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Nr, 55 Zweites Vlatt

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Eichener Anzeiger (Eenerai-Anzeigsr für GSerhchen)

Montag, 5. März '928

Das deutsch-englische Bündnisproblem.

Eine Buchbesprechung.

Die Lüge von der Alleinschuld Deutschlands am Weltkriege wird weder mit papiernen Pro­testen, noch mit geharnischten Dersammlungs- resolutivnen wirksam bekämpft. Wir haben darin vielleicht schon reichlich zuviel getan, und es ist gut, daß nun die Historiker, als die berufenen Wegbereiter der geschichtlichen Wahrheit, mit aller Kraft darangehen, zu zeigen,wie es wirk­lich war". Das ist ihnen bis heute noch un­geheuer erschwert, da zwar das Deutsche Reich feine Archive lückenlos und ohne Rücksicht der Forschung geöffnet hat, diese Tat aber bei un­seren ehemaligen Kriegsgegnern vorläufig noch keine Nachahmung gefunden hat. Solange also noch der Forschung ein großer Teil des wichtig­sten Quellenmaterials vorenthalten wird, ist es natürlich außerordentlich schwer, von der Vor­geschichte des Krieges eine Darstellung zu geben, Die den Anspruch auf Vollständigkeit und Gründ­lichkeit erheben kann. Richt minder schwierig ist es, heute schon über einzelne Abschnitte in Der Geschichte der Vorkriegspolitik abschließend zu urteilen. Zweifellos eines der wichtigsten Kapitel, dessen Klarstellung für die Beurteilung der internationalen Politik in den Jahrzehnten vor dem Ausbruch des Weltkrieges von aus­schlaggebender Bedeutung sein muß, dreht sich um das deutsch-englische Bündnispro­blem. Es ist zweifellos: wenn die Verhandlun­gen der 90er Jahre zu einem anderen Ergebnis gekommen wären, wie sie tatsächlich gekommen sind, hätte die Geschichte einen wesentlich an­deren und vielleicht das kann man wohl heute schon sagen für uns günstigeren Ver­lauf genommen. Trotz der oben skizzierten Lücken int Quellenmaterial hat es der bekannte Historiker der Berliner Universität, Friedrich R! e i n e ck e, unternommen, in einer glänzend geschriebenen Monographie das deutsch-englische Bündnisproblem in allen Phasen seiner wand­lungsreichen Geschichte, von Bismarcks Rücktritt bis zum Scheitern der letzten Verhandlungen zu schildern, und er hat sich auch nicht gescheut, die deutsche Politik dieser Jahre einer sachlichen Kritik zu unterwerfen.*) Obwohl sein Buch also nur einen Teil des gesamten Quellenmaterials berücksichtigen konnte, wird es für lange Zeit unentbehrlich sein für jeden, der sich mit der deutschen Vorkriegspolitik und der Kriegsschuld­frage irgendwie beschäftigt.

Das Dismarcksche Dündnisshstem, in das Eng­land durch seine Bindungen mit den beiden Mittelmeermächten Italien und Oesterreich ein­gegliedert war, verlor in dem Augenblick seinen inneren Halt, in welchem Englands Interesse von den Dardanellen sich nach dem fernen Osten wandte und der deutsch-russische Rückversiche­rungsvertrag durch denneuen Kurs" nicht wie­der' erneuert wurde. Seitdem schwankte die Ber­liner Politik -wischen dem Wunsch, mit Rußland und Frankreich zusammen einen Kontinen- talbund einzuaehen, oder durch ein Bünd­nis mit England den Druck des von den beiden Kontinentalmächten drohenden Zwei­frontenkrieges zu paralysieren. Der Versuch, mit Rußland und Frankreich zusammen Weltpolitik zu treiben, wurde bald in den Friedensverhand­lungen von Shimvnofeki nach dem japanisch- chinesischen Krieg und in den Verhandlungen um Salisburys türkischen Teilungsplan zur argen Enttäuschung. Mit England ins Klare zu kommen hinderte Holsteins fixe Idee, daß Englands Poli-

*) Friedrich Meinecke: Geschichte des deutsch-englischen Dündnispro- blems 1890 bis 1901. (Verlag R. Olden- bourg, München. Halbpergament 11,50 Mk.).

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Oergute Ton" in Schweden.

Kleiner Knigge für Schwedenrcisende.

Don unserem ständigen v. M.-Berichierstatter.

Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten.

Stockholm, Ende Februar 1928.

Ekik folge, eller Land fly", sagt der Däne was soviel heißen soll wie:Schicke dich in die Sitten des Landes, oder verlasse es!" Ob dieser kategorische Imperativ nun gerade als Muster­beispiel duldsamer Gastlichkeit gelten darf, bleibe dahingestellt. Jedenfalls können wir unbeschadet davon lernen, denn uns Deutschen ist ja befonnt* lich nichts verehrungswürdiger, unantastbarer, nachahmenswerter als fremde Sitte (selbst wenn sie sich noch so plump gebärdet). Der sehr viel konziliantere Schwede begnügt sich mit dem höf­lichen Hinweis:Man ta'r seden dit man kom- mer!" (Man nimmt die Sitte an. wo man hinkommt") meint jedoch ungefähr dasselbe. Beide Völker aber geraten vollkommen aus ihrem nordischen Gleidmewicht. wenn man n un­schuldsvoller Älnto: fenpeit gegen den Pate .- tiert-landesüvtlchenguten o n" verstößt. Wie leicht das geschehen kann, dürsten folgende Erfahrungen eines durch Schaden klug gewordenen Zeitgenossen, was Schweden anbe­langt, außer Zweifel stellen:

Wer im deutsch-schwedischen Wörterbuch den entsprechenden Ausdruck für unserSie" als Anrede sucht, wird unschwer das Wörtchenni" finden. Es ist wirklich leicht zu behalten, und was läge daher näher, als es nunmehr mög­lichst an passender Stelle auf den schwedischen Mitmenschen loszulassen. Richt wahr? Trotzdem muß ich, im Interesse der Wohlanständigkeit und des guten Eindruckes, dringend davor warnen, sich von vornherein eine so schwere Entgleisung zu leisten. Cs gilt nämlich als Gipfel der Un­höflichkeit, jemandem in der Anrede den ihm zuste^nden Ramen, Titel oder Stand vorzuent­halten. Man frage also auf schwedisch beileibe nichtSprechen Sie deutsch?", sondern mache den kleinen älrnwcg über die dritte Person mid sage: Spricht Herr Svensson (resp. der Minister die Waschfrau der Gutsbesitzer der Grohkauf- mann) deutsch?" Wenn irgend möglich, verschaffe man sich vorher die Personalien. _ Das macht immer den besten Eindruck und läßt auf ge­diegene Erziehung schließen. Im Rotfalle aber ist es empfehlenswert, nach kurzer Abschätzung der Persönlichkeit,Herr Carlsson",der Ingenieur", oderder Direktor" zu sagen. Rach der Wahr­scheinlichkeitstheorie hat man beiCarlsson" etwa 50 Prozent Chance, ins Schwarze zu treffen, Ingenieur" ist schließlich auch keine Beleidigung

tik in erster Linie immer darauf gerichtet sei, die Kastanien durch andere aus dem Feuer holen zu lassen. Es war ein unzerstörbares Mißtrauen in die Ernsthaftigkeit der englischen Dünd- nisverhandlungen, das sich im Laufe der Ver­handlungen auch dem Kaiser und Bülow mit- teilte, ohne daß stets ein plausibler Grund hierfür hätte vorgebracht werden können. Holsteins ver­zwickte und in ihren eigentlichen Motiven für den gesunden Menschenverstand kaum noch be­greifliche Politik vor und während des Buren­krieges, ging nach Meineckes Ansicht darauf hin­aus, durch die Drohung mit einem Kontinental­bündnis England für den Anschluß an den Drei­bund reif zu machen. Aber man schien dabei in der Wilhelmstraße zu verkennen, daß bei diesem überfeinen Spiel nicht England, sondern im Gegenteil Deutschland in Gefahr stand, iso­liert zu werden, weil Frankreich und Rußland, mit denen man zusammenzugehen gedachte, die Gelegenheit benutzen konnten, um Deutschland ge­gen England vorzuschieben und zu kompromittie­ren. Die Geschichte der Krügerdepesche zeigte bereits eklatant, wie groß diese Gefahr war.

Holstein prägte nun das neue Stichwort von der Politik der freien Hand, durch die man die kontinentale Sicherungspvlitik mit der neuen überseeischen Erwerbspoliti? am besten kom­binieren zu können glaubte, indem man die Gegensätze zwischen England und den Mächten des Zweibunües geschickt auszunutzen und durch Gefälligkeiten nach dieser oder jener Seite hin sich Zugeständnisse zu erlaufen suchte. Diese Po­litik formte solange gut gehen, als die von Holstein und Bülow vertretene Meinung zu Recht bestand, daß der Weltkampf zwi­schen Rußland und England unver­meidlich und eine Einigung zwischen Bär und Walfisch über den Rücken Deutschlands unmöglich sei. Rußlands Konkurrenz in China, Frankreichs Aspirationen in Aegypten und gleichzeitig die Furcht vor neuen Kämpfen in Südafrika veran­laßten 1898 den älteren Chamberlain zu einer ersten Fühlungnahme in Berlin. England wünschte anfangs ein deutsch-englisches Aggressiv­bündnis gegen Rußland, war jedoch schließlich auch bereit zu einem Devensivbündnis, nach dem beide Mächte sich zu gegenseitigem Beistand ver­pflichteten, sobald eine von ihnen gleichzeitig von zwei Seiten angegriffen wurde. Die Verhand­lungen versandeten, weil die deutschen Staats­männer die Gefahren dieses Bündnisses über­schätzten und und dies nach Meineckes An­sicht mit Recht eine zwingende Notwendigkeit, sich zu binden, diesmal nixh nicht anerkennen wollten, da eine Verständigung Englands mit Frankreich oder Rußland noch in weitem Felde zu liegen schien.

Meinecke schildert dann Deutschlands Politik in Vorderasien, die mit dem StichwortBagdad­bahn" hinreichend gekennzeichnet wirb, die Ver­suche, zu einer Allianz mit Rußland zu kommen, die merkwürdigen Irrwege der deutschen Politik während des Burenkrieges und die Geschichte des Jangtse-Abkommens. Im Jahre 1901 empfand Chamberlain von neuem und diesmal wesentlich drängender die Notwendigkeit, die Politik der splendid Isolation zugunsten der Bildung eines großen weltpolitischen Konzerns aufzugeben. In den jetzt erneut aufgenommenen Dündnisverhand- lungen ließen sich die deutschen älnterhändler wiederum von dem Grundirrtum leiten, daß Englands Allianzbedürfnis viel größer fei, als das deutsche, und daß England, wenn es in Not komme, nur in Deutschland seinen Alliierten finden lonne. Holstein glaubte, Eng­land müsse es erst noch schlechter gehen, bevor es für Deutschland bündnisreif werde. Aber der Kaiser hatte diesmal das richtige Gefühl für die Gefahren der Lage, als er zu dem Botschafter Grafen Metternich äußerte:Ich kann doch nicht immerzu zwischen Russen und Eng­ländern schwanken. Ich würde mich darm

undDirektor" von irgendetwas dürfte erfah­rungsgemäß jeder dritte achtbare Durchschnitts- schwede fein. (In meiner Stockholmer Studien­zeit nannten wir nachts jeden Schutzmann Carls­son und sind immer gut dabei gefahren.) Den TitelDoktor" benutze man nur, wenn sich beut- l i ch Jodoform geruch feststellen läßt, denn andere Doktoren gibt es in der Praxis gav nicht. Bei einer Dame genügt es übrigens keineswegs zu wissen, dah ihr Gatte Herr T. heißt, denn sie führt den Titel ihrer Geburt und muß eventuell Gräfin oder Freifrau T, genannt wer­den. Wenn man in eine fremde Gesellschaft kommt, lasse man sich vorher doch lieber die Einladungslifte geben und lerne sie auswendig.

Wenn man mit einem guten Bekannten ge­mütlich beisammensiht irnd etwas außerordentlich Alkoholisches trinkt, (wann täte man das in Schweden trotz der halben Prohibition wohl nicht?!), dann tritt bald nach Mitternacht der psychologische Moment ein, wo der wackere Schwede sein Glas erhebt und einen auffordert, die Titel abzulegen". Ist der Mann Akademiker, dann nennt er wohl auch nur das Jahr, in welchem erStudent wurde". Wer die Formel nicht kennt, wird mit der mystischen Jahreszahl nicht viel anzufangen wissen und seinen guten Belannten dadurch schwer verletzen. Es handelt sich natürlich um die Duzbrüderschaft, in die, bei sehr vorgerückter Stimmung, auch wildfremde Menschen und der Oberkellner Wachtmeister" genannt in Bausch und Bogen mit eingeschlossen werden. Zum guten Ton gehört letzteres allerdings nicht unbedingt!

Auf der Straße muß stets hartnäckig danach getrachtet werden, die linke Seite des jeweiligen Begleiters zu gewinnen. Im Zweifelsfalle _ in bezug auf höheres Alter oder größere Würdig­keit pflegt ein edler Wettstreit zu entbrennen, dem nur durch kluge Abschätzung des Terrains ein räumlich bedingtes Ende bereitet werden kann.

In guter Gesellschaft ist natürlich jedweder Kraftausdruck, und ganz besonders jede unsach­liche Erwähnung des Teufels, strengstens verpönt. Angesichts unbezwingbar-explosiver Notwendig­keit darf man gelegentlichsiebz e h n" sagen, was einen salonfähigen Hinweis auf die7000 Teufel" des gemeinen Mannes enthält.

Wenn meine Eltern, gelegentlich meiner Ge­burt, sich bewogen gefüllt hätten, eine Wiege anzuschassen, dann hätte sie unter den östlichen Deutschen Europas gestanden. Ich führe das hier nur an, um begreiflich zu machen, daß Zigaretten in kleinen Mengen für michvogelfrei" sind und nicht eigentlich unter den Begriff des Privat­eigentums fallen. Anläßlich eines Besuches bei

schließlich zwischen zwei Stühle setzen." Bulows Ideal war nicht ein deutsch-englisches Bündnis, sondern eine Angliederung Englands au den Dreibund. Hierfür war England nicht zu haben. Oesterreich war für die englischen Staatsmänner eine Großmacht, deren Lebensdauer nicht mit Sicherheit zu be­rechnen war. Man wollte sich nicht enger, als die bestehenden Verträge es forderten, an diese wankende Macht binden. An diesem Punkt scheint noch Ausfassung Meineckes der letzte Ver­such, zu einem Bündnis zu kommen, geschei­te r t zu sein. Zweifellos war die Zukunst des verbündeten Oesterreich-älngarn der dunkelste Punkt der deutschen Politik. Er war um so dunkler und schwieriger für uns, je abhängi­ger wir von Oesterreich waren. Das hat man damals in Berlin nicht etiännt, weil man Oester­reich für lebensfähiger hielt, als es war. Hätte man in Berlin den selben Instinkt für die pre­käre Zukunft Oesterreichs gehabt, wie in England, so würde man leinen Augenblick gezögert haben, die Hand Englands zu ergreifen und den Schwer­punkt unserer Politik vom deutsch-österreichischen auf das deutsch-englische Bündnis zu verlegen. Dieses letztere hätte auch in der eingeschränkten Form nach Meineckes Ansicht geschlossen werden müssen, weil die bisherigen Hilfsquellen des Dreibunds bei der zunehmenden Schwäche Oester­reichs und der Unzuverlässigkeit Italiens schon für die Aufgaben der kontinentalen Zukunft und Sicherheit nicht mehr genügten. Weltpolitik aber, die über die Sicherung des vorhandenen Kolonialbesitzes hinausstrebte und ein größeres Kolonialreich schaffen wollte, war in Zukunft nur entweder mit oder gegen England zu treiben möglich. Den evidentesten Fehler unserer Politik vor dem Kriege sieht Meinecke darin, daß sie Flottenbau und Bagdadbahn gleichzeitig be­trieb und dadurch die beiden 'Weltrivalen Eng­land und Rußland, auf deren Unversöhn- lichkeit wir unsere Politik ausgebaut hatten, erst recht reizte, ihre ohnehin schon mögliche An­näherung und Ausgleichung mit ein­ander zu vollziehen.

Die Reform des Eides.

Abschluß

der Arbeiten des Sirafrechtsausschusses.

Berlin, 4. März. Der Reichstagsausschuh für die Strafrechtsreform trat am Freitag zu seiner letzten Sitzung zusammen, um die dem älnterausichuh überwiesene Frage der Eides- r e f o r m zu verabschieden. Entsprechend dem Vorschläge des Unterausschusses wurde im § 184 der Meineid mit Zuchthaus bis zu zehn Jahren, der fahrlässige /Falscheid mit Gefängnis bis zu zwei Jahren bedroht. Wer als Zeuge oder Sachverständiger uneidlich falsch aussagt, obwohl er auf die Strafbarkeit hinge­wiesen worden ist, soll auf Grund des § 187 mit Gefängnis bis zu drei Jahren bestraft werden. In besonders leichten Fällen kann jedoch das Gericht von Strafe absehen.

Einstimmig wurde sodann vom Strafrechts- ausschuh eine Entschließung angenommen, die die Regierung ersucht, im gesamten Gerichtsverfahren auf eine wesentliche Eins chränkung der Eidesabnahmen hinzuwirken. Dabei soll eine Reihe von Grundsätzen beachtet werden: An die Stelle des Voreides soll der R a ch e t d treten. In Privatklagen oder Prozessen wegen Hebertrehmg soll das Gericht eine Beeidigung nur beschließen können, wenn ein öffent­liches Interesse ober wichtiges Interesse einer Partei vorliegt. Unterbleibt die Beeidigung in der Hauptverhandlung, so hat der Richter vor der Vernehmung auf Die Strafbarkeit falscher ober unvollständiger Aussage hinzuweisen. 2n der Voruntersuchung und im Vorverfahren darf

einem hochbeamteten schwedischen Staatsmann, mit dessen Sohn ich eng befreundet war, unter­nehmen wir eine längere Autotour. Mein Freund und ich vielversprechende Jünglinge um die Zwanzig hatten unseren Rauchvorrat ausge­braucht und da ich wußte, daß ber. alte Herr stets mindestens hundert Zigaretten bei sich führte, bat ich ihn ebenso harmlos wie höflich, uns aus­zuhelfen. Natürlich zog er sofort sein Etui, sah mich dabei aber so befremdet und mißbilligend an, daß ich eine konfuse Entschuldigung hervor­stotterte ohne recht zu wissen, warum. Der Gouverneur schwieg einige Minuten und wandte sich mir bann wieder in altgewohnter Freundlich­keit zu:Ich hatte vergessen, daß Sie Ausländer sind. Sie haben aber sicher nicht darüber nach- gedacht. baß Sie mir burch Ihre Ditte inbirelt ben Vorwurf machen, nicht aufmerksam und höflich genug gewesen zu fein, um Ihnen von selbst eine Zigarette anzubieten. Entschuldigen Sie mich." Auf ben Gedanken war ich wirklich nicht gekommen, habe es mir aber für die Zu­kunst gemerkt.

In Schweden gibt es in allen Restaurants in der Mitte des Raumes eine lange Tafel, auf der mindestens fünfzehn verschiedene Vorspeisen, einschlietzlid) Hummermayonaise, stehen. Man be­diente sich früher selbst und atz für 50 Oere oder gar kostenlos, soviel man wollte, um bann natür­lich seinen Platz einzunehmen und etwas Warmes zu bestellen. Während des Krieges als un­gezählte Fremde nach Stockholm tarnen muhte man plötzlich vorher ein Menu bestellen ober für die Vorspeisen höhere Preise zahlen. Ich fragte den mich bedienenden Kellner, was diese Neue­rung zu bedeuten habe und erhielt die peinliche Antwort:Was soll man machen die Aus­länder essen uns alles auf und gehen dann fort ohne ein Mittagessen zu bestellen." Uebrigens präzisierte der Kellner die Ausländer näher, und das war noch vor der Rahrungsmittelnot... Aber die gute alte Sitte ist aud) heute noch nicht wieder eingeführt.

Die schwedischen Trinksitten sind ein um­fangreiches Kapitel für sich und beanspruchen daher auch eineSonderbehandlung", die hier nicht in den Rahmen paßt. Ein richtigesFest­essen" in gutem schwedischen Hause ist ein äußerst komplizierter und durch die Tradition geheiligter feierlicher Akt", der keinerlei Willkür duldet. Ganz beifällig will id) nur noch verraten, dah das Diner stets mit einer Ansprache des Haus­herrn beginnen und mit einer Dankesrede des Tischherrn der Hausfrau (der man übrigens nie­mals zutrinken darf) schließen muß. Da darf es einem natürlich nicht passieren, dah man aus lauter Allwissenheit friedlich neben der Gast­geberin sitzen bleibt und zehn Minuten lang gar

ein solcher Hinweis nur im Umfange der heu­tigen eidlichen Vernehmung erfolgen. Nach seinen Vorstrafen Darf ein Zeuge nur gefragt werden, wenn es zur Beurteilung der Glaubwürdigkeit notwendig ist. Sachverständige sollen nicht beeidigt werden.

Bei der Reform der Zivilprozeßordnung soll namentlich geprüft werden, inwieweit der P ar­te i e i d entsprechend der österreichischen Rege­lung durch uneidliche und eidliche Vernehmung der Parteien zu ersetzen ist und der Offen­barungseid eingeschränkt werben kann. Auch sind die Vorschriften über die Beeidigung von Zeugen und Sachverständigen den vorstehen­den Rick)tlinien für den Strafprozeß anzupassen. Ueber § 195, der einen Rechtsbeistand, wenn er eine ihm anvertraute Rechtssache wissent­lich zum Nachteil seines Auftraggebers führt, mit Gefängnis bestrafen will, wirb ber Straf- rechtsausschuh nochmals mit ber Reichsregierung beraten. Ferner beschloß der Ausschuß, ben all­gemeinen Teil des Strafrechts noch auf bie Beschlüsse ber deutsch-österreichischen Strafrechts- konferenz abzustimmen. Ohne Widerspruch wurde das gesamte Werk en b I o c angenommen. Mit den Mitgliedern der österreichischen Straf­rechtskommission soll nochmals eine Besprechung herbeigeführt werden.

Die NenLenbank-Mditanstatt.

Eigene Drahtmeldung desGießener Anzeigers".

Berlin, 5. März. Die Neugestaltung der Rentenbank-Kreditanstalt, über die wir neulich an dieser Stelle schon eingehend berichten konnten, sollte eigentlich eine Angelegenheit der rein wirt­schaftlichen Betrachtungsweise bleiben. Das ist aber leider nicht mehr möglich, schon allein des­halb nicht, weil bie Neuordnung auf Grund eines Vorschlages eines parlamentarischen Ministers bereits dem Reichskabinett zugegangen ist und nächstens vor den Reichstag kommen wird. Der Minister hat sich zwar nur mit Andeutungen be­gnügt und man muß befürchten, daß diese ganze Angelegeicheit im Rahmen deS Notprogramms im Reichstag eine etwas erzwungenermaßen eilige und oberflächliche Behandlung erfahren wird.

Zunächst einmal erheben sich zweifellos Be­denken in banktechnischer Hinsicht,be­sonders bezüglich der geplanten Grenzverwischung zwischen Real- und Personalkredit und bezüglich der gedachten direkten Beteiligung der Renten­bank-Kreditanstalt am CEÖarengefdJäft. Wie wir aus gut unterrichteten Kreisen wissen, fehlt bei ber Neuregelung vor allem eine klare Definition für die zum Geschäftsverkehr mit der Rentenbank- Kreditanstalt zugelassenen anderen Institute. Es besteht also, und darüber muh man sich klar sein, zweifellos die Gefahr, daß dem bisher so scharf und klar umgrenzten Geschäftsbereich der Renten- bank-Kreditanstalt die eindeutigen Grenzen ge­nommen werden. Auf der andern Seite wer­den die Versuche, die von allen Seiten und ziem­lich allen Parteirichtungen gefordert werden, nämlich zu einer möglichsten Rationalisie­rung unseres Genossenschaftswe­sens zu kommen, durch die neue Konstruktion nicht gerade gefördert. Es läßt sich noch schwer übersehen, wie sich das Nebeneinander von Rentenbank-KrediLanstalt und P reu ß e n ka s s e, ber eine Kapilalserhöhung wahrscheinlich unter Beteiligung des Reichs bevorsteht, prccktisch klar aborenzen läßt.

GS dürste interessant sein, daß gerade bi diesem Zusammenhänge dieGermania" ernste Sorgen äußert und vor einem Konkurrenzkampf zwischen den beiden Instituten warnt, aus dem die Gefahr erwachsen könnte, daß einseitig die kapitalkräfti­geren Genossenschaften bevorzugt und die stühungsbedürstigeren vernachlässigt werden. Aber zweifellos wäre cs bedauerlich, wenn die Politi­sierung der agrarischen Kreditfrage so west gehen

nicht begreifen kann, warum alle einen so er­wartungsvoll anstarren. Kürzlich hat sich bei einer Derartigen Gelegenheit das Entsetzliche er­eignet, daß ein allgemein geschätzter deutscher Ehrengast absolut nicht zum Reden zu bewegen war und schließlich auf bie nervös-befangene Frage ber liebenswürdigen Wirtin, ob man nicht vielleicht bald aufstehen sollte, bie joviale Antwort gab:Von mir aus schon lange, gnäbige grau!

Gastspiel im Giadtiheater.

In ber gestrigen Aufführung von Walla­ces ausgezeichnetem KriminalstückDer Hexer" spielte Frl. Liselotte Fuhrmann, Stadttheater Krefelb, bie Rolle der Cora Ann Milton als Gast auf Anstellung. Da die junge Dame für das Fach der ersten schweren Heldin in Frage kommt, kann es sich hier nur Darum hanDeln, Den allgemeinen Eindruck wiederzu- geben, Den sie in einer nicht in iljw Fach ge­hören Den Rolle hinterließ. Der Eindruck war, kurz zusammengefaßt, durchaus vorteilhaft: sehr gute Erscheinung, tadellos angezogen: flüssige Konversation, angenehm ruhige und sichere Be­wegungen: der etwas eigenartige Typ von Dame, ber hier in einer merkwürbigen Mischung von Eleganz, Raffinement, kühler Ueberlegenheit, Angst, auffladernbem Temperament und nicht gerade einwandfreier Vergangenheit unauf­dringlich zusammengesetzt werden mutz, war mit Geschick und Geschmack getroffen. Was diese Sd)auspielerin auf ihrem eigentlichen Felde zu leisten vermag, kann von hier aus natürlich nicht beurteilt werden: jedenfalls war die knappe Probe sehr vielversprechend.

AIS zweiter Gast des Abends spielte Herr M o m b e r vom Staatstheater in Wiesbaden ben Polizeiarzt Dr. Lomond. Es ist uns nicht bekannt, ob es sich hier ebenfalls um eine En­gagementsvorstellung oder um eine Aushilfe handelt: immerhin war auch diese Umbesetzung von Interesse. Herr Momber spielte die Rolle die im hiesigen Ensemble Herr Tannert hat so, wie man es von der gepflegten Tradition des Wiesbadener Hauses erwarten konnte: übri­gens mit Unterstreichung des typisch schottischen Charakters Der Figur, behäbig, nüchtern und mit etwas Dickflüssigem Humor: an einigen Stellen, bie trotz ihrer Bedeutung im Zusammenhang beiläufig gesprochen werden müssen, zu poin­tiert. Im ganzen eine respektable, persönlich ge­färbte Leistung. Doch muß billigerweise zuge­geben werden, daß uns die Auffassung unb Darstellung ber Rolle von Tannert mindestens gleichwertig erscheint. Dr. Th.