würde, daß man im Reichstag unter dem fälschlichen Schlagwort' Preußenkasse gegen Renten- bank-Kredilanstalt, links gegen rechts, eine unproduktive Diskussion begönne.
Finanzausschuß des Hessischen Landtags.
D a r m st a d t, 4. März. Der Finanzausschuß des Hessischen Landtags führte am Freitag die Verhandlungen über Kapitel 6 des Staatsvoranschlags (Bad Rauheim) zu Ende. Ein 'Antrag der Koalitionsparteien ersucht die Regierung, die Frage zu prüfen, ob die Wiedererrichtung eines ständigen Kurorchesters für die Geltung des Bades in künstlerischer und für die Provinz Oberhessen in kultureller Hinsicht vorteilhaft oder vonnöten ist: auch soll die finanzielle Auswirkung dieser Maßnahme berechnet und sollen Vorschläge gemacht werden, ob durch eine auswärtige Tätigkeit des Orchesters eine etwaige Mehrausgabe beseitigt werden kann. Der Antrag wurde gegen drei Stimmen angenommen. Ein Antrag Schäfer und Gen. will, daß die Kurmusik auch auf die W i n t e r m o n a t e ausgedehnt wird; der Antrag wurde gegen eine Stimme a b gelehnt. Ein Zentrumsantrag, der will, daß 200 000 Mart nicht, wie vorgesehen, dem Erneuerungsstock. sondern der Staatskasse zugeführt werden, wurde a b g e l e h n t. desgleichen ein Eventualantrag derselben Abgeordneten, daß der Cr- neuerungsstock auch tatsächlich seinem Zweck dienstbar gemacht wird und alle Erneuerungen aus dem Erneuerungsstock bestritten werden. Ein Antrag der Koalitionsparteien, sog. Mittelstandskuren von angemessener Dauer in Bad- Rauheim und Bad Salzhausen zu ermöglichen, wurde angenommen. Das Kapitel selbst wurde gegen drei Stimmen angenommen, ebenso Kapitel 6a (Bad Salzhausen). Hierauf wandten sich die Beratungen dem Kapitel 27 (M inist e r i u m des Innern) zu: es lag hierzu eine Vorlage der Regierung vor, die sich auch auf die Kapitel 53 (Landcsamt für das Bildungswesen) und Kapitel 108 (Ministerium der Finanzen) erstreckt. Es wird vorgeschlagen, eine Ministerialrats st elle aus dem Ministerium des Innern auf das Landesamt für das Dil- dungswesen (jetzt Ministerium für Kultus und Bildungswesen) zu übernehmen und dafür eine Stelle für einen Vortragenden Rat aus Kapitel 53 (Landesamt für das Bildungswesen) auf Kapitel 27 zu übertragen. Die Bearbeitung der Finanzstatistik erfordere, daß der bisherige Direktor der Zentralstelle für die Landesstatistik in das Ministerium der Finanzen übernommen werde. Es soll deshalb in dem Ministerium der Finanzen eine neue Ministerialrats stelle errichtet werden. Die Regierungsvorlage wurde mit 7 gegen 3 Stimmen angenommen. Die Kapitel 29 (Postgebühren) und 30 (Regierungsblatt) wurde einstimmig angenommen. Kapitel 31 (Provinzialdirektionen und Kreisämter) wurde ebenfalls angenommen, und zwar unter Ablehnung von kommunistischen Anträgen, die Provinzialdirektionen aufzuheben und die Gehälter der Beamten über Gruppe 10 auf die Hälfte herabzusehen. Hierauf wurden die weiteren Kapitel bis 40 genehmigt und in die Beratung des Kapitels 41 eingetreten.
Rundfunkprogramm
des Frankfurter Senders.
(Aus der „Radio-Llmschau".)
Dienstag, 6. Mär;.
12,30 bis 13,30: Von Kassel: Mittagsständchen der Kasseler Hausiapelle. 15,30 bis 16: Die Stunde der Jugend. 16,30 bis 17,45: Konzert des Rundfunkorchesters. 17,45 bis 18,05: Die Lesestunde. 18,30 bis 19,15: Don Kassel: Dr. phil. Fritz Michel, Schleswig: Vorlesung aus eigenen Dichtungen. 19,15 bis 19,45: Die Sch ach - stunde. 19,45 bis 20,15: „Bei den „wilden" Tschamakoko-Indionern im Gran Chaco", Vor trag von Herbert Baldus. 20,15: Rju, Drama von Ossip Dymow. Anschließend: Schallplatten- Konzert: Aus Richard Wagners „Ring beä Ribelungen".
Eingemachtes.
Äon Anton Schnack.
Es ist die stille, erstarrte Poesie des Winkels, verehrt und behutsam auf Fensterbrettern auf- gebaut, in kleine Kaminerfchränke gestellt, aus denen ein säuerlich-süßer Duft quillt, als blühe der Sommer am Rain und ein reifender fruchtgoldener Herbst verwese die Gärten. Die wunderlichen Großmütter haben diesen Duft in ihren Schürzen, wenn sie aus den Vorratskammern treten, wo der Reinetteapfel verfault, der Saft der Butterbirne vermorscht, und die Maus funkelnd und klein über die Walnüsse klappert.
Dor diesen Türen hat eine fahle, irrträumende Kindheit geglüht. Hinter diesen Schlüssellöchern war der grüne Dampf schwermütiger Abendschatten, aus denen Glasgesichter blutrot und gelb herblitzten. Am funkelnden Apfelmus saß die Septemberwespe vertrocknet, den Ringleib zusammengeschlossen, mit gebrochenen Fühlern, ertrunken und erstickt im süßen und schwabbelnden Fruchtseim.
Latwerge.
In den kühlen Wandnischen standen die blau- bäuchigen irdenen Topfe, mit Drachenzungen be- ringelt, zugebunden mit knitterndem Pergamente Papier, das nach Salizylsäure roch: darunter war erstarrt, manchmal von einer Schicht weißen Schimmels übersprenkelt, die braune und zähe Masse der Latwerge. Fahlblau war der Herbst der Frankenzwetschgen, durch die Hügelmulden und Steingärten ging der Rachmittag mit traumhafter Sickle und Blätterfall. Oh Septembermelancholie, die wir durchlärmten, wenn die Leiter an die Wipfel der Bäume gelegt wurden. Die Goldschnur der Wespen stob auf, die an den aufgeplatzten honigtropfenden Früchten saßen.
Erinnert euch der Mehelarbeit, wenn die Magd die Korbe, darin die tiefblauen und schon etwas runzligen Zwetschgen lagen, schwer und niederziehend as, das Knie gepreßt, in die Küche schleifte. Ihre dunkelbraunen Finger schnitten eins, zwei, drei die Früchte durch, und der harte braunholzige Kern fiel klappernd auf den Tisch. Die lächelnden Schwestern halfen, aber ihr Schnitt war langsam und zögerte, den saftigen Leib der Früchte aufzuschneiden. Die Großmutter, mit der vorspringenden Adlernase und
Der Gedenktag an
Wie überall im deutschen Daterlande, so wurde auch in Gießen unserer im Weltkriege gefallenen Brüder in würdiger Weise gedacht.
Bereits am Samstag nachmittag hatte der engere Vorstand der unter der Leitung von Bürgermeister Dr. Frey stehenden Gießener Ortsgruppe des Bundes Deutscher Kriegsgräberfürsorge durch Kranzniederlegung am Denkmal auf dem Gießener Ehrcnfriedhof unsere auf dem Felde der Ehre gebliebenen Helden feierlich geehrt.
Am gestrigen Sonntag waren auf den öffentlichen Gebäuden und an zahlreichen Privathäusern die Fahnen zum Zeichen der Trauer auf Halbmast gesetzt. 3n den Kirchen wurden die Gemeinden durch die Predigten an die gefallenen Volksgenossen erinnert, mittags von 1 älhr ab erklang von den Türmen der Kirchen eine Viertelstunde lang feierliches Trauergeläute.
Den Mittelpunkt der Erinnerung an die Opfer des Krieges bildete die
Gedenkfeier zu Ehren unserer gefallenen Krieger, die auf Einladung der Ortsgruppe Gießen des Dolksbundes Deut cher Kriegsgräberfürsoige gestern mittag in der Reuen Aula der Llniversität stattfand. Wie in früheren Jahren, so hatte sich auch gestern wieder eine sehr große Trauergemeinde versammelt, die den weiten Raum der Aula füllte. 'Vertreter der Reichs-, Staats- und Kommunalbehörden wohnten der Gedenkfeier bei. Der Bauersche Gesangverein unier der Leitung seines Chormeisters O. Görlach leitete die Feier mit dem Gesänge des Sanctus von Schubert würdig ein. Anschließend trug der Vortrag des Adagio aus dem Trio op. 1 Rr. 2 von. Beethoven durch Frau Dr. Fischer (am Flügel), Musiklehrer Franz Bauer jun. (Violine) und Studienrat Dr. Hillenbrand (Cello) sehr zur Vertiefung der feierlichen Stimmung bei. Der Bauersche Gesangverein lieh sodann in packender Weise den Gesang des 23. Psalms (Gott ist mein Hirte) von Franz Schubert folgen. Hieraus folgte als ergreifender und ernstmahnender Höhepunkt die nachstehende
Ansprache von Professor Dr. Koch:
Hochgeehrte Feierversammlung, deutsche Brüder und Schwestern!
Es war mitten im Kriege. Ich wurde an den Fernsprecher gerufen. Ein mir sehr nahestehender, junger Kriegsfreiwilliger, der in den Karpathen kämpfte, war soeben gefallen. Noch kann ich mich, als wäre es heute, in die Empfindung jenes Augenblicks zurückversetzen. In der elementaren Erschütterung des ersten Eindrucks trat es mir auf die Zunge, und um ein Haar hätte ichs in den Fernsprecher hineingerufen: „Es ist ja gar nicht wahr, es ist ja gelogen!" So lehnte sich alles in mir aus gegen die Anerkennung ber furchtbaren Tatsache. — Es ist nur ein Beispiel für ungezählte. So schrie es in jenen Tagen durch Deutschland, so durch die Welt: „Es ist ja gar nicht wahr! Es darf ja gar nicht wahr sein!"
... Die Zeit ist eine andere geworden. Heute, zehn und mehr Jahre nach dem furchtbaren Geschehen, lehnen mir uns nicht mehr auf. Wir i>aben uns mit der Wirklichkeit abgefunden, so wie nur zu viele sich ak^efunden haben mit dem ganzen Jammer ihres Daterlcm-des. Mit Leid haben wir uns abgefunden, mit tiefftem Leid bis heute, aber doch mit stillerem, mit sehr viel gefaßterem Leid. „Es ist nun einmal nicht zu ändern," sagen die einen, — „Dein Wille geschehe," die andern.
Aber, hochgeehrte Versammlung, darf das jein ? Darf es fein, daß wir uns, auf die eine ober die andere Weise, abfinden, nur abfirtben? Daß >das Abfinden das Einzige bleibt?
Lassen Sie uns in bieder ernsten Stunde in Gedanken hinaustreten an das Denkmal, das jetzt draußen vor der Stadtkaserne zu uns reden will von unseren Gefallenen. — Es gibt Kriegserinnerungs- male, die sprechen $u dem Beschauer von dem großen Sterben jener Zeit, von der erhabenen Majestät des Todes. Ergreifend manche. Und es ist recht so, nur im Tode gebiert sich wahres Leben. Aber wehe einem Volle, dem seine Denkmale nur vom Tod, nur oom Vergangenen redeten; dem sie gar redeten vom
den scharfen Dogelaugen, warf sie in die Kessel, daS Wasser unter dem heißen und harzduftenden Herdseucr sang und sirrte. Seht ihr sie noch vor euch, die schweigsame Alte, nur mit den Augen lebendig den Brei rührend, immer rührend, ohne Unterbrechung und mit unermüdlicher Beharrlichkeit, während auf der braunen gluckernden Masse die Blasen platzten. Dann warf sie, ernsten Gesichtes, die Spitze eines zertrümmerten Zuckerhutes hinein und aus der Blechbüchse lange Zimtstangen. Süß und frucht- haft dampfte es heraus. Gewürz- und Honig- wolke zugleich, die an den grünen Küchenscheiben in langen Wasserschnüren sich auflöste.
Oh herbstliches Abendgeläut, das bann herein- sang. Oh schweigsame Großmutter, die das Kreuz über der faltigen Stirne schlug. Oh mystische und begnadende Apotheke der Küche, vorsorgend für die kleinen Krankheiten des Winters: für den trockenen Husten in Kinderkehlen, für die Atemnot der Alten, für die Schlemmereien am Weihnachtstag: wie heilsam ist es, den Saft des Apfels dem fieberheißen Mund zu geben.»
Apfelgelee.
3m Hause gab es ein Fenster, in dem sich der tiefe Garten rahmte. Da standen die Gläser, zehn, fünfzehn, zwanzig, gefüllt mit einem rot erstarrten Blut: eine zitternd süße Masse: hell wie Bernstein oder fröhlich rosa und blitzend wie ein Kristall.
Das Haus danach roch, im Gang zog tagelang die Duftwolke von Zimt und Zucker, der auf der Herdplatte verbrannte.
3m Garten lag, vom Rachtwind abgeschüttelt, der kleine grüne Apfel, kühl und frisch ün Morgentau. Die Mutter wusch ihn mit vielen anderen, bohrte ihn aus, wo ein kleiner rosa- gelber Wurm herauskam, zerschnitt und warf alle in einen Topf, dessen Boden sie mit ein wenig Wasser bedeckte.
Da schwärmten die Wespen um den Sack, darein die rosa Apfelmasse geschüttet war: langsam tropfte ein brauner Saft in die Schüssel. Sommer. Sommer jubelten die Tropfen, wenn sie mit einem klingenden Geräusch auf dem Spiegel der gelben Brühe auffielen.
Damals, als der Apfel vom Geäst fiel, äste die Schafherde am Rain, und ein paar Wolken trieben am Himmel entlang. Das kleine Mäd-
unsere Gefallenen.
bloßen Sich-ab-sinden mit dem Tode! Der ernste Mann aus Stein, der sich dort draußen vor der Kaserne von der Erde, auf die er niebergefunten, mächtig emporringt, ist auch ein toter Krieger, und doch kein Toter, der nur tot ist, von dem man sonst nichts sagen kann, als er fei tot. Nein, er ist ein Toter, der leb t, mächtig ringend lebt, leben will! Er will leben in den Seelen der Lebendigen, in unseren Seelen! Es ist, als wollte er in jenen Ruf erster Erschütterung „Es ist ja gar nicht wahr" mit einftimmen: „Und es i st auch nicht wahr, daß ich tot bin, nur tot bin, es darf nicht wahr sein! Ich m u ß leben, leben in dir, mein deutscher Bruder, meine deutsche Schwester! Muß leben in dem deutschen Volke dieser Friedensjahre!"
Wir mögen über den Sinn des Krieges sonst denken, wie wir wollen, mögen ihn den großen Erzieher nennen oder den großen Verderber oder vielleicht auch beides zugleich, — in einem find mir wohl alle einig: daß er der große Offenbarer ist. 3m Feuer bewährt sich das Gold, verbrennen die Stoppeln. Wie auf der einen Seite das Dose und das Kleine, so tritt auf der anderen das Echte und das Große in einem Volk hervor, das größer wird in her steten Vertrautheit mit dem nahen Tode. Von dem Allergrößten, Allerinnersten, das solche stete Todesnähe in den Tagen, derer wir heute gedenken, in Mannes- und Jünglingsseelen emporgetrieben hat, können mir hier nicht reden. Aber wir denken zweier Dinge, in denen jenes Allerletzte besonders wunderbar sich offenbart.
Wir denken jenes bedingungslosen Willens zumOpfer.in dem die T r e u e, jene allertiefste, jene elementar-ewige Kraft in der Seele, sich zu vollenden trachtet. Für sein Volk sterben können, nicht im Rausch, sondern in der Treue, nicht in ’rijebenben Liedern nur, sondern in aller wirklichen Su.rbensnot: das ist und bleibt doch wohl höchstes Menschentum, unendlich höher noch als alles, was wir gemeinhin Menschheitskultur nennen. Und es ist nicht allein der Heldentod im Sturmangriff — nein, auch wenn jener schlichte Soldat und Unteroffizier, einer von den Stillen im Lande, mit hei ich über die verwüsteten Felder Französisch-Flanderns ging, nach fast vier Jahren harten Frontlebens sagen konnte: „Ich habe mich für meine Person jetzt mit dem Kriege ausgesöhnt!" — auch das ist jene Treue, ist jenes Opfer, in dem der Mensch hinauswächst über sich selbst, das gebrechliche Geschöpf.
Und gleich daneben die zweite große Offenbarung jenes Allerletzten: es ist die Kameradschaft, die Bruderschaft. Es sind ja — daß mir das doch niemals vergäßen! — nicht bloß einzelne, nicht noch so viele einzelne, an deren Sterben mir heute denken. Es ist ja eine große Lebens- undSter- bensgemeinschaft! So rnar's in jenen denk- rnurdigen Augusttagen, so ist's in Ungezählten und in den Besten oben und unten geblieben bis ans Ende: ein „Volk von Brüdern". Was waren auch alle Unterschiebe des Standes, der Bildung, der Partei, der Meinung vor der Majestät des Todes"? BruderMensch! Bruder Deutscher!
Ein Freund erzählte mir: Als ich mit meinem Zug gegen den russischen Feind vorging, warf mich eine Kugel zu Boden. Unfähig, mich zu bewegen, lag ich zuletzt hilflos zwischen den feindlichen Linien, auf einem vom Feuer bestrichenen Felde. Da holten mich zwei meiner Leute zurück, unter Einsetzung ihres eigenen Lebens brachten sie mich ?llücklich wieder zu den Meinen. Und was waren's ür Leute? Der eine ein geistig Minderwertiger, der andere ein moralisch Gebrandmarkter, einer aus der zweiten Klasse des Soldatenstandes. Ich fragte sie später: „Warum habt chr mich denn nicht im Feuer liegen gelassen?" „Das hätten wir nicht gekonnt", war die Antwort. Bruder Leutnant! Bru- der Soldat! Bruder Akademiker! Bruder Armer am Geiste! Bruder Deutscher!
Das ganz Schlichte, das ganz E men t a r e ist das bleibend Große: Opfer treue! Bruder sinn! Nicht noch so hohe Geistigkeit, nicht Wissenschaft noch Wirtschaft, nicht Fortschritt noch Kultur, sondern das ganz Schlichte: Opfertreue, Brudersinn. So hat es in jener ganz ernsten Zeit, so hat es im Kämpfen und Sterben unserer Manner und Jünglinge leuchtend sich offenbart. Und das ist und bleibt das große Leuchten, das von jenen Tagen her das Dunkel unserer Tage immer wieder durchbrechen will. Das ist es, was in uns
chen wird es nicht mehr wissen, da es nach dem Samtflug eines Trauermantels sah. Aber wenn es am langen Winternachmittag die süße Apfelspeise ißt. wird es die Lerchen fingen Horen und einen Schmetterling im Brombeer- strauche schaukeln sehen.
3ch weiß es noch: denn ich stand am Fenster und sah wie in einem Bild den Daum, das Mädchen und die weißen Schafe.
Hagebutten.
Die Männer, als wir am Hagebuttenstrauch standen, schossen mit blauen Flinten in die Kette der Rebhühner. Kullernd versanken sie im kühlen Grün des Herbstklees. Traurig sahen wir den braunen Hunden nach, die im fliehenden Bodennebel verschwanden, um die geschossenen Vogel zu suchen.
Der alte Doktor Bcchtist erzählte immer meinem Vater, wenn er ihn sah, von dem berauschenden und dicken Wein, den er aus Hagebutten gegoren hatte. 3n seinem Keller war ein riesengroßer Grabstein. Keiner wußte, wer darunter lag.
3ch liebe das Mark der Hagebutte, weil es etwas rauh ist und den Gaumen mit feinen Stachelhaaren ritzt. Wie seltsam: der Dorn der Aeste kehrt, feiner, biegsamer, zärter im Gehäuse, glitzernd und hundertfach um die Kerne geschart, in der kleinen gelben Wölbung des Inneren wieder. 3n einem alten Arzneienbuch, das die Jahreszahl 1753 tragt, steht, daß das Hagebuttenmark das Blut reinige und, in bösen Fiebern, dämpfe. 3ch weiß nicht, ob sie es auch in der Bretagne essen. Die Bauern in Franken füllen es in kleine Steintopfe: ein Geschmack von Erde kommt in das Mark. Ich wußte einen wilden Rosenstrauch, der am Weinberg blühte. 3m Herbste war er wie von großen Tränen Blutes betropft. Ach, das Mädchen Ane wird sich an den Strauch noch gut erinnern: denn damals, es war ein milder vogelfroher Herbst, ging ich mit ihr am Strauch vorbei: dabei flatterten ein paar Blätter leise zu Boden...
Johannisbeeren.
Auf den weihen Zetteln der Gläser steht mit stahlblauer Tinte, in kleiner und scheuer Mädchen- fchrift: Gepflückt am 15.3uli, eingemacht am 16. Juli 1924.
Ueberlebenben, in unseren Kindern immer wieder lebendig werden will, damit, was damals geschah, auch für uns und kommende Geschlechter nicht vergeblich gewesen fei.
So wollen unsere Gefallenen, wollen ihre Besten heute und täglich neu hinein auch in unsere Seele, auch in unserer Seele mächtig sich auf ringen aus der Tiefe zur Höhe. So wollen sie eine le. -idig fortwirkende Macht werden in uns: eine Macht der Treue und des Opfers in einer Zeit, die wieder so klein werden will in Selbstsucht und Selbstgenügen und schaler Vergnüglichkeit: eine Macht des Brudergeistes in einer Zeit, da die Seelen wieder so eng werden wollen in lieber- Hebung der Menschen, der Stände, der Parteien übereinander, in der Kälte, mit der der Deutsche neben dem Deutschen steht, auch neben feiner Not. „Deutscher Bruder, deutsche Schwester," so sprechen unsere Kriegstoten zu uns, „es ist nicht wahr, es darf nicht wahr fein, daß wir tot, nur tot sind! A n d i r liegt's, ob wir unserem Volke tot sind ober ob wir ihm leben. W i r sind gestorben, sind in ein höheres Leben gegangen, d u aber sollst die Kraft, in der wir einst starben, heute offenbaren in deinem Leben unter deinen Brüdern und Schwestern, deinem Volke!"
Wir Horen, verehrte Freunde, nun schon zehn Jahre die alte Klage: „Und all dies Sterben, all dies Leiden für nichts! Alles ohneErfolgl" Sine Klage, so menschlich begreiflich und doch sv menschlich klein! 3st denn wirllich Erfolg dieses Lebens letzter Sinn? 3st ein Leben und ein Sterben in Opfertreue und Brudersinn denn nicht etwas in sich selbst, nicht groß in sich selbst, nicht hoch erhaben über allen äußeren Erttag. allen Erfolg? Wenn wir jetzt bald wieder unsere Seele baden im leuchtenden Grün des Maienwaldes, ist. was uns stärkt, der Gedanke an das Holz der Bäume, das im Winter unseren Ofen Heizen soll, an den Ertrag des Waldes? — Rein, nur ein Ertrag, nur ein Erfolg jenes großen Sterbens ist es wert, ganz und bedingungslos ernst genommen zu werden: daß in uns, den Gebliebenen, ihr, der Toten Geist a u f l e u ch t e und wie dort im Denkmal mächtig sich aufringe, — der Geist des Opfers in Treue, der Geist der Bruderschaft im Dienste aneinander, aller aneinander, im Dienste am Reuwerden unseres an Leib und Seele tief leidenden Volkes, am Reuwerden einer tiefkranken Kulturmensch- beit. Das sei heute und immerdar unser lebendiges Gedenken an unsere teuren Kriegstoten, bad unser Dank, das unser heiliges Geloben.
Mit dem feierlichen Spiel des ersten Verses des alten Soldatenliedes „3ch hatf einen Kameraden" durch das Trio Frau Dr. Fischer. Wusik- lehrer Bauer und Studienrat Dr. Hillen- brand, fand die erhebende, in würdigster Weise auf den tiefen Gehalt des Gedenktages abgestimmte Feier ihren Ausklang.
Oberheffen.
Landkreis Gießen.
CJ Klein-Linden, 4. März. Die Verpachtung der Grundstücke der Erben des verstorbenen Landwirts Georg 3 ä g e r am Samstag hatte viele Interessenten angelockt. Die Stücke, die auf neun 3ahre verpachtet wurden, erzielten mittlere Preise, Wiesenland stellte sich im allgemeinen höher als Ackerland. Ackerland, in der Gemarkung Klein-Linden gelegen, galt der Rormalmorgen (2500 Quadratmeter) 32 bis 66 Mark, je nach Qualität und Lage, eine Wiese von 675 Quadratmeter kam auf 24 Mk. Für Wiesenland, in der Gemarkung Gießen gelegen, wurden für einen halben Morgen 16 Mk. und für einen Acker von 1306 Quadratmeter 27 Mk. geboten, die zur Gemarkung Allendors a. d. Lahn gehörigen Wiesen erzielten als Pachtpreis für den Morgen 55 bis 70 Mk. Der Zuschlag wurde erteilt.
gr. G r ü n i n g e n , 4. März. Zu dem kürzlichen Eingesandt" aus Hausen betr. Post- bestellung sei ergänzend mitgeteilt, daß eS noch mehr solcher stiefmütterlich behandelter Orte in der Rahe Gießens gibt. So benötigt beispielsweise ein Brief, der hier am Samstag- morgen kurz nach 7 41hr in den Briefkasten eingeworfen wird, mehr als drei Tage, um an seine Adresse nach Gießen zu gelangen. Voraussichtlich wird es aber mit der Post- bestellung in unserem Dorfe und in allen an der Autolinie gelegenen Orten bald besser
Wie leicht und schnell Otc Jahre vergehen, von den Sommerwundern ist nur eine Reihe von Gläsern geblieben, in denen die törnigen Beeren gleich toten Perlen mit schwarzsunkelnden Punkten eingepreht sind. Morgen vielleicht bringt sie die Köchin zum Rindfleisch auf den Tisch. Ach, ich werde nachdenken müssen an einen Garten, an eine zerfallene Steintreppe, an blühende Sonnenblumen und an dich.
Schwarzbeeren.
Wenn ich sie betrachte, Heine Gläser, große Gläser, Gläser mit runden Bäuchen, Gläser mit schlanken Hälsen, angefüllt mit einem schwarzen dunklen Safte, fällt mir ein Waldrauschen in das Ohr.
Eine junge Magd saß in der Küche. Ein brauner Waschkorb, ausgelegt mit undurchlässigem Papier, war angefüllt von den blauen Perlen und Kugeln der Beeren. Ein langer Holzlöffel lag auf dem Tisch. Rauchende und dampfende Töpfe standen auf dem Herd, der die Abenddämmerung der Küche mit absonderlichen Flackerlichtern durchzuckte. An der Straße rauschte der Wald im Abendwind. Daraus, aus Wind und Wald waren wir gekommen, die Schwester, die Magd und ich. Cs ist mir unvergeßlich, wo ich die Spuren meines Fußes im Moos gelassen habe. Es ist mir unvergeßlich, wo die Lichtung voll Sonne lag. Zwerge und Rehe sah ich in der blauen Dämmerung hinuntergehen.
3m grünen Gesträuch der Beeren saßen wir, kniegebogen, mit mühseligem Eifer und schwarze« Fingerspitzen die Früchte pflückend in blau und weihe Tassen, deren Emaille die Sonne erwärmte. Ich seh es noch: der Mund der Schwester war schwarz und verfärbt, und auch die Magd, deren Eltern Bauern im Thüringischen waren, war überrot am Mund. Das Geheimnis von Frauenlippen schrie mich mit glühender Schwermut an. Mein Herz klopfte: locke die Magd hinter die Büsche. Aber schweigend, müde Pflücker, trugen wir die Körbe durch das Waldtal...
Wenn ich sie betrachte, kleine Gläser, große Gläser, Gläser mit runden Bäuchen, Gläser mit schlanken Hälsen, angefüllt mit einem schwarzen dunklen Safte, sehe ich den wilden überroten Wund der Magd, der nach mir rief. Aber ich lieh ihn unberührt. Ach, unverständlich find hie Beklommenheiten und Lethargien junger Herzen.


