Nr 261 Zweites Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhesien)
Montag, 5. November (928
Don imfcrem römischen L.-Korrespondenten.
R om, Rovember 1928.
Die QuaLrigen des neuen Kapitols, die den Hügel des alten daneben hoch überragen, jagen durch die Wollen. In der kolossalen Säulenhalle unter den Dronzerädern ist der Siegesbericht des Feldmarschalls Diaz in Marmor emgemeihelt, säulenhoch. Don hier aus muh man viele, viele Stufen, alle aus weißem Marmor. herabschreiten, um zu dem zyklopischen Solle! zu gelangen, einem Dloll aus weißem Warnror, auf dem ein Reiter steht, gewaltig wie der Mythos. Cs ist der erste König des geeinigten Italiens. Wieder gewundene Warmor- stufen. Triumphsäulen, nun halten wir vor der Statue der ewigen Roma. ’jtaUad Athene, bewacht sie, die Gruft, in der ein unbekannter Soldat, der Milite Ignoto, der Auferstehung entgegenschläst. Hier ist der „Altar des Vaterlands", der heiligste Marmor des neuen Italiens. Immer brennt zu beiden Seiten geheimnisvolles symbolisches Feuer.
Heute aber hat man davor Aw ei Scheiterhaufen aufgerichtet. Eine Hexe soll vor der Oessentlichleit verbrannt werden. Der Duce selber stellt das Feuer an. Das Voll hat das Brenn- material dazu beigetragen. Königliche Artillerie, Luftschiffer, Matrosen, Carabinieri, Metvopoliiani (das sind die Polizisten) und natürlich saszistische Miliz haben einen bunten, von Dajonetten überblitzten Ring gebildet. Alle Minister sind da, alle Spitzen der faszistischen Hierarchie. Senatoren, Herzöge, Präfekten. Die Führer der Dankwelt, des Handels, der Volkswirtschaft. Dahinter die Tausende von Ramenlosen. ...
Jetzt schrillt ein dreifaches Signal, die Gewehre fliegen hoch, die Truppen präsentieren: Der Duce. Varhäuptig, feierlich nähert er sich dem Grabe des Unbekannten, grüßt ihn mit dem römischen Gruß. Dann wendet er sich um, tritt an den ersten Schellerhausen heran — eine Flamme schießt hoch — der Cäsar hat ein Papier inderHand, ein Dokument, scheint es — wirft esins Feuer. Ein kurzes Aufflallern, bas sich am andern Scheiterhaufen wiederholt — hundertvierzig Millionen sind zu Asche geworden.
Di« Hexe war ein Hexerich: der Götze Geld. Das Papier die ordnungsgemäß ausgestellte Quittung über getilgte 140 664 100 Live der öffentlichen Schuld in Titeln der Liktoren an leihe. Das Volk hat sie mll derselben Degeisterung, mit der es vor zwei Jahren zeichnete, dem Vater des Vaterlands zurückgegeben, um ben Fiskus zu entlasten. Um sein Teil zur Erleichterung der Schuldenlast beizutragen. Ueberall in der Well wollen die Leute etwas vom Staat, hier geben sie ihm etwas. Ein Schauspiel, das den Reid, wenn nicht der Götter, so doch mancher Finanz- Minister wecken kann.
Sie denken nun vielleicht, das sei alles doch nur Fassade, Wache. O nein, Mussolini geht dem Feuer auf den Grund. Dor dem Altar des Vaterlands verbrannte er nur, um die Feierlichkeit der Handlung nicht durch industrielle Reben- geräusch« zu stören, die Quittung, die er von der Amortffationskass« erhallen hatte, als er seinen Rainen in das Gran Libro della Riconoscenza Nazionale eintrua, in das Goldene Duch der nationalen Dankbarkeit, in dem alle Spender von Staatspapieren mit Hamen eingezeichnet werden, der Reiche mll seiner halben Millron wie bie Witwe mit ihren hundert Lire. Dann folgte er in Person der Mass« von vollgestopften Säcken, die unter starker mllllärischer Dewachung zu dem eigentlichen Scheiterhaufen geschleppt wurden, zu den Hochösen des Gaswerks.
Ich mutz gestehen, mll hat das Herz doch ein wenig gepumpert, als dieser merkwürdige Staats- lentet den Befehl gab, den ersten Sack zu öffnen und den sauber gebündelten Inhall in den Molochrachen zu schütten Schon folgt der zweite, der dritte ... der Widerschein des Feuers rötet Mussolinis befriedigte Züge ... während droben der Reichtum in Myriaden von Aschenstäubchen
über die unveränderlich ruhige Roma hinzieht. „So handelt das faszistische Italien!"
Es ist etwas Großes, gänzlich Unmodernes um dieses Voll. Wer richtig verstehen will, was das heißt, Geld zum Verbrennen herzugeben, der muß wissen, daß so manche Arbeiterin zufrieden ist, wenn sie fünf Lire im Tag verdient, daß die untersten Beamten mit rund 500 Lire im Monat auskommen müssen, daß ein Staatssekretär das fürstliche Gehalt von monallich 1500 Lire bezieht und ein General sogar etwas über 2000. Daß ein bescheidenes Zimmer 300 Lire im Monat kostet und eine Vierzimmerwohnung zwölftausend im Jahre. Gewiß gibt es auch Funktionäre mit einem jährlichen Einkommen von zweihunderttausend Lire, gewiß verdienen manche Geschäftsleute Unsummen, und bei Handwerker, den man ins Haus ruft, fängt unter einem Stunbenlohn von 12 Lire gar mcht an, aber die große Masse der dem Duce eingeschickten Staatspapiere kam doch von Leuten, die es nicht danach haben.
Es ist aber auch etwas Großes um die Art, mit der Mussolini soziale Probleme löst, die anderen rinder und besonders die neugebackenen, mit sich hochzufriedenen Demokratien Kopfzerbrechen verursachen. Da wäre zum Beispiel di« Arbeitslosigkeit. Was macht so ein Reaktionär, so ein Arbeitertöter wie Mussolini damll? Er hebt die Arbeitslosigkeit, indem er den Arbeitslosen Arbeit gibt. Raid, wie? Zweieinhalb Milliarden Lire sind allein für diesen Winter ausgesetzt, um willigen Händen Verdienst zu schaffen. Anderswo geht der Ar
beitslose „stempeln", das heißt, er verbraucht die staatliche Unterstützung ohne jeden Ruhen für das Gemeinwohl. Mussolini finbet diese Methode unzweckmäßig. Er läßt lieber Sllaßen, Dahnen, Häuser bauen. Indem er Häuser bauen läßt, löst er zwei Probleme zugleich, das der Wohnungsnot und das der Arbeitslosigkeit, denn der Wohnungsbau gibt allen Schichten von Arbeitern zu tun. Anderswo tut man sich dagegen etwas darauf zugute, daß man die Hausbesitzer entrechtet, damit die Daukätigleit unterbindet und zahllose Famllien des Ur rechtes auf ein eigenes Heim beraubt. Es ist schon Wahres an der einfachen Formel, die Mussolini gefunden hat: Um die soziale Frage zu lösen, muß man den Sozialismus vernichten.
Alle diese Leinen Deamten und Arbeiter, die bisher in unwürdigen Höhlen hausten und sich jetzt mit Staatshil.e ein eigenes Haus bauen dürfen. in dem das Badezimmer nicht mehr wie ein Luxus angestaunt wird, alle die Besitzenden, die sich von dem Dogma deS lusso in tasca, des Luxus in der Tasche, das heißt der Freude am nichtarbeitenden Kapital losgemacht haben, alle die Leute, die Geld zum Verbrennen hergegeben haben, taten es in dem Gefühl, daß Mussolini den Scheiterhaufen in ihrem Interesse anzün- den, daß aus chrem kleinen Opfer nicht nur eine Flamme so hoch wie chre Vaterlandsliebe, sondern auch ein größerer Ruhen für den Staat, für das Völk erstehen werde. Sie betrachteten das wunderliche Feuer nicht mit den Augen des Theaterbesuchers, sondern mit den Augen des Fackelträgers.
belliftt, zur letzten Kategorie der am wenigsten belasteten Verwaltungen, zu denen übrigens seit ihrem Zusammenbruch auch Oesterreich und Ungarn gehören. Wahrscheinlich wird der Schweizer Bundesrat, der vertragsgemäß nach Prüfung ihrer wirtschaftlichen Lage die Beillagsquoten der Mllglieder festseht, auch Afghanistan als vierundacht' igstes Vereinsland dieser letzten Kategorie zuweisen.
Die Unkosten der einzelnen Mllglieder können allerdings nicht groß sein, da der jetzt geltende Weltpostvertrag die jährlichen Spesen des Bureaus in Bern auf höchstens 300 003 Schweizer- franten (240 000 Mark) begrenzt hat. Diese Summe, die vom letzten Kongreß in Stockholm im Jahre 1924 genehmigt wurde und vom nächsten Kongreß (1929) wieder neu festgesetzt wird, gibt tu ihrer Bescheidenheit keinen Begriff von den Leistungen, die die „Zentrale" des Weltpostvereins den einzelnen Ländern und Verwaltungen! bietet. Eine „Ueberorganffatwn" dieser Zenllale hat sich erfreulicherweise während den vierundfünfzig Jahren seines Bestehens nicht ergeben. Der Leiter des Bureaus, zugleich der höchste Funktionär des Weltpostvereins, ist der „W eit» Postdirektor", der von der schweizerischen Postvcrwalteng ernannt w rd. Trabi i nsgemäh werden auf diesen hohen Ehrenposten verdiente schweizerische Vlagistratspersoncn gewähll: meist waren es ehemalige Bundesräte, also Mitglieder der eidgenössischen Regierung, während der jetzige Weltpostdirettor, Garbani-Rerini, ein Parlamentarier und Richter aus Lugano in der Italien ffchen Schweiz ist. Ein führender schweizerischer Parlam.ntarter to.r euch der gegentoär.t ,e Welttelegraphendlllltor Räber — beinahe ein Anlaß zum Reid für die Parlamentarier anderer Länder, denen nicht wie ihren schweizerischen Kollegen außer Regicrun 'ssesseln auch noch internationale „Direktorenposten" in Aussicht stehen.
Di« Grundlage der Organisation und der Tü ip* feit des Weltpost'terllns ist der W e l t post- vertrag, der auf dem alle 5 Jahre abgehaltenen Kongreß mit den sich ergebenden AenderunZen und Erweiterungen neu abg schlossen wird. Obwohl er ein knapp gefaßtes Dokument ist, das mit allen Zusatzverträgen wie dem Gepäckstückabkommen und mit den Anlagen nur einen mittelstarken Band darstellt, regell er doch den internationalen Driefverkehr, um den es sich ja hauptsächlich handelt, bis in alle Einzelheiten. Man muh sich vor Augen halten, daß die'« Vertrag, der im gleichen Wortlaut in 83 Ländern mit ebcnfoöiel Verwaltung:n gilt und in fast allen in den Staatswesen der Well üblichen Sprachen abgefaßt ist, eine verpflichtende Rorm darstellt: überall in dem einhEtlichen Wrltpost- gebiet sind die Postbeamten über seine Destim- mungen unterrichtet, und nicht mll Unrecht hat man den Weltpostvertrag eine Art „Bibel des Weltverkehrs" genannt. Von der Festsetzung des Gewickstsatzes von 20 Gramm für einen einfachen Brief im internationalen Verkehr bis zu der genauen Bestimmung des Verfahrens mll Briefen, di« der Absend« vor der Aushändigung an den Adressaten wieder zurückv«langt, enthüll bet Vertrag einen wahren „Kanon" des Post- dienstes. Da gibt es Ausnahmebestimmungen für manche Länder-, so sind z.B. statt des sonst Im Weltpostverein gellenden Dezimalsystems für das Britische Reich, seine Dominions und Kolonien die englischen Gewichte gültig, so daß der englische Rormalbrief einige Gramm mehr wiegt als di« der anderen Vereinsländer. Reben diesen vertraglich festgelegten Ausnahmen zeigt sich insofern eine gewisse Lockerung der Bestimmungen, als in der Zell bei noch nicht überwundenen Währungsstörungen bet Portosatz für den einfachen Brief nicht mehr absolut scharf bestimmt ist, ein Mißstand, der wohl eher Wied« behoben sein wird als di« Schwierigkeiten, die sich vor dem großen Ziel des „Pemiy-Driefes", auf» türmen, dem man vor dem Weltkrieg nahe war: damals forderte man den Wegfall der Landes- grenzen im Briefverkehr und die Beförderung der Briefe in der ganzen Welt zum „Inlandsatz .
Die Verwirklichung dieses Zieles würde zugleich eine ungeheuere Vereinfachung
Beim Weliposidirekior.
Oie Zentrale für den Briefverkehr von 1850 Millionen Menschen. - Afghanistan, Hedjas und Nedjd, die neuesten Mitglieder des Weltpostvereins.
Von Werner Falcke.
Unser Mitarbeiter, der das Bureau des Weltpostvereins in Bern besucht hat, schll- dert im folgenden die Wirksamkeit dieser wichtigen Zentralbehörde.
Seit der im Jahve 1874 erfolgten Gründung der „Union jaostale“, wie der Weltpostverein in seiner französischen Amts prache heißt, ist die Well tatsächlich ein einheitliches Postgebiet für den Driefverkehr, zu dem auch die postalische Versendung der ‘.$>rud aefcen und sogar der Werk« in B'inbmschrift gerechnet werden. In dem halben Iahrhund«t, in dem sich die Menschheit des Desches die er Institution «freut, ist der Weltpostverein beinahe eine SelbstLerständ ichkeit geworden. Oie auch durch den Weltkrieg nicht er» schüllert wurde, sondern im Gegenteil mit dem Roten Kreuz gemeinsam die Organi a ton der Kriegsgefangeneipost durch üfvren tonnt?. Heute umfaßt der Well Postverein 83 Postverwaltungen, die auf ihrem Gebiet den Verkehr von insgesamt 1848,5 Millionen Menschen vermitteln während die entsprechende Organisation des Telegraphenwesens, der noch etwas ältere Welttelegraphenverein, vorläufig nur 70 Verwaltungen mit rund 1600 Millionen Devölkerung verbindet.
Das bescheidene „Heim" des Weltpostvereins in ber Schwarztorstraße in Vern würde nicht verraten, daß es einer Organisation dient, die die Kontinente umspannt, wenn nicht dieser univer.elte Gedanke in allegori cher Form zum Ausdruck gebracht worden wäre, es gibt nämlich in Bern ein Weltpostdenlmal, das als zwar gutgemeintes, ab« unbeschreiblich geschmackloses Monument der schwei «ifchen Bundeshauptstadt leider nicht zur Zierde gereicht. Daß der Weltpostv«ein von Anfang an seinen Sitz in d« Schweiz hatte, hat historische Gründe: ist doch die Initiative zu seiner Gründung, an der in hervorragendem Maße auch der Deuffche Heinrich von Stephan beteiligt war, von der Regi«ung der schweizerischen Eid-
genvsienschast ausgegangen. Seither üben die schweizerische Postverwaltung und der Dun- desrat sozusagen die Funktionen des „Treuhänders" und diplomatischen Mllllers für die internationale Institution aus. Anträge von Staaten und Verwaltungen auf Abänderung der Organifa ton ober Revi ion des Welchostvertrags mühen, wenn sie in ber Zwischenzeit zwischen zwei Weltpostkongres en gestellt werden, auf diplomatischem Weg dem schweizerischen Bundesrat zur Kenntnis gebracht werden, ebenso die Beitrittserklärungen von Staaten und Postverwaltungen. die der Union noch nicht angebären. Ebenfalls auf dem diplomatischen Weg übermittelt die schweizerische Regierung diese Anträge den übrigen DercinSländern. In dies« international vermittelnden Rolle der Schweiz ist der Grund dafür zu suchen, daß di« meisten Staaten, schon lange bevor die Eidgenossenschaft den Dölkevbund bebettergte, in Bem kreditierte diplomatische Vertret« hatten.
Staaten von Bedeutung, die dem Weltpostverein nicht angehören, gibt es heute nicht mehr. Auf seiner Europarei e hat König A m a n u l l a h einen Besuch in Bern dazu benützt, die notwendigen oft titelten Schritte beim Bundesrat zur Aufnahme Afghanistans in den Weltpostverein zu tun. Für die Einführung dieses Königreichs in den Kreis der Zivilisation ist das zweifellos ein entscheidender Akt, der sich wahrscheinlich nur so lange verzögert hat, weil Afghanistan nach dem Wegfall der britischen Vormundschaft jahrelang jeg.ichen diplomatichen Zusammenhanges mit ber europäi chen Welt entbehrte. Inzwischen sind auch d e beiden seit dem politischen Aufstieg des Wahabitenfürsten Ibn Saud bekanntgewordenen arabischen Staaten Hedjas und Redjd dem Welpostverein bd- e' ten. Das ist verhältnismäßig billig gewesen;
die beiden arabischen Reiche gehören, was den Unkostenbeitrag zur Verner Zentral« an»
Gießener Stadttheater.
Sturm und Bachwitz:
„Liebe und Trompetenblasen".
Schon der Film, der vor einiger Zeit unter derselben spassigen Überschrift erschien, erwirkte einen großen Erfolg. Es war also eine nicht übte Idee, das Gleiche als Operette zu wiederholen.
Es haben sich viele Leute dazu zusammen- getan; das Manuskript stammt von Hans Sturm und Hans Dachwitz, die Verse sind von Fritz Rotter und Otto Stransky, die Musik ist von Marc Roland. Der macht hier das Rennen. Er ist ein Talent, vom Film h« („Fri- dericus", „Der Welttrieg") schon vorteilhaft bekannt. Er bringt nicht überall Reues, aber was « bringt, ist ausgesprochen melodiös und trifft die richtige Mischung. Die Mischung ist so: gut instrumentiertes Blech, in strammen Warsch- rhychmen, mit militärischen Akzenten; ein wenig Wienerwalzer; ein wenig Csardas und Zigeuner- musik. Das zieht.
Das Libretto ist alsdann Rebensache. Sturm und Vachwih bringen ihre Schwankroutine mit, und Rotter und Stransky tragen dafür Sorge, daß sich d« Text gelegentlich reimt („oder ich freß dich"), ein paar Witze, ein Paar gute Gruppenszenen, hübsche Tanzfiguren und die leicht österreichisch-ungarisch gefärbte Gesamtaufmachung tun ein Uebriges.
Dom Inhall ist nicht viel zu erzählen. D« ist wie in allen Operetten. Der Höhepunkt im Wittelall. Der Schluß wird nicht gesungen, sondern (im Stil ber allen, aber, wie man sieht, noch immer wirksamen Vorkriegs-Militärposse) gesprochen und dient, tote üblich, ber Entwirrung eines im Mittelall künstlich angestisteten Durch- einanbers und ber glücklichen Vereinigung bet beiden obligaten Paare.
Es wird viel geliebt und ausgiebig geblasen und getrommell, es gibt ein Freifraulein und eine CLnzerin, welche als Gräfin und Kamm«- iimgfer frisiert und mit Ausbau« untereinanb« vertauscht werden. Es gibt die zugehörigen habsburgischen Dragoneroffiziere („schneidig san m« net, ab« fesch"), einen versoffenen Festungs- kvmmanbanten und eine sächsisch redende Ordonnanz. (in Operetten darf das unmöglichste Spra- chentohuwabohu herrschen; Hauptsache ist, daß
die Ceute ihren Spaß haben Sie hatten chn auch) Richt zuletzt an sechs niedlichen Girls in kurzen Röckchen und mit Trommeln bewaffnet.
Die Aufführung (Regie: Oberregtffeuc Adolf Wiesner) war szenisch geschckt und — bis auf den Schlußakt, ber sich etwas in die Länge zog — sehr flüssig. Orcheft« (am Pull: Kapellmeister Kurt Harder) und Tänze (Hans Hein- Kl ü f € r) brachten die musikalischen Pointen d« hübichen Op«e11e vortrefflich zur Geltung: es wurde ein groß«, stellenweise stürmisch« Erfolg; und es Ware doch zu üb«tegen, ob man die Aufführung statt der erheblich schwächeren „Gräfin Eva" nicht durchs Abonnement laufen lassen könnte.
Der beste Mann im Ensemble war — gesanglich, darstellerisch und tänzerisch — Rorbert Fels, der diesmal ausgezeichnet in Form war und hi« die beste Leistung vorführte, die wir bish« von chm «lebt haben Gr holte sich sogar mll einem Geigensow etliche Sonderappläuschen. Auch Mario H a i n d o r f f (Rittmeister Ottokar) als sein äteberskreuzpartn« wirkte in sein« ausgesprochenen Operettenrolle sehr angenehm. Der Festungskommandant, Wiesner, war am besten in dem schmissig instrumentierten Terzett des Mittelalles.
Don den Damen: Lh O t t m a r(Rinon), eine etwas fabarettmäfjig anmutende Soubrette, und Mizzi Prach, naive Liebhaberin, die gesanglich alterdings nur in den Hauptszenen des zweiten Alles befriedigen konnte. —
Es wurden etliche Wiederholungen herausge- llatscht. Dr.Th.
Henny Porten im Querschnlttsilm
Lichtspielhaus Bahnhofstraße.
.Das Auge ber Welt", Berliner Bühne für Kunst und Leben im Film, gab in zwei Sondervorstellungen sein «stes Gastspiel im Lichtspielhaus. Es wurde ein Querschnittfilm in sieben Akten geffielt, mit Henny Porten — in ungefähr 40 Hauptrollen. Als ihre Partner bekommt man außerdem in diesen sieben Akten etwa zwei Dutzend der besten und bekanntesten deuffchen Schauspieler vorgcführt. Unter ihnen: Abel, Bassermann Decarli, Deuffch, Diet«le, Curt Götz, Hartmann, Iannings, Kortner, Krauß, Liedtke, Loos, Thimig und Winterstein
Es handelt sich hier um eine ganz originelle 3bec (von Dr. Oskar Kalbus) — man sieht
etwas, was man bisher im Film noch nie zu sehen bekommen hat, und das will immerhin etwas heißen
Wan sieht nämlich Henny Porten bin ter» einanbertoeg in den wichtigsten Rollen, bie sie von etwa 1910 bis zur jüngsten Gegenwart gespielt hat. Don ihren allerersten, blutigsten Anfängen, unmittelbar nach ihr« Entdeckung (jeder FUmstar muh eines Tages entdeckt werden).... bis zur vollen und stellenweise unvergleichlichen Meisterreife ihr« Kunst von 1928.
Man begreift sofort die Möglichteiten, die hter geboten werden. Der Film wird zur Chronik, « wird zum Lehrfilm im Gewände eines außerordentlich amüsanten Spielsilms, « schlld«t mit unübertrefflicher und unbestechlich« Wahrhclls- liebe eine Entwicklung, die darum so erstaunlich wirkt, weil sie in einem unwahrscheinlich knappen Zeitraum wirkliche Revolutionen künstlerisch« und technisch« Art gezeitigt hat.
Entwicklung sowohl des Films an sich (von der Vorstadt- und Iahrmarktschnitere, vom komischen Kitsch der «sten vorsichtigen und rührenden Experimente des „Kinematogrcchhentheaters" lange vor dem Krieg bis zur regiemäßig, darstellerisch und technisch vollkommenen und raffiniert gesteigerten Kultur der zeitgenös ischen Film- Paläste-; — außerdem, ebenso interessant und ebenso verblüffend, bie künstlerische Entwicklung ein« hervorragend begabten schauspielerischen Persönlichkeit. Der Querschnitt, d« hier durch das Schaffen ber Porten gelegt wird, soll mit anderen berühmten Leuten von Reubabelsberg und "oll Wood toub r'oll to rbca, fü: ti Gesar. tj entwicklung wird das natürlich jedesmal mehr ob« minder das gleiche Bild ergeben, für die Einzelpersönlichkeit aber jedesmal andere, jedesmal neue, interessante, bisher unbekannte ob« längst v«gessene Stationen von ihrem Wege zur Höhe festhalten.
Also, ein Bild von erstaunlicher und ost verwirrender Dielfälligkeit: die Pötten als Schauertragödin — in ein« ergreifend komischen „Robe", mit phantastischen Hutgebäuden — in einem der vor zwanzig Jahren überaus beliebten Kurzdramen (Marke „Verkannt^ oder „Vater, dein Kind ruftl oder so ähnlich.) ... Die Pötten als Heldin und als Komikettn, als Gräfin und Dioa,_ als Hochstaplerin und Kuhmagd, als Dienstmädchen und Krankenschwester, als Monika Vogelsang und Kohl- Hiesel-Tochter, als Anna Boleyn (Aänzend, mit Hannings) und als Rose Bernd, — in einer erschütternden Mens chengestallung.
Man begreift die ungeheuren Abstände in den regiemäßigen, technischen und mimischen Mitteln zwischen der Darstellung um 1910 und um 1928. Man bestaunt den rücksichtslosen Mut dieser Schau- fpielerin, die es wagt, fern jeder weiblichen Eitelkeit, sich zum abstoßend häßlichen Scheusal umzuschminken, und man bewundert ihre in zahllosen Rollen und vor allem in den berühmten Doppelrollen erprobte fabelhafte schauspielerische Wandlungsfähigkeit. (Die Auswahl und Zusammenstellung der sieben Akte war gerade in dieser Hinsicht sehr geschickt und von großer Anschaulichkell.) —
Höchst unbcstiedigend war dagegen der langatmige und miserabel stilisiette SegleitDortrag, der mit veralteten Mitteln, mit einer oft unerträglichen Sentimentalität auf ein mehr als harmloses Publikum und auf den Geschmack der Kinobesuch« von anno dazumal zugeschnllten war. Wozu macht man das? Cs zieht den interesianten Film in die ßängc und unterbricht die Musik. Wer Augen im Kopf hat, sieht ja deutlich genug, worum cs sich handelt, und was durchaus gesagt werden soll, das konnte in ein paar knappen und sachlich formulierten Zwischentiteln — wie bei jedem gewöhnlichen Spielfilm — viel bester angebracht werden. Man soll eine gute Idee nicht mit unzulänglichen Mitteln um ihre Wirkung bringen.
In diesem Sinne sehen wir dem nächsten Duer- schnittfilm mit einiger Spannung entgegen. -r-
Hochschulnachrichien.
Oberingenieur Ludwig Dürr in^ Friedrichs- Hafen, der geniale Konstrukteur der Zeppelinllist- schiffe, ist von der naturwissenschaftlichen Fakullät der Universität Tübingen ehrenyalber zum Dollar der Naturwissenschaften ernannt worden. Dr. Dürr ist bereits Ehrendoktor der Technischen Hochschulen in Stuttgart und Graz. — Prof. Dr. med. Wern« Gerlach in Hamburg hat den Ruf auf den Lehrstuhl der allgemeinen Pathologie und patholo- glichen Anatomie an der Universität Halle als Nachfolger des Geh. Medizinalrats R. Beneke angenommen. — Der Privatdo^ent für Volkswirtschaftslehre und Finanzwistenschaft an der Universität München, Dr. Georg Halm, rft zum a. o. Professor für Sozialpolitik, Sozialfuilorae, Statistik und Dersicherungswissenschaft in der rechts- und staats- wistenschastlichen Fakullät der Universität Würzburg als Nachfolger von Professor Ferdinand Graf von Degenfeld berufen worden: seine Ernennung zum planmäßigen Cxttaordinariu» in Würzburg ist bereits erfolgt


