Einzelbild herunterladen

reichen konnte. Neben dem prächtigen Scepopagei mit seiner schneeweißen Brust, den tiefschwarzen Flügeldecken, den orangenen Echwimmfüßen und dem hüvschen roten und gelb gestreiften Papagei­schnabel, über dem zwei äirgstliche und zugleich feindlichbtitzende Aeugletn leuchteten, lag nun ein undefinierbarer schwarz-erdfarbener Daunenball, der jungeLundi". Beide muhten nochmal der Kritik t)cr Kamera standhallen und durften sich dann weiter ihres Lebens freuen, wie cs nicht gerade Prinzip isländischer Vogelbergbesucher ist.

Spät out Qlbenb verliehen wir den immer noch lebendigen, viel umflatterten Felsen und segelten wieder westwärts unserem Ausgangshafen und dem abendgeroteten Horizont entgegen. Alle Wolken waren verflogen, die ernt frühen Morgen so drohend das Himmelszelt bedeckt hatten. Die Mitte'.^achtssonne war schon wieder in das Reich der Vergangenheit zurückgetreten, dafür zieht langsam der Herbst in das Eisland, dem so schnell die lange Winternacht folgt. Wieder stehen funkelnde Sterne am tiefblauen Himmel, die während des einzigen, monatelangen Sommer- tages nicht einmal zu sehen waren. Hnt> heute nacht leuchtet uns mit wundersamer Farbenpracht wieder ein Nordlicht, gleichfalls das erste, das ich seit Mitte April wieder am Nordlands­himmel bewundern kann und das uns den schonen Sommertag um ein Erlebnis bereichert.

Aus der provinzialhauptssadi.

Gießen, dmi 4. Oktober 1928.

Kürssrge- und Versorgungswesen in derHassia".

Der Verbandstag der Kriegerkante- r a d s ch a f t »Hassia" in Wimpfen hat m der Kriegsbeschädigtenorganisation einige Änderun­gen gebracht. Die Kriegsopferorganisation führt von nun an die BezeichnungVerband der Kriegsbeschädigten und Kriegerh'nterbliebenen der Kriegerkameradschaft Hassia, Landesgruppe Hessen, im Rcichskriegerbund Ktzffhauser'. Der Landesverband zerfällt in Bezirks- und Orts­gruppe, die ihre Versammlungen getrennt von denen der Hassiabezirkc und Vereine abhaltcn. Der B-zirlsobmairn ist Mitglied des Dezirtsvor- standes. Kri:gerwitwen und Kriegereltern können ordentliche Mitglieder der Vereine werden. 3n Gießen befindet sich für Oberhessen eine Ge­schäftsstelle.

Am 10. und 11. November hält die Landes­gruppe Hessen des Verbandes der Kriegsbeschä­digten und Kriegerhinterbltebenen d"r Krieger- rameradschaftHassia" in Giehen den Lan­de s v e r t r e t e r t a g ab, der aller Voraussicht nach aus dem ganzen Lande zahlreich besucht wird, da außer den Vertretern der Bezirke und Vereine auch alle Kriegsbeschädigten und Ktneger- hinterbliebenen, sowie Unfall-, Invaliden- und Sozialrentner des Bundes leilnehmen können. Die Bundes lei tung in Derlut, die Regierung und die Staats- und VersorguügSbehörden werden zur Tagung Ringelnden. Der SamStag (10. Nov.) ist ausgesüllt mit wichtigen Beratungen des Gesamt­vorstandes, der Bezirksobmänner und bringt vier die Fürsorge und Versorgung betreffende Refe­rate. Die Hauptversammlung am Sonntag (11. Nov.) wird m l einer Gcf. Ilenene'^rung einge ei et. hat dann außer der üblichen geschäftlichen An­gelegenheit die Neuwahl des gesamten Vorstandes vorzunehmen und die Anträge zu beraten. 3m Mittelpunkt der Hattptversammlung steht ein Re­ferat von Major G ö d i ck e (Berlin), dem ge­schäftsführenden Vorsihenden des Verbandes Der Kriegerhinlerbliebenen und Kriegsbeschädigten, überUnsere Forderungen zu Rcichsversorgungs- gesetz, Verfahrensgeselz, Fürsorgepflichtverord- nung, Schwerbeschödigtengeseh und sonstigen Ge­sehen".

' ** Aus dem Gießener Standesamts- r e g i st e r. Es verstarben in der Zeit vom 16. bis 30. September: 16.: Magdalena Baumann, geb. Straub, Witwe, 60 Fahre alt, Schanzen- strahe 1; 17.: 3ohann Anton Walldorf, 3 Monate alt, Margaretenhütte: 19.: Marie Schnabel geb. Philipps, 74 Jahre alt, Dammstraße 20; Marie Schmalz, geb. Thomas, 49 3ahre alt, Bahnhof­straße 52 A.; 22.: Ferdinand Wiedmeyer, Schrei­nermeister, 76 3ahre alt, Wolkengasse 19; Elisa-

Geld M vom Himmel.

Vornan von Paul Enderling.

Copyright by Carl Duncker, Verlag, Berlin.

8. Fortsetzung Nachdruck verboten.

Brodersen wohnle in einer der Höhenstraßen der Stadt, da, wo sich noch vergessene Wein, und Obst­gärten gegen die andringenden Steinmassen wehr­ten. Das große gelbe Haus saß auf einer Bergnase, weit vorgeschoben, die Stadt unten beherrschend. Brodersen erklärte jedem Besucher, daß er nur wegen der romantischen Aussicht das Haus gekauft habe.

Bielleicht hätte es der andere geglaubt, wenn nicht Broderfens verkniffenes Lächeln gewesen wäre, das die messerscharfen furchen um die Mundwinkel zeichnete. Er machte nicht den Eindruck, als ob ihm an solchen Dingen viel gelegen märe.

Uebrigens war er viel in der Welt umhscge- schweift und hatte wohl Schöneres, Farbigeres, Romantischeres gesehen als diesen süddeutschen Winkel. Dieser geborene Däne hatte fein Geld in allen Zonen erworben. Zn Java, in Rußland, auf den Molukken, in der Türkei, in Australien, wer weiß noch, wo er hatte längst keine Nationali­tät mehr und sprach in allen Sprachen, nur nicht in seiner Muttersprache. Jedenfalls war er an keine Stelle der Erde gebunden.

In der klatscheifrigen Stadt liefen allerlei aben­teuerliche Gerüchte über den Ursprung seines Reich­tums uni. Keiner wagte au bestreiten, daß Broder- sens brutale Fäuste blutige Revolutionen empor- gerüttelt hatten, daß ihm aus Blut, Schmach und Niedertracht Gold und immer wieder Gold geflossen war. Aber keiner hätte gewagt, in feiner Gegen­wart auch nur die leiseste Andeutung zu machen.

Wenn nicht der düstere Mann, den sie heimlich den Gorilla nannten, in seiner immer sprungberei­ten Kraft daran gehindert hätte, dann märe es Inge gewesen, die schöne kühle Inge, mit ihrem altmodisch vollen Haarknoten und den tiefen Augen, die auch den Derwegensten entwaffneten. Inge Bro- dcrsen war der Magnet, der die männliche Jugend zu dem gelben. Haus in der Rückertstraße hinaufzog und sie bändigte.

Als Kurt Grolteck an diesem Freitag den Vor­garten durchschritt, scholl ihm schon Stimmengewirr entgegen. In der Halle kam Blinsky auf ihn zu, Lrodersens Prioatsekrctär.

beth 3oseph, geb. Goldschmidt, Witwe, 70 3ahre alt, Liebigstraße 47; Katharina Heinstadt, geb. Horst, 80 Fahre alt, Wolfstraße 20; 23.: 3ost Ziliox, Fuhrmann, 67 Fahre alt, Wetzlarer Weg 80; 24.: Marie Winckler, geb. Köhler, Witwe, 79 Fahre alt, Frankfurter Straße 5; 25.: Erna Anna Buchenau, 2 Tage alt, Bahnhof­straße 20; Fohannes Fink, ohne Beruf, 81 Fahre alt, Rodheimer Straße 47; 27.: Katharina Wei- ßenstein, geb. Walther, Witwe, 74 Fahre alt, Molttestraße 28; 30.: Katharina Walther, geb. Bauer, Witwe, 68 Fahre alt, Hillebrondstrahe 3.

Der Kreisverein der Bürgermei­ster des Kreises Gießen hielt dieser Tage unter der Leitung seines Vorsitzenden, Bürger­meisters F e n d t-Hungen, im Hotel Hopseid eine Versammlung ab. Dor allem beschäftigte man sich mit der Vergütung der Bürgermeister und der Besoldung her Beamten in den Landgemein­den. Fm Anschluß an einen Bericht des Vor­sitzenden über den derzeitigen Stand der De- soldungsregelung entwickelte sich eine lebhafte Aussprache, die sich auf die Ausschreiben des Ministers des Fnnern, des Kreisamtes Gießen und die vom Landesverband der hessischen Bür­germeister herausgegebenen Grundsätze bezog. Man beschloß, dafür einzutreten, daß der vom hessischen Landgemeind-tag herausgegcbene Plan für die lleberleihtng der Gemeindebeamten in die neuen Besoldungsgruppen, sowie die be­sonderen Vereinbarungen zwischen Landgemeinde­tag und der Gewerlschaft hessischer Gemeinde­beamten und die vom Landesverband hessischer Bürgermeister herausgegebenen Grundsätze für die Äeberleitung der Bürgermeister der Landge­meinden in die Besoldungsgruppen des Landes- beamten-Besoldungsgesetzes als allgemeine Grundlage für die neue Besoldungsregelung die­nen sollen. Da eine solche Regelung in vielen Gemeinden noch nicht erfolgt ist, wurde der Vorstand mit einer persönlichen Rücksprache beim Kreisamt Gießen beauftragt. Fm weiteren Ver­laufe der Versammlung wurden Angelegenheiten interner Verwaltungsarbeit erörtert.

** Lehrausflug zum Rhein und zur Pressa. Unter Führung des Gewerbelehrers Le ich um unternahmen dieser Tage Schiller zweier Oberklassen der Berufsschule Gießen einen dreitägigen Lehrausflug an den Rhein und in die Pressa". Die Fahrt ging durch das liebliche Lahn­tal mit seinen malerischen Städten, Burgruinen, Schlossern und alten Kirchen nach Koblenz und von hier nach Besichtigung der Stadt mit der links- rheinischen Bahn bis zum Rheinstädtchen Nieder- breifig. In Niederbreisig wurde der Dampfer be­stiegen, der die Schiller in vierstündiger Fahrt durch den schönsten Teil des unteren Rheinlaufes führte, vorbei an den lieblichen Orten Linz, Re- magen, Honnef, dem Siebengebirge, Königswinter, Bonn, Rheydt bis nach Köln. Schön war die An­kunft in Köln, denn es war inzwischen dunkel ge­worden und Tausende von Lampen erhellten die User und die Ausstellungsgebäude derPressa" am Rhein, dunkel hoben sich Kölns Türme vom hell­erleuchteten nächtlichen Himmel. Wahrend der Fahrt wurde auch der Dampfer, ein ganz neuer Typ der KölnDüsseldorfer Schiffahrtsgesellschaft, ausgestattet mit Dieselmotoren und allen technischen Neuheiten, eingehend mit all seinen Einrichtungen und Maschinen, besichtigt. Der zweite Tag war aus- Smit Besichtigungen in derPressa" und dem

j der bedeutendsten Sehenswürdigkeiten Kölns. DiePressa" mit ihren vielen gewaltigen Darbie­tungen aus allen Gebieten, welche nur irgendwie mit dem Nachrichtenwesen und der menschlichen Verständigung aller Zeiten zufammenhängen, machte auf alle Teilnehmer der Fahrt einen großen Eindruck. Die Rückfahrt erfolgte am dritten Tage durch das Tal der Apper, der Sieg mit seinen 38 Brücken und 13 Tunnel, der Dill, über Sieg­burg, Betzdorf, DillenbMg, Wetzlar nach der Hei­matstadt Gießen. Der Lehrausflug mit all den vielen Eindrücken und Erlebnissen wird allen Teilnehmern fruchtbringend jein und unvergessen bleiben, hat er doch die Schüler mit einem schönen Teile ihres engeren Vaterlandes bekanntgemacht und ihnen die Betriebsamkeit und den Fleiß Jahrhunderte alter deutscher Städte vor Augen geführt.

** Familien tag der FamilieScriba. Dieser Tage fanb in Frankfurt a. M. unter dem Vorsitz von Dekan S c r i b a (Nidda) der 12. Fa­milientag der Familie S c r i b a statt, an dem nahezu 100 Glieder der Familie teil*

Sie kommen spät, Herr Baron."

Grolteck berührte vorsichtig die schlaffe, immer etwas feuchte Hand des Russen.Den Baron müssen Sie sich jchon abgewöhnen! Dazu habe ich es bis jetzt nicht gebracht, na, und nun sind die Aussichten ja herzlich schlecht."

Blinsky lächelte sein kühles, dürftiges Lächeln. In Deutschland hot ja jeder Mensch einen Titel. Es ist, als ob der Name nicht angefaßt werden dürfte."

Immerhin ist es vielseitiger als in Ihrer Heimat."

Blinsky nickte.Da genügt das Wort ,Genosse'." Na, jedenfalls erlauoe ich die Abnützung meines Namens Genosse Blinsky!"

Ein böses Lächeln zuckte über die Züge des Russen. Er sagte mit einer übertriebenen Gebärde der Devotion:Sie haben ja solche Titel auch nicht nötig. Sie sind ein musikalisches Genie. Das adelt in allen Ländern."

Grottcck empfand jedes Wort wie eine Beleidi­gung, doch er schob es auf feine Nerven, die nicht ganz intakt und etwas zu empfindlich waren.

Er war froh, als er abgelegt hatte und in das große Zimmer treten konnte, wo Brodersen breit und schwer in einem altdeutschen Lehnstuhl wuch­tete, umgeben von einer Schor Herren, die seinen Worten ergeben lauschten.

Inge stand im Hintergrund des Roums auf. Vater, Herr Grotteck ist do."

Brodersen hielt im Sprechen inne, beugte sich leicht vor und sagte, ohne sich zu erheben:Seien Sie gegrüßt, junger Freund. Sie haben es übrigens nicht nötig, sich rar zu machen. Sie sind in meinem Hause immer willkommen." Nur dos leichte Lispeln beim Sprechen erinnerte etwas an feine dänische Herkunft.

Nun stand Inge vor ihm.Was Sie mir neulich für einen Schreck eingejagt haben! Es war, als ob der Wind Sie auf meinen Wogen geweht hätte."

Ich hatte eben Glück." Er folgte ihr bis zum Platz des Hausherrn, der ihm seine harte, schwere Hand entgegenhielt, diese Hand, die noch immer an die Bauern und Arbeiter unter seinen Vorfahren mahnte.

Dann nahm er in einem der entferntem freien Sessel Platz, das bunte Durcheinander der Gesell­schaft musternd. Alle, die hier versammelt waren, trugen eine erkünstelte Behaglichkeit zur Schau. Es war, als ob sie jedesmal wie Schüler vor dem Leh­rer zu sammenfnhren, weim sie unaufmerksam ge­

nahmen, die zum Teil auZ weiter Ferne (Bremen, Schlesien, Rheinland, Westfalen, Waldeck) yerbctgeeilt waren. Der Familienbund sieht auf eine Dauer von 47 Fah­ren zurück und ist einer der ältesten unter allen bürgerlichen Familienvereinigungen. Er besaß ein bedeutendes Familienstipendium, das nunmehr wieder auf die Höhe gebracht werden soll, eine gedruckte Genealogie, die bereits in drei Auf­lagen (1824, 1883 und 1910) erschienen ijt und seit 1900 ein eigenes Familienblatt. Fm Mittel­punkt der Feier stand diesmal neben geschäft­lichen Verhandlungen und dem geselligen Bei­sammensein ein Vortrag des Schriftleiters des Familienblatts, Professors P r ä t o r i u s (Darm­stadt), aus der Geschichte der Familie, der durch prächtige, eigens dazu angefertigte Lichtbilder eine feine Ergänzung fand. Die Lichtbilder zeigten hervorragend^ Glieder und denkwürdige Stätten der Familie, genealogische Statistiken und Ahnen­reihen. Die Festrede hielt Pfarrer S c r i b a (Groß-Gerau). Tie Familie stammt aus dem Waldeckschen, wo der Ahnherr im 16. Fahrhundert evangelischer Pfarrer war. Seitdem hat sie sich über ganz Deutschland ausgebreitet. Glieder der Fanrilie wohnen in Fndien, Fapan. Südafrika, Amerika und Mexiko. Das 50jährige Fubiläum der Familie soll in drei Fahren in größerem Stile gefeiert werden.

Oberhessen.

Lanrkreis Gietzetr.

-> Aus dem oberen Lumdatal, 3.Oft. Fn unseren Dörfern summt jetzt die Dresch­maschine. Der Ertrag an Stroh und Kornern ist befriedigend. Die Kartoffelernte geht ihrem Ende zu. Der Ertrag ist trotz der langen Trockenheit besser ausgefallen als man erwartete.

* Ettingshausen, 3. Oft. Fn diesen Tagen werden es 25 Fahre, daß Pfarrer N i e s in itnferm Kirchspiel wirkt. Die beiden Ge­meinden empsinden es mit großer Dankbarkeit, was er in dieser langen Zeit ihnen als Pre­diger, Seelsorger und Fugend­erzieher geleistet hat. Ohne sich zu schonen, hat er sich allezeit für die Ausgaben und Pflich­ten seines Amtes eingesetzt. Klar und eindrin­gend waren seine Predigten, offen und ehrlich die ganze Art, wie er sich gab. Immer und gegen jedermann war er hilfsbereit, und es werden nicht viele sein, denen er nicht durch kluge Beratung und tatkräftige Hilfe wertvolle Dienste geleistet hat. Die beiden Gemeinden wer­den es sich nicht nehmen lassen, dem Jubilar in geeigneter Weise ihren Dank für alle Mühe und Treue abzustatten. Seit einigen Fahren ist er über die Grenzen seiner Pfarrel hinaus bekannt geworden durch seine Tätigkeit als Geschäfts­führer des Dekanatserziehungsver­eins. Es ist eine schwere, viel Opfer an Zeit und Kraft erfordernde Arbeit, die er damit leistet. Nahezu 200 Zöglinge betreut er hierbei jahraus, jahrein, für die er geeignete Dienst» unb Pflegestellen im weiten Umkreis des Deka­nates Grünberg schafft. Daß diel Aerger und Enttäuschungen damit verbunden sind, ift keine Frage, aber er darf auch die Genugtuung haben, manchem von seinen Zöglingen wieder zurecht- geholsen und auch mancher Famllie geeignete Hilfskräfte zugeführt zu haben. Möge es ihm vergönnt fein, diese wertvolle und sowohl kirch­lich wie sozial ungeheuer wichtige Arbeit noch weitere Jahve zu leisteni

gr. Grüningen, 3. Oft. Erst in den letzten Tagen begann bei uns die Kartoffelernte. Das Obstabmachen, insbesondere die überreiche Zwetschenernte, und die zum Teil noch recht grü­nen Kartoffelsträucher hielten die Leute bisher noch davon zurück. Das Ausmachen ist in diesem Fahr ein Vergnügen, da die gesunden Knollen (es gibt fast leine faulen) sich ohne besonderes Abreiben recht sauber aufl.'fen lassen. Fm all­gemeinen ist man mit dem Ertrag recht zufrieden; hatte man doch nur infolge der anhaltenden Trockenheit int Juli und August mit einer ge­ringen Ernte gerechnet. Nur ganz trockene Aecker liefern schlechten Ertrag, während feuchtes, schweres Land zum Teil eine recht gute Ernte bringt. Wir können also für unsere Gemarkung eine gute Durchschnittsernte verzeichnen. Bereits zwei Wochen werden hier Z w e t - scheu durch Händler auf gekauft. Die Preise

bewegten sich von 8 Mk. auf 8,50 Mk. 9, 10 bis 10,50 Mk., um in den letzten Tagen auf 10 Mk. zursickzugehen.

DLich, 3. Oft. Während in früheren Jahren all­jährlich um diese Zeit reger Handel mit Obst ge­trieben wurde, steht dieser Handel jetzt fast still. An der Bahn wird wegen der nur sehr geringen Obsternte überhaupt nichts berlaben. <Yür Zwetschen bezahlen einheimische Händler pro Zentner 9.50 Mk., für Birnen je nach Qualität 11 bis 15 Mk. Aepfel werden fast keine zum Verkauf angeboten.

Kreis Friedberg.

_ WSN. Friedberg, 3. Ott. Zum heutigen Schweinemarkt waren 776 Ferkel aufgetrieben. Es wurden bezahlt für bis sechs Wochen alte Tiere 10 bis 15, sechs bis acht Wochen alte 15 bis 20, acht bis zwölf Wochen alte 20 bis 30 Mark. Geschäfts- gang gut bei etwas Ueberftanb.

^Bad-Nauheim. 3. Oft. Heute vormit­tag fand bie feierliche Grundsteinlegung der neuen Synagoge statt, die nach den Plänen von Diplom-Fngenieur Kaufmann (Frankfurt a. M.) in der Karlstrahe erbaut wird. Eine große Gemeinde wohnte dem Festakt bet Nachdem der Vorsteher der Israelitischen Ge­meinde, Stadtverordneter Emil Rosenthal, den Text der dem Grundstein einderleibten Ur­kunde verlesen und die ersten Hammerschläge zur Ehre Gottes und zum Glück und Segen unserer Badestadt getan, hielt Provinzialrabbi­ner Dr. H i r s ch f e l d (Gießen) ehte längere, gedankenreiche Ansprache, in der er die Majestät oeä einen Weltengottes pries und mit freu­diger Genugtuung die Vertreter der anderen Konfessionen, der Stadt und des Staate« herzlich begrüßte. Seine Hammerschläge galten dem Dreiklang:Wahrheit, Recht und Frie­den." Wettere Hammerschläge führten ntit sinn­reichen Begleitworten aus: Bauunternehmer F. B. Hofmann ; Bürgermeister Dr. Ahl für die Stadt Bad-Nauheim, die das neue Gottes­haus gern in ihren Schuh nehme; Bad- unb Kurdirektor v. Boehmer Jur die Bad- unb Kurverwaltung und den hessischen Staat, Regie­rungsrat Dr. G r o o s h o l z für die Polizeibe­hörde, Pfarrer Schäfer für die evangelische Gemeinde, Beigeordneter Kissel für die ka­tholische Gemeinde, sowie ein Vertreter der israelitischen Kirchengemeinde der Nachbarstadt Friedberg. Die hiesige jüdische Kultusge- meinde ist etwa 160 Fahre alt. Die seitherige Synagoge, die den Ansprüchen des WeltbabeS schon lange nicht mehr genügte, wurde 1865 er­richtet und ist jetzt siir 20 000 Mk. verlauft worden. Seit 1908 trug man sich mit dem Ge­danken eines zeitgemäßen Neubaus. Der ge­gründete Fonds fiel aber der Fnflation zum Opfer. Durch die großherzige Tat eines aus­wärtigen Gönners, der 40 000 Mk. auf 5 Fahre ohne Zinsen dorgeschossen hat, und durch den Opfersinn her israelitischen Gemeinde konnte man jetzt endlich an die Ausführung des Gedan­kens denken. Die Gesamttosten des Neubaus, der nach den vorliegenden Plänen in edler Har­monie ausgeführt und neben den neuen Gottes­häusern der evangelischen und der katholischen Gemeinde eine ebenbürtige Zierde unserer Stadt werden soll, werden sich auf annähernd 150 000 Mark belaufen. Die Einweihung des neuen Got­teshauses kann voraussichtlich schon zu Beginn der nächsten Saison im Mai 1929 erfolgen.

WEN. Offenheim, 3. Ott. Die Frau des Landwirts Georg Stärket war auf dem Felde mit dem Ausmachen von Kartoffeln beschäftigt. Wäh­renddessen ging ein Nimrod auf die Suche nach Rebhühnern. Plötzlich' krachte ein Schuß, und die Frau schrie laut auf, denn dieganzeSchrot- ladung war ihr in die Kehrseite des Daseins gedrungen. Für den schlechten Hühnerjäger dürfte dieser Schuß noch sehr s^merzliche Folgen haben.

Kreis Büdirgrn.

* Nidda, 3. Oft. Innerhalb dieses Jahres siird hier drei Lehrer nach Erreichmig der gesetzlichen Dienstaltersgrenze in den Ruhe­stand versetzt worden. Sie haben alle drei hier über 40 Fahre gewirkt, einer sogar feine ganze 45jährige Dienstzeit hier verbracht. Für Lehrer i. R. Küfer wurde Studienassefsor C u 11 - mann seinerzeit an die hiesicxe Realschule i. E. verseht und gestern Lehrer Fritz Geiger von Ober-Florstadt eine der erledigten Lehrerstellen

wesen waren und die grauen Augengläser Broder­fens sich jäh auf sie richteten.

Nur wenige Gäste waren ihm bekannt: der junge Trikotfabrikant dort, der kleine Bankier, der poli­tische Führer und der Redakteur der Handels- zeitung. Und drüben der Funktechniker, der überall seine populären Vorlesungen hielt.

In einem unbequemen steifen gotischen Stuhl saß etwas abgesondert ein junger 'JÖlann. Sein stroh­blonder Haarwuschel ließ das ohnehin kleine Ge­sicht saft garu verschwinden. Eigentlich sah man nur Die Eulenbrille.

Grotteck winkte ihm zu. Aber Surrmann sah ihn nicht. Seine kurzsichtigen Augen hingen an Inge. Jetzt entstand sicher ein Sonett.

Wovon Surrmann lebte, wußte kein Mensch. Er trat bescheiden auf, aber selbst zu dieser Zurückhal- tuna konnten die Einnahmen aus seinen Lyrik- bänoen nicht ausreichen. Ob Brodersen fein Mäzen mar? Dann sollte er sich hüten, seine Begeisterung für Inge so unverhohlen zu zeigen. Der Gorilla kannte in diesem Punkt sicherlich keinen Spaß, und er konnte das kleine zarte Männchen mit einem Daumendruck zermalmen.

Es belustigte ihn, daß Inge die Blicke ihres be­scheidenen Bewunderers gar nicht beachtete. Sie teilte ihre Aufmerksamkeit zwischen ihrem Vater und dem Diener, den sie mit Winken zu den Gästen dirigierte. Der ernste Ausdruck ihres Gesichts war nur durch eine leicht aufgetragene Liebenswürdig­keit gemildert.

Eine schlanke Gestalt huschte zum Platz des Haus­herrn, empfing ein paar Worte in einer fremden Sprache und huschte wieder davon. Es war Si, die malaiische Dienerin mit den großen Hundeaugen in dem gelben ovalen Gesicht. Ihr blauer Sarong brachte eine hübsche Note in die sehr europäische Gesellschaft.

Ein hohes geschliffenes Glas wurde vor Grot­teck gestellt. Broderfens Weine waren berühmt, und sie wurden von feinen Gästen nicht geschont. Er fei- her trank Tee aus durchsichtiger chinesischer Schale,

Ob ich Djaoid-Bej kenne, den sie jetzt in Smyrna gehängt haben? Ich kann wohl sagen, daß ich ihm so nahe gekommen bin wie kein westlicher Europäer. Lieber Allah, wie gut verstand er zu essen! Er legte nie die abgeknabberten Knochen auf die Platte zurück, wie es die andern Würdenträger dort machen. Er verzichtete sogar darauf, mit Brot­schnitten zu essen, und benutzte Messer und Gabel wie ein deutscher Assessor. Und wenn er sich den

Mund ausspülte, gurgelte er nur ein ganz klein bißchen'

Brodersen leerte seine Tasse, und wieder huschte Si herbei, als hätte sie im Hintergründe die ganze Zeit auf diesen Augenblick gewartet, und goß ihm ein. Gleich darauf entglitt sie wieder wie ein Schatten.

Der Hausherr erzählte von Salaten aus Lauch-. Rettich- und ZichorienbläUern, Pfefferminz und Pfefferschoten.Nirgend in der Welt macht man ein solches Hühnerhaschee. Und nicht einmal in England versteht man, einen Truthahn so zu füllen. Allerdings muß man sich an den Rosinensirup ge­wöhnen aber es gibt schlimmere Dinge, meine Herren, an die man sich gewöhnen muß."

Alle lachten beflissen, und Grotteck bemerkte er­staunt, daß Inge vei den letzten Worten besorgt ihre Hand auf den Arm des Vaters legte, als wolle sie ihn vor einem Ausbruch warnen. Was in aller Welt war denn das Schlimme, woran sich der reiche Brodersen hatte gewöhnen müssen?

Gläser klirrten. Der kleine Wagen brachte aller­hand köstliche Leckerbissen. Der junge Trikotfabri­kant schmatzte vergnügt und erklärte, auf exotische Genüsse zu verzichten, solange er im Hause Bro° dersen geduldet würde. Ob man dort nicht mich Regenwürmer und Katzenaugen äße?

Während Brodersen von Gemüsen mit Knob-- lauchfoße schwärmte, von Hühnern, die mtt Hasel­nüssen, Zimt und Nelken gefüllt waren, von Pud­dings mit Rosenwasser und Tamarindentunke, schweiften Grottecks Blicke in dem großen Raum umher. Alles atmete Reichtum, der unter der Kon­trolle geschulten Geschmacks stand. Das Deckenlicht, von buckligen Meffingblakern aufgefangen, be­strahlte große Gemälde in breiten Rahmen, einen kleinen Dftabc von gelbbraunem Ton» unb einen französischen Impressionisten. Zwischen zwei massi­gen, breit gefchnörkelten Danziger Schränken ein alter Gobelin: eine Falkenjagd in duftiger Dämp­fung der Farbe. Kleine japanische Holzschnitte über mannshohen chinesischen Drachenvasen, neben grell­bunten Totems aus der Südsee und einigen ma­laiischen Krisen. Auffällig stach eine minderwertige Lithographie von den Kostbarkeiten ab, bie einen uniformierten Retter auf gespreiztem Pferd dar- stellte. Er konnte entziffern, baß es der letzte König von Hannover fein sollte. Also kein Famllienstück, das die Pietät hier hingehängt hatte, was hatte aber Brodersen an diesem blinden Exkönig so ge­fallen, daß er ihm hier einen Platz eingeräumt hatte? (Fortsetzung folgt)