eine der wichtigsten Ausgaben in Erinnerung bringt, die Wahlkommissionen „aus sicheren Leuten" zusammenzusetzen.
Nach den bisher vorliegenden amtlichen Feststellungen sind insgesamt 19 deutsche Abgeordnete in den Sejm gegenüber bisher 17 gewählt worden. In Frage steht noch die Wahl des deutschen Kandidaten in Lemberg und ein Platz auf der Staatsliste, der erst nach Bekanntwerden des ©e- samtresultates festzustellen ist. Verloren würde das deutsche Mandat in Luck in Wolhynien. Die (Ergeb- nisse des Minderheitenblocks sind demnach also roe- sentlich g ü n ft i g e r als nach den anfänglichen Meldungen angenommen wurde, da gerade die Ergebnisse der Wahlkreise, in denen der Minderheitenblock hohe Mandatsziffern erreicht hatte, zuletzt bekannt wurden. Für die deutschen Mandatsziffern sind die ungünstigen Ergebnisse in den Ostge- bieten insofern von Nachteil, als dadurch auf der Staatsliste nur 10 Mandate erreicht wurden und die auf Platz 13 und 14 auf der Staatsliste kandidierenden Deutschen nicht durchgekommen sind, wie man es erwartet hatte. Trotzdem ist der Minderheitenblock die drittstärkste Partei im kommenden Sejm und immer noch stärker als die bisher stärkste Partei der Nationaldemokraten.
Die deutschen Erfolge.
Warschau. 5. März. (WB.) Die Deutschen haben bei den Sejmwahlen einen großen unbestrittenen Erfolg errungen. In Pommerellen behaupteten sie ihre bisherigen Mandate in Graudenz und gewannen noch eins tn -rchorn und ein zweites im Kreise Dirschau. In der Woiwodschaft Posen gewannen sie ihre bisherigen Mandate in Samter und Bromberg, noch ein zweites Mandat in Bromberg und ein weiteres in Gnesen. so daß die deutsche Vertretung in Posen und Pommeretlen von drei au f
sieben Mandate s i ch erhöht. In Ostoberschlesien und in dem Polen zugesprochenen ehemals österreichischen Teilgebiet behaupteten sie nicht nur die bisherigen fünf Mandate (zwei Kattowitz, zwei Königshütte und eins im Kreise Teschen-Pleh). sondern gewannen noch ein sechstes im Kreise Teschen- Pleß. Die deutsche Vertretung erhöht sich im deutschen Teilgebiet und ehemals österreichisch- schlesischen Teilgebiet von acht auf dreizehn Mandate. Die Wahlergebnisse für die
deutschen in Kongrehpolen sind vorläufig noch nicht fcftgeftellt. Sicher scheint nur, daß die Deutschen in Wloclawek ein Mandat und ein zweites im Landbezirk Lodz behauptet haben. Hingegen ist das deutsche bürgerliche Mandat Stadtkreis Lodz wegen des Anschlusses der Deutschen Sozialdemokratischen Arbeiterpartei an die polnische Sozialdemokratie verloren gegangen. Dafür wurde auf der polnisch-sozialistischen Liste der Stadt Ladz ein Deutscher gewählt.
Oie Sitzung des VölkerSundsrais.
Don unserem Sonderkorrespondenten.
Genf, 5. März. Die 49. Ratstagung ist heute vormittag unter dem Vorsitz von Urrutia- Eolumbien eröffnet worden. Genf bietet das übliche Bild. Der erste Tag ist der programmatischen Festsetzung gewidmet. Die Fragen, die behandelt werden sollen, sind begannt. Was bisher noch als Schreckgespenst betrachtet wurde, der Zwischenfall wegen der Waffenschiebungen von St. Gotthard, ist verblichen. Die Außenminister der Kleinen Entente sind darin überei ngefommen, keine Vorschläge zu machen und insbesondere haben sie festgestellt, dah sie diese Angelegenheit nicht alsStreit- fall mit Ungarn mehr ansehen. Damit ist die diesmalige Tagung im wesentlichen entlastet.
Alles blickt mit Recht auf die anwesenden Außenminister der Großmächte. Roch find sie nicht zusammengekommen- Der heutige Tag soll die Zusammenkunft erst bringen. Ohne Frage haben die bevorstehenden Wahlen in fast sämtlichen europäischen Ländern die Initiative der Außenminister gebremst. DieUeicht oder sogar höchstwahrscheinlich werden sie nach den Wahlen fast alle wieder auf ihrem Posten erscheinen. Trotzdem sind sie heute doch nicht in der Lage, bindende Abschlüsse zu tätigen. Sie können sich eigentlich nur gegenseitig informieren. Vielleicht wird dabei manches herauskommen, was für die Zukunft von Vorteil sein wird, Sensationen werden nicht mehr erwartet. ®ie Rheinlandfrage, die an und für sich durch die ©aarfrage, die mit der Wahl der RegierungsloMmission auf dem diesmaligen Programm steht, sehr gut in die Debatte geworfen werden könnte, wird sicherlich gestreift werden. Die Räumungsfrage wird auch besprochen werden. Das aber, was eigentlich erwartet werden könnte, nämlich eine endliche F e st- fehung des Räumungstermins, das toi; die diesmalige Tagung nicht bringen. Damit hat sie aber auch außerordentlich viel an Spannung verloren.
So ist die Lage. Und doch darf die diesmalige Tagung in ihrem Werte nicht unterschätzt toerden. Briand und Stresemann sehen sich zum letzten Male vor den Wahlen in Deutschland und Frankreich. Beide haben ihre Staatssekretäre mitgebracht. Das läßt schon darauf schließen, daß man die Besprechungen nicht nur oberflächlich führen will. Auch Briand ist sich bewußt, daß die Rheinlandfrage, die in ihrer Klärung durch die Wahlen jetzt aufgehalten worden ist, unmittelbar darauf, d. h. also im Sommer, mit ganz besonderer Intensität in den Vordergrund gerückt werden wird. Deshalb wird es gut sein, wenn die Minister schon jetzt die Situation nach allen Möglichkeiten hin klären. Die Entscheidungen, die dann notwendigerweise getroffen werden müssen — denn die Rheinlandfrage läßt sich nicht mehr aufschieben — werden dann um so rascher und um so glatter gefällt werden können. Die diplomatiiche Fühlungnahme, die nun nach der Lahmlegung der Parlamente durch die Wahlen aktiver werden muß, wird in Genf ihre Richtung erhalten. Andererseits aber stehen die übergeordneten und eminent wichtigen gesamteuropäischen Fragen, die durch das Sicherheitskomitee neuerlich bestimmt worden sind, und durch die amerikanische Kriegsverfemungsinitiative an Bedeutung gewonnen haben, im Mittelpunkt der Beratungen der Außenminister. Mit einem Worte also: Die diesmalige Genfer Tagung hat mehr prinzipielle, mehr symptomatische Bedeutung. Sie ist gleichsam ein*histo- risches Stück in der Gesamtentwicklung. Unter diesem Zeichen stehen auch alle anderen Genfer Beratungen.
Oie Danziger Fragen.
Genf, 5. März. (WTB.) Heber die Aussprache im Rat in bezug auf das Klagerecht Danziger Staatsangehöriger im polnischen Eisenbahndienst wird bekannt, daß zunächst von Polen und Frankreich die Meinung vertreten wurde, angesichts der Wichtigkeit des Haager Rechtsgutachtens, das offiziell dem Rat noch gar nicht zugegangen sei, müsse die weitere Behandlung der Frage auf die nächste Tagung verschoben werden. Reichsaußenminister Dr Stresemann bezeichnete es jedoch als unverständlich, daß der Rat, nachdem das Rechtsgutachten heute bereits in der ganzen Presse veröffentlicht sei, sich auf den Standpunkt stellen wolle, daß er davon noch keine Kenntnis
habe. So wurde schließlich nach Zustimmung des italienischen Ratsmitgliedes und des chilenischen Berichterstatters einstimmig beschlossen, die Frage der Weiterbehandlung der Angelegenheit noch in dieser Tagung zu entscheiden. Die Frage eines polnischen Anlegehafens in Danzig und die Frage des Kontrollrechtes auf der Westerplatte wurden jedoch bis zum Abschluß der im Gange be- findlichen direkten Verhandlungen zwischen Danzig und Polen vertagt.
Erste Unterhaltung Briand - Stresemann.
Der Zwischenfall von Tt. Gotthard. — Die Frage der Investigation gegen Ungarn.
Genf, 5. März. (TU.) heule um 18 Uhr Hal die erste Unterredung zwischen Stresemann und Briand im Hotel des Bergues siattgefunden. Der französtfche Außenminister erklärte heute abend einigen Pressevertretern über den verlauf der Unterredung, man befinde sich gegenwärtig auf dem Dege einer Lösung der Jnoestiga- t i o n 6 f r a g c und er hoffe, dah ein allerseits befriedigendes Resultat bald Zustandekommen werde. Cs verlautet ferner von gukunlerrichteter Seite, dah in dieser Unterredung die Rheinlandfrage einen breiten Raum eingenommen habe, doch werden von keiner Seite irgendwelche näheren Mitteilungen hierüber gemacht.
Der Rat wird nach den bisherigen Dispofitio- nen am Dienstagvormittag in geheimer Sitzung die Debatte über den Investigationsantrag der Kleinen Entente aufnehmen. Man ertoartet; daß der von der ungarischen Regierung delegierte General T a n c z o s aufgefordert werden wird, das Material der ungarischen Regierung zu der Szent-Gotthard-Affäre einzureichen. Sodann soll zunächst 'öie weitere Untersuchung der ständigen Militärkommission des Völkerbundes übertragen werden, die sogleich dem Rat einen Bericht erstatten soll. Jedoch muh fest- gestellt werden, dah am Montagabend noch bei allen Delegationen wenig Klarheit über den weiteren Verlauf der Angelegenheit bestand. Es scheint gegenwärtig von französischer Seite der Vorschlag in den Vordergrund gerückt zu werden, entweder eine besondere Kommission aus militärischen oder zivilen Sachverständigen oder lediglich eine besondere Auskun ftsper son zur Untersuchung der Szent-Gotthard-Affäre zu entsenden. Ferner soll dre italienische Regierung veranlaßt werden, das gesamte Maschinengewehr- material zurückzunehmen, während die ungarische Regierung den Identitätsnachweis für baä Material zu führen hätte. Die englische Delegation legt sich zur Zeit größte Zurück--' Haltung auf. Von feiten des englischen Außenministers wird erklärt, dah England in dieser Angelegenheit nicht Richter fei und infolgedessen seine Stellungnahme nicht bekanntgeben dürfte. Auch dürften zweifellos von e nglifcher Seite gegenwärtig energische Versuche im Gange sein, eine Kompromißlösung herbeizuführen. England und Italien scheinen ein offizielles Investigationsverfahren gegen Ungarn kategorisch abzulehnen. Eine Untersuchung des Zwischenfalles soll nicht den Charakter eines Investigationsverfahrens tragen. Auf deutscher Seite steht man einem offiziellen Investigationsverfahren gegen Ungarn ebenfalls ablehnend gegenüber, da man den vorliegenden Fall als nicht schwerwiegertd genug erachtet und keinen Grund sieht, das gesamte Investigationssystem des Völkerbundes gegen Ungarn in Gang zu setzen. Desgleichen hält man entgegen der französischen Forderung eine Revision des Investigationspro- gtammß des Völkerbundes auf Grund der Bestimmungen der Friedensverträge sowie der Protokolle des Völkerbundsrates von 1924 und 1926 keinesfalls für erforderlich. Vielmehr wird deutscherseits erklärt, dah die Kontxollbe- f ugniffc des Rates nach dem Investigations- system als solchem keineswegs in Frage gestellt seien. Rur s-r den vorliegenden Fall müsse die Anwendung als unnötig angesehen werden. Die endgültige Entscheidung des Rates wird von den heute nachmittag eingeleiteien Verhandlungen abhängen.


