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Montag, 5. Mörz 1928

178. Jahrgang

Er. 55 Erster Blatt

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Dr. Friedr. Wilh. Lange. Verantwortlich für Politik Dr. Fr. Wilh. Lange; für Feuilleton Dr H.THyriot, für den übrigen Teil Ernst Dlumschein; für den An« zeigenteil Kurt Hillmann, sämtlich in Gießen.

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Gießener Familiendlätter Heimat im Bild Die Scholle.

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Gießener Anzeiger

General-Anzeiger für Oberhessen

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Italiens Politik gegen Südtirol.

Mussolini antwortet -em Bundeskanzler Dr. Seipel auf die deutschen Beschwerden.

Rom. 3. März. (Priv.-Tell) Dor vollbesetztem Hause hielt heute der Premierminister Mussolini seine Antwortrede an Seipel. Der Ministerpräsident betonte, wenn Seipel, der so manche hervorragende Eigenschaften habe, nicht selbst das Wort ergriffen hätte, hätte er die Sache schwimmen lassen, aber heute antworte er zum letzten Male, denn wenn solch ein Dorfall sich noch einmal wiederholen sollte, wür­den die Tatsachen reden, und das möge ge­nügen. Mussolini fuhr dann fort,dies ist ein Kapitel der Geschichte, das ich schreibe, nicht für die Italiener, die sie kennen, sondern für die Welt, die von dieser Geschichte nichts weih oder sie vergessen hat. Ich beabsichtige zu zeigen und ich werde zeigen, daß die österreichische Kundgebung nicht berechtigt ist und eben deshalb provokatorisch ist. Sie ist keineswegs ge­rechtfertigt durch die allgemeine Politik, die Italien von 1918 bis 1928 hinsichtlich der öster­reichischen Republik befolgt hat.

Sie ist nicht gerechtfertigt durch die Politik, die die saszistische Regierung in der Provinz Bozen befolgt hat, die eine der 92 Provinzen des känigsreiches ist und von der faszistischen Regierung wie alle anderen Provin­zen behandelt wird, mit gleichen Rechten und mit gleichen Pflichten.

Wenn ich heute an die zahlreichen Freundschafts­beweise erinnere, die Italien Oesterreich seit dem Waftenstillstand bis heute hat zukommen lassen, so tue ich das nicht, um Oesterreich seine Undank­barkeit vorzuwerfen. Wir sind hinreichend Grand­seigneurs, um die große Tugend der Zurückhaltung zu kennen. Ich tue es nur, damit dies ein für alle­mal vor der Welt dargelegt wird. Nach zehn Jah­ren dieser Politik erleben wir eine Kundgebung, die die verehrten Interpellanten ganz richtig als ein unerträgliches Eingreifen in die innere Gesetzgebung unseres Staates bezeichnen. In der Tat existiert wegen der kleinen fremdvölkischen Minderheit de- Oberetsch keine internationale Frage. Diese Minorität ist ein Fak­tor, der gegenüber der geschlossenen Masse von 42 Millionen Italienern durchaus nicht ins Gewicht fällt. Er fällt ferner nicht ins Gewicht angesichts der vielen Millionen Deutscher, die an andere Staaten gekommen sind. Wenn diese Frage existierte, würde man sie in irgendeinem Friedens- vertrage oder einem diplomatischen Uebereinkommen finden. Davon ist keine Spur zu finden. Die österreichischen Redner behaupten, daß B e r s p re­ch u n g e n und Versicherungen seitens der Regie­rungen bestehen, die der faszistischen Regierung vor- ausgegangen sind. Ich erkläre das nicht für ausge­schlossen, aber es läßt sich auch annehmen, daß die­jenigen, die solche Versicherungen gegeben haben, es später bereut haben angesichts der übertrie­benen Auslegung, die man gewissen Versprechungen gegeben hat.

Indessen Höll sich die faszislische Regierung, auch wenn sie zeigte, dah sie die Verträge respektiert und sorgfältig zur Durchführung bringt, durch­aus nicht gebunden an die mehr oder weniger vagen und retorischen Versicherungen von Leu­ten, die Systeme und Regierungen vertraten, die inzwischen durch die faszislische Revolution hoffnungslos überholt worden sind.

Da man begriffen hat, daß man das diplomatische Gebiet nicht beschreiten kann Bundeskanzler Seipel selbst hat sich geweigert dies zu tun versucht man. die Frage auf das Gebiet poli­tischer Sentimentalität zu tragen und spricht von einem System der Tyrannei, von gemar­terten Brüdern, von Personen, die durch die barbarische saszistische Diktatur hingeschlachtet worden sind. All dieses ist nicht nur falsch, sondern vor allem in höchstem Maße lächerlich. Die faszistischen Greueltaten sind die Erfin­dung einer ungesunden Phantasie. Don den beiden einzigen Personen fremder Her­kunft, die in einen Zwangsaufenthalt verschifft worden sind, ist der eine fast unmittelbar danach freigelassen worden, dem anderen wurde die Strafe vermindert und er wäre in Freiheit gesetzt worden, wenn im Auslande kein Heh- feldzug eingesetzt hätte. Kein Staat, der Achtung vor sich selbst hat, duldet derartige ausländische Einmischungen.

Die Personen, von denen ich spreche, wurden nicht in Zwangsaufenthalt verschickt, weil sie Deutsche waren, sondern weil sie Antifaszisten waren, d. h.

Antirevolutionäre.

Was den Druck auf Die Fremdstämmischcn angeht, muh man wissen und allgemein zur Kenntnis bringen, daß noch 376 anderssprachliche Beamte in Bozen selbst und 664 in Der Provinz tätig sind. Rach Lage der Dinge werden alle anderssprachlichen Elemente demnächst vor das Dilemma gestellt werden, daß sie entweder in andereProvinzen des Königreichs ver­seht werden, oder daß sie entlassen und durch andere Beamte ersetzt werden. Die extremen Elemente des Pangermanismus erheben ein ver­zweifeltes Geschrei, um eine Frage, die schon geschlossen ist, zu galvanisieren. Jenseits des Brenners begreift man, daß in wenigen Jahren die in der Provinz Bozen ansässigen Elemente deutscher Abkunft stolz darauf sein werden, Bürger des großen faszistischen Da - terlandes zu sein, und daß sie dann nur noch

durch die abweichende Bildung der Ramen er­kennbar sein werden, wenn sie sie behalten haben sollten. Dies werde eintreten, weil es in der logi­schen und schicksalgebenden Ordnung der Dinge beschlossen sei. eine Ordnung der Dinge, die durch die Gipfel der OScr^e, durch den Laus der Flüsse, durch die Prophezeiungen Dantes und Mazzinis. durch das Opfer der Märtyrer früherer Zeiten und der neuesten Zeit, durch das von ganzen Generationen Italiens während eines schweren dreijährigen Krieges vergossenen Blutes ge­schaffen ist.

Der Völkerbund? Genf? vergebliches hoffen! Wenn der Völkerbund in Genf sich in das La­byrinth der sog.Minderheiten" vertiefen würde, würde er aus diesem Labyrinth nicht mehr herauskommen.

Soweit es In unseren Kräften steht, wollen wir die Freunde der germanischen Welt sein, deren Wert wir anerkennen, aber unter der Bedingung, daß die Sicherheit von 42 Millionen Italienern niemals auch nicht andeutungsweise in Frage gestellt wird. Daß es sich u m u n s e r e S i ch e r h e i t u n d n i ch t u m Schulfragen handelt, das ergibt sich aus dem, was jenseits des Brenners feit der denkwürdig ge­wordenen Sitzung des Nationalrates geschieht. Der antiitalienische Feldzug geht in voller Stärke weiter. Zum 5. März ist eine Versammlung in Innsbruck angesetzt worden, um gegen die faszistischen An- maßungen und die Bedrückung der Deutschen zu protestieren. Diese Versammlung istvondenSo- zialisten einberufen worden. Das zeiat, daß die Frage der Deutschen an der oberen Etsch nur ein Vorwand ist, um den Faszismus zu be- kämpfen. In einer im Innsbrucker Gemeinderat ge­haltenen Rede wurde die künftige deutsche Generation ermahnt, dafür zu kämpfen, dah Nord- und Süd­tirol von Sufftein bis Saturn wiedervereint würden. Diese Erklärung ist von einer brutalen Auf­richtigkeit, die wir schätzen. Mit ebensoviel Aufrichtig­keit teilen wir aber heute den Tirolern, den Oester- reichern und der Welt mit, daß ganz Italien mit seinen Lebenden und seinen Toten aufrecht am Brenner steht. (Brausender Beifall.)

Das Wiener Echo.

Wien, 4. März. (WTD.) Zur Rebe Mussv- linis weist die christlich-sozialeR e i ch s p o st" darauf hin, daß Mussolini fast ganz über das Wesen der Beschuldigungen im Rationalrat be­züglich der kulturellen Unterdrückung der Deut­schen hinweggegangen ist. Seine Ausfüh­rungen seien bis auf wenige Stellen im Tone maßvoll. Um so klarer zeige sich aber der Gegensatz der Auffassungen in nationalen An­gelegenheilen. DieReichspost" will die Worte der Achtung vor dem Deutschtum, die Dersicherung, daß sich Italien mit dem deutschen Volke gut stehen wolle, durchaus ernst nehmen. Ein unübersteigbares Hindernis sei nur die Der- schiedenheit der Begriffe und Ideale auf beiden Seiten. Die liberaleReue Freie Presse" legt dar. das Mussolini Oesterreich Anrecht getan habe und die Worte des Bundes­kanzlers von den moralischen Kräften, vom Well gewissen, das stärker sei als das in Kraft gesetzte Recht, diesen Kernpunkt der De­batte im Ralionalrat, nicht berücksichtigt habe. Dieses moralische Recht forme man Oesterreich nicht nehmen. DieReue Freie Presse" schließt mit einem Appell zum Frieden. Das liberaleReue Wiener Tagblatt" erklärt, Mussolini wolle nicht Oel ins Feuer gießen, ebensowenig wie Oesterreich. Die Rede wäre aber eindrucksvoller gewesen, wenn d i e Drohungen weggeblieben wären. Die Arbeiterzeitung" polemisiert lebhaft ge­gen die Erklärungen Mussolinis und schreibt: Die Deutschen in Südtirol haben einen Bundes­genossen, der stärker ist als die kleine ostervei- chische Republik, nämlich die unsterbliche Seele der italienischen Demokratie und der Haß der 2-rbeiter aller Länder gegen den Faszismus.

Britische Kritik.

LoidonerPresscftimmen zur Mussolinirede.

London, 5. März. (WTB. Funkspruch.) Zur Rede Mussolinis über Südtirol, die in der ge­samten Presse viel beachtet wird, schreibt der konservativeDaily Expreß" in einem Leit­artikel:Der saszistische Staat redet von Vor­teilen (in diesem Fall den eroberten Provin­zen), die von seinem Vorgänger er­worben wurden und weist alle die Ver­pflichtungen zurück, die diese Vorteile b e- dingen. Eine solche Handlungsweise würde bei einer Einzelperson mit einem sehr deutlichen Ramen bezeichnet werden. Die Ansicht über den Wert der rtalienischen Kriegsdrohung als Antwort auf Reden wird verschieden fein. Mussolini gebraucht diese Wendung so häufig, daß sie nicht mehr in demselben Grade als Drohung aufgefaßt werden farm, wie auf den Lippen eines anderen Staatsmannes. Mussolini kann eine Haltung, wie er sie jetzt gegenüber Menschen deutscher Rationalität an den Tag legt, nur deshalb ungestraft einnehmen, weil Deutschland traft derselben Fricdensverträge ent­waffnet gehalten wird, durch die er, Musso­lini, sich nicht für gebunden ansieht.

Der ebenfalls konservativeDaily Tele­graph" schreibt in einem Leitartikel:Seipels Rede war zum großen Teil eine Art von W a r« nung an seine Landsleute gegen die übertrie­bene und notwendigerweise unfruchtbare Agi­tation in dieser Frage. Daraus in einer Sprache erwidern, die, obgleich unbestimmt, die der Dro­hung ist, trägt in keiner Weise dazu bei, die moralische Stellung zu stärken, deren Geltend­machung Mussolini den größeren Teil seiner An­sprache an die Kammer gewidmet hat." Ein

Schreiben deS Verfassers des bekannten Buches über Südtirol, Herford, wendet sich scharf gegen einen früheren Leitartikel desDaily Telegraph", der die Anstrengungen der italieni­schen Regierung entschuldigte, die deutschen Ein­wohner von Südtirol mit Gewalt z u Italienern zu machen. Er betont, daß Deutsch-Südtirol im Friedensvertrag trotz der leidenschaftlichen Proteste seiner Einwohner Ita­lien durch einen Tauschhandel Ange­wiesen worden ist.

Die polnischen Sejmwahlen.

Niederlage des nationalistischen Blocks.

Warschau, 5. Wär;. (WTv. Funkspruch.) Die Dahlen zum polnischen Sejm sind Im allgemeinen ruhig verlaufen. Die wahlbekeiligung betrug etwa 70 Prozent, in einzelnen Teilen, so in Pomerellen und Oberschlesien bis 80 Prozent. Die vorläufigen Teilergebnisse aus allen Tellen des Landes lassen deutlich die schwere Riederlage des na­tionalistischen, sogenannten katholischen nationalen Block erkennen. Sogar in Posen, wo bisher sämtliche Wandale im Besitze der Ratio- naidemokraten waren, hat der katholische nationale Block nur 50 Prozent der bisher gezählten Stim­men erhalten. In Oberschlesien hat die Liste des Re­gierungsblockes das Uebergewicht gegenüber fior- fanh) erreicht. Wan rechnet damit, daß die polnische Liste zehn Wandale, die deutsche sieben erhalten wird. Bis jetzt sind vorläufige Gesamtergebnisse aus sieb­zehn Wahlkreisen in Warschau eingetroffen. Von 101 Wandalen entfallen auf den Regierungs­block 34, aus die R a t i o n a l d e m o k r a t e n 14, Witos - Partei und korfanty - Partei zusammen 4, Sozialisten 11, Jüdische Par­teien 3, Ukrainische Parteien 6, Kommuni­sten 4, Minderheiten-Block 11. Einzel- ergebnlsse: Posen: Regierungsblock 2 Wandale, Ralionaldemokraten 2. Bei der letzten Wahl erhiel­ten die Ralionaldemokraten alle vier Wandale. Königshülle: Reg.-Block 2, Winderheilenblock 2, Korfanly-Parlei 1 Wandal. Kottewitz: Re- glerungsblock 2 Wandale, Winderheilenblock 2 Wan­

dale, Korfanly-Parlei 1 Wandal. Bromberg: Rationale Arbeiterpartei 1 Wandal, Winderheiten- Biock 1 Wandal, Rationaldemokralen 1 Wandal, Regierungsblock 1 Wandal, Linksfozialistcn 1 Wan- dal, Ehriflliche Demokraten 1 Wandat.

Wahlumtriebe in Oberschlesien

Bruch des Wahlgeheimnisses. Zeiiungsverbote.

G l e i w i h , 5. März. (WB.) Rach einer Mel­dung derOberfchlefifcyen Vollsstimme" aus Kattowih war an die Wahlkommission die offi­zielle Mitteilung des Generalwahllommifsars in Warschau ergangen, öle Wahlzellen zn verbieten. Die Wähler sind demnach ge­zwungen, den Wahlzettel vor dem Tisch der Wahlkommission in den Umschlag zu stecken. Damit ist das durch die Verfassung ga­rantierte Recht deS Wahlgeheimnisses nicht mehr gewahrt.

Am Vortag der Wahlen wurde übrigens die Ausgabe desOberschlesischen Kurier" und der Kattowiher Zeitung" beschlagnahmt, die erste Ausgabe desOberschlesischen Kurier" be­reits tn Der Rotationsmaschine. Der .Kurier" muhte eine dritte Rotausgabe herausbringen. Eine Angabe von Gründen für die Beschlag­nahme erfolgte nicht. Bei derKattowiher Zei­tung" soll die Beschlagnahme erfolgt sein wegen eines Artikels mit der Tleberschrift:Staats­bürger zweiter Klasse wählen die Liste 18 der Deutschen Wahlgemeinschaft!". ,

Deutsche Flolteupolitik vor dem WelSnegr.

Interessante Auslassungen des Reichsministers Ör. Groener.

Berlin, 3. März. (DDZ.) Der Haushalts- ausschuß des Reichstages setzte die allgemeine Aussprache über den Etat der Marine fort. Abg. Weg mann (Zentr.) kritisiert die den Ersahbau verzögernde Haltung der Sozialdemo­kratie. Wie solle eine moderne Ausbildung der Marinemmmschaften erreicht werden, wenn sie nur veraltete Schiffe mit veralteten Einrichtungen zur Dersügung hätten? Admiral Zenker begründet die Forderungen der Marineleitung. Die Grenzen des Versailler Vertrages für Ersahbauten seien bei weitem nicht erreicht. Ihre Ausfüllung sei auch nicht erstrebt, nur nach Maßgabe der absoluten Bedürfnisse würden Ersatzbauten Dorger.ommen. Der jetzt auf- gestellte Bauplan reiche bis 1932.

MLchswehrminister Dr. Groener führte aus, er wolle das ehrliche Geständnis ab­legen, dah er unsere Flottenpolitik vor dem Kriege für einen Fehler gehalten habe, nicht allein aus politischen Gründen, die ihn als Sol­daten nichts angingen, sondern in erster Linie aus militärischen, und er verrate kein Geheimnis, wenn er mitteile, daß- diese Ansicht im Großen Generalstab vorherrschend war. Der alte strategische Grundsatz, daß man zur Entscheidung nicht stark genug sein könne, und die Tieberzeugung, dah die Entschei­dung auf dem Lande fallen müsse, sei die Ursache dieser Einstellung des Generalstabs ge­wesen. Selbst S ch l i e f f e n habe im Jahre 1900 bei der Chinaexpedition sein Votum dahin abge­geben, dah die Entscheidung über die Machtstel­lung unseres Vaterlandes nicht auf dem Meere und in fernen Ländern, sondern einzig und allein ander West-undOstgrenzedes Reiches fallen werde. Der Minister erinnert dann daran, daß er 1913 hier im Reichstag die Wehrvorlage mitbegründet hätte.

Rach meinem Vortrag, so sagte der Minister, kam so mancher Abgeordnete zu mir mit Fragen. Der interessanteste Mann, d r mich gefragt hat, war der damalige Abgeordnete F r a n t (der sozialdemokrattsche Abgeordnete, der als einer der ersten Freiwilligen im Felde gefall n ist). Er hat sich sehr eingehend über alle Punkte Auf­klärung geben lassen, und am interessantesten war mir feine Schlußsrage:Warum sind Sie in Ihren Anforderungen so be­scheiden?" Rach dem Gesagten ist es nicht verwunderlich, dah während des Krieges beim

Generalstab der Glaube verbreitet war, bei einem weniger starken Ausbau der Flotte zu­gunsten des Landheeres hätten vermutlich die entscheidenden Armeekorps auf dem rechten Flügel der Marneschlacht nicht gefehlt. Das mag dahingestellt bleiben. Die Gerechtigkeit gekittet aber festzustellen, daß der oft getadelte und in der Armee schmerzlich empfundene, vom mili­tärischen Gesichtspunkt aus unverständiche Richteinsah der Flotte in der ersten Phase des Krieges mit Der meiner Ansicht nach verfehlten Flottenpolttir nicht das geringste zu tun hatte, sondern ganz anderen, gerade von der Flottenführung am meisten beklagten Motiven entsprang. Ich bin vielmehr der An­sicht, daß die hervorragenden Leistungen der Flotte im Kriege nicht genug anerkannt werden können, und dah sie im Rahmen des Mög­lichen alles getan hat, was man billiger­weise von ihr verlangen konnte. Wenn er, so fuhr der Minister fort, trotz allem aus vollster ilebcr- jeugung für den Reubau des Panzer- ! ch i f f e s eintrete, so leiteten ihn Dabei rein militärische Gesichtspunkte. Er wo le dem bereits von ihm Gesagten nur noch hinzufügen, daß selbst wenn wir kein einziges Schiff mehr auf See hätten, uns das nicht die geringste Ver­stärkung unseres Landheeres g statten würde. Andererseits bedeute eine im Rahmen des Versailler Vertrages modernisierte Flotte eine erhebliche Unterstützung für das Land- Heer. Sie stelle in einem Konfliktsfall ein ganz entscheidendes Plus der Führung dar.

Der Minister ctFIärte, daß er entschlossen sei, unter allen UmftänDcn die Marine von O. C.- Leuten zu säubern. Das Verhalten der O. C.- Leute, wie es aus den veröffentlichten Briefen spreche (ein Brief Ehrhardts an die Mutter des in Gießen abgeurteilten Ernst von Salo­mon, in dem Ehrhardt jede finanzielle Hilfe für die Prozeßforderung in schroffster Form a b lehnt), sei der Gipfel der Treu­losigkeit und TIndankbarkeit gegen­über alten Kameraden, die ihnen aus wirtschaftlicher Rot helfen wollten. Er könne dieses Verhalten und die aus den Dokumenten sprechende zynische Hinterlist, mit der die Reichs­wehr bespitzelt werden sollte, nur aufs schärfste brandmarken und als Soldat seinen Ab­scheu über dieses unehrliche Verhalten gegen ehemalige Kameraden und Vorgesetzte zum Ausdruck bringen.