des Weltpostvereins mit sich bringen. Eine seiner Hauptaufgaben ist naturgemäß die Kostenver- teiluno aus dem internationalen Lttlstausch. Für den Verkehr Im Weltpostgebiet sind in den Anlagen des Vertrages bestimmte Formulare mit französischem Text enthalten, die durch eine lieber- sehung ergänzt werden dürfen. Mit Hilfe dieser Formulare können z. B. die chinesische und die türkische Poftverwaliung miteinander verkehren, ohne daß ihre Beamten das Französische beherrschen. Die chinesische Postverwaltung funktioniert übrigens sehr zuverlässig und erweist sich als die stabilste Instrtutivn im China des Bürgerkrieges.
Stadtstaaten?
Auch ein Beitrag zur ReichÄverfassungsreform.
-Ueber die Riesenstädte und Mittelstädte schreibt im letzten Heft des »Reichsstädtebundes" Oberbürgermeister Kiwit u. a. folgendes:
„Die Bildung von Riesenstädten bringt grobe staatspol.rische Gefahren 3ft das ganze Industriegebiet in wenige Großterritorien auf geteilt, so wird die Gefahr entstehen, daß diese Städte eine übergroße Macht im Staate und im Reiche erlangen zum Rächt Kl der Mittel- und Kleinstädte, der Landkreise und Landgemeinden und zuletzt auch der Staatsgewalt selbst. Im Industriegebiet sitzt sowohl die Wirtschaft wie auch die Arbeiterschaft mofsiert. Trotz drr großen Gegensätze von Wirtschaft und Arbeiterschaft in den Städten werden die Vertreter beider zusammenstehen, wenn es gilt, vom Staate möglichst unabhängtg zu sein und auf dem Gebiete der Steuerüberweisung und der Zir- weisuna von anderen Vorteilen bevorzugt berücksichtigt zu werden. Bei der Schwäche der Staatsregierung, die in bem häufigen Wechsel der Minister, sowie in dem häufigen Wechsel der Parteikonstellalionen zu erblicken ist, wird man einem gemeinsamen Druck dieser Riesengebiete, wenn er durch die politische Vertretung der im Industriegebiet massiert sitzenden Wirtschaft und Arbeiterschaft unterstützt wird, nur schwer widerstehen können. Es werden sich in der praktischen Auswirkung Stadtstaaten bilden zum Rachteile aller übrigen kommunalen Gebilde, sowie der Autorität deö Staates selbst.
Das Werden von Stadtstaaten zeichnet sich jetzt schon, wenn auch 'erst in schwachen Konturen, erkennbar ab. Wenn einige Städte schon dazu übergegangen sind, eigene Vertretungen in Berlin zu unterhalten, die meistens geleitet sind von einflustreichen Parlamentariern, und wenn die Stadt Köln eine neue Universität erhalten hat, obwohl die Universität Bonn vor den Toren liegt, wenn Städte, die vor dem Kriege keine Messe-Einrichtungen besaßen, diese nach bem verlorenen Kriege geschaffen haben, obwohl die in Friedenszeiten schon vorhandmen Messe-Einrichtungen für ein blühenderes Wirtschaftsleben ausreichend waren, so ist das nicht Reichs- Politik, sondern stark betonte städtische Politik. Diese kraftvolle Initiative der Städte hat zweifellos große Vorteile gebracht und ist sehr zu begrüßen: denn überall, wo Kraft und Entschluy- fveudigkeit ist, ist Fortschritt. Da aber andererseits jede Kraft das Bestreben hat gegen ihre G renzen zu drücken, so entsteht damit auch für die Allgemeinheit die Gefahr eines übergroßen Einflusses, wenn durch Schaffung von Riesengebilden überstarke Kraftzentren, die Stadtstaaten gleichen. geschaffen werden.
Die Äotwendigkeit, im Industriegebiet auch Mittelstädte zu erhalten und flnaiuftarf zu machen, ist schon durch die geschilderten Rachteile, die bei Aufteilung des ganzen Industriegebietes in einige wenige Stadtgroßterritorien kommen würden, ausreichend begründet. Aber auch positw betrachtet sind Mittelstädte au erhalten wegen der aus ihrer Eigenart, nämltch der engen Verbundenheit der Bevölkerung mit der Verwaltung, sich ergebenden Vorteile für die Einwohnerschaft. In einem kleineren Gemeinwesen entfaltet sich leichter der Begriff des Bürgers, auch ist leichter das Interesse für die Aufgaben der eigenen Stadt zu Wecken, da in bem kleineren Gemeinwesen der Bürger den Erfolg seiner eigenen Mitarbeit besser erkenn.n kann."
Die Ausführungen find, im Hinblick auf die bevorstchrnden groß n Umgeineindungen in Rheinland-Westfalen, besond rs beachtlich, fie werden aber auch im Hinblick auf die Reichs-
Geld fällt vom Himmel.
Roman von Paul En-erling.
Copyright by Carl Duncker, Verlag, Berlin.
35 Fortsetzung 'Jlathbrutf verboten
Aus dem Nebengarten klang die Stimme der Gräfin. Miß Lawrence beklagte sich bei einem Unsichtbaren darüber, daß Spaz»ergänaer bei ihr Blumen beschädigt hatten. Die einstige Löwenbändigerin chien auf ihre alten Tage sentimental geworden zu ein. Er gab den Gedanken, sie auszufragen, ebenso chnell auf, als er ausgesticaen war, und ging fort.
Der Duft von Nelken und Narzissen strömte aus den feuchten Gärten. Wie still hier alles war! Man mußte seinen Herzschlag hören können —
Ohne einen Plan zu fassen, ging er die Treppe hinunter, die er damals mit den Gasten Brodersens gegangen war, die soviel abenteuerliche Geschichten über ihn zu erzählen wußten. Als er auf einer Trambahn unten den Namen Steinstratze las, fiel ihm ein, daß dort Martha Rebmann wohnte. Kurz entschlossen stieg er ein.
Unterwegs fiel ihm ein, daß sie krank sei. Er stieg aus, taufte Blumen, Obst und eine Flasche Sherry und ging durch den Regen weiter, da keine neue Bahn kam.
An ihrer Tür muhte er mehrere Male klingeln, ehe sie sich, durch eine Sicherheitskette abgesperrt, eine Handbreit öffnete.
»Wer Ist da?" fragte eine zitternde Männerstimme.
„3d) wünsche bei Fräulein Rebmann einen Krankenbesuch zu machen."
„Krankenbesuch?" klang es flchllich erleichtert zurück. „Wie heißen Sie?"
Zornig nannte Grotteck seinen Namen. Es hätte nicht viel gefehlt, daß er seine Sachen abgestellt hatte und fortgeganaen märe. Drinnen schlurften Schritte. Er horte Klopfen, dann seinen Nomen, dem ein kleiner entfernter Aufschrei folgte. Endlich öffnete sich die Tür. „Sie üben die Tugend der Vorsicht , sagte er höhnisch au dem Mann, der ihn aus ängstlich verzerttem Gesicht ansah.
Verfassungsreform von besonderem Interesse sein, enthält doch die Denkschrift des Preuß'.schen Referenten, Ministerialdirektors Brecht, dem äußerst bedenklichen Vorschlag auf Einrichtung von reichsunmittelbaren Städten. Für das mittelrh.ftnische Wirtschaftsgebiet tarne Frankfurt in Frage, dessen Expansionsbestrebungen vor Wiesbaden nicht haltzumachen scheinen.
Oie Deutsch-österreichische Arbeitsgemeinschast.
Die vor drei Jahren gegründete Deutsch-österrei- dsische Arbeitsgemeinschaft hielt In Müncl)en ihre Jahresversammlung ab, au der prominente Persönlichkeiten aus dem öffentlichen Leben Deutschlands und Oesterreichs erschienen waren. Der zweite Vorsitzende, Freiherr von Branca, berichtete über die Entwicklung der Vereinigung im abgelaufenen Jahre und die erfolgreiche Arbeit der elf Fachausschüsse. Das Schwergewicht der Arbeit der Organisation habe in den ersten zwei Jahren in dem Studium der wirtschaftlichen Differenzen der beiden Lander bestanden. Für die Landwirtschaft beständen nunmehr zwei Fachausschüsse ein norddeutscher mit dem Sch in Berlin und ein süddeutscher mit München als Zentrale. Der Austausch von Junglandwirten habe sich durchaus be
wahrt. Der Fachausschuß für Handel und Industrie habe eine wertvolle Untersuchung über die Bedeutung einer deutsch-österreichischen Zollunion für die reichsdeutsche Wirtschaft veranstaltet. Der landwirtschaftliche Ausschuß habe eine achttäajge Studienreise durchgeführt, deren Erfolg auch für die anderen Ausschüsse die Deranstaltung solcher Studienreisen nahelege. Der Ausschuß für Verkehrs- wesen habe sich mit Verbesserungen im Straßen- wesen, Erleichterungen im Paßwesen und der Zusammenarbeit im Fremdenverkehr besaßt. Aus den Ausführungen des Redners alng weiter hervor, daß sich die Arbeitsgemeinschaft bemühte, den Weg positiver großdeutscher Arbeit weiterzugehen, wie dies vor drei Jahren als Ziel der Organisationsgründung bezeichnet worden war. Im Namen der Oesterreich-deutschen Arbeitsgemeinschaft versicherte Nationalrat Drechsel (Wien), daß auch auf österreichischer Seite alles getan werde, um den Anschluß gründlich vorzubereiten. Man könne froh fei», daß der Anschluß nicht schon früher in einer übereilten Stunde abgeschlossen worden sei. Dem Anschluß- gedanken müßten in forgfättiger gemeinschaftlicher Ueberlegung die Wege in allen einzelnen Fragen geebnet werden. Entscheidend fei die Feststellung des österreichischen Bundeskanzlers gewesen, der in Gens der Welt erklärt habe, daß Oesterreich zum Deutschen Reich gehöre.
Konsumverein Gießen und Umgegend.
Zur diesjährigen ordentlichen Dertre- terversammlung hatten sich am gestrigen Sonntagnachmittag 66 Vertreter im Saale vrs Gewerkschaftshauses eingefunden. Der Vorsitzende des Aussichtsrats, Fr. Vetters, gab dem Wunsche Ausdruck, daß die Verhandlungen von gutem Erfolg für die Genossenschaft begleitet fein mögen. Zu Ehren der im letzten Jahre verstorbenen Genossenschafter erhoben sich die Anwesenden von den «Ätzen. Den
Bericht des Vorstandes
erstattete der Geschäftsführer Fr. Diener. Er führte u. a. aus, daß das 27. Berichtsjahr (vom 1. Juli 1927 bis 30. Juni 1928) ein Jahr genossenschaftlichen Aufstiegs und genossenschaftlicher Erinnerung sei, und verbreitete sich in längeren Ausführungen über die 25. Iubiläums- tagung des Zentralverbandes deutscher Konfum- vereine. Der Umsatz der dem Zentralverbande angeschlossenen Konsumvereine belntj 1927 982 Millionen Mark, das seien rund 3 v. H. des auf 30 Milliarden geschätzten Verbrauchs in Deutschland. Die Großelnkaufsgesellschaft deutscher Konsumvereine habe 1927 einen Gesam.unsatz von 373 041 885 Mark, also eine Steigerung von 38,2 v. H. aufzuveiseir Die Zahl der Eigenbetriebe fei auf 48 gestiegen, dazu kämen die GEG.-Wühle in Magdeburg, die Fleifchwaren- fabrik in Oldenburg (früher Bolts A.-G.) und das Landgut Osterholz in der Rähe von Stendal (Altmarkt).
Der Umsatz im Konsumverein Gießen betrug im abgelaufenen Geschäftsjahr 3 016 603 Mark, im Vorjahr 2 785 309 Mark, also mehr 231 294 Mark. Der Durchschnittsumsatz je Mitglied erfuhr eine Steigerung von 270 auf 298 Mark. Der Bäckerei, der eine Konditorei angegliedert wurde, ist mit 422 834 Mark (i.V. 396 040 Mark) am Gesamtumsatz beteiligt. Verbacken wurden 135 604 Pfund Weizenauszugsmehl, 1 216 970 Pfund Brotmehl und 3725 Pfund tiefe. Diese Mehlmengen ergaben: 198 374 Stück Brote 1. Sorte (je 4 Pfund), 106 536 Mischbrote, 94 302 Roggenbrote, 8974 Weißbrote, 1 360 077 Brötchen und Feingebäck, 4768 Kuchen. Die Bäckerei lieferte außerdem an das Zentrallager bzw. die Verteilungsstellen 537 900 Pfund Weizenauszugsmehl, 321 700 Pfund Brotmehl und 9202 Pfund tiefe. Die Kaffeerösterei erzielte einen Umsatz von 46 970 Pfund (i. V. 41 020 Pfund). Die Kohlenabgabe an die Mitglieder wurde im abgelaufenen Jahre ebenfalls weiter ausgebaut. Die oparabteilung hatte am 30. Juni 1928 einen Bestand von 468 703,33 Mark; dazu kommen an Zinsen für neue «Spareinlagen 22 135,59 Mark, aufgewertete Spareinlagen 1946,32 Mark, zusammen 4 92 785,24 Mark. Kür die Versicherungsabteilung und die «ach- und Feuerversicherungs-A.-G. „Eigenhilfe" wurden im Laufe des Jahres 170 Neu-
anträge ausgenommen. Am 30. Juni 1928 war ein Bestand non 604 Versicherungen vorhanden.
Die Zahl der Verteilungs st eilen wurde um eine vermehrt (in Nieder-Morlen), so daß jetzt in der Stadt Gießen 8 und in den Orten der Umgegend 29 Verteilungsstellen bestehen. Für die Verteilungsstelle Ober-Roßbach ist ein Neubau vorgesehen. In dem Konsumverein sind insgesamt 121 Personen beschäftigt.
Die Rückvergütung an die Mitglieder beträgt für 1927/28 118 220.56 Mark.
Den Kassenbericht erstattete der Kassierer Jakob Günderoth. Er führte einlettend aus, daß die Bilanz eine Umstellung erfahren habe. Die Bilanz weist folgende Summen aus: Aktiva. Betriebsbestände (Vorräte 26 9 451,79 ML, Einrichtungen 118 292 Mk.) 387 743,79 Mark: Grundbesitz 456 643 Mk.: angelegte und flüssige Werte 332 121,60 Mk.: Forderungen 1 272,82Mk., zusammen 1 177 781,21 Mk. — Passiva: Eigene Mittel (Geschäftsguthaben 192 918,92 Mk., Reserven (Reservefonds 214 803,41 Mk., Spezial- refervefonds 7790,73 All., Baufonds 10 279 Mark) 425 792,06 Mk.: Grundschulden 27 716,55 Mark: Laufende Verpflichtungen (Spareinlagen- Aufwertung 37 707,60 Mr., Spareinlagen 455 077,64 Mk., Sparmarten 2215 Mk.. Liefe- rantenschulden 60 202,62 Mk., Pensionsfonds 17 890,30 Mk., Kohlen 4946,05 Mk.. Umsatzsteuer 5162,60 Mk.. Anteil ausgeschiedener Genossen 4129,89 Mk., Rabattguthaben 118 220,56 DHL, noch zu zahlende Unkosten 2 833,57 Mk.) 708 385,83 Mk.: Erübrigung 15 886,77 Mk.. zusammen 1 177 781,21 Mark.
Die Gewinn- und Be r lüft rechn »in g setzt sich zusammen: Soll: Allgemeine Unkosten 102 380,39 Mk.. Steuern 32 371,87 ML, Zinsen 22 033,07, Lohn und Gehalt 219 424.52. Kraft- wagenunkvsten 21 389,61, Fuhrwerksunkosten 3124,55, Abschreibungen 34 012,06, Reinertrag 15 886,77, zusammen 450 622,84 ML Haben. Wareirrohertrag 437 285,18 ML, Leergut 5669,60 Mark, Diskont 7668,06 ML, zusammen 450 622,84 MarL
Der Mitglieder st and war am 1. Juli 1927: 10 304, Zugang 631. Abgang durch Austritt und Ausschließung 852. Mitg iederstand am 30. Juni 1928: 10113.
Das Geschäftsguthaben der Mitglieder betrug am 1. Juli 1927: 163 584.02 ML, am 30. Juni 1928: 192 918,92 ML, mithin ein Mehr von 29 334,90 Mk. Die Haftsumme, betrug am 1.. Juli 1927 309 120 ML unb erfuhr durch Austritt ufw. eine Verringerung um 5730 ML: Haftsumme am 30. Juni 1928: 303 390 ML
Für den A u f f i ch t s r a t erstattete des en Vor- sitzender. Fr. Detters. Bericht. Er erwähnte u. a. die von dem Derteilungsstellenkontrolleur des Südwestdeu! scheu Verbandes vorgenommenen Revisionen der Ver'eilungsstel'en. Die vorge'un- denen Mängel waren leichter Ratur. Der Kontrol
leur gab am Schluffe seiner Befriedigung über den Befund der Derteilungsstellen Ausdruck. Eine vorn Aufsichtsrat bestinmte Kommission habe die Prüfung der Bücher und der Kasse vvrgenvnv- men und alles in bester Ordnung gesunden. -
Die folgende Aussprache war äußerst rege. Von allen Rednern wurde die Rot Wendigkeit öer ^linfatzsteigerung betont und darauf hinzielende Maßnahmen in Vorschlag gebracht.
Geschäftsführer Diener ging in seinem Schlußwort auf die Ausführungen der einzelnen Redner ein und versicherte, daß der Vorstand bestrebt fein werde, die gemachten Anregungen zur Durchführung zu bringen.
Darauf wurden der Geschäftsbericht, sowie Bilanz und Gewinn- und Vertu st rech nung einstimmig genehmigt und der Gesamtverwaltung Entlastung erteilt.
Der vom Vorstand vorgefch agenen Verteilung des Reinertrages von 15 886,77 Mark (Reservefonds 10 000 Mk., Spezialreservefonds 1379 Mark, Danfonds 1^21 Mark Pcn- sionssonds 1500 Mark, Verwaltung 1236 77 ML) wurde zugestimmt. Die Rückvergütung für 19 28/2 9 wurde ebenfalls auf 4 v. H. festgesetzt.
Die Ersatzwahlen zeittgten die Meder- wahl der ausscheidenden Mitglieder (Vorstand: I. Moutarde: Aufsichtsrat: Fr. Detters. H. S ch n e i d e r, Gg. Fischer). Sobann wurden zwei vorliegende Anträge dem Vorstand als Material für die Sahungsneuberalung übettrtefeiL
Oberheffen.
Landkreis Gießen.
X W i e s e ck, 5. Nov. Gestern wurden in der Kirche im Anschluß an den Gottesdienst die neuge- wählten Mitglieder der K l r ch e n g e m e i n d e - Vertretung nach einer Ansprache des Ortsgeist- lichen über Röm. 12, 7b verpflichtet: ebenso Lehrer Schneider, der als Kirchenrechner (er hat auch einen Teil des Organistendienstes übernommen) auf Vorschlag des Kirchenvorstandes einstimmig noch in die Kirchengemeindeoertretung aufgenommen wurde. Bei der folgenden Kirchen vor- standswahl wurden wiedergewähtt: Landwirt und Wagner Wilhelm Schäfer II., Landwirt tiein- rich Weller XII., Landwirt Ludwig Ihm I.» Landwirt tieinrich Will, Landwirt Philipp tieinrid) Wank, Oberschaffner i. R. Ludwig Oswald IV., Lehrer i. R. Friedrich Müller, tiinzuaewähll wurden: Ludwig Kirchner, Kaufmann, Dr. Willy Kling, Nahrungsmittelchemiker, und Karl Poft, Bäckermeister. Bekanntaegebcn wurde, daß am 18. November ordentliche Kirchenvisitation durch den Superintendenten von Oberhessen, Oberkirchenrat W a frn e r, ftattfinbet. Unter der Voraussetzung, daß eine Taxation des Kirchenoorstandes mindestens erreicht und so das Einkommen der Pfarrei nicht geschmälert wird, soll demnächst probeweise der W i e« senbesitz der Pfarrei verpachtet werden: hiermit wurde der Wunsch vieler erfüllt. Zur (Er örterung kam auch die immer noch schwebende finanzielle Auseinandersetzung mit der bürgerlichen Gemeinde. Man stimmte dem Kirchenvorstand zu in seinen Bemühungen, einen neuen Rechtsstreit tunlichst zu vermeiden.
* Lollar. 4. Rov. Gestern fand wie1 Zeichensaal der neuen Schule der Eröffnungsabend der Volkshochschule Lollar statt, in dessen Mittelpunkt die Rezttation von Schillers Rovelle »Der Verbrecher aus verlorener Ehre" durch den Leiter der Volksboch- schule Gießen W. Sega r, und eine Ausdeutung derselben von der Grundlage der modernen Seelenkunde her durch Dr. Reumann (Gießen) stand. ES war ein Genuß, dem in sprachlich einwandfreier Form von H e g a r bat* gebotenen Vortrag zu folgen, und erschüttert erlebte man ein Menschenschicksal mit. das unter ähnlichen Umständen das eines jeden Menschen sein fennte. Der in jedem Menschen vorhandene Gegensatz von Verkettung und Schuld, Ursache und Wirkung stand auf und rüttelte an den Grundlagen des nwralischrn Denkens im einzelnen. Was Dr. Reumann anschließend zu sagen hatte, war ein Stück Seelenlunde, das »richt oft genug vor ernsten Menschen behandelt werden kann. Kaum jemand der Hörer dürfte ohne Gewinn nach Hause gegangen fein.
Z Rödgen, 4. Rov. Am Samstagnachmittag wurde der Altbürgermeister Ludwig Kraushaar, der nach über dreimonatiger K-inikbehand- lung im Alter von 62 Jahren am Donnerstag starb, zu Grabe getragen. Der Gesangverein
„Es sind schlimme Zeiten", stammelte Dekepper.
Verwundert betrachtete Grotteck den überfüllten Korridor, durch den er sich hindurchzwängen mutzte, so schlank er war. Und warum starrte dieser Mensch ihn so wahnsinnig an?
Matthä Rebmann lag auf dem Sofa, eine rot- gewürfelte Steppdecke bis unter das Kinn hinauf- gezogen. „Danke!" jagte sie inbrünstig, chm die tiande entgegenstreckend.
Ihr glückliches Lächeln rührte ihn, und er begann, etwas entfuannt, die Geschenke auszubreiten. .Habe ich nicht alle Anlagen zu einem Weihnachtsmann?"
„Oh, die schönen Blumen!" Sie sah nichts als die Blumen. Sie preßte ihr Gesicht hinein, sog den Duft wie etwas lange Entbehrtes auf und kühlte ihre heißen Augen mit den frischen Blüten.
„Fieber?" Er faßte ihren Puls und zog die Uhr. Er hatte gar keine Ahnung, wieviel Pulsschläge die Fieberkurve anzeigte. Aber das sah man auch so, daß das Mädchen krank war.
„Etwas. Ich habe mich in letzter Zeit etwas überanstrengt, Kurt."
Er zuckte zusammen, als sie ihn bei seinem Vornamen anredete, und ließ ihre Hand aus der feinen gleiten.
„Darf ich so sagen?" fragte sie zuckend. „Und du? Nur dies eine Mal? Nur dies eine Mal?" Ihre Augen füllten sich mit Tränen.
Er bekam es nicht fertig, ihr den Wunsch zu verweigern. Dielleickt war es das letztemal, daß er sie sah. „Keine Aufregung, Kind. Du bist mir doch eine gute Freundin — warum sollten wir uns da nicht mal für ein Weilchen du nennen?"
Mit einer raschen Bewegung, die er nicht hatte verhindern können, zog sie feine tianb an ihren Mund, tieiße Küsse brannten darauf.
„Na aber!" machte er verlegen.
„Ich bin schon wieder ruhig, chab' feine Angst. Und mit dem Fieber ist es nicht so schlimm, tiast du draußen lange warten müssen?"
„Ziemlich. Dein Wirt braucht verzweifelte Sicher- heitsmahregeln. Ist denn bei ihm so viel zu holen?"
„Er ist verstört seit einiger Zeit . " Sie verbarg ihr Gesicht unter den Blumen. Sie gedachte des furchtbaren Tages, da sie diesem Brod Einlaß in die Wohnung gewahrt hatte. Es dauerte eine Weile, bis sie sich zu einem Lächeln zwingen konnte.
Denkst^ du noch an unfern Spaziergang zum
„2a, das würde dir gut tun heute: Wald und Sonnenschein ..." Er dachte nur daran, daß er damals Inge getroffen Hütte.
„Und Liebe", vollendete sie feinen Satz.
Er sah sie erschreckt an und begann in seiner Verwirrung einen Pfirsich zu schälen. „Er kommt aus Kalifornien, denk mal! Braune, vielleicht auch schwarze Manner, mtt großen Sombreros auf den wolligen Köpfen, haben ihn gepflückt. Vielleicht auch Kinder oder ein Mädchen wie du. Und er wurde in Watte gepackt und quer über ganz Dollarika geschickt und über den Allanttk, durch Nebel und Sturm, und bann trug ihn die Bahn, ach, die don- nembe Bahn, bis hierher. Bis hierher", wiederholte er, die traurige Oede des unbehaglichen Zimmers mit einem traurigen Blick umfassend.
Sie lauschte lächelnd und folgte bann argwöhnisch feinem Blick.
»Es gefällt bir hier nicht, Ich weiß, du bist Besse- res gewöhnt."
„Besseres? Meinst du, daß die Zimmer bei Mutter Zedlitz mehr Kultur aufweifen?" Er dachte: Immerhin hättest du die beiden grauenhaften Bil- der da von der Wand reißen können, diesen Wilderer Im Kerker mit Weib und Kind — „Sei Gott, du, mit der roten tianne!" — und diese verlogene Moorlandschaft mit der Limonadenfarbe.
„Wem, man um Geld arbeiten muß, hat man feine Zeit, sich wohnlich einzurichten", llang es scharf herüber.
„An der Zeit liegt es wohl nicht allein."
Martha richtete sich halb auf. Ein böses Leuchten glomm in ihren Augen auf. „Du meinst, eure sogenannte Kultur gehört dazu? Ich pfeife auf eure Kultur, sage ich dir. tiungere mal erst, wie ich es getan habe!"
Grotteck stand auf und ging ans Fenster. Am beste» war es wohl, fortzugeyen. Was sollte er hier? Die Traurigkeit des Regens draußen machte fein tierx noch schwerer. .Hungern?" sagte er endlich. „Ich habe auch gehungert, in meiner Äon» feroatoriumszeit, wenn ich meinen Vater nicht mehr um Geld angehen konnte. Ader ich habe es immer mit Grazie getan. Kein Mensch hat es mir angemerkt, daß ich tagelang von Brötchen lebte. Und
den letzten Groschen gab ich noch einem Bettler, weil ich mich genierte."
„Man wird schlecht, wenn es einem schlecht geht, verstehst du das? Eine Frau wird schlecht."
Er antwortete nur mit einem Kopfschütteln. Nein, das verstand er nicht.
Ihre Augen funkelten, als sie heroorstteß: „Deins Mutter wär« auch anders geworden, wenn sie ..."
Mit einem Sprung war er bei ihr. „Meine Mutter darfst du nicht erwähnen. Ich verbiete es dir."
Sie duckte sich. „Willst du mich schlagen?"
Grotteck erschrak: er war dicht daran gewesen. Beschämt trat er zurück.
„Das gehört wohl auch zu deiner berühmten Kultur?" höhnte sie. Aber als sie sah, daß er nach seinem tiut und Mantel griff, um zu gehen, sprang sie mit einem Schmerzensschrei vorn Laaer auf, rannte ihm nach und Hämmerte sich an Ihn. Ihr Körper, den nur das Nachthemd deckte, glühte. Ihre Arme warfen sich um seinen tials.
„Bleib'I Bleib'! Schlag mich, aber bleib'! Ich kann ja nicht ohne dich leben, und ich quäle bid) ja nur, weil ich dich liebe ... Oh, wenn du wüßtest, was ich alles um meiner Liebe willen durchgemacht habe! Fühlst du das nicht?"
Langsam schob er sie vor sich her, zum Sofa zurück. „Du bist krank, Kind. Ich fürcht«, kränker, als ich dachte." Ihre tränenüberftrömten Augen hingen an ihm. Ihr roter Mund näherte sich dem seinen. „Leg dich! Sonst gehe ich."
Da gehorchte sie mit niedergeschlagenen Augen. Sie wickelte sich wieder in die Decke und nahm den Pfirsich, den er ihr bot.
Eine kurze Zett klang nur das gleichmäßige Plätschern des Regens, Der auf bas Fenster fiel. Endlich bat sie: „Verzeih' mir. Ich werde nie wieder fo sein. Aber sich' mich nicht so an! So geringschätzig, so verächtlich! Ich oln es ja nicht wert, daß du mich liebst, ich weiß es ja ..."
Wie sie litt! Wie sie seinetwegen litt! Ein tiefes Erbarmen überkam ihn, der ihr nichts andres bringen konnte. „Es ist so schade," sagte er langsam, „daß fein Mensch dem andern helfen kann. Aber glaube doch nicht, daß ich dich verachte. Wie sollt» ich das?"
(Fortsetzung folgt)


